Ich lese momentan “Die Schock-Strategie” von Naomi Klein. Ein spannendes Buch. Es handelt von der Wirtschaftsideologie und ihren Konsequenzen, die Milton Friedman an der University of Chicago entwickelt hat und welche unter vielen Namen, u.a. Neoliberalismus, bekannt ist. Diese Ideologie ist laut Klein überall auf der Welt seit den siebziger Jahren - angefangen in Chile unter Pinochet - zum Teil brutal durchgesetzt worden. Folter, Verschleppungen, Waffengewalt gegen Demonstranten und dergleichen waren nötig um sie durchzustezen, da diese Ideologie vom “freien Markt” eigentlich eine verkappte Version vom Recht des Stärkeren ist (Rot auf Spiral Dynamics, für diejenigen von euch, denen das was sagt) und somit die Ungleichheit zwischen Arm und Reich immer grösser wird. Das kann man nur aufrecht erhalten, wenn man Angst benutzt um die Leute in Schach zu halten.
Friedman meinte, ein freier Markt sei Bedingung für freie Menschen. Ich kenne seine Definition von Freiheit nicht, aber ich vermute nach allem was ich weiss, dass er damit implizit die Freiheit meint, sich gegen Regeln durchzusetzen und den Stärkeren gewinnen zu lassen. So genau wird das natürlich nirgendwo erwähnt. Ich erinnere mich an ein Zitat von Friedman im Süddeutsche-Magazin, demnach er die Umverteilung von Reichtum für unmoralisch hält. Wo mag das herkommen? Welchen persönlichen Hintergrund mag diese Idee haben? Wäre interessant das herauszufinden, da das die “Wissenschaftlichkeit” relativieren würde.
Mir bringt das Buch sehr viel. Ich bekomme Hoffnung, auch wenn es teilweise sehr deprimierend ist zu lesen, was da passiert ist. Die Hoffnung rührt daher, dass ich sehe, dass die Armut auf ein System zurückzuführen ist und jemand das bewusst in Kauf nimmt. Es ist nichts Unveränderbares. Kleins Übersicht über die Geschichte dieser Ideologie hilft mir internationale und politsche Hintergründe der jetzigen Weltlage besser zu verstehen. Ich bin schon fast bei der Hälfte, habe von Chile, Argentinien, Bolivien, Uruguay, Kolumbien, Brasilien, Gross-Britannien (unter Thatcher), China und Polen gelesen, in denen überall mehr oder weniger das gleiche gemacht wurde - bei einigen mehr unter dem Schein der Demokratie als bei anderen. In dem Kapitel, in welchem ich gerade lese, geht’s um Südafrika, wo viele Leute einfach nicht aufgepasst haben, als vereinbart wurde, dass die Regierung unter dem Afrikanischen National Kongress keinen Zugang auf die Zentralbank haben wird und eine Gesetze gelten werden, die die WTO (damals GATT), IWF und Weltbank festgelegt hatten. Ziemlich ärgerlich. Folgen im Buch werden u.a. Russland und natürlich der Irak.
Den Titel hat das Buch aus folgendem Grund: Friedman wusste sehr wohl, dass man in einer gesunden Gesellschaft seine Ideen nicht durchsetzen konnte. Jedenfalls war das die Erfahrung. Sein Mantra der Privatisierung, Deregulierung der Märkte und minimaler Sozialausgaben kommt bei der Masse der Gesellschaft nun mal nicht an, da nur wenige Leute dabei wirklich gewinnen. Wenn aber die Gesellschaft orientierungslos und ängstlich ist, wie z.B. bei einer Hyperinflation und schnelle Lösungen gefragt sind, dann werden die Ideen genommen, die schon im Umlauf sind. Naomi Klein bringt dieses Denken mit Experimenten zusammen, die in den fünfziger Jahren an der McGill University in Montreal durchgeführt wurden, finanziert vom CIA und der kanadischen Regierung, welche beide an Möglichkeiten zur Gehirnwäsche interessiert waren. Der Psychiater Ewen Cameron hatte die Theorie, dass man “Geisteskranke” am besten zunächst “entprägt”, d.h. ihre Persönlichkeit zerstört, so dass man sie danach komplett neu wieder aufbauen kann. Die Mittel, die er zum Entprägen benutzte, finden sich heute in jedem Folterrepertoire. Sensual deprivation, komplette Desorientierung, Isolation, Elektroschocks und das alles über lange Zeit gehörten dazu. Zur Neu-Prägung liess Cameron Tonbänder mit Nachrichten, also Glaubenssätzen laufen, manchmal tagelang ohne Unterbrechung. Es dürfte nicht überraschen, dass das nichts brachte. Die Persönlichkeit, das heisst, Orientierung und Bewusstsein, teilweise auch Sprachvermögen und Gedächtnis, waren massiv gestört und haben sich, soweit es da steht, bei den meisten “Probanden” auch nicht wieder erholt.
Woher Cameron diese Ideen hatte weiss ich nicht genau. Damals war der Behaviorismus populär und das wahrscheinlich vor allem deswegen, weil er eine einfache und effektive Lösung für viele Probleme zu sein schien, die man im Verhalten von Menschen zu erkennen meinte. Zumindest von einer gewissen Perspektive aus, die vermutlich genauso persönlich und “unwissenschaftlich” ist, wie die von Friedman.
Die Metapher, der Ewen Cameron da folgte, hat man auf die Wirtschaftspolitische Ebene übersetzt. Zunächst die politische oder wirtschaftliche Situation destabilisieren und für Angst und Desorientierung sorgen und dann schnell Ideen anbieten, die die Richtung radikal ändern würden. Friedmans Studenten von der University of Chicago, die Chicago Boys, haben dann dafür gesorgt, dass die Ideen im Umlauf sind und behauptet, die Massnahmen gegen die Inflation seien untrennbar von Privatisierung, Deregulierung und Einschnitten der Sozialleistungen. Meistens haben sie einfach gesagt “Ihr nehmt das ganze Paket oder ihr bekommt gar nichts.” Hinzu kam, dass diese Länder meist schon riesige Schuldenberge hatten (z.T. für Waffen und Militärausgaben, die für die Erhaltung der Ungleichheit nötig sind, die schon vor der Einführung des Neoliberalismus existierte), so dass Schuldenerlässe und Entwicklungshilfe aus den USA effektive Hebel sind, um die Reformen voranzutreiben.
Es ist ziemlich krass das zu lesen, ergibt aber eine Menge mehr Sinn, als einfach von Terror-Regimen, machtwütigen Diktatoren und immer wieder einzelnen Fällen von Unmenschlichkeit auszugehen, die sich in der Folter zeigen. Dieses Bild wird gerne erzeugt, um von der eigentlichen Agenda abzulenken. Doch diese Dinge sind untrennbar von der Wirtschaftspolitik und gehören zum System: Eine kleine Elite will ihr Geld vermehren, was in dem Umfang nun mal nur auf Kosten einer Menge anderer Leute geht.
Geld steht hier allerdings nicht nur für Reichtum und Sicherheit, sondern für Respekt und ist damit vermeintlicher Indikator für Liebenswürdigkeit und inneren Wert. Joseph Ackermann wurde im SPIEGEL mit den Worten zitiert: “Wenn ich weniger als 13 Mio. Euro im Jahr verdienen würde, bekäme ich keinen Respekt mehr.” Das sagt eine Menge über die Weltsicht von Leuten wie ihm. Und es macht verständlich, warum so viel Druck und Gewalt dahinter steckt: für Selbstliebe und Selbstrespekt sind Menschen bereit zu töten, da ohne das jede Hoffnung auf Glück, Lebendigkeit und damit Sinn im Leben verloren ist.
Ich fand sehr schön, wie Jane, eine Nachbarin von Ulrike sagte: “Also vielleicht sollten wir diese Leute einfach alle in ein Gebäude stecken und sie lieben!” Ich habe laut gelacht, fand die Idee grossartig und sie sagte das so spontan und selbstverständlich, dass es zum Knutschen war! Konkret heisst “sie lieben” für mich, dass all die Super-Reichen und Leute in machtvollen Positionen Raum bekommen zu sein wie sie sind, dass ihnen jemand empathisch zuhört. Ich bin fest davon überzeugt: Was in Politik und Wirtschaft mit derlei katastrophalen Folgen gemacht wird, basiert auf dem Mangel anderer Strategien, anderer Wege für Liebe und Selbstrespekt zu sorgen. Schon allein die Aufmerksamkeit, die im empathischen Kontakt entsteht, sorgt für mehr Klarheit und ist von daher eine Chance, etwas zu verändern. Und zwar in einer Weise, dass alle dabei gewinnen. Könnte man Janes Vorschlag einfach umsetzen, wäre die Weltrevolution nicht weit…
Wie könnte man das machen?