Eigentlich wollte ich ja erst wieder schreiben, wenn die Sache mit dem Zimmer erledigt ist. Und das ist sie leider noch immer nicht. Dann wiederum erlebe ich ja doch eine Menge in der Zwischenzeit und es waere schade, dazu nichts zu schreiben.
Zunaechst zur Zimmersuche. Ich habe einige besucht und so langsam wird klarer, was mir gefaellt und was nicht. Viel Platz brauche ich nicht, aber Zugang zu den anderen Mitbewohnern. Die Lage ist mir wichtig, moeglichst in einer Gegend, in der ich gerne durch die Strassen gehe. Das waere hier das Plateau, oestlich vom Mont Royal. Ich hab drei Zimmer im Blick gerade, die das alles haben. Ich warte auf eine Bestaetigung und hoffe sie bald zu bekommen.
Die Uni hat am Montag begonnen, was die Situation momentan nicht gerade einfacher macht. Richtig eingeschrieben bin ich noch immer nicht, weil den Leuten hier Informationen fehlen. Wahrscheinlich wegen dem Fehler, den die Leute in Maastricht gemacht haben (Unterlagen aus Versehen zum Immigrations-Ministerium geschickt, so dass sie nicht vor der Deadline bei der Uni waren). Ich hoffe, dass sich das regelt. Ich war trotzdem schon bei einigen Kursen, die ganz interessant wirken (mal sehen) und ich bin natuerlich vor allem vom Quebecois “beeindruckt”. Es ist wirklich nicht einfach. Der Kontext macht es einfacher (Psychologie ist mir ja nicht unbekannt) aber grundsaetzlich wird es wohl Zeit brauchen. Mein Gehirn wird sich drum kuemmern.
Es ist auch interessant zu beobachten, in welchen Situationen ich Muehe mit der Sprache habe. Manchmal kommt es einfach, manchmal hakt es total. Das ist nicht nur in Franzoesisch so, auch in Englisch. Keine Probleme hab ich vor allem wenn ich schlicht interessiert bin an dem, was ich da sagen will, oder worauf ich antworte. Dann ist der Fokus auf dem Thema und der Rest erledigt sich irgendwie. Je mehr ich solche Erfahrungen habe, desto groesser wird das Vertrauen in die Kompetenz und desto leichter wiederholt es sich. Soweit die Theorie. Ich hoffe, dass sich das auch so entwickeln wird.
Mit Niki und Cathrine, den beiden Maedels aus Maastricht, verstehe ich mich ganz gut. Wir sind dabei uns so nach und nach kennenzulernen. Ich bin froh, dass sie auch hier sind. Beide haben schon Zimmer gefunden.
Beim Leute treffen und sich vorstellen (fuer die Zimmer) ist mir aufgefallen, wie schade es ist, wenn man sich dann was erzaehlt und sich moeglicherweise nie wieder sieht. Deswegen hab ich bei den letzten drei gefragt, ob es ihnen Recht waere wenn ich einfach nochmal anrufe und wir was zusammen machen. Sie sagten alle ja. Ich nehm das erstmal so an.
Im Youth Hostel hab ich zwei Leute getroffen, die ich interessant finde. Die eine war Bhavya, eine Inderin, die am Dienstag wieder nach Calgary, Alberta, geflogen ist. Mit ihr hab ich mich ziemlich schnell darueber gut verstanden, dass wir beide keinen Small Talk mochten und all die Spiele uebersprungen haben, die man spielt, weil man fuerchtet, Ehrlichkeit waere gefaehrlich. So entstand eine schoene Atsmosphaere, etwas vertrautes. Ich war etwas traurig, als sie flog. Facebook und Skype werden fuer die Kontinuitaet sorgen.
Der andere ist Wael, er kommt aus dem Libanon, studiert Mathe und gibt Informatik-Unterricht. Er macht sich viele Gedanken ueber Sozialen Druck, Konditionierungen, Dominanz-Gesellschaften. Wir konnten also ueber einiges reden. Mir war wichtig, bei all dem Druck und dem Einfluss, den die Gesellschaft auf uns hat (und den er als aeusserst destruktiv betrachtet), dass wir immer noch waehlen zu tun, was wir tun. Dass uns niemand das abnehmen kann. Und dass wir unsere Entscheidungen nachher vielleicht nicht moegen werden, sie aber doch die besten und schoensten waren, derer wir uns in dem Moment bewusst waren. Er ist skeptisch aber mag, dass ich mir darueber Gedanken mache. Er hat mir empfohlen meine Doktorarbeit ueber so ein Thema zu schreiben.
Ich hab ihn gefragt, ob er betroffen ist von dem Krieg, der letztes Jahr im Libanon stattfand. Er sagte, er haette zwei Freunde verloren. Ich fuehl mich ziemlich traurig, wenn ich daran denke. Ich konnte direkt eine Verbindung zu ihm spueren und hab dann gemerkt, was das bedeutet. Ich bin dankbar dafuer, dazu einen weniger abstrakten und persoenlicheren Bezug zu finden.
Ansonsten gefaellt mir Montreal immer mehr. Ich bin heute, es war schon gegen abend, ziemlich lange und weit ueber den Mont Royal gelaufen und war erstaunt wie still es da ist. Wirklich schoen. Rundherum Stadt, Lichter, Laerm. Der Himmel, die Wolken, gelb vom Strassenlicht. Da werde ich mehr Zeit verbringen.
Das Wetter ist momentan relativ warm. Letzte Woche Donnerstag war es sehr kalt (-16 Grad) und wurde dann waermer. Das ist ganz gut so, denn ich bin viel unterwegs.
Ich hoffe euch geht es allen gut. Und ich hoffe ich werde das naechste Mal zu berichten wissen, wie schoen es ist, ein Zimmer fuer mich zu haben.
Was?! Psychologie ist Dir nicht ganz unbekannt?! Das ist ja das Allerneueste
Etwas ernsthafter:
Willst Du Dir das wirklich antun mit der Doktorarbeit? Aus meiner Sicht bindest Du damit ganz schön viel Lebenszeit…
Herzliche Grüße
YC