Da das ein langer Beitrag ist, mache ich eine Zusammenfassung dessen, was hier steht:
- Lyndon LaRouche und seine Absicht wie ich sie verstehe
- Das Menschenbild hinter dem Großteil heutiger Politik
- Stufen der Enwicklung
- Entwicklungsfördernde und -hemmende Faktoren
- Was zu tun wäre
Ich war heute mal wieder bei einem Treffen der Lyndon LaRouche Youth Movement, einer politischen Bewegung, die sich darum bemüht, eine menschenfreundlichere und förderlichere Politik zu verbreiten. Ich treffe einige Leute da, die ziemlich viel wissen und eine Menge lesen, mein Schlag also. Ich bin über Lindas Neffen Matthew daran gekommen, mit dem ich ziemlich schnell einen Rapport hatte, so dass es Spaß macht, das weiterzuverfolgen. Mit den Leuten gibt’s dann Diskussionen zu Prinzipien, denen zufolge einige Leute Politik machen und was für (teils dramatische) Konsequenzen das hat.
LaRouche selbst beschäftigt sich vor allem mit Wirtschaftspolitik und hatte, als er jung war, mit Lehrern zu tun, die ein ziemlich rigides Verständnis von dem Stoff hatten, den sie vermittelten. Er berichtet in einem Artikel, den wir heute gelesen haben, wie er selbst sein eigenes Verständnis von Geometrie entwickelte, anhand des Beispiels von Schiffen im Hafen, wo ihn das Verhältnis zwischen Stärke und Masse des Materials, aus dem sie gebaut sind, faszinierte. Als er später in der Schule herausgefordert wurde, eine Definition von Geometrie zu geben, nannte er sein Beispiel – welches strikt zurückgewiesen wurde („Nein, das stimmt nicht – die richtige Definition ist…“). Von da an zweifelte er an dem, was konventionell an ihn heran getragen wurde und suchte selbst nach den Leuten, die seiner Ansicht nach wirklich etwas verstanden hatten, wirklich an die Kernannahmen einer Position herankamen. Er studierte sie und entwickelte so eine eigene Theorie zur Ökonomie, mit der er offenbar Vorhersagen machen konnte, zu denen sonst niemand gekommen war. Unter den Philosophen und Wissenschaftlern die er studierte finden sich Plato, Johannes Kepler, Gottfried Leibniz, Friedrich Schiller, William Shakespeare, Carl Gauss. Er produziert jede Woche eine Ausgabe seines Magazins EIR (Executive Intelligence Review) und scheint im Akkord Artikel zu schreiben. Er ist 86 Jahre alt und nutzt seine Zeit so gut er kann.
Mir scheint LaRouche hat bist heute Ärger und Frust in sich, was diese Situation in der Schule angeht (wird wahrscheinlich nicht die einzige gewesen sein). Alles was er schreibt und sagt hat etwas von „Ihr Idioten, ich beweis euch, dass ich es besser weiß!“ Das hat mich anfangs auch eher abgeschreckt. Aber was er zu meinen scheint, finde ich eigentlich schön: Es geht ihm darum, dass man selbst anfängt zu denken, seiner Kreativität und seinem eigenen Verständnis, seiner Neugierde traut und sich nicht von den Konventionen eines „So ist es eben!“ blenden lässt. Und er möchte, wie ich ihn verstehe, zu einer Gesellschaft beitragen, in der das die übliche Art und Weise ist, mit sich, mit anderen und der Welt in Verbindung zu sein.
Dem gegenüber stellt er das philosophische Konzept des Imperialismus und deren Ausprägung, die oligarchischen Strukturen, die sich bis heute in der Politik vieler Ländern finden lassen – vor allem derer, die zuvor Kolonialherren waren, wie die Briten, Franzosen und Spanier. Gerade Groß-Britannien hat LaRouche auf dem Kieker. Und auch wenn ich wirklich Mühe hab mit den Feindbildern, die er immer wieder verwendet (ganz einfach weil ich meine, dass Feindbilder genau das Problem verschlimmern, um das er sich Sorgen macht), bin ich bereit mir anzuhören, was er da sagen will.
LaRouche identifiziert eine politische Philosophie, die sehr alt ist, aber immer wieder die gleichen Prämissen hat: es gibt eine Elite, die weiß was das beste für „alle“ ist und die demnach an der Macht bleiben muss. Das Bild, welches diese Elite vom Menschen hat, ist absolut bestimmt von Misstrauen und Angst. Der Mensch wird dargestellt als böse, selbstsüchtig und an nichts anderem interessiert als seinem kurzfristigen Profit, egal ob und wie viel andere dafür zahlen. Klingt sicher nicht neu. Thomas Hobbes hat es so gesehen, Niccolo Machiavelli und unzählige andere, die mir nicht einfallen wollen, weil ich diese Philosophie so scheußlich finde. Ich meine, sie hat ja ihren Ursprung. Es gibt Situationen und Umstände, unter denen Menschen sich so verhalten, dass man zu diesen Interpretationen kommen kann. Bloß das Dumme ist, dass man unter der Annahme, dass dies dem Menschen eine innere Eigenschaft ist, genau die Umstände erhält, unter denen man sich so verhalten wird: Knappheit an Ressourcen, an emotionaler Zuwendung, an empathischem und liebevollem Kontakt. Ohne das ist es kaum möglich über diese egozentrische Perspektive hinauszuwachsen. Und so erhält diese Elite genau den Typus Mensch, der ihre Existenzberechtigung darstellt. Eine Entwicklung darüber hinaus wird qua sozialer Struktur und Kultur sehr erschwert (was nicht heißt, dass es unmöglich ist, aber es wird eben nicht unterstützt, da das „center of gravity“ der Gesamtkultur einen „nach unten zieht“).
Wenn Ken Wilber das Konzept der Entwicklung erklärt, nimmt er sehr oft die moralische Entwicklung auf der Skala egozentrisch – ethnozentrisch – weltzentrisch als Beispiel. Ich habe schon öfter gesagt (und gerade die, die mich kennen, werden das nicht zum ersten Mal hören), dass ich in allem was ich tue, von der Prämisse ausgehen möchte, dass alle Menschen die gleichen Bedürfnisse haben. Das heißt, Leid ist universell. Jeder von uns leidet, wenn seine Bedürfnisse nicht erfüllt sind. Jeder von uns fühlt sich erleichtert, erfüllt, lebensfroh, wenn seine Bedürfnisse erfüllt sind. Allein das Bewusstsein davon, dass du genauso leidest wie ich, schafft Mitgefühl und Fürsorge, eine Öffnung, durch die wir uns spüren und verbinden können.
Dass ich sage, dass alle die gleichen Bedürfnisse haben, bedeutet aber nicht, dass sich jeder dessen gleich bewusst ist! Für dieses Bewusstsein bedarf es einer kognitiven Entwicklung, das heißt, man muss lernen, andere Perspektiven einzunehmen, als die eigene. Erst wenn ich deine Perspektive einnehmen kann, wenn ich mir gedanklich (was „kognitiv“ bedeutet) vorstellen kann, wie die Welt von deiner Seite aus aussieht, kann ich auch dein Leid nachempfinden. Kognitive Entwicklung ist also notwendig, aber nicht ausreichend für moralische Entwicklung. Denn es gibt sicher Leute, die für Taktik und ihren eigenen Vorteil ihre Fähigkeit nutzen können, sich in andere hineinzuversetzen und ihre Schachzüge vorherzusehen. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass ihnen bewusst ist, dass diese anderen ebenso leiden, wie sie selbst, und sich nach der Erfüllung der gleichen Bedürfnisse sehnen, wie sie selbst.
Der Begriff egozentrisch ist wohl fast so geläufig, dass ich ihn vermutlich nicht erläutern muss. Ich mach es trotzdem mal: Nur die eigenen Bedürfnisse und die eigene Perspektive, die eigenen Bewertungen aus dieser Perspektive entsprechen der Wirklichkeit. Jemand auf dieser Stufe wird sagen „Ich habe Recht, weil es nun mal so ist. Du bist einfach ein Idiot!“ Auf der Stufe ist es unmöglich, die eigene Perspektive zu relativieren, da es keinen Bezugspunkt außerhalb der eigenen Interpretation gibt. Und so fällt es z.B. auch schwer die Interpretation und die Beobachtung, auf der sie basiert ist, auseinander zu halten. Man hält seine Gedanken und Vorurteile für wahr.
Ethnozentrisch nimmt den Bezugspunkt der Gruppe hinzu, in der man lebt. Jetzt ist nicht mehr nur wichtig, was ich denke, erlebe, fühle und brauche, sondern, was die Gruppe denkt, erlebt, fühlt und braucht. Wie das Individuum das aufnimmt ist natürlich auch sehr abhängig davon, wie das alles kommuniziert wird. Welche Annahmen, Ideen und Vorstellungen schon in der Sprache impliziert sind – ich denke da an Konzepte wie Verantwortung, Pflicht, Arten wie man andere beeinflusst. An der Stelle wird auch die soziale Struktur wichtig, das heißt, wie Familien definiert sind, wie Schulen funktionieren, welche Institutionen den Menschen dabei helfen, ihr Leben zu organisieren und zusammen zu kommen – und ob sie das überhaupt tun. Eine Gruppe ist immer auch dadurch definiert, dass sie sich von anderen Gruppen unterscheidet. Das heißt an der Stelle können Feindbildern Verbindung schaffen, da man so dein Eindruck hat, in der gleichen Wirklichkeit zu leben, nicht alleine zu sein. Es sind also Bewertungen, die man teilt, was Zugehörigkeit schafft. Ein krasses Beispiel dafür, welche Konsequenzen das haben kann, ist der KZ-Wärter, der tagsüber die Gefangenen schlägt und in die Gaskammern schickt und abends seiner Tochter liebevoll ein Schlaflied singt. Der Nationalsozialismus ist beispielhaft dafür, welchen Preis die ethnozentrische Haltung haben kann. Laut Ken Wilber befinden sich heute etwa 70% der Weltbevölkerung auf ethnozentrisch oder niedriger… das heißt, würde man den Leuten entsprechende Fragen stellen, gäben sie Antworten, die nur die Bedürfnisse und Interpretation von sich selbst und der eigenen Gruppe miteinbeziehen würde.
Irgendwann „passt“ das gruppenzentrierte Bewusstsein aber nicht mehr, gerade wenn man die Menschen aus anderen Gruppen besser kennenlernt und feststellt, dass auch sie nicht so anders sind, wie man vorher geglaubt hatte und dass sich hinter den Feindbildern Menschen verbergen, die genauso verletzlich sind, wie man selbst. Die weltzentrische Perspektive schließt von daher alle Menschen mit ein und geht von einer Basis der menschlichen Erfahrung aus, die sich überall wiederfindet. Die universellen Menschenrechte sind z.B. eine Konsequenz aus dieser Entwicklung, was im Übrigen „erklärt“, warum es so schwer ist, sie überall durchzusetzen. Wenn 70% der Weltbevölkerung gar nicht glaubt, dass es universell menschliche Qualitäten gibt, dass alle Menschen genauso leiden, wie man selbst, warum sollte man sich dann darauf einigen?
Entwicklung ist Veränderung mit einer Richtung, die unumkehrbar ist. Niemand, der zu einem Zeitpunkt ein Statement gegeben hat, das ethnozentrisch einzuordnen ist, wird nach einer Veränderung eine Antwort geben, die man egozentrisch interpretieren kann, sondern nur eine, die von weltzentrischem Bewusstsein zeugt. Was man in dieser Hinsicht einmal gelernt hat, verliert man nicht mehr, es sei denn unter sehr bedrohlichen Umständen.
Meine These ist, dass das Menschenbild, welches Teil des Imperialismus ist, den LaRouche ersetzen möchte, ein auf einer Entwicklungsstufe eingefrorenes ist. Entweder ego- oder ethnozentrisch. Und wir haben genug Leute in der Politik und anderen einflussreichen Positionen, die genau so ein Weltbild haben, so dass die von ihnen beeinflusste Gesellschaft immer wieder dafür sorgt, dass die Entwicklung dort stehen bleibt. Die Schulen funktionieren nach dem ethnozentrischen Prinzip (vielleicht nicht die Inhalte, aber die Regeln und wie sie beschlossen werden), die meisten Betriebe werden nach dem gleichen Prinzipien geleitet und ganz sicher Verhandlungen, Gespräche und Gesetze auf nationaler und internationaler Ebene. Ich sage nicht, dass das grundsätzlich schlecht ist, lediglich sehr begrenzt. Die Entwicklung durch diese Stufen ist auch immer eine, die über die voherige Stufe hinaus geht, aber sie mit einbeschließt. Das heißt, wenn ich von ego- zu ethnozentrisch gehe, negiere ich nicht meine eigene Perspektive und Bedürfnisse (das wäre Verdrängung und nicht so gesund), sondern ich integriere sie in einen größeren Kontext. Dasselbe bei weltzentrisch: ich intergriere mich selbst und mein direktes Umfeld in einen noch größeren Kontext. Das heißt, die ego- und ethnozentrischen Perspektiven haben ihre Berechtigung, sie sind bloß nicht alles und vieles fällt unter den Tisch, wenn man von da aus Politik macht.
Jetzt ist natürlich die spannendste Frage: Wie kommt es zu diesen Weiterentwicklungen? Was ist nötig, damit das passiert? Welche Bedingungen begünstigen diese Entwicklung, diese Veränderungen, welche hemmen sie?
Ich perönlich glaube, dass Weiterentwicklung immer dann möglich ist, wenn ich mich sicher fühle, wenn ich meine Energie nicht für Verteidigung brauche, sondern für Kreativität und Erforschung, für eine Öffnung meiner Perspektive, für die Integration neuer Information und neuer Erfahrungen einsetzen kann. Habe ich diese Sicherheit nicht, werde ich an Erfahrungen und Informationen nur aufnehmen können, was meine wackelige Position festigt und stützt. Oder wart ihr jemals in der Lage euch voll auf eine neue Idee oder Erfahrung einzulassen, wenn ihr Angst hattet und euch nur schützen wolltet? Ich kann mich bei mir jedenfalls nicht daran erinnern.
Wie entsteht diese Sicherheit? Ich glaube das universelle Prinzip dafür ist empathische Verbindung. Mit Empathie meine ich hier nicht einfach nur das „sich in den anderen hineinversetzen“ – Empathie ist eine Fertigkeit, etwas, was man lernen kann. Es ist ein Training der Aufmerksamkeit. Begegne ich jemandem mit Empathie, ruht meine Aufmerksamkeit komplett auf dem, was er erlebt, wie das Leben als eine Energie, eine dynamische Kraft in ihm zum Ausdruck kommt. Ich sehe die Schönheit darin, dass er sich fühlt wie er sich fühlt, dass er sich nach etwas sehnt, etwas braucht, ihm etwas lieb und teuer ist. Empathie bedeutet volle Aufmerksamkeit darauf!
Wenn ich Empathie bekomme, sei es von jemand anderem oder von mir selbst, dann bedeutet das, dass ich in meiner Schönheit, so wie ich bin, gesehen und angenommen werde. Dass meine Wünsche, meine Bedürfnisse, Werte und Sehnsüchte in ihrer Tiefe und Lebendigkeit verstanden werden. Und wenn ich das fühle, wenn ich an diesem Ort sein kann, wo ich mit dem wichtigsten in meinem Leben, meinem Ideal, meiner Liebe in Verbindung sein kann, dann bin ich zu Hause im Universum. Dann bin ich sicher, dann kann ich das was in mir ist, zum Ausdruck bringen, erforschen, ausprobieren, Verbindung zu anderen suchen, Liebe empfangen und geben etc. All diese Dinge sind kritisch für die Erweiterung der Perspektive. Man betritt Neuland, aber mit einer Verwurzelung in dem, was einem das bedeutet. Ohne diese Wurzel traut man sich einfach nicht…
Es gibt noch einen anderen Aspekt. Denn natürlich sind auch Grenzen, Knappheit, Not oft Motor für Kreativität. Wenn nichts anderes mehr geht und man sich nur entscheiden kann zwischen der Bewegung und dem sicheren Disaster, wählt man mit höherer Wahrscheinlichkeit die Bewegung. Das nehmen die, die das erlebt haben, oft als Hinweis darauf, dass man das Disaster BRAUCHT, damit Entwicklung stattfindet. Ich glaube das nicht, auch wenn ich sicher zugebe, dass manche Entwicklungen länger gebraucht hätten oder vielleicht nicht stattgefunden hätten, wäre das nicht da gewesen. Schließlich beweisen Krisen einem, dass das gewohnte Framework nicht mehr funktioniert, dass es wirklich Grenzen hat und sich deswegen jenseits davon noch etwas befinden muss, was man erkunden muss, wenn man weiter will. Ohne Empathie allerdings, oder besser, ohne eine Bewusstsein dafür, was einem so wertvoll ist, dass man dafür Energie investieren will, gibt es keine Richtung, in die man gehen könnte. Ich hab vor kurzem noch gelesen, dass in dem Fall von Josef Filtz in Österreich, welcher seine Tochter Elisabeth 24 Jahre lang einsperrte und sechs Kinder mit ihr zeugte, die Tochter keinen Widerstand leistete, bis ihre eigene Tochter krank und in Lebensgefahr war. Die Tochter kam ins Krankenhaus und die Sache folg auf. Während Elisabeth absolut keine Verbindung zu ihren eigenen Bedürfnissen hatte, diese also nicht wahrnahm oder als wertvoll empfand, hat die Not der Tochter ihr gezeigt, dass es wertvoll ist, Leben zu schützen, was ihr die nötige Energie gab, sich dafür einzusetzen. Man könnte vielleicht sagen, dass Not und Krise die Unterstützung bieten, die nötig ist, um sich seiner Bedürfnisse und Werte bewusst zu werden. Allerdings ist das nicht der einzige Weg.
Wie auch immer, dieses Bewusstsein für die Wichtigkeit von Empathie ist leider nicht sehr weit verbreitet, so weit ich das sehe. Was wir oft einander geben ist eher, was ich Sympathie nennen würde. Das heißt, ich sag dir, wie ich die Sache sehe, was meine Perspektive ist und du stimmst mir zu, bemitleidest mich, beruhigst mich, vergleichst meine Perspektive mit der anderer, erzählst deine eigene Geschichte dazu, versuchst mich zu überzeugen, dass es doch anders ist und gar nicht so schlimm, wie ich denke etc. Das alles hat nichts, aber auch gar nichts mit der heilenden Aufmerksamkeit zu tun, die ich Empathie nenne. Sympathie bleibt an der Obefläche, während Empathie fragt: Was ist dir wertvoll daran? Was bewegt dich? Und nur darum geht es hier.
Ich habe letzte Woche mit Mathilde, der Nachbarin, deren Auto ich aus dem Schnee befreit habe und die mir dann die Haare geschnitten hatte, eine intensive Unterhaltung gehabt. Sie sagte mir irgendwann, dass sie sich zuweilen gar nicht mit Leuten treffen mag. Sie mag ihre Freunde zwar, aber zuweilen findet sie Kontakt mit ihnen einfach nur anstrengend und will ihn nicht. Es hat ein wenig gebraucht, bis mir aufging, dass sie Empathie brauchte. Mal jemanden, der sie einfach nur so annimmt, wie sie ist, der ihr keine Lösungen vorschlägt (die lenken nämlich ab), oder sie korrigieren will. Ihre Augen leuchteten und sie sagte „Oui, oui, c’est ça!“ Daran, wie sie mich den Rest des Abends ansah und mir sagte, wie sehr sie mich mag und schätzt, was ich gesagt hab, war ersichtlich, wie sehr sie sich danach sehnte, so gesehen zu werden. Und sie ist nicht allein damit, mir geht es ja nicht anders.
(Übrigens heißt das nicht, dass ich Sympathie nicht auch schätzen würde. Für mich bedeutet Sympathie Zugehörigkeit und die Gelegenheit meine Wahrnehmung abzustimmen. Ich will bloß darauf hinweisen, dass es nicht alles ist und in Beziehungen oft etwas wichtiges fehlt, nämlich Empathie.)
Angesichts dessen, was ich zuvor gesagt habe, ist allerdings auch nicht verwunderlich, dass Empathie so eine Mangelware ist, da sie mindestens ein weltzentrische Perspektive erfordert. Erst ab da kann ich meine volle Aufmerksamkeit auf das authentische Erleben des anderen lenken, ohne darin durch die Begrenztheit meiner eigenen Perspektive eingeschränkt zu sein. Das bedeutet nicht, dass man soweit entwickelt sein muss, um etwas über Empathie zu lernen. Es bedeutet lediglich, dass es erst ab da „leicht“ wird und integraler Bestandteil dessen ist, was man an Austausch und Kontakt mit anderen gewöhnt ist. Temporär komme ich leicht in einen Zustand (nicht die Stufe), aus dem heraus ich empathisch sein kann, wenn ich gerade selbst Empathie empfangen hab. Das aber als ein Potenzial zu entwickeln, was mehr oder weniger stabil da ist, das braucht Zeit und Entwicklung.
Also gut, das heißt wenn wir eine Gesellschaft haben möchten, die weit über das übliche Menschenbild hinauswächst, brauchen wir mehr Quellen für diese Art von empathischen Austausch. Das würde jedenfalls enorm die Chancen erhöhen, dass sehr viele davon so profitieren können, dass sie die oben genannte Entwicklung in kürzerer Zeit durchlaufen können. Um das zu verwirklichen brauchen wir Menschen mit weltzentrischer Sicht auf politischer Ebene und in Führungspositionen. Das ist kein weiterer Elitismus (hoffe ich jedenfalls – das wäre in jedem Fall eine Gefahrenquelle), sondern ich meine damit, dass auf die Weise Gesetze und Regeln so gesetzt werden, dass sie die Weiterentwicklung fördern und den Menschen den Zugang zu den Ressourcen eröffnen, die sie für die Entwicklung brauchen. Stellt euch vor, was alles mögliche wäre… innere Freiheit, Kreaitivität, emotionale Sicherheit, Unterstützung, Zugehörigkeit…
Um nochmal auf LaRouche zurückzukommen: Ich glaube, dass er letztendlich genau dasselbe möchte. Wenn ihr allerdings auf einer seiner Seiten geht, wie z.B. www.larouchepac.com oder www.bueso.de dann rechnet nicht damit, dass ihr das da so klar findet. Ich gebe hier meine eigene Sichtweise wieder und bin voll verantwortlich dafür. Ich bin, wie schon gesagt, mit LaRouches Sprache überhaupt nicht einverstanden und halte es für extrem missverständlich, wie er sich ausdrückt. Vokabeln wie „evil“, „British Empire“, „satanic“, „fools“, „the enemy“ etc. kommen en masse in seinen Schriften vor und es nicht leicht durch diesen Dschungel zu seiner eigentlichen Aussage zu kommen. Ich habe das gegenüber den Leuten hier in Montréal auch schon öfter angemerkt und die Antwort, die ich bekomme ist, dass er sich so polemisch ausdrücke, um den schlafenden Zombie-Geist aufzuwecken und Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich habe so meine Zweifel, ob das wirklich der beste Weg dafür ist, aber Aufmerksamkeit bekommt es vermutlich. Bloß um die Klarheit mache ich mir Sorgen…
So weit so gut. Ich belasse es mal dabei. Ich hoffe ihr habt weiterhin Freude an meinen Betrachtungen und schreibt mir Kommentare dazu.
Hey
habe auch zahlreiche Artikel von Larouche gelesen und möchte mal ein Paar Anmerkungen zu deiner Ausführung machen..Also was du da von Empathie und den verschiedenen Enwicklungsstufen sagst finde ich größtenteils richtig…Was die polemische Sprache Larouches angeht kommst du wahrscheinlich in innere Widersprüche, denn wie kann jemand der so viel Wissen und Wahrheitsliebe hat so eine Sprache benutzen. ich muss zugeben, dass ich zu Anfangs auch damit nicht ganz im reinen war, jedoch hat sich im Verlauf der Zeit ein besseres Verständnis des ganzen herausgebildet. Um gewisse Strukturen oder wie Larouche sagt „Britsh Empire“ aufzudecken und ihre Absichten und das Menschenbild dahinter zu durchleuchten, muss man diese Dinge beim Namen nennen, denn dahinter sind ja bestimmte Personen und ihre Handlungen, die dieses Menschenbild repräsentieren. Wenn man das nicht tut hat man ein diffuses Bild von der Geschichte und den wirklichen Situationen. Wer das Böse mit dem Guten bekämpfen will muss auch eine Strategie haben um Kämpfe zu gewinnen, da Hilft ein gegenseitiges umarmen nicht weiter. Larouche und viele andere versuchen die wirklichen Personen blosszustellen, die ein gewisses System vertreten, welches sich über lange Zeiträume entwickelt hat. Es ist ein Kampf für Moral, Wahrheit und Gerechtigkeit und für das Gute und die Wahrheit muss immer wieder gekämpft werden, denn der Mensch ist ein freies Wesen und kann das Gute auch ablehnen. Was nicht, heißt dass das Böse für jede Enwicklung zum Guten notwendig ist, wie du schon selber gesagt hast. Natürliche fehlt in der Gesellschaft die Empathie und wenn das Böse und die Gier auch noch institutionalisiert werden (Bsp. Wall Street), dann hat man natürlich wenig Hoffnung, das sich jemals irgendetwas ändert. Man fürchtet sich insgeheim vor der historischen Macht des bösen, wo behauptet wird, dass alles schon immer so war, dass die wenigen die vielen versklavt haben und unsägliches Leid über die Welt gebracht haben, was auch vielerorts zutrifft. Jedoch sollte man sich über die Macht des Bösen (Egozentrismus)keine Illusionen machen, denn das Böse zerstört sich immer selbst, was nicht heißen soll, dass man den Dingen einfach freien Lauf lassen soll. Das Böse ist immer ein Mangel an Gutem somit, hat das Böse in dem Sinne keine Macht oder Kraft, sondern einen Mangel an Entwicklung(epf. hierzu Theodizze von Leibniz). Zurück zur Sprache von Larouche, natürlich hat man den Eindruck, dass er
ja irgendwie auch ein Feindbild schafft indem er die Personen beim Namen nennt, die historisch und in der Gegenwart das oligarchische System repräsentieren, jedoch denke ich, dass man Dinge nicht verändern kann, wenn man den Feind und sein System nicht kennt, ebenso ist ein eigenes Streben nach Wahrheit nötig, denn Stillstand macht bequem und träge. Dinge die die Empathie und die Seele des Menschen stärken, kann man in der Kunst und Wissenschaft finden. Es gibt Gesetzmäßigkeiten z.B. in der Musik die die kreativen Kräfte des Menschen fördern. Also wie gesagt man sollte sich im Klaren darüber sein, dass es keinen Automatismus gibt der einen auf eine höhere Entwicklungsstufe bringt, was meiner Meinung nach Ken Wilber mit seinem GEWAHRSEIN-GEIST vorschlägt. Die Wahrheit muss man sich selber mit Mühe erarbeiten, das macht ihren Wert aus. lg jaro
Hallo Jaro,
danke für den langen Kommentar, ich fühl mich inspiriert mich mal wieder meinem Blog zu widmen. Das ist wunderbar.
Ich freu mich auch, dass du auch Erfahrungen mit Larouche gemacht hast und ebenfalls versuchst, ihn zu verstehen und seiner Position etwas abzugewinnen.
Probleme sehe ich in folgenden Sätzen:
„Wer das Böse mit dem Guten bekämpfen will muss auch eine Strategie haben um Kämpfe zu gewinnen, da Hilft ein gegenseitiges umarmen nicht weiter.“
Kämpfen und umarmen entsprechen den beiden Alternativen rebellieren und sich unterwerfen. Beide sind reaktiv. Sie haben wenig Macht, da sie beide anerkennen, dass es einen moralischen Feind gibt, der einen beherrschen kann. Damit will ich nicht sagen, dass es keine Leute gibt, deren Handlungen für viele Menschen Konsequenzen hat, sondern viel mehr, dass deren Einstellung und Weltsicht die meine nicht definieren kann. Ich mich also nicht dagegen wehren muss, nicht assimiliert zu werden, wenn ich mir im Klaren darüber bin, was ICH will und meine.
Ich möchte eine proaktive Bewegung. Ich möchte, dass politische Handlungen von der Vision geleitet werden, wie schön es sein kann und nicht davon, wie hässlich es jetzt ist. Das erlaubt eine viel klarere Sicht der Dinge, da man dafür konkrete Bedingungen im Blick haben muss und dann, ohne ideologische Fragen, schauen kann, was man JETZT dafür braucht. Und man muss keine Feinde haben, die man bekämpfen muss. Ich finde es besser zu sagen, dass es eine Menge Leute gibt, die nicht verstehen, wie sie unter den Bedingungen der Vision freier, erfüllter und zufriedener leben könnten. Und dann ist nicht die Frage, wie ich sie aus dem Weg bekomme, sondern wie ich in Resonanz mit ihnen treten und besser kommunizieren kann, so dass es klar wird.
„… und für das Gute und die Wahrheit muss immer wieder gekämpft werden, denn der Mensch ist ein freies Wesen und kann das Gute auch ablehnen.“
Warum sollte er? Und wer bestimmt, was das Gute in der jeweiligen Situation ist? Das kann man doch nicht ohne einen Kontext, eine bestimmte Perspektive definieren, oder? Und wenn meine Perspektive und deine Perspektive unterschiedlich sind, weil wir unterschiedliche Informationen haben, wer bestimmt dann, was Gut ist?
Für mich ist die Frage auch eine vollkommen andere. Nicht was generell gut ist, sondern was will ich, im Grunde meines Herzens und was würde funktionieren, um dahin zu kommen? Weißt du, was du willst? Was du wirklich wirklich willst? Also nicht, was du nicht willst, denn das wissen viele, sondern wie deine persönliche Vorstellung von Himmel aussieht, ganz konkret. Viele wissen das deswegen nicht, weil sie nur eine vage Vorstellung von etwas haben, was man überhaupt haben wollen könnte. Und dann wollen sie etwas, ohne es durchdacht zu haben und es hat sehr sehr unangenehme Konsequenzen entweder für sie selbst oder für viele andere. Aber ich habe Vertrauen, dass es hier nicht an Güte, sondern an Bewusstsein fehlt. Und daran müssen wir arbeiten.
„Das Böse ist immer ein Mangel an Gutem somit, hat das Böse in dem Sinne keine Macht oder Kraft, sondern einen Mangel an Entwicklung(epf. hierzu Theodizze von Leibniz).“
Hiermit stimme ich so halb überein, bloß gefällt mir einfach nicht, weiterhin die geladenen Begriffe von Gut und Böse zu benutzen. Sie implizieren eine Trennung, wo keine ist. Denn wer weiß schon was gut ist? Doch wohl nur einer, der gerade Böses tut, oder in einer Welt des Bösen ist und sich das Gute herbei wünschst. Das Gute ist also ohne das Böse nicht zu haben.
Sinngemäß steht es so im Tao te Ching, Kapitel 18:
„Geht der große Sinn zugrunde,
so gibt es Sittlichkeit und Pflicht.
Kommen Klugheit und Wissen auf,
so gibt es die großen Lügen.
Werden die Verwandten uneins,
so gibt es Kinderpflicht und Liebe.
Geraten die Staaten in Verwirrung,
so gibt es die treuen Beamten.“
Das heißt, erst wenn man das Böse entdeckt, wird das Gute notwendig. Sie gehen immer zusammen.
Mir gefällt besser von ego- oder ethnozentrisch orientierten Handlungen als unvollständig zu denken. Denn sie sind auf eine Konsequenz gerichtet, die einem nur teilweise dient. An anderer Stelle verliert man dadurch. Und dessen muss man sich erst bewusst werden.
„Also wie gesagt man sollte sich im Klaren darüber sein, dass es keinen Automatismus gibt der einen auf eine höhere Entwicklungsstufe bringt, was meiner Meinung nach Ken Wilber mit seinem GEWAHRSEIN-GEIST vorschlägt. Die Wahrheit muss man sich selber mit Mühe erarbeiten, das macht ihren Wert aus.“
Ich würde sagen, wenn man sich das, was einem als wahr erscheint, nicht selbst erarbeitet, traut man ihm nicht. Und dann bringt einen das auch nicht weiter. Ich lese übrigens nicht, dass Ken Wilber sagt, es gebe einen Automatismus, der einen weiterbringt. Es ist höchstens so, dass man mit Meditation enorm weiterkommt, weil man sich selbst beobachten kann und damit das, was man zunächst für wahr hielt, in einem größeren Kontext sehen kann, der diese Wahrheit bedingt. Das erlaubt dann eine globalere, universellere Perspektive. Ist jedenfalls auch meine Erfahrung.
Bin neugierig, was du dazu sagst.
Gruß
Niklas