Ein Wort zur Theorie

2 08 2011

Es gab eine Zeit, da ich von einigen Menschen gespiegelt bekommen habe, ich sei “sehr im Kopf”, wenn ich rede. Das zu hören hat mich für gewöhnlich furchtbar aufgeregt, weil ich so gar nichts damit anfangen konnte und dieses “Du bist ZU sehr… was auch immer” ja irgendwie impliziert, dass mit mir etwas nicht stimmt. “Ja, was soll ich denn sonst sein?!?” war üblicherweise meine erste Reaktion. Ich bin auch heute noch ärgerlich darüber, dass ich selbst herausfinden musste, was dieser Satz bedeuten könnte, aber was sich als relativ klar herausgestellt hat ist folgende Übersetzung: “Wenn ich Dich über diese Theorie/diesen Gedanken reden höre werde ich unruhig und ein wenig ungeduldig. Ich bin sicher, dass Du mir damit irgendetwas persönlich Relevantes mitteilen willst, aber ich krieg’s nicht zu fassen. Ich würde gerne hören, was Du willst, was Du Dir wünschst, wie man Dir entgegen kommen kann, so dass ich Dich als Mensch erspüren kann.”

Seitdem ich das weiß, achte ich sehr genau darauf, ob, und wenn ja welche, persönliche Relevanz meine Gedanken haben und ob sie zur Verbindung mit anderen Menschen beitragen. Ich werde z.B. sehr unruhig, wenn ich von einer Theorie erzähle, die mich irgendwie fasziniert, ich aber nicht so recht sagen kann, warum das jetzt gerade für den Kontakt mit meinem Gegenüber wichtig ist. Genauso unruhig werde ich, wenn jemand anderes das tut und ich ihn nicht zu fassen bekomme. Ich werde unruhig, weil ich ja selber möchte, dass das Gespräch auf effiziente Weise zur Verbindung beiträgt. Und wenn ich ehrlich bin, sind Theorien, von denen ich erzähle, meist Stellvertreter, für eine Erfahrung, die mit dieser Theorie eine Legitimation bekommen hat. Ein witziges Beispiel ist, wie ich mit einer Frau unterwegs war, die ich sexuell attraktiv fand und mit der ich, statt von meinen Wünschen zu sprechen, eine theoretische Unterhaltung über Sex angefangen habe. Alles in der Hoffnung, sie möge doch von selbst auf diese Bedeutung kommen und mir die Unsicherheit ersparen, die volle Verantwortung für meinen Wunsch zu übernehmen und dann nicht zu bekommen, was ich will.

Vor dem Hintergrund verstehe ich die Aussage “Du bist mir zu sehr im Kopf.” auch als “Du brauchst keine Legitimation um mir zu sagen, was Du willst und brauchst. Ich würde es gerne einfach von Dir direkt erfahren.” Ich habe eine Weile gebraucht, bevor ich dem trauen konnte, aber jetzt bin ich sehr froh, dass ich schon seit einigen Jahren niemanden mehr habe sagen hören, ich sei ihm zu sehr im Kopf.

Ein Erlebnis, was mir diesen Zusammenhang zwischen Gedanken und Verbindung sehr deutlich gemacht hat, fand im Rahmen einer Mailingliste zur Gewaltfreien Kommunikation statt. Dort habe ich vor etwa 2 1/2 Jahren einen Beitrag zum Thema “Mann, das entbehrliche Geschlecht” geschrieben, ein Thema was ich auch hier behandelt habe. Ich war so begeistert davon, dass ein gewisser Warren Farrell sich der unbewussten Rollendynamik von Männern angenommen und darüber Bücher geschrieben hat – eine Sache, die es für Frauen schon eine ganze Weile gibt, bei der die Männer aber unterrepräsentiert sind. Ich bin mit der Diskussion in der Mailingliste nicht weit gekommen, sondern wurde schnell gefragt, was denn meine eigenen Erfahrungen mit dem Thema seien. Da fiel mir eine schmerzhafte Unterhaltung mit meiner früheren Partnerin ein, in der wir einander überhaupt nicht verstanden haben, sondern ihre Wut darüber, nicht ihren Weg als Frau so gehen zu können, wie sie gerne würde, zu einem Vorwurf an mich als Mann wurde. Jedenfalls hab ich das so aufgefasst. Und dann von Warren Farrell zu lesen, der die Ohnmacht von Männern in einer Rolle, die nicht selbst gewählt ist, beschreibt und ihr eine Stimme gibt, erleichtert und freut mich enorm, da es mich ermächtigt der Wut der Frau als ganzer Mann entgegen zu treten, sie hören zu können, ohne mich dann selbst zu verraten. Meine persönliche Öffnung wurde in der Mailingliste sehr begrüßt und ich habe gemerkt, dass ich damit eigentlich das Wesentliche gesagt hatte. Eine weitere Debatte darüber, inwiefern das nun stimmt, was Farrell schreibt und ob’s auch Gegenargumente gibt, war einfach nicht mehr interessant.

In diesem Sinne fordere ich euch auch zu einer Kultur auf, in der ihr schaut, inwiefern eure Gedanken mit eurem direkten Erleben in Verbindung stehen. Für welche Werte und Bedürfnisse treten sie ein? Was wollen sie sichtbar machen? Meine Erfahrung ist es, dass sich Debatten, Gespräche und Austausch viel lebendiger anfühlen, wenn diese Fragen im Fokus sind. Stellt euch vor, Politiker, Professoren und andere Experten würden über wichtige Sachfragen in der Welt auf diese Weise debattieren! Also immer mit Bezug zu direkt Erlebtem, statt auf die Frage hin, wer nun Recht hat. Was wäre das für eine Erleichterung!


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Eine Antwort

15 12 2011
Gabriele

Hallo Niklas,
so was …….
da stöbere ich gerade “zufällig” auf deiner Tagebuchseite und finde einen Dank an mich
Freude, Aufregung bei mir
Klasse, daß du mich erwähnst, denn ich habe mir die Mühe gemacht, sowohl Frau Fritsch um Erlaubnis zu bitten, als auch selber den Text aus dem Buch abzutippen.

Ich habe einen Hinweis zu dir und diesem Blog entdeckt bei Gewaltfrei im Norden

Herzlichst Gabriele

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