Ich habe ja schon ein paar Mal etwas zur Möglichkeit einer offene Beziehung geschrieben. Ich will gerne noch ein paar Differenzierungen aufschreiben, die mir in letzter Zeit klarer geworden sind und die mir sehr wichtig erscheinen, damit sowas funktionieren kann.
Was bedeutet Beziehung?
Zunächst mal will ich eigentlich gar nicht das Wort Beziehung benutzen, da es ziemlich die Kommunikation erschweren kann – also ich sag’s und ihr stellt euch was ganz anderes, oder sehr eigenes darunter vor, was aber andere Implikationen hat, als das, was ich meine. Ich hab kürzlich eine schöne Unterhaltung darüber gehabt und dabei die Inspiration bekommen, nicht von einer Beziehung zu sprechen, sondern einer Entwicklung und dem momentanen Wunsch, zusammen zu SEIN. Also, es geht um sehr konkrete Dinge, die man gerne miteinander tun bzw. sein will. Das kann heißen, sich über die tiefsten Herzenswünsche auszutauschen, zusammen zu kochen, einen Spaziergang zu machen, sich zu küssen, gemeinsam die Wohnung zu putzen, eine Fernsehserie zu verfolgen, miteinander zu schlafen, von schönen und weniger schönen Erinnerungen zu erzählen, gemeinsam eine NGO zu gründen, den anderen für’s Bei-Sich-Ankommen alleine zu lassen, zusammen nach Bhutan zu reisen, gemeinsam zu lachen, zu weinen und still zu sein… ist das Leben nicht voller schöner Möglichkeiten?
Ich war mal in der Situation, wo ich sagte, dass ich eine Beziehung mit einer Frau wollte und sie sich dagegen heftigst gewehrt hat. Damals war mir noch nicht klar, was Beziehung bedeuten kann und welche Assoziationen daran festhängen. Aber ich hab mich relativ schnell gefragt:
„Was meine ich konkret damit? Was will ich? Und vielleicht ist das, was ich will, gar nicht so anders, als was sie will, bloß nennt sie’s anders? Und selbst wenn das nicht so ist, vielleicht ist das, was wir wollen, auf konkreter Ebene verhandelbar?“
Ich hab nicht mehr viel Zeit mit dieser Frau verbraucht, aber ich merke in jedem Fall, dass ich gerne sehr genau weiß, was ich im Zusammensein mit einem anderen Menschen tun will, denn sonst gerate ich schnell in die Falle, dass ich und die andere Person in einer Beziehung eine Rolle bekommem, der wir gerecht werden „sollten“. Und das ist meist keine Rolle, die wir freiwillig wählen würden, womit wir üblicherweise Angst um unsere Autonomie bekommen. Und unter diesen Umständen fällt es schwer, das Geben und Empfangen von Herzen zu leben, was ich mir wünsche.
Von daher scheint mir das also als erstes wichtig zu sein: den Begriff „Beziehung“ in konkrete Vorstellungen zu übersetzen, die eine konkrete Realität haben, beobachtbar und machbar sind. Darüber können wir uns verständigen. Alles andere ist nicht machbar, also auch nicht verhandelbar. Ich glaub, da verrennen sich unzählige Menschen… und werden sehr unglücklich dabei, weil sie letztlich nicht bekommen, was sie wollen, weil sie’s nicht sagen können…
Offene Beziehungen
Wenn ich also weiß, was ich mit einer Beziehung, bzw. Zusammensein mit einer Person meine, kann ich mich fragen, was hier „offene Beziehung“ bedeutet. Und da merke ich, braucht es nicht nur Klarheit darüber, was ich da konkret tue und will, sondern auch, was meine Motive sind.
Konkret stell ich mir darunter zunächst mal vor, dass ich Intimität mit mehr als einer Frau leben kann (also mit ihr kuscheln, sie küssen, mit ihr schlafen, je nachdem), ohne dass das das Zusammensein mit den anderen Frauen, die mir nahe sind, grundsätzlich in Frage stellt. Das sind meistens die heißen Themen. Es kann natürlich auch um Zusammenwohnen, Kinder kriegen und dergleichen gehen, aber das klammer ich erstmal aus.
Die Rolle der Liebe
Warum sollte man sowas wie eine offene Beziehung wollen? In „Der Mythos der anderen Hälfte“ hab ich beschrieben, wie für viele Menschen Liebe zu bedeuten scheint, endlich vollständig zu sein. Und dass es eine Verwirrung darüber gibt, woher diese Vollständigkeit kommt. Für gewöhnlich wird das wunderbare Gefühl des Sich-Öffnens und freimütig Zeigens bestimmten Eigenschaften des geliebten Menschens zugeschrieben. Also, ich bin vollständig, weil ich dich hab und du so und so bist. Ich hab dem entgegen gesetzt, dass es mehr darum geht, dass ich mich in Gegenwart eines anderen Menschen voll erlebe und ohne Scham oder Angst, mich ganz zu zeigen. Statt der Scham fühl ich dann meine eigene Schönheit und die des anderen. Und dann bin ich gern mit der Person zusammen, um das erleben und gemeinsam genießen zu können. Der Unterschied liegt darin, dass ich im letzteren Fall mehr Kontrolle und Verantwortung dafür erkenne, dass ich mich so öffne.
Wahrscheinlich haben wir das alle mal mehr oder weniger erlebt. Vielleicht nicht in der Tiefe, vielleicht auch nur ganz kurz, vielleicht wurde auch nur mal die Sehnsucht danach wach, die Möglichkeit erschien am Horizont, ohne dass sie sich erfüllt. Vielleicht aber ist euer Leben auch voll von solchen Begegnungen. Ich wünsche es euch zumindest. Aber je nachdem, was ihr damit erlebt habt, werdet ihr wahrscheinlich unterschiedliche Haltungen gegenüber Intimität und Nähe gegenüber anderen Menschen haben. Und mir scheint, dass zwei sehr unterschiedliche Haltungen sich beide mit einer offenen Beziehung vertragen.
Offenheit als Flucht
Die eine Haltung, die ich präkonventionell nennen will (relativ zur Konvention der Monogamie), entsteht aus dem Erlebnis, einem Menschen sehr nah gekommen zu sein, die Sehnsucht nach Liebe in voller Wucht gefühlt zu haben und dann… alleine gelassen worden zu sein. Wenn ich diese Sehnsucht komplett diesem Menschen zuschreibe, der sie ausgelöst hat (und selten sieht jemand einen anderen Weg, denn schließlich lernen wir Liebe ja durch die Begegnung mit bestimmten Menschen kennen), dann ist es wahrscheinlich, dass wir aus diesem Erlebnis Schlussfolgerungen ziehen. Diese bestimmen dann unsere Haltung zu unserer eigenen Sehnsucht, unserem Bedürfnis nach Liebe, zu anderen Menschen und der Welt als ganzem. Und ein Satz, der besonders förderlich wäre für den Wunsch nach offenen Beziehungen im präkonventionellem Sinn, ist: „Wenn ich meine Sehnsucht voll zeige, verliere ich denjenigen, der mir da gegenüber steht.“ Um dem aus dem Weg zu gehen, lasse ich mich dann auf niemanden mehr wirklich ein. Also keine Frau kann mir so nahe kommen, dass sie meine Sehnsucht berührt, denn „sie hielte das ja gar nicht aus und ich wäre wieder alleine – was nur bestätigen würde, dass mich niemand lieben kann.“ Mit mehreren Menschen körperliche Intimität zu teilen, wäre dann ein Weg, diese potentiell bedrohliche Situation zu meiden und zumindest immer einen Ausweg zu einer anderen Frau zu haben, falls es mit der einen heikel wird. (Ich schreibe das aus männlicher Perspektive, für Frauen gilt das natürlich genauso.)
Ich nenne das präkonventionell, weil mir, abgesehen von ehemals politischen und noch immer brandaktuellen Kindererziehungs-Gründen, die Monogamie als Konvention den Sinn zu haben scheint, eine gewisse Tiefe im Kontakt zu erlauben. Das heißt, wenn die Kontinuität des Zusammenseins einigermaßen gewährleistet ist, ist es sicher genug, mehr von mir zu zeigen und ein Vertrauen darin zu entwickeln, dass der andere wirklich gern empfängt, was ich von mir zeige. Gerade, wenn ich das gar nicht gewohnt bin, kann die Kontinuität sehr wichtig sein, bevor ich bereit bin, mich zu öffnen. Wir nennen das für gewöhnlich Treue. In einer offenen Beziehung präkonventioneller Art gibt es aber keinen Rahmen dafür, sondern der Sinn ist gerade, diesen tieferen Kontakt zu vermeiden. Kinder hätten in dieser Umgebung wohl auch wenig zu suchen, bzw. wäre es sehr schwer einen stabilen Rahmen für sie zu bekommen.
Offenheit als Überfluss
Mir ist wichtig, diesen sicheren Rahmen zu schaffen und auch, ihn für mich zu haben. Diesen Teil der Konvention möchte ich mitnehmen, wenn ich mich frage, wie Zusammensein für mich aussehen soll. Denn ich möchte sehr gern diesen tiefen Kontakt erleben, bei dem sich mein Herz ganz weit öffnet und ich den Mut habe, all meine Sehnsüchte preis zu geben. Ich merke nur, dass, wenn sich dieser Kontakt tatsächlich herstellt, ich ihn nicht nur mit einer Person teilen will. Nicht, weil mir das nicht genug wäre und ich nach mehr giere, sondern, weil ich so reich beschenkt bin, dass ich vor Offenheit und Liebe überfließe. Es ist eine enorme Inspiration, bei jemandem ganz anzukommen. In dieser Inspiration und diesem Reichtum, werde ich sehr großzügig, verliere die Angst hinter meiner Eifersucht und werde neugierig auf Menschen, die ich vielleicht sonst nicht so leicht an mich ranließe. Ich hab noch nie Ecstasy genommen, aber den Beschreibungen nach ist das genau so, bloß ohne die Nebeneffekte…
Das nenne ich also den postkonventionellen Grund dafür, eine offene Beziehung führen zu wollen. Er beruht gerade auf der tiefen Begegnung mit einer bestimmten Person und der Kontinuität, dem gemeinsamen Wachstum und der Entwicklung und einem Umgang miteinander, der darauf ausgerichtet ist, diese Tiefe und Offenheit zu pflegen. Als postkonventioneller Grund schließt er außerdem das Vertrauen mit ein, was in der Monogamie gesucht wird, definiert aber das Wort Treue um in Treue zu sich selbst und Transparenz mit dem anderen. Das fordert natürlich wesentlich mehr von einem Menschen, als die präkonventionellen oder konventionellen Formen des Zusammenseins, aber es erlaubt auch mehr Fülle und Möglichkeiten. Die üblichen Regeln und Absprachen gelten nicht mehr, aber es ist dennoch wichtig, voneinander zu wissen, was einem gut tut und was nicht. Von daher fordert so ein Zusammensein vor allem Klarheit und Verantwortung für die eigenen Gefühle und Bedürfnisse, so dass die vermittelt werden können, ohne vorschnelle Annahmen zu machen oder zu erwarten, dass der ander besser weiß, was ich brauche, als ich selber (und ihn dann dafür zu kritisieren, nicht auf mich achtgegeben zu haben).
Ich empfinde das als große Herausforderung, im postiven, wie im negativen Sinne. Das heißt, ich merke, wie ich an dieser Stelle wirklich sehr klar sein und Position beziehen muss, damit der Kontakt schön ist, womit ich mich selbst auch besser kennenlerne. Zuweilen fühl ich mich auch überfordert, habe Angst mich zu zeigen und mein Gegenüber zu verlieren. Ich glaub aber, dass es eine Kunst gibt, diesen Kontakt in seiner Tiefe immer wieder zu finden und gleichzeitig ihn mit Leichtigkeit mit vielen Menschen zu leben. Das möchte ich gerne.