Verfasst von: niklasbringtdieweltinordnung | April 7, 2008

Es taut

Die Sonne kommt mehr und mehr, die Leute gehen en masse auf die Straße und es wirkt so wie nach dem Winterschlaf. Am Freitag hatte es nochmal geschneit, aber ich vermute, dass es das letzte Mal ist. Und der Frühlung wird vermutlich schnell zum Sommer werden. Ich freu mich darauf.

Ich habe ein anstrengendes aber auch bewegendes Wochenende hinter mir. Ich bin bei einem Workshop für Emotionale Intelligenz gewesen, empfohlen durch meine Mitbewohner Mario und Linda. Ich habe es nicht nur genossen und war manchmal auch ganz gestresst, aber andererseits hab ich doch einiges gelernt.

Die Absicht hinter dem Seminar ist, den Teilnehmern zu zeigen, wie sie über ihre Ängste und Gewohnheiten hinweg die Dinge leben können, die sie wirklich leben wollen. Oft weiß man ja, was man wirklich leben will, wenn man nur nicht die Angst hätte, dass man es nie bekommen könnte. Dieses “Das geht sowieso nicht.” hat seine Geschichte. Und die hat höchstwahrscheinlich damit zu tun, dass eines Tages, als man klein war, irgendwer nicht so reagiert hat, wie man es gebraucht hätte, um zu spüren, dass hinter allem was man tut Liebe ist. Diese Erlebnisse werden also interpretiert. Und weil die Interpretation so beängstigend ist, wird sie verdrängt, verschmilzt mit dem gewohnten Weltbild und dann heißt es “Das geht sowieso nicht” ohne dass man es je wirklich nochmal testen würde.

Jetzt kann man das intellektuell alles toll durchschauen (womit ich keine Schwierigkeiten habe), ohne dass es irgendwelche Konsequenzen im Leben hätte. Man bleibt ängstlich. Man will es immer noch nicht testen. Denn was wenn man es testet und das Trauma wiederholt sich? Was wenn mir nichts anderes bleibt, als zu glauben, dass ich einfach nicht in diese Welt gehöre? Dass mich niemand lieben kann, dass ich niemanden lieben kann? Dass ich abgetrennt bin, allein, auf mich gestellt, gegen alle anderen und alles andere?

Es braucht eine andere Art von Erfahrung, um das zu lösen. Eine die so stark und intensiv ist wie die ursprüngliche Trauma-Erfahrung, bloß in die andere Richtung. Und ich hab so eine Erfahrung gehabt. Der Prozess ist folgender: Jemand hält zwei Punkte an meiner Stirn, wodurch ich weniger Stress habe und mich entspannen kann. Außerdem fühlt es sich warm an, man wird gehalten. Ich schließe die Augen. Ich werde gefragt, was mich momentan am meisten bedrückt. Wie fühle ich mich damit? Ich geh wirklich in mein Herz, da wo der Schmerz ist. Ich sage was da ist. Ist da noch etwas? Ich sage alles, was ich fühle. Dann werde ich gefragt, was die Situation ist, die am längsten her ist, in der ich dasselbe gefühlt habe. Der Schmerz wird intensiver. Ich versuche ein klares Bild zu bekommen, ein klare Situation. Ich werde gefragt, wie ich mich als kleines Kind fühle. Ich sage es, Tränen steigen in die Augen, Verzweiflung, Angst, Verletzung, Wut, Ohnmacht, Einsamkeit. All das ist da. Immer wieder werde ich gefragt, ob da noch etwas ist, so dass wirklich alles raus kann und ich nicht vorher aus der Verbindung damit gehe. Nachdem ich alles ausgedrückt habe, werde ich gefragt mich in die Person zu versetzen, die das ausgelöst hat. Wie sie das empfängt. Ich fühle nichts als Bedauern und Liebe für dieses kleine Kind. Und ich bin da, einfach präsent. Als ich dann wieder zu mir zurückkomme kann ich vergeben und vertrauen.

Danach hat mein Körper total vibriert, mein Kopf war leicht, ich dachte nur “Krass!” Und die Erfahrung der Liebe und Vergebung ist wirklich stärker als die Angst. Sie ist viel plausibler und ich fasse Vertrauen. Das ist toll!

Ansonsten gibt’s ein paar Punkte, die mir nicht so sehr gefallen. Madeleine, die Trainerin, redet viel vom Ego und dem wahren Selbst, dem spirituellen Wesen. Ich mag das Konzept Ego nicht. Es ist verwirrend und schafft Feindbilder. Woher weiß ich, was mein Ego ist und was das spirituelle Wesen? “Das Ego verteidigt sich, weil es denkt, es muss sich verteidigen.” Aha. Sehr erhellend. Ich meine, so wie ich es verstehe ist das Ego nichts anderes als bestimmte Gedanken, die suggerieren, dass was immer gerade los ist und erfahren wird, nicht in Ordnung ist. Das irgendwas nicht stimmt, entweder mit mir oder mit der Welt. Dass etwas fehlt. Aber das ganze “Ego” zu nennen verstärkt doch die Identifikation damit geradezu! Und jemand, der diese Gedanken glaubt, der wird so Sätze wie “Das Ego beherrscht dich!” ganz sicher nicht auf eine konstruktive Weise interpretieren können, da er dann denkt, dass etwas in ihm ist, was er nicht lieben kann. So ging es mir jedenfalls immer wieder. Um den Begriff zu benutzen, man kann das Ego nicht mit dem Ego verändern. Das ist wie Feuer mit Feuer löschen zu wollen. Also halte ich nichts davon, überhaupt in den Begriffen zu denken.

In der Gewaltfreien Kommunikation gibt zwar auch den Wolf und die Giraffe, aber es wird immer wieder gesagt, dass der Wolf eine Giraffe mit Sprachproblemen ist. Man muss ihn nicht dafür hassen, im Gegenteil, es ist wichtig, ihn zu verstehen. Selbst wenn hinter seinen Aktionen am Ende nichts anderes steht, als ein Missverständnis aus der Kindheit. Aber das geht nicht dadurch weg, dass man es intellektuell aufklärt. Dafür ist einfach zu viel Angst damit verbunden.

Was mir gefällt ist, dass Madeleine betont hat, dass man sich entweder in der Opfer-Haltung oder der Haltung der Verantwortung befinden kann. Und letztendlich dient einem nur letztere. Es hilft nie, jemand anderen für sein Leid verantwortlich zu machen. Gerade wenn man das wirklich glaubt, zieht es einen besonders runter und beraubt einen aller Möglichkeiten, das Leben so zu gestalten, wie man es möchte. Hinzu kommt, dass man andere Leute ebenfalls für Opfer hält und sich für deren Leid verantwortlich macht. Das sperrt noch mehr ein. Wie kommt man da heraus? Untersuchen, welches Urteil man da im Sinn hat und was einem das über die eigenen Glaubenssätze und Bedürfnisse sagt. Letztendlich ist wahrscheinlich, dass der gleiche Mist einem immer wieder passiert, einfach weil man sich keine andere Interpretation für das spezielle Verhalten vorstellen kann - und die Liebe dahinter übersieht.

Aus dem Grund mag ich auch das Buch “Liebe dich selbst und es ist egal wen du heiratest.” Ich glaube, wenn die Beziehung nicht läuft, dann weil beide Partner sich nicht öffnen mögen, Angst haben ihre Verletztlichkeit, Ohnmacht, Schwäche zu zeigen. Damit aber werden sie auch unberührbar. Und nur wenn man sich so öffnet, kann man echte Intimität haben. Wenn die Ursache dafür in der eigenen Angst liegt, ist wohl auch klar, dass einen die Angst zum nächsten Partner begleiten wird. Und dass einem der nicht helfen kann, wirkliche Intimität zu finden, wenn man sich nicht öffnen will. Es geht einfach nicht. Das heißt, es liegt in meiner Hand, dass ich meinen Teil dazu tue. Das schafft ein Potenzial, was mir gefällt.

Ich habe eine Menge Französisch gesprochen und gehört. Das hat auf jeden Fall was gebracht.

Ich habe ja lange nicht geschrieben. Ich habe hier so mein alltägliches Leben, mit Uni, viel schreiben und , lesen, hin und wieder Leute sehen. Ich habe die fixe Idee, dass ich gern mehr Leute treffen würde, aber ich bin gar nicht sicher, ob ich das wirklich will. Ich fühl mich ganz wohl mit mir momentan und hab eher das Gefühl, dass das ein Anspruch ist, der nicht von Herzen kommt. Also muss ich dem nicht folgen.

Es bleibt noch eine Woche, danach sind Examen und danach ist das Trimester vorbei.

Ich werde mich jetzt bei CouchSurfing anmelden und dann mal sehen, wo ich noch alles hinwill. Ihr werdet von mir hören.

Einen Kommentar hinterlassen

Ihre Antwort:

Kategorien