Ist schon merkwürdig. Jetzt sitze ich hier in einer Wohnung im Plateau Montréal und schreibe auf einer französischen azerty-Tastatur während ich meine Füsse wärme. Der Besitzer des Laptops ist Johan, ein Student von Sciences Po Paris, der gerade Austausch in Montréal macht und hier zur Uni McGill geht. Das beste ist, dass ihm Johannes Name in der Liste seines Jahrgangs aufgefallen ist, da er ja gleich ausgesprochen wird. Bekloppt wie das zusammen kommt.
Wie ihr seht bin ich offenbar gut angekommen. Auch wenn es nicht unproblematisch verlief. Der Zug nach Frankfurt hatte Verspätung - das Flugzeug nach Montréal auch. Das wussten meine Mutter (die mich netterweise noch nach Frankfurt begleitet hat) und ich aber nicht, bis wir abgehetzt, mehrere nicht funktionierende Rolltreppen hinter uns, am Check-in ankamen. Dort gabs noch ein Computerproblem mit meinen zu langen Vornamen (das wird sich mein Vater damals so nicht vorgestellt haben, als er sie mir gab). Beim Boarding habe ich noch Nora und Martin getroffen, die beide mit mir im Sprachkurs waren. Das war ganz gut - nicht ganz alleine. Im Flugzeug neben mir sass ein Senegalese (heisst das so?), der ein Semester Jura an der Université de Montréal studieren will. Wir haben uns auf französisch unterhalten. Beruhigend, dass auch er noch kein Zimmer hat.
Aus irgendeinem Grunde wurde ich vom Zoll kontrolliert. Nahe liegend ist, dass es was damit zu tun haben könnte, dass ich den lettre d’admission zwar in meinem Rucksack, das aber vergessen hatte. Ich konnte also nicht beweisen, dass ich hier studieren würde. Mir war mulmig zu Mute. Ging aber gut. Keine Anthrax-Überreste gefunden und von Maul- und Klauenseuche auch keine Spur. Schön, dass sie hier keine Fotos oder Fingerabdrücke machen wollen.
Vom Flughafen bin ich mit dem Taxi zur Jugendhergerbe gefahren. Das war einfach, gut so. Der Taxifahrer meinte, nachdem ich gesagt hatte was ich studiere, dass ich wohl immer zu tun haben werde - die ganze Welt sei schliesslich krank. Irgendwo hat er Recht, irgendwoanders auch überhaupt nicht. Ich lachte und beliess es dabei.
In der Jugendherberge hab ich eingecheckt, mein Zeug abgestellt und bin losgegangen, eigentlich um eine SIM-Card zu kaufen. Dazu kam es bisher noch nicht. Ich bin ziemlich viel gelaufen. Schön ist es hier. Ich mag die schnuckeligen Häuser und dass man gleichzeitig Montréal als Stadt ernst nehmen kann wenn man downtown herum läuft. Aber kalt ist’s. Ziemlich sogar. Ich bin zwar gut eingepackt, aber die Thermo-Hose hält die Beine vom frieren nur rudimentär ab. Der Schnee knirscht und bringt zum rutschen. Ich bin immer wieder in Geschäfte gegangen, um mich aufzuwärmen.
In einem davon hab ich Charlie angerufen, von der ich hoffte, dass sie ein Zimmer für mich hat. Dem ist nicht mehr so. Ihr tat es leid, mir auch, aber sie lud mich ein trotzdem vorbei zu kommen. Das war gut, besserte meine Laune erheblich. Weniger einsam ist das. Danach hab ich von den vor allem wärmenden Kopfhörern gebrauch gemacht und die Red Hot Chili Peppers brachten Swing in meinen Gang.
Nach einem langen Rundgang, einem Besuch beim Gebäude meiner Fakultät, dem erstmaligen Gebrauch der Metro und einem vergeblichen Versuch Charlie nochmal zu erreichen, bin ich einfach zu der Adresse gegangen, die sie mir gegeben hat. Da hat Johan geöffnet, der ganz überrascht war, dass ich seinen Namen kannte und noch ein paar andere Dinge wusste. Er hat mich herzlich eingeladen, ich durfte es mir gemütlich machen und diesen Eintrag schreiben.
Das Zimmer auf das ich hier gehofft hatte ist vergeben, aber es scheint genug Leute hier in der Nachbarschaft zu geben, die noch jemanden suchen. Johan meinte hier gleich nebenan. How convenient. Alistair Watts hat das Zimmer bekommen. Er kommt aus Australien und beendigt hoffentlich bald sein Architektur-Studium. Ist nicht so einfach dabei zu bleiben sagt er. Wir hatten gerade eine sehr schöne Unterhaltung und bin wirklich froh um den Kontakt, den ich hier jetzt heute hinzu gewonnen habe.
Jetzt werde ich mich mal aufmachen um zu schlafen. Ich hoffe die Metro fährt. Es ist 5 Uhr bei den meisten von euch. Also definitiv Zeit sich auszuruhen.