Der Mythos der anderen Hälfte

20 06 2009

Ich lese zur Zeit das Buch „The Ethical Slut“ von Dossie Easton und Janet Hardy. Das Buch ist gedacht als Wegweiser für Polyamorie, offene Beziehungen und andere Abenteur (so auch der Untertitel). Es ist also ein heißes Thema, bei dem die meisten Leute, die ich kenne, skeptisch bis abgeneigt reagieren. Mehrere Menschen lieben, auch intim mit ihnen sein? Wär ja schön, aber ohne dass dabei jemand auf der Strecke bleibt… wie soll das gehen?

Eine Beispiel-Erfahrung

Ich hatte vor etwa einem Jahr eine Erfahrung, die mir diese Frage zumindest im Ansatz beantwortet hat. Ich war auf einem Workshop für Gewaltfreie Kommunikation und eine Frau, die mit dem Trainer intimeren Kontakt hat, war an mir interessiert. Mich hat das sicher gefreut, aber auch ganz schön nervös gemacht. Nicht nur, weil ich selbst nicht so recht wusste, woran ich merken würde, dass es sicher für mich wäre, mich darauf einzulassen. Sondern auch, weil ich den Trainer nicht einzuschätzen wusste und hoffte, dass daraus keine bedrohliche Situation für mich würde. An einem Abend jedoch bat er darum, dass wir darüber reden. Er fragte sie, mit wem sie den Abend verbringen wollte und sie sagte, gerne mit mir. Ich hielt still, dachte, wenn ich nicht freudig herumspringe kann man mir auch keine Vorwurf machen, ihm in die Quere gekommen zu sein, oder dergleichen. Dann wollte sie von ihm wissen, wie er sich damit fühlt. Er sagte, er sei ein wenig ängstlich, weil er die Verbindung zu ihr sehr schätzt und hofft, dass sie weiterhin Bestand hat. Ich war verblüfft. Implizit in dieser Antwort hörte ich nämlich, dass Platz für mich ist und dass das, was mir gefallen würde, auch gefragt war. Damit hatte ich irgendwie nicht gerechnet. Und ich merkte auch, dass die Tatsache, dass er das sagen konnte und es verstanden und angenommen wurde, ebenfalls Platz für ihn machte, selbst wenn sie Zeit mit mir verbrächte. Damit war das Bedrohliche der Situation ziemlich besänftigt.

Ich hab mir über diesen Abend schon oft Gedanken gemacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass mehrere zu lieben, ohne dass jemand auf der Strecke bleibt, dann möglich sein müsste, wenn man so darüber reden kann. Denn die übliche Exklusivität scheint den Sinn zu haben, die Interessen der Beteiligten zu schützen. Und das besonders dann, wenn sie nicht wissen, wie sie diese Interessen auf eine Weise artikulieren können, die die Herzen öffnet und zu Kooperation inspiriert – also im Sinne dessen, wozu die Gewaltfreie Kommunikation auch gedacht ist. Wenn dieser Schutz allerdings auf andere Weise gewährleistet, oder nicht mehr nötig ist, weil die Beteiligten selbst schon sehr klar wissen, was sie wollen und was ihre Bedürfnisse sind, wird auch mehr möglich. Das ist zumindest ein Ansatz, auf den man sich hinentwickeln könnte.

Glaubenssätze

In „The ethical slut“ beschreiben die Autorinnen verschiedene Mythen und kulturell verankerte Glaubenssätze, die allein schon die Vorstellung, mit mehreren Menschen intim zu sein und offene Beziehungen haben zu können, sehr schwierig machen. Einer dieser Mythen ist der, dass man eine andere Person braucht (bei den meisten vom anderen Geschlecht) die einen vervollständigt. Die Anwesenheit und Zuwendung dieser Person ist dann so immens wichtig für die eigene Integrität und Ganzheit, dass es sehr bedrohlich wäre, diese Beziehung zu öffnen und zuzustimmen, dass meine Partnerin auch intimen Kontakt zu anderen Leuten haben darf. Im besten Falle geht es ihr in Bezug auf mich genauso, weswegen sie gar nicht auf die Idee käme, etwas anderes zu wollen. Im schlimmsten Falle sorgt diese Dynamik für enormen Druck und Angst vor Vorwürfen, die dann wahre Intimität sehr schwierig machen.

Jetzt hab ich mich aber gefragt, wie dieser Glaubenssatz zustande kommt. Denn ehrlich gesagt führt es nicht sehr weit zu sagen „Wär’s nicht toll, wenn wir uns alle lieben würden? Dieser Mythos hindert uns daran, also weg damit!“ Ich hab das schon bei einigen Themen versucht und musste dann immer wieder merken, dass ich nicht ganz überzeugt bin. Und dann mach ich’s auch nicht. Ich komme da also nur raus, indem ich mir genau ansehe, warum der Gedanke, einen Menschen zu brauchen, der mich vervollständigt und dann bitte auch nur für mich da ist, so plausibel wirkt.

Ganzheit mit einem anderen Menschen

Das letzte Mal, dass ich das erlebt habe, war mit meiner damaligen Freundin, in die ich lange verliebt war, bevor ich mit ihr zusammenkam. Als es dann endlich so weit war, kam mir das ziemlich bekloppt vor, also irgendwie unglaublich. Wie? Ich bekomme, was ich mir wünsche? Nicht zu fassen… und dann war ich einfach nur noch glücklich. Wow, endlich ganz, endlich zufrieden mit mir. Endlich ist die Welt nicht mehr ein Ort, in dem ich mir zusammen suchen muss, was ich brauche, um endlich vollständig zu sein, um vollständig Ich zu sein, mit allem, was ich fühle, denke, mir wünsche. Das war also eine große Erleichterung.

Aber ich weiß sehr gut, dass es einen Unterschied zwischen Auslöser und Ursache gibt. Und die äußere Situation, dass ich mit dieser Frau zusammen gekommen bin und ihr endlich nah sein durfte, stufe ich als Auslöser für dieses Gefühl der Ganzheit ein, nicht als Ursache. Und damit bleibt die Frage, was dann die Ursache ist, der Faktor, auf den es eigentlich ankommt. Und ich glaube, dass ich ihn gefunden hab.

Ganzheit in mir

Friedrich Nietzsche hat mal gesagt: „Was ist das Siegel der erreichten Freiheit? – Sich nicht mehr vor sich selbst zu schämen.“ Das trifft den Kern sehr gut, glaub ich. Denn die Freiheit, um die es hier geht, ist die Freiheit, man selbst sein zu können und frei von Scham oder Schuld diesbezüglich zu sein. Was meine ich mit „ich selbst sein“? Ein klares Ja zu meinen Gefühlen und Bedürfnissen, zu meiner Erfahrung in diesem Moment. Kein Gedanke, dass das, was in mir lebt, inhärent schlecht oder belastend für andere sein könnte. Wenn ich vollständig verstehe, dass alles was in mir lebt, seinen Platz hat und zum Glück und Wohlergehen anderer beitragen kann (selbst, wenn es das nicht immer tut, abhängig von der Situation der anderen), kann ich auch alles, was in mir ist, vollständig annehmen. Und das wäre dasselbe, wie zu sagen, dass ich ganz bin.

Als ich mit meiner damaligen Freundin zusammenkam, schien es, als sei das zum ersten Mal der Fall. Gerade Bedürfnisse, die mit Intimität, Nähe und Sexualität zu tun haben, haben hier einen Platz gefunden, der allen beteiligten Freude macht. Und ich hatte keine Angst mehr davor, sie auszudrücken und eine gute innere Beziehung dazu zu haben. Mit dieser Integrität hatte ich auch viel mehr Lust, andere Sachen anzugehen, die mit Schule, anderen Freunden und dem Leben insgesamt zu tun haben. Der innere Streit und die Angst vor mir selbst war weg.

Ich glaube, dass es das ist, was wir alle suchen. Und viele finden das in der Verliebtheitsphase mit einem neuen Partner, ohne aber so recht zu wissen, wo es her kommt, was Ursache, was Auslöser ist und wie viel Bewusstsein, und damit Kontrolle, sie selbst über diesen Prozess haben können. Logischerweise wird damit der Mythos der anderen Hälfte plausibel, denn die bisherige Erfahrung zeigte ja, dass ich nur vollständig sein konnte, wenn ich eine Partnerin hattte, bei der ich so sein konnte. Bisher.

Ganzheit in mir und in der Partnerschaft

Natürlich hört die Verliebtheitsphase genau dann auf, wenn meine ausgedrückten Gefühle und Bedürfnisse nicht mehr zu 100% auf Zustimmung und Übereinstimmung beim anderen stoßen. Irgendwas ist anders. Und wenn man davon ausgeht, dass es der andere ist, der einen vervollständigt, ist es natürlich der andere, der sich verändert hat. Mist. Alles vorbei. Wieder neu auf Suche gehen? Oder sich mit einem Kompromiss zufrieden geben?

Wenn allerdings klar wird, dass es die Scham vor einem selbst ist, die die Ganzheit und Integrität verhindert, verlagert sich der Fokus. Die Versuche, den anderen zu manipulieren und in das Bild hineinzuzwängen, was man von ihm hat, werden weniger. Und zwar nicht, weil man eine so viel moralischere Person wird, sondern, weil es einfach nicht effektiv ist. Es ändert nichts an meiner inneren Spaltung. Und es macht die Beziehung nicht schöner, sondern erhöht den Druck. Und unter diesen Voraussetzungen fängt das Interesse daran an, wie man sich, seine Wünsche und Bedürfnisse auf eine Weise ausdrücken kann, die für den anderen leicht zu hören ist. Die keine Forderungen beinhaltet, keine Diagnosen und Vorwürfe dessen, was der andere falsch macht, wenn er dem Wunsch nicht Folge leistet.

Und nicht nur der Ausdruck ist wichtig, für die innere Ganzheit, sondern auch das Verständnis dessen, was der andere erlebt. Denn wenn ich sag was ich will und bekomme ein :-( zur Antwort, fällt es mir sehr schwer, immer noch davon auszugehen, dass was ich will auch gut für die andere Person und damit die Beziehung sein könnte. Da kann ich mich selbst noch so gut verstehen, das ändert sich erst, wenn ich eine empathische Vorstellung dessen hab, was die Situation des anderen gerade ist. Und meine Erfahrung ist, dass ich mich erst so richtig auf die Perspektive der anderen Person einlasse, wenn ich aufgegeben hab, sie in mein Ideal-Bild zwängen zu wollen. Was ich wiederum erst tue, wenn mir wirklich klar ist, dass ich damit nicht gewinne, weil das Problem nie in der Persönlichkeit des anderen liegt, sondern darin, dass ich wissen will, wie ich zu meinen Gefühlen, Bedürfnissen und Bitten stehen kann, unabhängig von den Umständen.

Das scheint also Teil der Gegebenheiten zu sein, die nötig sind, um den Mythos der anderen Hälfte aufzugeben und mehr Offenheit zu erlauben. Ich bin gespannt auf Kommentare…


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