Posted by: niklasbringtdieweltinordnung | Mai 8, 2008

Geld

Ich hab im letzten Artikel Lyndon LaRouche erwähnt und möchte nun noch etwas zur Geldpolitik schreiben, mit Gedanken, die ich zum Großteil auch aus Alan Watts’ “Does it matter?” entnommen habe.

Lyndon Larouche beschäftigt sich ja wie gesagt mit Wirschaftspolitik und kämpft dafür, dass das jetzige monetäre System, welches (vor allem in den USA) fast nur noch auf Spekulation basiert, durch eines ersetzt wird, welches stabil ist und wirklich dem Reichtum entspricht der da ist. Geld ist nämlich eigentlich in der gleichen Kategorie wie Zentimeter oder km/h. Es ist eine Maßeinheit für Reichtum. Und wenn man sagt “Wir sind arm, kein Geld mehr da!” ist das ungefähr so, wie wenn ich zur Baustelle komme und der Chef mir sagt “Sorry, keine Arbeit heute. Wir haben keine Zentimeter mehr.” “Hä?!? Wir haben doch alle Rohstoffe, da, Zement, Metal, Holz, die Maschinen, sogar Maßbänder!” “Tja, verstehst halt nicht, wie das Geschäft läuft. Uns sind die Zentimeter ausgegangen.” So absurd das klingt, aber genauso läuft es mit Geld auch.
Ein anderes amüsantes Beispiel ist, dass du, wenn du eine Erzmine findest und das Erz schürfst auch keine “tausend Tonnen” beantragen musst, um dem Erz ein Gewicht zu geben. Und so ist es auch mit Reichtum. Der kommt vollkommen ohne Geld aus.
Eine Gesellschaft, der das klar ist, würde nie darauf kommen, eine Wirtschaft auf Spekulation laufen zu lassen. Was für ein Blödsinn ist das auch! Man spekuliert, dass man auf einmal mehr Zentimeter hat als vorher und kann dann Zentimeter verlieren. Und nicht Zentimeter von irgendwas, sondern wirklich nur die abstrakte Maßeinheit.

Natürlich steckt dahinter die Verabredung, dass jeder nur so viel Zentimeter bauen kann, wie er zugeteilt bekommt, damit jeder was zu tun bekommt. Das ist also eine soziale Institution, ein “agreement”. Aber das ist nur sinnvoll, so lange man als Gesellschaft nicht so viel hat, wie man eigentlich braucht. Hat man mehr, wird das System unnötig und man kann bauen nach Lust und Laune. Die Arbeitslosigkeit ist ein künstliches Problem, welches auch aus der Verwechslung von Reichtum und Geld hervorgeht. Ist doch toll, wenn wir nicht mehr so viel arbeiten müssen und Maschinen haben, die den Job übernehmen. Mehr Freizeit! Das heißt Zeit für Spiel, für Kreativität, für Entdeckungen und Entwicklungen, für all die Dinge, die wir nicht machen, weil wir damit nicht genug Geld verdienen, die uns aber wirklich am Herzen liegen.

Für genauso blödsinnig halte ich die Bezeichnung “Staatsschulden” für das Geld, was der Staat generiert um seine Ausgaben zu decken. Der Staat kann das, denn von ihm geht überhaupt aus, dass es Geld gibt, er definiert die Norm. Und er wird davon so viel schaffen, wie gebraucht wird. Inflation ist auch nur ein Problem, so lange wir denken, dass unser Reichtum schwindet, wenn das Geld weniger wert wird. Das ist aber nicht so. Es ist absolut egal für die Rohstoffe, die Expertise, die Geräte und Nahrungsmittel, wie viel Geld da ist oder nicht. Sie bleiben genauso nutzbar wie vorher.

Eine Alternative könnte sein, dass alles Geld abgeschafft wird und jeder eine Kreditkarte mit Grundeinkommen bekommt. Wer möchte kann darüber hinaus mehr verdienen in der speziellen Art und Weise, die er wählt. Es ist aber nicht notwendig. Jeder bekommt genug zu essen, Kleidung, Behausung, Computer, Dinge die notwendig sind um seiner Vision, seiner Berufung zu folgen. Soweit ich weiß, gibt es einige Ideen zu alternativen Geldsystemen. Kennt ihr noch welche?

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Posted by: niklasbringtdieweltinordnung | Mai 6, 2008

Lyndon LaRouche und Stufen der Entwicklung

Da das ein langer Beitrag ist, mache ich eine Zusammenfassung dessen, was hier steht:

- Lyndon LaRouche und seine Absicht wie ich sie verstehe

- Das Menschenbild hinter dem Großteil heutiger Politik

- Stufen der Enwicklung

- Entwicklungsfördernde und -hemmende Faktoren

- Was zu tun wäre

Ich war heute mal wieder bei einem Treffen der Lyndon LaRouche Youth Movement, einer politischen Bewegung, die sich darum bemüht, eine menschenfreundlichere und förderlichere Politik zu verbreiten. Ich treffe einige Leute da, die ziemlich viel wissen und eine Menge lesen, mein Schlag also. Ich bin über Lindas Neffen Matthew daran gekommen, mit dem ich ziemlich schnell einen Rapport hatte, so dass es Spaß macht, das weiterzuverfolgen. Mit den Leuten gibt’s dann Diskussionen zu Prinzipien, denen zufolge einige Leute Politik machen und was für (teils dramatische) Konsequenzen das hat.

LaRouche selbst beschäftigt sich vor allem mit Wirtschaftspolitik und hatte, als er jung war, mit Lehrern zu tun, die ein ziemlich rigides Verständnis von dem Stoff hatten, den sie vermittelten. Er berichtet in einem Artikel, den wir heute gelesen haben, wie er selbst sein eigenes Verständnis von Geometrie entwickelte, anhand des Beispiels von Schiffen im Hafen, wo ihn das Verhältnis zwischen Stärke und Masse des Materials, aus dem sie gebaut sind, faszinierte. Als er später in der Schule herausgefordert wurde, eine Definition von Geometrie zu geben, nannte er sein Beispiel - welches strikt zurückgewiesen wurde (”Nein, das stimmt nicht - die richtige Definition ist…”). Von da an zweifelte er an dem, was konventionell an ihn heran getragen wurde und suchte selbst nach den Leuten, die seiner Ansicht nach wirklich etwas verstanden hatten, wirklich an die Kernannahmen einer Position herankamen. Er studierte sie und entwickelte so eine eigene Theorie zur Ökonomie, mit der er offenbar Vorhersagen machen konnte, zu denen sonst niemand gekommen war. Unter den Philosophen und Wissenschaftlern die er studierte finden sich Plato, Johannes Kepler, Gottfried Leibniz, Friedrich Schiller, William Shakespeare, Carl Gauss. Er produziert jede Woche eine Ausgabe seines Magazins EIR (Executive Intelligence Review) und scheint im Akkord Artikel zu schreiben. Er ist 86 Jahre alt und nutzt seine Zeit so gut er kann.

Mir scheint LaRouche hat bist heute Ärger und Frust in sich, was diese Situation in der Schule angeht (wird wahrscheinlich nicht die einzige gewesen sein). Alles was er schreibt und sagt hat etwas von “Ihr Idioten, ich beweis euch, dass ich es besser weiß!” Das hat mich anfangs auch eher abgeschreckt. Aber was er zu meinen scheint, finde ich eigentlich schön: Es geht ihm darum, dass man selbst anfängt zu denken, seiner Kreativität und seinem eigenen Verständnis, seiner Neugierde traut und sich nicht von den Konventionen eines “So ist es eben!” blenden lässt. Und er möchte, wie ich ihn verstehe, zu einer Gesellschaft beitragen, in der das die übliche Art und Weise ist, mit sich, mit anderen und der Welt in Verbindung zu sein.
Dem gegenüber stellt er das philosophische Konzept des Imperialismus und deren Ausprägung, die oligarchischen Strukturen, die sich bis heute in der Politik vieler Ländern finden lassen - vor allem derer, die zuvor Kolonialherren waren, wie die Briten, Franzosen und Spanier. Gerade Groß-Britannien hat LaRouche auf dem Kieker. Und auch wenn ich wirklich Mühe hab mit den Feindbildern, die er immer wieder verwendet (ganz einfach weil ich meine, dass Feindbilder genau das Problem verschlimmern, um das er sich Sorgen macht), bin ich bereit mir anzuhören, was er da sagen will.

LaRouche identifiziert eine politische Philosophie, die sehr alt ist, aber immer wieder die gleichen Prämissen hat: es gibt eine Elite, die weiß was das beste für “alle” ist und die demnach an der Macht bleiben muss. Das Bild, welches diese Elite vom Menschen hat, ist absolut bestimmt von Misstrauen und Angst. Der Mensch wird dargestellt als böse, selbstsüchtig und an nichts anderem interessiert als seinem kurzfristigen Profit, egal ob und wie viel andere dafür zahlen. Klingt sicher nicht neu. Thomas Hobbes hat es so gesehen, Niccolo Machiavelli und unzählige andere, die mir nicht einfallen wollen, weil ich diese Philosophie so scheußlich finde. Ich meine, sie hat ja ihren Ursprung. Es gibt Situationen und Umstände, unter denen Menschen sich so verhalten, dass man zu diesen Interpretationen kommen kann. Bloß das Dumme ist, dass man unter der Annahme, dass dies dem Menschen eine innere Eigenschaft ist, genau die Umstände erhält, unter denen man sich so verhalten wird: Knappheit an Ressourcen, an emotionaler Zuwendung, an empathischem und liebevollem Kontakt. Ohne das ist es kaum möglich über diese egozentrische Perspektive hinauszuwachsen. Und so erhält diese Elite genau den Typus Mensch, der ihre Existenzberechtigung darstellt. Eine Entwicklung darüber hinaus wird qua sozialer Struktur und Kultur sehr erschwert (was nicht heißt, dass es unmöglich ist, aber es wird eben nicht unterstützt, da das “center of gravity” der Gesamtkultur einen “nach unten zieht”).

Wenn Ken Wilber das Konzept der Entwicklung erklärt, nimmt er sehr oft die moralische Entwicklung auf der Skala egozentrisch - ethnozentrisch - weltzentrisch als Beispiel. Ich habe schon öfter gesagt (und gerade die, die mich kennen, werden das nicht zum ersten Mal hören), dass ich in allem was ich tue, von der Prämisse ausgehen möchte, dass alle Menschen die gleichen Bedürfnisse haben. Das heißt, Leid ist universell. Jeder von uns leidet, wenn seine Bedürfnisse nicht erfüllt sind. Jeder von uns fühlt sich erleichtert, erfüllt, lebensfroh, wenn seine Bedürfnisse erfüllt sind. Allein das Bewusstsein davon, dass du genauso leidest wie ich, schafft Mitgefühl und Fürsorge, eine Öffnung, durch die wir uns spüren und verbinden können.

Dass ich sage, dass alle die gleichen Bedürfnisse haben, bedeutet aber nicht, dass sich jeder dessen gleich bewusst ist! Für dieses Bewusstsein bedarf es einer kognitiven Entwicklung, das heißt, man muss lernen, andere Perspektiven einzunehmen, als die eigene. Erst wenn ich deine Perspektive einnehmen kann, wenn ich mir gedanklich (was “kognitiv” bedeutet) vorstellen kann, wie die Welt von deiner Seite aus aussieht, kann ich auch dein Leid nachempfinden. Kognitive Entwicklung ist also notwendig, aber nicht ausreichend für moralische Entwicklung. Denn es gibt sicher Leute, die für Taktik und ihren eigenen Vorteil ihre Fähigkeit nutzen können, sich in andere hineinzuversetzen und ihre Schachzüge vorherzusehen. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass ihnen bewusst ist, dass diese anderen ebenso leiden, wie sie selbst, und sich nach der Erfüllung der gleichen Bedürfnisse sehnen, wie sie selbst.

Der Begriff egozentrisch ist wohl fast so geläufig, dass ich ihn vermutlich nicht erläutern muss. Ich mach es trotzdem mal: Nur die eigenen Bedürfnisse und die eigene Perspektive, die eigenen Bewertungen aus dieser Perspektive entsprechen der Wirklichkeit. Jemand auf dieser Stufe wird sagen “Ich habe Recht, weil es nun mal so ist. Du bist einfach ein Idiot!” Auf der Stufe ist es unmöglich, die eigene Perspektive zu relativieren, da es keinen Bezugspunkt außerhalb der eigenen Interpretation gibt. Und so fällt es z.B. auch schwer die Interpretation und die Beobachtung, auf der sie basiert ist, auseinander zu halten. Man hält seine Gedanken und Vorurteile für wahr.

Ethnozentrisch nimmt den Bezugspunkt der Gruppe hinzu, in der man lebt. Jetzt ist nicht mehr nur wichtig, was ich denke, erlebe, fühle und brauche, sondern, was die Gruppe denkt, erlebt, fühlt und braucht. Wie das Individuum das aufnimmt ist natürlich auch sehr abhängig davon, wie das alles kommuniziert wird. Welche Annahmen, Ideen und Vorstellungen schon in der Sprache impliziert sind - ich denke da an Konzepte wie Verantwortung, Pflicht, Arten wie man andere beeinflusst. An der Stelle wird auch die soziale Struktur wichtig, das heißt, wie Familien definiert sind, wie Schulen funktionieren, welche Institutionen den Menschen dabei helfen, ihr Leben zu organisieren und zusammen zu kommen - und ob sie das überhaupt tun. Eine Gruppe ist immer auch dadurch definiert, dass sie sich von anderen Gruppen unterscheidet. Das heißt an der Stelle können Feindbildern Verbindung schaffen, da man so dein Eindruck hat, in der gleichen Wirklichkeit zu leben, nicht alleine zu sein. Es sind also Bewertungen, die man teilt, was Zugehörigkeit schafft. Ein krasses Beispiel dafür, welche Konsequenzen das haben kann, ist der KZ-Wärter, der tagsüber die Gefangenen schlägt und in die Gaskammern schickt und abends seiner Tochter liebevoll ein Schlaflied singt. Der Nationalsozialismus ist beispielhaft dafür, welchen Preis die ethnozentrische Haltung haben kann. Laut Ken Wilber befinden sich heute etwa 70% der Weltbevölkerung auf ethnozentrisch oder niedriger… das heißt, würde man den Leuten entsprechende Fragen stellen, gäben sie Antworten, die nur die Bedürfnisse und Interpretation von sich selbst und der eigenen Gruppe miteinbeziehen würde.

Irgendwann “passt” das gruppenzentrierte Bewusstsein aber nicht mehr, gerade wenn man die Menschen aus anderen Gruppen besser kennenlernt und feststellt, dass auch sie nicht so anders sind, wie man vorher geglaubt hatte und dass sich hinter den Feindbildern Menschen verbergen, die genauso verletzlich sind, wie man selbst. Die weltzentrische Perspektive schließt von daher alle Menschen mit ein und geht von einer Basis der menschlichen Erfahrung aus, die sich überall wiederfindet. Die universellen Menschenrechte sind z.B. eine Konsequenz aus dieser Entwicklung, was im Übrigen “erklärt”, warum es so schwer ist, sie überall durchzusetzen. Wenn 70% der Weltbevölkerung gar nicht glaubt, dass es universell menschliche Qualitäten gibt, dass alle Menschen genauso leiden, wie man selbst, warum sollte man sich dann darauf einigen?

Entwicklung ist Veränderung mit einer Richtung, die unumkehrbar ist. Niemand, der zu einem Zeitpunkt ein Statement gegeben hat, das ethnozentrisch einzuordnen ist, wird nach einer Veränderung eine Antwort geben, die man egozentrisch interpretieren kann, sondern nur eine, die von weltzentrischem Bewusstsein zeugt. Was man in dieser Hinsicht einmal gelernt hat, verliert man nicht mehr, es sei denn unter sehr bedrohlichen Umständen.

Meine These ist, dass das Menschenbild, welches Teil des Imperialismus ist, den LaRouche ersetzen möchte, ein auf einer Entwicklungsstufe eingefrorenes ist. Entweder ego- oder ethnozentrisch. Und wir haben genug Leute in der Politik und anderen einflussreichen Positionen, die genau so ein Weltbild haben, so dass die von ihnen beeinflusste Gesellschaft immer wieder dafür sorgt, dass die Entwicklung dort stehen bleibt. Die Schulen funktionieren nach dem ethnozentrischen Prinzip (vielleicht nicht die Inhalte, aber die Regeln und wie sie beschlossen werden), die meisten Betriebe werden nach dem gleichen Prinzipien geleitet und ganz sicher Verhandlungen, Gespräche und Gesetze auf nationaler und internationaler Ebene. Ich sage nicht, dass das grundsätzlich schlecht ist, lediglich sehr begrenzt. Die Entwicklung durch diese Stufen ist auch immer eine, die über die voherige Stufe hinaus geht, aber sie mit einbeschließt. Das heißt, wenn ich von ego- zu ethnozentrisch gehe, negiere ich nicht meine eigene Perspektive und Bedürfnisse (das wäre Verdrängung und nicht so gesund), sondern ich integriere sie in einen größeren Kontext. Dasselbe bei weltzentrisch: ich intergriere mich selbst und mein direktes Umfeld in einen noch größeren Kontext. Das heißt, die ego- und ethnozentrischen Perspektiven haben ihre Berechtigung, sie sind bloß nicht alles und vieles fällt unter den Tisch, wenn man von da aus Politik macht.

Jetzt ist natürlich die spannendste Frage: Wie kommt es zu diesen Weiterentwicklungen? Was ist nötig, damit das passiert? Welche Bedingungen begünstigen diese Entwicklung, diese Veränderungen, welche hemmen sie?

Ich perönlich glaube, dass Weiterentwicklung immer dann möglich ist, wenn ich mich sicher fühle, wenn ich meine Energie nicht für Verteidigung brauche, sondern für Kreativität und Erforschung, für eine Öffnung meiner Perspektive, für die Integration neuer Information und neuer Erfahrungen einsetzen kann. Habe ich diese Sicherheit nicht, werde ich an Erfahrungen und Informationen nur aufnehmen können, was meine wackelige Position festigt und stützt. Oder wart ihr jemals in der Lage euch voll auf eine neue Idee oder Erfahrung einzulassen, wenn ihr Angst hattet und euch nur schützen wolltet? Ich kann mich bei mir jedenfalls nicht daran erinnern.

Wie entsteht diese Sicherheit? Ich glaube das universelle Prinzip dafür ist empathische Verbindung. Mit Empathie meine ich hier nicht einfach nur das “sich in den anderen hineinversetzen” - Empathie ist eine Fertigkeit, etwas, was man lernen kann. Es ist ein Training der Aufmerksamkeit. Begegne ich jemandem mit Empathie, ruht meine Aufmerksamkeit komplett auf dem, was er erlebt, wie das Leben als eine Energie, eine dynamische Kraft in ihm zum Ausdruck kommt. Ich sehe die Schönheit darin, dass er sich fühlt wie er sich fühlt, dass er sich nach etwas sehnt, etwas braucht, ihm etwas lieb und teuer ist. Empathie bedeutet volle Aufmerksamkeit darauf!

Wenn ich Empathie bekomme, sei es von jemand anderem oder von mir selbst, dann bedeutet das, dass ich in meiner Schönheit, so wie ich bin, gesehen und angenommen werde. Dass meine Wünsche, meine Bedürfnisse, Werte und Sehnsüchte in ihrer Tiefe und Lebendigkeit verstanden werden. Und wenn ich das fühle, wenn ich an diesem Ort sein kann, wo ich mit dem wichtigsten in meinem Leben, meinem Ideal, meiner Liebe in Verbindung sein kann, dann bin ich zu Hause im Universum. Dann bin ich sicher, dann kann ich das was in mir ist, zum Ausdruck bringen, erforschen, ausprobieren, Verbindung zu anderen suchen, Liebe empfangen und geben etc. All diese Dinge sind kritisch für die Erweiterung der Perspektive. Man betritt Neuland, aber mit einer Verwurzelung in dem, was einem das bedeutet. Ohne diese Wurzel traut man sich einfach nicht…

Es gibt noch einen anderen Aspekt. Denn natürlich sind auch Grenzen, Knappheit, Not oft Motor für Kreativität. Wenn nichts anderes mehr geht und man sich nur entscheiden kann zwischen der Bewegung und dem sicheren Disaster, wählt man mit höherer Wahrscheinlichkeit die Bewegung. Das nehmen die, die das erlebt haben, oft als Hinweis darauf, dass man das Disaster BRAUCHT, damit Entwicklung stattfindet. Ich glaube das nicht, auch wenn ich sicher zugebe, dass manche Entwicklungen länger gebraucht hätten oder vielleicht nicht stattgefunden hätten, wäre das nicht da gewesen. Schließlich beweisen Krisen einem, dass das gewohnte Framework nicht mehr funktioniert, dass es wirklich Grenzen hat und sich deswegen jenseits davon noch etwas befinden muss, was man erkunden muss, wenn man weiter will. Ohne Empathie allerdings, oder besser, ohne eine Bewusstsein dafür, was einem so wertvoll ist, dass man dafür Energie investieren will, gibt es keine Richtung, in die man gehen könnte. Ich hab vor kurzem noch gelesen, dass in dem Fall von Josef Filtz in Österreich, welcher seine Tochter Elisabeth 24 Jahre lang einsperrte und sechs Kinder mit ihr zeugte, die Tochter keinen Widerstand leistete, bis ihre eigene Tochter krank und in Lebensgefahr war. Die Tochter kam ins Krankenhaus und die Sache folg auf. Während Elisabeth absolut keine Verbindung zu ihren eigenen Bedürfnissen hatte, diese also nicht wahrnahm oder als wertvoll empfand, hat die Not der Tochter ihr gezeigt, dass es wertvoll ist, Leben zu schützen, was ihr die nötige Energie gab, sich dafür einzusetzen. Man könnte vielleicht sagen, dass Not und Krise die Unterstützung bieten, die nötig ist, um sich seiner Bedürfnisse und Werte bewusst zu werden. Allerdings ist das nicht der einzige Weg.

Wie auch immer, dieses Bewusstsein für die Wichtigkeit von Empathie ist leider nicht sehr weit verbreitet, so weit ich das sehe. Was wir oft einander geben ist eher, was ich Sympathie nennen würde. Das heißt, ich sag dir, wie ich die Sache sehe, was meine Perspektive ist und du stimmst mir zu, bemitleidest mich, beruhigst mich, vergleichst meine Perspektive mit der anderer, erzählst deine eigene Geschichte dazu, versuchst mich zu überzeugen, dass es doch anders ist und gar nicht so schlimm, wie ich denke etc. Das alles hat nichts, aber auch gar nichts mit der heilenden Aufmerksamkeit zu tun, die ich Empathie nenne. Sympathie bleibt an der Obefläche, während Empathie fragt: Was ist dir wertvoll daran? Was bewegt dich? Und nur darum geht es hier.

Ich habe letzte Woche mit Mathilde, der Nachbarin, deren Auto ich aus dem Schnee befreit habe und die mir dann die Haare geschnitten hatte, eine intensive Unterhaltung gehabt. Sie sagte mir irgendwann, dass sie sich zuweilen gar nicht mit Leuten treffen mag. Sie mag ihre Freunde zwar, aber zuweilen findet sie Kontakt mit ihnen einfach nur anstrengend und will ihn nicht. Es hat ein wenig gebraucht, bis mir aufging, dass sie Empathie brauchte. Mal jemanden, der sie einfach nur so annimmt, wie sie ist, der ihr keine Lösungen vorschlägt (die lenken nämlich ab), oder sie korrigieren will. Ihre Augen leuchteten und sie sagte “Oui, oui, c’est ça!” Daran, wie sie mich den Rest des Abends ansah und mir sagte, wie sehr sie mich mag und schätzt, was ich gesagt hab, war ersichtlich, wie sehr sie sich danach sehnte, so gesehen zu werden. Und sie ist nicht allein damit, mir geht es ja nicht anders.

(Übrigens heißt das nicht, dass ich Sympathie nicht auch schätzen würde. Für mich bedeutet Sympathie Zugehörigkeit und die Gelegenheit meine Wahrnehmung abzustimmen. Ich will bloß darauf hinweisen, dass es nicht alles ist und in Beziehungen oft etwas wichtiges fehlt, nämlich Empathie.)

Angesichts dessen, was ich zuvor gesagt habe, ist allerdings auch nicht verwunderlich, dass Empathie so eine Mangelware ist, da sie mindestens ein weltzentrische Perspektive erfordert. Erst ab da kann ich meine volle Aufmerksamkeit auf das authentische Erleben des anderen lenken, ohne darin durch die Begrenztheit meiner eigenen Perspektive eingeschränkt zu sein. Das bedeutet nicht, dass man soweit entwickelt sein muss, um etwas über Empathie zu lernen. Es bedeutet lediglich, dass es erst ab da “leicht” wird und integraler Bestandteil dessen ist, was man an Austausch und Kontakt mit anderen gewöhnt ist. Temporär komme ich leicht in einen Zustand (nicht die Stufe), aus dem heraus ich empathisch sein kann, wenn ich gerade selbst Empathie empfangen hab. Das aber als ein Potenzial zu entwickeln, was mehr oder weniger stabil da ist, das braucht Zeit und Entwicklung.

Also gut, das heißt wenn wir eine Gesellschaft haben möchten, die weit über das übliche Menschenbild hinauswächst, brauchen wir mehr Quellen für diese Art von empathischen Austausch. Das würde jedenfalls enorm die Chancen erhöhen, dass sehr viele davon so profitieren können, dass sie die oben genannte Entwicklung in kürzerer Zeit durchlaufen können. Um das zu verwirklichen brauchen wir Menschen mit weltzentrischer Sicht auf politischer Ebene und in Führungspositionen. Das ist kein weiterer Elitismus (hoffe ich jedenfalls - das wäre in jedem Fall eine Gefahrenquelle), sondern ich meine damit, dass auf die Weise Gesetze und Regeln so gesetzt werden, dass sie die Weiterentwicklung fördern und den Menschen den Zugang zu den Ressourcen eröffnen, die sie für die Entwicklung brauchen. Stellt euch vor, was alles mögliche wäre… innere Freiheit, Kreaitivität, emotionale Sicherheit, Unterstützung, Zugehörigkeit…

Um nochmal auf LaRouche zurückzukommen: Ich glaube, dass er letztendlich genau dasselbe möchte. Wenn ihr allerdings auf einer seiner Seiten geht, wie z.B. www.larouchepac.com oder www.bueso.de dann rechnet nicht damit, dass ihr das da so klar findet. Ich gebe hier meine eigene Sichtweise wieder und bin voll verantwortlich dafür. Ich bin, wie schon gesagt, mit LaRouches Sprache überhaupt nicht einverstanden und halte es für extrem missverständlich, wie er sich ausdrückt. Vokabeln wie “evil”, “British Empire”, “satanic”, “fools”, “the enemy” etc. kommen en masse in seinen Schriften vor und es nicht leicht durch diesen Dschungel zu seiner eigentlichen Aussage zu kommen. Ich habe das gegenüber den Leuten hier in Montréal auch schon öfter angemerkt und die Antwort, die ich bekomme ist, dass er sich so polemisch ausdrücke, um den schlafenden Zombie-Geist aufzuwecken und Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich habe so meine Zweifel, ob das wirklich der beste Weg dafür ist, aber Aufmerksamkeit bekommt es vermutlich. Bloß um die Klarheit mache ich mir Sorgen…

So weit so gut. Ich belasse es mal dabei. Ich hoffe ihr habt weiterhin Freude an meinen Betrachtungen und schreibt mir Kommentare dazu.

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Posted by: niklasbringtdieweltinordnung | April 26, 2008

Uni fertig

So, mal ein ganz profaner Titel. Ich nehme mir nicht viel Zeit, schreibe nur kurz, was gerade geht.

Die Uni ist am Mittwoch zuende gegangen, letzte Klausur. Ich brauchte eine halbe Stunde mehr um das Gebäude zu finden, als ich einkalkuliert hatte. Lief aber doch gut, soweit ich das denn beurteilen kann. Die anderen Klausuren sind ebenso okay. Ich mochte meine Antworten. Leider kommt es für’s Ergebnis ja nicht so darauf an, aber die Selbstliebe stimmt ;-)

Jetzt hab ich also nichts zu tun außer ich selbst zu sein. Wie der Mai zu füllen ist, weiß ich nicht so genau. Ich könnte was mit den Leuten von der LaRouche Youth Movement machen, die ich ganz interessant finde, auch wenn ich da nicht Mitglied sein will. Ich werde mir Zeit nehmen, mehr von denen zu schreiben, wird sicher interessant. Ich würde gern noch mehr von Kanada sehen, das wäre also ganz nett als Aktivität. Am 8. Juni werde ich ein Intensiv-Training in Gewaltfreier Kommunikation in Alburquerque, New Mexico besuchen, das 9 Tage dauert. Das wird meine Giraffen-Batterien ordentlich aufladen, denke ich mal. Ich habe so viel dazu gelernt in der Hinsicht, finde mich entspannter, lockerer, fröhlicher, aber auch tiefer, manchmal trauriger und lebendiger. So soll es sein.

Nach Alburquerque will ich nach Kalifornien. Ich werde wohl CouchSurfing in Anspruch nehmen und freu mich auf unbekannte Leute. Am 29. Juni fliege ich, wenn’s geht, nach New York und treffe meine Mutter und meinen Bruder Simon in Williamstown, Massachussets zwei Tage später. Mit den beiden fahre ich nochmal nach Montreal und ein bisschen in der Gegend herum, jedenfalls glaub ich das im Moment. Müssen wir nochmal genauer klären.

Ich freu mich darauf. Bald hört ihr mehr. Jetzt gibt es Geburtstagsessen für Mario in einem feinen Restaurant. Ich habe Hunger, das ist gut so. Lasst es euch gut gehen.

Posted by: niklasbringtdieweltinordnung | April 7, 2008

Es taut

Die Sonne kommt mehr und mehr, die Leute gehen en masse auf die Straße und es wirkt so wie nach dem Winterschlaf. Am Freitag hatte es nochmal geschneit, aber ich vermute, dass es das letzte Mal ist. Und der Frühlung wird vermutlich schnell zum Sommer werden. Ich freu mich darauf.

Ich habe ein anstrengendes aber auch bewegendes Wochenende hinter mir. Ich bin bei einem Workshop für Emotionale Intelligenz gewesen, empfohlen durch meine Mitbewohner Mario und Linda. Ich habe es nicht nur genossen und war manchmal auch ganz gestresst, aber andererseits hab ich doch einiges gelernt.

Die Absicht hinter dem Seminar ist, den Teilnehmern zu zeigen, wie sie über ihre Ängste und Gewohnheiten hinweg die Dinge leben können, die sie wirklich leben wollen. Oft weiß man ja, was man wirklich leben will, wenn man nur nicht die Angst hätte, dass man es nie bekommen könnte. Dieses “Das geht sowieso nicht.” hat seine Geschichte. Und die hat höchstwahrscheinlich damit zu tun, dass eines Tages, als man klein war, irgendwer nicht so reagiert hat, wie man es gebraucht hätte, um zu spüren, dass hinter allem was man tut Liebe ist. Diese Erlebnisse werden also interpretiert. Und weil die Interpretation so beängstigend ist, wird sie verdrängt, verschmilzt mit dem gewohnten Weltbild und dann heißt es “Das geht sowieso nicht” ohne dass man es je wirklich nochmal testen würde.

Jetzt kann man das intellektuell alles toll durchschauen (womit ich keine Schwierigkeiten habe), ohne dass es irgendwelche Konsequenzen im Leben hätte. Man bleibt ängstlich. Man will es immer noch nicht testen. Denn was wenn man es testet und das Trauma wiederholt sich? Was wenn mir nichts anderes bleibt, als zu glauben, dass ich einfach nicht in diese Welt gehöre? Dass mich niemand lieben kann, dass ich niemanden lieben kann? Dass ich abgetrennt bin, allein, auf mich gestellt, gegen alle anderen und alles andere?

Es braucht eine andere Art von Erfahrung, um das zu lösen. Eine die so stark und intensiv ist wie die ursprüngliche Trauma-Erfahrung, bloß in die andere Richtung. Und ich hab so eine Erfahrung gehabt. Der Prozess ist folgender: Jemand hält zwei Punkte an meiner Stirn, wodurch ich weniger Stress habe und mich entspannen kann. Außerdem fühlt es sich warm an, man wird gehalten. Ich schließe die Augen. Ich werde gefragt, was mich momentan am meisten bedrückt. Wie fühle ich mich damit? Ich geh wirklich in mein Herz, da wo der Schmerz ist. Ich sage was da ist. Ist da noch etwas? Ich sage alles, was ich fühle. Dann werde ich gefragt, was die Situation ist, die am längsten her ist, in der ich dasselbe gefühlt habe. Der Schmerz wird intensiver. Ich versuche ein klares Bild zu bekommen, ein klare Situation. Ich werde gefragt, wie ich mich als kleines Kind fühle. Ich sage es, Tränen steigen in die Augen, Verzweiflung, Angst, Verletzung, Wut, Ohnmacht, Einsamkeit. All das ist da. Immer wieder werde ich gefragt, ob da noch etwas ist, so dass wirklich alles raus kann und ich nicht vorher aus der Verbindung damit gehe. Nachdem ich alles ausgedrückt habe, werde ich gefragt mich in die Person zu versetzen, die das ausgelöst hat. Wie sie das empfängt. Ich fühle nichts als Bedauern und Liebe für dieses kleine Kind. Und ich bin da, einfach präsent. Als ich dann wieder zu mir zurückkomme kann ich vergeben und vertrauen.

Danach hat mein Körper total vibriert, mein Kopf war leicht, ich dachte nur “Krass!” Und die Erfahrung der Liebe und Vergebung ist wirklich stärker als die Angst. Sie ist viel plausibler und ich fasse Vertrauen. Das ist toll!

Ansonsten gibt’s ein paar Punkte, die mir nicht so sehr gefallen. Madeleine, die Trainerin, redet viel vom Ego und dem wahren Selbst, dem spirituellen Wesen. Ich mag das Konzept Ego nicht. Es ist verwirrend und schafft Feindbilder. Woher weiß ich, was mein Ego ist und was das spirituelle Wesen? “Das Ego verteidigt sich, weil es denkt, es muss sich verteidigen.” Aha. Sehr erhellend. Ich meine, so wie ich es verstehe ist das Ego nichts anderes als bestimmte Gedanken, die suggerieren, dass was immer gerade los ist und erfahren wird, nicht in Ordnung ist. Das irgendwas nicht stimmt, entweder mit mir oder mit der Welt. Dass etwas fehlt. Aber das ganze “Ego” zu nennen verstärkt doch die Identifikation damit geradezu! Und jemand, der diese Gedanken glaubt, der wird so Sätze wie “Das Ego beherrscht dich!” ganz sicher nicht auf eine konstruktive Weise interpretieren können, da er dann denkt, dass etwas in ihm ist, was er nicht lieben kann. So ging es mir jedenfalls immer wieder. Um den Begriff zu benutzen, man kann das Ego nicht mit dem Ego verändern. Das ist wie Feuer mit Feuer löschen zu wollen. Also halte ich nichts davon, überhaupt in den Begriffen zu denken.

In der Gewaltfreien Kommunikation gibt zwar auch den Wolf und die Giraffe, aber es wird immer wieder gesagt, dass der Wolf eine Giraffe mit Sprachproblemen ist. Man muss ihn nicht dafür hassen, im Gegenteil, es ist wichtig, ihn zu verstehen. Selbst wenn hinter seinen Aktionen am Ende nichts anderes steht, als ein Missverständnis aus der Kindheit. Aber das geht nicht dadurch weg, dass man es intellektuell aufklärt. Dafür ist einfach zu viel Angst damit verbunden.

Was mir gefällt ist, dass Madeleine betont hat, dass man sich entweder in der Opfer-Haltung oder der Haltung der Verantwortung befinden kann. Und letztendlich dient einem nur letztere. Es hilft nie, jemand anderen für sein Leid verantwortlich zu machen. Gerade wenn man das wirklich glaubt, zieht es einen besonders runter und beraubt einen aller Möglichkeiten, das Leben so zu gestalten, wie man es möchte. Hinzu kommt, dass man andere Leute ebenfalls für Opfer hält und sich für deren Leid verantwortlich macht. Das sperrt noch mehr ein. Wie kommt man da heraus? Untersuchen, welches Urteil man da im Sinn hat und was einem das über die eigenen Glaubenssätze und Bedürfnisse sagt. Letztendlich ist wahrscheinlich, dass der gleiche Mist einem immer wieder passiert, einfach weil man sich keine andere Interpretation für das spezielle Verhalten vorstellen kann - und die Liebe dahinter übersieht.

Aus dem Grund mag ich auch das Buch “Liebe dich selbst und es ist egal wen du heiratest.” Ich glaube, wenn die Beziehung nicht läuft, dann weil beide Partner sich nicht öffnen mögen, Angst haben ihre Verletztlichkeit, Ohnmacht, Schwäche zu zeigen. Damit aber werden sie auch unberührbar. Und nur wenn man sich so öffnet, kann man echte Intimität haben. Wenn die Ursache dafür in der eigenen Angst liegt, ist wohl auch klar, dass einen die Angst zum nächsten Partner begleiten wird. Und dass einem der nicht helfen kann, wirkliche Intimität zu finden, wenn man sich nicht öffnen will. Es geht einfach nicht. Das heißt, es liegt in meiner Hand, dass ich meinen Teil dazu tue. Das schafft ein Potenzial, was mir gefällt.

Ich habe eine Menge Französisch gesprochen und gehört. Das hat auf jeden Fall was gebracht.

Ich habe ja lange nicht geschrieben. Ich habe hier so mein alltägliches Leben, mit Uni, viel schreiben und , lesen, hin und wieder Leute sehen. Ich habe die fixe Idee, dass ich gern mehr Leute treffen würde, aber ich bin gar nicht sicher, ob ich das wirklich will. Ich fühl mich ganz wohl mit mir momentan und hab eher das Gefühl, dass das ein Anspruch ist, der nicht von Herzen kommt. Also muss ich dem nicht folgen.

Es bleibt noch eine Woche, danach sind Examen und danach ist das Trimester vorbei.

Ich werde mich jetzt bei CouchSurfing anmelden und dann mal sehen, wo ich noch alles hinwill. Ihr werdet von mir hören.

Posted by: niklasbringtdieweltinordnung | März 19, 2008

Schnee

Mehr als die Hälfte des März ist vergangen und es liegt noch immer Schnee in Montréal. Viele klagen darüber, manche ärgern sich richtig, andere nutzen den Schnee. Ich erkläre kurz wozu.

Heute war ich sehr gut gelaunt und hab auf dem Nachhauseweg vor der Haustür die Nachbarn gesehen, die dabei waren, ihr Auto von Schnee zu befreien. Das ist mitunter nicht einfach, unter den Rädern liegt Eis und man kommt nicht raus, weil die Räder durchdrehen. Ich ging erst ins Haus und dachte dann, dass ich die Gelegenheit, meine Energie zu teilen nicht verstreichen lassen kann. Also bin ich rausgegangen und habe spontan meine Hilfe angeboten. Sie sagten, es sei “super-gentil” und ich könne beim Schieben helfen. Es hat etwas gedauert, die beiden, ein Paar, haben sich ein bisschen gestresst (Er: Tu n’écoutes pas! Sie: Je fais ce que je peux!) und schließlich hat noch jemand geholfen. Letztendlich hat’s geklappt, sie haben sich gefreut und sie stellten sich mir vor. Mathilde sagte, sie sei Friseuse und hat mir einen gratis Haarschnitt angeboten, “because you’re the champ of the day!” Sehr cool fand ich das, habe mich total gefreut. Genau was ich brauchte, meine Haare werden immer länger und so erledigt sich das.

Ohne Schnee hätt’s die Gelegenheit nicht gegeben…

Es gibt mehr zu erzählen, aber das wird warten müssen. Auf bald.

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Posted by: niklasbringtdieweltinordnung | Februar 17, 2008

Across the Universe

Heute gab’s eine schöne Überraschung für mich: einen Film, den ich so mag, dass ich ihn gleich zwei Mal gesehen hab, plus Bonus-Material. Der Titel des Beitrags nennt den Titel: Across the Universe. Mario und Linda haben ihn auf Tip ihrer Trainerin Madeleine geliehen und geguckt. Ich bin bei der Hälfte dazu gestoßen und war verzaubert. Ich will darüber schreiben. Ich hoffe die persönlichen Eindrücke helfen euch auch, euch mit mir und euch selbst zu verbinden.

Der Film zeigt eine Art Musical mit einer Geschichte, welche sich aus Songs der Beatles ergibt. Die Songs sind neu arrangiert und werden von den Schauspielern gesungen und die Geschichte spielt in den 60ern, vor und während des Vietnam-Krieges. Die Hauptfiguren sind Jude aus Liverpool (von Jim Sturgess gespielt, der mich sehr an Daniel Brühl erinnert), Lucy aus irgendwo in Amerika und ihr älterer Bruder Max. Ich mag sie gar nicht Figuren nennen, weil ich das was sie tun und sagen als so echt erlebe und erfrischend.

Jude kommt nach Amerika um seinen Vater zu treffen, den er nicht kennt. Er trifft dort Max, welcher in Princeton studiert, aber bald darauf aufhört, da ihn das Studium langweilt. Max und Jude ziehen nach New York, wo Jude sich als Künstler beschäftigt. Lucy’s Freund wird in die Armee eingezogen. Nachdem seine Todesnachricht eintrifft will sie nach New York. Jude und Lucy verlieben sich (wunderbare Szenen). Max wird ebenfalls in die Armee eingezogen und muss nach Vietnam. Lucy trifft auf Anti-Kriegs Aktivisten und mischt mit, will etwas ändern, möchte, dass jemand zuhört. Jude ist eifersüchtig auf den Anführer der Aktivisten, woraufhin es Streit gibt und Lucy geht. Bei einer Demo sehen sie sich wieder, aber es gibt Krawall und er landet in der Zelle. Ohne Visum wird er nach England zurück geschickt. Max kommt zurück aus Vietnam, körperlich unversehrt, aber traumatisiert. “Hey Jude” ermutigt Jude zurück nach Amerika zu kommen. Und “All you need is love” erinnert Lucy an ihre Liebe für Jude.

Das ist nur eine kurze Übersicht. Was ich an dem Film liebe ist, dass ich es so schwer in Worte fassen kann. Ich fühl mich total glücklich und berührt. Es ist leicht und doch tief. Mein kritischer Verstand tritt demütig zur Seite und lässt mich wie ich bin. Lässt die Welt wie sie ist.

Ich kann mich so mit Jude als Träumer identifzieren, der sich in Lucy verliebt, unglaublich glücklich darüber ist, hilflos und verzweifelt ist als er glaubt, Lucy ginge für den anderen. Ich kann mich mit Lucy identifizieren, die erst Angst vor Nähe und Vertrauen hat und sich dann hingibt, die hilflos und wütend, verzweifelt darüber ist, wie die Weltpolitik in ihr Leben eingreift und so viel Leid mit sich bringt. Ich freu mich über Max, der wie ein guter Freund für mich wirkt, lebendig, spotaner und unvorsichtiger als ich es bin.

Ich stell mir vor, einfach mal zu singen, was ich ausdrücken will. Wäre sicher erstmal komisch. Aber wenn ich die Musik vom Himmel auf die Erde hole… ich bin sicher, dass niemand irritiert wäre, sondern still und erfüllt von Leben. So fühlt sich der Film für mich an. Der Vorteil da ist, dass man das tun kann und jeder nur darauf wartet. Und man hat schon den Song parat, der in die Situation passt…

Aus den Interviews mit der Regisseurin Julie Taymor ergibt sich auch, dass sie ein Bewusstsein genau für das hat, was ich “Musik vom Himmel auf die Erde holen” nenne. Ihr sei wichtig, dass Raum ist für Kreativität, das heißt für mich, Raum für das was gerade lebendig ist. Sie hat die Schauspieler in den Szenen singen lassen, mit Instrumental-Playback, aber auf dem Set aufgenommen! Lucy singt “If I Fell” live auf dem Set mit ihren Augen auf Jude. Evan Rachel Wood, die sie spielt, sagt im Interview, dass sie einfach die Gedanken ausschaltet und es sich alles von selbst ordnet. Dabei Jim Sturdess anzusehen helfe enorm. Und so klingt es und sieht es auch aus.

Beim Schauen der Interviews hab ich gemerkt, wie merkwürdig es ist, dann die Schauspieler reden zu hören, wenn man vorher so von dem was sie spielen verzaubert ist. Es ist so, als ob man sich nicht mehr erlaubt, das gleiche Gefühl mit den Schauspielern zu haben. “Nee, das ist ja jetzt echt, also anders!” Aber warum eigentlich? Ich meine, sie leben es doch, sie bilden die Verbindung zu dem Gefühl, was ich habe, zu der Schönheit, die ich in ihnen gesehen hab. Wäre das nicht auch in ihnen und in mir, es würde nicht funktionieren. Warum sollte ich mich da also rauskicken? Ich hab doch sowieso nur ein Bild von ihnen, warum nicht das, was mir so gefällt? Denn genau genommen mag ich nicht sie, sondern mich selbst, wenn ich sie so wahrnehme. Und ich mag mich nicht, wenn ich mir sage, dass das nicht echt ist. Ich hab die Wahl.

Die Beatles-Songs neu zu hören ist auch wunderbar, interessant, dass es so gut geht. Es ist anders, kein Sixties-Sound und sie haben auch ein paar Sachen so geändert, dass z.B. die berühmten Riffs quasi als Geist im Kopf mitgehen (wie der Bass-Riff in “Come together” oder die Bläser bei “All you need is love - bam ba da da dam”). Was mich begeistert ist, dass es wirklich die Figuren sind, die das singen. Nicht so, wie so oft in Musicals, dass die gespielten und gesungenen Szenen irgendwie nicht zusammen gehören. Es ist ein Ganzes. Die Singstimmen sind schön anzuhören, klingen aber nicht total professionell, sondern natürlich.

Der letzte Film, der mich so berührt hat war “As it is in heaven” oder auf Deutsch “Wie im Himmel”, nebenbei auch ein Film mit viel Musik. Ein Film, der seine Figuren mehr oder weniger an allen Ecken und Enden “See me beautiful” singen lässt. Und genauso fühlt man sich dann auch. Aufgehoben, inspiriert, verstanden, gut durchgeputzt, berührt und zufrieden.

Mir kommt es gerade komisch vor, dass ich das in meinen Reiseblog schreibe… aber es ist eben ein Teil innere Reise. Und ein schöner Teil, wie ich finde.

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Posted by: niklasbringtdieweltinordnung | Februar 11, 2008

Ein paar Monate in ein paar Tagen

Es wird wieder Zeit was zu schreiben. Gestern war ein reicher Tag. Ich bin mit Mario, Linda und Emily, welche zuvor mein Zimmer bewohnt hat, zum Mont Gabriel gefahren, einem Ski-Berg eine Stunde nördlich von Montréal. Und ich bin den ganzen Tag Ski gefahren. Das erste Mal in meinem Leben Downhill. Wunderbar. Gesponsort wurde der Tag von der Firma, bei der Linda arbeitet, so dass ich nur 50$ für den Tag und 22$ für das Mieten der Skier bezahlen musste. Es gab zwei große Mahlzeiten, am Mittag und am Abend. Alles in allem wirklich erfüllend.

Es fing an mit einer Ski-Stunde am Morgen. Ich war ziemlich ruhig und es hat nicht lange gedauert, bis ich wusste, wie es geht. Bremsen, Gewicht verlagern, drehen usw. Der Trainer meinte scherzhaft ich hätte gut versteckt, dass ich nicht das erste Mal auf Skiern stünde. Danach auf die Piste. Erst die leichten, dann etwas schwierigere, engere, steilere. Ich bin nicht selten gefallen, habe mir aber größtenteils nicht weh getan. Es war schon witzig, in dem Moment in dem mir klar wurde, dass ich fallen würde, hab ich einfach losgelassen und gewartet, bis es vorbei war. Dann hab ich aufgeschaut und gedacht “Oh, interessant!” Ich glaub, dass auch das dafür verantwortlich ist, dass ich mich nicht verletzt habe.

Ich hab durch’s Ski fahren eine Menge gelernt. Vor allem im Umgang mit Angst natürlich. Dass ich so schnell gelernt habe, rechne ich meiner Haltung des “Ich weiß noch nicht wie” zu, statt zu glauben “Ich kann das nicht.” Das ändert eine Menge, schließlich bewahrt man so das Vertrauen, dass es lernbar und entwickelbar ist. Und dieses Vertrauen ist die Voraussetzung dafür, dass man überhaupt etwas angeht. Das Risiko übel verletzt zu werden lässt sich ja nicht ausschließen, also habe ich da herausgefunden, dass zur Beruhigung vor allem eine Anerkennung der Gefahr und des Bedürfnisses nach Sicherheit sehr hilfreich sind. Macht man das nicht, kann man sich nicht konzentrieren, weil der Teil in einem, der Sicherheit will, auch während der Fahrt noch nach Aufmerksamkeit schreit. Das lenkt ganz schön ab, vor allem wenn es sehr schnell wird. Es lohnt sich also sehr, sich vorher darum zu kümmern und dem ein wenig Empathie zu geben. Hat man die, wirkt es nicht mehr wie Wahnsinn, den man nicht kontrollieren kann, sondern wie Wahnsinn, auf den man sich mit Freuden einlässt.
Ein bisschen unintuitiv ist, dass man beim Ski-Fahren immer dann die Kontrolle verliert, wenn man sich zu sehr nach hinten lehnt. Selten reagiert man auf Angst so, dass man sich noch mehr nach vorne bewegt. Aber das ist beim Ski-Fahren sehr wichtig, da einem sonst die Skier unterm Körper wegfahren. Als ich das raushatte wurden die Stürze viel seltener und ich konnte besser lenken. Dabei geholfen hat außerdem, nicht an die einzelnen Beine zu denken, sondern nur daran, das Gewicht zu verlagern. Dann reagieren die Beine synchron, ohne dass man daran denken müsste und die Skier kreuzen sich nicht mehr.

Also ihr seht, eine Menge geht dabei im Kopf und im Herzen ab. Wenn das im Gleichgewicht ist, geht der Rest schon von alleine. Allerdings tut mir jetzt mein ganzer Körper weh. Es sind keine äußeren Verletzungen, aber Verspannung, Muskelkater etc. Das werde ich wohl überleben und es mindert nicht die Freude über den gestrigen Tag.

Piste

Mario, ich, Emily und Linda

Ich nehme jetzt Französisch-Unterricht bei Mathieu. Niki und Cathrine haben Mathieu über einen Bekannten kennengelernt und wir sind letzte Woche Donnerstag zusammen zu einem Buddhistischen Zentrum gegangen. Es gab einen Einführungskurs mit einem Mönch, der etwas von Karma, den drei Juwelen und der Zuflucht erzählt hat. Er sprach ein Englisch, was sich fast wie tibetisch anhörte, was dann aber noch auf Französisch übersetzt wurde. Schön war vor allem die Diskussion danach. Mathieu fragte in die Runde, wie er Zugang zu den Menschen bekommen kann, die alle so zufrieden wirken, aber mit einer Zufriedenheit, der er nicht traut. Er hat eine Menge Energie und Mitgefühl und würde gerne mehr geben, weiß aber nicht wo. Tom, der Übersetzer, meinte, dass der Grund dafür, dass er nicht sieht, dass die anderen auch leiden (also auch Bedürfnisse haben, zu deren Erfüllung man beitragen kann) vermutlich der ist, dass er das Leiden in sich selbst nicht ganz erkennt oder annimmt. Sieht man das nämlich, wird es auch leichter, mit dem Leid in anderen in Kontakt zu kommen.

Ich fand das sehr schön. Ich habe mich erleichtert gefühlt, denn es kommt mir so oft so vor, als ob das Leid einfach nicht sein darf! Als ob es eine Gefahr darstellt, dass Leben bitter macht und nicht mehr lebenswert. “Es gibt Leiden” ist die erste der vier edlen Wahrheiten im Buddhismus und so wie ich das verstehe, ist das nicht so gemeint, dass das Leben an sich nur leidvoll sein kann, sondern es ist eine Gegenposition zu “Das Leben sollte nur Glück beinhalten.” Buddhismus wird ja auch der Mittel-Weg genannt und das hier ist ein Beispiel, denn jede intellektuelle Position, die man beziehen kann, wird ein Extrem beinhalten. Das was normalerweise als die Lehre des Buddhismus vermittelt wird, ist demnach nicht die Lehre des Buddhismus, sondern die Ausgangsposition in einem Dialog. Wo kommen wir hin, wenn wir “Es gibt Leiden” und “Das Leben sollte glücklich sein” gegenüber stellen? Offensichtlich dahin, dass beides sein kann und beides sein darf. Und das gibt Erleichterung.

In der Diskussion ging es außerdem darum, wie man Mitgefühl für jemanden entwickeln kann, der einem weh tut. Tom sagte ganz ehrlich “Wenn mir jemand was gutes tut, dann liebe ich ihn. Wenn jemand mir weh tut, dann hasse ich ihn. Ganz ehrlich, ich wüsste nicht, wie das sonst sein sollte.” Jemand anderes meinte dazu, dass Liebe und Mitgefühl ja nicht dasselbe seien. Ich meldete mich dazu und sagte, dass jemand, der mir weh tut, vermutlich gerade selbst leidet. Denn wenn ich selbst glücklich und zufrieden bin, habe normalerweise keinen Wunsch, irgendwas zu tun, was jemand anderem schaden würde. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass irgendwer das hätte. Wenn ich mich also um meinen eigenen Schmerz auf liebevolle Weise kümmere, das Leiden anerkenne, dann kann ich vielleicht sehen, dass der andere ebenso leidet. Und daraus entsteht natürlicherweise Mitgefühl. Das fand allgemeine Zustimmung.

Als wir nachher auf dem Heimweg wahren, sagte Mathieu, dass er jetzt schon bedauere, dass ich nur für begrenzte Zeit in Montréal sein werde. Ihn habe der Kommentar sehr beeindruckt und er wolle gerne mehr mit mir darüber reden. Außerdem möchte er auch mir anbieten, den Französisch-Kurs mitzumachen, den er den Mädels schon angeboten hat. Und das, ohne dass er um Geld bittet, sondern, weil er gerne geben möchte. Ich habe das freudig angenommen. Er spricht übrigens wirklich verständliches Französisch, war auch einige Zeit in Frankreich, was sehr ermutigend ist. Es ist so blöd, ein Gespräch über mir wichtige Dinge anzufangen und dann frustriert festzustellen, dass ich gar nicht in der Lage bin zu antworten, weil immer nur die Hälfte davon rüberkommt, was der andere sagt.

Wir hatten am Donnerstag das erste Mal Unterricht und er hat ein paar Übungen mit uns gemacht. Außerdem lesen wir Fight Club auf Französisch, ein Buch was ihn sehr begeistert. Nachdem die Mädels weg waren, haben wir noch weiter gequatscht und am nächsten Morgen hat er mir geschrieben, dass er ab heute nur noch in Bedürfnissen und Strategien funktioniert. Ich habe gelacht und mich gefreut.

Am Montag habe ich Mario zu seinem Jazz-Chor begleitet. Jetzt bin ich der zweite Tenor im Chor von 14 Leuten. Der Auftritt ist am 10. Mai. Ich bin dabei.

Am Dienstag bin ich zu einer Soirée de Clôture für einen Kurs in emotionaler Intelligenz gewesen. Die Trainerin, Madeleine, ist diejenige, welche Mario und Linda seit vier Jahren begleitet, und der sie eine Menge zu verdanken haben. Also wollten sie, dass ich das auch kennenlerne. Der Abend bestand daraus, dass die Leute, die am letzten Wochenende einen Kurs gehabt hatten, von ihren Erlebnissen erzählten. Ich war sehr skeptisch. Von dem her, was ich von Mario und Linda mitbekommen hatte, fehlte mir vor allem der Aspekt der Empathie. Aber ich hab davon im Laufe des Abends mehr mitbekommen.

Die Idee ist, dass alte Geschichten uns daran hindern, unser wahres Potenzial zu entfalten. Mit Geschichten sind Assoziationen, Vorstellungen, Interpretationen gemeint. So lange ich z.B. glaube, dass wahre Liebe immer mit Einsamkeit, oder Enge einhergeht, kann ich nicht alles tun, um wahre Liebe zu finden. Ich werde immer Angst vor Einsamkeit oder Enge haben und das hält mich zurück. So wie wenn ich mit der linken Hand nach meinem Stift greife, und die rechte Hand die linke zurückhält. Ein ständiger Eiertanz, der mich nirgendwohin bringt. Eine intuitive Annahme ist, dass diese Assoziation entstehen, während man sehr jung ist und keinen Zugriff auf alternative Erklärungen hat. Vor allem die Eltern spielen da eine riesen Rolle. So kann es sein, dass ich als kleines Kind um etwas gebeten habe und mein Vater in einem ungeduldigen Ton “Nein” gesagt hat. Mario meinte, dass ihm das einmal passiert ist und er danach seinen Vater nie wieder um etwas gefragt hat, aus Angst davor, er könnte es nicht dürfen. Der Workshop bringt einen sicheren Raum, diese Geschichten herauszuholen und sie zu durchleben. Ihnen einmal wirklich Platz zu machen. Denn nicht selten tut man das so gut wie gar nicht. Man hat eher Angst, die Eltern zu verletzen, oder selbst alleine zu bleiben, wenn man mal wirklich ehrlich ist. Dieser Raum dafür gibt, so wie ich es verstehe, demjenigen, der seinen Schmerz endlich mal ausdrückt, Empathie. Und jeder, der dabei war, spürt das, spürt die Energie, die Heilung, die darin stattfindet. Madeleine hat mich angesprochen und mich gefragt, ob ich beim nächsten Kurs dabei sein wollte. Ich war hin und her gerissen. Sie fragte, was mich abhielte. Und sie hörte zu. Sie ließ mir Raum und ich sagte, was mich bedrückte, bei dem Gedanken. Sie nahm alles respektvoll an und das gab mir so viel Vertrauen, dass ich schließlich wirklich mitmachen wollte. Ich hab mich eingeschrieben. Mario war sehr glücklich und ich bin neugierig, wie das wird. Im April findet der Workshop statt.

Mein Einsatz in der Uni deprimiert mich etwas. Ich weiß nicht ganz was los ist. Ich finde keine Energie dafür und das macht mir etwas Angst. Nächste Woche sind Zwischen-Examen und für einige Kurse gilt es eine Hausarbeit zu machen. Ich hoffe, ich finde einen Weg, meine Motivation dafür frei zu legen.

Uni Montréal

Mario und Linda sind weiterhin Gold wert. Wir haben vorgestern zusammen ein paar Spiele gespielt und Mario fragte, wie lange ich eigentlich schon hier wohne. Es sind knapp drei Wochen. Es fühlt sich an wie Monate. Wir haben eine Menge geteilt und haben immer wieder schöne Unterhaltungen über die wichtigen Themen des Lebens. Ich habe mit ihnen auch die Gewaltfreie Kommunikation geteilt und kenne keinen, mit dem es so leicht in die alltäglichen Unterhaltungen integrierbar wäre, wie mit den beiden. Das ist einfach traumhaft.

Mario und Linda

Ich werde mir immer bewusster, dass mein eigentlicher Traum, mein Berufswunsch nicht erfüllt wäre, wenn ich nicht Mediator werde, bzw. mit Konflikten zu tun habe. Mario und Linda haben sich einmal gestritten und Mario meinte nachher, wie offensichtlich es war, dass ich plötzlich dazu kam, als ich gehört hatte, was los war. So nach dem Motto “Konflikt?!? WO!” Und es ist wirklich so. Ich habe keine Angst vor Konflikten, sondern schaue sie mir genau an und liebe es, wenn plötzlich das Heilungs- und Wachstumspotenzial darin zum Vorschein kommt. Am liebsten würde ich das tun, wo es sich am meisten lohnt, weil es die meisten Leute betrifft: in der internationalen Politik. Jetzt weiß ich außer der UN nichts, wo ich mehr darüber lernen könnte. Ich bin mir aber sicher, dass es mehr Organisationen und Institute gibt, die mir da helfen würden. Hat jemand von euch eine Idee wo ich weitersuchen kann?

Ich habe auf hier einen sehr interessanten Artikel über etwas gefunden, was sehr dem ähnelt was ich gerne machen würde: http://www.beyondintractability.org/case_studies/interfaith_dialogue.jsp?nid=5302

Die Autorin ist noch ziemlich jung, ich vermute nur ein paar Jahre älter als ich, hat Psychologie in Beirut studiert und ist dann Programm-Koordinator im Center for Conflict Resolution and Peacebuilding in Beirut gewesen. Ich weiß nicht was sie gerade macht, habe aber versucht, sie zu kontaktieren, um mehr Infos zu bekommen. Was mich besonders begeistert hat, war natürlich, dass sie dem Artikel zu folge auch die Gewaltfreie Kommunikation kennt und damit arbeitet. Das hat mich daran erinnert, dass ich damit auch weiter machen will und ich habe mir überlegt im Juni ein 9-Tage Intensiv-Training mit Marshall Rosenberg in New Mexico mit zu machen. Das würde sich sicher lohnen. Es wird Zeit, dass ich mich darum kümmere.

Zuletzt noch ein schönes Zitat von John Welwood: “Not knowing that we can be loved for who we truly are prevents us from trusting in love itself, and this in turn causes us to turn away from life and doubt its benevolence.” Als ich gestern mit Emily am Dinner-Table saß und wir die Kinder auf der Tanzfläche zur Musik tanzen sahen, sagte ich zu ihr “Der Verlust der Fähigkeit, das zu tun, was die Kinder da tun, ist das einzige, was uns im Leben so viele Probleme bereitet.” Sie hatte nichts hinzuzufügen.

Ich bedaure, so lange nicht geschrieben zu haben. Ich hätte gerne, dass das hier kontinuierlich weitergeht. Ich hoffe ihr freut euch über Neuigkeiten und lasst reichlich Kommentare da. Hier sind noch ein paar Bilder von Montréal:

Downtown in der Nacht

Sonnenuntergang auf dem Mont RoyalMontréal Tag

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Posted by: niklasbringtdieweltinordnung | Januar 23, 2008

Ende des Nomadentums

Nachdem ich jetzt mehrere Nachrichten von lieben Freunden bekommen habe, aus denen ersichtlich wird, dass ihr ja noch nicht up to date seid, schreibe ich es jetzt mal offiziell auf: Ich bin sesshaft geworden!

Ich hatte ja erwähnt, dass ich letzte Woche selbst eine Annonce aufgesetzt hab. Das hatte die angenehme Konsequenz, dass sich Leute bei mir gemeldet haben, die etwas mit meinen Interessen anfangen konnten. Von denen wiederum haben mir Mario und Linda am besten gefallen. Sie haben ein Apartment im Mile-End gar nicht weit weg von meiner Interim-Behausung. Der Bus zur Uni ist in der Nähe und das Viertel wirkt insgesamt sehr freundlich, auch wenn der Winter momentan nichts freundlich wirken lässt, was einen Spaziergang in Kälte und Schnee erforderlich machen würde.

Mario und Linda sind ein Paar, sie 38, er 41 Jahre alt, wirken aber beide jünger. Ich war etwas erstaunt, als ich ihr Alter erfahren hab. Mario ist Schauspieler für Theater, Filme, hat wohl auch Werbung gemacht und schreibt gerade an einem Theaterstück in welchem er die üblichen Muster in Liebesbeziehungen darstellen will. Muster, die jeder kennt und die jeden mehr oder weniger aufregen, so dass sich auch jeder direkt verstanden fühlt, wenn er das sieht. Im Grunde genommen ist es das Rezept für jede Beziehungskomödie, aber wenn ich ihn richtig verstehe, will er es etwas tiefer machen, so dass etwas mehr von der eigentlichen Absicht und Komplexität dahinter klar wird. Also die Absicht, die normalerweise missverstanden wird und so zu diesen Selbstläufern führt. Ich will mal sehen, ob ich ihm dabei helfen kann. Wird bestimmt spannend und lustig. Linda singt und schreibt Lyrics, die vor allem innere Freiheit, inneres Gefängnis zum Thema haben. Ich habe einen Song gelesen (nicht gehört) und das gut ausgedrückt darin gefunden. Er heißt “Peter Pan”. Sie hatte schon einige größere Auftritte, aber das ist eher unregelmäßig. Ansonsten hat sie noch drei Tage in der Woche einen Job. Sie sind beide bilingual, Mario eher französisch, Linda eher englisch. Linda ist in Montréal geboren, hat deutsche Eltern, die aber zu Hause Englisch mit ihr gesprochen haben. Deutsch ist für sie sehr mühsam. Mario ist in einem kleinen Dorf nördlich von Montréal aufgewachsen. Spricht also auch mit ordentlichem accent québécois. Dann ist da noch Emily. Sie kommt aus Australien und bewohnt gerade noch das Zimmer, welches sobald meines sein wird. Zwei Mitstudentinnen haben sie überzeugt, doch bei ihnen einzuziehen. Ich bin gerade noch in dem Gästezimmer, welches etwas kleiner ist. Sie war es, die auf die Annonce reagiert hat. Sie ist ganz süß, etwas ruhiger als die beiden und ich mag ihren australischen Akzent. Ich wechsel ja immer den Akzent, je nachdem, mit wem ich spreche. Eine Britin, mit der ich im Zuge der Zimmersuche einmal gesprochen habe, sagte mir “Your accent is brilliant!”  Sie konnte nicht sagen, woher ich kam, irgendwo in England eben. Hat mich sehr gefreut! Gestern erzählte mir Emily, dass sie zehn Tage im Himalaya, Nepal, wandern war, zusammen mit Leuten, die sie seit fünf Jahren nicht gesehen hatte. Sie sprach von Präsenz und Wandern als Walking-Meditation. Ich kann’s mir so gut vorstellen. Das ist auch der Aspekt, der mir so an dem Korsika-Urlaub mit Johanne gefallen hat: Absolute Präsenz, da wir nur einen rudimentären Plan dafür hatten, was wir machen würden. Und alles war cool, weil es nichts gab, wozu wir es hätten vergleichen können. Ich denke sehr gern daran zurück.

Der Freitagabend, an dem ich Mario, Linda und Emily zum ersten Mal getroffen habe war ein schöner Abend mit angeregter Unterhaltung, Tee und viel Spaß. Mich hat sehr berührt, wie Linda mir am Ende des Abends einen Stein gab, den sie in Gaspé aufgesammelt hatte. Er ist auf einer Seite gemustert, auf der anderen Seite glatt und ohne Muster. Und sie gab ihn mir, weil sie spürte, dass da auf der einen Seite eine Menge Komplexität in mir ist, ich aber auf der anderen Seite die Tendenz habe, das Simple in mir nicht genügend zu wertschätzen oder sein zu lassen. Als ich am Tag darauf nochmal daran dachte, war ich so berührt, weil mir klar wurde, dass die simple Seite, die ohne Anstrengung, ohne Tun, einfach im Sein begründet ist, genauso liebenswert ist und ich nichts tun muss, um sie zu erhalten. Und ich fand so wunderschön, dass Linda das gesehen hatte.

Gestern hab ich mit Mario in einer Kneipe gesessen (die rauchfrei war! Überhaupt, das Rauchverbot ist klasse! Meine Klamotten riechen auch danach noch angenehm.) und wir haben ein tolle Unterhaltung gehabt. Ich spreche gern Französisch mit ihm, weil ich keine Angst hab, dass dabei meine Intention unter den Tisch fällt, falls ich sie nicht direkt ausdrücken kann. Wir wechseln dann auch schon mal zu Englisch.

Zwei Dinge hab ich mitgenommen: Das eine war die Frage, was möchte ich zurücklassen, wenn ich sterbe? Wenn ich da liege und die Leute sich überlegen, was man über mich sagen kann. Mario stellte diese Frage und ich hab nach einer Antwort gesucht. Als sie mir einfiel hat mich das sehr berührt: Menschen daran erinnern, wie sie “tanzen” können. Wie sie Verbindung zu sich, zum Leben, zu anderen finden. Diese Erinnerung, Inspiration will ich zurücklassen. Mario meinte auch, es sei wichtig genau zu sein, genau zu sagen wodurch man das machen will, in welcher Form. Eine Bitte an sich selbst also. Er ist Schauspieler, Comidien und macht es über Geschichten. Ich bin mir noch nicht sicher, wie ich es machen will. Meine Stärke ist Klarheit, Dinge auseinanderhalten, aber ich weiß nicht, ob ich dabei bleiben will, weil ich dabei selbst manchmal die Leichtigkeit verliere. Mal schauen, vielleicht kann ich das noch mit einbeziehen.

Das zweite war folgendes: Mario fragte mich, wenn ich die Wahl zwischen Vanille oder Schokoladen-Eiscreme hätte, was würde ich wählen? Ich sagte Vanille. Er fragte warum. Ich sagte, weil ich es mag. Er meinte “Test nicht bestanden”. Er fragte nochmal. Ich wählte wieder Vanille und er wollte wiederholt wissen warum. Ich überlegte kurz und sagte “Weil ich Vanille gewählt hab.” Er: “Gratuliere, Test bestanden.” Er war beeindruckt und meinte “Du hast dich ein bisschen Zen beschäftigt, oder? Und das mit deinen 23 Jahren…”

Was ich daraus mitnehme ist etwas soooo Wichtiges: Ich brauche meine Handlungen NIE zu rechtfertigen! Wenn ich etwas tue, dann weil ich etwas tue. Die von euch, die mich etwas kennen, wissen, dass ich schnell dabei bin, meine Handlung damit zu begründen, dass sie ein Bedürfnis erfüllen. Und mir ist gestern aufgefallen, wie leicht man das zur Rechtfertigung machen kann. Das hat dann die Konsequenz, dass man, weiß man gerade nicht, welches Bedürfnis es ist, sich für einen total Idioten hält, der Blödsinn gemacht hat. Die Konsequenz daraus ist Schuld oder Scham. Mario sagte es wunderbar: “Wenn du etwas machst, dann impliziert das schon, dass da hinter ein Bedürfnis ist. Das musst du nicht noch nennen oder zur Rechtfertigung heranziehen. Tust du das nämlich, lebst du immer in Angst vor der Zukunft, vor dem Moment, indem du an die Handlung zurückdenkst und dir nicht mehr einfällt, warum du’s gemacht hast. In dem Moment, indem du das dann nicht mehr weißt, nimmt dein Selbstwert Schaden. Und so lange du damit beschäftigt bist, deinen Selbstwert zu schützen, bist du nicht in der Lage zu leben, zu lieben, zu schaffen und zu tanzen.”

Die interessante Frage ist außerdem nicht warum ich etwas mache, warum etwas passiert, sondern WAS. Was sollte man schon auf Warum antworten? Man könnte die Erklärung nach hinten verlegen und meinen, vergangene Ereignisse hätten einen zu diesem Schritt gezwungen. Nun, das bringt nicht viel, denn diese Vergangenheit war ja auch mal Jetzt, oder? Woher kommt das alles? Es scheint plötzlich aus dem Nichts heraus aufzutauchen! Jetzt, und Jetzt, und wieder Jetzt. Das bekommt man aber nicht mit, wenn man es ständig an vergangene Ereignisse knüpft (die man zur Rechtfertigung nutzt) und es fällt einem auch nicht auf, welche Möglichkeiten man hat, es mal total anders zu machen. Man kann es immer so weiter machen, das ist okay. Man kann auch alles umschmeißen und es komplett anders machen, ebenfalls okay. Man kann es machen wie man es macht!

Ihr seht schon, warum ich mir diese Wohnung ausgesucht habe ;-)

Die Uni interessiert mich momentan leider nicht so besonders. Ich kenne die Themen schon ganz gut. Das an sich wäre nicht schlimm, wenn’s nicht so wenig Kontakt gäbe. Ich merke wie unterschiedlich der Zugang zu meinem Französisch für mich ist. In der Uni ist der viel beschränkter als jetzt z.B. mit Mario. Dass ich selbst nicht so gerne einfach jemanden anspreche (für welche dieser schönen Frauen soll ich mich denn entscheiden?) hat natürlich wieder mit dem Selbstwert zu tun. Da ich gerade selbst etwas darüber geschrieben habe, könnte ich mir an die eigene Nase packen und versuchen der Weisheit etwas Praxis folgen zu lassen. Aber naja. Ich mach’s eben wie ich’s mache.

Heute ist das Wetter fein

man geht raus und bummelt

drum hat das Sams Herrn Oberstein

ganz fürchterlich beschummelt.

 

In diesem Sinne, bis bald!

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Posted by: niklasbringtdieweltinordnung | Januar 16, 2008

Interim-Behausung und Lob für’s Hirn

Ich sitze gerade in einem gut geheizten Zimmer in Mile-End, trinke O-Saft und ruhe mich ein wenig aus. Neben mir liegt offen die Zeitschrift mit dem Titel “Sciences et avenir”. Mein Laptop steht auf einem imposanten Computertisch zusammen mit Geräten, deren Dioden wild flackern. An der Wand des Zimmers hängen chinesische Kalligraphien und ein chinesisches Landschaftsbild, welches ich sehr schön finde. Auf dem Nachttisch liegt ein Buch. “Unconditional Love” steht darauf. Außerdem gibt’s ein großes Bett, Fernseher, Schrank und, was ja wohl in jeden ordentlichen Haushalt gehört, ein Fernrohr.

Das hier wird nicht mein Zimmer für die nächsten Monate, dafür aber für die nächsten paar Tage. Ich bin raus aus der Jugendherberge, um es etwas gemütlicher und billiger zu haben. Amin, dem das Zimmer gehört, hat für ein paar Monate einen Job in New York City und vermietet das Zimmer unter. Ishlam (oder Islam?), sein marokkanischer Zimmergenosse, hat mir gestern Abend nach einem angenehmen, lockeren Gespräch den Schlüssel gegeben, so dass ich heute morgen hier rein konnte, während er schon bei der Arbeit war. Ishlam meinte, am Wochenende kommen Freunde vorbei, Franzosen vor allem. Ich bin gespannt darauf. Wenn’s mir nicht gefällt, kann ich mich noch immer zurückziehen.

Irgendwie mag ich mit der Zimmersuche nicht aufhören. Es ist doch zu spannend. Es ist ein guter Grund, wildfremde Leute anzurufen und sie zu fragen, ob man vorbei kommen könnte. Dann trifft man sich, unterhält sich. Weniger, wenn man nicht viel zu sagen hat, und mehr, wenn es lustig ist und einem Ideen und Impulse gibt. In jedem Fall hat es sich gelohnt. Ich frage mich ja, wann ich mir erlaube das auch zu tun, ohne einen Grund dazu zu brauchen, der über den Wunsch nach Kontakt hinausgeht.

Ist euch das schon mal aufgefallen? Dass man dazu immer einen Rahmen sucht, in welchem es akzeptabel ist, sich Leute zu suchen, mit denen man gerne zu tun hätte. Ich habe nichts dagegen, ich mache das auch so. Aber es sagt etwas darüber, wie wir kulturell zu dem Wunsch nach Verbindung stehen. Er hat offenbar nicht Priorität. Sicherheit hat Priorität. Wenn ich was mache, was zum Hauptziel hat, sicher zu sein in der Versorgung meiner Grundbedürfnisse, dann ist es prima, wenn ich dabei Leute kennen lernen, so nebenbei. Es ist vernünftig und “goed meegenomen” wie die Niederländer sagen. Aber es ist nicht so leicht zu sagen “Ich such jetzt mal Leute”, hinaus zu gehen, an einer Tür zu klingeln und zu gucken was kommt. Auch wenn das, wenn man die kulturellen Regeln mal beiseite lässt, doch irgendwie das Naheliegendste wäre…

Soziale Netzwerke wie facebook machen das sehr viel einfacher. Man hat eine grobe Idee, was die andere Person interessiert und kann darauf eingehen. Gemeinsam einem Thema Aufmerksamkeit zu schenken ist eben einer der Pfeiler für funktionierende Beziehungen. Wenn das fehlt, wird es schon schwierig. Aber es ist nicht genug. Dazu kommt Gefühlsresonanz (z.B. nicht laut PAAAARTYYY schreien, während der andere offensichtlich müde ist ;-)) und das Verstehen der Motive des anderen. Da waren noch zwei andere Faktoren, aber die habe gerade vergessen. Egal. Die drei finde ich schon gut zu wissen.

Mein Gehirn hat sich tatsächlich um’s Französisch gekümmert. Ich habe die drei Vorlesungen, die ich diese Woche hatte, schon wesentlich besser verstanden als letzte Woche. Ich spreche auch leichter und verstehe auch Leute besser, die auf der Straße an mir vorbeigehen und sich unterhalten. Das ist erleichternd und macht Spaß. Ich bin überrascht und fasziniert von dieser recht schnellen Entwicklung. Und ich darf darauf hoffen, dass das so weitergeht.

So manch einer von euch wird auch den Mythos mit sich herum tragen, dass man einfach sprechen, sprechen, sprechen muss, um eine Sprache richtig gut zu lernen. Ich nenne das einen Mythos, weil ich nach meiner Erfahrung nicht glaube, dass das der Punkt ist. Es ist sicher eine notwendige Bedingung, aber keine hinreichende. Viel wichtiger ist in meinen Augen das Vertrauen, dass die Sprachfertigkeit einem Verbindung und bereichernde Beziehungen erlauben wird. Es geht so viel schneller, wenn man im entsprechenden Land ist, weil dort die Wahrscheinlichkeit auf Verbindung eben so viel höher ist, wenn man die Sprache kann. Und dann ist es auch nicht schwer, die Energie zu mobilisieren, die nötig ist, um das zu lernen.

Das ist für mich persönlich DAS Motivationskriterium schlechthin! Und es wird immer wieder übersehen! Ohne Beziehungen läuft nichts! Man wird müde, alles wird sinnlos und öde und dann kriecht von hinten der Stress herauf, dazu Schuld oder Scham, weil man ja meint, es müsste einfach so gehen, wenn man sich nur anstrengt. Pustekuchen! Dafür sind wir nicht gemacht!

Nach wie vor ist Verbindung das wichtigste für mich bei der Zimmersuche. Die letzten paar Tage war ich etwas deprimiert, weil ich mir Vorwürfe machte, mich fragte, warum ich noch nichts hätte, das Geld meiner Eltern in der Jugendherberge ausgebe, ob ich zu wählerisch sei und dergleichen. Dabei will ich mich ehrlich gesagt einfach nur wohl fühlen und gut auf mich aufpassen. Es ist wirklich nicht einfach Unterstützung dafür zu bekommen. Fast alle Leute, mit denen ich darüber geredet habe, haben zunächst versucht mir gute Ratschläge zu geben, die ich mir selbst hätte geben können, da sie mir nicht neu sind. Und wenn sie merkten, dass ich damit nicht viel anfangen konnte, klang es so, als müsste ich dann eben darauf verzichten mich wohl zu fühlen. Ich fühl mich ziemlich einsam, wenn ich das höre. Ich bedauere sehr, dass der Unterschied zwischen Bedürfnis hören und Bedürfnis erfüllen so wenig bekannt ist. Einfach nur hören und verstehen kann schon so heilsam sein.

Trotzdem hab ich gestern dann den Rat angenommen, selbst eine Annonce zu starten, nachdem der Typ, der mir den Rat gab sagte “You know, it won’t hurt and… it might help!”. Das leuchtete mir ein. Ich hab in der Annonce ein bisschen von mir erzählt, was mich interessiert, was ich gerne hätte. Mir ist aufgefallen, dass dabei der Eindruck entstehen kann, dass ich alles unglaublich ernst nehme, denn schließlich ist ja die Welt in Gefahr und muss bekanntermaßen (von mir) in Ordnung gebracht werden. Das ist überhaupt die Gefahr, wenn man anfängt nachzudenken, es zu schwer zu nehmen, sich selbst mehr Verantwortung zu geben als man hat. Dann wiederum, wer versteht, dass es um den jetzigen Moment geht, der sieht auch, dass dafür Leichtigkeit und Humor sehr wichtig sind. Ich habe mein Hut-Bild hinzugefügt und prompt zwei Mails von Schwulen bekommen ;-) Außerdem schrieb einer, dass er bedaure kein Zimmer zu haben, aber ob ich nicht vielleicht anderweitig Lust hätte, was zu machen. Es sind auch ein paar interessante dabei in puncto Zimmersuche. Ich bin mal gespannt.

Am Sonntag habe ich per Zufall Johanne getroffen. Ich hab mich sehr gefreut sie zu sehen, es war eine schöne Überraschung in dieser großen Stadt.

Jetzt gleich werde ich mit Niki und Cathrine zu einer Info-Verantstaltung gehen für Reisen mit anderen Studenten. Ich melde mich bald wieder. Ich hoffe es hat Spaß gemacht bis hierhin zu lesen. Auf bald!

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Posted by: niklasbringtdieweltinordnung | Januar 12, 2008

Hostel Talks

Leider gibt’s immer noch nichts erfreuliches ueber die Zimmersuche zu berichten. Ein Zimmer was ich gerne haben wollte, ist jemand anderem gegeben worden. Mal wieder super.

Es ist ja nicht so, dass ich meine Zeit hier verschwende. Gestern gab’s eine schoene Unterhaltung mit einer Deutschen und einem Schweizer. Die Deutsche, Christina, hat ein Work&Travel-Visum fuer Kanada und ist seit September hier. Sie hat angefangen in Vancouver ist dann nach Kingston, Ontario gegangen, wo ihr Freund studiert und ist jetzt hier fuer ein paar Tage. April fliegt sie wieder zurueck. Ich wusste gar nicht, dass es das gibt, aber es klingt schoen. War sehr angenehm mit ihr zu reden. Sie studiert noch nicht, hatte Psychologie in Erwaegung gezogen und sich von Freunden zu Medizin ueberreden lassen, da sie fuerchtete, sonst nicht mehr aus der Schiene herauszukommen. Als sie fragte, was ich mit meinem Studium mal machen will, meinte ich, dass es hoffentlich eine Arbeit wird, die darin besteht, Menschen an unseren Common Ground zu erinnern und das in der Sprache sichtbar zu machen. Am liebsten mit wirtschaftlichen (in Betrieben) und politischen (in Parteien, Regierungen) Konsequenzen. Das waere mein Traum.

In dem Moment schaltete sich Philipp dazu, ein Schweizer, der hier in Montreal in einem Genocide Studies-Programm seinen Doktor machen will. An diesem Programm ist auch Romeo Dallaire beteiligt, der die Blauhelm-Truppen in Ruanda waehrend des Genozids befehltigte. Philipp meinte, er sei ein Arbeitstier und stecke eine Menge Energie darin, ein Fruehwarnsystem zu entwickeln, welches der Uno helfen wuerde, frueher darauf zu reagieren, wenn’s haarig wird. Es muss ganz schoen weh getan haben, einfach zusehen zu muessen, wie sich so viele Leute gegenseitig umbringen, ohne was tun zu koennen.

Philipp ist skeptisch, ob man Leute an diesen Common Ground erinnern kann. Dass er sich mit Genozid beschaeftigt, hat den Ursprung, dass er sich mit dem auseinandersetzen will, was ihm am meisten Angst macht. Und er meinte, es kann ganz schoen deprimierend sein.

Ich hab mir Zeit genommen auf all seine Fragen einzugehen. Das war nicht so einfach und auch etwas anstrengend - ich will das nicht immer machen und auch etwas besser darauf achtgeben, wenn es zu viel fuer mich wird. Aber ich glaube, ich habe doch zeigen koennen, warum ich davon ausgehe, dass Menschen nicht von Natur aus brutal und gewalttaetig sind, sondern sie das werden, wenn sie menschliche Verbindung in Gefahr sehen. Und Feindbilder sind der Inbegriff dieser Gefahr, projiziert auf andere Menschen. Dann erst beginnt das Morden.

Facebook sei dank werden wir wohl in Kontakt bleiben. Tut gut, Leute kennen zu lernen.

Heute habe ich noch Mick getroffen, einen Australier. Er erzaehlte, dass er momentan herumreist auf der Welt um ein Ferien-Programm fuer Studenten vorzustellen. Er kam hier rein und murmelte was von “This is fucking crazy, man…” Gestern kam er hier am Flughafen an, wurde von einer Stewardess den halben Weg zur Stadt gefahren und traf da eine weitere Stewardess, die ihm die ganze Stadt zeigte, ihn mit auf eine Party einlud, mit ihm feierte, im Bett landete und zusammen mit ihm am Morgen aufwachte, waehrend ihr Freund wuetend in der Tuer stand. Krasse Geschichte. Hat meine Laune unglaublich gehoben. Er sagte, sowas aehnliches sei mit ein paar Maedels in den letzten drei Wochen in Mexiko, Amerika und Kanada passiert. Cool, dass das geht :-) Klingt abenteuerlich.

Ich weiss noch nicht was ich jetzt mache. Ich warte auf ein paar Mails, wegen Zimmern. Vielleicht passiert aber noch was spannenderes. Mal sehen.

Seid alle gegruesst und bis bald.

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