Erotische Spannung

11 11 2009

Seit einiger Zeit versuche ich David Deidas Ansatz zur sexuellen Anziehung zu verstehen, bzw. in mir selbst wieder zu erkennen, wovon er spricht. Es ist ja schon sehr spannendes Thema, eines, das wahrscheinlich jeden irgendwie bewegt. Und gewisse Gesetzmäßigkeiten darin zu erkennen ist wohl etwas, was jeder schon mal versucht hat. Wer passt zu wem? Wann mag ich jemanden? Wann finde ich jemanden sexy? In vielen Fällen dienen diese Fragen wohl der Suche nach Möglichkeiten, die Sache ein wenig mehr unter Kontrolle zu halten, aber ich selbst frage mich das eher, damit ich überhaupt ein klareres Bild davon bekomme, wonach ich eigentlich suche.

David Deida hat bemerkt, dass Sexualität wahrscheinlich das Thema ist, was bei aller Bewusstmachung und persönlichen Entwicklung letztlich doch noch am wenigsten Aufklärung und Klarheit bekommt. Wer weiß, woran das liegt. Sex hat immer eine besondere Intensität, ist für viele sicher ein Bereich, in dem sie mit ihren tiefsten Unsicherheiten in Kontakt kommen, so dass sie von daher nur sehr vorsichtig da heran gehen. Manche Leute entschließen sich auch, die Sache ganz sein zu lassen, obwohl ich mir praktisch kaum vorstellen kann, wie jemand das machen kann. Ich meine, vor allem bei Männern muss da doch ziemlich schnell eine Art Druck entstehen…

Man kann also sagen, dass gerade bei der Sexualität ein gewisser Bedarf an Klarheit besteht. Und diese Nische füllt nun David Deida. Ich finde durchaus nützlich was er zu sagen hat und habe vor allem heute Abend (bzw. Nacht) von dem was er sagt, etwas sehr Schönes in mir wieder erkannt. Dazu gleich mehr.

Bevor ich ins Detail gehe, will ich die Unterscheidung zwischen sexueller Polarität, romantischer Verliebtheit und Liebe erklären. Das sind drei Erfahrungen, die relativ unabhängig voneinander auftauchen können und ich glaube, es ist sehr hilfreich zu erkennen, was was ist.

Romantische Verliebtheit werden wir wohl alle am ehesten wiedererkennen. Sie ist für viele das erste Mal, dass sie vollständig zu etwas Ja sagen können, was für große Erleichterung und wunderbare Euphorie sorgt. In der Verliebtheit geht es um eine gewisse Vertrautheit, etwas in der Frau, in die ich verliebt bin, kommt mir so vor, als wäre es mir schon lange zu eigen, als würde ich sie schon lange kennen. Ich kann mich plötzlich entspannen, meine Wachsamkeit beiseite schieben und blind vertrauen. Das ist so wunderbar, mal jemandem zu haben, bei dem das geht. Deida äußert die Vermutung, dass diese Vertrautheit mit Charakterzügen im Partner zu tun hat, die an unsere Eltern erinnert. Ich bin nicht sicher, ob ich das so für mich bestätigen kann. Aber rein theoretisch wäre es wohl plausibel. Es würde auch erklären, warum die Verliebtheit zeitlich begrenzt ist, denn diese Charakterzüge können auch den gegenteiligen Effekt haben und uns langfristig auf die Nerven gehen. Außerdem gewöhnt man sich an alles und die erste Euphorie, die vor allem vom Kontrast mit der voherigen Einsamkeit genährt wird, flacht ab und legt sich wieder. Das macht sie nicht weniger echt, bloß eben abhängig von diese Anfangsbedingungen.

Romantische Verliebtheit ist exklusiv. Es gibt diese eine spezielle Person, mit der diese Gefühle da sind, diese merkwürdige Vertrautheit aufkommt. Für viele sind es nur wenige Menschen im ganzen Leben, wenn überhaupt.

Liebe hingegen ist nicht exklusiv. Deida definiert Liebe als ein Einssein mit etwas anderem, egal was es ist. Ich mag das Beispiel eines guten Romans, mit dem ich eins werde, wenn ich ihn lese und mich von der Geschichte leiten lasse. Es geht um das offenherzige annehmen dessen was ist, egal ob es eine Situation ist, ein Objekt oder eine Person. Und ich kann viele Dinge auf diese Weise annehmen. Es ist eine spirituelle Praxis, wobei ich mit spirituell den Bezug zu etwas größerem Ganzen meine, das das Individuum übersteig und mit ein beschließt. Das Bewusstsein für diese größere Verbindung wird mit jeder spirituellen Praxis gepflegt und Liebe ist das Wiedererkennen davon. Ich kann meine Parterin lieben, auch wenn ich nicht verliebt in sie bin. Und ich kann verliebt in sie sein, ohne sie zu lieben. Der Unterschied liegt darin, ob ich mein Herz für sie öffne, sie genau so wahrnehme, wie sie gerade ist und darin die tiefere Essenz wiedererkenne, die wir alle teilen – oder ob ich mich in der wunderbaren Freude daran ergötze, jemanden zu haben, der mir so nah und vertraut ist, ohne dass ich sie wirklich in diesem größeren Zusammenhang sehen kann. Es geht natürlich auch beides.

Sowohl Liebe als auch Verliebtheit können nun unabhängig von sexueller Anziehung und erotischer Spannung sein. Um diese Spannung zu erklären, spricht Deida von zwei Prinzipien, dem Maskulinen und dem Femininen. Er hat dabei zwei bestimmte Bedeutungen im Sinn, die sich am ehesten im Folgenden beschreiben lassen.

Wenn du für einen Moment inne hälst und deine momentane Erfahrung bemerkst, also Gedanken, Gefühle, körperliche und sinnliche Wahrnehmungen, Erinnerungen, Erwartungen und dergleichen, dann bist du in Kontakt mit dem Femininen. Damit ist der Teil unserer Existenz gemeint, der sich unablässig ändert, der von Moment zu Moment eine andere Form annimmt und nie still steht. Dem gegenüber gestellt ist das inhaltslose Bewusstsein, eine Art subjektiver Zeuge, vor dem diese Erfahrungen kommen und gehen, der aber selbst immer bleibt wo er ist. Das ist der Teil unserer Existenz, der immer gleich bleibt, der so war als ich noch in der Grundschule war und der noch so sein wird, wenn ich 50 werde. Es ist das zeitlose „Ich bin.“ und es ist das, was Deida das Maskuline nennt.

Das Feminine lebt von der Fülle, der Bewegung, des Tanzes, der Farben und des Ausdrucks. Es geht um einen Fluss, der nie endet, sondern der in seiner eigenen Bewegung seine Freude und Identität findet. Es ist das, was wir alle erleben, wenn wir auf einer Party plötzlich Musik hören, die uns durch den ganzen Körper geht und uns animiert, ja inspiriert, zu tanzen und uns in der Lebendigkeit des Rhythmus zu verlieren. Mit dem Maskulinen hingegen sind wir in Kontakt, wenn wir uns einfach zurücklehnen und zuschauen wollen, wie andere zur Musik tanzen. Dem Maskulinen geht es um die Leerheit, das inhaltslose Bewusstsein, das Aufgehen der eigenen Identität im zeitlosen Gewahrsein. Das Maskuline setzt eine klare Richtung mit einem Ziel. Und nachdem dieses Ziel erreicht wurde, kehrt es zurück zur Quelle, zurück zum zeitlosen Gewahrsein und in die Zeugenposition.

Da sowohl das Maskuline als auch das Feminine fundamentale Aspekte des Lebens an sich sind, teilen alle Menschen diese Erfahrung. Allerdings wurde laut Deida jeder von uns mit einer femininen, maskulinen oder ausgeglichenen Essenz geboren, was bedeutet, dass jeder die Tendenz hat, sich mit der einen oder anderen Richtung mehr zu identifizieren. Und, o Wunder, mehr Frauen weisen eine feminine Essenz auf, während mehr Männer eine maskuline Essenz zu haben scheinen.

Woran merkt man das nun? Nun, stell dir vor, du hast den Partner vor dir, dem du am meisten vertraust und der dich am meisten anspricht, egal ob fiktiv oder nicht. Die Frage ist, möchtest du von diesem Partner, der Partnerin genommen werden, ihm/ihr vollkommen die Regie überlassen, dich leiten lassen und tief in deinem Herzen berührt, geöffnet und gesehen werden? Oder willst du die Richtung weisen, willst du, dass deine Partnerin, dein Partner deiner Führung mit tiefem Vertrauen und Offenheit begegnet und du sie/ihn nehmen und im tiefsten Grunde ihres/seines Herzens berühren kannst? Behagt dir ersteres mehr, würde ich von einer femininen Essenz ausgehen, letzteres spricht mehr für eine maskuline Essenz.

Der Punkt ist jetzt, dass sexuelle, erotische Spannung nur dort auftaucht, wo beide Partner gerade jetzt die extremen Pole einnehmen, also der eine die Regie übernimmt, die andere sich in Liebe ergibt und darin aufgeht (bzw. umgekehrt). Sind beide gleichzeitig in ihrem maskulinem/femininem, kann der Spannungsbogen nicht entstehen und die Erotik setzt nicht ein. Man kann sich immer noch lieben oder verliebt sein, nur geil wird man nicht.

Ich persönlich erkenne eine maskuline Essenz in mir. Es macht mir mehr Spaß und ist leichter, im inhaltslosen Bewusstsein zu verweilen, zu beobachten und die Regie zu übernehmen. Besonders viel Resonanz hat mit mir der Wunsch, dass mir in meiner Führung mit Vertrauen begegnet wird und meine Partnerin mir ihr Herz weit öffnet, während ich es mit meiner Aufmerksamkeit durchdringen kann. Das klingt wirklich nach dem Ideal für mich und diese Art von Vertrauen fehlt mir oft genug. Deida macht den Hinweis, dass dieses Vertrauen in die maskuline Führung sehr stark damit zusammenhängt, ob die Person ihrem Herz folgt und genau die Dinge tut, die er/sie getan haben muss, um in Frieden sterben zu können. Ist das nicht der Fall, so Deida, dürfte es schwer fallen der Führung zu vertrauen, da sie nicht im Herzen und den echten Werten der Person verwurzelt ist. Das finde ich sehr hilfreich und plausibel. Ich bemerke auch, dass ich, sobald ich mich dem zuwende, was ich selbst wirklich wertvoll finde und machen will, mehr Vertrauen in meine eigene Führung bekomme und weniger Sorge, Frauen auf diese Weise zu begegnen.

Ich erkenne durchaus auch das Feminine in mir, den Wunsch, im Strom der Erfahrungen mitgeschwemmt und trotzdem gehalten zu werden. Und auch da kann ich mir eine erotische Spannung vorstellen, wenn jemand anderes den maskulinen Part übernimmt. Aber meine Präferenz liegt doch eher im eigenen Maskulinen.

Ich bin gespannt, ob sich diese Ideen durchsetzen, Wiedererkennung und weitere Verbreitung finden werden. Ich persönlich bin froh darüber und hoffe hiermit auch einige unter euch angesprochen zu haben. Kommentare sind willkommen.





Die größte Angst

23 07 2009

Was ist eure größte Angst? Ich kann euch erzählen, was meine ist. Es klingt vielleicht nicht besonders vernünftig, das in einem öffentlichen Blog zu tun. Aber ich glaub, es ist eine Angst, für deren Umgang ich nicht so sehr auf andere angewiesen bin. Oder besser, ich hab glücklicherweise Freunde gefunden, die mir dabei helfen. Außerdem motiviert mich die Vorstellung, ihr könntet sie auch in euch vorfinden, allerdings noch nicht so klar ausgedrückt. Und dann gäbe meine Offenheit einen schönen Anhaltspunkt für mehr Orientierung und innere Sicherheit.

Ich hab gemerkt, dass die einzige Angst, die ich immer wieder habe, die ist, mir nicht zu verzeihen, wenn ich was gemacht hab, was im Nachhinein nicht so toll war, wie ich zum Zeitpunkt der Entscheidung dachte. Gibt es überhaupt irgendeine andere Angst? Nun ja, natürlich kann ich in einen Banküberfall verwickelt werden, bei dem mir jemand eine Pistole an den Kopf hält. Das fänd ich wahrscheinlich nicht so prickelnd. Oder ich bin in einer Region, wo Krieg herrscht und gekämpft wird. Aber ehrlich gesagt, wenn ich das wirklich durchdenke, wovor hab ich da Angst? Vor Schmerz? Vor Tod? Vor Verlust? Sind das nicht Dinge, mit denen ich leben kann? Gut, bei Tod wird das schwierig. Aber dann wiederum… muss ich annehmen dass tot sein eine Erfahrung ist? Wenn ja, könnte das spannend werden. Wenn nein, gibt es nichts zu fürchten.

Sich nicht verzeihen können

Nein, ich glaube wirklich, dass es sich bei genauer Betrachtung auf diese eine Angst herunterbrechen lässt: Sich etwas nicht verzeihen zu können. Wenn ich in so einer gefährlichen Situation bin, kann eine kleine Handlung sehr viel ausmachen und weitreichende Konsequenzen haben. Wenn die Konsequenzen mir nicht gefallen und ich meine Handlung dafür verantwortlich mache, kann das höllisch weh tun und es regnet Scham und Schuldgefühle. Sagen wir, wenn ich beim Banküberfall mit ansehen musste, wie einer Geisel eine Kugel durch den Kopf gejagt wurde, kurz bevor ich die Situation unter Kontrolle bringen konnte. Hätte ich doch nur… Oder auf einem anderen Gebiet, wenn ich eine Frau, die mir sehr gefällt, anspreche und ich denke, dass ihr „Nein“ verhindert hätte werden können, wäre ich anders an die Sache heran gegangen. Oder noch besser, ich bin in einer Beziehung mit einer Frau, die mir viel bedeutet und ich schlafe mit einer anderen. Das kommt raus und meine Partnerin will gehen. Vielleicht bin ich auch Politiker und setze ein Gesetz durch, das sechs Monate später für Todesfälle und schwere Proteste sorgt. Oder ich bin Chirurg und ein Patient, den ich operiert habe, stirbt, nachdem ich meinen Pieper in seiner Bauchhöhle vergessen hatte. Toll wäre es momentan bestimmt auch, im Vorstand der AIG zu sitzen und zu sehen, wie mein Finanz-Plan einen Verlust von mehr als 200 Mrd. Dollar und den beinahe Zusammenbruch der Weltwirtschaft nach sich zieht. Massen von Menschen sitzen auf der Straße, verlieren ihre Arbeit und versinken im Elend. Nur weil ich versagt habe!

Wer hier nicht weiter weiß, ist psychologisch wahrscheinlich am Ende. Ohne Selbstvergebung bleibt einem da nicht viel. Das Vertrauen in das Gute in mir könnte verschwinden, oder in meine Fähigkeit, dieses Gute zum Ausdruck zu bringen. Vielleicht fange ich an zu denken, dass ich es nicht mehr verdient habe, glücklich zu sein. Oder ich werde sehr einsam, nachdem alle um mich herum entschieden haben, dass sie nicht mehr mit mir leben wollen. Wenn ich dann noch denke, dass sie Recht haben, kann ich mir auch die Kugel geben. Die Hoffnungslosigkeit ist komplett. Also, wovor könnte man überhaupt noch Angst haben, wenn nicht davor? Mir fällt nichts ein.

Damit stellt sich natürlich die Frage: Wie verzeiht man sich?

Selbstvergebung

Ich glaub für viele sieht Vergebung so aus, dass man sich nochmal eine Chance gibt. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, wie das gehen soll, denn wenn ich mir und meine Urteil nicht mehr vertraue, wie soll das dann helfen? Genau so, wie wenn ich jemand anderem vergeben soll. Wenn ich ihm nicht traue, was soll das dann heißen? Schwamm drüber und wir fangen von vorne an? Wenn meine Partnerin mit jemand anderem schläft, ich bin entsetzt und brauche mehr Vertrauen… wie sähe Vergebung da aus?

Mein simpler Grundsatz für Vergebung lautet: Wenn ich verstehe, gibt es nichts mehr zu vergeben. So simpel das klingt, so schwer kann einem das fallen. Der Knackpunkt ist folgender: wenn ich etwas gemacht habe, was schreckliche Konsequenzen hatte, und ich bringe Verständnis auf, heißt das, dass ich es gut finde? Wenn ich meine Partnerin verstehe und nachvollziehen kann, dass sie sich dafür entschieden hat, mit ihrem besten Freund zu schlafen, bedeutet das dann, dass ich ihr das erlaube oder sie sogar noch dazu ermutigen will? Wohl kaum (jedenfalls nicht zu diesem Zeitpunkt). Gerade weil Verständnis so oft zu Vergebung führt, haben wahrscheinlich viele Angst davor. Denn sie wollen nicht vergessen, aus den Konsequenzen zu lernen. Also, wie kann ich mir vergeben UND aus den Konsequenzen lernen?

Entscheider und Erzieher

Es hilft von zwei Funktionen in mir auszugehen: einem Entscheider und einem Erzieher. Beide Funktionen haben den Job, das Leben schöner, aufregender, angenehmer und insgesamt wunderbar zu machen. Der Entscheider hat in jedem Moment die Aufgabe, aus den bekannten Optionen und in der gegebenen Situation, das beste und schönste zu wählen. Das ist manchmal ziemlich schwierig, vor allem wenn die bekannten Wahlmöglichkeiten eingeschränkt sind. Der Erzieher schaut sich an, welche Konsequenzen die Entscheidung hatte und kommentiert das. Je nachdem, welche Umgangsform der Erzieher von meinen (externen) Erziehern gelernt hat, fällt ihm wahrscheinlich sofort auf, wenn etwas nicht den Standards entspricht. Das kann sich in einer Intuition, einem Gefühl, einem Gedanken bemerkbar machen.

Das heißt, wenn etwas schief geht, hab ich es mit zwei Perspektiven zu tun, von denen die meisten Menschen die eine vergessen. Die Erzieher-Perspektive ist die, in der die Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen, die nicht von der Handlung erfüllt wurden. Also sagen wir, ich bin an einer Frau interessiert, ich frage sie, ob sie Lust hat, mit mir was trinken zu gehen und sie sagt, dass sie nicht will… dann könnte mein Erzieher mich mit Vorwürfen bombadieren wie „Was für eine blöde Idee, sie überhaupt zu fragen! Jetzt hast du sie noch belästigt! Wer bist du überhaupt, was von ihr zu wollen? Hättest du das nicht erahnen können? Außerdem, wenn du ständig auf Ablehnung stößt, muss doch was mit dir nicht stimmen…“ Das ist wahrscheinlich erstmal nicht so leicht zu verdauen. Ich glaub, viele drücken das einfach beiseite, überwältigt von der schieren Menge an Selbst-Vorwürfen. Aber der Kern der Sache ist, dass der Erzieher im Interesse meiner Bedürfnisse spricht. Und er will, dass ich diesen Bedürfnissen Aufmerksamkeit schenke, so dass die Wahrscheinlichkeit steigt, dass sie in Zukunft erfüllt werden können. Es wäre toll, wenn er mir das direkt sagen könnte, aber üblicherweise hat er das nicht gelernt. Also braucht es etwas Arbeit und Aufmerksamkeit, da heran zu kommen.

Ich könnte mir vorstellen, dass mein Erzieher mich darauf aufmerksam machen will, wie sehr es mein Leben verschönern würde, wenn ich die Nähe und Zuwendung einer Frau hätte. Und wie wichtig es da wäre, zu wissen, wie ich sie bekommen könnte. Dass ich herausfinde, wie ich das Interesse an mir wecken kann. Vielleicht auch, dass ich mir eine bessere Vorstellung davon mache, was eine Frau gerne hätte, wenn sie bei mir wäre. Also alles, was mit Intimität, Verbindung, Geborgenheit zu tun hat. Dafür steht der Erzieher ein. Dass es das im Kern ist, weiß ich dann, wenn die Gedanken und Vorwürfe aufhören. Kommen weitere, hab ich noch nicht alle Bedürfnisse verstanden. Ist es aber so weit, fühle ich mich nicht mehr schuldig, sondern vielleicht traurig oder betrübt. Aber das ist ein süßer Schmerz, weil er Hoffnung auf Besserung erlaubt. Durch das Verständnis und das Erkennen der Bedürfnisse werde ich wieder handlungsfähig. Und das kann eine große Erleichterung sein.

Soweit der Erzieher.

Wenn ich verstanden hab, was mich an den Konsequenzen meiner Handlung so beunruhigt, kommt natürlicherweise die Frage auf, wie ich denn so handeln konnte. Also, wie kam mein Entscheider auf die Idee, dass es von Vorteil wäre, es so zu machen? Das ist ja der eigentlich Schritt zur Selbst-Vergebung. Dafür ist nötig zu verstehen, welche Bedürfnisse der Entscheider im Sinn hatte und aus welcher Perspektive heraus die gewählte Handlung wirklich als die beste erschien. Hinterher ist man ja immer schlauer, also ist das nicht immer so einfach. Mein Erzieher fragt also, ob meinem Entscheider denn nicht klar war, dass ich diese Bedürfnisse nach Intimität und Verbindung habe.

Und der antwortet, dass er ja gerade dafür etwas tun wollte. Und wie gerne hätte er mehr darüber gewusst, wie das zu tun wäre. Aber in dieser Situation hatte er nur begrenzte Informationen. Ich erinnere mich z.B. an ein Mal, wo ich überlegt hab, ob ich eine Frau frage, ob sie mit mir was trinken gehen will und ich hab mir gemerkt, wie meine Perspektive aussah. Wir hatten uns in einem Sprachkurs kennengelernt und die Signale waren gemeinsames Lachen, Witze zusammen und eine Liebe für die Sprache, die wir da lernten. Könnte das Interesse bedeuten? Kann ich nicht sicher wissen, aber ich kann entscheiden, dass es genug ist, um es auszuprobieren. Also hab ich das getan. Sie sagte ja, also brauchte ich an diesem Beispiel keine Selbst-Vergebung zu üben. Aber nichtsdestotrotz hat es gut getan, ganz bewusst die Entscheidung zu fällen. Und zu wissen, wenn es nicht gut läuft, ist das auch okay.

Gute Neuigkeiten

Zusammengefasst heißt das, dass ich zum einem verstehe, was mein Erzieher beanstandet und dann zum anderen verstehe, was mein Entscheider wollte und aus welcher Perspektive heraus seine Entscheidung als die bestmögliche erschien. Wenn ich das verstanden habe, gibt es nichts mehr zu vergeben.

Das ist natürlich immer wieder ein neuer Prozess, mit jeder neuen Situation. Allerdings lernen sowohl Erzieher als auch Entscheider mit der Zeit immer besser, sich klar auszudrücken und so fällt das Verstehen immer leichter. Die Gefahr, sich für etwas nicht vergeben zu können verringert sich dementsprechend. Und damit werden Angst und Hoffnungslosigkeit zunehmend zur Seltenheit… das sind doch gute Neuigkeiten, oder nicht?





Alte Bekannte und ein neues Ich

23 07 2009

Hier ist eine Frage, die wohl jeden beschäftigt, der sich weiter entwickelt und nach Jahren seine alten Freunde wieder sieht, aus der Zeit, wo er oder sie noch jung und unerfahren war: Wie gehe ich damit um, dass ich heute so anders bin als damals? Und dass die Beziehungen, die sich damals gebildet haben, nicht mitgewachsen sind? Ich denke dabei z.B. an Freunde oder Mitschüler aus der Schulzeit. In ein paar Monaten ist ein Treffen meiner Stufe geplant und ich steh vor einem großen Problem, wenn ich daran denke. Meine Ex kommt wohl auch und das macht es nicht einfacher.

Alte Glaubenssätze

Der Kern des Problems für mich ist, dass ich nicht wieder so denken und reagieren will, wie zum Ende der Schulzeit. Im Vergleich zu heute war ich damals noch wesentlich mehr von bestimmten Glaubenssätzen überzeugt, die mich ganz schön eingegrenzt haben. Dazu gehören Ideen wie „Die Bedingungen gemocht und akzeptiert zu werden, kann ich gar nicht erfüllen.“, „Ich kann meinem Urteil nicht vertrauen und muss mich auf das verlassen, was andere sagen.“ oder „Wenn ich tiefer auf jemand anderen eingehen will, nehme ich mir ein Recht, mehr zu erfahren, was ich gar nicht habe.“ Und das Dumme ist natürlich, dass diese Glaubenssätze stark in dem sozialen Kontext verankert sind, den diese alten Bekannten bilden. Die Tatsache, dass ich mit einigen dieser Leute schon lange nichts mehr zu tun haben, bedeutet nur, dass mein eigener sozialer Kontext sich gewandelt hat. Und innerhalb dieses Kontextes ist es mir gelungen, mehr Klarheit über die Wurzel dieser einschränkenden Glaubenssätze zu bekommmen. Das sorgt für mehr Vertrauen, Offenheit und Klarheit. Aber ich merke auch, dass ich, sobald ich wieder im alten Kontext bin, also mit alten Bekannten zu tun habe, in mir der Impuls aufsteigt, meine Entwicklung zu rechtfertigen und zu „beweisen“, dass ich jetzt anders bin und man anders mit mir umgehen muss. Wenn ich das einfach so klarstellen würde, wäre das vielleicht kein Problem, aber gerade der Glaubenssatz, ich könne mich nicht auf mein Urteil verlassen, macht das schwierig.

Die Macht des Kontextes

Wie kommt man also da heraus? Ich meine, die Tatsache, dass der soziale Kontext so entscheidend dafür ist, was uns überhaupt einfällt zu sagen oder zu tun, ist eine ziemlich etablierte Erkenntnis. Die Experimente von Stanley Milgram und Philip Zimbardo haben da sehr zu beigetragen. In beiden geht es darum, dass der soziale Kontext Menschen dazu bringt, unheimlich brutal und gewalttätig gegenüber anderen zu sein. Und dass es extrem schwierig war, dem zu entgehen. In meiner Bachelorarbeit zum Thema Selbstbestimmung zitiere ich Forschung, die nahelegt, dass sich Selbstbestimmung nur in sozialen Umgebungen entwickeln kann, die die Autonomie, Kompetenz und die zwischenmenschlichen Verbindungen betont und unterstützt. Selbstbestimmung ist in diesem Sinne in ihrer Entwicklung alles andere als selbstbestimmt, sondern extrem abhängig davon, ob die Art zu kommunizieren und mit einander umzugehen das zulässt. Außerdem lese ich gerade ein Buch von Dr. Bruce Perry, einem Kinder-Psychiater, der beschreibt, wie frühe traumatische Erlebnisse, Vernachlässung und Gewalt die Entwicklung des Gehirns einschränken. Und dass diese Entwicklung nicht stattfinden kann, wenn das Kind keine nährende Zuwendung erlebt. Ein kleines Mädchen von vier Jahren wog z.B. nur 13 kg, als Perry ihr begegnete. Sie bekam keine Umarmungen, wurde nicht gehalten oder gewiegt und wurde selten von ihrer Mutter angesprochen. Die Mutter hatte selbst in dieser frühen Phase kaum Gelegenheit für echte Bindung gehabt, da sie in Abständen von einem halben Jahr von Pflegeheim zu Pflegeheim gegeben wurde. Das heißt, sie hatte gar nicht gelernt, menschliche Interaktion mit erfüllten Bedürfnissen zu assoziieren. Und so fiel ihr nicht ein, sich auf die Weise um ihr Kind zu kümmern. Von früheren Behandlungen kannte Perry eine Frau, die sich Mama P. nannte und die Kinder bei sich aufnahm und für sie sorgte. Sie nahm sie auf den Arm, wiegte sie, sang für sie, streichelte sie, und so weiter. Perry fragte sie, ob sie das kleine Mädchen und die Mutter aufnehmen würde, um ihnen zu zeigen, wie das geht. Nach einem Monat bei Mama P. hatte das kleine Mädchen 5 kg zugenommen, bei gleicher Nahrung! Es gab sonst keine medikamentöse Behandlung, sondern einzig und allein die soziale Zuwendung sorgte dafür, dass die Kleine wachsen und leben wollte!

Ich bringe das ein, um zu zeigen, wie mächtig der soziale Kontext ist. Und am herausfordernsten ist diese Tatsache, wenn ich in einer Umgebung bin, die nicht meine innere Stärke inspiriert, sondern meine Ängste und Unsicherheiten hervorhebt.

Herausfordernde Spannung

Ich sehe mich selbst gerne als jemand, der neue Perspektiven, Hoffnungen und ermutigendes Verständnis in eine Umgebung bringt, wo es davon viel zu wenig gibt. Das jedenfalls würde ich gerne tun. Es ist leicht in einer Gemeinschaft zu leben, wo jeder mit sich und seiner Liebe zum Leben und seiner Fürsorge im Kontakt ist. In den meisten Gemeinschaften ist das unter Wut und letztlich Hoffnungslosigkeit begraben. Hoffnungslosigkeit darüber, selbst je geliebt, gesehen, verstanden zu werden und dann die Mittel zu haben, sich auszudrücken und in Verbindung mit sich und der Welt zu stehen. Ich habe diese Hoffnungslosigkeit auch in mir. Und das macht es so herausfordernd mit Leuten zusammen zu sein, die diese innere Verbindung nicht kennen oder nur sehr sporadisch erleben. Aber irgendwie will ich diese Herausforderung meistern. Ich würde gerne lernen, diese innere Tiefe und Verbundenheit zu halten, während um mich herum Chaos, Angst und Verzweiflung herrschen. Verletzlich zu sein und aus dieser Verwundbarkeit Stärke zu beziehen.

Wenn ich allerdings daran denke, während ich alte Bekannte treffe, kommen in mir meine eigenen Hoffnungslosigkeiten und eingeschränkten Perspektiven wieder ans Licht, die ich überwunden geglaubt hatte. Wie kann ich denen am besten begegnen?

Ein möglicher Ansatz

Das größte Hindernis scheint mir zu sein, dass ich mich mit diesen eingeschränkten Perspektiven identifiziere. Ich BIN dann wieder der alte Niklas, statt dass ich wieder diese Perspektive einnehme, die neben anderen steht. Etwas Abstand zu haben und diese Perspektive als Objekt in meinem Bewusstsein zu sehen, statt als Subjekt darin eingebettet zu sein, klingt hilfreich. Und dann die Frage: Was ist daran liebenswert? Was braucht liebevolle und mitfühlende Aufmerksamkeit? Zum einen, was hätte ich so gerne gehabt damals? Welche Art von Beziehung hätte mich genährt, als ich in der Schule war? Wie will ich grundsätzlich mit anderen in Beziehung stehen? Und vielleicht auch, wie konnte es kommen, dass ich auf die Ideen kam, die ich damals von mir und der Welt hatte? Was hat mir das gegeben und welche Ressourcen waren nicht verfügbar, die ich aber heute habe? Diese Fragen verändern das Bild doch erheblich. In erster Linie geben sie mir meine Autonomie zurück. ICH bestimme, worauf ich achte und was ich glaube. Außerdem schaffe ich Raum dafür, dass die Beziehungen und die Art mit den anderen umzugehen, noch auf dem alten Stand ist. Und dass es Mut und Bewusstsein braucht, und auch Ehrlichkeit, da neuen Mustern und Umgangsformen Platz zu machen, die besser für beide sind. Mitunter bin ich auch der einzige, der eine Idee davon hat, was das bringen könnte oder wie man überhaupt mehr Verbundenheit miteinander haben kann, ohne dass mehr Schmerz entsteht. Ich merke, dass meine Angst zurückgeht, wenn ich das alles bedenke. Ich weiß dann, worauf ich mich einlasse. Und das gibt mir die Freiheit, mich entsprechend meiner Bedürfnisse zu entscheiden. Ich hab die Sache wieder in der Hand und lasse mich nicht von dem, von dem ich glaube, das die anderen es von mir denken oder erwarten, kontrollieren.

Das klingt doch nach einem vernünftigen Ansatz, der auch funktionieren könnte. Ich bin allerdings auch schon öfters an diesem Punkt gewesen und hab die darin liegende Weisheit woanders wieder vergessen. Wie gesagt, der Kontext ist ziemlich mächtig. Und meiner Erfahrung nach wird diese Weisheit wirklich erst dann Teil meines Habitus, meiner Gewohnheit und Natur, wenn ich sie leicht in der Hand halte, immer wieder bereit bin, mich daran zu erinnern, aber nicht auf statische und fixierte Weise, sondern veränderbar und immer wieder frisch. Denn jede Situation ist neu und noch nie da gewesen, übersteigt und enthält alles, was davor war. Das heißt, die einzige Gewohnheit, die ich mir hier aneignen kann ist die, mich damit wohl zu fühlen, immer wieder neu zu überprüfen und mir bewusst zu machen, wie die Situation eigentlich ist. Was ich dann entdecke, ist nicht vorherzusehen.

Ich bin neugierig und wüsste gerne mehr von eurer Erfahrung. Wenn ihr das lest, erkennt ihr euch darin wieder? Wie geht ihr damit um? Ich freu mich auf Kommentare.





Der Mythos der anderen Hälfte

20 06 2009

Ich lese zur Zeit das Buch „The Ethical Slut“ von Dossie Easton und Janet Hardy. Das Buch ist gedacht als Wegweiser für Polyamorie, offene Beziehungen und andere Abenteur (so auch der Untertitel). Es ist also ein heißes Thema, bei dem die meisten Leute, die ich kenne, skeptisch bis abgeneigt reagieren. Mehrere Menschen lieben, auch intim mit ihnen sein? Wär ja schön, aber ohne dass dabei jemand auf der Strecke bleibt… wie soll das gehen?

Eine Beispiel-Erfahrung

Ich hatte vor etwa einem Jahr eine Erfahrung, die mir diese Frage zumindest im Ansatz beantwortet hat. Ich war auf einem Workshop für Gewaltfreie Kommunikation und eine Frau, die mit dem Trainer intimeren Kontakt hat, war an mir interessiert. Mich hat das sicher gefreut, aber auch ganz schön nervös gemacht. Nicht nur, weil ich selbst nicht so recht wusste, woran ich merken würde, dass es sicher für mich wäre, mich darauf einzulassen. Sondern auch, weil ich den Trainer nicht einzuschätzen wusste und hoffte, dass daraus keine bedrohliche Situation für mich würde. An einem Abend jedoch bat er darum, dass wir darüber reden. Er fragte sie, mit wem sie den Abend verbringen wollte und sie sagte, gerne mit mir. Ich hielt still, dachte, wenn ich nicht freudig herumspringe kann man mir auch keine Vorwurf machen, ihm in die Quere gekommen zu sein, oder dergleichen. Dann wollte sie von ihm wissen, wie er sich damit fühlt. Er sagte, er sei ein wenig ängstlich, weil er die Verbindung zu ihr sehr schätzt und hofft, dass sie weiterhin Bestand hat. Ich war verblüfft. Implizit in dieser Antwort hörte ich nämlich, dass Platz für mich ist und dass das, was mir gefallen würde, auch gefragt war. Damit hatte ich irgendwie nicht gerechnet. Und ich merkte auch, dass die Tatsache, dass er das sagen konnte und es verstanden und angenommen wurde, ebenfalls Platz für ihn machte, selbst wenn sie Zeit mit mir verbrächte. Damit war das Bedrohliche der Situation ziemlich besänftigt.

Ich hab mir über diesen Abend schon oft Gedanken gemacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass mehrere zu lieben, ohne dass jemand auf der Strecke bleibt, dann möglich sein müsste, wenn man so darüber reden kann. Denn die übliche Exklusivität scheint den Sinn zu haben, die Interessen der Beteiligten zu schützen. Und das besonders dann, wenn sie nicht wissen, wie sie diese Interessen auf eine Weise artikulieren können, die die Herzen öffnet und zu Kooperation inspiriert – also im Sinne dessen, wozu die Gewaltfreie Kommunikation auch gedacht ist. Wenn dieser Schutz allerdings auf andere Weise gewährleistet, oder nicht mehr nötig ist, weil die Beteiligten selbst schon sehr klar wissen, was sie wollen und was ihre Bedürfnisse sind, wird auch mehr möglich. Das ist zumindest ein Ansatz, auf den man sich hinentwickeln könnte.

Glaubenssätze

In „The ethical slut“ beschreiben die Autorinnen verschiedene Mythen und kulturell verankerte Glaubenssätze, die allein schon die Vorstellung, mit mehreren Menschen intim zu sein und offene Beziehungen haben zu können, sehr schwierig machen. Einer dieser Mythen ist der, dass man eine andere Person braucht (bei den meisten vom anderen Geschlecht) die einen vervollständigt. Die Anwesenheit und Zuwendung dieser Person ist dann so immens wichtig für die eigene Integrität und Ganzheit, dass es sehr bedrohlich wäre, diese Beziehung zu öffnen und zuzustimmen, dass meine Partnerin auch intimen Kontakt zu anderen Leuten haben darf. Im besten Falle geht es ihr in Bezug auf mich genauso, weswegen sie gar nicht auf die Idee käme, etwas anderes zu wollen. Im schlimmsten Falle sorgt diese Dynamik für enormen Druck und Angst vor Vorwürfen, die dann wahre Intimität sehr schwierig machen.

Jetzt hab ich mich aber gefragt, wie dieser Glaubenssatz zustande kommt. Denn ehrlich gesagt führt es nicht sehr weit zu sagen „Wär’s nicht toll, wenn wir uns alle lieben würden? Dieser Mythos hindert uns daran, also weg damit!“ Ich hab das schon bei einigen Themen versucht und musste dann immer wieder merken, dass ich nicht ganz überzeugt bin. Und dann mach ich’s auch nicht. Ich komme da also nur raus, indem ich mir genau ansehe, warum der Gedanke, einen Menschen zu brauchen, der mich vervollständigt und dann bitte auch nur für mich da ist, so plausibel wirkt.

Ganzheit mit einem anderen Menschen

Das letzte Mal, dass ich das erlebt habe, war mit meiner damaligen Freundin, in die ich lange verliebt war, bevor ich mit ihr zusammenkam. Als es dann endlich so weit war, kam mir das ziemlich bekloppt vor, also irgendwie unglaublich. Wie? Ich bekomme, was ich mir wünsche? Nicht zu fassen… und dann war ich einfach nur noch glücklich. Wow, endlich ganz, endlich zufrieden mit mir. Endlich ist die Welt nicht mehr ein Ort, in dem ich mir zusammen suchen muss, was ich brauche, um endlich vollständig zu sein, um vollständig Ich zu sein, mit allem, was ich fühle, denke, mir wünsche. Das war also eine große Erleichterung.

Aber ich weiß sehr gut, dass es einen Unterschied zwischen Auslöser und Ursache gibt. Und die äußere Situation, dass ich mit dieser Frau zusammen gekommen bin und ihr endlich nah sein durfte, stufe ich als Auslöser für dieses Gefühl der Ganzheit ein, nicht als Ursache. Und damit bleibt die Frage, was dann die Ursache ist, der Faktor, auf den es eigentlich ankommt. Und ich glaube, dass ich ihn gefunden hab.

Ganzheit in mir

Friedrich Nietzsche hat mal gesagt: „Was ist das Siegel der erreichten Freiheit? – Sich nicht mehr vor sich selbst zu schämen.“ Das trifft den Kern sehr gut, glaub ich. Denn die Freiheit, um die es hier geht, ist die Freiheit, man selbst sein zu können und frei von Scham oder Schuld diesbezüglich zu sein. Was meine ich mit „ich selbst sein“? Ein klares Ja zu meinen Gefühlen und Bedürfnissen, zu meiner Erfahrung in diesem Moment. Kein Gedanke, dass das, was in mir lebt, inhärent schlecht oder belastend für andere sein könnte. Wenn ich vollständig verstehe, dass alles was in mir lebt, seinen Platz hat und zum Glück und Wohlergehen anderer beitragen kann (selbst, wenn es das nicht immer tut, abhängig von der Situation der anderen), kann ich auch alles, was in mir ist, vollständig annehmen. Und das wäre dasselbe, wie zu sagen, dass ich ganz bin.

Als ich mit meiner damaligen Freundin zusammenkam, schien es, als sei das zum ersten Mal der Fall. Gerade Bedürfnisse, die mit Intimität, Nähe und Sexualität zu tun haben, haben hier einen Platz gefunden, der allen beteiligten Freude macht. Und ich hatte keine Angst mehr davor, sie auszudrücken und eine gute innere Beziehung dazu zu haben. Mit dieser Integrität hatte ich auch viel mehr Lust, andere Sachen anzugehen, die mit Schule, anderen Freunden und dem Leben insgesamt zu tun haben. Der innere Streit und die Angst vor mir selbst war weg.

Ich glaube, dass es das ist, was wir alle suchen. Und viele finden das in der Verliebtheitsphase mit einem neuen Partner, ohne aber so recht zu wissen, wo es her kommt, was Ursache, was Auslöser ist und wie viel Bewusstsein, und damit Kontrolle, sie selbst über diesen Prozess haben können. Logischerweise wird damit der Mythos der anderen Hälfte plausibel, denn die bisherige Erfahrung zeigte ja, dass ich nur vollständig sein konnte, wenn ich eine Partnerin hattte, bei der ich so sein konnte. Bisher.

Ganzheit in mir und in der Partnerschaft

Natürlich hört die Verliebtheitsphase genau dann auf, wenn meine ausgedrückten Gefühle und Bedürfnisse nicht mehr zu 100% auf Zustimmung und Übereinstimmung beim anderen stoßen. Irgendwas ist anders. Und wenn man davon ausgeht, dass es der andere ist, der einen vervollständigt, ist es natürlich der andere, der sich verändert hat. Mist. Alles vorbei. Wieder neu auf Suche gehen? Oder sich mit einem Kompromiss zufrieden geben?

Wenn allerdings klar wird, dass es die Scham vor einem selbst ist, die die Ganzheit und Integrität verhindert, verlagert sich der Fokus. Die Versuche, den anderen zu manipulieren und in das Bild hineinzuzwängen, was man von ihm hat, werden weniger. Und zwar nicht, weil man eine so viel moralischere Person wird, sondern, weil es einfach nicht effektiv ist. Es ändert nichts an meiner inneren Spaltung. Und es macht die Beziehung nicht schöner, sondern erhöht den Druck. Und unter diesen Voraussetzungen fängt das Interesse daran an, wie man sich, seine Wünsche und Bedürfnisse auf eine Weise ausdrücken kann, die für den anderen leicht zu hören ist. Die keine Forderungen beinhaltet, keine Diagnosen und Vorwürfe dessen, was der andere falsch macht, wenn er dem Wunsch nicht Folge leistet.

Und nicht nur der Ausdruck ist wichtig, für die innere Ganzheit, sondern auch das Verständnis dessen, was der andere erlebt. Denn wenn ich sag was ich will und bekomme ein :-( zur Antwort, fällt es mir sehr schwer, immer noch davon auszugehen, dass was ich will auch gut für die andere Person und damit die Beziehung sein könnte. Da kann ich mich selbst noch so gut verstehen, das ändert sich erst, wenn ich eine empathische Vorstellung dessen hab, was die Situation des anderen gerade ist. Und meine Erfahrung ist, dass ich mich erst so richtig auf die Perspektive der anderen Person einlasse, wenn ich aufgegeben hab, sie in mein Ideal-Bild zwängen zu wollen. Was ich wiederum erst tue, wenn mir wirklich klar ist, dass ich damit nicht gewinne, weil das Problem nie in der Persönlichkeit des anderen liegt, sondern darin, dass ich wissen will, wie ich zu meinen Gefühlen, Bedürfnissen und Bitten stehen kann, unabhängig von den Umständen.

Das scheint also Teil der Gegebenheiten zu sein, die nötig sind, um den Mythos der anderen Hälfte aufzugeben und mehr Offenheit zu erlauben. Ich bin gespannt auf Kommentare…





Die Gewaltfreie Kommunikation und ich

20 03 2009

Seit genau vier Jahren spielt die Gewaltfreie Kommunikation (GfK) in meinem Leben eine ziemlich große Rolle. Die Art und Weise hat sich entwickelt, der Stellenwert ist derselbe geblieben. Sie ist für mich Praxis zur Ordnung meiner Empfindungen, Wünsche, Hoffnungen und Enttäuschungen. Hauptgewinne sind für mich dabei mehr Autonomie, mehr Bewusstheit, mehr Tiefe zwischen mir und anderen Menschen, mehr Flexibilität, weniger Angst, mehr Mut und eine gute Beziehung zu dem was ist. Das klingt nach einer Menge und das ist auch eine Menge. Ich habe große Mühe mir vorzustellen, wie mein Leben ohne das aussähe. Sicher nicht nur schlechter aber doch sehr anders.

Ich verstehe die GfK als destillierte Weisheit aus humanistischer Psychologie und den Weltreligionen, zusammengefasst in ein paar Schlüssel-Unterscheidungen. Begonnen hat der Entwickler Marshall Rosenberg mit der Frage, was der Unterschied zwischen Menschen ist, die lächeln, wenn sie jemanden treten, der am Boden liegt und anderen, die lächeln, wenn sie jemandem ein Geschenk machen oder zuhören. Auf seiner Reise zu einer plausiblen und ermächtigenden Antwort hat er Psychologie studiert und als Therapeut gearbeitet, ohne aber damit zufrieden zu sein. Denn in seiner Arbeit mit Carl Rogers wurde ersichtlich, dass Authentizität und empathisches Zuhören die wichtigsten Faktoren für heilsamen Kontakt zwischen Menschen sind und er fragte sich, wieso wir uns dann nicht immer so behandeln. In seiner Arbeit als Therapeut fiel ihm auf, dass es immer die gleichen Muster waren, die dem im Wege standen. Das hat seine Aufmerksamkeit auf Sprache als Ausdruck eines Bewusstseins gelenkt, welches diesen Kontakt ermutigt oder hemmt. Und von da an wollte er auf größerer Ebene tätigt sein und nicht nur als Therapeut den Dreck wegmachen, den viele Strukturen unserer Gesellschaft hinterlassen, so nützlich sie auch einmal gewesen sein mögen und auch heute noch sind.
Heute gibt Marshall Rosenberg Trainings in mehreren Teilen der Welt. Er ist schon oft als Mediator in Krisengebieten tätig gewesen und schreibt zur Zeit an einem Buch mit dem Titel „Social Change“.

Mein Anfang

Als ich vor vier Jahren darauf stieß, kam ich gerade von einem dreimonatigen Praktikums-Aufenthalt in Vermont, USA zurück. Ich hatte dort in einer Residenz für psychisch als krank diagnostizierte (Schizophrenie, bipolare Störung, Zwangsneurosen etc.) gearbeitet und hatte schon seit einiger Zeit die Frage im Herzen, was es wohl wäre, auf das man bei jedem Menschen zählen könnte, egal welcher Kultur und Herkunft. Was verbindet uns alle? Ich malte mir aus, dass ich eines Tages ein Buch mit dem Titel „Die psychologische Konstante“ darüber schreiben würde. Mein Aufenthalt in Vermont trug dazu bei, indem ich dort zum ersten Mal ganz weit weg von Europa war und immer noch die gleichen menschlichen Probleme antraf. Also musste da etwas dran sein und das bereitete mich auf die GfK vor. Einen wesentlich größeren Einfluss hatte aber die Tatsache, dass meine damalige Freundin, die zu der Zeit in Bangladesh war, am 26. Dezember 2004, dem Tag, an dem der Tsunami stattfand, der sie glücklicherweise nicht betraf, unsere Beziehung beendete. Mir war der Boden unter den Füßen weggezogen, ich war unglaublich verzweifelt und traurig. Ich hab es allerdings nie akzeptiert sondern mir geschworen, sie zurück zu bekommen, sofern ich denn kann. Als ich dann nach Deutschland zurück kam, bin ich als Praktikant nochmal an die Schule gegangen, an der ich Abitur gemacht hatte, genau genommen als Streitschlichter. Eine Lehrerin an der Schule bietet jedes Jahr Schülern eine Ausbildung dazu an, das hatte ich in meiner Schulzeit mitgemacht. Und ich mochte das, weil ich mich darin als kompetent erlebte. Im Laufe dieser Arbeit hat eine Lehrerin mich dann darauf aufmerksam gemacht, dass Marshall Rosenberg in Köln einen Vortrag hält und ich bin hingegangen. Ich war müde, aber ich hatte noch den frischen neuen Mut, den es bringt, wenn man im Ausland war und alles anders machen will als vorher.

In diesen drei Stunden Vortrag hat Rosenberg mich verzaubert… ja, so könnte man es nennen. Er hat genau die Dinge angesprochen, die schon in meinem ganzen Leben schmerzhaft waren und er hat wirklich plausible andere Wege aufgezeigt. Er sprach davon, wie man sich selbst und andere unglücklich machen kann, wenn man wirklich will, indem man sich fragt, was man selbst und andere falsch gemacht haben. Noch unglücklicher kann man sich machen, wenn man die Frage beantwortet. Und noch unglücklicher wenn man die Antwort ausspricht. Kein Mensch hat je gesagt „Ich fühle mich so geborgen bei meinem Partner, weil er/sie so gut meine Fehler analysieren kann.“ Und über Strafe und Belohnung hat er gesprochen als Wege, die Sache noch schlimmer zu machen, da sie Menschen nicht dazu ermutigen, sich vorzustellen, welchen Einfluss die eigenen Handlungen auf das Wohlergehen anderer haben, sondern lediglich auf das eigene. Und man vergisst dabei, dass das Wohlergehen anderer mit dem eigenen stark zusammenhängt.

Dann hat Rosenberg ein Lied gesungen. Er nahm seine Gitarre heraus und erklärte, dass jeder Mensch, der zu etwas Nein sagt, im Herzen dieses Lied singt:

See me beautiful
Look for the best in me
That’s what I really am
And all I want to be
It may take some time
It may be hard to find
But see me beautiful

See me beautiful
Each and every day
Could you take a chance
Could you find a way
To see me shining through
In everything I do
And see me beautiful

In dem Moment standen mir Tränen in den Augen. Und mir wurde schlagartig klar, dass es das war, was zwischen mir und meiner damaligen Ex-Freundin stand. Sie sagte Nein dazu, die Beziehung weiter zu führen und wollte in der Schönheit dessen, was sie damit schützen oder erschaffen wollte, gesehen werden. Und ich sagte Nein dazu, die Beziehung aufzugeben und wollte ebenfalls in dieser Schönheit verstanden werden. Das gab mir eine Menge Hoffnung. Es war eine Alternative zu all den statischen Ideen die sagten „Wenn sie nicht will, dann will sie nicht.“ oder „Vielleicht passen wir nicht zusammen“ oder „Es ist bestimmt zu spät.“ oder ähnliches.
Das allein sorgte dafür, dass ich in dem Moment die Entscheidung traf, dass ich das lernen und es meistern muss. Wenn ich irgendwann einmal den Wert, etwas zu lernen, erkannt und erlebt habe, dann da.

Um das kurz abzuschließen, etwa einen Monat später kam meine Ex-Freundin zurück und etwa einen Monat darauf waren wir wieder zusammen. Ich war sehr vorsichtig und behutsam, um sie nicht zu erschrecken, sondern ich unterhielt mich mit ihr und redete darüber, was mir wertvoll ist und was ihr wertvoll ist. Irgendwann fragte ich gerade heraus, was es wäre, was sie konkret anders möchte als vorher, wenn wir wieder zusammen wären. Das klärten wir und ein paar Tage später gab sie mir den ersten Kuss auf den Mund seit langem…
Ein gutes Jahr später bröckelte es dann wieder und das hatte wohl zu einem großen Teil damit zu tun, dass ich die GfK mit Eifer lernte und verfolgte und mir wünschte, sie täte das gleiche. Sie war aber nicht in dem Maße bereit dazu und das sorgte für Spannungen, mit denen ich damals nicht umzugehen wusste. Wir sind jetzt seit etwa 2 ½ Jahren nicht mehr zusammen.

Ich glaub, dieser Kontext hat mir das Potenzial erst offen gelegt, das in der GfK steckt, darum erzähle ich davon.

Vier Unterscheidungen

Worum geht es eigentlich? Für mich ist die GfK ein Hilfsmittel, eine Struktur, die mir Orientierung gibt, wenn es Konflikte gibt. Und zwar können das Konflikte in mir selbst sein und Konflikte zwischen mir und anderen, zwischen Gruppen und Nationen. Ganz egal, überall wo Menschen sind, hakt es an den gleichen Eckpunkten. Die GfK hilft dann dabei ein Bewusstsein für all die verschiedenen Positionen und ihre guten Absichten zu schaffen. Dieses Bewusstsein erlaubt, dass alle berücksichtigt werden. Wenn alle berücksichtigt werden entsteht der natürliche Wunsch, großzügig zu sein, es macht dann Freude zu geben. Der Schutz davor, seine Position aufgeben zu müssen wird somit unnötig, da die Position gehört, in ihrer Wichtigkeit bestätigt und in die Lösung miteinbezogen wird. Das schafft eine wunderbare Verbindung, mit deren Energie man sehr weit kommen kann.
Die Eckpunkte, an denen es immer wieder hakt, sind vier Verwirrungen, die man mit den folgenden Unterscheidungen klären kann:
Beobachtung vs. Bewertung
Gefühl vs. Gedanke
Bedürfnis vs. Strategie
Bitte vs. Forderung

Laut der GfK sind die Beobachtung, das Gefühl, das Bedürfnis und die Bitte die vier Informationen, die man voneinander braucht um in einer bestimmten Situation so in Kontakt zu kommen, dass es Freude macht, zu geben. Aber bevor man das über sich preisgeben oder aus der Aussage eines anderen heraus filtern kann, muss man überhaupt wissen, was damit eigentlich gemeint ist. Und an welcher Stelle es eben zu Verwirrungen kommen kann. Ich gehe das mal nacheinander durch.

Beobachtung und Bewertung

Mit Beobachtungen meine ich Beschreibungen der ganz konkret wahrnehmbaren Dinge in der Außenwelt, auf die sich jeder einigen kann, z.B. „Sie kam herein und setze sich auf den Stuhl, blickte dabei auf den Boden.“ Es sind sichtbare Handlungen und Zitate. Im Denken und in der Kommunikation zwischen mir und anderen sind diese Beschreibungen aber sehr häufig nicht klar davon getrennt, wie ich die beschriebene Situation bewerte. Ich kann mich z.B. häufig gut daran erinnern, wie ich das Verhalten von einer anderen Person fand, aber selten weiß ich noch was sie genau getan hat, getrennt davon wie ich es finde. Das aber ist total wichtig, wenn man mehr Offenheit und Vertrauen sucht, denn so lange ich Beobachtung und Bewertung nicht trennen kann, halte ich das, was ich über das Beobachtete denke für das, was wirklich passiert ist. Vermischt mit Bewertungen sähe die obige Aussage vielleicht so aus: „Sie schlurfte kalt und abweisend durch die Tür und lies mich mit ihrem abgewandten Blick wissen, wie wenig sie mich leiden konnte.“
Nun, es könnte sogar sein, dass sie sich in meiner Gegenwart gar nicht wohl fühlt. Und noch viel mehr, es könnte sein, dass ICH mich nicht wohl fühle. Aber wenn ich Beobachtung und Bewertung vermische, dann verwische ich die Verantwortung für das Getane und das Gefühlte. Und wieso es wichtig ist, das auseinander zu halten, mache ich noch im weiteren klar.

Gefühl und Gedanke

Gefühle spüre ich in meinem Körper, ich kann sie sehr oft sogar recht gut lokalisieren – in der Stirn, in der Kehle, Magen und Bauchgegend, selten in den Zehen ;-) Sprachlich gibt es oft eine Verwechslung zwischen Gefühlen und Gedanken, weil man Gedanken auch mit dem Wort „Ich fühle…“ ausdrücken kann. Wenn ich aber sage „Ich fühle, dass du mich nicht magst.“ habe ich damit noch nichts über mein Gefühl ausgedrückt. Ich habe eher gesagt, was ich denke, was mein Gegenüber von mir denkt. Es ist eine Interpretation, nicht mein Gefühl. Dasselbe gilt für „Ich fühle mich angegriffen, betrogen, bedroht, verraten, missverstanden etc.“ All diese Worte implizieren, dass es jemand anderes ist, der mir das antut. Jemand verrät mich, betrügt mich, greift mich an. Und es ist seine Absicht, das zu tun.
Das könnte sogar stimmen. Aber es ist wie gesagt eine Interpretation, kein Gefühl. Wenn ich denke, ich würde angegriffen, fühle ich wahrscheinlich Angst, vielleicht auch Wut oder Überraschung. Auf sprachlicher Ebene kann man den Unterschied gut mit der Formulierung „Ich bin…“ überprüfen. Wenn ich „Ich bin ängstlich…“ sagen kann, ist es ein Gefühl. „Ich bin angegriffen“ klingt nicht so stimmig.
Auch hier ist die Unterscheidung wichtig, weil es um die Verantwortung für das Getane und das Gefühlte geht. Was andere tun, unterliegt ihrer Kontrolle und ist von daher ihre Verantwortung. Was ich fühle… hat mit dem folgenden Aspekt zu tun.

Du kannst nichts tun, was du nicht für gut hältst

Ein Satz aus meinem Philosophie-Unterricht an der Schule ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben: „Du kannst nichts tun, was du nicht für gut hältst.“ Ich finde, das ist ein Satz, der einen genauso beschäftigen kann, wie die Frage, was passiert, wenn ich einschlafe und nie mehr aufwache, oder wie es ist, auf zu wachen, nachdem ich nie zuvor eingeschlafen bin (Geburt und Tod also). Man dreht und wendet ihn und kann sich einfach nichts anderes vorstellen. Egal was ich tue, die Perspektive, die ich in dem Moment einnehme, in dem ich etwas tue, zeigt mir, dass es einen Wert hat. Wenn es den nicht hat, mache ich es nicht.

Davon ausgehend bin ich einer Meinung, wenn Marshall Rosenberg sagt, dass alles was Menschen tun, immer den Sinn hat, menschliche Bedürfnisse zu erfüllen. Und diese Bedürfnisse sind alle lebensbejahend, sie stellen eine Qualität, einen Wert im Leben dar. Sie sind sowohl der Maßstab, anhand dessen ich bewerte, ob mir etwas gefällt (erfüllt es meine Bedürfnisse oder nicht?) als auch die Führung in mir, die mich anleitet, etwas zu tun und zu handeln. Und zwar egal, ob ich das so bewusst wahrnehme oder so nenne – jeder wird seine eigene Sprache dafür haben und ich benutze, wenn ich mit mir selbst rede, nicht einmal das Wort „Bedürfnis“.

Bemerkbar machen sich meine Bedürfnisse über meine Gefühle. Sind meine Bedürfnisse erfüllt fühle ich mich leicht, fröhlich, erfüllt, zufrieden, gerührt, lustvoll oder ermutigt. Sind meine Bedürfnisse nicht erfüllt, fühle ich mich ängstlich, niedergeschlagen, ratlos, wütend, träge, unsicher, hasserfüllt oder betroffen. Gefühle sind demnach ein Signal meiner Bedürfnisse und das bedeutet, dass was ich fühle von der Erfüllung meiner Bedürfnisse abhängt und nicht davon, was andere tun. Was andere tun kann meine Bedürfnisse erfüllen oder nicht, aber andere tun es ausgehend von dem was sie wissen. Da niemand so genau weiß was ich fühle wie ich, ist es an mir, mitzuteilen, was in mir los ist. Und selbst, wenn ich es sage oder irgendwie anders mitteile, werden andere auch noch ihre eigenen Bedürfnisse berücksichtigen wollen und nur mit Freude geben, wenn es auch ihre Bedürfnisse erfüllt. Bei all diesen Bedingungen ist es zuweilen ein Wunder, dass erfüllendes Geben überhaupt stattfindet.

Bedürfnis und Strategie

Die Verwirrung, die hier das größte Unheil stiftet ist die Verwirrung von Bedürfnissen und Strategien. Mit letzterem meine ich konkrete Handlungsweisen, die zum Zweck haben, ein oder mehrere Bedürfnisse zu erfüllen. Sie haben meistens Bezug zu einer Person, Ort, Zeitpunkt, Handlung und/oder einem Objekt. Auf Englisch ergibt das „PLATO“ (person, location, action, time, object). Wenn Plato auch nur zu einem Buchstaben anwesend ist, ist es eine Strategie. Bei Bedürfnissen hat Plato nichts zu suchen. Sie sind grundsätzlich formlos und nicht konkret definiert.
Jeder wird seine eigene Sprache für das haben, was er wirklich wertvoll im Leben findet, aber hier sind ein paar Grundbegriffe, als Ausgangsbasis für ein Bedürfnisvokabular: alles was der Körper braucht (Nahrung, Wasser, Ruhe, Schutz, Wärme/Kühlung, Schlaf, Sex), Sicherheit, Gemeinschaft und Kontakt zu anderen, Intimität, Empathie und Verständnis, Spaß und Spiel, Erholung, Autonomie und Sinn, also etwas wertvolles zum Leben anderer beitragen können.

Ich würde sagen, dass diese Bedürfnisse für jeden wichtig sind. Sicher nicht alle gleichzeitig und in denselben Situationen, aber ich gehe davon aus, dass jeder das kennt. Was allerdings sehr verschieden sein kann sind die Strategien. Während ich z.B. kein Fleisch oder Fisch esse, um mich zu ernähren, sagte gestern ein Freund noch zu mir, dass er ohne Fleisch nicht „könne“. Während ich Freude am Kontakt zu einem bestimmten Mädel finde, habe ich andere sagen hören, dass sie sie für ungenießbar halten. Während mein Vater sich erholt, wenn er Klavier spielt, erhole ich mich, während ich für mich alleine bin und für Stille sorge. Meine Mutter trägt gerne etwas wertvolles bei, indem sie Reisen für andere Leute plant. Ich trage gerne bei, indem ich jemandem zuhöre, der Empathie braucht und ihm dabei helfe, sich über seine Situation und seine Möglichkeiten bewusst zu werden. Strategien bauen auf dem auf, was ich schon weiß und was ich entwickelt habe (wie z.B. die Kunst Klavier zu spielen), ich kann sie lernen und kennen lernen. Bedürfnisse begleiten mich seit der Geburt, durch die Gefühle hindurch. Es gibt keinen Moment, an dem ich sie nicht habe, da es keinen Moment gibt, an dem ich nichts fühle. Ob ich sagen und unterscheiden kann, was ich fühle und was mein Bedürfnis ist, ist eine andere Sache. Das wäre wieder eine Strategie und die entwickelt sich. Das was formlos immer schon in mir ist und sich in Gefühlen ausdrückt, ändert sich nicht und ist universell.

Bedürfnisse von Strategien unterscheiden zu können ist deswegen so wichtig, weil jedes Bedürfnis durch potentiell unzählige Strategien erfüllt werden kann. Wenn ich meine Strategien für meine Bedürfnisse halte und z.B. sage „Ich muss aber jetzt Gitarre spielen!“ während mein Bruder die Gitarre auch gerade haben will, entgehen mir all die anderen Möglichkeiten, für das Bedürfnis hinter dem Gitarre spielen zu sorgen. Ich spiele z.B. Gitarre, wenn ich Spaß haben will und wenn ich Lust hab, kreativ zu sein und was Neues zu schaffen, oder einfach nur meine Stimme zu benutzen. Also geht es darum, Spaß zu haben und mich kreativ ausdrücken zu können. Das ist mir daran wichtig. Jetzt will mein Bruder die Gitarre haben, um seiner Freundin ein Ständchen zu singen und ihr eine Freude zu machen. Und er will das jetzt machen, weil sie ab morgen für drei Monate in Schanghai sein wird und er dann keine Chance mehr dafür sieht. Er könnte auch ohne Gitarre singen, aber mit wäre es schöner. Was machen wir jetzt?

Wenn ich Bedürfnis und Strategie nicht auseinander halte, habe ich keine Aufmerksamkeit dafür, dass ich ihm die Gitarre geben UND meine Bedürfnisse nach Spaß und Kreativität erfüllen kann. Ich könnte z.B. noch etwas für das Magazin für Lebenslust schreiben, wenn Gabi mich lässt. Oder ich könnte eine Rhumba-CD einwerfen und ein wenig tanzen, was ich schon länger nicht mehr gemacht habe. Oder ich könnte ein Bild von der Frau heraussuchen, deren Augen mich verzaubert haben und eine Skizze von ihrem Gesicht anfertigen. Und das alles in dem Wissen, dass ich meinem Bruder damit eine Gelegenheit gebe, etwas Wertvolles zum Leben seiner Freundin beizutragen.

Von entweder oder zu und

Jetzt hab ich die Situation natürlich noch recht optimal beschrieben. Denn zum einen weiß ich, was die gute Absicht meines Bruders ist, zum anderen sehe ich auch meine eigene gute Absicht: das Leben schöner machen, indem wir uns um die Bedürfnisse kümmern, die eben gerade spürbar sind. Viel schwieriger ist das, wenn man diese beiden Aspekte nicht kennt. Je besser ich mich kenne und weiß, worum es mir in einer Situation geht, desto besser kann ich mir auch vorstellen, wie das für andere ist. Wenn ich mich nicht kenne, meine gute Absicht nicht sehe, werde ich ähnlich verurteilend gegenüber anderen sein. Und in der Situation mit meinem Bruder hätte es auch sein können, dass sein Wunsch, die Gitarre zu haben bei mir Angst und Abwehr ausgelöst hätte, weil ich zunächst mal sicher stellen will, dass meine Bedürfnisse zählen und nicht übergangen werden – sei es von ihm, oder, noch viel wichtiger, von mir selbst. Da wäre ich dann nur heraus gekommen, indem ich einfühlsam und aufmerksam nachgeforscht hätte, was meine Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse sind zur Situation. Im Idealfall könnte ich das mit der Hilfe meines Bruders tun, meistens mach ich das aber für mich selbst. Hab ich die Aufmerksamkeit für mich, die ich brauche, hab ich Luft frei für die Perspektive meines Bruders und kann sie schließlich zu einer Perspektive verbinden, die für beide passt. Auf Empathie komme ich aber gleich noch zu sprechen.

Bedürfnisse und Strategien auseinander zu halten, erlaubt also aus einer Entweder-oder-Situation eine Und-Situation zu machen. Es löst die Knappheit auf, aus der heraus schon Kriege angezettelt wurden und auf der jeder Konflikt basiert. Und die Knappheit, die am meisten Schmerz verursacht ist eine Knappheit der Wahrheit. Nehmen wir nur die Frage „Wer hat ein Recht auf die Gitarre?“ Wie lange und schmerzhaft kann ein Kampf um den Sieg in dieser Frage sein? Und was gewinnt man dabei? Die beste Möglichkeit ist ein einsamer Sieg mit dem Preis eines Bruders, der mich bei der nächsten Gelegenheit spüren lassen wird, wie es ist, wenn einem gesagt wird, man hätte kein Recht darauf zu bekommen, was einem gut tut.
Diesen Konflikt um die Knappheit der Wahrheit kann ich nicht lösen, nur auflösen. Wie? Indem ich mehrere Perspektiven hinzunehme und berücksichtige. Konkret bedeutet das, zu besprechen und anzuerkennen, wie die Gitarre zur Erfüllung meiner und seiner Bedürfnisse unterschiedlich beitragen könnte. Muss dieser Wert nicht mehr verteidigt werden, kann ich loslassen und mich für andere Möglichkeiten öffnen, ohne Respekt vor mir selbst zu verlieren. Und wenn mein Bruder dieselbe Sicherheit und Akzeptanz spürt, kommt er vielleicht sogar zu dem Schluss, dass es ein größerer Beitrag wäre, mir die Gitarre zu überlassen und seiner Freundin auf andere Weise eine Freude zu machen. Ich hab das schon erlebt und meistens ergibt sich dann von alleine ein Gefühl dafür, wo die meiste „Energie“, das größte Potenzial ist, das Leben schöner zu machen. Daran orientieren sich dann alle, die dabei sind.

Bitte und Forderung

Die letzte Unterscheidung könnte für diese Beispiel-Situation ebenfalls eine große Rolle spielen. Es geht darum, den Unterschied zwischen einer Bitte und einer Forderung zu verstehen. Eine Bitte ist zunächst mal dasselbe wie eine Strategie. Es geht darum etwas ganz konkretes zu tun oder zu sagen, zum Zweck der Erfüllung eines Bedürfnisses. Um effektiv zu sein müssen Bitten möglichst machbar und Gegenwarts-bezogen sein. Je vager, desto schwieriger und desto missverständlicher werden sie auch. Abgesehen davon müssten sie positiv formuliert werden, nicht negativ. Also sag was du willst, nicht was du nicht willst, und die Wahrscheinlichkeit, dass du es bekommst, steigt enorm an.

Der Unterschied zwischen Bitte und Forderung liegt nicht in der Wortwahl (das Zauberwort macht noch keine Bitte), auch nicht notwendigerweise im Tonfall (auch wenn der meist sehr aufschlussreich ist). Der Unterschied liegt im Bewusstsein und in der Anzahl Perspektiven, die man zu berücksichtigen bereit ist. Wenn ich etwas fordere, sagen wir eine Gehaltserhöhung, dann ist meine Aufmerksamkeit nur darauf, wie das mein Leben verbessert oder verändert. Aus diesem Bewusstsein heraus werde ich vermutlich bereit sein, den anderen zu manipulieren oder unter Druck zu setzen, um genau das zu bekommen, was ich will. Ich habe kein Bewusstsein dafür, wie es sich für meinen Chef anfühlt, wenn er meiner Forderung nachkommt und was er vielleicht brauchen könnte. Ich will einfach nur, dass er es tut, egal was es ihn kostet.

Persönlicher wird es, wenn ich so z.B. mit meiner Freundin umgehe. Als ich wollte, dass meine damalige Freundin sich mehr mit GfK beschäftigt, als sie es tat, hatte ich nur eine ungefähre bis gar keine Ahnung davon, warum mir das so wichtig war. Noch weniger konnte ich mir vorstellen, was es für sie bedeuten könnte. Und wenn ich dann eine offene Forderung daraus mache, indem ich ihr z.B. sage, sie sei Schuld, wenn es mir nicht gut geht, denn sie könnte ja GfK lernen und dann wäre alles besser – dann zeigt das sehr deutlich, dass ich wenig Aufmerksamkeit dafür hab, wie es ihr geht. Das ist nicht böse von mir gemeint. Ich tue, was ich kann unter den gegebenen Bedingungen. Aber für Vertrauen sorgt es nicht, denn wenn sie merkt, dass ich sowohl ihre als auch meine Bedürfnisse berücksichtigen will, erlaubt ihr das, sich zu öffnen und mehr sie selbst zu sein. Denn dann weiß sie, dass das in meinem Interesse ist und ich sie auch dann noch liebe und verstehe. Und das muss so sein, wenn ich die Art von erfüllendem Geben und Empfangen möchte, für das die GfK gedacht ist.

Es kann gut sein, dass ich eine Bitte ausspreche und die Person, mit der ich spreche, versteht sie als eine Forderung. Entweder sie macht dann zähneknirschend, worum ich gefragt habe, oder sie sagt einfach Nein. Ob meine Bitte wirklich eine war, macht sich besonders an diesem Punkt bemerkbar. Denn ich könnte meine Bitte verteidigen, oder den anderen unter Druck setzen, ihm drohen, oder ihn mit einer Belohnung ködern. Ich könnte dem anderen sagen, was für ein Idiot er ist, oder wie toll er wäre, wenn er täte, worum ich gefragt habe. Egal was es ist, nichts davon demonstriert, dass ich auch nur ein Quantum an Vorstellung davon habe, wie die Situation von seiner Perspektive aus aussieht und dass ich danach überhaupt suche. Und das macht es zu einer Forderung.
Wenn es wirklich eine Bitte ist, werde ich an dem Punkt neugierig sein zu erfahren, was der Hintergrund des Neins ist. Durchaus auch aus der Hoffnung heraus, dass mein Bedürfnis noch so erfüllt werden kann, wie ich es mir schön vorstelle, aber das ist nicht die Priorität. Ich möchte das nämlich nur, wenn der andere dabei nicht verliert, sondern es auch für ihn ein Gewinn ist. Und wenn es mir gelingt, das verständlich zu machen, habe ich das Vertrauen des anderen gewonnen und er weiß, dass es eine Bitte war. Und je häufiger das in unserem Kontakt passiert, desto mehr Vertrauen wird es geben und desto schneller wird auch klar, was Sache ist, so dass wir leichter in den Fluss von erfüllendem Geben und Empfangen kommen können – Ehrlichkeit und Vertrauen machen einfach alles leichter.

Soweit die vier Unterscheidungen. Ich hab bisher keinen Konflikt erlebt, an dem nicht mindestens eine davon unklar war, wenn nicht alle vier. Oft hakt es schon an der Vermischung von Beobachtung und Bewertung. Man kann sich Jahrzehnte lang darüber streiten ob jemand ein Großmaul ist, ohne je das genaue Verhalten geklärt zu haben, auf das man sich eigentlich bezieht. Oder ich kann mich darüber streiten, ob ein Freund mir keinen Respekt zollt, ohne je genau gesagt zu haben, auf welches Verhalten ich ihn da anspreche. Bewusste Kriterien zu haben, mit denen man überprüfen kann, ob diese Unterscheidungen klar sind, finde ich unschätzbar wertvoll.

Ehrlichkeit und Empathie

Zuletzt will ich noch auf Empathie und Ehrlichkeit eingehen, wie ich sie im Kontext der GfK kennen gelernt habe. Wenn ich im Gespräch bin mit jemandem und ich verstehe mich gut, gibt es immer einen Fluss zwischen „jetzt sag ich was“ und „jetzt sagst du was.“ Und so drücke ich abwechselnd aus, was ich sehe/höre/fühle und erlebe und höre dann zu, was der andere sieht/hört /fühlt und erlebt. In diesem Sinne sind die Begriffe Ehrlichkeit und Empathie gemeint.

Ehrlich zu sein bedeutet von daher nicht, zu sagen, was ich über den anderen denke, meine Analyse davon, was mit ihm nicht stimmt mitzuteilen, sondern es bedeutet, zunächst Verantwortung für mein Erleben zu übernehmen und es dann mitzuteilen. Was ich erzähle enthält dann was ich beobachte, wie es sich für mich anfühlt, das mit zu bekommen, mit welchen Werten und Bedürfnissen ich das in Verbindung bringe und unter Umständen, ob und was ich gerne für eine Reaktion hätte oder was jetzt passieren soll. Der letzte Teil ist manchmal auch nicht dabei, vor allem wenn ich einfach erzählen will. Je klarer ich in diesen vier Dingen bin, desto leichter wird es jemand anderem fallen, eine klare Vorstellung davon zu haben, wie es mir geht und wie das Leben von meiner Position aus aussieht und sich anfühlt.

Empathie ist, wie man so schön sagt, die Fähigkeit, sich in die Postion des anderen hinein zu versetzen. Im Kontext der GfK geht es hier vor allem um Aufmerksamkeit. Wenn ich empathisch zuhöre, ist meine Aufmerksamkeit vollständig bei der Geschichte des anderen, so wie wenn ich ein Buch lese oder einen Film gucke. Ich kann auch dabei helfen, der Geschichte mehr Ausdruck zu verleihen, indem ich wiedergebe, was ich höre und von dem ausgehend, was ich verstehe, auf andere Möglichkeiten schließe. Ich frage dann z.B. „Fühlst du dich vielleicht auch traurig weil du mehr Zuwendung und Fürsorge möchtest?“ Und ich will es wirklich wissen, so wie ein Kind an den Lippen seiner Mutter hängt, die ihm eine Gute-Nacht-Geschichte vorliest. Empathie ist nicht zu verwechseln mit Sympathie, denn letztere bedeutet, dass ich die Geschichte abgleiche mit dem, was ich selbst erlebt habe. Und wenn ich dann von mir erzähle, wandert die Aufmerksamkeit von meinem Gegenüber zu mir. So wie in „Ja, das ist meinem Onkel auch schon mal passiert.“ Empathie hat auch nichts mit Rat geben oder intellektueller Analyse zu tun, bei der man untersucht, wo der „Fehler“ liegt. Es geht einfach nur um das Erfahren der Geschichte. Und eine Geschichte hat keine Fehler, sondern alles was man Fehler nennen könnte sind die Biegungen und Wendepunkte der Geschichte.

Ich hab es bisher als sehr heilsam erlebt, Empathie zu empfangen. Es ist so toll zu wissen, dass jemand einfach nur erfahren will, wie das Leben von hier aus aussieht und sich anfühlt, ohne dass ich was zensieren oder verstecken muss. Ich kenne nichts, was mich mehr in Einklang mit mir selbst bringt als das.
Ehrlichkeit ist genauso heilsam, wenn sie mit Verantwortung ausgedrückt wird. Da zeigt mir jemand seine Welt und gibt mir eine Gelegenheit, mehr von meiner eigenen Welt zu verstehen und lieben zu lernen. Wunderbare Dinge sind das.

Und nun?

Wenn ich mir das so ansehe, komme ich natürlich zuweilen auf die Frage, warum wir nicht immer so miteinander umgehen. Wäre es nicht eine viel schönere Welt? Und würde es nicht wesentlich mehr Spaß machen, mit anderen Menschen zusammen zu sein und Zeit zu verbringen, wenn es auf dieser Basis passiert?
Ich sage ja und ich hab auch eine Ahnung davon, was es zu so einer Herausforderung macht: es braucht einfach Entwicklung und Wachstum, mehrere Perspektiven gleichzeitig wahrnehmen und halten zu können, wie z.B. den Standpunkt meines Gegenübers wahr zu nehmen, ohne meinen eigenen zu vergessen oder zu vernachlässigen. Ich übe das andauernd und ich finde es immer noch herausfordernd. Wie schwierig muss das für jemanden sein, der nicht einmal weiß, in welcher Richtung er suchen suchen müsste?
Und hätten wir mehr kulturellen Raum dafür, fiele es sicher leichter, das zu tun und zu üben. Aber dafür müssen erst genug Menschen so weit sein, dass sie einen kulturellen Raum und soziale Strukturen schaffen können, die auf diesem Bewusstsein aufbauen. Ich möchte alles tun was ich kann, um dazu beizutragen. Bist du dabei?





Es geht nicht um Religion…

2 03 2009

Vor kurzem las ich einen Beitrag im StudiVZ-Forum „Fragen und Antworten zum Islam“ zum Thema Steinigung. Die Autorin des Beitrags war entsetzt zu lesen, wie eine 13-jährige aus Somalia, die von drei Männern vergewaltigt worden war, anschließend für Ehebruch gesteinigt wurde. Rechtfertigungshintergrund ist die Scharia.

Ich teile ihre Empörung und möchte so gut ich kann dazu beitragen, dass niemand auf der Welt so behandelt wird, wie die Scharia es vorsieht, wenn gegen ihre Gesetze verstoßen wird. Um vor dem Elend nicht ganz machtlos da zu stehen, will ich aber auch nachvollziehen können, was da los ist. Erst so finde ich den Punkt, an dem es überhaupt eine Hebelwirkung zur Veränderung gibt. Einfach zu sagen, dass niemand ein Recht dazu hat, so zu handeln, scheint ja leider nicht zu wirken.

Zunächst mal glaub ich, dass es nicht um Religion geht. Es geht darum, welchen Lebensbedingungen Menschen ausgesetzt sind und was innerhalb dieser Bedingungen dazu beiträgt zu überleben und seine Bedürfnisse, so gut es geht, zu erfüllen.

Diese Bedingungen bestehen aus dem historischen Kontext, geographischen Faktoren, menschlichen Problemen und sozialen Umständen. All diese Aspekte sind wichtig.

Ob Nahrung und Unterschlupf mein größtes Problem sind oder ich nach einer Partnerin in einer schon etablierten sozialen Ordnung suche, erfordert zwei sehr verschiedene Herangehensweisen, zwei verschiedene „mind-sets“. Ob ich unter einem Häuptling lebe, oder in einer Demokratie erfordert ebenso sehr verschiedene mind-sets. Wüste und Großstadt sind sehr verschieden. Hier in Deutschland habe ich einen ganz anderen Kontext, als wenn ich in einem Stamm in der arabischen Wüste leben würde und mein Verhalten hat sehr andere Konsequenzen.

Wenn ich mir die Geschichte der Menschheit von der Seite anschaue, dann bemerke ich, dass diese Lebensbedingungen eine zunehmende Komplexität haben – und die mind-sets ebenfalls in der Lage sein müssen, komplexere Zusammenhänge zu verstehen. Schon allein die Technologie, die den Menschen zur Verfügung steht, ist ein unglaublich starker Faktor dafür. Landwirtschaft erlaubt einfach eine viel größere Nahrungsmittelproduktion als Gartenbau und sorgt deshalb für ganz andere Bedingungen. Menschen können die Arbeit besser aufteilen und sich spezialisieren, was zu mehr Entwicklung beiträgt. In dieser Reihenfolge haben wir das Jäger und Sammler-, Gartenbau-, Landwirtschafts-, Industrie- und Informationszeitalter. Und jede Stufe bringt andere Möglichkeiten und Schwierigkeiten mit sich. Je nachdem, wie entwickelt wir darin sind, uns zu versorgen, werden wir andere Prioritäten und Probleme haben. Jede Lösung schafft ihre eigenen Probleme. Und diese neuen Probleme haben die Tendenz ein Stückchen komplexer zu sein, als die, die gerade eben gelöst wurden.

Nun ist es aber nicht so, dass alle Menschen auf der Welt gleich weit entwickelt sind. Das dürfte kein Geheimnis sein, schon allein Bildung ist vollkommen unterschiedlich verteilt über den Planeten und die Komplexität von Problemen, mit der eine Person umgehen kann, kann für eine andere einfach mehr sein, als sie auf der Ebene, wo sie gerade ist, leisten kann. Damit meine ich nicht, dass die einen moralisch besser sind als die anderen, sie denken lediglich komplexer und sind in der Lage, mehr Perspektiven zu berücksichtigen, was in vielen Umständen weiterhilft. Und das ist etwas, wovon wir alle profitieren.

So wie ich es verstehe, ist die Scharia ein Teil der Stammeskultur in vielen Stämmen von Afrika und der arabischen Halbinsel (wenn jemand mehr weiß, korrigiere er mich). Stämme verlassen sich auf ihre Selbstversorgung und alle Menschen im Stamm sind auf einander angewiesen. Wenn da etwas schief geht und niemand in der Lage ist, die Konflikt-Parteien beide zu verstehen und miteinander zu versöhnen, droht der Stamm auseinander zu brechen. Damit ist das nackte Überleben aller Stammesmitglieder in Gefahr. Mit entsprechender Härte wird versucht, derlei Konflikte gar nicht erst entstehen zu lassen.

Gerade Sexualität ist hier sehr heikel. Die hohe Intensität der Gefühle, die hiermit einher geht, führt schnell zu Gewalt, wenn jemand enttäuscht ist. Ich vermute, dass all die strengen Regeln zu dem Thema daher rühren. Abgesehen davon muss man in einem Stamm auch aufpassen, nicht mehr Nachkommen zu haben, als der Stamm oder die Familie ernähren kann. Kinder von einem anderen Mann kann sich keiner leisten.

Das sind alles Regeln, die nichts speziell mit dem Islam zu tun haben, bzw. sie sind lange nicht beschränkt auf den Islam. Überall, wo es Stämme gibt und diese Bedingungen herrschen, haben sich dieselben Strukturen entwickelt. Sie heißen dann anders, sind angepasst an ihre jeweils eigenen Bedingungen, aber sie sind qualitativ sehr ähnlich.

Die Ebene, die sich historisch gesehen nach den Stämmen entwickelt hat ist die der Reiche, Imperien und Nationen. Das war eine notwendige Konsequenz daraus, dass die verschiedenen Stämme sich immer wieder in die Haare kriegten und Frieden wollten, geeint unter einem Fürsten, König, Herrscher. Auch hier gab es strenge Gesetze, um den Frieden, der aus der erzwungenen Einigkeit hervorging, zu wahren. Die techno-ökonomische Struktur ist die der Landwirtschaft.

Erst mit der Aufklärung tauchte in Europa das Denken auf, welches Demokratie und Menschenrechte möglich macht. Es ist das erste Mal, dass Menschen nicht nach Rasse, Glauben oder Geschlecht beurteilt werden, sondern, jedenfalls theoretisch, alle Menschen vor dem Gesetz als gleich behandelt werden. Es ist nicht mehr begrenzt auf die eigene Gruppe, sondern wird allen Menschen zugestanden.

Die Entwicklung geht noch weiter ins Industrie- und Informationszeitalter und von heute her betrachtet, wo wir so viele mehr Möglichkeiten haben, mit Konflikten und dem Problem des Überlebens um zu gehen, schmerzt es bitterlich zu sehen, wie andere Menschen auf der Welt sich dieser Optionen nicht bewusst sind und sich gegenseitig so ein Leid zu fügen.

Ich halte den Islam, und auch jede andere Religion, deswegen hier raus, weil ich glaube, dass es einen Islam auf der Ebene der Stammeskultur gibt, einen Islam auf der Ebene der Reiche und Nationen, einen demokratisch-rationalen und einen pluralistischen Islam. Abhängig davon, wie viele Perspektiven eine Muslim berücksichtigen kann, wie viele Unterschiede zwischen Menschen er verstehen und integrieren kann, wird er einen anderen Ausdruck des Islam suchen.

Was können wir also tun, vor diesem Hintergrund? Ich glaube, wenn wir verhindern wollen, dass Grausamkeiten wie Steinigungen weiter stattfinden, müssen wir Lösungen finden für die Probleme, die in diesen Lebensbedingungen vorkommen. Lösungen, die zum Wertesystem dieser Menschen passen. Es geht um’s Überleben des Stammes, stimmt’s? Es geht darum „die Ehre“ zu bewahren und das bedeutet, dass man eine Bereicherung für den Stamm, die Familie ist. Wie könnte das heute aussehen? Wie könnte man eine Bereicherung sein unter heutigen Bedingungen? Und bitte ohne dass jemand dafür gesteinigt oder umgebracht werden muss!

Ich bin gespannt auf Fragen und Kommentare.





Du kannst zwar machen was du willst, aber nicht wollen was du willst

27 01 2009

Ich hab mich ja schon ein paar Mal über Willensfreiheit ausgelassen. Das Thema hat so viele Aspekte, dass ich es mühsam finde, eine für mich kohärente Perspektive darauf zu finden. Von daher nehme ich nochmal einen anderen Anlauf.

Während in der Hirnforschung das Konzept der Freiheit dadurch in Frage gestellt zu sein scheint, dass man schon zehn Sekunden im Voraus das Aktivitätsmuster im Gehirn erkennen kann, welches zu einer Entscheidung führt (in dem Fall ob man den linken oder rechten Finger bewegt), will ich mich der Sache von der phänomenologischen und strukturalistischen Seite her nähern – eine Innenansicht also. Es wird von daher auch um Moral, Entscheidungen und Bewusstsein gehen. Letztlich komme ich aber nochmal auf die Hirnforschung zurück.

Wenn ich mich frage, ob ich frei bin, merke ich, dass diese Frage nur Sinn hat in Bezug auf ein Ziel. Ich bin frei etwas zu tun oder zu sein (wobei man letzteres wahrscheinlich nur wirklich in Form von Handlungen definieren kann). Selbst wenn es um die Frage geht, ob ich frei VON etwas bin… was mache ich mit dieser Freiheit? Sie scheint mir nur dann spürbar zu sein, wenn sie mir etwas erlaubt, was ich ohne sie nicht könnte oder hätte. Also ist meine Frage, was will ich tun?

Schon im Philosophie-Unterricht in der 11 machte meine Lehrerin Cornelia Hartenfels mich darauf aufmerksam, dass man nichts tun kann, was man nicht für „gut“ befindet. Das hat mich verblüfft. Aber tatsächlich, mir fällt nichts ein, was ich tun wollte, was ich nicht irgendwo für „gut“ befände. Sicher, ich bin nicht mit allem gleichermaßen zufrieden. Und manche Dinge kommen mir vor allem im Nachhinein sehr destruktiv vor. Aber in dem Moment, in dem ich sie tue… sind sie das beste, was mir einfällt. In einem Lied schreibt Marshall Rosenberg „I’ve done some things that I wouldn’t have done, if I knew then what I since have learned.“ Das passt sehr gut.

Ein Mitschüler in der Klasse fragte damals, was man denn dann von Selbstmord halten solle. Und ich antwortete ihm, der Logik zufolge, dass demjenigen, der Selbstmord begeht, wahrscheinlich keine bessere Alternative einfällt, um seinem Leiden ein Ende zu setzen und sich Erleichterung zu verschaffen. Wüsste er, dass etwas anderes wirklich funktioniert, würde er sich umentscheiden.

Ich habe bis heute kein Beispiel vorzuweisen, bei dem das nicht zutrifft. Und ich frage mich, ist das nicht eine merkwürdige Art, menschliche Freiheit einzuschränken? Dass man wirklich nur gut wählen kann, nicht böse? Nun ja, vielleicht ist es eine noch merkwürdigere Art Handlungen zu kategorisierien, wenn wir sie in gut und böse unterteilen – ohne das käme das Problem ja gar nicht auf. Denn ich weiß nur zu gut, was wir für gut und was für böse befinden hängt davon ab, welche Informationen wir über eine Situation haben. Ich nehme mal ein gewagtes Beispiel um das zu illustrieren (und hoffe auf euer Verständnis, bin nämlich etwas nervös dabei).

Wenn ein Mann auf der Straße einen kleinen Jungen anspricht, ihn einlädt zu ihm nach Hause zu kommen, ihn zunächst mit Süßigkeiten verwöhnt, einen Film mit ihm schaut und den Jungen nachher auszieht und Sex mit ihm hat – niemand, der sieht, was für eine Angst der Junge danach hat, wie weh es tut, wenn man sich nicht mehr sicher fühlen kann und kein Vertrauen ins Leben findet, wird davor gefeit sein, diese Handlung unter „böse“ einzuordnen. Gleichzeitig wird niemand davor gefeit sein, die Tragik darin zu erkennen, wenn er erfährt, dass dieser Mann generell sehr einsam ist, sich sehr über die Gesellschaft und darüber gefreut hat, den Jungen verwöhnen zu können, und beim Sex im Schmerz, der in den Augen des Jungen zu sehen war, sich selbst wiedergespiegelt gesehen hat, wie er sich damals gefühlt hat, als ihm dasselbe widerfahren war. Was für eine Tragik, wenn jemand Gemeinschaft und Verständnis sucht und keinen anderen Weg dahin findet als etwas, was so einen Schmerz in das Leben des Jungen bringt.

Ich nutze dieses polarisierende Beispiel, weil ich zeigen will, dass abhängig von den Informationen, die wir über die Lage haben, irgendwann immer der Punkt kommt, an dem ersichtlich wird, dass jemand sich für etwas entschieden hat, was er für „gut“ befindet – so relativ „schlecht“ es im Gesamtkontext auch sein mag. Diese Entscheidung wird oft genug von einer Perspektive aus getroffen, die den Gesamtkontext nicht miteinbezieht, so dass was gut gemeint ist zu einer Katastrophe führen kann. Ihr Sinn bleibt trotzdem derselbe: „Gutes“ tun, zur Schönheit des Lebens beitragen.

Bezüglich der Willensfreiheit heißt das also „du kannst zwar machen was du willst, aber nicht wollen was du willst.“ Denn was du willst wird immer in irgendeiner Weise damit verbunden sein, dass du das Leben bereichern möchtest. Marshall Rosenberg, der die Gewaltfreie Kommunikation entwickelt hat, macht das explizit, indem er sagt „Behind every inhuman deed is a human need.“ Bedürfnisse wie Verständnis, Gemeinschaft, Sinn, Autonomie, Intimität, Spaß und Sicherheit drücken Qualitäten aus, die wir wohl alle gerne in unserem Leben haben und für die wir uns entscheiden, wenn wir handeln. Die Entscheidungen könnten dramatische Konsequenzen haben und zu etwas führen, was wir nicht gewollt haben. Aber wie gesagt, der Impuls bleibt der, etwas zu tun, was wir für „gut“ befinden.

Wenn das so ist, kann man sich fragen, wie kommt es dann, dass unterschiedliche Menschen so verschieden handeln und so verschiedene Entscheidungen treffen. Oder auch, wie kommt es, dass wir zuweilen Dinge tun, die wir uns selbst nicht erklären können. Die so offensichtlich destruktiv scheinen, dass niemand, der aufrichtig daran interessiert wäre, Gutes zu tun, sich je dafür entscheiden könnte.

Meine bisher beste Antwort darauf ist Bewusstseinsentwicklung. Mit Bewusstsein meine ich einfach, meine Kapazität zu merken, was los ist. Und das kann sich auf meine innerpsychischen Prozesse beziehen, auf das was ich mir wünsche, offen, wie verdeckt, aber auch auf die Dynamik der ganzen Welt um mich herum. Von mir selbst zur Familie, zu Freunden, zu Kollegen, zur Gesellschaft, in der ich lebe, zur ganzen Welt. Das Bewusstsein dafür ist in einer ständigen Entwicklung (wenn auch unterschiedlich schnell), einfach weil ich jeden Tag mit mir und der Welt zu tun habe und unterschiedlichen Umständen ausgesetzt bin, die mich auf verschiedene Dinge aufmerksam machen. Je mehr und je bewusster ich das erlebe, also je mehr ich lerne, das, was ich erlebe, auch benennen zu können, desto größer wird mein Bewusstsein, desto mehr relevante Faktoren fließen in meine Entscheidungen mit ein. Und desto wahrscheinlicher, dass meine Entscheidungen wirklich in Harmonie mit dem sind, was ich in die Welt bringen will.

Es gibt eine ganze Reihe von Psychologen, die diese Entwicklung untersuchten haben, unter anderem Robert Keagan, Lawrence Kohlberg, Jean Piaget, Susanne Cook-Greuter, Carol Gilligan, James Fowler, Clare Graves und Don Beck. Davon erfahren habe ich vor allem durch die Literatur von Ken Wilber.

Ein Beispiel für eine relativ simple Entwicklungsbeschreibung ist die der moralischen Entwicklung, untersucht durch Lawrence Kohlberg. Er hat sehr viele Leute gefragt, was sie zu einem moralischen Dilemma sagen und wie sie sich entscheiden würden. Das Dilemma ist, dass dein Lebenspartner todkrank im Bett liegt und du kein Geld hast, die notwendige Medizin zu kaufen. Du könntest sie aber stehlen. Wäre das okay, hättest du ein Recht darauf?

Grundsätzlich gab es drei Antworten: Ja, Nein und Ja. 1. „Ja, weil ich bestimme, dass es okay ist und ich das will.“ 2. „Nein, das Gesetz verbietet es, ich kann das nicht tun.“ 3. „Ja, denn es gibt Situationen, in denen es wichtiger ist, das Leben zu schützen, als das Gesetz zu befolgen. Schließlich hat das Gesetz letztendlich auch den Sinn, das Leben zu schützen.“ Jede der Antworten zeigt ein anderes Maß an Bewusstsein, einfach weil die Begründungen so verschieden sind.

Wurde diese Frage nach einiger Zeit noch einmal gestellt und hatte jemand 2 geantwortet, so gab es bei Veränderung immer nur eine Verschiebung von 2 zu 3 und nie zu 1. Das heißt, wir haben es mit einer Sequenz zu tun, Menschen entwickeln sich durch diese Stufen hindurch und die Reihenfolge ist unumkehrbar. Hat man einmal gelernt, auf mehr zu achten, kann man auch nicht mehr anders, außer es zu berücksichtigen. Wenn man das nicht tut, bekommt man wahrscheinlich ganz schöne Bauchschmerzen.

Eine Art diese Stufen zu benennen wäre egozentrisch, ethnozentrisch und weltzentrisch. Zunächst werden nur die Bedürfnisse berücksichtigt, die direkt am eigenen Körper spürbar erfüllbar sind. Dann kommen die Bedürfnisse der eigenen Gruppe, Nation, Glaubensgemeinde hinzu, deren Berücksichtigung auch wichtig ist, für das eigene Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Und schließlich bekommen auch die Bedürfnisse aller Menschen auf der Welt einen Platz im Bewusstsein. Irgendetwas anderes zu tun verbietet die Liebe zum Leben, zu den Menschen, zu dem was ist. Wie gesagt, was das angeht sind wir nicht frei.

Sowohl ethnozentrisch als auch weltzentrisch schließen egozentrisch mit ein. Das heißt die höheren Stufen negieren die niedrigeren nicht, sondern bauen auf ihnen auf. Deswegen muss man sich zunächst bis ethnozentrisch entwickeln, um zu weltzentrisch vorzustoßen. Ich nenne diese sich entwickelnden Kapazitäten auch Bewusstseinsstrukturen, da jede Stufe mit Glaubenssätzen über sich und die Welt einhergeht, so wie ausgedrückt in den Begründungen bei Kohlbergs Studie und diese Glaubenssätze eine Struktur haben.

Es hängt also von der Bewusstseinsstufe ab, was konkret ich meine, wenn ich sage, dass ich etwas für „gut“ befinde. So lange ich mich vom Bewusstsein her auf egozentrisch befinde, wird mir gar nicht auffallen, das meine Handlungen sehr unangenehme Konsequenzen für andere haben können und ich werde sie von daher nicht daraufhin anpassen. Der Mann, der den Jungen vergewaltigt, handelt definitiv von dieser Stufe aus. Von den Erzählungen her, wo Marshall Rosenberg mit Gefängnis-Insassen gearbeitet hat, die wegen Vergewaltigung verurteilt wurden, weiß ich, dass in dem Moment, in dem dem Täter klar wird, was für ein Leid aus seiner Tat resultiert ist, er sehr unglücklich wird und Wege sucht, zu verhindern, dass das je wieder passiert. Aber bevor er zu dieser Perspektive kommen kann, braucht er Hilfe dabei, die Bedürfnisse zu integrieren, die er aus der egozentrischen Perspektive heraus hat erfüllen wollen. Wie gesagt, egozentrisch ist ein Bestandteil von ethnozentrisch, ist ein Bestandteil von weltzentrisch. Erst wenn ich gut für mich sorge, weiß ich wie ich für andere sorgen kann. Erst dann weiß ich, wie gut es sich anfühlt, gut versorgt zu sein und werde so motiviert sein, das auch in anderen zu erschaffen. Glück ist erst echt, wenn es geteilt wird. Und erst wenn ich das weiß, werde ich für alle sorgen wollen.

Das Thema Bewusstseinsentwicklung ist mit Sicherheit weitaus komplexer und es kann gut sein, dass ich in späteren Artikeln nochmal darauf eingehe zu erzählen, welche Erkenntnisse die Leute hervorgebracht haben, die ich eben alle genannt habe. Ich habe großen Spaß daran und lerne die Welt auf eine andere, liebendere und freiere Art zu sehen. Für den Moment soll dieses simple Modell aber reichen. Das Prinzip ist klar, hoffe ich.

Um es zusammenzufassen: Ich kann zwar machen was ich will, aber nicht wollen was ich will, denn was ich will wird immer sein, das Leben zu bereichern. Was ich als das Leben erkenne und welche Bedürfnisse mir als wichtig erscheinen hängt davon ab, wie entwickelt mein Bewusstsein ist. Das wiederum wird bestimmt dadurch, wieviel Gelegenheit ich hatte, meine eigenen Bedürfnisse zu erkennen und zu integrieren, so dass ich zu den Bedürfnissen anderer aufwachen, sie bemerken kann. Diese Gelegenheiten sind abhängig vom sozialen Kontext. Und um dieses „Bemerken“ herum entwickeln sich dann Bewusstseinsstrukturen, die aus Regeln, Glaubenssätzen, Ideen, Überzeugungen und Haltungen bestehen. Immer, wenn ich mehr Bedürfnisse erkenne und integriere, ändern sich diese Bewusstseinsstrukturen, werden weiter, umfassender, kohärenter.

Dann wäre da noch die spannende Frage, ob man in der Hirnforschung Wege finden könnte, Korrelate für diese Bewusstseinsstrukturen zu finden. Wahrscheinlich würden die vor allem offensichtlich, wenn es Änderungen gibt. Eine 40 Minuten Empathie-Session kann mehr Integration und Transformation bewirken als 6 Jahre Psychoanalyse, also wäre es sicher spannend zu sehen, ob sich das messen ließe.

Zuletzt noch ein paar Sätze zur Willensfreiheit: Ich glaube, sobald klar ist, dass wir nichts tun können, was wir nicht für gut befinden, wird das kein philosophisches Problem mehr sein. Es ist ungemein beruhigend, zu wissen, dass ich meiner Absicht vertrauen kann – selbst wenn das Bewusstsein nicht immer mitmacht. Und dass das so ist, wird klar, wenn ich jede meiner Handlungen aus der Perspektive heraus sehen kann, aus der heraus ich mich für sie entschieden habe. Wenn ich den Kontext und die Bedürfnisse sehe, die ich erfüllen wollte. Nur so ist es möglich dazu zu lernen, ohne den Respekt vor sich selbst zu verlieren. Und darauf kommt es doch an.





Der Mann, das entbehrliche Geschlecht, oder: Ein Deal, bei dem niemand gewinnt

12 01 2009

Wow! Ich bin sooo begeistert! Ich habe mir gerade ein Gespräch zwischen Ken Wilber und Warren Farrell angehört zum Thema „Does feminism discriminate against men?“ Und JA! JA! JA! Da ist definitiv etwas dran. Ich hab das schon oft gespürt und mich in Zwickmühlen gefunden, einfach weil die feministische Position zwar Teilwahrheiten enthält, hinter denen ich stehe, aber auch einiges auslässt.

Beim Feminismus geht es mir vor allem um den Vorwurf, die Geschichtsschreibung sei ein Dokument männlicher Unterdrückung der Frauen gewesen, das Patriachat, welches sich so organisierte, dass Männer die Macht bekommen und Frauen nicht. Dementsprechend wäre die Macht das Mannes Schuld an der Misere der Frau, dass sie nicht wählen kann, welchen Platz und welche Rolle sie in der Gesellschaft spielen und wie sie leben will. Dieser Vorwurf ist so eine Verdrehung der Tatsachen, dass er zumindest in meinem Fall zu enormer Irritation und Ärger führt. Ich will erklären was ich meine.

Zunächst, die Macht die Männer von der Gesellschaft her haben ist keine wirkliche Macht. Ich definiere Macht so, dass man die Kontrolle über sein eigenes Leben hat, bestimmen kann, was man machen will und so die Gelegenheit hat, seinem Herzen zu folgen. Das was Männer an Machtpositionen heute einnehmen ist das genaue Gegenteil davon. Nicht nur wird man nur an seinem Erfolg gemessen, man hat keinen besonders großen Spielraum, selbst zu definieren, wie man diese Position ausfüllt. Letztlich wird man als Manager oder Präsident rausgeschmissen, wenn man sich nicht an die Regeln hält oder neue Ideen einbringen will. Es ist genauso eine Rollenvorschreibung wie die, dass die Frau vor den Herd gehört. Und ich persönlich HASSE diese Rollenvorschreibung, ich will sie nicht, ich will Freiheit, Offenheit, Verbindung mit anderen Menschen. Und ich will damit spielen, statt irgendetwas zu müssen, von dem ich nicht sehe, wie es zum Wohlergehen meiner selbst oder anderer beiträgt.

Als zweites: Frauen haben genauso Macht in diesem alten System, bloß ist diese nicht so sichtbar. Es ist sexuelle Macht. Das heißt, die Frau bestimmt, wer bei den Männern sexuell attraktiv ist. Und wenn Männer nicht den Kriterien entsprechen, bekommen sie keinen Zugang zu Liebe. Das ist mal ein heftiger Anteil der Macht. Und wenn das nicht gesehen wird… dann werden Männer beschuldigt Macht zu haben, die eigentlich nur Camouflage für ihre Machtlosigkeit ist. So kommt niemand weiter.

Der Hintergrund ist weder Männern noch Frauen in die Schuhe zu schieben, sondern dem Umstand, dass bis vor kurzem (historisch gesehen) Überleben wirklich die Hauptbeschäftigung jeder Gesellschaft war. Und je nachdem, was der Haupt-Modus der Produktion ist, gibt es unterschiedliche Arbeitsaufteilungen zwischen den Geschlechtern, schon allein vom Unterschied der körperlichen Kraft her. Die Arbeitsaufteilung die am üblichsten ist, ist die, dass der Mann die Beschützer- und Brotverdiener-Rolle einnimmt, während die Frau die Kinder aufzieht. Diese Arbeitsteilung hat verschiedene Konsequenzen. Eine, die ich weniger stark gewichte ist die, dass Abweichler wie Homosexuelle nicht geduldet werden, weil sie nicht in die Rollen passen. Die Konsequenz, die mir aber am wichtigsten ist, ist die, dass Männer und Frauen diejenigen Vertreter des anderen Geschlechts für am attraktivsten halten, die am besten in die Rollenvorstellungen passen. Männer müssen demnach stark, dominierend und wettbewerbsorientiert sein um einen guten Beschützer abzugeben. Und Frauen müssen jung, hübsch, gut gebaut sein und ihre Aufgabe als wärmende Mutter und Unterstützerin der Karriere des Mannes erfüllen. Und sowohl Männer als auch Frauen verstärken dieses Muster, indem sie Partner suchen, die diesen Kriterien entsprechen, so dass es sich in der Hinsicht lohnt, genauso zu sein. Aber das hat nichts mit Macht und alles mit Ohnmacht zu tun – in dem von mir definierten Sinne.

Die Umstände, aus denen der Feminismus überhaupt erwachsen konnte sind gerade die, in denen Männer die ökonomische Situation von Frauen soweit abgesichert hatten, dass diese sich darüber Gedanken machen konnten, wie sie gerne leben möchten. Und da fiel ihnen auf, dass es nicht erfüllend ist, einer Rolle nachzuleben. Ihnen fiel auf, dass es keine Freude macht mit Männern zu leben, die einer Rolle nachleben. Sie wollten Selbsterfüllung, echten Kontakt, echte Intimität, was mit einem Mann, der gelernt hat seine Gefühle nicht zu beachten, da sie im Kampf und im Wettbewerb im Wege stehen, einfach nicht zu haben ist. Und die Enttäuschung und Wut darüber, das im besagten Rollenkorsett nicht bekommen zu können drückte sich in dem Vorwurf darüber aus, dass die Männer aufgrund ihres Strebens nach Macht alles kaputt machten und die Frauen in ihrem natürlichem Potenzial und ihren Bedürfnissen unterdrückten.

Die andere Seite der Geschichte ist aber, dass Männer Macht nicht suchen, weil sie an Macht interessiert sind, sondern weil sie Zuneigung und Liebe suchen und gelernt haben, dass der liebende Familienvater, wenn er der Liebe würdig sein will, nicht zu Hause sondern auf der Arbeit seine meiste Zeit verbringen muss. Er muss kämpfen, hart und stark sein, dann ist er okay. Man könnte gewissermaßen das Argument der Unterdrückung vollkommen herumdrehen und behaupten, die Frau unterdrücke den Mann, indem sie ihn nur mit Liebe belohne, wenn er sich um den Broterwerb kümmere. Aber das wäre genauso kurzsichtig wie die andere Geschichte. Nein, wir brauchen was integraleres, was die Macht und Verantwortung beider Geschlechter klärt.

Bevor ich aber auf die integrale Perspektive der Geschichte eingehe, will ich loswerden, wie weh es tut mit Botschaften bombadiert zu werden, die implizieren, dass der Mann das entbehrliche Geschlecht sei. Dass ein Mann dann Mann sei, wenn er bereit sei sich zu opfern, im Kampf zu sterben, damit die anderen überleben können. Dass ein Mann nur dann wertvoll sei, wenn sein Wert darin besteht, dass er ersetzbar ist. Es ist zum Kotzen. Und am schlimmsten fühlt es sich an, wenn ich von Frauen höre, insbesondere, wenn ich an ihnen interessiert bin, dass sie genau diesen entbehrlichen Mann zu wollen scheinen. Den Beschützer, der sich aufopfert, den Gewinner. Es ist nicht verwunderlich angesichts der Sozialisierung und wie gesagt, unter Umständen, wo es um’s Überleben geht, ist es wohl kaum zu vermeiden – ökonomische Absicherung beruhigt auch mein Gemüt ungemein. Und gleichzeitig wird dabei der Wert als Mensch, als Person mit reichem Innenleben, dem Wunsch etwas zu erschaffen, zu lieben, da zu sein, mit dem Leben zu tanzen, überhaupt nicht beachtet.

Das sorgt glaube ich auch für all die Enttäuschungen die Frauen mit Männern haben. Immer wieder suchen sie nach dem Mann, mit dem sie glücklich sein können, der sich ihnen öffnet, seine Gefühle teilt, der MIT ihnen da ist, MIT ihnen lebt, statt an ihnen vorbei. Und gleichzeitig wollen sie den starken Versorger, der’s drauf hat, der sie ökonomisch absichert, der im Wettbewerb besteht. Und die zwei Dinge gehen einfach nicht zusammen! Man kann nicht gleichzeitig kämpfen und fühlen! Es geht einfach nicht. In dem Moment, in dem ich mit meinen Gefühlen statt mit meinen Feindbildern in Kontakt bin, WILL ich nicht mehr kämpfen. Ich will stattdessen nach Wegen suchen, die für alle beteiligten funktionieren, statt die andere Seite zu besiegen. Ich halte persönlich das für genau die Stärke, die auch langfristig für Schutz sorgt. Nur wird das, ausgehend von einem Überlebenskontext, in allzu vielen Fällen als Schwäche und Aufgeben interpretiert, so dass Männer, die sich darum bemühen, an Attraktivität einbüßen. Und ich zähle mich dazu.

Eine weitere verwirrende Ebene ist der Umgang mit Sexualität. Wenn wir uns vorstellen, ein Junge sitzt im Wohnzimmer und schaut einen Western oder Star Wars, oder wo auch immer Gewalt die Hauptstrategie zur Lösung des Konflikts ist, werden die Eltern vermutlich nichts sagen und das Kind gucken lassen. Die gleiche Szene mit einem nackten Paar auf dem Bildschirm die gerade dabei sind Sex zu haben wird vermutlich sehr anders aussehen. Und die Eltern werden kaum nach dem Kontext fragen, indem der Sex passiert, ob es z.B. liebevoll ist, sondern schon allein die Tatsache, dass es Sex ist wird als gefährlich eingestuft und der Junge vom Fernseher weggeholt. Es wird schwer für ihn sein, dass anders zu interpretieren als so, dass mit Sex irgendwas nicht stimmt? Dass es dreckig, gefährlich oder sonst was ist; ein Tabu, dessen Bruch den Ausschluss aus der Gesellschaft bedeutet.

Dann wächst er heran und bemerkt in der Pubertät, dass er sehr leicht erregbar ist, wenn er nur an Sex denkt, die Mädels um sich herum heranwachsen sieht, reifer werdend, sexy und attraktiv. Und er bemerkt auch, dass er offenbar mehr Interesse an Sex hat als die Mädels, was natürlich so ist, weil ihnen beigebracht wird, dass ein gutes Mädchen sich bedeckt hält. Aber das weiß er ja nicht und so stellt sich auch hier wieder die Frage, welche Bedeutung das hat.

Angesichts des Hintergrundes bleibt da nur wenig außer, dass mit ihm irgendwas nicht stimmt, dafür, dass er an so einer schmutzigen Sache interessiert ist. Und die Mädels stehen moralisch irgendwie besser da, da sie das offenbar nicht sind, jedenfalls nicht in dem Maße. Das wird noch extrem verstärkt durch Gesetze, die besagen, dass eine Frau im Nachhinein sagen kann, sie habe den Sex nicht gewollt, was es zur Vergewaltigung macht, und der Mann das nicht kann. Er könnte ja ebenso betrunken gewesen sein, aber hat nicht die Möglichkeit zu sagen, dass er nicht verantwortlich dafür sei, während die Frau das darf. Ein weiterer Punkt der eigenen Sexualität gegenüber misstrauisch zu sein – der Mann hat einfach vielmehr zu verlieren, wenn was schief geht, weil Väter eben Täter sind.

Jetzt vermischt sich diese Bedrohung des Selbstvertrauens auch noch mit der Erwartung, dass der Mann als Beschützer die Initiative übernehmen sollte, wenn es dazu kommt, dass man sich für einander interessiert – schließlich wäre das ein Zeichen dafür, dass er die Beschützer-Rolle souverän richtig ausfüllt. Also soll der Mann das Risiko der Zurückweisung übernehmen und die Frau fragen, ob sie mit ihm ausgehen möchte. Das allein wäre ja schon nicht so einfach, aber wie soll er das vor sich selbst rechtfertigen, wenn sein eigentliches Ziel Sex ist, bzw. die Liebe, die er sich davon verspricht, während er doch vorher gelernt hat, dass Sex nicht okay ist? Wenn man nun noch Sex als eine Art Unterzeichnung eines ökonomischen Vertrags versteht, was Sex eine lange Zeit auch war in Verbindung mit der Ehe, dann wird in dem Kontext ersichtlich, warum Männer immer so schnell Sex wollen: Um die Zeitspanne, in der sie zurückgewiesen werden können, so klein wie möglich zu machen.

Es geht also nicht darum, dass der Mann Sex will und zwar so schnell wie möglich, sondern dass er den ZUGANG zu Liebe und Sexualität so schnell wie möglich zu sichern versucht, unter Bedingungen, die solche Leute favorisieren, die sich rücksichtslos um Wettbewerb behaupten können. Das muss schnell gehen, sonst ist die Chance wieder weg. Und wenn er dann in einer monogamen Beziehung ist, wundert er sich, dass seine Qualitäten nicht weiter geschätzt werden, da seine mehr oder weniger aufgeklärte Freundin sich jetzt mehr Offenheit und emotionale Verbundenheit wünscht, echte Intimität eben.

Wer soll da noch schlau draus werden? Ehrlich, bei so vielen sich widersprechenden Forderungen, um das wichtigste auf der Welt zu bekommen, nämlich Liebe, wer soll da zurecht kommen? Ich zumindest habe enorme Mühe damit.

Zuletzt ist da noch der Punkt, dass das blame-game, der Vorwurf der Frauen an die Männer, die Frauen der eigenen Macht beraubt. In Macht sehe ich dasselbe wie Verantwortung. Wer in der Lage ist zu antworten, hat Macht. Wer die Verantwortung abgibt, hat keine mehr. Man bleibt in der Position des Rebellen stecken und es bewegt sich nichts, weil das erst möglich wird, sobald man nicht mehr gegen etwas Altes, sondern für etwas Neues ist.

Eine integralere Perspektive könnte helfen zu zeigen, was dieses Neue ist. Letztendlich haben wir es hier mit einer gesellschaftlichen Entwicklung zu tun, die auch jeder einzelne durchlaufen muss. Wir können dazu die Skala von Maslows Bedürfnispyramide nehmen, die hierarchische Entwicklung von Strategien zur Erfüllung von Bedürfnissen beschreibt. Die Bedürfnisse umfassen physische Bedürfnisse, Sicherheit, Zugehörigkeit und Liebe,Wertschätzung und Selbstverwirklichung. Das traditionelle Modell der Beziehung zwischen den Geschlechtern entspricht der Stufe Sicherheit auf der Pyramide. Es geht um das Überleben. Und als die Männer den Rahmen dafür geschaffen hatten, dass Frauen sich darum keine Sorgen mehr machen mussten, konnten sie sich der „höheren“ Bedürfnisse bewusst werden. Der Wunsch nach einem erfüllteren Leben wird wach. Viele Männer sind (noch) nicht in dieser Position. Die Sorge um die Sicherheit hält sie in der Rolle fest, wo sie sich befinden. Und niemand, wirklich niemand kann gewinnen, wenn man sie dafür verurteilt!

Wir brauchen den Raum, in dem Männer und Frauen sich sicher genug fühlen können, sie selbst zu sein. Damit meine ich sowohl physischen Raum, als auch soziokulturellen Raum. Einen Ort, an dem die alten Rollenvorstellungen und Urteile von und über sowohl Männern als auch Frauen nicht verstärkt werden, sondern ein Bewusstsein dafür wachsen kann, was uns wirklich am Herzen liegt, was uns frei macht und was uns wirkliche Macht gibt: die Möglichkeit über unser Leben zu entscheiden.

Bisher hat man da vor allem auf die Frauen geachtet, sie gestärkt und ihr mehr Freiheit eingeräumt. Ich schätze das sehr und habe große Freude daran. Aber niemand kann ernsthaft erwarten, dass uns das grundsätzlich irgendwohin bringt, wenn das gleiche nicht auch für die Männer geschieht.

Für mehr, hier ein Interview mit Warren Farrell:





Bilder der Welt

9 12 2008

Seit ich Alan Watts’ Werk kenne, bin ich immer wieder erstaunt darüber, wie unser Common Sense auf Ideen und Analogien basiert, die wir für so selbstverständlich halten und oft genug wörtlich nehmen, dass sie uns blockieren und den Blick zur direkten Wirklichkeit versperren. Ich möchte von den drei großen Bildern der Welt sprechen. Das Bild des Konstruktes aus der judeo-christlichen Tradition, das Bild des Dramas aus dem Hinduismus und das Bild des Organismus aus dem chinesischen Taoismus. Fange ich mit dem judeo-christlichen an.

Die Analogie des Konstrukteurs ist eine sehr alte, da sie jedem gleich einleuchtet, der Produktionsprozesse kennt. In der Bibel ist davon die Rede, wie Adam aus Erde geformt wird und ihm der göttliche Atem eingehaucht wird, der ihn zum Leben erweckt, wie ein Töpfer eine Tonfigur formt und ihr dann mit Magie Leben einhaucht. Pinocchio quasi. Der Schöpfer ist dann derjenige, der seine Schöpfung in und auswendig kennen muss, da er sie ja zusammen gesetzt hat. Er legt auch die Regeln fest. Und er hat auch die Macht, seine Schöpfung wieder zu zerstören, wenn er nicht zufrieden mit ihr ist. Wenn wir uns so sehen, sorgt das für eine Beziehung zu uns selbst und zu was immer all das hier ist, bei der wir uns abgetrennt von allem anderen sehen (vor allem vom Schöpfer, der Urkraft des Lebens und die Energiequelle) und ständig darum kämpfen müssen, dazu zu gehören und des Lebens würdig zu sein. Es ist nicht selbstverständlich oder aus sich selbst heraus klar, sondern geht immer mit der Erfüllung von Bedingungen einher. Soweit das Bild.

Im Westen wurde das Bild mit der Aufklärung ersetzt, da man eine andere Art entdeckt hatte, Prophezeiungen zu machen nämlich das Experiment. Um mit Hilfe von Experimenten herauszufinden, was unter bestimmten Umständen passieren würde, musste man nicht mehr von einem Schöpfer ausgehen, der alles lenkt, da die Gott-Hypothese für die Vorhersage keinen Unterschied macht. Was immer passiert, passiert durch Gottes Hand, also kann man ihn sozusagen aus der Gleichung kürzen, ohne dass das Ergebnis sich verändert. Zuvor war es sehr wohl wichtig, da man sich für Vorhersagen auf Propheten verlassen hat, die mehr über Gott zu sagen hatten als andere.

Abgesehen davon war man froh Gott dafür nicht mehr zu brauchen, da doch einige Leute es satt waren, sich jederzeit vorzustellen, auf Bewährung auf der Erde zu sein. Jeder Schritt wird beurteilt und das Leben wird von Schuld begleitet. Und so sehr man vielleicht fürchtete, dass an den alten Mythen was dran war, so sehr wollte man auch endlich Ruhe und Frieden haben. Die Konsequenz war, dass man dem Universum Gott abgesprochen hatte und damit leider auch jegliche Intelligenz. Was übrig blieb ist das Modell des Automaten. Alles funktioniert nach mechanistischen Prinzipien, nach Gesetzen (ein Überbleibsel aus dem Modell des Konstrukteurs) und wenn man die herausfinden kann, weiß man wie das ganze funktioniert. Wie das Universum entstanden ist? Keine Ahnung, aber es muss Zufall gewesen sein, denn wir haben ja dem Universum jegliche Intelligenz abgesprochen. An dieses Modell glauben heute sehr viele Menschen, viel mehr, denke ich, als an die Idee eines Schöpfers.

Kausalität ist Teil dieses Modells. Hinter Kausalität steht die Annahme, dass Ereignisse durch vergangene Ereignisse erklärt werden. Es ist wie wenn man einen Eimer Murmeln umkippt und dann beobachtet, wie die Murmeln einander anstoßen. Und wenn man das dann zurückverfolgt, erklärt man sich daraus, wie die Murmel sich bewegt und bewegen wird.
Meine Frage wäre hier allerdings, wie weit man in die Vergangenheit zurück gehen muss, um bei der wirklichen Ursache anzukommen. So z.B. bei einem neurotischen Kind, das für verdorben und verwöhnt befunden wird. Eine bestimmte Haltung sagt, dass man das Kind dafür strafen soll. Dann kommen andere hinzu und sagen „Das ist nicht fair, schließlich sind die Eltern neurotisch und haben das Kind so gemacht.“ Soll man also die Eltern schlagen, weil sie Schuld daran sind? Die aber werden dasselbe sagen und es auf ihre Eltern schieben. Und so geht das ganze bis zurück zu Adam und Eva, wo Adam Eva beschuldigte, ihn zum Biss in den Apfel verführt zu haben. Eva beschuldigte die Schlange, die… nichts sagte. Denn die Schlange, die ein Engel ist, war weise genug zu wissen, wo die Kette beginnt. Nämlich jetzt. Die Vergangenheit erklärt nichts. Wir verschieben die Erklärung lediglich immer weiter nach hinten und das erklärt gar nichts. Es ist wie das Kielwasser eines Schiffs. Das Schiff, die Gegenwart, erzeugt das Kielwasser, die Vergangenheit. Das Schiff wird schließlich nicht durch sein Kielwasser angetrieben.
Was durchaus erklärt was passiert ist die Gegenwart. Allerdings ist die interessante Frage überhaupt nicht, warum etwas passiert, sondern was passiert. Nicht die Frage, warum ich in diesem Forum schreibe, sondern was ich dabei empfinde und was es mir bringt. In welchem Kontext es stattfindet. Das passiert jetzt. Und es ist nicht erklärbar durch das, was vorher passiert ist.

Um die indische Idee von der Welt zu verstehen, muss man sich folgendes vorstellen: Einmal angenommen, ich könnte träumen was ich will. Ich lege mich schlafen und kann innerhalb einer Nacht mehrere Leben erträumen, in denen ich selbst alles tun und erleben könnte, was ich nur will. Die tollsten Abenteuer, die sinnlichsten Stunden, die aufregendsten Unternehmungen. Ich werde das für mehrere Nächte tun, um das ganze Spektrum der Möglichkeiten auszukosten. Nachdem ich das gehabt habe, werde ich langsam satt und überlege mir, wie man die Sache wieder interessanter machen kann. Und ich komme zu dem Schluss, dass es nur interessanter werden kann, wenn ich einen Teil meiner Kontrolle aufgebe. Es sollen Überraschungen passieren. Ich möchte mitten in der Geschichte erleben, wie es ganz anders kommt, als ich dachte. Ich möchte, dass es sogar gefährlich wird, damit ich mich darüber freuen kann, wenn die Gefahr wieder vorüber ist. Der Kontrast macht es aufregend. Nach einiger Zeit bekommt auch das Spuren der Langeweile, da ich immer noch sehr genau weiß, dass ich träume und am nächsten Morgen alles wieder in Ordnung ist. Und irgendwann gehe ich soweit, dass ich träume und dabei auch die Macht aufgebe, zu wissen, dass ich träume. Ich verliere mich in der Geschichte. Ich erlebe alles als vollkommen echt und weiß nicht, dass ich es mir ausgedacht habe, um mich zu unterhalten. Und genau das ist, aus der indischen Perspektive, was hier und jetzt mit jedem von uns passiert. Es ist ein Drama und das Selbst ist der Schauspieller, der alle Rollen spielt. Du und ich, wir sind derselbe Spieler, der sich von einer anderen Perspektive aus betrachtet und sich nicht mehr erkennt – zum Spaß an der Freud.
Beachtet, dass dies genauso eine Analogie ist, wie die des Konstrukteurs, abgeleitet aus einem alltäglichen Prozess, den wir alle erleben. Aber sie hat sehr andere Konsequenzen in unserer Beziehung untereinander, zu uns selbst und zum Universum.

Das Bild des Universums aus China, und ich beziehe mich hier auf den Taoismus,  ist hingegen einem Organismus nachempfunden, der aus sich selbst heraus wächst, wie ein Baum oder eine Blume. Ein Organismus ist etwas sehr anderes als ein Konstrukt, da er nicht aus einzelnen Teilen zusammen gesetzt wurde, sondern alle Aspekte des Organismus wachsen gleichzeitig und miteinander. Sie sind nicht voneinander trennbar, bzw. wenn man sie trennen würde, stirbt der Organismus, während ein Konstrukt so lange nicht mehr funktioniert, bis man ein Ersatzteil gefunden hat. Man kann auch nicht fragen „Was ist dein Liebblingsorgan?“ einfach weil man sie, um gesund zu sein, alle braucht. Und genauso hat es wenig Sinn zu fragen, wer der Boss im Körper ist. Sicher, viele würden sagen, dass das Gehirn alles kontrolliert. Aber anders betrachtet könnte man durchaus auch glauben, dass der Magen das Gehirn entwickelt hat, damit man besser an gutes Essen kommt. Letztlich hängt alles von allem ab und eine Sache zu isolieren sorgt nur dafür, das alles stirbt. Im Chinesischen Weltbild des Taoismus gibt es also keinen Boss. Alles ist in Beziehung zu allem anderen auch und nur als ganzes kann es funktionieren.
Das chinesische Wort für Natur ist tzu-jan, was so viel heißt wie „aus sich selbst heraus so“. Es besagt, dass natürlich ist, was spontan so ist, wie es ist, ohne vorher zu überlegen oder es zu konstruieren. Es sagt viel aus, glaube ich, dass wir davon sprechen, dass wir wir selbst sein können, wenn wir keine Angst davor haben in Gegenwart einer anderen Person auszudrücken, was wir spotan fühlen. Implizit darin steckt, dass wir nicht wirklich sind, wer wir denken, dass wir sind, sondern etwas viel größeres und etwas, was sich nicht in Worte fassen lässt.
Die erste Zeile im Tao Te Ching spricht davon, dass man das Tao, also die Kraft, die allem unterliegt und in ihm liegt, nicht in Worten ausdrücken kann. „Selbst der Gott des Frühlings weiß nicht, wie die Blumen wachsen.“ Damit ist gemeint, dass er nicht in Worten sagen kann, wie sie es tun. Genauso wenig können wir in Worten sagen, wie wir uns Nägel und Haare wachsen lassen, wie wir unser Blut zirkulieren, wie wir unsere Temperatur regeln, unsere Knochen und Nerven wachsen lassen. Aber wir tun es. Es passiert. Und vom chinesischen Standpunkt aus, ergibt es von daher am meisten Sinn, vom Universum als etwas zu denken, was spontan, aus sich selbst heraus so ist.

Die beiden Bilder ergeben für mich genug Kontrast, um zu bemerken, dass das, was ich zuvor für Common Sense und klar gehalten habe, eine ziemlich willkührliche Metapher ist. Sie hat eine gewisse Anschaulichkeit und so weit, wie sie hilft klarer zu sehen und im Leben zu stehen, ist sie auch willkommen. Aber sie kann sehr blockieren, wenn man sie zu wörtlich nimmt. Und dann ist es an der Zeit, jede Vorstellung, jedes Wort über die Wahrheit und jedes Bild zu vergessen und wieder zu bemerken, dass die Welt nicht beschreib- sondern nur erlebbar ist.





Detachment und Non-Attachment

29 11 2008

Kürzlich noch hatte ich mit Buddhisten eine Diskussion über Wut. Es ging darum, wie man merkt, dass man über Wut hinweg ist, wo man sie doch genauso gut verdrängt oder unterdrückt haben könnte. In beiden Fällen würde man sie nicht spüren. Das Thema interessiert und beschäftigt mich sehr, weil ich selbst dabei bin zu entdecken, dass Wut, von der ich dachte, ich hätte sie einfach nicht, vor allem keinen Platz in mir fand, weil ich zu große Angst vor ihr hatte und fürchtete, sie würde Dinge kaputt machen, sobald ich sie nur fühle. Das ändert sich gerade und ich finde sehr heilsam, was für eine Energie darin steckt, die Wut erstmal überhaupt fühlen zu können, ohne sie auszuagieren. Das will ich weiter vermitteln.

Außerdem hat ein Freund mich neulich auf das Thema Scham angesprochen. Und dazu ist zu sagen, dass Scham immer mit Glaubenssätzen einhergeht, die alle „Ich sollte so nicht sein“ und „Irgendwas stimmt mit mir nicht, so wie ich bin“ zur Kernaussage haben. Mir ist dazu etwas wichtiges eingefallen, das ich mit den Begriffen Detachment und Non-Attachment erklären will.

Ich würde dazu von einer Drei-Stufen-Entwicklung sprechen, wenn es darum geht, mit Bedürfnissen und Wünschen in Verbindung zu sein: Detachment, Attachment, Non-Attachment. Detachment ist der Zustand, in dem du einen Wunsch oder ein Verlangen in dir gar nicht zulässt, weil du nur Schmerz damit erlebt hast. Du hast gelernt Wunsch+Welt=unerträgliches Leid. Das ist dann in einem Glaubenssatz zusammengefasst. Und wenn du dann doch mit dem Wunsch in Kontakt kommst, in einer Umgebung, die das nicht unterstützt, kommt die Befürchtung des unerträglichen Leides wieder hoch. Im Grunde genommen ist das wie ein ganz kleines Kind, welches neu in der Welt ist und erst lernen muss zu vertrauen, dass es willkommen ist und einen Platz hat.

Nächster Schritt ist Attachment. Dabei gewinnst du Vertrauen zu mindestens EINER Quelle zur Erfüllung deiner Wünsche und Bedürfnisse. Im Idealfall passiert genau das im sechsten Monat nach der Geburt. Vorher ist das Vertrauen, jedenfalls einiger Psychologen zufolge, noch nicht möglich, weil erst dann auftaucht, was man Objekt-Permanenz nennt: Das Kind hat eine Repräsentation von der Mutter, selbst wenn diese nicht da ist. Und darauf basiert dann das Vertrauen. Wenn das klappt und das Kind diese Bindung zur Mutter, dem Vater oder anderen Menschen findet, spricht man davon, dass das Kind eine sichere Bindung hat. Es ist „securely attached“. Das ist abhängig von der Sensibilität und Zugänglichkeit der Bezugsperson. Kann die Mutter sich einfühlen, reagiert sie auf die Wünsche des Kindes, gewinnt dieses Vertrauen, dass es angenommen wird.

Die letzte Phase ist Non-Attachment. Sie mag von außen wie Detachment aussehen, ist aber ganz anders. Non-Attachment basiert auf dem Vertrauen, bei Bedarf genau das zu bekommen, was man braucht und viele Quellen dafür zu haben. Und vor dem Hintergrund dieses Vertrauens braucht man an nichts festzuhalten. Man kann seine Gefühle voll empfinden, ohne Angst davor und dann loslassen. Detachment hingegen basiert auf dem Zwang, seine Bedürfnisse aufgeben zu müssen. Man fühlt keine Macht, sie irgendwie erfüllen zu können und ist deswegen hilflos. Um davor geschützt zu sein, spaltet man das Bedürfnis ab.

Diese Entwicklungslinie ist ein Paradebeispiel für die Prä-/Trans-Verwechslung von der Ken Wilber oft spricht. Detachment und Non-Attachment sehen gleich aus, weil sie beide nicht Attachment sind. Aber ich glaube unglaublich viele Leute sind detached und nennen das non-attached. Dadurch entsteht so viel Verwirrung und Scham in der Gemeinschaft von Leuten, die sich auf diesen Weg machen. Denn jedes Mal, wenn jemand Vertrauen sucht, sich öffnet, seine Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche zeigt, wird er von denen, die detached sind (und damit in ihren Glaubenssätzen über die Welt stecken, die dafür keinen Platz lassen) zurecht gewiesen, nach dem Motto „Was glaubst du wer du bist! Du bekommst nicht mehr als wir. Kümmer dich um deine spirituelle Entwicklung und dann wirst du das so wenig brauchen wie wir!“ Und dann denkst du „Oh, verdammt. Ich sollte das gar nicht brauchen. Ich bin einfach noch nicht entwickelt genug.“ Und das hat noch nie funktioniert!

Ich möchte eine Gemeinschaft, die sich dieser Unterschiede bewusst ist. Die nicht vor ihrem eigenen abgespaltenen Schatten davon rennt, sondern ihn beleuchtet und liebevoll annimmt. Scham kann man nicht wegmeditieren, sondern sie braucht empathische Resonanz, so dass das Vertrauen gewonnen werden kann, dass man irgendwo wirklich einen Platz hat. Und erst von dieser sicheren Basis aus, kann man mit Freude hinaus in die Welt gehen und all die Möglichkeiten kennenlernen, ohne den Kontakt zu dem Ort des Vertrauens aufzugeben.

Idealerweise ist der Ort des Vertrauens die Familie und die Bezugspersonen sind die Eltern. Da aber die Eltern meisten ebenfalls keine sichere Basis erlebt haben, ist ihre Sensibilität und Fähigkeit empathisch mit den Wünschen des Kindes zu sein oft eingeschränkt, so dass Bedingungen daran geknüpft werden. Und so machen sich viele viel später auf den Weg, nach diesem Ort der bedingungslosen Liebe, nach dem sie ein Leben damit verbracht haben, bedingungslose Liebe dadurch zu bekommen, dass sie alle gestellten Bedingungen zu erfüllen versuchen, nur um dann zu merken, dass sie auf die Weise wieder nur bedingte Liebe bekommen.

Ich wünsche mir, dass unsere tiefen Herzenswünsche mehr Raum finden, mehr Orte zur Annahme und Präsenz damit. Dass sie eine Stimme bekommen und ihnen Macht verliehen wird. Erst so können wir wirklich frei und erfüllt genug sein, dass wir nicht anhaften, auf niemanden mehr Zwang ausüben und in einer Welt voller göttlichem Lachen und süßer Tränen leben.