Die größte Angst

23 07 2009

Was ist eure größte Angst? Ich kann euch erzählen, was meine ist. Es klingt vielleicht nicht besonders vernünftig, das in einem öffentlichen Blog zu tun. Aber ich glaub, es ist eine Angst, für deren Umgang ich nicht so sehr auf andere angewiesen bin. Oder besser, ich hab glücklicherweise Freunde gefunden, die mir dabei helfen. Außerdem motiviert mich die Vorstellung, ihr könntet sie auch in euch vorfinden, allerdings noch nicht so klar ausgedrückt. Und dann gäbe meine Offenheit einen schönen Anhaltspunkt für mehr Orientierung und innere Sicherheit.

Ich hab gemerkt, dass die einzige Angst, die ich immer wieder habe, die ist, mir nicht zu verzeihen, wenn ich was gemacht hab, was im Nachhinein nicht so toll war, wie ich zum Zeitpunkt der Entscheidung dachte. Gibt es überhaupt irgendeine andere Angst? Nun ja, natürlich kann ich in einen Banküberfall verwickelt werden, bei dem mir jemand eine Pistole an den Kopf hält. Das fänd ich wahrscheinlich nicht so prickelnd. Oder ich bin in einer Region, wo Krieg herrscht und gekämpft wird. Aber ehrlich gesagt, wenn ich das wirklich durchdenke, wovor hab ich da Angst? Vor Schmerz? Vor Tod? Vor Verlust? Sind das nicht Dinge, mit denen ich leben kann? Gut, bei Tod wird das schwierig. Aber dann wiederum… muss ich annehmen dass tot sein eine Erfahrung ist? Wenn ja, könnte das spannend werden. Wenn nein, gibt es nichts zu fürchten.

Sich nicht verzeihen können

Nein, ich glaube wirklich, dass es sich bei genauer Betrachtung auf diese eine Angst herunterbrechen lässt: Sich etwas nicht verzeihen zu können. Wenn ich in so einer gefährlichen Situation bin, kann eine kleine Handlung sehr viel ausmachen und weitreichende Konsequenzen haben. Wenn die Konsequenzen mir nicht gefallen und ich meine Handlung dafür verantwortlich mache, kann das höllisch weh tun und es regnet Scham und Schuldgefühle. Sagen wir, wenn ich beim Banküberfall mit ansehen musste, wie einer Geisel eine Kugel durch den Kopf gejagt wurde, kurz bevor ich die Situation unter Kontrolle bringen konnte. Hätte ich doch nur… Oder auf einem anderen Gebiet, wenn ich eine Frau, die mir sehr gefällt, anspreche und ich denke, dass ihr „Nein“ verhindert hätte werden können, wäre ich anders an die Sache heran gegangen. Oder noch besser, ich bin in einer Beziehung mit einer Frau, die mir viel bedeutet und ich schlafe mit einer anderen. Das kommt raus und meine Partnerin will gehen. Vielleicht bin ich auch Politiker und setze ein Gesetz durch, das sechs Monate später für Todesfälle und schwere Proteste sorgt. Oder ich bin Chirurg und ein Patient, den ich operiert habe, stirbt, nachdem ich meinen Pieper in seiner Bauchhöhle vergessen hatte. Toll wäre es momentan bestimmt auch, im Vorstand der AIG zu sitzen und zu sehen, wie mein Finanz-Plan einen Verlust von mehr als 200 Mrd. Dollar und den beinahe Zusammenbruch der Weltwirtschaft nach sich zieht. Massen von Menschen sitzen auf der Straße, verlieren ihre Arbeit und versinken im Elend. Nur weil ich versagt habe!

Wer hier nicht weiter weiß, ist psychologisch wahrscheinlich am Ende. Ohne Selbstvergebung bleibt einem da nicht viel. Das Vertrauen in das Gute in mir könnte verschwinden, oder in meine Fähigkeit, dieses Gute zum Ausdruck zu bringen. Vielleicht fange ich an zu denken, dass ich es nicht mehr verdient habe, glücklich zu sein. Oder ich werde sehr einsam, nachdem alle um mich herum entschieden haben, dass sie nicht mehr mit mir leben wollen. Wenn ich dann noch denke, dass sie Recht haben, kann ich mir auch die Kugel geben. Die Hoffnungslosigkeit ist komplett. Also, wovor könnte man überhaupt noch Angst haben, wenn nicht davor? Mir fällt nichts ein.

Damit stellt sich natürlich die Frage: Wie verzeiht man sich?

Selbstvergebung

Ich glaub für viele sieht Vergebung so aus, dass man sich nochmal eine Chance gibt. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, wie das gehen soll, denn wenn ich mir und meine Urteil nicht mehr vertraue, wie soll das dann helfen? Genau so, wie wenn ich jemand anderem vergeben soll. Wenn ich ihm nicht traue, was soll das dann heißen? Schwamm drüber und wir fangen von vorne an? Wenn meine Partnerin mit jemand anderem schläft, ich bin entsetzt und brauche mehr Vertrauen… wie sähe Vergebung da aus?

Mein simpler Grundsatz für Vergebung lautet: Wenn ich verstehe, gibt es nichts mehr zu vergeben. So simpel das klingt, so schwer kann einem das fallen. Der Knackpunkt ist folgender: wenn ich etwas gemacht habe, was schreckliche Konsequenzen hatte, und ich bringe Verständnis auf, heißt das, dass ich es gut finde? Wenn ich meine Partnerin verstehe und nachvollziehen kann, dass sie sich dafür entschieden hat, mit ihrem besten Freund zu schlafen, bedeutet das dann, dass ich ihr das erlaube oder sie sogar noch dazu ermutigen will? Wohl kaum (jedenfalls nicht zu diesem Zeitpunkt). Gerade weil Verständnis so oft zu Vergebung führt, haben wahrscheinlich viele Angst davor. Denn sie wollen nicht vergessen, aus den Konsequenzen zu lernen. Also, wie kann ich mir vergeben UND aus den Konsequenzen lernen?

Entscheider und Erzieher

Es hilft von zwei Funktionen in mir auszugehen: einem Entscheider und einem Erzieher. Beide Funktionen haben den Job, das Leben schöner, aufregender, angenehmer und insgesamt wunderbar zu machen. Der Entscheider hat in jedem Moment die Aufgabe, aus den bekannten Optionen und in der gegebenen Situation, das beste und schönste zu wählen. Das ist manchmal ziemlich schwierig, vor allem wenn die bekannten Wahlmöglichkeiten eingeschränkt sind. Der Erzieher schaut sich an, welche Konsequenzen die Entscheidung hatte und kommentiert das. Je nachdem, welche Umgangsform der Erzieher von meinen (externen) Erziehern gelernt hat, fällt ihm wahrscheinlich sofort auf, wenn etwas nicht den Standards entspricht. Das kann sich in einer Intuition, einem Gefühl, einem Gedanken bemerkbar machen.

Das heißt, wenn etwas schief geht, hab ich es mit zwei Perspektiven zu tun, von denen die meisten Menschen die eine vergessen. Die Erzieher-Perspektive ist die, in der die Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen, die nicht von der Handlung erfüllt wurden. Also sagen wir, ich bin an einer Frau interessiert, ich frage sie, ob sie Lust hat, mit mir was trinken zu gehen und sie sagt, dass sie nicht will… dann könnte mein Erzieher mich mit Vorwürfen bombadieren wie „Was für eine blöde Idee, sie überhaupt zu fragen! Jetzt hast du sie noch belästigt! Wer bist du überhaupt, was von ihr zu wollen? Hättest du das nicht erahnen können? Außerdem, wenn du ständig auf Ablehnung stößt, muss doch was mit dir nicht stimmen…“ Das ist wahrscheinlich erstmal nicht so leicht zu verdauen. Ich glaub, viele drücken das einfach beiseite, überwältigt von der schieren Menge an Selbst-Vorwürfen. Aber der Kern der Sache ist, dass der Erzieher im Interesse meiner Bedürfnisse spricht. Und er will, dass ich diesen Bedürfnissen Aufmerksamkeit schenke, so dass die Wahrscheinlichkeit steigt, dass sie in Zukunft erfüllt werden können. Es wäre toll, wenn er mir das direkt sagen könnte, aber üblicherweise hat er das nicht gelernt. Also braucht es etwas Arbeit und Aufmerksamkeit, da heran zu kommen.

Ich könnte mir vorstellen, dass mein Erzieher mich darauf aufmerksam machen will, wie sehr es mein Leben verschönern würde, wenn ich die Nähe und Zuwendung einer Frau hätte. Und wie wichtig es da wäre, zu wissen, wie ich sie bekommen könnte. Dass ich herausfinde, wie ich das Interesse an mir wecken kann. Vielleicht auch, dass ich mir eine bessere Vorstellung davon mache, was eine Frau gerne hätte, wenn sie bei mir wäre. Also alles, was mit Intimität, Verbindung, Geborgenheit zu tun hat. Dafür steht der Erzieher ein. Dass es das im Kern ist, weiß ich dann, wenn die Gedanken und Vorwürfe aufhören. Kommen weitere, hab ich noch nicht alle Bedürfnisse verstanden. Ist es aber so weit, fühle ich mich nicht mehr schuldig, sondern vielleicht traurig oder betrübt. Aber das ist ein süßer Schmerz, weil er Hoffnung auf Besserung erlaubt. Durch das Verständnis und das Erkennen der Bedürfnisse werde ich wieder handlungsfähig. Und das kann eine große Erleichterung sein.

Soweit der Erzieher.

Wenn ich verstanden hab, was mich an den Konsequenzen meiner Handlung so beunruhigt, kommt natürlicherweise die Frage auf, wie ich denn so handeln konnte. Also, wie kam mein Entscheider auf die Idee, dass es von Vorteil wäre, es so zu machen? Das ist ja der eigentlich Schritt zur Selbst-Vergebung. Dafür ist nötig zu verstehen, welche Bedürfnisse der Entscheider im Sinn hatte und aus welcher Perspektive heraus die gewählte Handlung wirklich als die beste erschien. Hinterher ist man ja immer schlauer, also ist das nicht immer so einfach. Mein Erzieher fragt also, ob meinem Entscheider denn nicht klar war, dass ich diese Bedürfnisse nach Intimität und Verbindung habe.

Und der antwortet, dass er ja gerade dafür etwas tun wollte. Und wie gerne hätte er mehr darüber gewusst, wie das zu tun wäre. Aber in dieser Situation hatte er nur begrenzte Informationen. Ich erinnere mich z.B. an ein Mal, wo ich überlegt hab, ob ich eine Frau frage, ob sie mit mir was trinken gehen will und ich hab mir gemerkt, wie meine Perspektive aussah. Wir hatten uns in einem Sprachkurs kennengelernt und die Signale waren gemeinsames Lachen, Witze zusammen und eine Liebe für die Sprache, die wir da lernten. Könnte das Interesse bedeuten? Kann ich nicht sicher wissen, aber ich kann entscheiden, dass es genug ist, um es auszuprobieren. Also hab ich das getan. Sie sagte ja, also brauchte ich an diesem Beispiel keine Selbst-Vergebung zu üben. Aber nichtsdestotrotz hat es gut getan, ganz bewusst die Entscheidung zu fällen. Und zu wissen, wenn es nicht gut läuft, ist das auch okay.

Gute Neuigkeiten

Zusammengefasst heißt das, dass ich zum einem verstehe, was mein Erzieher beanstandet und dann zum anderen verstehe, was mein Entscheider wollte und aus welcher Perspektive heraus seine Entscheidung als die bestmögliche erschien. Wenn ich das verstanden habe, gibt es nichts mehr zu vergeben.

Das ist natürlich immer wieder ein neuer Prozess, mit jeder neuen Situation. Allerdings lernen sowohl Erzieher als auch Entscheider mit der Zeit immer besser, sich klar auszudrücken und so fällt das Verstehen immer leichter. Die Gefahr, sich für etwas nicht vergeben zu können verringert sich dementsprechend. Und damit werden Angst und Hoffnungslosigkeit zunehmend zur Seltenheit… das sind doch gute Neuigkeiten, oder nicht?





Zur Enneagramm-Fünf mit Sechser Flügel

14 11 2008

Hin und wieder gerate ich in folgende Lage: Ich treffe jemanden, der mich mit viel Freundlichkeit und Wärme behandelt, aber irgendwie finde ich kein Vertrauen und keine Entspannung in mir. Irgendetwas nagt am Vertrauen und ich weiß vielleicht nicht einmal genau, was es ist. Wie spreche ich das jetzt an? Es scheint zwei Möglichkeiten zu geben, und irgendwie sind beide unmöglich: Entweder ich bin offen und sage was los ist, gehe damit aber das hohe Risiko ein, dass die andere Person irritiert und hilflos ist, die Angst und Unentspanntheit vielleicht persönlich nimmt und sich entfernt, oder ich halte meine Klappe und tu so als ginge es mir gut, während ich innerlich einfriere.

Jetzt hab ich noch eine dritte Möglichkeit. Ich nutze meinen Blog, um Leute zu informieren, was dahinter steckt und wie sie damit umgehen können, wenn sie jemanden wie mich treffen ;-)

Zunächst: Ich hab entdeckt, dass ich häufiger Angst oder Stress fühle als viele Leute. Das zu entdecken ist nicht so einfach, wenn man von seiner eigenen Perspektive ausgeht und denkt „So (stressig und bedrohlich) ist eben die Welt.“ Dann aber stellt man fest, dass es doch Unterschiede in der Wahrnehmung gibt und bestimmte Aufmerksamkeits- und Denkstile zu mehr Angst führen als andere. Dass die Angst so groß ist, weiß man auch erst, wenn sie weg ist, da man sonst keinen Kontrast hat.

Wie muss man sich das also vorstellen. Ein Aspekt meiner Wirklichkeit ist ständige Wachsamkeit, als müsste man immer den Rücken decken. Nehmen wir mal an, du sitzt in einem Haus mit einem Buch auf dem Schoß. In dem Haus lebt jemand, der ist stärker als du. Sein Verhalten ist nicht vorhersehbar. Du hast schon öfter die Erfahrung gemacht, dass er dich schlagen, oder dir einreden könnte, was für ein schlechter und unwürdiger Mensch du bist. Und in jedem Moment könnte wieder so etwas kommen. Jetzt mach das Buch auf und versuch zu lesen. Du wirst merken, dass deine Aufmerksamkeit geteilt ist. Mit der einen Hälfte versuchst du der Geschichte zu folgen, mit der anderen versuchst du Anzeichen für Gefahr zu erkennen. Das sorgt für eine ständige Unruhe, die sich nicht beruhigen lässt, weil du keinen Raum hast, in dem du dich beruhigen oder dich entspannen könntest, weil du absolut sicher vor derlei Gewalteinwirkungen bist.

So in etwa habe ich mich einen Großteil meines Lebens gefühlt. Ein ständiger Stress, eine ständige Wachsamkeit und dabei immer die Frage, wie andere Leute so locker wirken können. Erst seit den letzten drei/vier Jahren hab ich längere Perioden von Entspannung erlebt, so dass mir überhaupt erst klar wurde, wie viel Stress ich in meinem Leben hatte.

Eine andere Übung wäre, dich mit einem Freund oder einer Freundin zusammen zu setzen. Schau den Freund an und stell dir vor, dass er dir etwas verschweigt, was relevant für die Freundschaft wäre. Stell es dir so vor, dass du ganz sicher bist, dass da etwas ist. Vielleicht machst du’s konkret, wie z.B. dass er doch sauer war, als du letztes Mal vorzeitig gegangen bist, es aber nur nicht gesagt hat (und es bestimmt irgendwann hochkommt, wenn du’s gar nicht gebrauchen kannst). Jetzt fang irgendein alltägliches Thema an. Während du mit ihm darüber redest, versuche Hinweise in dem zu finden, was er sagt, die bestätigen, was du vermutest. Auch hier wieder wirst du merken, wie deine Aufmerksamkeit geteilt ist und du ständig wachsam bist.

Ich habe wenige Leute, bei denen ich keinen Moment daran denke, da sei immer etwas, was im Hintergrund eine Rolle spielt, was aber nicht gesagt wird. Je wichtiger mir eine Person wird, desto eher kommt mir auch der Gedanke „Du weißt gar nicht, warum du mich magst. Da werden unbewusste Motive hinterstecken, die dir irgendwann klar werden. Und dann wirst du gefährlich für mich, enttäuschst mich, entscheidest dich so, dass ich einstecken muss, bist auf einmal weg, machst mir Vorwürfe, dich missbraucht zu haben und dergleichen. Bevor du mir nicht ganz klar sagen kannst, was deine Motive sind und worauf deine Zuneigung beruht, finde ich kein Vertrauen in mir.“ Glaubt mir, das ist nicht angenehm. Und das unangenehmste ist, wenn ich das alles projiziere, es mir ausdenke und der andere nichts direkt tun kann, um mich zu beruhigen. Also er kann nicht das Gegenteil beteuern oder so. Das ist dann genau die verzwickte Situation, mit der ich diesen Eintrag angefangen habe: Entweder ich bin ehrlich, sage, wie viel Angst und Misstrauen in mir ist und gehe das Risiko ein, dass gerade das die andere Person gegen mich aufbringt (weil auch sie hilflos ist und gerne möchte, dass ihr vertraut wird). Oder ich halte damit hinterm Berg, fühle mich aber nie richtig wohl.

Ein Weg da heraus zu kommen ist, wenn ich mich an das erinnere, was ich will und das sage. Und das kann in jedem Moment etwas anderes sein. Ich kann mir das nicht zurecht legen, sondern brauche eine Offenheit, die erlaubt das zu erkennen, was sich spontan bemerkbar macht. Wenn ich damit in Kongruenz bin, hab ich keine Angst mehr. Zum Beispiel könnte es sein, dass ich mehr darüber wissen möchte, was die andere Person gerne mit mir machen will. Oder wie sie sich fühlt, woran sie denkt. Das funktioniert aber lange nicht so gut, wie wenn ich erstmal ehrlich sage, dass ich nervös bin und mir dann zugehört wird, ohne dass mich jemand da heraus reden will.

Kongruenz ist auch wichtig in Bezug darauf, wie ich auf andere reagiere. Ich bin sehr sensibel dafür, dass das was andere sagen und was sie tun oder irgendwie sonst zeigen, nicht übereinstimmt. Dann entsteht eine Dissonanz zwischen diesen beiden Wahrnehmungen in mir. Und darauf kann ich Leute ansprechen und sie fragen, ob mein Eindruck stimmt. Ein klärendes Gespräche löst die Dissonanz. Wenn die andere Person aber nicht weiß, was sie sagen soll und ich keine Idee habe, was dahinter stecken könnte, ziehe ich mich lieber zurück und schaue, was mir meine Intuition sagt. Das kann einige Zeit dauern. Und dann spreche ich das Thema nicht an, bis mir das klar ist.

Diese Intuition ist aber auch eine wunderbare Gabe. Ich bin besonders gut darin, vorherzusagen, wie Leute miteinander umgehen. Welche Art Beziehung sie zueinander haben. Und das kann ich schon mit wenigen Informationen. Außerdem erkenne ich schnell ein Muster und seine Beziehung zu verdeckten Motiven, von denen die beteiligten nicht immer wissen. Es passt oft sehr genau. Das einzige, worauf ich achten muss, ist Projektion, also meine eigene Perspektive auf alle anderen übertragen – der Hauptfaktor, der Intuition stören kann.

Ich bekomme auch hin und wieder zu hören, dass ich zu sehr im Kopf sei, mehr denke als handele. Das kommt oft dann, wenn ich eine Situation von allen Seiten her erkläre und vielleicht der Eindruck entsteht, ich hätte sehr sehr lange darüber nachgedacht. Der Hintergrund dafür ist aber der, dass ich sehr vorsichtig bin, wenn ich mich sichtbar mache und in Dialog mit Leuten trete, die auch nur irgendwo den Status Autorität haben. Meine eingebrannte Assoziation mit Autorität ist, dass ich hart bestraft werde, wenn ich etwas tue, was in ihren Augen falsch ist, wer auch immer auf einem gewissen Gebiet als Autorität gesehen wird. Dieser befürchteten „Bestrafung“ kann ich am ehesten entgehen, wenn ich sowohl meinen Standpunkt als auch den der Autorität verstehe und in Worte fassen kann. Damit schaffe ich eine Position von der aus ich beides umfassen und darüber hinausgehen kann. Und erst da fühle ich mich sicher und wohl.

Ich hab in dem Buch „Das Enneagramm“ von Helen Palmer gelesen, wie andere Leute mit demselben Muster regelrecht Erfolg scheuen und immer abhauen, kurz bevor sie ins Rampenlicht treten. Ich kann das nachvollziehen. Ich würde auch erst öffentlich sprechen wollen, wenn ich ein Gebiet voll verstanden habe. Das dumme ist, meistens interessiert es mich dann nicht mehr so sehr…

Von der Perspektive aus wird ersichtlich, warum sich nachdenken für mich sehr produktiv anfühlt. Ich taste die verschiedenen Positionen auf Schwachstellen und Begrenzungen ab. Schließlich kenne ich alle bekannten Standpunkte zu einem Thema und kann selbst anhand klarer Kriterien entscheiden, welche meinen Vorzug genießt. Und das mache ich dann. Wenn mich dann jemand kritisiert, kann ich ruhig bleiben und mir anhören, was er oder sie zu sagen hat. Den Standpunkt kann ich anerkennen und gleichzeitig erklären, weshalb anhand der übergeordneten Kriterien auch mein Standpunkt Wert hat. Diese Kriterien muss ich also kennen und benennen können. Fehlt das und jemand kritisiert mich, muss man sich das Gefühl ungefähr so vorstellen, wie die Unausweichlichkeit eines riesigen Hammers, der mich fortschleudert, ohne dass ich mich irgendwo festhalten kann. Ich sag mir dann sowas wie „Was mach ich hier eigentlich – ich hab gar kein Recht hier zu sein und irgendwas dazu zu sagen. Ich hab keine Ahnung, kann nichts beitragen.“ Fühlt sich irgendwie sehr brutal an.

Das wird allerdings anders, sobald ich die Erfahrung mache, dass jemand ebenfalls mit Neugierde auf abweichende Standpunkte reagiert und meine Perspektive kennenlernen will. Das erzeugt Vertrauen bei mir. Dann bin ich sehr offen und teile alles, was mir dazu einfällt, bzw. bin neugierig darüber, was ich dazu lernen kann.

Noch ein paar Punkte, die Vertrauen erzeugen: Jemand zeigt wiederholt, dass er weiß was er sagt und auch tut was er sagt, weil es ihm wirklich, aus sich heraus, wichtig ist. Also ohne daraus z.B. ein moralisches Beispiel zu machen und zu erwarten, dass ich mich ebenfalls an mein Wort binde, selbst wenn ich nicht weiß, ob ich etwas wirklich will. Wenn jemand mein Misstrauen nicht persönlich nimmt, also sich in seinem Selbstvertrauen nicht erschüttern lässt, sondern mein Misstrauen im Kontext meiner Geschichte sieht und versteht, weckt das Vertrauen. Wenn mir jemand helfen kann, meine Zweifel und Ängste konkret und klar auszudrücken und mir damit die Angst davor nimmt. Wenn die Situation nämlich einmal offen ist, weiß ich was zu tun ist – es ist die Unklarheit und Vagheit der Bedrohung, mit der ich Mühe habe und bei der ich nicht still stehe oder mich entspanne, bis ich klar vor Augen habe, was Sache ist. Wer mit Neugierde und Offenheit reagiert, wenn ich ihn auf Dissonanzen und Widersprüche aufmerksam mache, gewinnt mein Vertrauen. Wer deutlich zeigt, wo er steht. Und wer ganz einfach aufrichtig fragt „Wie fühlt es sich an, du zu sein in dieser Lage?“ Interesse für meine Perspektive und meine Realität erlebe ich als sehr liebevoll und Nähe schaffend und man kann mir kaum ein schöneres Gefühl geben als damit. Allerdings funktioniert das nur, wenn es einfach Neugierde ist dafür, was gerade da ist, was mich am meisten interessiert und beschäftigt – nicht wenn ich merke, oder denke zu merken, dass jemand bestimmte Sachen erwartet. Das alles zusammen genommen ist phänomenal, aber ich glaub schon einer dieser Faktoren allein ist ein wunderbarer Beitrag.

Ich will noch hinzufügen, dass ich mich nicht als meine Persönlichkeit, das heißt meine gewohnten Muster, sehe. Jeden Moment ändert sich wie ich mich fühle und woran ich denke. Und gerade, wenn ich nicht an einer bestimmten Vorstellung von mir selbst festhalte, passieren spannende Dinge. Die Persönlichkeit zu kennen ist ein Weg, über sie hinaus zu gehen. Ich hoffe was ich hier schreibe hilft anderen, das auch in sich zu erkennen. Für mehr Vertrauen, Nähe und Liebe in dieser Welt.





Ein paar Monate in ein paar Tagen

11 02 2008

Es wird wieder Zeit was zu schreiben. Gestern war ein reicher Tag. Ich bin mit Mario, Linda und Emily, welche zuvor mein Zimmer bewohnt hat, zum Mont Gabriel gefahren, einem Ski-Berg eine Stunde nördlich von Montréal. Und ich bin den ganzen Tag Ski gefahren. Das erste Mal in meinem Leben Downhill. Wunderbar. Gesponsort wurde der Tag von der Firma, bei der Linda arbeitet, so dass ich nur 50$ für den Tag und 22$ für das Mieten der Skier bezahlen musste. Es gab zwei große Mahlzeiten, am Mittag und am Abend. Alles in allem wirklich erfüllend.

Es fing an mit einer Ski-Stunde am Morgen. Ich war ziemlich ruhig und es hat nicht lange gedauert, bis ich wusste, wie es geht. Bremsen, Gewicht verlagern, drehen usw. Der Trainer meinte scherzhaft ich hätte gut versteckt, dass ich nicht das erste Mal auf Skiern stünde. Danach auf die Piste. Erst die leichten, dann etwas schwierigere, engere, steilere. Ich bin nicht selten gefallen, habe mir aber größtenteils nicht weh getan. Es war schon witzig, in dem Moment in dem mir klar wurde, dass ich fallen würde, hab ich einfach losgelassen und gewartet, bis es vorbei war. Dann hab ich aufgeschaut und gedacht „Oh, interessant!“ Ich glaub, dass auch das dafür verantwortlich ist, dass ich mich nicht verletzt habe.

Ich hab durch’s Ski fahren eine Menge gelernt. Vor allem im Umgang mit Angst natürlich. Dass ich so schnell gelernt habe, rechne ich meiner Haltung des „Ich weiß noch nicht wie“ zu, statt zu glauben „Ich kann das nicht.“ Das ändert eine Menge, schließlich bewahrt man so das Vertrauen, dass es lernbar und entwickelbar ist. Und dieses Vertrauen ist die Voraussetzung dafür, dass man überhaupt etwas angeht. Das Risiko übel verletzt zu werden lässt sich ja nicht ausschließen, also habe ich da herausgefunden, dass zur Beruhigung vor allem eine Anerkennung der Gefahr und des Bedürfnisses nach Sicherheit sehr hilfreich sind. Macht man das nicht, kann man sich nicht konzentrieren, weil der Teil in einem, der Sicherheit will, auch während der Fahrt noch nach Aufmerksamkeit schreit. Das lenkt ganz schön ab, vor allem wenn es sehr schnell wird. Es lohnt sich also sehr, sich vorher darum zu kümmern und dem ein wenig Empathie zu geben. Hat man die, wirkt es nicht mehr wie Wahnsinn, den man nicht kontrollieren kann, sondern wie Wahnsinn, auf den man sich mit Freuden einlässt.
Ein bisschen unintuitiv ist, dass man beim Ski-Fahren immer dann die Kontrolle verliert, wenn man sich zu sehr nach hinten lehnt. Selten reagiert man auf Angst so, dass man sich noch mehr nach vorne bewegt. Aber das ist beim Ski-Fahren sehr wichtig, da einem sonst die Skier unterm Körper wegfahren. Als ich das raushatte wurden die Stürze viel seltener und ich konnte besser lenken. Dabei geholfen hat außerdem, nicht an die einzelnen Beine zu denken, sondern nur daran, das Gewicht zu verlagern. Dann reagieren die Beine synchron, ohne dass man daran denken müsste und die Skier kreuzen sich nicht mehr.

Also ihr seht, eine Menge geht dabei im Kopf und im Herzen ab. Wenn das im Gleichgewicht ist, geht der Rest schon von alleine. Allerdings tut mir jetzt mein ganzer Körper weh. Es sind keine äußeren Verletzungen, aber Verspannung, Muskelkater etc. Das werde ich wohl überleben und es mindert nicht die Freude über den gestrigen Tag.

Piste

Mario, ich, Emily und Linda

Ich nehme jetzt Französisch-Unterricht bei Mathieu. Niki und Cathrine haben Mathieu über einen Bekannten kennengelernt und wir sind letzte Woche Donnerstag zusammen zu einem Buddhistischen Zentrum gegangen. Es gab einen Einführungskurs mit einem Mönch, der etwas von Karma, den drei Juwelen und der Zuflucht erzählt hat. Er sprach ein Englisch, was sich fast wie tibetisch anhörte, was dann aber noch auf Französisch übersetzt wurde. Schön war vor allem die Diskussion danach. Mathieu fragte in die Runde, wie er Zugang zu den Menschen bekommen kann, die alle so zufrieden wirken, aber mit einer Zufriedenheit, der er nicht traut. Er hat eine Menge Energie und Mitgefühl und würde gerne mehr geben, weiß aber nicht wo. Tom, der Übersetzer, meinte, dass der Grund dafür, dass er nicht sieht, dass die anderen auch leiden (also auch Bedürfnisse haben, zu deren Erfüllung man beitragen kann) vermutlich der ist, dass er das Leiden in sich selbst nicht ganz erkennt oder annimmt. Sieht man das nämlich, wird es auch leichter, mit dem Leid in anderen in Kontakt zu kommen.

Ich fand das sehr schön. Ich habe mich erleichtert gefühlt, denn es kommt mir so oft so vor, als ob das Leid einfach nicht sein darf! Als ob es eine Gefahr darstellt, dass Leben bitter macht und nicht mehr lebenswert. „Es gibt Leiden“ ist die erste der vier edlen Wahrheiten im Buddhismus und so wie ich das verstehe, ist das nicht so gemeint, dass das Leben an sich nur leidvoll sein kann, sondern es ist eine Gegenposition zu „Das Leben sollte nur Glück beinhalten.“ Buddhismus wird ja auch der Mittel-Weg genannt und das hier ist ein Beispiel, denn jede intellektuelle Position, die man beziehen kann, wird ein Extrem beinhalten. Das was normalerweise als die Lehre des Buddhismus vermittelt wird, ist demnach nicht die Lehre des Buddhismus, sondern die Ausgangsposition in einem Dialog. Wo kommen wir hin, wenn wir „Es gibt Leiden“ und „Das Leben sollte glücklich sein“ gegenüber stellen? Offensichtlich dahin, dass beides sein kann und beides sein darf. Und das gibt Erleichterung.

In der Diskussion ging es außerdem darum, wie man Mitgefühl für jemanden entwickeln kann, der einem weh tut. Tom sagte ganz ehrlich „Wenn mir jemand was gutes tut, dann liebe ich ihn. Wenn jemand mir weh tut, dann hasse ich ihn. Ganz ehrlich, ich wüsste nicht, wie das sonst sein sollte.“ Jemand anderes meinte dazu, dass Liebe und Mitgefühl ja nicht dasselbe seien. Ich meldete mich dazu und sagte, dass jemand, der mir weh tut, vermutlich gerade selbst leidet. Denn wenn ich selbst glücklich und zufrieden bin, habe normalerweise keinen Wunsch, irgendwas zu tun, was jemand anderem schaden würde. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass irgendwer das hätte. Wenn ich mich also um meinen eigenen Schmerz auf liebevolle Weise kümmere, das Leiden anerkenne, dann kann ich vielleicht sehen, dass der andere ebenso leidet. Und daraus entsteht natürlicherweise Mitgefühl. Das fand allgemeine Zustimmung.

Als wir nachher auf dem Heimweg wahren, sagte Mathieu, dass er jetzt schon bedauere, dass ich nur für begrenzte Zeit in Montréal sein werde. Ihn habe der Kommentar sehr beeindruckt und er wolle gerne mehr mit mir darüber reden. Außerdem möchte er auch mir anbieten, den Französisch-Kurs mitzumachen, den er den Mädels schon angeboten hat. Und das, ohne dass er um Geld bittet, sondern, weil er gerne geben möchte. Ich habe das freudig angenommen. Er spricht übrigens wirklich verständliches Französisch, war auch einige Zeit in Frankreich, was sehr ermutigend ist. Es ist so blöd, ein Gespräch über mir wichtige Dinge anzufangen und dann frustriert festzustellen, dass ich gar nicht in der Lage bin zu antworten, weil immer nur die Hälfte davon rüberkommt, was der andere sagt.

Wir hatten am Donnerstag das erste Mal Unterricht und er hat ein paar Übungen mit uns gemacht. Außerdem lesen wir Fight Club auf Französisch, ein Buch was ihn sehr begeistert. Nachdem die Mädels weg waren, haben wir noch weiter gequatscht und am nächsten Morgen hat er mir geschrieben, dass er ab heute nur noch in Bedürfnissen und Strategien funktioniert. Ich habe gelacht und mich gefreut.

Am Montag habe ich Mario zu seinem Jazz-Chor begleitet. Jetzt bin ich der zweite Tenor im Chor von 14 Leuten. Der Auftritt ist am 10. Mai. Ich bin dabei.

Am Dienstag bin ich zu einer Soirée de Clôture für einen Kurs in emotionaler Intelligenz gewesen. Die Trainerin, Madeleine, ist diejenige, welche Mario und Linda seit vier Jahren begleitet, und der sie eine Menge zu verdanken haben. Also wollten sie, dass ich das auch kennenlerne. Der Abend bestand daraus, dass die Leute, die am letzten Wochenende einen Kurs gehabt hatten, von ihren Erlebnissen erzählten. Ich war sehr skeptisch. Von dem her, was ich von Mario und Linda mitbekommen hatte, fehlte mir vor allem der Aspekt der Empathie. Aber ich hab davon im Laufe des Abends mehr mitbekommen.

Die Idee ist, dass alte Geschichten uns daran hindern, unser wahres Potenzial zu entfalten. Mit Geschichten sind Assoziationen, Vorstellungen, Interpretationen gemeint. So lange ich z.B. glaube, dass wahre Liebe immer mit Einsamkeit, oder Enge einhergeht, kann ich nicht alles tun, um wahre Liebe zu finden. Ich werde immer Angst vor Einsamkeit oder Enge haben und das hält mich zurück. So wie wenn ich mit der linken Hand nach meinem Stift greife, und die rechte Hand die linke zurückhält. Ein ständiger Eiertanz, der mich nirgendwohin bringt. Eine intuitive Annahme ist, dass diese Assoziation entstehen, während man sehr jung ist und keinen Zugriff auf alternative Erklärungen hat. Vor allem die Eltern spielen da eine riesen Rolle. So kann es sein, dass ich als kleines Kind um etwas gebeten habe und mein Vater in einem ungeduldigen Ton „Nein“ gesagt hat. Mario meinte, dass ihm das einmal passiert ist und er danach seinen Vater nie wieder um etwas gefragt hat, aus Angst davor, er könnte es nicht dürfen. Der Workshop bringt einen sicheren Raum, diese Geschichten herauszuholen und sie zu durchleben. Ihnen einmal wirklich Platz zu machen. Denn nicht selten tut man das so gut wie gar nicht. Man hat eher Angst, die Eltern zu verletzen, oder selbst alleine zu bleiben, wenn man mal wirklich ehrlich ist. Dieser Raum dafür gibt, so wie ich es verstehe, demjenigen, der seinen Schmerz endlich mal ausdrückt, Empathie. Und jeder, der dabei war, spürt das, spürt die Energie, die Heilung, die darin stattfindet. Madeleine hat mich angesprochen und mich gefragt, ob ich beim nächsten Kurs dabei sein wollte. Ich war hin und her gerissen. Sie fragte, was mich abhielte. Und sie hörte zu. Sie ließ mir Raum und ich sagte, was mich bedrückte, bei dem Gedanken. Sie nahm alles respektvoll an und das gab mir so viel Vertrauen, dass ich schließlich wirklich mitmachen wollte. Ich hab mich eingeschrieben. Mario war sehr glücklich und ich bin neugierig, wie das wird. Im April findet der Workshop statt.

Mein Einsatz in der Uni deprimiert mich etwas. Ich weiß nicht ganz was los ist. Ich finde keine Energie dafür und das macht mir etwas Angst. Nächste Woche sind Zwischen-Examen und für einige Kurse gilt es eine Hausarbeit zu machen. Ich hoffe, ich finde einen Weg, meine Motivation dafür frei zu legen.

Uni Montréal

Mario und Linda sind weiterhin Gold wert. Wir haben vorgestern zusammen ein paar Spiele gespielt und Mario fragte, wie lange ich eigentlich schon hier wohne. Es sind knapp drei Wochen. Es fühlt sich an wie Monate. Wir haben eine Menge geteilt und haben immer wieder schöne Unterhaltungen über die wichtigen Themen des Lebens. Ich habe mit ihnen auch die Gewaltfreie Kommunikation geteilt und kenne keinen, mit dem es so leicht in die alltäglichen Unterhaltungen integrierbar wäre, wie mit den beiden. Das ist einfach traumhaft.

Mario und Linda

Ich werde mir immer bewusster, dass mein eigentlicher Traum, mein Berufswunsch nicht erfüllt wäre, wenn ich nicht Mediator werde, bzw. mit Konflikten zu tun habe. Mario und Linda haben sich einmal gestritten und Mario meinte nachher, wie offensichtlich es war, dass ich plötzlich dazu kam, als ich gehört hatte, was los war. So nach dem Motto „Konflikt?!? WO!“ Und es ist wirklich so. Ich habe keine Angst vor Konflikten, sondern schaue sie mir genau an und liebe es, wenn plötzlich das Heilungs- und Wachstumspotenzial darin zum Vorschein kommt. Am liebsten würde ich das tun, wo es sich am meisten lohnt, weil es die meisten Leute betrifft: in der internationalen Politik. Jetzt weiß ich außer der UN nichts, wo ich mehr darüber lernen könnte. Ich bin mir aber sicher, dass es mehr Organisationen und Institute gibt, die mir da helfen würden. Hat jemand von euch eine Idee wo ich weitersuchen kann?

Ich habe auf hier einen sehr interessanten Artikel über etwas gefunden, was sehr dem ähnelt was ich gerne machen würde: http://www.beyondintractability.org/case_studies/interfaith_dialogue.jsp?nid=5302

Die Autorin ist noch ziemlich jung, ich vermute nur ein paar Jahre älter als ich, hat Psychologie in Beirut studiert und ist dann Programm-Koordinator im Center for Conflict Resolution and Peacebuilding in Beirut gewesen. Ich weiß nicht was sie gerade macht, habe aber versucht, sie zu kontaktieren, um mehr Infos zu bekommen. Was mich besonders begeistert hat, war natürlich, dass sie dem Artikel zu folge auch die Gewaltfreie Kommunikation kennt und damit arbeitet. Das hat mich daran erinnert, dass ich damit auch weiter machen will und ich habe mir überlegt im Juni ein 9-Tage Intensiv-Training mit Marshall Rosenberg in New Mexico mit zu machen. Das würde sich sicher lohnen. Es wird Zeit, dass ich mich darum kümmere.

Zuletzt noch ein schönes Zitat von John Welwood: „Not knowing that we can be loved for who we truly are prevents us from trusting in love itself, and this in turn causes us to turn away from life and doubt its benevolence.“ Als ich gestern mit Emily am Dinner-Table saß und wir die Kinder auf der Tanzfläche zur Musik tanzen sahen, sagte ich zu ihr „Der Verlust der Fähigkeit, das zu tun, was die Kinder da tun, ist das einzige, was uns im Leben so viele Probleme bereitet.“ Sie hatte nichts hinzuzufügen.

Ich bedaure, so lange nicht geschrieben zu haben. Ich hätte gerne, dass das hier kontinuierlich weitergeht. Ich hoffe ihr freut euch über Neuigkeiten und lasst reichlich Kommentare da. Hier sind noch ein paar Bilder von Montréal:

Downtown in der Nacht

Sonnenuntergang auf dem Mont RoyalMontréal Tag