Seit genau vier Jahren spielt die Gewaltfreie Kommunikation (GfK) in meinem Leben eine ziemlich große Rolle. Die Art und Weise hat sich entwickelt, der Stellenwert ist derselbe geblieben. Sie ist für mich Praxis zur Ordnung meiner Empfindungen, Wünsche, Hoffnungen und Enttäuschungen. Hauptgewinne sind für mich dabei mehr Autonomie, mehr Bewusstheit, mehr Tiefe zwischen mir und anderen Menschen, mehr Flexibilität, weniger Angst, mehr Mut und eine gute Beziehung zu dem was ist. Das klingt nach einer Menge und das ist auch eine Menge. Ich habe große Mühe mir vorzustellen, wie mein Leben ohne das aussähe. Sicher nicht nur schlechter aber doch sehr anders.
Ich verstehe die GfK als destillierte Weisheit aus humanistischer Psychologie und den Weltreligionen, zusammengefasst in ein paar Schlüssel-Unterscheidungen. Begonnen hat der Entwickler Marshall Rosenberg mit der Frage, was der Unterschied zwischen Menschen ist, die lächeln, wenn sie jemanden treten, der am Boden liegt und anderen, die lächeln, wenn sie jemandem ein Geschenk machen oder zuhören. Auf seiner Reise zu einer plausiblen und ermächtigenden Antwort hat er Psychologie studiert und als Therapeut gearbeitet, ohne aber damit zufrieden zu sein. Denn in seiner Arbeit mit Carl Rogers wurde ersichtlich, dass Authentizität und empathisches Zuhören die wichtigsten Faktoren für heilsamen Kontakt zwischen Menschen sind und er fragte sich, wieso wir uns dann nicht immer so behandeln. In seiner Arbeit als Therapeut fiel ihm auf, dass es immer die gleichen Muster waren, die dem im Wege standen. Das hat seine Aufmerksamkeit auf Sprache als Ausdruck eines Bewusstseins gelenkt, welches diesen Kontakt ermutigt oder hemmt. Und von da an wollte er auf größerer Ebene tätigt sein und nicht nur als Therapeut den Dreck wegmachen, den viele Strukturen unserer Gesellschaft hinterlassen, so nützlich sie auch einmal gewesen sein mögen und auch heute noch sind.
Heute gibt Marshall Rosenberg Trainings in mehreren Teilen der Welt. Er ist schon oft als Mediator in Krisengebieten tätig gewesen und schreibt zur Zeit an einem Buch mit dem Titel „Social Change“.
Mein Anfang
Als ich vor vier Jahren darauf stieß, kam ich gerade von einem dreimonatigen Praktikums-Aufenthalt in Vermont, USA zurück. Ich hatte dort in einer Residenz für psychisch als krank diagnostizierte (Schizophrenie, bipolare Störung, Zwangsneurosen etc.) gearbeitet und hatte schon seit einiger Zeit die Frage im Herzen, was es wohl wäre, auf das man bei jedem Menschen zählen könnte, egal welcher Kultur und Herkunft. Was verbindet uns alle? Ich malte mir aus, dass ich eines Tages ein Buch mit dem Titel „Die psychologische Konstante“ darüber schreiben würde. Mein Aufenthalt in Vermont trug dazu bei, indem ich dort zum ersten Mal ganz weit weg von Europa war und immer noch die gleichen menschlichen Probleme antraf. Also musste da etwas dran sein und das bereitete mich auf die GfK vor. Einen wesentlich größeren Einfluss hatte aber die Tatsache, dass meine damalige Freundin, die zu der Zeit in Bangladesh war, am 26. Dezember 2004, dem Tag, an dem der Tsunami stattfand, der sie glücklicherweise nicht betraf, unsere Beziehung beendete. Mir war der Boden unter den Füßen weggezogen, ich war unglaublich verzweifelt und traurig. Ich hab es allerdings nie akzeptiert sondern mir geschworen, sie zurück zu bekommen, sofern ich denn kann. Als ich dann nach Deutschland zurück kam, bin ich als Praktikant nochmal an die Schule gegangen, an der ich Abitur gemacht hatte, genau genommen als Streitschlichter. Eine Lehrerin an der Schule bietet jedes Jahr Schülern eine Ausbildung dazu an, das hatte ich in meiner Schulzeit mitgemacht. Und ich mochte das, weil ich mich darin als kompetent erlebte. Im Laufe dieser Arbeit hat eine Lehrerin mich dann darauf aufmerksam gemacht, dass Marshall Rosenberg in Köln einen Vortrag hält und ich bin hingegangen. Ich war müde, aber ich hatte noch den frischen neuen Mut, den es bringt, wenn man im Ausland war und alles anders machen will als vorher.
In diesen drei Stunden Vortrag hat Rosenberg mich verzaubert… ja, so könnte man es nennen. Er hat genau die Dinge angesprochen, die schon in meinem ganzen Leben schmerzhaft waren und er hat wirklich plausible andere Wege aufgezeigt. Er sprach davon, wie man sich selbst und andere unglücklich machen kann, wenn man wirklich will, indem man sich fragt, was man selbst und andere falsch gemacht haben. Noch unglücklicher kann man sich machen, wenn man die Frage beantwortet. Und noch unglücklicher wenn man die Antwort ausspricht. Kein Mensch hat je gesagt „Ich fühle mich so geborgen bei meinem Partner, weil er/sie so gut meine Fehler analysieren kann.“ Und über Strafe und Belohnung hat er gesprochen als Wege, die Sache noch schlimmer zu machen, da sie Menschen nicht dazu ermutigen, sich vorzustellen, welchen Einfluss die eigenen Handlungen auf das Wohlergehen anderer haben, sondern lediglich auf das eigene. Und man vergisst dabei, dass das Wohlergehen anderer mit dem eigenen stark zusammenhängt.
Dann hat Rosenberg ein Lied gesungen. Er nahm seine Gitarre heraus und erklärte, dass jeder Mensch, der zu etwas Nein sagt, im Herzen dieses Lied singt:
See me beautiful
Look for the best in me
That’s what I really am
And all I want to be
It may take some time
It may be hard to find
But see me beautiful
See me beautiful
Each and every day
Could you take a chance
Could you find a way
To see me shining through
In everything I do
And see me beautiful
In dem Moment standen mir Tränen in den Augen. Und mir wurde schlagartig klar, dass es das war, was zwischen mir und meiner damaligen Ex-Freundin stand. Sie sagte Nein dazu, die Beziehung weiter zu führen und wollte in der Schönheit dessen, was sie damit schützen oder erschaffen wollte, gesehen werden. Und ich sagte Nein dazu, die Beziehung aufzugeben und wollte ebenfalls in dieser Schönheit verstanden werden. Das gab mir eine Menge Hoffnung. Es war eine Alternative zu all den statischen Ideen die sagten „Wenn sie nicht will, dann will sie nicht.“ oder „Vielleicht passen wir nicht zusammen“ oder „Es ist bestimmt zu spät.“ oder ähnliches.
Das allein sorgte dafür, dass ich in dem Moment die Entscheidung traf, dass ich das lernen und es meistern muss. Wenn ich irgendwann einmal den Wert, etwas zu lernen, erkannt und erlebt habe, dann da.
Um das kurz abzuschließen, etwa einen Monat später kam meine Ex-Freundin zurück und etwa einen Monat darauf waren wir wieder zusammen. Ich war sehr vorsichtig und behutsam, um sie nicht zu erschrecken, sondern ich unterhielt mich mit ihr und redete darüber, was mir wertvoll ist und was ihr wertvoll ist. Irgendwann fragte ich gerade heraus, was es wäre, was sie konkret anders möchte als vorher, wenn wir wieder zusammen wären. Das klärten wir und ein paar Tage später gab sie mir den ersten Kuss auf den Mund seit langem…
Ein gutes Jahr später bröckelte es dann wieder und das hatte wohl zu einem großen Teil damit zu tun, dass ich die GfK mit Eifer lernte und verfolgte und mir wünschte, sie täte das gleiche. Sie war aber nicht in dem Maße bereit dazu und das sorgte für Spannungen, mit denen ich damals nicht umzugehen wusste. Wir sind jetzt seit etwa 2 ½ Jahren nicht mehr zusammen.
Ich glaub, dieser Kontext hat mir das Potenzial erst offen gelegt, das in der GfK steckt, darum erzähle ich davon.
Vier Unterscheidungen
Worum geht es eigentlich? Für mich ist die GfK ein Hilfsmittel, eine Struktur, die mir Orientierung gibt, wenn es Konflikte gibt. Und zwar können das Konflikte in mir selbst sein und Konflikte zwischen mir und anderen, zwischen Gruppen und Nationen. Ganz egal, überall wo Menschen sind, hakt es an den gleichen Eckpunkten. Die GfK hilft dann dabei ein Bewusstsein für all die verschiedenen Positionen und ihre guten Absichten zu schaffen. Dieses Bewusstsein erlaubt, dass alle berücksichtigt werden. Wenn alle berücksichtigt werden entsteht der natürliche Wunsch, großzügig zu sein, es macht dann Freude zu geben. Der Schutz davor, seine Position aufgeben zu müssen wird somit unnötig, da die Position gehört, in ihrer Wichtigkeit bestätigt und in die Lösung miteinbezogen wird. Das schafft eine wunderbare Verbindung, mit deren Energie man sehr weit kommen kann.
Die Eckpunkte, an denen es immer wieder hakt, sind vier Verwirrungen, die man mit den folgenden Unterscheidungen klären kann:
Beobachtung vs. Bewertung
Gefühl vs. Gedanke
Bedürfnis vs. Strategie
Bitte vs. Forderung
Laut der GfK sind die Beobachtung, das Gefühl, das Bedürfnis und die Bitte die vier Informationen, die man voneinander braucht um in einer bestimmten Situation so in Kontakt zu kommen, dass es Freude macht, zu geben. Aber bevor man das über sich preisgeben oder aus der Aussage eines anderen heraus filtern kann, muss man überhaupt wissen, was damit eigentlich gemeint ist. Und an welcher Stelle es eben zu Verwirrungen kommen kann. Ich gehe das mal nacheinander durch.
Beobachtung und Bewertung
Mit Beobachtungen meine ich Beschreibungen der ganz konkret wahrnehmbaren Dinge in der Außenwelt, auf die sich jeder einigen kann, z.B. „Sie kam herein und setze sich auf den Stuhl, blickte dabei auf den Boden.“ Es sind sichtbare Handlungen und Zitate. Im Denken und in der Kommunikation zwischen mir und anderen sind diese Beschreibungen aber sehr häufig nicht klar davon getrennt, wie ich die beschriebene Situation bewerte. Ich kann mich z.B. häufig gut daran erinnern, wie ich das Verhalten von einer anderen Person fand, aber selten weiß ich noch was sie genau getan hat, getrennt davon wie ich es finde. Das aber ist total wichtig, wenn man mehr Offenheit und Vertrauen sucht, denn so lange ich Beobachtung und Bewertung nicht trennen kann, halte ich das, was ich über das Beobachtete denke für das, was wirklich passiert ist. Vermischt mit Bewertungen sähe die obige Aussage vielleicht so aus: „Sie schlurfte kalt und abweisend durch die Tür und lies mich mit ihrem abgewandten Blick wissen, wie wenig sie mich leiden konnte.“
Nun, es könnte sogar sein, dass sie sich in meiner Gegenwart gar nicht wohl fühlt. Und noch viel mehr, es könnte sein, dass ICH mich nicht wohl fühle. Aber wenn ich Beobachtung und Bewertung vermische, dann verwische ich die Verantwortung für das Getane und das Gefühlte. Und wieso es wichtig ist, das auseinander zu halten, mache ich noch im weiteren klar.
Gefühl und Gedanke
Gefühle spüre ich in meinem Körper, ich kann sie sehr oft sogar recht gut lokalisieren – in der Stirn, in der Kehle, Magen und Bauchgegend, selten in den Zehen
Sprachlich gibt es oft eine Verwechslung zwischen Gefühlen und Gedanken, weil man Gedanken auch mit dem Wort „Ich fühle…“ ausdrücken kann. Wenn ich aber sage „Ich fühle, dass du mich nicht magst.“ habe ich damit noch nichts über mein Gefühl ausgedrückt. Ich habe eher gesagt, was ich denke, was mein Gegenüber von mir denkt. Es ist eine Interpretation, nicht mein Gefühl. Dasselbe gilt für „Ich fühle mich angegriffen, betrogen, bedroht, verraten, missverstanden etc.“ All diese Worte implizieren, dass es jemand anderes ist, der mir das antut. Jemand verrät mich, betrügt mich, greift mich an. Und es ist seine Absicht, das zu tun.
Das könnte sogar stimmen. Aber es ist wie gesagt eine Interpretation, kein Gefühl. Wenn ich denke, ich würde angegriffen, fühle ich wahrscheinlich Angst, vielleicht auch Wut oder Überraschung. Auf sprachlicher Ebene kann man den Unterschied gut mit der Formulierung „Ich bin…“ überprüfen. Wenn ich „Ich bin ängstlich…“ sagen kann, ist es ein Gefühl. „Ich bin angegriffen“ klingt nicht so stimmig.
Auch hier ist die Unterscheidung wichtig, weil es um die Verantwortung für das Getane und das Gefühlte geht. Was andere tun, unterliegt ihrer Kontrolle und ist von daher ihre Verantwortung. Was ich fühle… hat mit dem folgenden Aspekt zu tun.
Du kannst nichts tun, was du nicht für gut hältst
Ein Satz aus meinem Philosophie-Unterricht an der Schule ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben: „Du kannst nichts tun, was du nicht für gut hältst.“ Ich finde, das ist ein Satz, der einen genauso beschäftigen kann, wie die Frage, was passiert, wenn ich einschlafe und nie mehr aufwache, oder wie es ist, auf zu wachen, nachdem ich nie zuvor eingeschlafen bin (Geburt und Tod also). Man dreht und wendet ihn und kann sich einfach nichts anderes vorstellen. Egal was ich tue, die Perspektive, die ich in dem Moment einnehme, in dem ich etwas tue, zeigt mir, dass es einen Wert hat. Wenn es den nicht hat, mache ich es nicht.
Davon ausgehend bin ich einer Meinung, wenn Marshall Rosenberg sagt, dass alles was Menschen tun, immer den Sinn hat, menschliche Bedürfnisse zu erfüllen. Und diese Bedürfnisse sind alle lebensbejahend, sie stellen eine Qualität, einen Wert im Leben dar. Sie sind sowohl der Maßstab, anhand dessen ich bewerte, ob mir etwas gefällt (erfüllt es meine Bedürfnisse oder nicht?) als auch die Führung in mir, die mich anleitet, etwas zu tun und zu handeln. Und zwar egal, ob ich das so bewusst wahrnehme oder so nenne – jeder wird seine eigene Sprache dafür haben und ich benutze, wenn ich mit mir selbst rede, nicht einmal das Wort „Bedürfnis“.
Bemerkbar machen sich meine Bedürfnisse über meine Gefühle. Sind meine Bedürfnisse erfüllt fühle ich mich leicht, fröhlich, erfüllt, zufrieden, gerührt, lustvoll oder ermutigt. Sind meine Bedürfnisse nicht erfüllt, fühle ich mich ängstlich, niedergeschlagen, ratlos, wütend, träge, unsicher, hasserfüllt oder betroffen. Gefühle sind demnach ein Signal meiner Bedürfnisse und das bedeutet, dass was ich fühle von der Erfüllung meiner Bedürfnisse abhängt und nicht davon, was andere tun. Was andere tun kann meine Bedürfnisse erfüllen oder nicht, aber andere tun es ausgehend von dem was sie wissen. Da niemand so genau weiß was ich fühle wie ich, ist es an mir, mitzuteilen, was in mir los ist. Und selbst, wenn ich es sage oder irgendwie anders mitteile, werden andere auch noch ihre eigenen Bedürfnisse berücksichtigen wollen und nur mit Freude geben, wenn es auch ihre Bedürfnisse erfüllt. Bei all diesen Bedingungen ist es zuweilen ein Wunder, dass erfüllendes Geben überhaupt stattfindet.
Bedürfnis und Strategie
Die Verwirrung, die hier das größte Unheil stiftet ist die Verwirrung von Bedürfnissen und Strategien. Mit letzterem meine ich konkrete Handlungsweisen, die zum Zweck haben, ein oder mehrere Bedürfnisse zu erfüllen. Sie haben meistens Bezug zu einer Person, Ort, Zeitpunkt, Handlung und/oder einem Objekt. Auf Englisch ergibt das „PLATO“ (person, location, action, time, object). Wenn Plato auch nur zu einem Buchstaben anwesend ist, ist es eine Strategie. Bei Bedürfnissen hat Plato nichts zu suchen. Sie sind grundsätzlich formlos und nicht konkret definiert.
Jeder wird seine eigene Sprache für das haben, was er wirklich wertvoll im Leben findet, aber hier sind ein paar Grundbegriffe, als Ausgangsbasis für ein Bedürfnisvokabular: alles was der Körper braucht (Nahrung, Wasser, Ruhe, Schutz, Wärme/Kühlung, Schlaf, Sex), Sicherheit, Gemeinschaft und Kontakt zu anderen, Intimität, Empathie und Verständnis, Spaß und Spiel, Erholung, Autonomie und Sinn, also etwas wertvolles zum Leben anderer beitragen können.
Ich würde sagen, dass diese Bedürfnisse für jeden wichtig sind. Sicher nicht alle gleichzeitig und in denselben Situationen, aber ich gehe davon aus, dass jeder das kennt. Was allerdings sehr verschieden sein kann sind die Strategien. Während ich z.B. kein Fleisch oder Fisch esse, um mich zu ernähren, sagte gestern ein Freund noch zu mir, dass er ohne Fleisch nicht „könne“. Während ich Freude am Kontakt zu einem bestimmten Mädel finde, habe ich andere sagen hören, dass sie sie für ungenießbar halten. Während mein Vater sich erholt, wenn er Klavier spielt, erhole ich mich, während ich für mich alleine bin und für Stille sorge. Meine Mutter trägt gerne etwas wertvolles bei, indem sie Reisen für andere Leute plant. Ich trage gerne bei, indem ich jemandem zuhöre, der Empathie braucht und ihm dabei helfe, sich über seine Situation und seine Möglichkeiten bewusst zu werden. Strategien bauen auf dem auf, was ich schon weiß und was ich entwickelt habe (wie z.B. die Kunst Klavier zu spielen), ich kann sie lernen und kennen lernen. Bedürfnisse begleiten mich seit der Geburt, durch die Gefühle hindurch. Es gibt keinen Moment, an dem ich sie nicht habe, da es keinen Moment gibt, an dem ich nichts fühle. Ob ich sagen und unterscheiden kann, was ich fühle und was mein Bedürfnis ist, ist eine andere Sache. Das wäre wieder eine Strategie und die entwickelt sich. Das was formlos immer schon in mir ist und sich in Gefühlen ausdrückt, ändert sich nicht und ist universell.
Bedürfnisse von Strategien unterscheiden zu können ist deswegen so wichtig, weil jedes Bedürfnis durch potentiell unzählige Strategien erfüllt werden kann. Wenn ich meine Strategien für meine Bedürfnisse halte und z.B. sage „Ich muss aber jetzt Gitarre spielen!“ während mein Bruder die Gitarre auch gerade haben will, entgehen mir all die anderen Möglichkeiten, für das Bedürfnis hinter dem Gitarre spielen zu sorgen. Ich spiele z.B. Gitarre, wenn ich Spaß haben will und wenn ich Lust hab, kreativ zu sein und was Neues zu schaffen, oder einfach nur meine Stimme zu benutzen. Also geht es darum, Spaß zu haben und mich kreativ ausdrücken zu können. Das ist mir daran wichtig. Jetzt will mein Bruder die Gitarre haben, um seiner Freundin ein Ständchen zu singen und ihr eine Freude zu machen. Und er will das jetzt machen, weil sie ab morgen für drei Monate in Schanghai sein wird und er dann keine Chance mehr dafür sieht. Er könnte auch ohne Gitarre singen, aber mit wäre es schöner. Was machen wir jetzt?
Wenn ich Bedürfnis und Strategie nicht auseinander halte, habe ich keine Aufmerksamkeit dafür, dass ich ihm die Gitarre geben UND meine Bedürfnisse nach Spaß und Kreativität erfüllen kann. Ich könnte z.B. noch etwas für das Magazin für Lebenslust schreiben, wenn Gabi mich lässt. Oder ich könnte eine Rhumba-CD einwerfen und ein wenig tanzen, was ich schon länger nicht mehr gemacht habe. Oder ich könnte ein Bild von der Frau heraussuchen, deren Augen mich verzaubert haben und eine Skizze von ihrem Gesicht anfertigen. Und das alles in dem Wissen, dass ich meinem Bruder damit eine Gelegenheit gebe, etwas Wertvolles zum Leben seiner Freundin beizutragen.
Von entweder oder zu und
Jetzt hab ich die Situation natürlich noch recht optimal beschrieben. Denn zum einen weiß ich, was die gute Absicht meines Bruders ist, zum anderen sehe ich auch meine eigene gute Absicht: das Leben schöner machen, indem wir uns um die Bedürfnisse kümmern, die eben gerade spürbar sind. Viel schwieriger ist das, wenn man diese beiden Aspekte nicht kennt. Je besser ich mich kenne und weiß, worum es mir in einer Situation geht, desto besser kann ich mir auch vorstellen, wie das für andere ist. Wenn ich mich nicht kenne, meine gute Absicht nicht sehe, werde ich ähnlich verurteilend gegenüber anderen sein. Und in der Situation mit meinem Bruder hätte es auch sein können, dass sein Wunsch, die Gitarre zu haben bei mir Angst und Abwehr ausgelöst hätte, weil ich zunächst mal sicher stellen will, dass meine Bedürfnisse zählen und nicht übergangen werden – sei es von ihm, oder, noch viel wichtiger, von mir selbst. Da wäre ich dann nur heraus gekommen, indem ich einfühlsam und aufmerksam nachgeforscht hätte, was meine Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse sind zur Situation. Im Idealfall könnte ich das mit der Hilfe meines Bruders tun, meistens mach ich das aber für mich selbst. Hab ich die Aufmerksamkeit für mich, die ich brauche, hab ich Luft frei für die Perspektive meines Bruders und kann sie schließlich zu einer Perspektive verbinden, die für beide passt. Auf Empathie komme ich aber gleich noch zu sprechen.
Bedürfnisse und Strategien auseinander zu halten, erlaubt also aus einer Entweder-oder-Situation eine Und-Situation zu machen. Es löst die Knappheit auf, aus der heraus schon Kriege angezettelt wurden und auf der jeder Konflikt basiert. Und die Knappheit, die am meisten Schmerz verursacht ist eine Knappheit der Wahrheit. Nehmen wir nur die Frage „Wer hat ein Recht auf die Gitarre?“ Wie lange und schmerzhaft kann ein Kampf um den Sieg in dieser Frage sein? Und was gewinnt man dabei? Die beste Möglichkeit ist ein einsamer Sieg mit dem Preis eines Bruders, der mich bei der nächsten Gelegenheit spüren lassen wird, wie es ist, wenn einem gesagt wird, man hätte kein Recht darauf zu bekommen, was einem gut tut.
Diesen Konflikt um die Knappheit der Wahrheit kann ich nicht lösen, nur auflösen. Wie? Indem ich mehrere Perspektiven hinzunehme und berücksichtige. Konkret bedeutet das, zu besprechen und anzuerkennen, wie die Gitarre zur Erfüllung meiner und seiner Bedürfnisse unterschiedlich beitragen könnte. Muss dieser Wert nicht mehr verteidigt werden, kann ich loslassen und mich für andere Möglichkeiten öffnen, ohne Respekt vor mir selbst zu verlieren. Und wenn mein Bruder dieselbe Sicherheit und Akzeptanz spürt, kommt er vielleicht sogar zu dem Schluss, dass es ein größerer Beitrag wäre, mir die Gitarre zu überlassen und seiner Freundin auf andere Weise eine Freude zu machen. Ich hab das schon erlebt und meistens ergibt sich dann von alleine ein Gefühl dafür, wo die meiste „Energie“, das größte Potenzial ist, das Leben schöner zu machen. Daran orientieren sich dann alle, die dabei sind.
Bitte und Forderung
Die letzte Unterscheidung könnte für diese Beispiel-Situation ebenfalls eine große Rolle spielen. Es geht darum, den Unterschied zwischen einer Bitte und einer Forderung zu verstehen. Eine Bitte ist zunächst mal dasselbe wie eine Strategie. Es geht darum etwas ganz konkretes zu tun oder zu sagen, zum Zweck der Erfüllung eines Bedürfnisses. Um effektiv zu sein müssen Bitten möglichst machbar und Gegenwarts-bezogen sein. Je vager, desto schwieriger und desto missverständlicher werden sie auch. Abgesehen davon müssten sie positiv formuliert werden, nicht negativ. Also sag was du willst, nicht was du nicht willst, und die Wahrscheinlichkeit, dass du es bekommst, steigt enorm an.
Der Unterschied zwischen Bitte und Forderung liegt nicht in der Wortwahl (das Zauberwort macht noch keine Bitte), auch nicht notwendigerweise im Tonfall (auch wenn der meist sehr aufschlussreich ist). Der Unterschied liegt im Bewusstsein und in der Anzahl Perspektiven, die man zu berücksichtigen bereit ist. Wenn ich etwas fordere, sagen wir eine Gehaltserhöhung, dann ist meine Aufmerksamkeit nur darauf, wie das mein Leben verbessert oder verändert. Aus diesem Bewusstsein heraus werde ich vermutlich bereit sein, den anderen zu manipulieren oder unter Druck zu setzen, um genau das zu bekommen, was ich will. Ich habe kein Bewusstsein dafür, wie es sich für meinen Chef anfühlt, wenn er meiner Forderung nachkommt und was er vielleicht brauchen könnte. Ich will einfach nur, dass er es tut, egal was es ihn kostet.
Persönlicher wird es, wenn ich so z.B. mit meiner Freundin umgehe. Als ich wollte, dass meine damalige Freundin sich mehr mit GfK beschäftigt, als sie es tat, hatte ich nur eine ungefähre bis gar keine Ahnung davon, warum mir das so wichtig war. Noch weniger konnte ich mir vorstellen, was es für sie bedeuten könnte. Und wenn ich dann eine offene Forderung daraus mache, indem ich ihr z.B. sage, sie sei Schuld, wenn es mir nicht gut geht, denn sie könnte ja GfK lernen und dann wäre alles besser – dann zeigt das sehr deutlich, dass ich wenig Aufmerksamkeit dafür hab, wie es ihr geht. Das ist nicht böse von mir gemeint. Ich tue, was ich kann unter den gegebenen Bedingungen. Aber für Vertrauen sorgt es nicht, denn wenn sie merkt, dass ich sowohl ihre als auch meine Bedürfnisse berücksichtigen will, erlaubt ihr das, sich zu öffnen und mehr sie selbst zu sein. Denn dann weiß sie, dass das in meinem Interesse ist und ich sie auch dann noch liebe und verstehe. Und das muss so sein, wenn ich die Art von erfüllendem Geben und Empfangen möchte, für das die GfK gedacht ist.
Es kann gut sein, dass ich eine Bitte ausspreche und die Person, mit der ich spreche, versteht sie als eine Forderung. Entweder sie macht dann zähneknirschend, worum ich gefragt habe, oder sie sagt einfach Nein. Ob meine Bitte wirklich eine war, macht sich besonders an diesem Punkt bemerkbar. Denn ich könnte meine Bitte verteidigen, oder den anderen unter Druck setzen, ihm drohen, oder ihn mit einer Belohnung ködern. Ich könnte dem anderen sagen, was für ein Idiot er ist, oder wie toll er wäre, wenn er täte, worum ich gefragt habe. Egal was es ist, nichts davon demonstriert, dass ich auch nur ein Quantum an Vorstellung davon habe, wie die Situation von seiner Perspektive aus aussieht und dass ich danach überhaupt suche. Und das macht es zu einer Forderung.
Wenn es wirklich eine Bitte ist, werde ich an dem Punkt neugierig sein zu erfahren, was der Hintergrund des Neins ist. Durchaus auch aus der Hoffnung heraus, dass mein Bedürfnis noch so erfüllt werden kann, wie ich es mir schön vorstelle, aber das ist nicht die Priorität. Ich möchte das nämlich nur, wenn der andere dabei nicht verliert, sondern es auch für ihn ein Gewinn ist. Und wenn es mir gelingt, das verständlich zu machen, habe ich das Vertrauen des anderen gewonnen und er weiß, dass es eine Bitte war. Und je häufiger das in unserem Kontakt passiert, desto mehr Vertrauen wird es geben und desto schneller wird auch klar, was Sache ist, so dass wir leichter in den Fluss von erfüllendem Geben und Empfangen kommen können – Ehrlichkeit und Vertrauen machen einfach alles leichter.
Soweit die vier Unterscheidungen. Ich hab bisher keinen Konflikt erlebt, an dem nicht mindestens eine davon unklar war, wenn nicht alle vier. Oft hakt es schon an der Vermischung von Beobachtung und Bewertung. Man kann sich Jahrzehnte lang darüber streiten ob jemand ein Großmaul ist, ohne je das genaue Verhalten geklärt zu haben, auf das man sich eigentlich bezieht. Oder ich kann mich darüber streiten, ob ein Freund mir keinen Respekt zollt, ohne je genau gesagt zu haben, auf welches Verhalten ich ihn da anspreche. Bewusste Kriterien zu haben, mit denen man überprüfen kann, ob diese Unterscheidungen klar sind, finde ich unschätzbar wertvoll.
Ehrlichkeit und Empathie
Zuletzt will ich noch auf Empathie und Ehrlichkeit eingehen, wie ich sie im Kontext der GfK kennen gelernt habe. Wenn ich im Gespräch bin mit jemandem und ich verstehe mich gut, gibt es immer einen Fluss zwischen „jetzt sag ich was“ und „jetzt sagst du was.“ Und so drücke ich abwechselnd aus, was ich sehe/höre/fühle und erlebe und höre dann zu, was der andere sieht/hört /fühlt und erlebt. In diesem Sinne sind die Begriffe Ehrlichkeit und Empathie gemeint.
Ehrlich zu sein bedeutet von daher nicht, zu sagen, was ich über den anderen denke, meine Analyse davon, was mit ihm nicht stimmt mitzuteilen, sondern es bedeutet, zunächst Verantwortung für mein Erleben zu übernehmen und es dann mitzuteilen. Was ich erzähle enthält dann was ich beobachte, wie es sich für mich anfühlt, das mit zu bekommen, mit welchen Werten und Bedürfnissen ich das in Verbindung bringe und unter Umständen, ob und was ich gerne für eine Reaktion hätte oder was jetzt passieren soll. Der letzte Teil ist manchmal auch nicht dabei, vor allem wenn ich einfach erzählen will. Je klarer ich in diesen vier Dingen bin, desto leichter wird es jemand anderem fallen, eine klare Vorstellung davon zu haben, wie es mir geht und wie das Leben von meiner Position aus aussieht und sich anfühlt.
Empathie ist, wie man so schön sagt, die Fähigkeit, sich in die Postion des anderen hinein zu versetzen. Im Kontext der GfK geht es hier vor allem um Aufmerksamkeit. Wenn ich empathisch zuhöre, ist meine Aufmerksamkeit vollständig bei der Geschichte des anderen, so wie wenn ich ein Buch lese oder einen Film gucke. Ich kann auch dabei helfen, der Geschichte mehr Ausdruck zu verleihen, indem ich wiedergebe, was ich höre und von dem ausgehend, was ich verstehe, auf andere Möglichkeiten schließe. Ich frage dann z.B. „Fühlst du dich vielleicht auch traurig weil du mehr Zuwendung und Fürsorge möchtest?“ Und ich will es wirklich wissen, so wie ein Kind an den Lippen seiner Mutter hängt, die ihm eine Gute-Nacht-Geschichte vorliest. Empathie ist nicht zu verwechseln mit Sympathie, denn letztere bedeutet, dass ich die Geschichte abgleiche mit dem, was ich selbst erlebt habe. Und wenn ich dann von mir erzähle, wandert die Aufmerksamkeit von meinem Gegenüber zu mir. So wie in „Ja, das ist meinem Onkel auch schon mal passiert.“ Empathie hat auch nichts mit Rat geben oder intellektueller Analyse zu tun, bei der man untersucht, wo der „Fehler“ liegt. Es geht einfach nur um das Erfahren der Geschichte. Und eine Geschichte hat keine Fehler, sondern alles was man Fehler nennen könnte sind die Biegungen und Wendepunkte der Geschichte.
Ich hab es bisher als sehr heilsam erlebt, Empathie zu empfangen. Es ist so toll zu wissen, dass jemand einfach nur erfahren will, wie das Leben von hier aus aussieht und sich anfühlt, ohne dass ich was zensieren oder verstecken muss. Ich kenne nichts, was mich mehr in Einklang mit mir selbst bringt als das.
Ehrlichkeit ist genauso heilsam, wenn sie mit Verantwortung ausgedrückt wird. Da zeigt mir jemand seine Welt und gibt mir eine Gelegenheit, mehr von meiner eigenen Welt zu verstehen und lieben zu lernen. Wunderbare Dinge sind das.
Und nun?
Wenn ich mir das so ansehe, komme ich natürlich zuweilen auf die Frage, warum wir nicht immer so miteinander umgehen. Wäre es nicht eine viel schönere Welt? Und würde es nicht wesentlich mehr Spaß machen, mit anderen Menschen zusammen zu sein und Zeit zu verbringen, wenn es auf dieser Basis passiert?
Ich sage ja und ich hab auch eine Ahnung davon, was es zu so einer Herausforderung macht: es braucht einfach Entwicklung und Wachstum, mehrere Perspektiven gleichzeitig wahrnehmen und halten zu können, wie z.B. den Standpunkt meines Gegenübers wahr zu nehmen, ohne meinen eigenen zu vergessen oder zu vernachlässigen. Ich übe das andauernd und ich finde es immer noch herausfordernd. Wie schwierig muss das für jemanden sein, der nicht einmal weiß, in welcher Richtung er suchen suchen müsste?
Und hätten wir mehr kulturellen Raum dafür, fiele es sicher leichter, das zu tun und zu üben. Aber dafür müssen erst genug Menschen so weit sein, dass sie einen kulturellen Raum und soziale Strukturen schaffen können, die auf diesem Bewusstsein aufbauen. Ich möchte alles tun was ich kann, um dazu beizutragen. Bist du dabei?