Seit einiger Zeit versuche ich David Deidas Ansatz zur sexuellen Anziehung zu verstehen, bzw. in mir selbst wieder zu erkennen, wovon er spricht. Es ist ja schon sehr spannendes Thema, eines, das wahrscheinlich jeden irgendwie bewegt. Und gewisse Gesetzmäßigkeiten darin zu erkennen ist wohl etwas, was jeder schon mal versucht hat. Wer passt zu wem? Wann mag ich jemanden? Wann finde ich jemanden sexy? In vielen Fällen dienen diese Fragen wohl der Suche nach Möglichkeiten, die Sache ein wenig mehr unter Kontrolle zu halten, aber ich selbst frage mich das eher, damit ich überhaupt ein klareres Bild davon bekomme, wonach ich eigentlich suche.
David Deida hat bemerkt, dass Sexualität wahrscheinlich das Thema ist, was bei aller Bewusstmachung und persönlichen Entwicklung letztlich doch noch am wenigsten Aufklärung und Klarheit bekommt. Wer weiß, woran das liegt. Sex hat immer eine besondere Intensität, ist für viele sicher ein Bereich, in dem sie mit ihren tiefsten Unsicherheiten in Kontakt kommen, so dass sie von daher nur sehr vorsichtig da heran gehen. Manche Leute entschließen sich auch, die Sache ganz sein zu lassen, obwohl ich mir praktisch kaum vorstellen kann, wie jemand das machen kann. Ich meine, vor allem bei Männern muss da doch ziemlich schnell eine Art Druck entstehen…
Man kann also sagen, dass gerade bei der Sexualität ein gewisser Bedarf an Klarheit besteht. Und diese Nische füllt nun David Deida. Ich finde durchaus nützlich was er zu sagen hat und habe vor allem heute Abend (bzw. Nacht) von dem was er sagt, etwas sehr Schönes in mir wieder erkannt. Dazu gleich mehr.
Bevor ich ins Detail gehe, will ich die Unterscheidung zwischen sexueller Polarität, romantischer Verliebtheit und Liebe erklären. Das sind drei Erfahrungen, die relativ unabhängig voneinander auftauchen können und ich glaube, es ist sehr hilfreich zu erkennen, was was ist.
Romantische Verliebtheit werden wir wohl alle am ehesten wiedererkennen. Sie ist für viele das erste Mal, dass sie vollständig zu etwas Ja sagen können, was für große Erleichterung und wunderbare Euphorie sorgt. In der Verliebtheit geht es um eine gewisse Vertrautheit, etwas in der Frau, in die ich verliebt bin, kommt mir so vor, als wäre es mir schon lange zu eigen, als würde ich sie schon lange kennen. Ich kann mich plötzlich entspannen, meine Wachsamkeit beiseite schieben und blind vertrauen. Das ist so wunderbar, mal jemandem zu haben, bei dem das geht. Deida äußert die Vermutung, dass diese Vertrautheit mit Charakterzügen im Partner zu tun hat, die an unsere Eltern erinnert. Ich bin nicht sicher, ob ich das so für mich bestätigen kann. Aber rein theoretisch wäre es wohl plausibel. Es würde auch erklären, warum die Verliebtheit zeitlich begrenzt ist, denn diese Charakterzüge können auch den gegenteiligen Effekt haben und uns langfristig auf die Nerven gehen. Außerdem gewöhnt man sich an alles und die erste Euphorie, die vor allem vom Kontrast mit der voherigen Einsamkeit genährt wird, flacht ab und legt sich wieder. Das macht sie nicht weniger echt, bloß eben abhängig von diese Anfangsbedingungen.
Romantische Verliebtheit ist exklusiv. Es gibt diese eine spezielle Person, mit der diese Gefühle da sind, diese merkwürdige Vertrautheit aufkommt. Für viele sind es nur wenige Menschen im ganzen Leben, wenn überhaupt.
Liebe hingegen ist nicht exklusiv. Deida definiert Liebe als ein Einssein mit etwas anderem, egal was es ist. Ich mag das Beispiel eines guten Romans, mit dem ich eins werde, wenn ich ihn lese und mich von der Geschichte leiten lasse. Es geht um das offenherzige annehmen dessen was ist, egal ob es eine Situation ist, ein Objekt oder eine Person. Und ich kann viele Dinge auf diese Weise annehmen. Es ist eine spirituelle Praxis, wobei ich mit spirituell den Bezug zu etwas größerem Ganzen meine, das das Individuum übersteig und mit ein beschließt. Das Bewusstsein für diese größere Verbindung wird mit jeder spirituellen Praxis gepflegt und Liebe ist das Wiedererkennen davon. Ich kann meine Parterin lieben, auch wenn ich nicht verliebt in sie bin. Und ich kann verliebt in sie sein, ohne sie zu lieben. Der Unterschied liegt darin, ob ich mein Herz für sie öffne, sie genau so wahrnehme, wie sie gerade ist und darin die tiefere Essenz wiedererkenne, die wir alle teilen – oder ob ich mich in der wunderbaren Freude daran ergötze, jemanden zu haben, der mir so nah und vertraut ist, ohne dass ich sie wirklich in diesem größeren Zusammenhang sehen kann. Es geht natürlich auch beides.
Sowohl Liebe als auch Verliebtheit können nun unabhängig von sexueller Anziehung und erotischer Spannung sein. Um diese Spannung zu erklären, spricht Deida von zwei Prinzipien, dem Maskulinen und dem Femininen. Er hat dabei zwei bestimmte Bedeutungen im Sinn, die sich am ehesten im Folgenden beschreiben lassen.
Wenn du für einen Moment inne hälst und deine momentane Erfahrung bemerkst, also Gedanken, Gefühle, körperliche und sinnliche Wahrnehmungen, Erinnerungen, Erwartungen und dergleichen, dann bist du in Kontakt mit dem Femininen. Damit ist der Teil unserer Existenz gemeint, der sich unablässig ändert, der von Moment zu Moment eine andere Form annimmt und nie still steht. Dem gegenüber gestellt ist das inhaltslose Bewusstsein, eine Art subjektiver Zeuge, vor dem diese Erfahrungen kommen und gehen, der aber selbst immer bleibt wo er ist. Das ist der Teil unserer Existenz, der immer gleich bleibt, der so war als ich noch in der Grundschule war und der noch so sein wird, wenn ich 50 werde. Es ist das zeitlose „Ich bin.“ und es ist das, was Deida das Maskuline nennt.
Das Feminine lebt von der Fülle, der Bewegung, des Tanzes, der Farben und des Ausdrucks. Es geht um einen Fluss, der nie endet, sondern der in seiner eigenen Bewegung seine Freude und Identität findet. Es ist das, was wir alle erleben, wenn wir auf einer Party plötzlich Musik hören, die uns durch den ganzen Körper geht und uns animiert, ja inspiriert, zu tanzen und uns in der Lebendigkeit des Rhythmus zu verlieren. Mit dem Maskulinen hingegen sind wir in Kontakt, wenn wir uns einfach zurücklehnen und zuschauen wollen, wie andere zur Musik tanzen. Dem Maskulinen geht es um die Leerheit, das inhaltslose Bewusstsein, das Aufgehen der eigenen Identität im zeitlosen Gewahrsein. Das Maskuline setzt eine klare Richtung mit einem Ziel. Und nachdem dieses Ziel erreicht wurde, kehrt es zurück zur Quelle, zurück zum zeitlosen Gewahrsein und in die Zeugenposition.
Da sowohl das Maskuline als auch das Feminine fundamentale Aspekte des Lebens an sich sind, teilen alle Menschen diese Erfahrung. Allerdings wurde laut Deida jeder von uns mit einer femininen, maskulinen oder ausgeglichenen Essenz geboren, was bedeutet, dass jeder die Tendenz hat, sich mit der einen oder anderen Richtung mehr zu identifizieren. Und, o Wunder, mehr Frauen weisen eine feminine Essenz auf, während mehr Männer eine maskuline Essenz zu haben scheinen.
Woran merkt man das nun? Nun, stell dir vor, du hast den Partner vor dir, dem du am meisten vertraust und der dich am meisten anspricht, egal ob fiktiv oder nicht. Die Frage ist, möchtest du von diesem Partner, der Partnerin genommen werden, ihm/ihr vollkommen die Regie überlassen, dich leiten lassen und tief in deinem Herzen berührt, geöffnet und gesehen werden? Oder willst du die Richtung weisen, willst du, dass deine Partnerin, dein Partner deiner Führung mit tiefem Vertrauen und Offenheit begegnet und du sie/ihn nehmen und im tiefsten Grunde ihres/seines Herzens berühren kannst? Behagt dir ersteres mehr, würde ich von einer femininen Essenz ausgehen, letzteres spricht mehr für eine maskuline Essenz.
Der Punkt ist jetzt, dass sexuelle, erotische Spannung nur dort auftaucht, wo beide Partner gerade jetzt die extremen Pole einnehmen, also der eine die Regie übernimmt, die andere sich in Liebe ergibt und darin aufgeht (bzw. umgekehrt). Sind beide gleichzeitig in ihrem maskulinem/femininem, kann der Spannungsbogen nicht entstehen und die Erotik setzt nicht ein. Man kann sich immer noch lieben oder verliebt sein, nur geil wird man nicht.
Ich persönlich erkenne eine maskuline Essenz in mir. Es macht mir mehr Spaß und ist leichter, im inhaltslosen Bewusstsein zu verweilen, zu beobachten und die Regie zu übernehmen. Besonders viel Resonanz hat mit mir der Wunsch, dass mir in meiner Führung mit Vertrauen begegnet wird und meine Partnerin mir ihr Herz weit öffnet, während ich es mit meiner Aufmerksamkeit durchdringen kann. Das klingt wirklich nach dem Ideal für mich und diese Art von Vertrauen fehlt mir oft genug. Deida macht den Hinweis, dass dieses Vertrauen in die maskuline Führung sehr stark damit zusammenhängt, ob die Person ihrem Herz folgt und genau die Dinge tut, die er/sie getan haben muss, um in Frieden sterben zu können. Ist das nicht der Fall, so Deida, dürfte es schwer fallen der Führung zu vertrauen, da sie nicht im Herzen und den echten Werten der Person verwurzelt ist. Das finde ich sehr hilfreich und plausibel. Ich bemerke auch, dass ich, sobald ich mich dem zuwende, was ich selbst wirklich wertvoll finde und machen will, mehr Vertrauen in meine eigene Führung bekomme und weniger Sorge, Frauen auf diese Weise zu begegnen.
Ich erkenne durchaus auch das Feminine in mir, den Wunsch, im Strom der Erfahrungen mitgeschwemmt und trotzdem gehalten zu werden. Und auch da kann ich mir eine erotische Spannung vorstellen, wenn jemand anderes den maskulinen Part übernimmt. Aber meine Präferenz liegt doch eher im eigenen Maskulinen.
Ich bin gespannt, ob sich diese Ideen durchsetzen, Wiedererkennung und weitere Verbreitung finden werden. Ich persönlich bin froh darüber und hoffe hiermit auch einige unter euch angesprochen zu haben. Kommentare sind willkommen.