Verfasst von: niklasbringtdieweltinordnung | Juni 13, 2008

IIT half-way

Ich weiss gar nicht wo ich anfangen soll: diese Erfahrung ist tief, heilend, erleichternd, inspirierend, berauschend, beaengstigend, bestaetigend und beruhigend. Ich bin jetzt seit Sonntag mit diesen Menschen zusammen und sehe eine andere Welt. Mein Notizbuch ist voll mit Dingen, die mich inspirieren, die mir aufgefallen sind, die ich aufregend finde und die ich tief in meinem Herzen bewahren moechte. Wovon zur Hoelle rede ich hier?

Freitag-Nacht bin ich in Albuquerque, New Mexico gelandet. Ich habe bei Codie uebernachtet, eine Couchsurferin, die mich selbst so spaet noch abholte. Es war etwas unangenehm mit ihr, weil ich so gerne sie als Person wahrnehmen und hoeren wollte, was fuer sie los ist, was ihre Situation ist. Und ich wusste nicht, wie ich danach fragen sollte, bis wir Samstagabend was Essen waren. Ich sagte, mir kaemen die ganze Zeit Gedanken und Ideen von Themen, die sie interessieren koennten, aber ich traue mich nicht, es zu versuchen. Diese Offenheit half. Sie begann zu erzaehlen, dass sie einsam sei und sich so nach Freundschaft und Menschen sehne, die ihr nah seien. Sie kommt aus Kansas City und ist noch nicht lange in Albuquerque. Und dann hat sie einen Lover hier, mit dem sie sich aber nicht wohl fuehlt, weil sie sich Verlaesslichkeit wuenscht. Und er scheint sich nicht ganz sicher zu sein was er will, aendert seine Meinung ueber die Beziehung. Und dann fuehlt sie sich wirklich einsam und aengstlich. Ich habe ihr zugehoert und sie war sehr dankbar dafuer. Ich hatte auch echt keine Schwierigkeiten dazu Bezug zu finden, denn diese Situation kenne ich.

Am Sonntagabend begann das International Intensive Training in Gewaltfreier Kommunikation. Ich moechte nicht in Details gehen, sondern einfach aufschreiben, was mich bewegt.

Zum ersten mal finde ich eine Gruppe von Menschen, wo ich vollkommenes Vertrauen in mir spuere, dass zaehlt, wie es mir geht. Dass ich wie ich bin, so sein kann. Und mir ist bewusst, wie schwer es mir faellt mit Vertrauen zu empfangen, was andere mir geben. Ich habe so eine Angst davor, dahinter steckt nicht Liebe sondern die Forderung, dass ich was zurueckgeben muss, selbst wenn ich nicht will. Und das tut sehr weh. Das ist mir heute aufgegangen.

Ich bin so begeistert darueber, wie viele tiefe und leichte Unterhaltungen ich hier schon hatte. Wie leicht es geht, wirklich praesent zu sein und zu fuehlen, was in der anderen Person JETZT gerade vor sich geht. Ich fuehl mich hoffnungsvoll, bin geruehrt, bin interessiert, froh. Das hier gibt mir sehr viel Gelegenheit zu lernen, wie ich so leben kann, wie ich wirklich will. Wie ich so sein kann, dass es meine tiefsten Ueberzeugungen und Traeume widerspiegelt. Dass ich integer bin! Und ich moechte nichts mehr als das.

Mir ist aufgefallen, dass die Sicherheit, die ich hier spuere, daher kommt, dass die Spiritualitaet hinter der Gewaltfreien Kommunikation (GfK), das heisst die Antwort auf die Frage “Wie wollen wir wirklich leben?”, die Verbindung, die emotionale Naehe und Einfuehlung ueber alles andere stellt. Das heisst, waehrend in gewoehnlichen Konversationen irgendeine Art Wissen vermittelt wird, oder eine Geschichte geteilt wird und man sich dafuer unterhaelt, kommt es hier so oft vor, dass allein das zu teilen, was gerade los ist, schon so bereichernd ist, dass man vollauf zufrieden damit ist. Ich muss nichts damit tun. Ich kann einfach damit sein und es geniessen. Und ich weiss nicht, ob ich je etwas schoeneres erlebt habe als das. Fuer mich ist das Liebe in Praxis.

Was ich ganz besonders feiere ist, dass ich Marshall Rosenberg, den Entwickler der GfK, besser kennenlerne. Ich liebe seine Arbeit und bin sehr dankbar dafuer. Dennoch, wenn ich mit ihm einzeln spreche, fuehlte ich mich nervoes. Und ich wollte wissen wieso. Mir fiel auf, dass ich nie gehoert hatte, dass Marshall seine Verletzbarkeit und Menschlichkeit gezeigt haette, indem er teilt, was gerade in ihm vorgeht. Heute Morgen, beim “Remembering”, einer Session, bei der wir uns einfach daran erinnern, was uns heilig ist, was wir wirklich wollen im Leben, was unser Herz bewegt, habe ich geteilt, wie ich in einem Buchladen in Montreal ein Buch ueber Verschwoerungstheorien in der Hand hatte. Ein Kapitel bezog sich auf Holocaust-Leugner. Und als ich sah, was diese Leute meinten, dachte ich nur, wie ich wuenschte, dass sie Recht haetten. Traenen kamen hoch und ich sagte, wie tief mein Schmerz darueber ist, dass so viele Menschen in Nazi-Deutschland litten und starben.

Das brachte Marshall dazu, zu teilen, dass er eines Tages, 9 Jahre alt, von Mitschuelern verpruegelt nach Hause kam, weil er Jude war. Sein Onkel, der helfen wollte, meinte, dass er von Glueck reden kann, nicht in Deutschland zu sein, da er dort mit Sicherheit in einem Ofen gelandet waere. Das half nicht gerade. Marshall sagte dann mit gebrochener Stimme, wie gesegnet er sich fuehlt, lange in Deutschland gearbeitet und nie etwas anderes als Liebe empfangen zu haben.

Nach der Session sagte ich ihm, dass das genau das war, was ich mir gewuenscht hatte. Dass ich seine Menschlichkeit sehen will. Dass ich nervoes bin, wenn ich nicht weiss, was ihm gerade wichtig ist, weil es sich dann so anfuehlt als gaebe es keinen Raum fuer mich in seinem Leben. Und auch fuer niemand anderen beim IIT. Er war so dankbar dafuer. Er sagte, es fuehle sich so gut an, dass ich das wissen will, dass mich das interessiert. Und wir umarmten uns.

Danach kam es mir so vor, als sei er sehr viel leichter und er zeigte mehr und mehr von sich. Es hat mich sehr beruehrt und macht so viel mehr Spass ihn als Mensch denn als Meister zu sehen. Und er meinte auch, auf einem Podest zu stehen macht einfach keinen Spass.

Das ist nur eine von vielen Erfahrungen, die ich hier mache. Ich merke, wie viel leichter es mir faellt, empathisch zu sein, statt zu rechtfertigen oder Leute mit meinen Gedanken zu langweilen, wenn sie nicht mit meinem Herzen verbunden sind. Wie wir hier reden mag fuer viele etwas merkwuerdig klingen, aber es ist so schoen fuer mich, weil ich so sehr effizient und to-the-point sagen kann, was in mir lebt und gesagt werden will.

Ich habe die Hoffnung auf eine weltweilte Community von Leuten, die eine Menge Kraft und Leidenschaft fuer eine Welt haben, in welcher jeder Mensch zaehlt. Und zwar dafuer, dass er Mensch und lebendig ist. Mehr braucht es nicht. Ich sehe, wie Beziehungen hier an Kraft gewinnen durch die Tage und rechne damit, dass meine skype-Liste sehr viel laenger wird. Ich wuensche es mir.

Es bleiben noch vier Tage. Ich geniesse jede Stunde davon. Ich sende euch meine Praesenz, meine Kraft, meine Liebe und mein Mitgefuehl.

Antworten

Wahnsinn!
Ich wünsche Dir, dass Dir dieser Geuist, diese Haltung erhalten bleibt, wenn Du dann wieder “in die Welt” hinaustrittst.
Ich bin vor allem beeindruckt von Deiner Begegnung mit Marshall. Ich hatte so etwas nicht für möglich gehalten, und sehe jetzt, dass er eben auch eine bestimmte Art von Ansprache und Verbindung braucht, um sich so zu öffnen - so wie ich eben auch.
Ich freu mich schon auf den Juli, denn dann sehe ich Dich wieder “richtig” ;-)

Herzliche Grüße und weiterhin viele erfüllende Begegnungen!

YC

Einen Kommentar hinterlassen

Ihre Antwort:

Kategorien