Nachdem ich jetzt mehrere Nachrichten von lieben Freunden bekommen habe, aus denen ersichtlich wird, dass ihr ja noch nicht up to date seid, schreibe ich es jetzt mal offiziell auf: Ich bin sesshaft geworden!
Ich hatte ja erwähnt, dass ich letzte Woche selbst eine Annonce aufgesetzt hab. Das hatte die angenehme Konsequenz, dass sich Leute bei mir gemeldet haben, die etwas mit meinen Interessen anfangen konnten. Von denen wiederum haben mir Mario und Linda am besten gefallen. Sie haben ein Apartment im Mile-End gar nicht weit weg von meiner Interim-Behausung. Der Bus zur Uni ist in der Nähe und das Viertel wirkt insgesamt sehr freundlich, auch wenn der Winter momentan nichts freundlich wirken lässt, was einen Spaziergang in Kälte und Schnee erforderlich machen würde.
Mario und Linda sind ein Paar, sie 38, er 41 Jahre alt, wirken aber beide jünger. Ich war etwas erstaunt, als ich ihr Alter erfahren hab. Mario ist Schauspieler für Theater, Filme, hat wohl auch Werbung gemacht und schreibt gerade an einem Theaterstück in welchem er die üblichen Muster in Liebesbeziehungen darstellen will. Muster, die jeder kennt und die jeden mehr oder weniger aufregen, so dass sich auch jeder direkt verstanden fühlt, wenn er das sieht. Im Grunde genommen ist es das Rezept für jede Beziehungskomödie, aber wenn ich ihn richtig verstehe, will er es etwas tiefer machen, so dass etwas mehr von der eigentlichen Absicht und Komplexität dahinter klar wird. Also die Absicht, die normalerweise missverstanden wird und so zu diesen Selbstläufern führt. Ich will mal sehen, ob ich ihm dabei helfen kann. Wird bestimmt spannend und lustig. Linda singt und schreibt Lyrics, die vor allem innere Freiheit, inneres Gefängnis zum Thema haben. Ich habe einen Song gelesen (nicht gehört) und das gut ausgedrückt darin gefunden. Er heißt „Peter Pan“. Sie hatte schon einige größere Auftritte, aber das ist eher unregelmäßig. Ansonsten hat sie noch drei Tage in der Woche einen Job. Sie sind beide bilingual, Mario eher französisch, Linda eher englisch. Linda ist in Montréal geboren, hat deutsche Eltern, die aber zu Hause Englisch mit ihr gesprochen haben. Deutsch ist für sie sehr mühsam. Mario ist in einem kleinen Dorf nördlich von Montréal aufgewachsen. Spricht also auch mit ordentlichem accent québécois. Dann ist da noch Emily. Sie kommt aus Australien und bewohnt gerade noch das Zimmer, welches sobald meines sein wird. Zwei Mitstudentinnen haben sie überzeugt, doch bei ihnen einzuziehen. Ich bin gerade noch in dem Gästezimmer, welches etwas kleiner ist. Sie war es, die auf die Annonce reagiert hat. Sie ist ganz süß, etwas ruhiger als die beiden und ich mag ihren australischen Akzent. Ich wechsel ja immer den Akzent, je nachdem, mit wem ich spreche. Eine Britin, mit der ich im Zuge der Zimmersuche einmal gesprochen habe, sagte mir „Your accent is brilliant!“ Sie konnte nicht sagen, woher ich kam, irgendwo in England eben. Hat mich sehr gefreut! Gestern erzählte mir Emily, dass sie zehn Tage im Himalaya, Nepal, wandern war, zusammen mit Leuten, die sie seit fünf Jahren nicht gesehen hatte. Sie sprach von Präsenz und Wandern als Walking-Meditation. Ich kann’s mir so gut vorstellen. Das ist auch der Aspekt, der mir so an dem Korsika-Urlaub mit Johanne gefallen hat: Absolute Präsenz, da wir nur einen rudimentären Plan dafür hatten, was wir machen würden. Und alles war cool, weil es nichts gab, wozu wir es hätten vergleichen können. Ich denke sehr gern daran zurück.
Der Freitagabend, an dem ich Mario, Linda und Emily zum ersten Mal getroffen habe war ein schöner Abend mit angeregter Unterhaltung, Tee und viel Spaß. Mich hat sehr berührt, wie Linda mir am Ende des Abends einen Stein gab, den sie in Gaspé aufgesammelt hatte. Er ist auf einer Seite gemustert, auf der anderen Seite glatt und ohne Muster. Und sie gab ihn mir, weil sie spürte, dass da auf der einen Seite eine Menge Komplexität in mir ist, ich aber auf der anderen Seite die Tendenz habe, das Simple in mir nicht genügend zu wertschätzen oder sein zu lassen. Als ich am Tag darauf nochmal daran dachte, war ich so berührt, weil mir klar wurde, dass die simple Seite, die ohne Anstrengung, ohne Tun, einfach im Sein begründet ist, genauso liebenswert ist und ich nichts tun muss, um sie zu erhalten. Und ich fand so wunderschön, dass Linda das gesehen hatte.
Gestern hab ich mit Mario in einer Kneipe gesessen (die rauchfrei war! Überhaupt, das Rauchverbot ist klasse! Meine Klamotten riechen auch danach noch angenehm.) und wir haben ein tolle Unterhaltung gehabt. Ich spreche gern Französisch mit ihm, weil ich keine Angst hab, dass dabei meine Intention unter den Tisch fällt, falls ich sie nicht direkt ausdrücken kann. Wir wechseln dann auch schon mal zu Englisch.
Zwei Dinge hab ich mitgenommen: Das eine war die Frage, was möchte ich zurücklassen, wenn ich sterbe? Wenn ich da liege und die Leute sich überlegen, was man über mich sagen kann. Mario stellte diese Frage und ich hab nach einer Antwort gesucht. Als sie mir einfiel hat mich das sehr berührt: Menschen daran erinnern, wie sie „tanzen“ können. Wie sie Verbindung zu sich, zum Leben, zu anderen finden. Diese Erinnerung, Inspiration will ich zurücklassen. Mario meinte auch, es sei wichtig genau zu sein, genau zu sagen wodurch man das machen will, in welcher Form. Eine Bitte an sich selbst also. Er ist Schauspieler, Comidien und macht es über Geschichten. Ich bin mir noch nicht sicher, wie ich es machen will. Meine Stärke ist Klarheit, Dinge auseinanderhalten, aber ich weiß nicht, ob ich dabei bleiben will, weil ich dabei selbst manchmal die Leichtigkeit verliere. Mal schauen, vielleicht kann ich das noch mit einbeziehen.
Das zweite war folgendes: Mario fragte mich, wenn ich die Wahl zwischen Vanille oder Schokoladen-Eiscreme hätte, was würde ich wählen? Ich sagte Vanille. Er fragte warum. Ich sagte, weil ich es mag. Er meinte „Test nicht bestanden“. Er fragte nochmal. Ich wählte wieder Vanille und er wollte wiederholt wissen warum. Ich überlegte kurz und sagte „Weil ich Vanille gewählt hab.“ Er: „Gratuliere, Test bestanden.“ Er war beeindruckt und meinte „Du hast dich ein bisschen Zen beschäftigt, oder? Und das mit deinen 23 Jahren…“
Was ich daraus mitnehme ist etwas soooo Wichtiges: Ich brauche meine Handlungen NIE zu rechtfertigen! Wenn ich etwas tue, dann weil ich etwas tue. Die von euch, die mich etwas kennen, wissen, dass ich schnell dabei bin, meine Handlung damit zu begründen, dass sie ein Bedürfnis erfüllen. Und mir ist gestern aufgefallen, wie leicht man das zur Rechtfertigung machen kann. Das hat dann die Konsequenz, dass man, weiß man gerade nicht, welches Bedürfnis es ist, sich für einen total Idioten hält, der Blödsinn gemacht hat. Die Konsequenz daraus ist Schuld oder Scham. Mario sagte es wunderbar: „Wenn du etwas machst, dann impliziert das schon, dass da hinter ein Bedürfnis ist. Das musst du nicht noch nennen oder zur Rechtfertigung heranziehen. Tust du das nämlich, lebst du immer in Angst vor der Zukunft, vor dem Moment, indem du an die Handlung zurückdenkst und dir nicht mehr einfällt, warum du’s gemacht hast. In dem Moment, indem du das dann nicht mehr weißt, nimmt dein Selbstwert Schaden. Und so lange du damit beschäftigt bist, deinen Selbstwert zu schützen, bist du nicht in der Lage zu leben, zu lieben, zu schaffen und zu tanzen.“
Die interessante Frage ist außerdem nicht warum ich etwas mache, warum etwas passiert, sondern WAS. Was sollte man schon auf Warum antworten? Man könnte die Erklärung nach hinten verlegen und meinen, vergangene Ereignisse hätten einen zu diesem Schritt gezwungen. Nun, das bringt nicht viel, denn diese Vergangenheit war ja auch mal Jetzt, oder? Woher kommt das alles? Es scheint plötzlich aus dem Nichts heraus aufzutauchen! Jetzt, und Jetzt, und wieder Jetzt. Das bekommt man aber nicht mit, wenn man es ständig an vergangene Ereignisse knüpft (die man zur Rechtfertigung nutzt) und es fällt einem auch nicht auf, welche Möglichkeiten man hat, es mal total anders zu machen. Man kann es immer so weiter machen, das ist okay. Man kann auch alles umschmeißen und es komplett anders machen, ebenfalls okay. Man kann es machen wie man es macht!
Ihr seht schon, warum ich mir diese Wohnung ausgesucht habe
Die Uni interessiert mich momentan leider nicht so besonders. Ich kenne die Themen schon ganz gut. Das an sich wäre nicht schlimm, wenn’s nicht so wenig Kontakt gäbe. Ich merke wie unterschiedlich der Zugang zu meinem Französisch für mich ist. In der Uni ist der viel beschränkter als jetzt z.B. mit Mario. Dass ich selbst nicht so gerne einfach jemanden anspreche (für welche dieser schönen Frauen soll ich mich denn entscheiden?) hat natürlich wieder mit dem Selbstwert zu tun. Da ich gerade selbst etwas darüber geschrieben habe, könnte ich mir an die eigene Nase packen und versuchen der Weisheit etwas Praxis folgen zu lassen. Aber naja. Ich mach’s eben wie ich’s mache.
Heute ist das Wetter fein
man geht raus und bummelt
drum hat das Sams Herrn Oberstein
ganz fürchterlich beschummelt.
In diesem Sinne, bis bald!
Hallöchen, Du Sesshafter!
Wie schön zu lesen, dass ich auch von Dir daran erinnert werden kann, darf, … , wie ich tanzend mit mir in Verbindung komme. Ich freue mich jedenfalls schon sehr darauf! Und habe das ja auch bereits genossen.
Jo, das war’s an Kommentar für heute.
Sag mal, bin ich eigentlich (fast) der einzige, der hier was schreibt oder bekommst Du auch privat Reaktionen auf Deine Berichte?
A très bientôt, mon pote,
YC