Körperkontakt

11 08 2011

Als ich zu meinem letzten Übungsgruppentreffen der Gewaltfreien Kommunikation gefragt wurde, was die eigene Bereitschaft kultiviert, in empathischen, neugierigen Kontakt mit anderen zu gehen, habe ich spontan “Kuschelpartys” gesagt. Und ich meinte das ernster, als es erst aussah. Nach zehn Tagen Sommercamp im ZEGG bin ich bis letzten Dienstag weitere acht Tage in Berlin geblieben. Berlin, so wie jede andere Großstadt auch, ist jedes Mal krass, wenn ich aus einer kleinen begrenzten Umgebung komme, wo Menschen ziemlich achtsam und aufmerksam füreinander sind. Die Begrenzungen sind weg und die Eindrücke potenzieren sich. Überall Menschen, die fühlen, die sich bewegen, die sich ausdrücken, aber (fast) alles unverbindlich und ohne Herzkontakt. Bei mir löst das in der Regel Stress aus, bis meine eigenen Stadt-Filter wieder aufgerichtet sind. Dann ist der Stress noch da, aber er tritt in den Hintergrund.

Während der Zeit in Berlin gab es Gelegenheit ein paar der Leute zu treffen, die ich im ZEGG kennengelernt habe. Wir verabredeten uns zu einem Barfuß-Tanzabend, aber als wir dann da waren, haben wir kaum getanzt, sondern uns auf die Matratzen im Ausruhraum gelegt und einen Kuschelhaufen gebildet. Ich hatte Körperkontakt zu mindestens vier (zwar neu kennengelernten, aber doch vertrauten) Menschen gleichzeitig und habe mich göttlich gefühlt. Irgendwas in mir hat sich dabei tief entspannt. Es gab nichts zu tun, bloß zu sein und den Kontakt zu genießen. Dabei öffnet und entspannt sich erst meine Kehle, die in meinem System eine Art Sicherheitsventil für den Selbstausdruck darstellt. Und wenn die offen ist, fühl ich mich sicherer mit mir selbst. Ich kann mich leichter auszudrücken und habe Vertrauen, dass das, was ich ausdrücken will, auch empfangen wird. Als nächstes öffnen sich dann mein Herz, mein Bauch und mein Schoß… Naja gut, nicht immer aber in dem Moment ging’s mir schon mal ziemlich gut.

Als ich danach durch Berlin ging, stellte ich fest, wie der Hintergrundstress verschwunden war, jedenfalls für eine Weile. Stattdessen gab es eine erstaunliche Ruhe, Freude und Großzügigkeit in mir. Ich hatte tatsächlich so viel Frieden in mir, dass ich Lust hatte, Menschen mit Neugierde zu begegnen, selbst wenn sie gerade sehr anders drauf wären, als ich. Also genau die Stimmung, die es für natürlichen, aufrichtig empathischen Kontakt braucht.

Vor dem Hintergrund dieser Erfahrung hat der Satz “Kuscheln für den Weltfrieden” plötzlich Sinn ergeben. Ich bin wirklich überzeugt davon, dass es dieser entspannte innere Frieden ist, der uns effektiv für Verbundenheit und Freude aneinander wirken lässt – genau wie ich Scilla Elworthy hier zitiert habe.

Der Spruch “Make Love not War” passt im weiteren Sinne auch, wenn man es denn hinbekommt, die schöne, achtsame und entspannte Haltung beim Kuscheln auch in den Liebesakt mitzunehmen (was ja alles andere als selbstverständlich ist). Bevor ich diese Verknüpfung gemacht habe, kam es mir immer so vor, dass diese Hippies, die meinen, um Frieden auf die Welt zu bringen, sei es total wichtig, guten Sex zu haben, darin bloß eine super Rechtfertigung finden, auf unachtsame Weise ihren Geilheits-Impulsen nachzugehen. Mit der besagten Erfahrung wird mir aber klar, dass es dabei nicht um Sex an sich gehen muss, sondern um verbundenen Sex, oder Verbundenheit generell. Wann immer ich das hatte, bisher, hab ich gleich wesentlich mehr Energie gehabt, etwas Schönes in die Welt zu bringen. Ich hab das meine “Kinderzimmer-bauen-Energie” genannt. Und beim Kinderzimmer muss es ja nicht bleiben.

Ich geniere mich allerdings auch ein bisschen, das hier als neue Erkenntnis darzustellen. Für mich ist es in dieser Klarheit neu, aber ich stell mir vor, damit ein wenig wie ein verkopfter Exot dazustehen, gegenüber den Leuten, für die Körperkontakt selbstverständlicher ist, als er sich für mich und meinen Familienhintergrund darstellt. Ich habe lange so gelebt, dass ich, wenn ich den Wunsch nach Kontakt zu jemandem hatte, es erst gewagt habe, den auszusprechen, wenn ich eine akzeptable Rechtfertigung dafür parat hatte. Für einfachen Körperkontakt gibt’s aber kaum eine, jedenfalls keine verbale. In meiner Familie gibt es dafür irgendwie keinen Erfahrungshintergrund, der sagt “Das ist wertvoll, drücke es aus, wenn Du es möchtest und Du bekommst Antwort und Resonanz.” Stattdessen kam ich mir damit eher sehr verloren vor, als gäbe es keinen Weg, das je zu bekommen, wenn es mir gut tun würde.

Ich finde auch heute noch nicht einfach, dafür zu sorgen. Im Zweier-Kontakt mit einer Person, mit der ich nicht gerade eine monogame Beziehung habe, bringt das oft Komplikationen. Im ZEGG war es einfach, weil’s mehrere Menschen sind, die zu einem Anlass (z.B. Vortrag im Großzelt anhören) zusammenkommen und dann eben miteinander kuscheln. Da gibt’s eine Art Kultur, die das fördert und irgendwie leicht macht. Mit Freunden komme ich auf die Weise selten zusammen. Mein nächster Versuch wird sein, zu einer Kuschelparty zu gehen, wo ich allerdings noch niemanden kenne. Mal sehen, was das gibt.


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