Hier ist eine Frage, die wohl jeden beschäftigt, der sich weiter entwickelt und nach Jahren seine alten Freunde wieder sieht, aus der Zeit, wo er oder sie noch jung und unerfahren war: Wie gehe ich damit um, dass ich heute so anders bin als damals? Und dass die Beziehungen, die sich damals gebildet haben, nicht mitgewachsen sind? Ich denke dabei z.B. an Freunde oder Mitschüler aus der Schulzeit. In ein paar Monaten ist ein Treffen meiner Stufe geplant und ich steh vor einem großen Problem, wenn ich daran denke. Meine Ex kommt wohl auch und das macht es nicht einfacher.
Alte Glaubenssätze
Der Kern des Problems für mich ist, dass ich nicht wieder so denken und reagieren will, wie zum Ende der Schulzeit. Im Vergleich zu heute war ich damals noch wesentlich mehr von bestimmten Glaubenssätzen überzeugt, die mich ganz schön eingegrenzt haben. Dazu gehören Ideen wie „Die Bedingungen gemocht und akzeptiert zu werden, kann ich gar nicht erfüllen.“, „Ich kann meinem Urteil nicht vertrauen und muss mich auf das verlassen, was andere sagen.“ oder „Wenn ich tiefer auf jemand anderen eingehen will, nehme ich mir ein Recht, mehr zu erfahren, was ich gar nicht habe.“ Und das Dumme ist natürlich, dass diese Glaubenssätze stark in dem sozialen Kontext verankert sind, den diese alten Bekannten bilden. Die Tatsache, dass ich mit einigen dieser Leute schon lange nichts mehr zu tun haben, bedeutet nur, dass mein eigener sozialer Kontext sich gewandelt hat. Und innerhalb dieses Kontextes ist es mir gelungen, mehr Klarheit über die Wurzel dieser einschränkenden Glaubenssätze zu bekommmen. Das sorgt für mehr Vertrauen, Offenheit und Klarheit. Aber ich merke auch, dass ich, sobald ich wieder im alten Kontext bin, also mit alten Bekannten zu tun habe, in mir der Impuls aufsteigt, meine Entwicklung zu rechtfertigen und zu „beweisen“, dass ich jetzt anders bin und man anders mit mir umgehen muss. Wenn ich das einfach so klarstellen würde, wäre das vielleicht kein Problem, aber gerade der Glaubenssatz, ich könne mich nicht auf mein Urteil verlassen, macht das schwierig.
Die Macht des Kontextes
Wie kommt man also da heraus? Ich meine, die Tatsache, dass der soziale Kontext so entscheidend dafür ist, was uns überhaupt einfällt zu sagen oder zu tun, ist eine ziemlich etablierte Erkenntnis. Die Experimente von Stanley Milgram und Philip Zimbardo haben da sehr zu beigetragen. In beiden geht es darum, dass der soziale Kontext Menschen dazu bringt, unheimlich brutal und gewalttätig gegenüber anderen zu sein. Und dass es extrem schwierig war, dem zu entgehen. In meiner Bachelorarbeit zum Thema Selbstbestimmung zitiere ich Forschung, die nahelegt, dass sich Selbstbestimmung nur in sozialen Umgebungen entwickeln kann, die die Autonomie, Kompetenz und die zwischenmenschlichen Verbindungen betont und unterstützt. Selbstbestimmung ist in diesem Sinne in ihrer Entwicklung alles andere als selbstbestimmt, sondern extrem abhängig davon, ob die Art zu kommunizieren und mit einander umzugehen das zulässt. Außerdem lese ich gerade ein Buch von Dr. Bruce Perry, einem Kinder-Psychiater, der beschreibt, wie frühe traumatische Erlebnisse, Vernachlässung und Gewalt die Entwicklung des Gehirns einschränken. Und dass diese Entwicklung nicht stattfinden kann, wenn das Kind keine nährende Zuwendung erlebt. Ein kleines Mädchen von vier Jahren wog z.B. nur 13 kg, als Perry ihr begegnete. Sie bekam keine Umarmungen, wurde nicht gehalten oder gewiegt und wurde selten von ihrer Mutter angesprochen. Die Mutter hatte selbst in dieser frühen Phase kaum Gelegenheit für echte Bindung gehabt, da sie in Abständen von einem halben Jahr von Pflegeheim zu Pflegeheim gegeben wurde. Das heißt, sie hatte gar nicht gelernt, menschliche Interaktion mit erfüllten Bedürfnissen zu assoziieren. Und so fiel ihr nicht ein, sich auf die Weise um ihr Kind zu kümmern. Von früheren Behandlungen kannte Perry eine Frau, die sich Mama P. nannte und die Kinder bei sich aufnahm und für sie sorgte. Sie nahm sie auf den Arm, wiegte sie, sang für sie, streichelte sie, und so weiter. Perry fragte sie, ob sie das kleine Mädchen und die Mutter aufnehmen würde, um ihnen zu zeigen, wie das geht. Nach einem Monat bei Mama P. hatte das kleine Mädchen 5 kg zugenommen, bei gleicher Nahrung! Es gab sonst keine medikamentöse Behandlung, sondern einzig und allein die soziale Zuwendung sorgte dafür, dass die Kleine wachsen und leben wollte!
Ich bringe das ein, um zu zeigen, wie mächtig der soziale Kontext ist. Und am herausfordernsten ist diese Tatsache, wenn ich in einer Umgebung bin, die nicht meine innere Stärke inspiriert, sondern meine Ängste und Unsicherheiten hervorhebt.
Herausfordernde Spannung
Ich sehe mich selbst gerne als jemand, der neue Perspektiven, Hoffnungen und ermutigendes Verständnis in eine Umgebung bringt, wo es davon viel zu wenig gibt. Das jedenfalls würde ich gerne tun. Es ist leicht in einer Gemeinschaft zu leben, wo jeder mit sich und seiner Liebe zum Leben und seiner Fürsorge im Kontakt ist. In den meisten Gemeinschaften ist das unter Wut und letztlich Hoffnungslosigkeit begraben. Hoffnungslosigkeit darüber, selbst je geliebt, gesehen, verstanden zu werden und dann die Mittel zu haben, sich auszudrücken und in Verbindung mit sich und der Welt zu stehen. Ich habe diese Hoffnungslosigkeit auch in mir. Und das macht es so herausfordernd mit Leuten zusammen zu sein, die diese innere Verbindung nicht kennen oder nur sehr sporadisch erleben. Aber irgendwie will ich diese Herausforderung meistern. Ich würde gerne lernen, diese innere Tiefe und Verbundenheit zu halten, während um mich herum Chaos, Angst und Verzweiflung herrschen. Verletzlich zu sein und aus dieser Verwundbarkeit Stärke zu beziehen.
Wenn ich allerdings daran denke, während ich alte Bekannte treffe, kommen in mir meine eigenen Hoffnungslosigkeiten und eingeschränkten Perspektiven wieder ans Licht, die ich überwunden geglaubt hatte. Wie kann ich denen am besten begegnen?
Ein möglicher Ansatz
Das größte Hindernis scheint mir zu sein, dass ich mich mit diesen eingeschränkten Perspektiven identifiziere. Ich BIN dann wieder der alte Niklas, statt dass ich wieder diese Perspektive einnehme, die neben anderen steht. Etwas Abstand zu haben und diese Perspektive als Objekt in meinem Bewusstsein zu sehen, statt als Subjekt darin eingebettet zu sein, klingt hilfreich. Und dann die Frage: Was ist daran liebenswert? Was braucht liebevolle und mitfühlende Aufmerksamkeit? Zum einen, was hätte ich so gerne gehabt damals? Welche Art von Beziehung hätte mich genährt, als ich in der Schule war? Wie will ich grundsätzlich mit anderen in Beziehung stehen? Und vielleicht auch, wie konnte es kommen, dass ich auf die Ideen kam, die ich damals von mir und der Welt hatte? Was hat mir das gegeben und welche Ressourcen waren nicht verfügbar, die ich aber heute habe? Diese Fragen verändern das Bild doch erheblich. In erster Linie geben sie mir meine Autonomie zurück. ICH bestimme, worauf ich achte und was ich glaube. Außerdem schaffe ich Raum dafür, dass die Beziehungen und die Art mit den anderen umzugehen, noch auf dem alten Stand ist. Und dass es Mut und Bewusstsein braucht, und auch Ehrlichkeit, da neuen Mustern und Umgangsformen Platz zu machen, die besser für beide sind. Mitunter bin ich auch der einzige, der eine Idee davon hat, was das bringen könnte oder wie man überhaupt mehr Verbundenheit miteinander haben kann, ohne dass mehr Schmerz entsteht. Ich merke, dass meine Angst zurückgeht, wenn ich das alles bedenke. Ich weiß dann, worauf ich mich einlasse. Und das gibt mir die Freiheit, mich entsprechend meiner Bedürfnisse zu entscheiden. Ich hab die Sache wieder in der Hand und lasse mich nicht von dem, von dem ich glaube, das die anderen es von mir denken oder erwarten, kontrollieren.
Das klingt doch nach einem vernünftigen Ansatz, der auch funktionieren könnte. Ich bin allerdings auch schon öfters an diesem Punkt gewesen und hab die darin liegende Weisheit woanders wieder vergessen. Wie gesagt, der Kontext ist ziemlich mächtig. Und meiner Erfahrung nach wird diese Weisheit wirklich erst dann Teil meines Habitus, meiner Gewohnheit und Natur, wenn ich sie leicht in der Hand halte, immer wieder bereit bin, mich daran zu erinnern, aber nicht auf statische und fixierte Weise, sondern veränderbar und immer wieder frisch. Denn jede Situation ist neu und noch nie da gewesen, übersteigt und enthält alles, was davor war. Das heißt, die einzige Gewohnheit, die ich mir hier aneignen kann ist die, mich damit wohl zu fühlen, immer wieder neu zu überprüfen und mir bewusst zu machen, wie die Situation eigentlich ist. Was ich dann entdecke, ist nicht vorherzusehen.
Ich bin neugierig und wüsste gerne mehr von eurer Erfahrung. Wenn ihr das lest, erkennt ihr euch darin wieder? Wie geht ihr damit um? Ich freu mich auf Kommentare.