Interim-Behausung und Lob für’s Hirn

16 01 2008

Ich sitze gerade in einem gut geheizten Zimmer in Mile-End, trinke O-Saft und ruhe mich ein wenig aus. Neben mir liegt offen die Zeitschrift mit dem Titel “Sciences et avenir”. Mein Laptop steht auf einem imposanten Computertisch zusammen mit Geräten, deren Dioden wild flackern. An der Wand des Zimmers hängen chinesische Kalligraphien und ein chinesisches Landschaftsbild, welches ich sehr schön finde. Auf dem Nachttisch liegt ein Buch. “Unconditional Love” steht darauf. Außerdem gibt’s ein großes Bett, Fernseher, Schrank und, was ja wohl in jeden ordentlichen Haushalt gehört, ein Fernrohr.

Das hier wird nicht mein Zimmer für die nächsten Monate, dafür aber für die nächsten paar Tage. Ich bin raus aus der Jugendherberge, um es etwas gemütlicher und billiger zu haben. Amin, dem das Zimmer gehört, hat für ein paar Monate einen Job in New York City und vermietet das Zimmer unter. Ishlam (oder Islam?), sein marokkanischer Zimmergenosse, hat mir gestern Abend nach einem angenehmen, lockeren Gespräch den Schlüssel gegeben, so dass ich heute morgen hier rein konnte, während er schon bei der Arbeit war. Ishlam meinte, am Wochenende kommen Freunde vorbei, Franzosen vor allem. Ich bin gespannt darauf. Wenn’s mir nicht gefällt, kann ich mich noch immer zurückziehen.

Irgendwie mag ich mit der Zimmersuche nicht aufhören. Es ist doch zu spannend. Es ist ein guter Grund, wildfremde Leute anzurufen und sie zu fragen, ob man vorbei kommen könnte. Dann trifft man sich, unterhält sich. Weniger, wenn man nicht viel zu sagen hat, und mehr, wenn es lustig ist und einem Ideen und Impulse gibt. In jedem Fall hat es sich gelohnt. Ich frage mich ja, wann ich mir erlaube das auch zu tun, ohne einen Grund dazu zu brauchen, der über den Wunsch nach Kontakt hinausgeht.

Ist euch das schon mal aufgefallen? Dass man dazu immer einen Rahmen sucht, in welchem es akzeptabel ist, sich Leute zu suchen, mit denen man gerne zu tun hätte. Ich habe nichts dagegen, ich mache das auch so. Aber es sagt etwas darüber, wie wir kulturell zu dem Wunsch nach Verbindung stehen. Er hat offenbar nicht Priorität. Sicherheit hat Priorität. Wenn ich was mache, was zum Hauptziel hat, sicher zu sein in der Versorgung meiner Grundbedürfnisse, dann ist es prima, wenn ich dabei Leute kennen lernen, so nebenbei. Es ist vernünftig und “goed meegenomen” wie die Niederländer sagen. Aber es ist nicht so leicht zu sagen “Ich such jetzt mal Leute”, hinaus zu gehen, an einer Tür zu klingeln und zu gucken was kommt. Auch wenn das, wenn man die kulturellen Regeln mal beiseite lässt, doch irgendwie das Naheliegendste wäre…

Soziale Netzwerke wie facebook machen das sehr viel einfacher. Man hat eine grobe Idee, was die andere Person interessiert und kann darauf eingehen. Gemeinsam einem Thema Aufmerksamkeit zu schenken ist eben einer der Pfeiler für funktionierende Beziehungen. Wenn das fehlt, wird es schon schwierig. Aber es ist nicht genug. Dazu kommt Gefühlsresonanz (z.B. nicht laut PAAAARTYYY schreien, während der andere offensichtlich müde ist ;-) ) und das Verstehen der Motive des anderen. Da waren noch zwei andere Faktoren, aber die habe gerade vergessen. Egal. Die drei finde ich schon gut zu wissen.

Mein Gehirn hat sich tatsächlich um’s Französisch gekümmert. Ich habe die drei Vorlesungen, die ich diese Woche hatte, schon wesentlich besser verstanden als letzte Woche. Ich spreche auch leichter und verstehe auch Leute besser, die auf der Straße an mir vorbeigehen und sich unterhalten. Das ist erleichternd und macht Spaß. Ich bin überrascht und fasziniert von dieser recht schnellen Entwicklung. Und ich darf darauf hoffen, dass das so weitergeht.

So manch einer von euch wird auch den Mythos mit sich herum tragen, dass man einfach sprechen, sprechen, sprechen muss, um eine Sprache richtig gut zu lernen. Ich nenne das einen Mythos, weil ich nach meiner Erfahrung nicht glaube, dass das der Punkt ist. Es ist sicher eine notwendige Bedingung, aber keine hinreichende. Viel wichtiger ist in meinen Augen das Vertrauen, dass die Sprachfertigkeit einem Verbindung und bereichernde Beziehungen erlauben wird. Es geht so viel schneller, wenn man im entsprechenden Land ist, weil dort die Wahrscheinlichkeit auf Verbindung eben so viel höher ist, wenn man die Sprache kann. Und dann ist es auch nicht schwer, die Energie zu mobilisieren, die nötig ist, um das zu lernen.

Das ist für mich persönlich DAS Motivationskriterium schlechthin! Und es wird immer wieder übersehen! Ohne Beziehungen läuft nichts! Man wird müde, alles wird sinnlos und öde und dann kriecht von hinten der Stress herauf, dazu Schuld oder Scham, weil man ja meint, es müsste einfach so gehen, wenn man sich nur anstrengt. Pustekuchen! Dafür sind wir nicht gemacht!

Nach wie vor ist Verbindung das wichtigste für mich bei der Zimmersuche. Die letzten paar Tage war ich etwas deprimiert, weil ich mir Vorwürfe machte, mich fragte, warum ich noch nichts hätte, das Geld meiner Eltern in der Jugendherberge ausgebe, ob ich zu wählerisch sei und dergleichen. Dabei will ich mich ehrlich gesagt einfach nur wohl fühlen und gut auf mich aufpassen. Es ist wirklich nicht einfach Unterstützung dafür zu bekommen. Fast alle Leute, mit denen ich darüber geredet habe, haben zunächst versucht mir gute Ratschläge zu geben, die ich mir selbst hätte geben können, da sie mir nicht neu sind. Und wenn sie merkten, dass ich damit nicht viel anfangen konnte, klang es so, als müsste ich dann eben darauf verzichten mich wohl zu fühlen. Ich fühl mich ziemlich einsam, wenn ich das höre. Ich bedauere sehr, dass der Unterschied zwischen Bedürfnis hören und Bedürfnis erfüllen so wenig bekannt ist. Einfach nur hören und verstehen kann schon so heilsam sein.

Trotzdem hab ich gestern dann den Rat angenommen, selbst eine Annonce zu starten, nachdem der Typ, der mir den Rat gab sagte “You know, it won’t hurt and… it might help!”. Das leuchtete mir ein. Ich hab in der Annonce ein bisschen von mir erzählt, was mich interessiert, was ich gerne hätte. Mir ist aufgefallen, dass dabei der Eindruck entstehen kann, dass ich alles unglaublich ernst nehme, denn schließlich ist ja die Welt in Gefahr und muss bekanntermaßen (von mir) in Ordnung gebracht werden. Das ist überhaupt die Gefahr, wenn man anfängt nachzudenken, es zu schwer zu nehmen, sich selbst mehr Verantwortung zu geben als man hat. Dann wiederum, wer versteht, dass es um den jetzigen Moment geht, der sieht auch, dass dafür Leichtigkeit und Humor sehr wichtig sind. Ich habe mein Hut-Bild hinzugefügt und prompt zwei Mails von Schwulen bekommen ;-) Außerdem schrieb einer, dass er bedaure kein Zimmer zu haben, aber ob ich nicht vielleicht anderweitig Lust hätte, was zu machen. Es sind auch ein paar interessante dabei in puncto Zimmersuche. Ich bin mal gespannt.

Am Sonntag habe ich per Zufall Johanne getroffen. Ich hab mich sehr gefreut sie zu sehen, es war eine schöne Überraschung in dieser großen Stadt.

Jetzt gleich werde ich mit Niki und Cathrine zu einer Info-Verantstaltung gehen für Reisen mit anderen Studenten. Ich melde mich bald wieder. Ich hoffe es hat Spaß gemacht bis hierhin zu lesen. Auf bald!


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4 Antworten

19 01 2008
le vicomte

Werter Baron!
Wie kann man sich euer dahin-siechen denn nun vorstellen? Eilt ihr durch die kalten Strassen, das Gepäck stets auf der krummen Rücken geschnallt? Habt ihr inzwischen einen Diener, welcher das essen bereitet wie’s euch mundet? Mir scheint ihr zieht häufig umher, und von Nahrung schreibt ihr nichts!
Ich hörte beunruhigende Nachrichten von der innerkanadischen Front, wo die Linien der kanadischen Armee unter dem Druck der tobenden Bärenschwadrone bald zusammenbrechen soll, habt ihr schon eine Abreise gebucht wenn sie tatsächlich im frühen Sommer Montreal stürmen sollten?
Voller Sorgen wundert sich
le vicomte

19 01 2008
niklasbringtdieweltinordnung

Werter Vicomte!
Wie aufmerksam Euer Auge meine Berichte erfasst! Der Diener fehlt mir wohl und ich nehme mal hier mal da Nahrung zu mir, wo es gerade passt. Für’s Gepäck miete ich mir Mätressen, welche, sofern sie nichts anderes zu tun haben, nichts weiter unternehmen als Wache zu halten. Doch sind sie unsichtbar und nur ich bin dieses Geheimnisses kundig.
Die Bärenschwadrone erregen auch meine Sorge. Der Guerilla-Krieg tobt nun schon seit Jahren und es ist eine Plage sich ununterbrochen vor Honigwaben-Blindgängern in Acht nehmen zu müssen. Jeden Moment könnten sie hochgehen und alles verkleben. Die kanadische Armee spricht von Verlusten, welche im Verhältnis denen der US-Armee im Irak gleichen. Doch spricht davon niemand, da man die Queen nicht düpieren will. Es wäre auch nicht schicklich, sich von Bären besiegen zu lassen.
Das Ticket zur Abreise ist nicht gebucht, jedoch leicht erhältlich. Ich hoffe nur, dass der Ansturm darauf sich in Grenzen hält, sobald ich die Abreise für nötig erachte.
Es dankt für Eure Sorge
Euer Baron

28 01 2008
YC

Jetzt wird es mir aber langsam unheimlich. Was hat denn der Adel in Kanada zu suchen? Nahrung? Wohnung? Frauen?

Lasst doch einfach die armen Kanadier in Ruhe, die können schließlich auch nichts dafür … ;-)

Zum Thema Beziehungen: Ja, ich würde auch gern am liebsten mal rausgehen und einfach mal so bei Nachbarn klingeln, die ich noch nicht kenne. Hier in der autofreien Siedlung in Köln wäre das sicher akzeptierter als anderswo, und dennoch: Meine Sehnsucht danach ist nicht so groß als dass ich bereit wäre, dafür meinen Schutz aufzugeben. Schade eigentlich.

Umso erfreuter war ich, als dann für die Adventszeit eine Initiative von zwei Nachbarinnen in der Siedlung kam, einen 2begehbaren Adventskalender” in der Siedlung zu veranstalten. Das bedeutete: Wer wollte, konnte an einem der Adventstage ein Fenster dekorieren, Geschichten o.ä. erzählen oder auch was ganz anderes machen; jedenfalls kamen ganz viele Nachbarn und wir konnten uns ganz zwanglos kennen lernen. Ob und wie sich daraus eine Kontinuität ergibt, wird sich noch zeigen – das neue Jahr ist ja noch ganz frisch.

Mit ganz unadeligen (jedoch nicht unartigen) Grüßen

YC

28 01 2008
YC

Hallöchen abar auch,

Jetzt wird es mir aber langsam unheimlich. Was hat denn der Adel in Kanada zu suchen? Nahrung? Wohnung? Frauen?

Lasst doch einfach die armen Kanadier in Ruhe, die können schließlich auch nichts dafür … ;-)

Zum Thema Beziehungen: Ja, ich würde auch gern am liebsten mal rausgehen und einfach mal so bei Nachbarn klingeln, die ich noch nicht kenne. Hier in der autofreien Siedlung in Köln wäre das sicher akzeptierter als anderswo, und dennoch: Meine Sehnsucht danach ist nicht so groß als dass ich bereit wäre, dafür meinen Schutz aufzugeben. Schade eigentlich.

Umso erfreuter war ich, als dann für die Adventszeit eine Initiative von zwei Nachbarinnen in der Siedlung kam, einen 2begehbaren Adventskalender” in der Siedlung zu veranstalten. Das bedeutete: Wer wollte, konnte an einem der Adventstage ein Fenster dekorieren, Geschichten o.ä. erzählen oder auch was ganz anderes machen; jedenfalls kamen ganz viele Nachbarn und wir konnten uns ganz zwanglos kennen lernen. Ob und wie sich daraus eine Kontinuität ergibt, wird sich noch zeigen – das neue Jahr ist ja noch ganz frisch.

Mit ganz unadeligen (jedoch nicht unartigen) Grüßen

YC

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