Alte Bekannte und ein neues Ich

23 07 2009

Hier ist eine Frage, die wohl jeden beschäftigt, der sich weiter entwickelt und nach Jahren seine alten Freunde wieder sieht, aus der Zeit, wo er oder sie noch jung und unerfahren war: Wie gehe ich damit um, dass ich heute so anders bin als damals? Und dass die Beziehungen, die sich damals gebildet haben, nicht mitgewachsen sind? Ich denke dabei z.B. an Freunde oder Mitschüler aus der Schulzeit. In ein paar Monaten ist ein Treffen meiner Stufe geplant und ich steh vor einem großen Problem, wenn ich daran denke. Meine Ex kommt wohl auch und das macht es nicht einfacher.

Alte Glaubenssätze

Der Kern des Problems für mich ist, dass ich nicht wieder so denken und reagieren will, wie zum Ende der Schulzeit. Im Vergleich zu heute war ich damals noch wesentlich mehr von bestimmten Glaubenssätzen überzeugt, die mich ganz schön eingegrenzt haben. Dazu gehören Ideen wie „Die Bedingungen gemocht und akzeptiert zu werden, kann ich gar nicht erfüllen.“, „Ich kann meinem Urteil nicht vertrauen und muss mich auf das verlassen, was andere sagen.“ oder „Wenn ich tiefer auf jemand anderen eingehen will, nehme ich mir ein Recht, mehr zu erfahren, was ich gar nicht habe.“ Und das Dumme ist natürlich, dass diese Glaubenssätze stark in dem sozialen Kontext verankert sind, den diese alten Bekannten bilden. Die Tatsache, dass ich mit einigen dieser Leute schon lange nichts mehr zu tun haben, bedeutet nur, dass mein eigener sozialer Kontext sich gewandelt hat. Und innerhalb dieses Kontextes ist es mir gelungen, mehr Klarheit über die Wurzel dieser einschränkenden Glaubenssätze zu bekommmen. Das sorgt für mehr Vertrauen, Offenheit und Klarheit. Aber ich merke auch, dass ich, sobald ich wieder im alten Kontext bin, also mit alten Bekannten zu tun habe, in mir der Impuls aufsteigt, meine Entwicklung zu rechtfertigen und zu „beweisen“, dass ich jetzt anders bin und man anders mit mir umgehen muss. Wenn ich das einfach so klarstellen würde, wäre das vielleicht kein Problem, aber gerade der Glaubenssatz, ich könne mich nicht auf mein Urteil verlassen, macht das schwierig.

Die Macht des Kontextes

Wie kommt man also da heraus? Ich meine, die Tatsache, dass der soziale Kontext so entscheidend dafür ist, was uns überhaupt einfällt zu sagen oder zu tun, ist eine ziemlich etablierte Erkenntnis. Die Experimente von Stanley Milgram und Philip Zimbardo haben da sehr zu beigetragen. In beiden geht es darum, dass der soziale Kontext Menschen dazu bringt, unheimlich brutal und gewalttätig gegenüber anderen zu sein. Und dass es extrem schwierig war, dem zu entgehen. In meiner Bachelorarbeit zum Thema Selbstbestimmung zitiere ich Forschung, die nahelegt, dass sich Selbstbestimmung nur in sozialen Umgebungen entwickeln kann, die die Autonomie, Kompetenz und die zwischenmenschlichen Verbindungen betont und unterstützt. Selbstbestimmung ist in diesem Sinne in ihrer Entwicklung alles andere als selbstbestimmt, sondern extrem abhängig davon, ob die Art zu kommunizieren und mit einander umzugehen das zulässt. Außerdem lese ich gerade ein Buch von Dr. Bruce Perry, einem Kinder-Psychiater, der beschreibt, wie frühe traumatische Erlebnisse, Vernachlässung und Gewalt die Entwicklung des Gehirns einschränken. Und dass diese Entwicklung nicht stattfinden kann, wenn das Kind keine nährende Zuwendung erlebt. Ein kleines Mädchen von vier Jahren wog z.B. nur 13 kg, als Perry ihr begegnete. Sie bekam keine Umarmungen, wurde nicht gehalten oder gewiegt und wurde selten von ihrer Mutter angesprochen. Die Mutter hatte selbst in dieser frühen Phase kaum Gelegenheit für echte Bindung gehabt, da sie in Abständen von einem halben Jahr von Pflegeheim zu Pflegeheim gegeben wurde. Das heißt, sie hatte gar nicht gelernt, menschliche Interaktion mit erfüllten Bedürfnissen zu assoziieren. Und so fiel ihr nicht ein, sich auf die Weise um ihr Kind zu kümmern. Von früheren Behandlungen kannte Perry eine Frau, die sich Mama P. nannte und die Kinder bei sich aufnahm und für sie sorgte. Sie nahm sie auf den Arm, wiegte sie, sang für sie, streichelte sie, und so weiter. Perry fragte sie, ob sie das kleine Mädchen und die Mutter aufnehmen würde, um ihnen zu zeigen, wie das geht. Nach einem Monat bei Mama P. hatte das kleine Mädchen 5 kg zugenommen, bei gleicher Nahrung! Es gab sonst keine medikamentöse Behandlung, sondern einzig und allein die soziale Zuwendung sorgte dafür, dass die Kleine wachsen und leben wollte!

Ich bringe das ein, um zu zeigen, wie mächtig der soziale Kontext ist. Und am herausfordernsten ist diese Tatsache, wenn ich in einer Umgebung bin, die nicht meine innere Stärke inspiriert, sondern meine Ängste und Unsicherheiten hervorhebt.

Herausfordernde Spannung

Ich sehe mich selbst gerne als jemand, der neue Perspektiven, Hoffnungen und ermutigendes Verständnis in eine Umgebung bringt, wo es davon viel zu wenig gibt. Das jedenfalls würde ich gerne tun. Es ist leicht in einer Gemeinschaft zu leben, wo jeder mit sich und seiner Liebe zum Leben und seiner Fürsorge im Kontakt ist. In den meisten Gemeinschaften ist das unter Wut und letztlich Hoffnungslosigkeit begraben. Hoffnungslosigkeit darüber, selbst je geliebt, gesehen, verstanden zu werden und dann die Mittel zu haben, sich auszudrücken und in Verbindung mit sich und der Welt zu stehen. Ich habe diese Hoffnungslosigkeit auch in mir. Und das macht es so herausfordernd mit Leuten zusammen zu sein, die diese innere Verbindung nicht kennen oder nur sehr sporadisch erleben. Aber irgendwie will ich diese Herausforderung meistern. Ich würde gerne lernen, diese innere Tiefe und Verbundenheit zu halten, während um mich herum Chaos, Angst und Verzweiflung herrschen. Verletzlich zu sein und aus dieser Verwundbarkeit Stärke zu beziehen.

Wenn ich allerdings daran denke, während ich alte Bekannte treffe, kommen in mir meine eigenen Hoffnungslosigkeiten und eingeschränkten Perspektiven wieder ans Licht, die ich überwunden geglaubt hatte. Wie kann ich denen am besten begegnen?

Ein möglicher Ansatz

Das größte Hindernis scheint mir zu sein, dass ich mich mit diesen eingeschränkten Perspektiven identifiziere. Ich BIN dann wieder der alte Niklas, statt dass ich wieder diese Perspektive einnehme, die neben anderen steht. Etwas Abstand zu haben und diese Perspektive als Objekt in meinem Bewusstsein zu sehen, statt als Subjekt darin eingebettet zu sein, klingt hilfreich. Und dann die Frage: Was ist daran liebenswert? Was braucht liebevolle und mitfühlende Aufmerksamkeit? Zum einen, was hätte ich so gerne gehabt damals? Welche Art von Beziehung hätte mich genährt, als ich in der Schule war? Wie will ich grundsätzlich mit anderen in Beziehung stehen? Und vielleicht auch, wie konnte es kommen, dass ich auf die Ideen kam, die ich damals von mir und der Welt hatte? Was hat mir das gegeben und welche Ressourcen waren nicht verfügbar, die ich aber heute habe? Diese Fragen verändern das Bild doch erheblich. In erster Linie geben sie mir meine Autonomie zurück. ICH bestimme, worauf ich achte und was ich glaube. Außerdem schaffe ich Raum dafür, dass die Beziehungen und die Art mit den anderen umzugehen, noch auf dem alten Stand ist. Und dass es Mut und Bewusstsein braucht, und auch Ehrlichkeit, da neuen Mustern und Umgangsformen Platz zu machen, die besser für beide sind. Mitunter bin ich auch der einzige, der eine Idee davon hat, was das bringen könnte oder wie man überhaupt mehr Verbundenheit miteinander haben kann, ohne dass mehr Schmerz entsteht. Ich merke, dass meine Angst zurückgeht, wenn ich das alles bedenke. Ich weiß dann, worauf ich mich einlasse. Und das gibt mir die Freiheit, mich entsprechend meiner Bedürfnisse zu entscheiden. Ich hab die Sache wieder in der Hand und lasse mich nicht von dem, von dem ich glaube, das die anderen es von mir denken oder erwarten, kontrollieren.

Das klingt doch nach einem vernünftigen Ansatz, der auch funktionieren könnte. Ich bin allerdings auch schon öfters an diesem Punkt gewesen und hab die darin liegende Weisheit woanders wieder vergessen. Wie gesagt, der Kontext ist ziemlich mächtig. Und meiner Erfahrung nach wird diese Weisheit wirklich erst dann Teil meines Habitus, meiner Gewohnheit und Natur, wenn ich sie leicht in der Hand halte, immer wieder bereit bin, mich daran zu erinnern, aber nicht auf statische und fixierte Weise, sondern veränderbar und immer wieder frisch. Denn jede Situation ist neu und noch nie da gewesen, übersteigt und enthält alles, was davor war. Das heißt, die einzige Gewohnheit, die ich mir hier aneignen kann ist die, mich damit wohl zu fühlen, immer wieder neu zu überprüfen und mir bewusst zu machen, wie die Situation eigentlich ist. Was ich dann entdecke, ist nicht vorherzusehen.

Ich bin neugierig und wüsste gerne mehr von eurer Erfahrung. Wenn ihr das lest, erkennt ihr euch darin wieder? Wie geht ihr damit um? Ich freu mich auf Kommentare.





Die Gewaltfreie Kommunikation und ich

20 03 2009

Seit genau vier Jahren spielt die Gewaltfreie Kommunikation (GfK) in meinem Leben eine ziemlich große Rolle. Die Art und Weise hat sich entwickelt, der Stellenwert ist derselbe geblieben. Sie ist für mich Praxis zur Ordnung meiner Empfindungen, Wünsche, Hoffnungen und Enttäuschungen. Hauptgewinne sind für mich dabei mehr Autonomie, mehr Bewusstheit, mehr Tiefe zwischen mir und anderen Menschen, mehr Flexibilität, weniger Angst, mehr Mut und eine gute Beziehung zu dem was ist. Das klingt nach einer Menge und das ist auch eine Menge. Ich habe große Mühe mir vorzustellen, wie mein Leben ohne das aussähe. Sicher nicht nur schlechter aber doch sehr anders.

Ich verstehe die GfK als destillierte Weisheit aus humanistischer Psychologie und den Weltreligionen, zusammengefasst in ein paar Schlüssel-Unterscheidungen. Begonnen hat der Entwickler Marshall Rosenberg mit der Frage, was der Unterschied zwischen Menschen ist, die lächeln, wenn sie jemanden treten, der am Boden liegt und anderen, die lächeln, wenn sie jemandem ein Geschenk machen oder zuhören. Auf seiner Reise zu einer plausiblen und ermächtigenden Antwort hat er Psychologie studiert und als Therapeut gearbeitet, ohne aber damit zufrieden zu sein. Denn in seiner Arbeit mit Carl Rogers wurde ersichtlich, dass Authentizität und empathisches Zuhören die wichtigsten Faktoren für heilsamen Kontakt zwischen Menschen sind und er fragte sich, wieso wir uns dann nicht immer so behandeln. In seiner Arbeit als Therapeut fiel ihm auf, dass es immer die gleichen Muster waren, die dem im Wege standen. Das hat seine Aufmerksamkeit auf Sprache als Ausdruck eines Bewusstseins gelenkt, welches diesen Kontakt ermutigt oder hemmt. Und von da an wollte er auf größerer Ebene tätigt sein und nicht nur als Therapeut den Dreck wegmachen, den viele Strukturen unserer Gesellschaft hinterlassen, so nützlich sie auch einmal gewesen sein mögen und auch heute noch sind.
Heute gibt Marshall Rosenberg Trainings in mehreren Teilen der Welt. Er ist schon oft als Mediator in Krisengebieten tätig gewesen und schreibt zur Zeit an einem Buch mit dem Titel „Social Change“.

Mein Anfang

Als ich vor vier Jahren darauf stieß, kam ich gerade von einem dreimonatigen Praktikums-Aufenthalt in Vermont, USA zurück. Ich hatte dort in einer Residenz für psychisch als krank diagnostizierte (Schizophrenie, bipolare Störung, Zwangsneurosen etc.) gearbeitet und hatte schon seit einiger Zeit die Frage im Herzen, was es wohl wäre, auf das man bei jedem Menschen zählen könnte, egal welcher Kultur und Herkunft. Was verbindet uns alle? Ich malte mir aus, dass ich eines Tages ein Buch mit dem Titel „Die psychologische Konstante“ darüber schreiben würde. Mein Aufenthalt in Vermont trug dazu bei, indem ich dort zum ersten Mal ganz weit weg von Europa war und immer noch die gleichen menschlichen Probleme antraf. Also musste da etwas dran sein und das bereitete mich auf die GfK vor. Einen wesentlich größeren Einfluss hatte aber die Tatsache, dass meine damalige Freundin, die zu der Zeit in Bangladesh war, am 26. Dezember 2004, dem Tag, an dem der Tsunami stattfand, der sie glücklicherweise nicht betraf, unsere Beziehung beendete. Mir war der Boden unter den Füßen weggezogen, ich war unglaublich verzweifelt und traurig. Ich hab es allerdings nie akzeptiert sondern mir geschworen, sie zurück zu bekommen, sofern ich denn kann. Als ich dann nach Deutschland zurück kam, bin ich als Praktikant nochmal an die Schule gegangen, an der ich Abitur gemacht hatte, genau genommen als Streitschlichter. Eine Lehrerin an der Schule bietet jedes Jahr Schülern eine Ausbildung dazu an, das hatte ich in meiner Schulzeit mitgemacht. Und ich mochte das, weil ich mich darin als kompetent erlebte. Im Laufe dieser Arbeit hat eine Lehrerin mich dann darauf aufmerksam gemacht, dass Marshall Rosenberg in Köln einen Vortrag hält und ich bin hingegangen. Ich war müde, aber ich hatte noch den frischen neuen Mut, den es bringt, wenn man im Ausland war und alles anders machen will als vorher.

In diesen drei Stunden Vortrag hat Rosenberg mich verzaubert… ja, so könnte man es nennen. Er hat genau die Dinge angesprochen, die schon in meinem ganzen Leben schmerzhaft waren und er hat wirklich plausible andere Wege aufgezeigt. Er sprach davon, wie man sich selbst und andere unglücklich machen kann, wenn man wirklich will, indem man sich fragt, was man selbst und andere falsch gemacht haben. Noch unglücklicher kann man sich machen, wenn man die Frage beantwortet. Und noch unglücklicher wenn man die Antwort ausspricht. Kein Mensch hat je gesagt „Ich fühle mich so geborgen bei meinem Partner, weil er/sie so gut meine Fehler analysieren kann.“ Und über Strafe und Belohnung hat er gesprochen als Wege, die Sache noch schlimmer zu machen, da sie Menschen nicht dazu ermutigen, sich vorzustellen, welchen Einfluss die eigenen Handlungen auf das Wohlergehen anderer haben, sondern lediglich auf das eigene. Und man vergisst dabei, dass das Wohlergehen anderer mit dem eigenen stark zusammenhängt.

Dann hat Rosenberg ein Lied gesungen. Er nahm seine Gitarre heraus und erklärte, dass jeder Mensch, der zu etwas Nein sagt, im Herzen dieses Lied singt:

See me beautiful
Look for the best in me
That’s what I really am
And all I want to be
It may take some time
It may be hard to find
But see me beautiful

See me beautiful
Each and every day
Could you take a chance
Could you find a way
To see me shining through
In everything I do
And see me beautiful

In dem Moment standen mir Tränen in den Augen. Und mir wurde schlagartig klar, dass es das war, was zwischen mir und meiner damaligen Ex-Freundin stand. Sie sagte Nein dazu, die Beziehung weiter zu führen und wollte in der Schönheit dessen, was sie damit schützen oder erschaffen wollte, gesehen werden. Und ich sagte Nein dazu, die Beziehung aufzugeben und wollte ebenfalls in dieser Schönheit verstanden werden. Das gab mir eine Menge Hoffnung. Es war eine Alternative zu all den statischen Ideen die sagten „Wenn sie nicht will, dann will sie nicht.“ oder „Vielleicht passen wir nicht zusammen“ oder „Es ist bestimmt zu spät.“ oder ähnliches.
Das allein sorgte dafür, dass ich in dem Moment die Entscheidung traf, dass ich das lernen und es meistern muss. Wenn ich irgendwann einmal den Wert, etwas zu lernen, erkannt und erlebt habe, dann da.

Um das kurz abzuschließen, etwa einen Monat später kam meine Ex-Freundin zurück und etwa einen Monat darauf waren wir wieder zusammen. Ich war sehr vorsichtig und behutsam, um sie nicht zu erschrecken, sondern ich unterhielt mich mit ihr und redete darüber, was mir wertvoll ist und was ihr wertvoll ist. Irgendwann fragte ich gerade heraus, was es wäre, was sie konkret anders möchte als vorher, wenn wir wieder zusammen wären. Das klärten wir und ein paar Tage später gab sie mir den ersten Kuss auf den Mund seit langem…
Ein gutes Jahr später bröckelte es dann wieder und das hatte wohl zu einem großen Teil damit zu tun, dass ich die GfK mit Eifer lernte und verfolgte und mir wünschte, sie täte das gleiche. Sie war aber nicht in dem Maße bereit dazu und das sorgte für Spannungen, mit denen ich damals nicht umzugehen wusste. Wir sind jetzt seit etwa 2 ½ Jahren nicht mehr zusammen.

Ich glaub, dieser Kontext hat mir das Potenzial erst offen gelegt, das in der GfK steckt, darum erzähle ich davon.

Vier Unterscheidungen

Worum geht es eigentlich? Für mich ist die GfK ein Hilfsmittel, eine Struktur, die mir Orientierung gibt, wenn es Konflikte gibt. Und zwar können das Konflikte in mir selbst sein und Konflikte zwischen mir und anderen, zwischen Gruppen und Nationen. Ganz egal, überall wo Menschen sind, hakt es an den gleichen Eckpunkten. Die GfK hilft dann dabei ein Bewusstsein für all die verschiedenen Positionen und ihre guten Absichten zu schaffen. Dieses Bewusstsein erlaubt, dass alle berücksichtigt werden. Wenn alle berücksichtigt werden entsteht der natürliche Wunsch, großzügig zu sein, es macht dann Freude zu geben. Der Schutz davor, seine Position aufgeben zu müssen wird somit unnötig, da die Position gehört, in ihrer Wichtigkeit bestätigt und in die Lösung miteinbezogen wird. Das schafft eine wunderbare Verbindung, mit deren Energie man sehr weit kommen kann.
Die Eckpunkte, an denen es immer wieder hakt, sind vier Verwirrungen, die man mit den folgenden Unterscheidungen klären kann:
Beobachtung vs. Bewertung
Gefühl vs. Gedanke
Bedürfnis vs. Strategie
Bitte vs. Forderung

Laut der GfK sind die Beobachtung, das Gefühl, das Bedürfnis und die Bitte die vier Informationen, die man voneinander braucht um in einer bestimmten Situation so in Kontakt zu kommen, dass es Freude macht, zu geben. Aber bevor man das über sich preisgeben oder aus der Aussage eines anderen heraus filtern kann, muss man überhaupt wissen, was damit eigentlich gemeint ist. Und an welcher Stelle es eben zu Verwirrungen kommen kann. Ich gehe das mal nacheinander durch.

Beobachtung und Bewertung

Mit Beobachtungen meine ich Beschreibungen der ganz konkret wahrnehmbaren Dinge in der Außenwelt, auf die sich jeder einigen kann, z.B. „Sie kam herein und setze sich auf den Stuhl, blickte dabei auf den Boden.“ Es sind sichtbare Handlungen und Zitate. Im Denken und in der Kommunikation zwischen mir und anderen sind diese Beschreibungen aber sehr häufig nicht klar davon getrennt, wie ich die beschriebene Situation bewerte. Ich kann mich z.B. häufig gut daran erinnern, wie ich das Verhalten von einer anderen Person fand, aber selten weiß ich noch was sie genau getan hat, getrennt davon wie ich es finde. Das aber ist total wichtig, wenn man mehr Offenheit und Vertrauen sucht, denn so lange ich Beobachtung und Bewertung nicht trennen kann, halte ich das, was ich über das Beobachtete denke für das, was wirklich passiert ist. Vermischt mit Bewertungen sähe die obige Aussage vielleicht so aus: „Sie schlurfte kalt und abweisend durch die Tür und lies mich mit ihrem abgewandten Blick wissen, wie wenig sie mich leiden konnte.“
Nun, es könnte sogar sein, dass sie sich in meiner Gegenwart gar nicht wohl fühlt. Und noch viel mehr, es könnte sein, dass ICH mich nicht wohl fühle. Aber wenn ich Beobachtung und Bewertung vermische, dann verwische ich die Verantwortung für das Getane und das Gefühlte. Und wieso es wichtig ist, das auseinander zu halten, mache ich noch im weiteren klar.

Gefühl und Gedanke

Gefühle spüre ich in meinem Körper, ich kann sie sehr oft sogar recht gut lokalisieren – in der Stirn, in der Kehle, Magen und Bauchgegend, selten in den Zehen ;-) Sprachlich gibt es oft eine Verwechslung zwischen Gefühlen und Gedanken, weil man Gedanken auch mit dem Wort „Ich fühle…“ ausdrücken kann. Wenn ich aber sage „Ich fühle, dass du mich nicht magst.“ habe ich damit noch nichts über mein Gefühl ausgedrückt. Ich habe eher gesagt, was ich denke, was mein Gegenüber von mir denkt. Es ist eine Interpretation, nicht mein Gefühl. Dasselbe gilt für „Ich fühle mich angegriffen, betrogen, bedroht, verraten, missverstanden etc.“ All diese Worte implizieren, dass es jemand anderes ist, der mir das antut. Jemand verrät mich, betrügt mich, greift mich an. Und es ist seine Absicht, das zu tun.
Das könnte sogar stimmen. Aber es ist wie gesagt eine Interpretation, kein Gefühl. Wenn ich denke, ich würde angegriffen, fühle ich wahrscheinlich Angst, vielleicht auch Wut oder Überraschung. Auf sprachlicher Ebene kann man den Unterschied gut mit der Formulierung „Ich bin…“ überprüfen. Wenn ich „Ich bin ängstlich…“ sagen kann, ist es ein Gefühl. „Ich bin angegriffen“ klingt nicht so stimmig.
Auch hier ist die Unterscheidung wichtig, weil es um die Verantwortung für das Getane und das Gefühlte geht. Was andere tun, unterliegt ihrer Kontrolle und ist von daher ihre Verantwortung. Was ich fühle… hat mit dem folgenden Aspekt zu tun.

Du kannst nichts tun, was du nicht für gut hältst

Ein Satz aus meinem Philosophie-Unterricht an der Schule ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben: „Du kannst nichts tun, was du nicht für gut hältst.“ Ich finde, das ist ein Satz, der einen genauso beschäftigen kann, wie die Frage, was passiert, wenn ich einschlafe und nie mehr aufwache, oder wie es ist, auf zu wachen, nachdem ich nie zuvor eingeschlafen bin (Geburt und Tod also). Man dreht und wendet ihn und kann sich einfach nichts anderes vorstellen. Egal was ich tue, die Perspektive, die ich in dem Moment einnehme, in dem ich etwas tue, zeigt mir, dass es einen Wert hat. Wenn es den nicht hat, mache ich es nicht.

Davon ausgehend bin ich einer Meinung, wenn Marshall Rosenberg sagt, dass alles was Menschen tun, immer den Sinn hat, menschliche Bedürfnisse zu erfüllen. Und diese Bedürfnisse sind alle lebensbejahend, sie stellen eine Qualität, einen Wert im Leben dar. Sie sind sowohl der Maßstab, anhand dessen ich bewerte, ob mir etwas gefällt (erfüllt es meine Bedürfnisse oder nicht?) als auch die Führung in mir, die mich anleitet, etwas zu tun und zu handeln. Und zwar egal, ob ich das so bewusst wahrnehme oder so nenne – jeder wird seine eigene Sprache dafür haben und ich benutze, wenn ich mit mir selbst rede, nicht einmal das Wort „Bedürfnis“.

Bemerkbar machen sich meine Bedürfnisse über meine Gefühle. Sind meine Bedürfnisse erfüllt fühle ich mich leicht, fröhlich, erfüllt, zufrieden, gerührt, lustvoll oder ermutigt. Sind meine Bedürfnisse nicht erfüllt, fühle ich mich ängstlich, niedergeschlagen, ratlos, wütend, träge, unsicher, hasserfüllt oder betroffen. Gefühle sind demnach ein Signal meiner Bedürfnisse und das bedeutet, dass was ich fühle von der Erfüllung meiner Bedürfnisse abhängt und nicht davon, was andere tun. Was andere tun kann meine Bedürfnisse erfüllen oder nicht, aber andere tun es ausgehend von dem was sie wissen. Da niemand so genau weiß was ich fühle wie ich, ist es an mir, mitzuteilen, was in mir los ist. Und selbst, wenn ich es sage oder irgendwie anders mitteile, werden andere auch noch ihre eigenen Bedürfnisse berücksichtigen wollen und nur mit Freude geben, wenn es auch ihre Bedürfnisse erfüllt. Bei all diesen Bedingungen ist es zuweilen ein Wunder, dass erfüllendes Geben überhaupt stattfindet.

Bedürfnis und Strategie

Die Verwirrung, die hier das größte Unheil stiftet ist die Verwirrung von Bedürfnissen und Strategien. Mit letzterem meine ich konkrete Handlungsweisen, die zum Zweck haben, ein oder mehrere Bedürfnisse zu erfüllen. Sie haben meistens Bezug zu einer Person, Ort, Zeitpunkt, Handlung und/oder einem Objekt. Auf Englisch ergibt das „PLATO“ (person, location, action, time, object). Wenn Plato auch nur zu einem Buchstaben anwesend ist, ist es eine Strategie. Bei Bedürfnissen hat Plato nichts zu suchen. Sie sind grundsätzlich formlos und nicht konkret definiert.
Jeder wird seine eigene Sprache für das haben, was er wirklich wertvoll im Leben findet, aber hier sind ein paar Grundbegriffe, als Ausgangsbasis für ein Bedürfnisvokabular: alles was der Körper braucht (Nahrung, Wasser, Ruhe, Schutz, Wärme/Kühlung, Schlaf, Sex), Sicherheit, Gemeinschaft und Kontakt zu anderen, Intimität, Empathie und Verständnis, Spaß und Spiel, Erholung, Autonomie und Sinn, also etwas wertvolles zum Leben anderer beitragen können.

Ich würde sagen, dass diese Bedürfnisse für jeden wichtig sind. Sicher nicht alle gleichzeitig und in denselben Situationen, aber ich gehe davon aus, dass jeder das kennt. Was allerdings sehr verschieden sein kann sind die Strategien. Während ich z.B. kein Fleisch oder Fisch esse, um mich zu ernähren, sagte gestern ein Freund noch zu mir, dass er ohne Fleisch nicht „könne“. Während ich Freude am Kontakt zu einem bestimmten Mädel finde, habe ich andere sagen hören, dass sie sie für ungenießbar halten. Während mein Vater sich erholt, wenn er Klavier spielt, erhole ich mich, während ich für mich alleine bin und für Stille sorge. Meine Mutter trägt gerne etwas wertvolles bei, indem sie Reisen für andere Leute plant. Ich trage gerne bei, indem ich jemandem zuhöre, der Empathie braucht und ihm dabei helfe, sich über seine Situation und seine Möglichkeiten bewusst zu werden. Strategien bauen auf dem auf, was ich schon weiß und was ich entwickelt habe (wie z.B. die Kunst Klavier zu spielen), ich kann sie lernen und kennen lernen. Bedürfnisse begleiten mich seit der Geburt, durch die Gefühle hindurch. Es gibt keinen Moment, an dem ich sie nicht habe, da es keinen Moment gibt, an dem ich nichts fühle. Ob ich sagen und unterscheiden kann, was ich fühle und was mein Bedürfnis ist, ist eine andere Sache. Das wäre wieder eine Strategie und die entwickelt sich. Das was formlos immer schon in mir ist und sich in Gefühlen ausdrückt, ändert sich nicht und ist universell.

Bedürfnisse von Strategien unterscheiden zu können ist deswegen so wichtig, weil jedes Bedürfnis durch potentiell unzählige Strategien erfüllt werden kann. Wenn ich meine Strategien für meine Bedürfnisse halte und z.B. sage „Ich muss aber jetzt Gitarre spielen!“ während mein Bruder die Gitarre auch gerade haben will, entgehen mir all die anderen Möglichkeiten, für das Bedürfnis hinter dem Gitarre spielen zu sorgen. Ich spiele z.B. Gitarre, wenn ich Spaß haben will und wenn ich Lust hab, kreativ zu sein und was Neues zu schaffen, oder einfach nur meine Stimme zu benutzen. Also geht es darum, Spaß zu haben und mich kreativ ausdrücken zu können. Das ist mir daran wichtig. Jetzt will mein Bruder die Gitarre haben, um seiner Freundin ein Ständchen zu singen und ihr eine Freude zu machen. Und er will das jetzt machen, weil sie ab morgen für drei Monate in Schanghai sein wird und er dann keine Chance mehr dafür sieht. Er könnte auch ohne Gitarre singen, aber mit wäre es schöner. Was machen wir jetzt?

Wenn ich Bedürfnis und Strategie nicht auseinander halte, habe ich keine Aufmerksamkeit dafür, dass ich ihm die Gitarre geben UND meine Bedürfnisse nach Spaß und Kreativität erfüllen kann. Ich könnte z.B. noch etwas für das Magazin für Lebenslust schreiben, wenn Gabi mich lässt. Oder ich könnte eine Rhumba-CD einwerfen und ein wenig tanzen, was ich schon länger nicht mehr gemacht habe. Oder ich könnte ein Bild von der Frau heraussuchen, deren Augen mich verzaubert haben und eine Skizze von ihrem Gesicht anfertigen. Und das alles in dem Wissen, dass ich meinem Bruder damit eine Gelegenheit gebe, etwas Wertvolles zum Leben seiner Freundin beizutragen.

Von entweder oder zu und

Jetzt hab ich die Situation natürlich noch recht optimal beschrieben. Denn zum einen weiß ich, was die gute Absicht meines Bruders ist, zum anderen sehe ich auch meine eigene gute Absicht: das Leben schöner machen, indem wir uns um die Bedürfnisse kümmern, die eben gerade spürbar sind. Viel schwieriger ist das, wenn man diese beiden Aspekte nicht kennt. Je besser ich mich kenne und weiß, worum es mir in einer Situation geht, desto besser kann ich mir auch vorstellen, wie das für andere ist. Wenn ich mich nicht kenne, meine gute Absicht nicht sehe, werde ich ähnlich verurteilend gegenüber anderen sein. Und in der Situation mit meinem Bruder hätte es auch sein können, dass sein Wunsch, die Gitarre zu haben bei mir Angst und Abwehr ausgelöst hätte, weil ich zunächst mal sicher stellen will, dass meine Bedürfnisse zählen und nicht übergangen werden – sei es von ihm, oder, noch viel wichtiger, von mir selbst. Da wäre ich dann nur heraus gekommen, indem ich einfühlsam und aufmerksam nachgeforscht hätte, was meine Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse sind zur Situation. Im Idealfall könnte ich das mit der Hilfe meines Bruders tun, meistens mach ich das aber für mich selbst. Hab ich die Aufmerksamkeit für mich, die ich brauche, hab ich Luft frei für die Perspektive meines Bruders und kann sie schließlich zu einer Perspektive verbinden, die für beide passt. Auf Empathie komme ich aber gleich noch zu sprechen.

Bedürfnisse und Strategien auseinander zu halten, erlaubt also aus einer Entweder-oder-Situation eine Und-Situation zu machen. Es löst die Knappheit auf, aus der heraus schon Kriege angezettelt wurden und auf der jeder Konflikt basiert. Und die Knappheit, die am meisten Schmerz verursacht ist eine Knappheit der Wahrheit. Nehmen wir nur die Frage „Wer hat ein Recht auf die Gitarre?“ Wie lange und schmerzhaft kann ein Kampf um den Sieg in dieser Frage sein? Und was gewinnt man dabei? Die beste Möglichkeit ist ein einsamer Sieg mit dem Preis eines Bruders, der mich bei der nächsten Gelegenheit spüren lassen wird, wie es ist, wenn einem gesagt wird, man hätte kein Recht darauf zu bekommen, was einem gut tut.
Diesen Konflikt um die Knappheit der Wahrheit kann ich nicht lösen, nur auflösen. Wie? Indem ich mehrere Perspektiven hinzunehme und berücksichtige. Konkret bedeutet das, zu besprechen und anzuerkennen, wie die Gitarre zur Erfüllung meiner und seiner Bedürfnisse unterschiedlich beitragen könnte. Muss dieser Wert nicht mehr verteidigt werden, kann ich loslassen und mich für andere Möglichkeiten öffnen, ohne Respekt vor mir selbst zu verlieren. Und wenn mein Bruder dieselbe Sicherheit und Akzeptanz spürt, kommt er vielleicht sogar zu dem Schluss, dass es ein größerer Beitrag wäre, mir die Gitarre zu überlassen und seiner Freundin auf andere Weise eine Freude zu machen. Ich hab das schon erlebt und meistens ergibt sich dann von alleine ein Gefühl dafür, wo die meiste „Energie“, das größte Potenzial ist, das Leben schöner zu machen. Daran orientieren sich dann alle, die dabei sind.

Bitte und Forderung

Die letzte Unterscheidung könnte für diese Beispiel-Situation ebenfalls eine große Rolle spielen. Es geht darum, den Unterschied zwischen einer Bitte und einer Forderung zu verstehen. Eine Bitte ist zunächst mal dasselbe wie eine Strategie. Es geht darum etwas ganz konkretes zu tun oder zu sagen, zum Zweck der Erfüllung eines Bedürfnisses. Um effektiv zu sein müssen Bitten möglichst machbar und Gegenwarts-bezogen sein. Je vager, desto schwieriger und desto missverständlicher werden sie auch. Abgesehen davon müssten sie positiv formuliert werden, nicht negativ. Also sag was du willst, nicht was du nicht willst, und die Wahrscheinlichkeit, dass du es bekommst, steigt enorm an.

Der Unterschied zwischen Bitte und Forderung liegt nicht in der Wortwahl (das Zauberwort macht noch keine Bitte), auch nicht notwendigerweise im Tonfall (auch wenn der meist sehr aufschlussreich ist). Der Unterschied liegt im Bewusstsein und in der Anzahl Perspektiven, die man zu berücksichtigen bereit ist. Wenn ich etwas fordere, sagen wir eine Gehaltserhöhung, dann ist meine Aufmerksamkeit nur darauf, wie das mein Leben verbessert oder verändert. Aus diesem Bewusstsein heraus werde ich vermutlich bereit sein, den anderen zu manipulieren oder unter Druck zu setzen, um genau das zu bekommen, was ich will. Ich habe kein Bewusstsein dafür, wie es sich für meinen Chef anfühlt, wenn er meiner Forderung nachkommt und was er vielleicht brauchen könnte. Ich will einfach nur, dass er es tut, egal was es ihn kostet.

Persönlicher wird es, wenn ich so z.B. mit meiner Freundin umgehe. Als ich wollte, dass meine damalige Freundin sich mehr mit GfK beschäftigt, als sie es tat, hatte ich nur eine ungefähre bis gar keine Ahnung davon, warum mir das so wichtig war. Noch weniger konnte ich mir vorstellen, was es für sie bedeuten könnte. Und wenn ich dann eine offene Forderung daraus mache, indem ich ihr z.B. sage, sie sei Schuld, wenn es mir nicht gut geht, denn sie könnte ja GfK lernen und dann wäre alles besser – dann zeigt das sehr deutlich, dass ich wenig Aufmerksamkeit dafür hab, wie es ihr geht. Das ist nicht böse von mir gemeint. Ich tue, was ich kann unter den gegebenen Bedingungen. Aber für Vertrauen sorgt es nicht, denn wenn sie merkt, dass ich sowohl ihre als auch meine Bedürfnisse berücksichtigen will, erlaubt ihr das, sich zu öffnen und mehr sie selbst zu sein. Denn dann weiß sie, dass das in meinem Interesse ist und ich sie auch dann noch liebe und verstehe. Und das muss so sein, wenn ich die Art von erfüllendem Geben und Empfangen möchte, für das die GfK gedacht ist.

Es kann gut sein, dass ich eine Bitte ausspreche und die Person, mit der ich spreche, versteht sie als eine Forderung. Entweder sie macht dann zähneknirschend, worum ich gefragt habe, oder sie sagt einfach Nein. Ob meine Bitte wirklich eine war, macht sich besonders an diesem Punkt bemerkbar. Denn ich könnte meine Bitte verteidigen, oder den anderen unter Druck setzen, ihm drohen, oder ihn mit einer Belohnung ködern. Ich könnte dem anderen sagen, was für ein Idiot er ist, oder wie toll er wäre, wenn er täte, worum ich gefragt habe. Egal was es ist, nichts davon demonstriert, dass ich auch nur ein Quantum an Vorstellung davon habe, wie die Situation von seiner Perspektive aus aussieht und dass ich danach überhaupt suche. Und das macht es zu einer Forderung.
Wenn es wirklich eine Bitte ist, werde ich an dem Punkt neugierig sein zu erfahren, was der Hintergrund des Neins ist. Durchaus auch aus der Hoffnung heraus, dass mein Bedürfnis noch so erfüllt werden kann, wie ich es mir schön vorstelle, aber das ist nicht die Priorität. Ich möchte das nämlich nur, wenn der andere dabei nicht verliert, sondern es auch für ihn ein Gewinn ist. Und wenn es mir gelingt, das verständlich zu machen, habe ich das Vertrauen des anderen gewonnen und er weiß, dass es eine Bitte war. Und je häufiger das in unserem Kontakt passiert, desto mehr Vertrauen wird es geben und desto schneller wird auch klar, was Sache ist, so dass wir leichter in den Fluss von erfüllendem Geben und Empfangen kommen können – Ehrlichkeit und Vertrauen machen einfach alles leichter.

Soweit die vier Unterscheidungen. Ich hab bisher keinen Konflikt erlebt, an dem nicht mindestens eine davon unklar war, wenn nicht alle vier. Oft hakt es schon an der Vermischung von Beobachtung und Bewertung. Man kann sich Jahrzehnte lang darüber streiten ob jemand ein Großmaul ist, ohne je das genaue Verhalten geklärt zu haben, auf das man sich eigentlich bezieht. Oder ich kann mich darüber streiten, ob ein Freund mir keinen Respekt zollt, ohne je genau gesagt zu haben, auf welches Verhalten ich ihn da anspreche. Bewusste Kriterien zu haben, mit denen man überprüfen kann, ob diese Unterscheidungen klar sind, finde ich unschätzbar wertvoll.

Ehrlichkeit und Empathie

Zuletzt will ich noch auf Empathie und Ehrlichkeit eingehen, wie ich sie im Kontext der GfK kennen gelernt habe. Wenn ich im Gespräch bin mit jemandem und ich verstehe mich gut, gibt es immer einen Fluss zwischen „jetzt sag ich was“ und „jetzt sagst du was.“ Und so drücke ich abwechselnd aus, was ich sehe/höre/fühle und erlebe und höre dann zu, was der andere sieht/hört /fühlt und erlebt. In diesem Sinne sind die Begriffe Ehrlichkeit und Empathie gemeint.

Ehrlich zu sein bedeutet von daher nicht, zu sagen, was ich über den anderen denke, meine Analyse davon, was mit ihm nicht stimmt mitzuteilen, sondern es bedeutet, zunächst Verantwortung für mein Erleben zu übernehmen und es dann mitzuteilen. Was ich erzähle enthält dann was ich beobachte, wie es sich für mich anfühlt, das mit zu bekommen, mit welchen Werten und Bedürfnissen ich das in Verbindung bringe und unter Umständen, ob und was ich gerne für eine Reaktion hätte oder was jetzt passieren soll. Der letzte Teil ist manchmal auch nicht dabei, vor allem wenn ich einfach erzählen will. Je klarer ich in diesen vier Dingen bin, desto leichter wird es jemand anderem fallen, eine klare Vorstellung davon zu haben, wie es mir geht und wie das Leben von meiner Position aus aussieht und sich anfühlt.

Empathie ist, wie man so schön sagt, die Fähigkeit, sich in die Postion des anderen hinein zu versetzen. Im Kontext der GfK geht es hier vor allem um Aufmerksamkeit. Wenn ich empathisch zuhöre, ist meine Aufmerksamkeit vollständig bei der Geschichte des anderen, so wie wenn ich ein Buch lese oder einen Film gucke. Ich kann auch dabei helfen, der Geschichte mehr Ausdruck zu verleihen, indem ich wiedergebe, was ich höre und von dem ausgehend, was ich verstehe, auf andere Möglichkeiten schließe. Ich frage dann z.B. „Fühlst du dich vielleicht auch traurig weil du mehr Zuwendung und Fürsorge möchtest?“ Und ich will es wirklich wissen, so wie ein Kind an den Lippen seiner Mutter hängt, die ihm eine Gute-Nacht-Geschichte vorliest. Empathie ist nicht zu verwechseln mit Sympathie, denn letztere bedeutet, dass ich die Geschichte abgleiche mit dem, was ich selbst erlebt habe. Und wenn ich dann von mir erzähle, wandert die Aufmerksamkeit von meinem Gegenüber zu mir. So wie in „Ja, das ist meinem Onkel auch schon mal passiert.“ Empathie hat auch nichts mit Rat geben oder intellektueller Analyse zu tun, bei der man untersucht, wo der „Fehler“ liegt. Es geht einfach nur um das Erfahren der Geschichte. Und eine Geschichte hat keine Fehler, sondern alles was man Fehler nennen könnte sind die Biegungen und Wendepunkte der Geschichte.

Ich hab es bisher als sehr heilsam erlebt, Empathie zu empfangen. Es ist so toll zu wissen, dass jemand einfach nur erfahren will, wie das Leben von hier aus aussieht und sich anfühlt, ohne dass ich was zensieren oder verstecken muss. Ich kenne nichts, was mich mehr in Einklang mit mir selbst bringt als das.
Ehrlichkeit ist genauso heilsam, wenn sie mit Verantwortung ausgedrückt wird. Da zeigt mir jemand seine Welt und gibt mir eine Gelegenheit, mehr von meiner eigenen Welt zu verstehen und lieben zu lernen. Wunderbare Dinge sind das.

Und nun?

Wenn ich mir das so ansehe, komme ich natürlich zuweilen auf die Frage, warum wir nicht immer so miteinander umgehen. Wäre es nicht eine viel schönere Welt? Und würde es nicht wesentlich mehr Spaß machen, mit anderen Menschen zusammen zu sein und Zeit zu verbringen, wenn es auf dieser Basis passiert?
Ich sage ja und ich hab auch eine Ahnung davon, was es zu so einer Herausforderung macht: es braucht einfach Entwicklung und Wachstum, mehrere Perspektiven gleichzeitig wahrnehmen und halten zu können, wie z.B. den Standpunkt meines Gegenübers wahr zu nehmen, ohne meinen eigenen zu vergessen oder zu vernachlässigen. Ich übe das andauernd und ich finde es immer noch herausfordernd. Wie schwierig muss das für jemanden sein, der nicht einmal weiß, in welcher Richtung er suchen suchen müsste?
Und hätten wir mehr kulturellen Raum dafür, fiele es sicher leichter, das zu tun und zu üben. Aber dafür müssen erst genug Menschen so weit sein, dass sie einen kulturellen Raum und soziale Strukturen schaffen können, die auf diesem Bewusstsein aufbauen. Ich möchte alles tun was ich kann, um dazu beizutragen. Bist du dabei?





Du kannst zwar machen was du willst, aber nicht wollen was du willst

27 01 2009

Ich hab mich ja schon ein paar Mal über Willensfreiheit ausgelassen. Das Thema hat so viele Aspekte, dass ich es mühsam finde, eine für mich kohärente Perspektive darauf zu finden. Von daher nehme ich nochmal einen anderen Anlauf.

Während in der Hirnforschung das Konzept der Freiheit dadurch in Frage gestellt zu sein scheint, dass man schon zehn Sekunden im Voraus das Aktivitätsmuster im Gehirn erkennen kann, welches zu einer Entscheidung führt (in dem Fall ob man den linken oder rechten Finger bewegt), will ich mich der Sache von der phänomenologischen und strukturalistischen Seite her nähern – eine Innenansicht also. Es wird von daher auch um Moral, Entscheidungen und Bewusstsein gehen. Letztlich komme ich aber nochmal auf die Hirnforschung zurück.

Wenn ich mich frage, ob ich frei bin, merke ich, dass diese Frage nur Sinn hat in Bezug auf ein Ziel. Ich bin frei etwas zu tun oder zu sein (wobei man letzteres wahrscheinlich nur wirklich in Form von Handlungen definieren kann). Selbst wenn es um die Frage geht, ob ich frei VON etwas bin… was mache ich mit dieser Freiheit? Sie scheint mir nur dann spürbar zu sein, wenn sie mir etwas erlaubt, was ich ohne sie nicht könnte oder hätte. Also ist meine Frage, was will ich tun?

Schon im Philosophie-Unterricht in der 11 machte meine Lehrerin Cornelia Hartenfels mich darauf aufmerksam, dass man nichts tun kann, was man nicht für „gut“ befindet. Das hat mich verblüfft. Aber tatsächlich, mir fällt nichts ein, was ich tun wollte, was ich nicht irgendwo für „gut“ befände. Sicher, ich bin nicht mit allem gleichermaßen zufrieden. Und manche Dinge kommen mir vor allem im Nachhinein sehr destruktiv vor. Aber in dem Moment, in dem ich sie tue… sind sie das beste, was mir einfällt. In einem Lied schreibt Marshall Rosenberg „I’ve done some things that I wouldn’t have done, if I knew then what I since have learned.“ Das passt sehr gut.

Ein Mitschüler in der Klasse fragte damals, was man denn dann von Selbstmord halten solle. Und ich antwortete ihm, der Logik zufolge, dass demjenigen, der Selbstmord begeht, wahrscheinlich keine bessere Alternative einfällt, um seinem Leiden ein Ende zu setzen und sich Erleichterung zu verschaffen. Wüsste er, dass etwas anderes wirklich funktioniert, würde er sich umentscheiden.

Ich habe bis heute kein Beispiel vorzuweisen, bei dem das nicht zutrifft. Und ich frage mich, ist das nicht eine merkwürdige Art, menschliche Freiheit einzuschränken? Dass man wirklich nur gut wählen kann, nicht böse? Nun ja, vielleicht ist es eine noch merkwürdigere Art Handlungen zu kategorisierien, wenn wir sie in gut und böse unterteilen – ohne das käme das Problem ja gar nicht auf. Denn ich weiß nur zu gut, was wir für gut und was für böse befinden hängt davon ab, welche Informationen wir über eine Situation haben. Ich nehme mal ein gewagtes Beispiel um das zu illustrieren (und hoffe auf euer Verständnis, bin nämlich etwas nervös dabei).

Wenn ein Mann auf der Straße einen kleinen Jungen anspricht, ihn einlädt zu ihm nach Hause zu kommen, ihn zunächst mit Süßigkeiten verwöhnt, einen Film mit ihm schaut und den Jungen nachher auszieht und Sex mit ihm hat – niemand, der sieht, was für eine Angst der Junge danach hat, wie weh es tut, wenn man sich nicht mehr sicher fühlen kann und kein Vertrauen ins Leben findet, wird davor gefeit sein, diese Handlung unter „böse“ einzuordnen. Gleichzeitig wird niemand davor gefeit sein, die Tragik darin zu erkennen, wenn er erfährt, dass dieser Mann generell sehr einsam ist, sich sehr über die Gesellschaft und darüber gefreut hat, den Jungen verwöhnen zu können, und beim Sex im Schmerz, der in den Augen des Jungen zu sehen war, sich selbst wiedergespiegelt gesehen hat, wie er sich damals gefühlt hat, als ihm dasselbe widerfahren war. Was für eine Tragik, wenn jemand Gemeinschaft und Verständnis sucht und keinen anderen Weg dahin findet als etwas, was so einen Schmerz in das Leben des Jungen bringt.

Ich nutze dieses polarisierende Beispiel, weil ich zeigen will, dass abhängig von den Informationen, die wir über die Lage haben, irgendwann immer der Punkt kommt, an dem ersichtlich wird, dass jemand sich für etwas entschieden hat, was er für „gut“ befindet – so relativ „schlecht“ es im Gesamtkontext auch sein mag. Diese Entscheidung wird oft genug von einer Perspektive aus getroffen, die den Gesamtkontext nicht miteinbezieht, so dass was gut gemeint ist zu einer Katastrophe führen kann. Ihr Sinn bleibt trotzdem derselbe: „Gutes“ tun, zur Schönheit des Lebens beitragen.

Bezüglich der Willensfreiheit heißt das also „du kannst zwar machen was du willst, aber nicht wollen was du willst.“ Denn was du willst wird immer in irgendeiner Weise damit verbunden sein, dass du das Leben bereichern möchtest. Marshall Rosenberg, der die Gewaltfreie Kommunikation entwickelt hat, macht das explizit, indem er sagt „Behind every inhuman deed is a human need.“ Bedürfnisse wie Verständnis, Gemeinschaft, Sinn, Autonomie, Intimität, Spaß und Sicherheit drücken Qualitäten aus, die wir wohl alle gerne in unserem Leben haben und für die wir uns entscheiden, wenn wir handeln. Die Entscheidungen könnten dramatische Konsequenzen haben und zu etwas führen, was wir nicht gewollt haben. Aber wie gesagt, der Impuls bleibt der, etwas zu tun, was wir für „gut“ befinden.

Wenn das so ist, kann man sich fragen, wie kommt es dann, dass unterschiedliche Menschen so verschieden handeln und so verschiedene Entscheidungen treffen. Oder auch, wie kommt es, dass wir zuweilen Dinge tun, die wir uns selbst nicht erklären können. Die so offensichtlich destruktiv scheinen, dass niemand, der aufrichtig daran interessiert wäre, Gutes zu tun, sich je dafür entscheiden könnte.

Meine bisher beste Antwort darauf ist Bewusstseinsentwicklung. Mit Bewusstsein meine ich einfach, meine Kapazität zu merken, was los ist. Und das kann sich auf meine innerpsychischen Prozesse beziehen, auf das was ich mir wünsche, offen, wie verdeckt, aber auch auf die Dynamik der ganzen Welt um mich herum. Von mir selbst zur Familie, zu Freunden, zu Kollegen, zur Gesellschaft, in der ich lebe, zur ganzen Welt. Das Bewusstsein dafür ist in einer ständigen Entwicklung (wenn auch unterschiedlich schnell), einfach weil ich jeden Tag mit mir und der Welt zu tun habe und unterschiedlichen Umständen ausgesetzt bin, die mich auf verschiedene Dinge aufmerksam machen. Je mehr und je bewusster ich das erlebe, also je mehr ich lerne, das, was ich erlebe, auch benennen zu können, desto größer wird mein Bewusstsein, desto mehr relevante Faktoren fließen in meine Entscheidungen mit ein. Und desto wahrscheinlicher, dass meine Entscheidungen wirklich in Harmonie mit dem sind, was ich in die Welt bringen will.

Es gibt eine ganze Reihe von Psychologen, die diese Entwicklung untersuchten haben, unter anderem Robert Keagan, Lawrence Kohlberg, Jean Piaget, Susanne Cook-Greuter, Carol Gilligan, James Fowler, Clare Graves und Don Beck. Davon erfahren habe ich vor allem durch die Literatur von Ken Wilber.

Ein Beispiel für eine relativ simple Entwicklungsbeschreibung ist die der moralischen Entwicklung, untersucht durch Lawrence Kohlberg. Er hat sehr viele Leute gefragt, was sie zu einem moralischen Dilemma sagen und wie sie sich entscheiden würden. Das Dilemma ist, dass dein Lebenspartner todkrank im Bett liegt und du kein Geld hast, die notwendige Medizin zu kaufen. Du könntest sie aber stehlen. Wäre das okay, hättest du ein Recht darauf?

Grundsätzlich gab es drei Antworten: Ja, Nein und Ja. 1. „Ja, weil ich bestimme, dass es okay ist und ich das will.“ 2. „Nein, das Gesetz verbietet es, ich kann das nicht tun.“ 3. „Ja, denn es gibt Situationen, in denen es wichtiger ist, das Leben zu schützen, als das Gesetz zu befolgen. Schließlich hat das Gesetz letztendlich auch den Sinn, das Leben zu schützen.“ Jede der Antworten zeigt ein anderes Maß an Bewusstsein, einfach weil die Begründungen so verschieden sind.

Wurde diese Frage nach einiger Zeit noch einmal gestellt und hatte jemand 2 geantwortet, so gab es bei Veränderung immer nur eine Verschiebung von 2 zu 3 und nie zu 1. Das heißt, wir haben es mit einer Sequenz zu tun, Menschen entwickeln sich durch diese Stufen hindurch und die Reihenfolge ist unumkehrbar. Hat man einmal gelernt, auf mehr zu achten, kann man auch nicht mehr anders, außer es zu berücksichtigen. Wenn man das nicht tut, bekommt man wahrscheinlich ganz schöne Bauchschmerzen.

Eine Art diese Stufen zu benennen wäre egozentrisch, ethnozentrisch und weltzentrisch. Zunächst werden nur die Bedürfnisse berücksichtigt, die direkt am eigenen Körper spürbar erfüllbar sind. Dann kommen die Bedürfnisse der eigenen Gruppe, Nation, Glaubensgemeinde hinzu, deren Berücksichtigung auch wichtig ist, für das eigene Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Und schließlich bekommen auch die Bedürfnisse aller Menschen auf der Welt einen Platz im Bewusstsein. Irgendetwas anderes zu tun verbietet die Liebe zum Leben, zu den Menschen, zu dem was ist. Wie gesagt, was das angeht sind wir nicht frei.

Sowohl ethnozentrisch als auch weltzentrisch schließen egozentrisch mit ein. Das heißt die höheren Stufen negieren die niedrigeren nicht, sondern bauen auf ihnen auf. Deswegen muss man sich zunächst bis ethnozentrisch entwickeln, um zu weltzentrisch vorzustoßen. Ich nenne diese sich entwickelnden Kapazitäten auch Bewusstseinsstrukturen, da jede Stufe mit Glaubenssätzen über sich und die Welt einhergeht, so wie ausgedrückt in den Begründungen bei Kohlbergs Studie und diese Glaubenssätze eine Struktur haben.

Es hängt also von der Bewusstseinsstufe ab, was konkret ich meine, wenn ich sage, dass ich etwas für „gut“ befinde. So lange ich mich vom Bewusstsein her auf egozentrisch befinde, wird mir gar nicht auffallen, das meine Handlungen sehr unangenehme Konsequenzen für andere haben können und ich werde sie von daher nicht daraufhin anpassen. Der Mann, der den Jungen vergewaltigt, handelt definitiv von dieser Stufe aus. Von den Erzählungen her, wo Marshall Rosenberg mit Gefängnis-Insassen gearbeitet hat, die wegen Vergewaltigung verurteilt wurden, weiß ich, dass in dem Moment, in dem dem Täter klar wird, was für ein Leid aus seiner Tat resultiert ist, er sehr unglücklich wird und Wege sucht, zu verhindern, dass das je wieder passiert. Aber bevor er zu dieser Perspektive kommen kann, braucht er Hilfe dabei, die Bedürfnisse zu integrieren, die er aus der egozentrischen Perspektive heraus hat erfüllen wollen. Wie gesagt, egozentrisch ist ein Bestandteil von ethnozentrisch, ist ein Bestandteil von weltzentrisch. Erst wenn ich gut für mich sorge, weiß ich wie ich für andere sorgen kann. Erst dann weiß ich, wie gut es sich anfühlt, gut versorgt zu sein und werde so motiviert sein, das auch in anderen zu erschaffen. Glück ist erst echt, wenn es geteilt wird. Und erst wenn ich das weiß, werde ich für alle sorgen wollen.

Das Thema Bewusstseinsentwicklung ist mit Sicherheit weitaus komplexer und es kann gut sein, dass ich in späteren Artikeln nochmal darauf eingehe zu erzählen, welche Erkenntnisse die Leute hervorgebracht haben, die ich eben alle genannt habe. Ich habe großen Spaß daran und lerne die Welt auf eine andere, liebendere und freiere Art zu sehen. Für den Moment soll dieses simple Modell aber reichen. Das Prinzip ist klar, hoffe ich.

Um es zusammenzufassen: Ich kann zwar machen was ich will, aber nicht wollen was ich will, denn was ich will wird immer sein, das Leben zu bereichern. Was ich als das Leben erkenne und welche Bedürfnisse mir als wichtig erscheinen hängt davon ab, wie entwickelt mein Bewusstsein ist. Das wiederum wird bestimmt dadurch, wieviel Gelegenheit ich hatte, meine eigenen Bedürfnisse zu erkennen und zu integrieren, so dass ich zu den Bedürfnissen anderer aufwachen, sie bemerken kann. Diese Gelegenheiten sind abhängig vom sozialen Kontext. Und um dieses „Bemerken“ herum entwickeln sich dann Bewusstseinsstrukturen, die aus Regeln, Glaubenssätzen, Ideen, Überzeugungen und Haltungen bestehen. Immer, wenn ich mehr Bedürfnisse erkenne und integriere, ändern sich diese Bewusstseinsstrukturen, werden weiter, umfassender, kohärenter.

Dann wäre da noch die spannende Frage, ob man in der Hirnforschung Wege finden könnte, Korrelate für diese Bewusstseinsstrukturen zu finden. Wahrscheinlich würden die vor allem offensichtlich, wenn es Änderungen gibt. Eine 40 Minuten Empathie-Session kann mehr Integration und Transformation bewirken als 6 Jahre Psychoanalyse, also wäre es sicher spannend zu sehen, ob sich das messen ließe.

Zuletzt noch ein paar Sätze zur Willensfreiheit: Ich glaube, sobald klar ist, dass wir nichts tun können, was wir nicht für gut befinden, wird das kein philosophisches Problem mehr sein. Es ist ungemein beruhigend, zu wissen, dass ich meiner Absicht vertrauen kann – selbst wenn das Bewusstsein nicht immer mitmacht. Und dass das so ist, wird klar, wenn ich jede meiner Handlungen aus der Perspektive heraus sehen kann, aus der heraus ich mich für sie entschieden habe. Wenn ich den Kontext und die Bedürfnisse sehe, die ich erfüllen wollte. Nur so ist es möglich dazu zu lernen, ohne den Respekt vor sich selbst zu verlieren. Und darauf kommt es doch an.





Willensfreiheit die Zweite

17 11 2008

Bei meinem Artikel über Willensfreiheit hab ich offenbar ein paar Punkte in meinem Gedankengang nicht explizit erwähnt und bin darauf hingewiesen worden. Also will ich versuchen, noch mehr darüber zu sagen.

Refuse hat geschrieben: „Das Libet-Experiment hat dich nicht besonders verwundert, aber gehen deine Gedanken weit genug? Ich denke wenn man sich die Frage stellt, ob es einen freien Willen gibt, so muss man sich zuerst der Frage stellen, ob man an eine Auftrennung in Körper und Geist glaubt.
Woraus bestehen denn Gedanken, Entscheidungen und körperliche Befehle, wenn es keinen Geist gibt?“

Ich kann es dir nicht sagen. Geist ist ja auch ein abstraktes Konzept für etwas, was wir nicht erklären, sondern nur benennen können. Angesichts dessen, was wir aber darüber (nicht) wissen, halte ich eine andere Sichtweise für sinnvoller. Für mich gibt es keine Auftrennung in Körper und Geist, sondern es gibt zwei verschiedene Perspektiven auf dasselbe Phänomen. Diese Perspektiven zeigen uns sehr verschieden aussehende Dinge, die aber implizit immer miteinander zu tun haben. Jeder Gedanke, den du denkst, wird ein körperliches Äquivalent haben. Jede Gefühlsregung, jede Wahrnehmung, die du von „innen“ her beschrieben kannst, steht im Zusammenhang mit etwas, was man von „außen“, in der dritten Person, sehen und beschreiben kann. Der Unterschied liegt nicht in der Substanz dessen was passiert, sondern nur in der Perspektive und der Art, wie es beschrieben wird, also welche Sprache benutzt wird. Während wir für Gedanken, Gefühle, Sehnsüchte, Vorstellungen etc. eine „Ich“-Sprache benutzen, gebrauchen wir eine „es“-Sprache für körperliche Vorgänge. So betrachtet wird es absurd zu fragen, ob Körper und Geist getrennt sind oder miteinander interagieren, der eine durch den anderen verursacht wird oder umgekehrt. Wir haben es hier mit Perspektiven zu tun und damit, wie ein Phänomen aussieht, aus einer dieser Perspektiven betrachtet. Eine dieser Perspektiven auf die andere zu reduzieren bewirkt nichts außer einen Verlust an Perspektive und damit an Information.

Was man aber tun kann ist zu fragen, inwiefern Ereignisse, die wir in einer „Ich“-Sprache beschreiben, Ereignissen entsprechen, die wir in einer „es“-Sprache beschreiben. Also z.B. zu schauen, welche Hirnaktivität mit dem Gedanken einhergeht: „Ich freu mich das Obama die Wahl gewonnen habe, hoffe aber auch, dass er keinem Attentat zum Opfer fällt.“ Wie genau und wie gut man das kann, hängt theoretisch von den Messinstrumenten ab. Die momentan mächtigsten für das Gehirn sind wohl EEG und fMRI. EEG erlaubt eine ziemlich hohe zeitliche Auflösung einer Aktivität (auf Millisekunden genau), ohne aber viel über ihren genauen Ort auszusagen, während fMRI verhältnismäßig ziemlich genau bei der Ortsbestimmung ist, aber immer nur mit Verzögerung misst. Die Aussicht, ganz genau messen zu können, was jemand denkt, ist wohl sehr gering. Ich hab allerdings vor kurzem von einem fMRI-Experiment gehört, bei dem man den Versuchspersonen sagte, sie sollen sich abwechselnd ein Tennis-Spiel oder etwas anderes (weiß nicht mehr genau) wie etwa einen Fernsehabend vorstellen. Und es wurden sehr bestimmte und von einander gut unterscheidbare Muster deutlich. Das könnte man z.B. nutzen, indem man Koma-Patienten beibringt bei einem „Ja“ an ein Tennis-Spiel zu denken und bei einem „Nein“ an einen Fernsehabend. Und so kann man schauen, ob sie einen verstehen, wenn man diese Muster wieder entdeckt. Den Satz mit Obama wieder zu erkennen, wäre dann also vielleicht auch möglich, wenn man einmal eine Ahnung hat, wie das Muster der Hirnaktivität aussieht. Aber da gibt es so viele Variablen und mögliche Variationen, dass man das induktiv, also ohne vorher zu wissen, was derjenige denkt, wohl nie herausfinden wird. Ist vielleicht auch nicht so nötig.

Vor diesem Hintergrund jedenfalls fällt für mich die Frage weg, ob wir von unserem Gehirn gesteuert werden. Denn diese Vorstellung unterstellt, dass das, was wir in der „es“-Sprache beschreiben grundsätzlich anders ist, als das was wir in der „Ich“-Sprache beschreiben, also ersteres letzteres kontrollieren kann. Aber das ist genauso sinnvoll wie zu sagen, dass die Vorderseite eines Gegenstandes ihre Rückseite hinter sich herzieht. Vor- und Rückseite können sehr verschieden sein, aber sie sind Vor- und Rückseite EIN und DERSELBEN Sache! Wenn sich die Vorderseite bewegt, muss sich auch die Rückseite bewegen und umgekehrt. Dementsprechend kann man nicht davon sprechen, dass das eine die Ursache für das andere ist. Sie kommen und gehen zusammen. Und so sehe ich es auch mit unserem Willen und dem Gehirn. Was ich möchte, was mir lieb und teuer ist, was ich plane und durchführe geht einher mit allerlei Aktivitäten im Gehirn. Das eine ist nicht ohne das andere möglich. Und weder ist das Gehirn Sklave des Willens, noch ist der Wille Sklave des Gehirns. Sie sind eins.

„Dies vorrausgesetzt gibt es also Entitäten in unserem Gehirn die für uns Entscheidungen fällen und sie anschließend unserem Bewusstsein mitteilen. Aber heißt das sofort, dass man keinen Einfluss hat auf seine Entscheidungen?“

Die Frage ist doch, was du mit Einfluss meinst. Woran würdest du merken, dass du welchen hast und woran würdest du merken, dass du keinen hast? Diese Frage hängt eng zusammen mit dem, was du dir wünschst, worauf du hinaus willst. Denn angenommen du tust etwas ohne ein Bewusstsein dafür, was du da tust und wie du’s tust (du kannst es nicht in Worten ausdrücken), dann ist das doch nur dann ein Problem, wenn du dir zuvor ein Ziel gesetzt hast und dieses unbewusst-automatische Verhalten damit in Konflikt steht. Wäre da kein Konflikt, würdest du dich vermutlich über die unglaublich weise und hilfreiche intuitive Intelligenz in deinem Körper oder Geist (wem auch immer du es zuschiebst) freuen.

Meiner Erfahrung nach hat alles was ich tue, egal ob bewusst oder unbewusst, einen Sinn. Das heißt, es ist immer der Versuch, das Leben zu bereichern, angenehmer, schöner zu machen. Ich habe also einen großen Spaß daran herauszufinden, welchen versteckten und geheimen Sinn ein unbewusstes Verhalten haben könnte. Wie im Artikel zur Enneagram-Sechs beschrieben, hab ich die Angewohnheit, direkt vom Schlimmsten auszugehen. Wenn ich jetzt behaupte, dass das an einem Ungleichgewicht in meinem Gehirn liegt, schaffe ich mir damit nur Probleme. Ich spalte mein Verhalten von mir ab, schaffe eine innere Trennung, die den Stress vergrößert. Außerdem nehme ich mir die Macht, mein Verhalten auf einer intimen Ebene zu verstehen. Es führt viel weiter, wenn ich mich frage unter welchen Umständen dieses Verhalten Sinn hätte. Und dann überprüfe ich, ob ich nicht vielleicht implizit von solchen Umständen ausgehe. Und es ist sehr klar, wenn ich einen Treffer gelandet habe, denn etwas löst sich dann, ich fühle eine Harmonie in mir und mehr Kraft wird frei durch das Verstehen und Bewusstwerden. Dieses Verstehen wäre es, was ich Einfluss nennen würde. Und diesen Einfluss haben wir immer. Er erlaubt mir auch, zu bestimmen ob meine Ziele, die zuvor unbewusst waren, in der Umgebung, in der ich mich finde, noch Sinn haben und das dann anzupassen. Und dann kommt es mir nicht mehr so vor, als würde mich irgendetwas in mir kontrollieren, was ich nicht kenne, sondern alles ist sehr klar und deutlich.

„Dazu ein paar Gedanken: Wenn man als Kind auf die Welt kommt, verhält man sich erst einmal impulsiv. Das reflektive Verhalten muss erst noch erlernt werden. Freud nennt diese Impulskontrolle bekanntlich das “Super-Ich” welches das “Ego” im Zaum halten muss.
Ist also das Erwachsenwerden das Aufgeben der Freiheit?“

Damit hast du schon die implizite Annahme gemacht, dass Freiheit bedeutet, seinen Impulsen ohne Bewusstsein dessen, was sie einem bedeuten und ohne Erwägung von Konsequenzen, folgen zu können. Und das sehe ich nicht so. Die Situation, die Freud umschreibt ist eine auf „halbem Wege“, wenn man so will. Denn natürlich wird man als Kind erleben, dass das Ausleben der Impulse Konsequenzen hat. Egal ob die einem gefallen oder nicht, es gibt Konsequenzen. Und wenn diese sehr unangenehm sind für das Kind, oder aber auch für andere in der Umgebung (aus welchem Grund auch immer), baut sich ein Erfahrungssystem auf, welches sagt „So geht’s gut, so lieber nicht.“ Das ist noch auf einer ziemlich oberflächlichen Verständnisebene, die in richtig und falsch einteilt. Oberflächlich, weil es nur eine mögliche Perspektive einräumt, statt der zahlreichen, die es auf jede Situation gibt. Dieses Erfahrungssystem hat Freud das Über-Ich genannt. Ich sage, dass das auf „halbem Wege“ ist, weil die Weiternentwicklung erfordert, die Erfahrungen des Über-Ich mit den Sehnsüchten und Wünschen des Ich zu integrieren. Und erst da gibt es wahre Freiheit: nämlich die Fähigkeit überblicken zu können, welche möglichen Konsequenzen eine Handlung oder Sichtweise haben kann und dann daraus zu wählen, abhängig davon, was man möchte. Frei sein von Konsequenzen geht nicht und ist auch nicht erstrebenswert. Schließlich würde das bedeuten, auch die angenehmen Konsequenzen los zu werden. Und wer will das schon. Aber in dem Maße, wie man die Konsequenzen einschätzen kann und versteht, kann man aus ihnen wählen.

Ich hoffe, dass das Thema Willensfreiheit und meine Sichtweise darauf so noch etwas klarer werden. Ich merke selbst, dass ich noch eine bessere Zusammenfassung davon machen und es kompakter sein könnte. Dieses Thema berührt so viele Teilbereiche, dass ich Mühe habe, das wesentliche herauszustellen. Vorschläge und Anmerkungen sind willkommen.





Willensfreiheit

4 11 2008

Mal wieder gibt es einen neuen Ansatz zur Vereinigung von Philosophie und Hirnforschung beim Thema Willensfreiheit:

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,582505-2,00.html

Und mal wieder finde ich, dass die Autoren am Knackpunkt der Frage vorbeireden. Ich denke das schon etwas länger. Grundsätzlich geht es bei dem Thema Willensfreiheit, so wie es bisher diskutiert wurde, immer wieder darum, zu definieren was Freiheit ist und ob dies für eine Person in einer bestimmten Situation gegeben ist. Dann wird Freiheit von Determinismus abgegrenzt und davon gesprochen, dass man von ersterem nur sprechen kann, wenn es Handlungsalternativen gibt. Schließlich ist die Rede von Wünschen und Charaktermerkmalen, die bestimmen, was man überhaupt sucht, wenn man Freiheit will. Letztere ließen sich vielleicht auch in neuronalen Strukturen finden und so von der Biologie-Seite aus untersuchen…

Ich merk, wie ich hierbei ungeduldig werde. Denn für mich ist das alles auf sehr wackeligem Eis gebaut – ehrlich gesagt ist mir nicht ganz klar, wie jemand damit zufrieden sein kann. Das Experiment, was überhaupt die Zweifel an der Willensfreiheit von neurobiologischer Seite erregt hat, hat Benjamin Libet 1979 durchgeführt. Dabei wurden Hirnströme mit einem EEG gemesse, während Leute aufgefordert waren, in einer bestimmten Zeit selbst zu entscheiden einen Knopf zu drücken. Wenn sie dies entschieden, sagten sie „Jetzt“. Und was nun für Aufsehen sorgte war die Tatsache, dass etwa 1500 Millisekunden vor dem „Jetzt“ schon ein Ausschlagen auf dem EEG zu messen war. Kurz, die Entscheidung scheint gefällt, bevor sie bewusst, das heißt verbal formuliert, zum Ausdruck gebracht wurde. Ich sage dazu: welch eine Überraschung! Darüber kann sich nur wundern, wer sich und seine Entscheidungsprozesse nicht besonders gut kennt, denke ich mir.

Denn ist es nicht immer unergründlich, wie wir etwas entscheiden? Ich meine, ich kann es jedes Mal rekonstruieren. Ich kann eine Skizze meiner Situation machen und erklären „So, siehst du? Das ist das sinnvollste und logischste was ich tun konnte.“ Und das ist dann auch logisch und einleuchtend. Aber ich spreche von dem Moment selbst, in dem ich zu einer Entscheidung gelange. Von der Sekunde, in welcher ein „Da geht’s lang“ auftaucht, ohne dass ich das hätte vorhersehen können. Und es fühlt sich wirklich an, wie ein spontanes Auftauchen aus dem Nichts. In etwa so, wie die Kurve auf einem Seismographen oder EEG aus dem Nichts auftaucht. Nun, was sagt mir das über Willensfreiheit?

Ich behaupte, die ganze Diskussion geht jedes Mal am Thema vorbei. Die Frage, was Freiheit ist, ist vollkommen uninteressant, so lange nicht geklärt ist, wer der ist, der sie hat. Was ist dieser Wille, dem wir so viel Freiheit zusprechen wollen? Das heißt, was meinen wir damit? Wovon sprechen wir da? Bin ich mein Wille? Ist mein Wille eine abgesonderte Entität, eine Kontrollfunktion? Und wenn ja, wer kontrolliert die? Wer bestimmt, was mein Wille zu tun hat und was nicht? Meine Wünsche und Bedürfnisse? Aber wo kommen die her? In der Debatte um die Interpretation des Libet-Experimentes ist die Rede von einem Kausal-Ursprung im Gehirn. Aber wieviel soll das denn bitte erklären? Inwiefern bin ich unterschiedlich von meinem Gehirn?

Unweigerlich führt das nicht nur zu der Frage „Wer oder was bin ich?“ sondern auch „Für wen halte ich mich?“ Und erst abhängig davon, für wen ich mich halte, kann ich entscheiden ob ich frei bin oder nicht.

Ich sage, dass die Frage nach dem Determinismus sich überhaupt erst stellt, wenn ich mich als isoliertes Individuum definiere, welches von allen möglichen Seiten angesprochen und gefordert wird, gewisse Bedingungen zu erfüllen. Derlei Forderungen kommen dann von meinen Mitmenschen, von meiner Physiologie und von den physikalischen Gegebenheiten meiner Umwelt. Aber auch von plötzlichen Gefühlswallungen, die ich mir nicht erklären kann, deren Ursprung und Sinn mir nicht bewusst sind. Wenn ich das alles als „Nicht-Ich“ wahrnehme, dann komme ich sehr leicht auf den Gedanken, dass diese Bedingungen bestimmen, wie ich mich verhalte. Und dass diese Bestimmung eine Fremdbestimmung ist. Und das ist eine direkte Folge davon, wo ich die Grenze zwischen „Ich“ und „alles andere“ ziehe. Wenn ich also denke, dass mein Gehirn ein Organ ist, was meine inneren Prozesse steuert, dann betrachte ich das Gehirn als „Nicht-Ich“ und von daher etwas, worüber ich keine Macht habe, dem ich unterliege. Wenn ich denke, dass meine Umwelt getrennt von mir ist, dann muss ich versuchen sie zu kontrollieren, sonst überrennt sie mich. Wenn ich andere Menschen getrennt von mir sehe, nehme ich sie als etwas war, was grundsätzlich „anders“ ist als ich, was also auch grundsätzlich andere Ziele hat und dementsprechen gefährlich werden kann. Wenn ich meine Gefühle nicht verstehe, gehen sie mir ins Gehege dessen, was ich in mir sehr wohl verstehe. Und damit sind auch sie etwas, was nicht Ich ist.

Ich glaube, der kritische Punkt ist, dass ich das, was ich nicht verstehe, zu dem ich keinen Bezug habe und in das ich mich nicht einfühlen kann, immer als etwas betrachten werde, was getrennt von mir ist. Und alles was getrennt von mir ist, kann mit mir zusammenstoßen, kann mich zwingen, kann mich zerstören. Und erst unter diesen Umständen wird es wichtig, einen Willen zu haben, der dagegenhält, der das, was ich verstehe, vom Rest abtrennt und es schützt. Diesen Schutz kann er nicht leisten, wenn es zu viele Forderungen von außen gibt. Und von daher die Idee der Willensfreiheit, als dem Zustand, in welchem man frei genug ist von Forderungen.

Aber ich finde, dass ich, so lange ich Angst vor irgendetwas habe, was es in der Welt gibt, nicht frei sein kann. Das heißt, so lange ich der Welt nicht mit Neugierde sondern Abwehr begegne. Für mich ist Freiheit das Bewusstsein, dass ich jederzeit wählen kann, wohin ich meine Aufmerksamkeit lenke. Und das ist etwas, was IMMER der Fall ist. Dementsprechend ist meine Freiheit nicht abhängig von äußeren Umständen (wie viel an Freiheit wäre das denn auch), sondern von meinem Bewusstsein darüber, dass ich schon frei bin. Wenn ich nun mit Urteilen und Befürchtungen durch die Welt gehe, wird meine Haltung eine der Abwehr sein. Und diese Abwehr wird die Notwendigkeit mit sich bringen, meine Aufmerksamkeit auf diesen Gefahren zu haben. Das hat den Effekt, dass ich die meiste Zeit gestresst bin. Will ich das? Lieber nicht. Entspannung und Offenheit gefallen mir besser. Und wenn es das ist, was ich will, worauf muss ich dann meine Aufmerksamkeit lenken? Oder wie überhaupt damit umgehen?

Ich sehe den Weg aus dieser „Gefangenschaft der Aufmerksamkeit“ darin, die Beziehung zwischen mir und allem anderen zu entdecken und zu verstehen. Nicht nur intellektuell, sondern auch „von innen heraus“. Zum Beispiel mit der Frage „Wie fühlt es sich an, du zu sein? Wie ändert deine Perspektive mein Gefühl davon in der Welt zu sein?“ Es geht darum, meine Isoliertheit als eine Bezogenheit zu entlarven. Denn wenn von diesem Standpunkt aus ich und du die Pole und Endpunkte EINER Beziehung sind, dann sind wir zwar explizit verschieden, aber implizit dieselben. Und das was dasselbe ist, kann nicht miteinander kollidieren. Je mehr ich das verstehe, und ich mach täglich Fortschritte, desto mehr Offenheit und spontane Annahme wird mir möglich und desto weniger denke ich überhaupt daran, ob ich frei bin und wer oder was etwas von mir fordert. Es wird einfach irrelevant. Das was du für dich willst, wirst du wollen, weil es dir gut tut. Ich will auch, dass es dir gut geht. Du bist ich, insofern, als ich mit dir in Beziehung stehe und dieser Prozess der Bezogenheit ich ist. Wenn ich gut für dich sorge, sorge ich gut für mich. Wenn ich gut für mich sorge, sorge ich gut für dich. Es ist nicht voneinander trennbar. Und in so einer Welt, in der ich mich nicht mehr für eine isolierte Entität halte, wird die Frage nach Determinismus oder Willensfreiheit überflüssig.