Ich sitze auf einem Sofa in einem Haus oestlich von Albuquerque. Das Haus gehoert Anthony, einem Freund von Jason und L’aura, zwei neuen Freunden vom IIT. Mir geht es gut. Das IIT ist am Dienstag zuende gewesen, es gab viele Abschiede, viele Umarmungen und bewegende Worte. Gleichzeitig bin ich froh um meine Ruhe. Es ist schoen aber auch anstrengend neun Tage lang mit den eigenen Emotionen so wie auch denen der anderen so stark in Beruehrung zu kommen. Und insgesamt brauche ich Balance und etwas Ruhe.
Was ich aus dem IIT mitnehme sind Freunde, Kontakte, Unterstuetzung. Die koerperliche Erfahrung von Vertrauen, Einfuehlung, dem reinen Genuss vom menschlichen Kontakt ohne extrinsischem Motiv. Letzteres finde ich ganz besonders wertvoll. Es ist die Klarheit und Ruhe, mit der man einfach neugierig sein kann, wie es dem anderen gerade geht. Es geht nicht darum, etwas daraus zu gewinnen, fuer die Zukunft zu sorgen oder zu ueberzeugen, sondern um den reinen Kontakt. Und mir ist klar, dass es das ist, was ich an der Gewaltfreien Kommunikation, nein, an Marshall Rosenberg so schaetze: nicht die Technik, die Erfahrung, die Begriffe und Ideen. Es ist die Entscheidung, diesen menschlichen Kontakt zur obersten Prioritaet zu machen. Nichts geht darueber. Und das ist wirklich eine Entscheidung, die ich immer wieder treffen muss. Niemand kann mir die abnehmen. Sie erfordert Bewusstheit und Mut. Aber es lohnt sich, sich immer wieder zu fragen: “Wie will ich wirklich leben?”
Diese Frage half mir, mich daran zu erinnern, dass ich mich schon vor Rosenberg mit der Frage der Einigung der Menschen beschaeftigt habe. Und so bedankte ich mich bei Marshall in der Closing Session dafuer, dass er mich in meiner Mission, meinem Sinn unterstuetzt und genaehrt hat. Das gab mir ein ganz anderes Gefuehl, staerker und mit mehr Vertrauen. Marshall hat seinen Teil getan, es ist mein Weg, den ich hier gehe. Er war jedenfalls sehr froh, mir darin geholfen zu haben. Valentina sagt, dass wir uns wohl bald wiedersehen, sich darueber freuend, dass ich so “hartnaeckig” bin.
Am Sonntag gab Marshall eine Praesentation ueber “Giraffes around the world”. Er zeigte Fotos von Workshops mit Leuten, die ihm Zugang zu Laendern wie Israel Palaestina, Ruanda und andere ermoeglicht haben. Auf einem Foto sieht Marshall sehr besorgt aus. Er schaut auf Kinder, deren Eltern im Genozid in Ruanda umkamen. Das Bild half mir sehr, eine Verbindung zu Marshall zu finden. Ich konnte mich selbst an seiner Stelle sehen.
Auch half mir eine Unterhaltung mit ihm, in welcher ich ihn danach fragte, wie er mit all den Gratis-Diagnosen umgegangen ist, die er bekommen haben muss, als er anfing alles mal ein wenig anders zu machen als die anderen, z.B. nachfragen, wie Leute sich fuehlen und was sie brauchen. Und er sagte mir, dass er natuerlich Reaktionen bekommen hat, die ihn aengstigten und Beziehungen komplizierter machten. Aber fuer jede dieser Reaktionen bekam er zehn andere von Leuten, die froh und gluecklich darueber waren, dass er nachbohrte, mehr Verbindung suchte und was Neues ausprobierte. Ich sagte, dass ich dann lieber anfange zu sammeln.
So sehr ich schaetze, dass ich auf dem IIT mit den anderen den GfK-Jargon benutzen konnte, etwas in mir straeubt sich mehr und mehr dagegen. Ich will meine eigene Sprache haben und universell ausdruecken koennen, worum es dort geht. Und ich glaube eines der Prinzipien hinter Beduerfnissen ist, dass man damit sagt, was man will und nicht, was man nicht will. Das ist sehr viel maechtiger und befreiender als jedes “ich will nicht”. Hinzu kommt, dass man von Lebensqualitaeten spricht und sie erst in der Bitte konkretisiert. Das gibt viel Spielraum und Freiheit fuer Kreativitaet. So lange ich nur weiss, was ich nicht will, weiss ich nicht, was ich will. Das heisst, der eigentliche Schatz liegt noch vergraben.
Ein Beispiel was ich hier besonders tricky finde ist dieses: “Ich will keine intime Beziehung mit dir.” Wie kann man das positiv ausdruecken? “Wir koennen ja Freunde bleiben.” zaehlt nicht, weil es zum einen noch immer impliziert, dass man NICHT mehr will und zum anderen schliessen sich intime Beziehung und Freundschaft ja nicht aus. Man koennte sagen “Ich fuehle mich nicht hingezogen zu dir.” Ist immer noch negativ gesagt, aber da steckt schon drin, dass man sich gerne zu jemandem hingezogen fuehlen moechte. Wir haben im IIT ein bisschen untersucht was das eigentlich heisst und ich fand zwei Prinzipien darin ganz treffend. Das eine waere ein Sinn fuer Schoenheit (ich druecke es vage aus, weil das sehr verschiedene Entsprechungen haben kann) und das andere so etwas wie Resonanz, eine Spannung, Neugierde, ausgeloest durch gemeinsame Interessen, Ansichten, aber auch unterschiedliche Ressourcen und Hintergruende. Ich finde es sehr convenient “Seeing you meets my need for beauty.” sagen zu koennen. Ich wuenschte, ich faende eine Formulierung, die dasselbe sagt, ohne das Beduerfnis nennen zu muessen (ich rechne einfach nicht damit, dass das rueberbringen wuerde, was ich meine). Denn ich will nicht sagen “Du BIST schoen.” Das ist einfach nie wahr, sonder hat nur Wert in Bezug auf mich, der dich sieht. Und manchmal aendert sich dieser Eindruck auch ueber die Zeit. Ich bin nicht derjenige, der dich definiert. Ich will nur ausdruecken, wie es mir geht. Und wenn ich nun mal jemanden oder etwas um mich herum habe, was ich schoen finde, dann passt es am besten zu sagen “Dich zu sehen erfuellt mein Beduerfnis nach Schoenheit.” Ehrlicher kann es nicht sein.
Wenn ich also sage “Ich will keine intime Beziehung mit dir” und moechte mehr Schoenheit in meinem Leben haben, dann will ich das positiv und ehrlich ausdruecken koennen, ohne zu implizieren, dass du nicht schoen bist. Denn du bist weder schoen noch haesslich, sondern einfach du. Aber mir ist klar, dass das wohl mehr davon abhaengt, wie du ueber dich denkst, als wie ich darueber denke. Wenn du es nicht besser weisst, hoerst du eine Zurueckweisung, egal wie ich’s sage…
Trotzdem. Mir selbst bewusst zu sein, dass ich nach Schoenheit und Resonanz suche, hilft mir, eine Richtung zu finden und Entscheidungen zu faellen. Das finde ich wertvoll.
Ich habe waehrend des IITs eine Unterhaltung mit Josh gehabt und wir haben die Frage untersucht, wie man um Zuneigung, Beruehrung, Kuscheln fragen kann, ohne die Gefahr, sich selbst zu verlieren. Und uns fiel auf, dass das sehr schwer ist, so lange man den Wert der eigenen Beduerfnisse daran misst, wie bereit andere sind, auf unsere Bitten einzugehen. Und wenn ich dann eine Bitte habe, deren Erfuellung fuer mich einen Ausdruck von Liebe bedeuten wuerde, ist es besonders schmerzhaft, ein “Nein” zu hoeren. Wir einigten uns also darauf, eine Unterscheidung zwischen Beduerfnisse wertschaetzen und Beduerfnisse erfuellen zu beachten. Eine Bitte zu aeussern wird gleich viel weniger beaengstigend, wenn das klar ist.
Ein Lied was mich zum Weinen brachte:
When I come gently to you I’d like you to see
It’s not to get myself from you, it’s just to give you me.
And I know that you can not give me me, no matter what you do.
All I ever want from you is you.
I know your fear of fences, your pain from prisons past.
I’m not the first to sense it and I’m plainly not the last.
The hawk within your heart’s not bound to earth by fence of mine,
Unless you aren’t aware that you can fly.
When I come gently to you I’d like you to know
I come not to trespass your space, I want to touch and grow.
When your space and my space meet, each is not less but more.
We make our space that wasn’t space before.
When I come gently to you I’d like you to see
It’s not to get myself from you, it’s just to give you me.
And I know that you can not give me me, no matter what you do.
All I ever want from you is you.
Marshall spielte es zum Thema “Celebrations” und ich brach so in Traenen aus. Alaetsea sass neben mir, kraulte mir den Nacken und nahm mich sanft in den Arm. Rachid nahm meine Hand. Marshall fragte, was los sei. Diejenigen von euch, die mich gut kennen, koennen sich vielleicht vorstellen, welche Erinnerungen dieses Lied in mir weckt. Es tut weh, diese Verbindung zu wollen und dann so wahrgenommen zu werden, als wollte ich dir etwas wegnehmen. Als naehme ich dir deine Freiheit, die dir niemand geben kann, ausser du selbst. Ich will beruehren und wachsen, nicht deine Grenzen ueberschreiten. Ich will mich geben und nichts von dir ausser dich.
Umgangssprachlich nennt Marshall “celebrations” “unsneaky bragging”, also so viel wie “nicht-heimliches Angeben”. Es bedeutet, sich klar zu machen, wie man das Leben bereichern konnte. Wenn ich daran denke, das ich heute mit Anthony und Tom eine Wanderung gemacht habe und uns das erlaubt hat, uns kennenzulernen, Gedanken auszutauschen, Interessen zu teilen, bin ich ganz relaxt, beruehrt und froh. Anthony bot mir an, immer wieder kommen zu koennen. Ich hab ein Zuhause hier, sagte er. Ist das nicht wunderbar und zum feiern?
Jeden Morgen waehrend der neun Tage gab es eine Morgen-Session mit dem Zweck, uns an den Sinn und unsere tiefste Sehnsucht zu erinnern, nach der wir leben wollen. Eines Morgens spielte ich dieses Lied, singend mit Gitarre:
Do you dream the same dreams I dream
I wonder if we value the same things
I love the joy, I love the tenderness,
Honesty and empathy bring.
Do you dream of a world where each person
Is always an end and not a cog?
Where mistakes don’t require
Damnation or hellfire
Just a little loving dialogue.
Do you dream of a world where your feelings
Bring life whatever they might be?
Where you can freely express them
Dive in and not regret them
Bring union to the world of you and me
Do you dream of a world where touching
Enriches, nurtures and soothes?
Where the people are willing
To say no to killing
And Arabs dance in peace with the Jews.
Do you dream of a world where the people
Are conscious of our shared humanity?
Where love without conditions
Shines through all of our actions
And living flows with joyful energy.
Do you dream the same dreams I dream
I wonder if we value the same things
I love the joy, I love the tenderness
Honesty and empathy bring.
Ich habe wunderbares Feedback darauf bekommen und weiss nun, dass ich nicht der einzige bin, der davon traeumt. Der Song ist von Marshall und ich habe zwei Strophen hinzugedichtet. Norman hat das Mikro gehalten und sagte nachher, es sei schwer gewesen, da ihm so die Traenen kamen, dass er am liebsten die Augen geschlossen haette, was aber bedeutet haette, dass er mir wahrscheinlich das Mikro in den Mund gestopft haette. Er meinte, ihm kaemen auch die Traenen wenn Marshall singt, aber dann ist es aus einem anderen Grund
Marshall hat wunderbar grumpy geguckt als er das hoerte
Ich freue mich darauf einige Leute im Laufe der Zeit zu besuchen. Heather und Neil wohnen in Vancouver, das heisst, noerdlich davon, wo man nur mit dem Boot hinkommt. Jason und L’aura wohnen in Auroville, an der Suedspitze von Indien. Bob wohnt in Washington, David Goliath in Denver zusammen mit David. Jan, Owen und Devi kommen aus Hawaii. Rachid kommt aus Malmoe. Anne, Minerva und Sophie kommen aus Montreal. Heather-Ann ist aus Minneapolis. Gosia ist aus Polen, Karin-Regina aus Oesterreich. Aleatsae und Oz kommen aus San Fransisco. Bei ihnen und vermutlich allen anderen auch, habe ich nun eine Couch
Ich werde wahrscheinlich im Laufe der Zeit noch mehr Anekdoten erzaehlen.
Morgen Nacht nehme ich den Bus nach San Diego. Dort werde ich Akasha wiedersehen, die mit beim IIT war. Mit ihr fahre ich am Sonntag nach Santa Cruz. Vom 22. bis 27. Juni findet dort ein NVC FunFest statt, ein weiterer NVC-Retreat. Ich habe Platz dort und freue mich auf eine Menge weiterer Leute. Danach besuche ich Aleatsae in Oakland und am 30. Juni geht es wieder an die Ostkueste. Ich bin nicht das letzte Mal hier, sicher nicht.