Verlassen und vereinnahmt werden

26 04 2012

Wahrscheinlich ist kaum ein Beziehungsthema so verbreitet und herausfordernd wie das der Nähe und Distanz. Diese Dynamik, die bei den meisten mit Verlassenheits- und/oder Vereinnahmungsangst einhergeht, beinhaltet, dass der eine Partner mehr Nähe will als der andere und dass sich das Verlangen des einen mit der Abwehr und dem Rückzug des anderen verstärkt und umgekehrt. Im Prinzip sind beide unglücklich und wissen nicht, wie sie zu einem entspannten Gleichgewicht kommen können. Die Hilflosigkeit, die damit einhergeht, diesen Konflikt nicht auflösen zu können, begleitet mich schon ziemlich lange. Meine Rolle in dieser Dynamik ist in der Regel, dass ich mehr Nähe will als mein Gegenüber. Das liegt wohl weniger daran, dass ich grundsätzlich mehr Nähe als andere Menschen brauche, sondern daran, dass ich mich von Frauen, die mehr Nähe zu mir suchen könnten als ich zu ihnen, schon von Vornherein eher fernhalte. Frauen, bei denen ich merke, dass ich bereit bin, sie ganz nah an mich heranzulassen, ziehen mich dann deswegen mehr an, weil ich wähne, auf diese Weise den anstrengenden Job des Grenzensetzens abgeben zu können. Das entspannt zunächst, hat aber auch seine Tücken, denn so gerate ich in die oft genauso anstrengende Rolle desjenigen, der vermeintlich mehr Kontakt und Nähe sucht als der andere.

Selten habe ich in meiner Klarheit mit dem Thema so einen großen Sprung gemacht, wie vor ein paar Tagen. Davon mag ich euch berichten, auf dass auch ihr davon profitieren möget.

Aus der Not heraus

Vor ein paar Tagen saß während eines Vortrages eine attraktive Frau neben mir (nennen wir sie Sophie), die ich nun schon ein kleine Weile kenne. Meine Gedanken wanderten immer wieder zu ihr hin, ich schaute zu ihr rüber und fühlte mich die meiste Zeit unruhig, beinahe verzweifelt. Ich wollte Nähe und war mit der Befürchtung beschäftigt, dass ich mit diesem Wunsch total alleine sein könnte – dass er nur als Last oder Bedrängnis wahrgenommen würde und dass ich selbst nichts tun könnte, um meine Lage zu verbessern. Meine inneren Stimmen sagten dabei so was wie: „Wenn Du’s hier nicht packst, Niklas, kannst Du das Thema Sex und Nähe gleich ganz vergessen!“ „Was brauchst Du denn noch?!? Es ist doch alles da!“ „ Sei kein Schlappschwanz und nimm Dir, was Dir zusteht!“ … und dergleichen mehr. Ich kenne diesen Zustand schon ziemlich gut und habe noch nie erlebt, dass ich darin weise Entscheidungen getroffen hätte. Von daher bin ich stolz, dass ich in besagter Situation aufgestanden bin und mich zurückgezogen hab, um Unterstützung zur Selbstklärung zu bekommen.

Klärung

Am nächsten Tag bekam ich die kostbare Gelegenheit mit Sophie über die Situation zu sprechen und zu überprüfen, wie es ihr erging und was es für Kontakt gebraucht hätte. Sie erklärte mir, dass sie am Vorabend schon sehr stark gespürt hätte, wie meine Aufmerksamkeit bei ihr war und wie sie dahinter ein starkes Wollen vermutete. Mich überraschte das nicht wirklich, denn so war es mir ja tatsächlich ergangen. Das starke Wollen hat Abwehr in ihr ausgelöst und sie fand schade, dass sie so eine Abneigung hatte, denn sie hätte sich eigentlich gerne an mich gekuschelt und hatte auch zuvor schon ausgedrückt, dass sie Nähe zu mir fühlt.

Dann sagte sie folgendes „Das heißt, ich wollte trotz meines Wunsches keine Nähe zu Dir, weil DU sie so stark wolltest.“ In meiner Erfahrung ist der Satz typisch für Menschen, die sich gerade vor Vereinnahmung fürchten und er gehört unbedingt zur Dynamik zwischen Vereinnahmungsangst und Verlassenheitsangst dazu. Er impliziert, dass Sophies Wunsch nach Nähe von meinem abhängt und zwar anti-proportional: Je mehr ich will, desto weniger will sie. Wenn das wahr wäre, gäbe es keine Hoffnung auf ein Zusammenkommen, so lange ich es will – eine tragische Interpretation die mich unweigerlich zum Verzweifeln bringt, so lange ich sie wortwörtlich glaube.

Ich schlug Sophie vor, den Satz umzuformulieren und zu elaborieren, was sie gerne annahm. Mein Vorschlag war: „Ich will gerade Distanz zu Dir, weil ich meinen eigenen Raum wahren und spüren will, was mir wirklich gut tut. Wenn ich Deine Energie so spüre, gerate ich schnell durcheinander und verliere Kontakt zu mir selbst. Ich will vertrauen können, dass es auch wirklich MEIN Wunsch nach Nähe zu Dir ist und nicht nur Deiner, bevor ich ihm nachgehe. Außerdem bekomme ich Angst, weil ich mich frage, was Du noch von mir willst, nachdem ich Dir doch schon gesagt hab, dass ich Nähe mit Dir schön finde. Was kann ich denn sonst noch tun?.“

Mit diesen Sätzen übernahm Sophie Verantwortung für ihre Grenzen und ihre Autonomie und eröffnete damit die Möglichkeit, dass ihr Selbstkontakt von meinem Wollen unabhängig ist, also auch beides gleichzeitig existieren kann. Total erleichternd! Das entspricht dem Prinzip aus der Gewaltfreien Kommunikation, dass zwar Strategien, aber nie Bedürfnisse im Konflikt miteinander stehen können. Strategien sind konkret, haben Bezug auf Personen, Handlungen, Objekte, einen Ort und einen Zeitpunkt – Bedürfnisse sind frei davon. In dieser Situation wären mein Wunsch, sie zu berühren bzw. berührt zu werden meine Strategie, und ihr Wunsch nach Distanz wäre die ihre. Meine Bedürfnisse sind die nach Nähe und Verständnis, ihre die nach Autonomie und Selbst-Kontakt. Das sind so allgemeine Begriffe, dass sie als Kriterien dafür dienen können, welche neue Strategie für uns gemeinsam passen würde, so dass alle Bedürfnisse berücksichtigt werden. Diese Perspektive beruhigt mich ungemein und nimmt ein ganzes Stück von der Dringlichkeit und Verzweiflung weg, da zumindest ein potentieller Weg sichtbar wird, der funktionieren könnte.

Abgesehen davon gab mir diese Formulierung die Gelegenheit zu erklären, dass ich das Vertrauen in ihren Wunsch nach Nähe zu mir schon wieder verloren hatte, aufgrund meiner Vorerfahrung mit dem Thema – eine Möglichkeit, auf die sie nicht gekommen war und die ein Stück mehr Verbindung schaffte.

Revolution

Nachdem Sophie sich sicher war, dass ich sie verstanden hatte, meinte sie, dass es toll wäre, wenn ich ganz bei mir sein könnte und sie als Frau entscheiden könnte, ob sie kommen oder gehen will. Den Wunsch hörte ich nicht zum ersten Mal und oft genug hab ich ihm zugesagt, ohne so richtig zu wissen, wie ich das machen soll und was es mir bringt, außer, dass sie dann zumindest ein bisschen wahrscheinlicher Zeit mit mir verbringen will. Geantwortet hab ich „Ja, ich versteh, dass das super für Dich wäre, aber ich bleib dabei auf der Strecke. Was ist denn, wenn ich die Nähe will und damit nicht ganz bei mir bleiben will? So, wie Du Dir das vorstellst, hab ich keine Möglichkeit etwas für die Nähe zu tun, wenn ich den Wunsch in mir spüre.“ Und genau mit der Verzweiflung laufe ich schon sehr lange herum. Ich sagte Sophie, dass mich das irre hilflos macht, dass ich fürchte, meinen Wunsch zu äußern, könne nur zu Ablehnung führen, weil er immer „zu viel“ oder irgendwie sonst belastend wäre. Um das zu verhindern, tu ich dann so, als wollte ich keine Nähe und sei wunderbar autark, bekomme sie so aber auch nicht, selbst wenn man mir das abnimmt (was selten genug der Fall ist). Eine lose-lose-lose-lose-lose-Situation!

Und plötzlich, wie ich so meiner Verzweiflung Ausdruck verlieh, nahm Sophie meinen Arm, hakte sich bei mir unter und sagte „Mmh, das ist wahrhaftig gerade, das mag ich.“ Ich war freudig überrascht und verwirrt. Jahrelang lauf ich nun mit diesem Thema herum, sage allen Betreffenden genau das, was ich hier wiedergegeben hab und bekomme zum ersten Mal Kontakt dadurch. Oder?

Ich schätze mal, dass das doch eine Premiere der Ehrlichkeit und Selbstverantwortung war, denn in dem Moment war mir die Wahrheit wichtiger als die Frage, ob Sophie mich danach noch mag. Ich hab ihr gesagt, wie’s für mich ist, ohne zu hoffen, dass sie mich daraufhin attraktiv findet oder auch bereit ist, auf mich zuzukommen. Mir war einfach nur wichtig, meine Position möglichst klar und unverblümt in den Kontakt zu bringen – und ich hatte das Vertrauen, dass Sophie an der Stelle ebenso gerne forschen wollte, wie ich.

Perspektivenklärung

Am selben Abend hab ich dieses Thema mit dem Pfingstritter Marcus von Schmude weiter vertieft. Durch ein Rollenspiel per Chat, bei dem wir jeweils Verlassenheitsangst und Vereinnahmungsangst vertraten, kamen wir noch auf folgende Erkenntnisse:

Ich, in der Rolle der Verlassenheitsangst, fürchte, der einzige zu sein, der in der Beziehung etwas will und dass ich damit dem Wohlwollen meines Gegenübers ausgeliefert bin. Das war neu für Marcus, also geh ich davon aus, dass es für die Gegenseite nicht offensichtlich ist.

Am Beispiel erklärt: wenn Sophie sich zurückzieht, fürchte ich, dass das heißt, dass nur noch ich für die Nähe und den Kontakt verantwortlich bin und dass (in der begrenzten gemeinsamen Zeit) nichts mehr passiert, wenn ich nichts dafür tue – auch kein Klärungs- oder irgendwie gearteter Annäherungsversuch. Unter Umständen bekomme ich Panik und fordere die Nähe um so heftiger ein; genau wie ich es getan hätte, wäre ich am besagten Vortragsabend meinem Impuls nachgegangen. Ohne Verständnis für meine Perspektive muss das für Sophie so wirken, als wollte ich sie kontrollieren, statt für Kontakt zu sorgen. Und damit nimmt das Drama seinen Lauf.

Marcus sucht in der anderen Rolle ebenfalls Kontakt, aber einen, wo er mit seinen eigenen Bedürfnissen und Wünschen wahrgenommen wird. Aus seiner Perspektive wirkte meine Rolle so, als wollte ich Sophie benutzen, um einen Mangel in mir auszugleichen. Und das auf unabsehbare Zeit. Das würde heißen, dass es dabei immer nur um mich ginge, nie aber um sie. Das löst u.U. ebenfalls Panik aus und so flüchtet sie, statt diese Vermutung zu überprüfen, um in Kontakt mit ihren eigenen Bedürfnissen zu bleiben – mehr oder weniger erfolgreich, und auf Kosten des Kontaktes, nachdem auch sie sich sehnt. Das wiederum war mir neu. Ich halte auch das für eine tragische Interpretation, da dieser “Mangel” sehr undefiniert und in Wirklichkeit wahrscheinlich leichter zu adressieren ist, als angenommen. Da geht also noch was!

Die gemeinsame Verstrickung

Schließlich merkten Marcus und ich, an welcher Stelle beide Positionen dasselbe Grundproblem haben: Egal ob Vereinnahmung oder Verlassenheit der Fokus ist, in beiden Fällen hängt die Beachtung und Achtung für die eigenen Bedürfnisse von der Aufmerksamkeit des anderen ab. Der, der die Nähe sucht, wünscht sich vom Gegenüber Bestätigung dafür, dass er Nähe haben darf. Und der, der die Distanz und Autonomie sucht, wünscht sich vom Gegenüber Bestätigung dafür, frei sein zu dürfen, was immer das im Konkreten heißen mag. So ketten sich beide aneinander und können vermutlich erst aus der Dynamik ausbrechen, wenn einer anfängt, seine Eigenverantwortung wahrzunehmen und sich der Wahrheit mehr verpflichtet, als der Gemeinsamkeit. Auf die Weise werden freie Verhandlungen darüber, was gemeinsam passt und die Bedürfnisse beider erfüllt, überhaupt erst möglich. Und genau da will ich hin!

Vielen Dank an Sophie (ich schätze, Du erkennst Dich, wenn Du das liest) und an Marcus für euren Beitrag zu dieser Möglichkeit!





Warum offene Beziehungen?

25 02 2010

Ich habe ja schon ein paar Mal etwas zur Möglichkeit einer offene Beziehung geschrieben. Ich will gerne noch ein paar Differenzierungen aufschreiben, die mir in letzter Zeit klarer geworden sind und die mir sehr wichtig erscheinen, damit sowas funktionieren kann.

Was bedeutet Beziehung?

Zunächst mal will ich eigentlich gar nicht das Wort Beziehung benutzen, da es ziemlich die Kommunikation erschweren kann – also ich sag’s und ihr stellt euch was ganz anderes, oder sehr eigenes darunter vor, was aber andere Implikationen hat, als das, was ich meine. Ich hab kürzlich eine schöne Unterhaltung darüber gehabt und dabei die Inspiration bekommen, nicht von einer Beziehung zu sprechen, sondern einer Entwicklung und dem momentanen Wunsch, zusammen zu SEIN. Also, es geht um sehr konkrete Dinge, die man gerne miteinander tun bzw. sein will. Das kann heißen, sich über die tiefsten Herzenswünsche auszutauschen, zusammen zu kochen, einen Spaziergang zu machen, sich zu küssen, gemeinsam die Wohnung zu putzen, eine Fernsehserie zu verfolgen, miteinander zu schlafen, von schönen und weniger schönen Erinnerungen zu erzählen, gemeinsam eine NGO zu gründen, den anderen für’s Bei-Sich-Ankommen alleine zu lassen, zusammen nach Bhutan zu reisen, gemeinsam zu lachen, zu weinen und still zu sein… ist das Leben nicht voller schöner Möglichkeiten?

Ich war mal in der Situation, wo ich sagte, dass ich eine Beziehung mit einer Frau wollte und sie sich dagegen heftigst gewehrt hat. Damals war mir noch nicht klar, was Beziehung bedeuten kann und welche Assoziationen daran festhängen. Aber ich hab mich relativ schnell gefragt:

“Was meine ich konkret damit? Was will ich? Und vielleicht ist das, was ich will, gar nicht so anders, als was sie will, bloß nennt sie’s anders? Und selbst wenn das nicht so ist, vielleicht ist das, was wir wollen, auf konkreter Ebene verhandelbar?”

Ich hab nicht mehr viel Zeit mit dieser Frau verbraucht, aber ich merke in jedem Fall, dass ich gerne sehr genau weiß, was ich im Zusammensein mit einem anderen Menschen tun will, denn sonst gerate ich schnell in die Falle, dass ich und die andere Person in einer Beziehung eine Rolle bekommem, der wir gerecht werden “sollten”. Und das ist meist keine Rolle, die wir freiwillig wählen würden, womit wir üblicherweise Angst um unsere Autonomie bekommen. Und unter diesen Umständen fällt es schwer, das Geben und Empfangen von Herzen zu leben, was ich mir wünsche.

Von daher scheint mir das also als erstes wichtig zu sein: den Begriff “Beziehung” in konkrete Vorstellungen zu übersetzen, die eine konkrete Realität haben, beobachtbar und machbar sind. Darüber können wir uns verständigen. Alles andere ist nicht machbar, also auch nicht verhandelbar. Ich glaub, da verrennen sich unzählige Menschen… und werden sehr unglücklich dabei, weil sie letztlich nicht bekommen, was sie wollen, weil sie’s nicht sagen können…

Offene Beziehungen

Wenn ich also weiß, was ich mit einer Beziehung, bzw. Zusammensein mit einer Person meine, kann ich mich fragen, was hier “offene Beziehung” bedeutet. Und da merke ich, braucht es nicht nur Klarheit darüber, was ich da konkret tue und will, sondern auch, was meine Motive sind.

Konkret stell ich mir darunter zunächst mal vor, dass ich Intimität mit mehr als einer Frau leben kann (also mit ihr kuscheln, sie küssen, mit ihr schlafen, je nachdem), ohne dass das das Zusammensein mit den anderen Frauen, die mir nahe sind, grundsätzlich in Frage stellt. Das sind meistens die heißen Themen. Es kann natürlich auch um Zusammenwohnen, Kinder kriegen und dergleichen gehen, aber das klammer ich erstmal aus.

Die Rolle der Liebe

Warum sollte man sowas wie eine offene Beziehung wollen? In “Der Mythos der anderen Hälfte” hab ich beschrieben, wie für viele Menschen Liebe zu bedeuten scheint, endlich vollständig zu sein. Und dass es eine Verwirrung darüber gibt, woher diese Vollständigkeit kommt. Für gewöhnlich wird das wunderbare Gefühl des Sich-Öffnens und freimütig Zeigens bestimmten Eigenschaften des geliebten Menschens zugeschrieben. Also, ich bin vollständig, weil ich dich hab und du so und so bist. Ich hab dem entgegen gesetzt, dass es mehr darum geht, dass ich mich in Gegenwart eines anderen Menschen voll erlebe und ohne Scham oder Angst, mich ganz zu zeigen. Statt der Scham fühl ich dann meine eigene Schönheit und die des anderen. Und dann bin ich gern mit der Person zusammen, um das erleben und gemeinsam genießen zu können. Der Unterschied liegt darin, dass ich im letzteren Fall mehr Kontrolle und Verantwortung dafür erkenne, dass ich mich so öffne.

Wahrscheinlich haben wir das alle mal mehr oder weniger erlebt. Vielleicht nicht in der Tiefe, vielleicht auch nur ganz kurz, vielleicht wurde auch nur mal die Sehnsucht danach wach, die Möglichkeit erschien am Horizont, ohne dass sie sich erfüllt. Vielleicht aber ist euer Leben auch voll von solchen Begegnungen. Ich wünsche es euch zumindest. Aber je nachdem, was ihr damit erlebt habt, werdet ihr wahrscheinlich unterschiedliche Haltungen gegenüber Intimität und Nähe gegenüber anderen Menschen haben. Und mir scheint, dass zwei sehr unterschiedliche Haltungen sich beide mit einer offenen Beziehung vertragen.

Offenheit als Flucht

Die eine Haltung, die ich präkonventionell nennen will (relativ zur Konvention der Monogamie), entsteht aus dem Erlebnis, einem Menschen sehr nah gekommen zu sein, die Sehnsucht nach Liebe in voller Wucht gefühlt zu haben und dann… alleine gelassen worden zu sein. Wenn ich diese Sehnsucht komplett diesem Menschen zuschreibe, der sie ausgelöst hat (und selten sieht jemand einen anderen Weg, denn schließlich lernen wir Liebe ja durch die Begegnung mit bestimmten Menschen kennen), dann ist es wahrscheinlich, dass wir aus diesem Erlebnis Schlussfolgerungen ziehen. Diese bestimmen dann unsere Haltung zu unserer eigenen Sehnsucht, unserem Bedürfnis nach Liebe, zu anderen Menschen und der Welt als ganzem. Und ein Satz, der besonders förderlich wäre für den Wunsch nach offenen Beziehungen im präkonventionellem Sinn, ist: “Wenn ich meine Sehnsucht voll zeige, verliere ich denjenigen, der mir da gegenüber steht.” Um dem aus dem Weg zu gehen, lasse ich mich dann auf niemanden mehr wirklich ein. Also keine Frau kann mir so nahe kommen, dass sie meine Sehnsucht berührt, denn “sie hielte das ja gar nicht aus und ich wäre wieder alleine – was nur bestätigen würde, dass mich niemand lieben kann.” Mit mehreren Menschen körperliche Intimität zu teilen, wäre dann ein Weg, diese potentiell bedrohliche Situation zu meiden und zumindest immer einen Ausweg zu einer anderen Frau zu haben, falls es mit der einen heikel wird. (Ich schreibe das aus männlicher Perspektive, für Frauen gilt das natürlich genauso.)

Ich nenne das präkonventionell, weil mir, abgesehen von ehemals politischen und noch immer brandaktuellen Kindererziehungs-Gründen, die Monogamie als Konvention den Sinn zu haben scheint, eine gewisse Tiefe im Kontakt zu erlauben. Das heißt, wenn die Kontinuität des Zusammenseins einigermaßen gewährleistet ist, ist es sicher genug, mehr von mir zu zeigen und ein Vertrauen darin zu entwickeln, dass der andere wirklich gern empfängt, was ich von mir zeige. Gerade, wenn ich das gar nicht gewohnt bin, kann die Kontinuität sehr wichtig sein, bevor ich bereit bin, mich zu öffnen. Wir nennen das für gewöhnlich Treue. In einer offenen Beziehung präkonventioneller Art gibt es aber keinen Rahmen dafür, sondern der Sinn ist gerade, diesen tieferen Kontakt zu vermeiden. Kinder hätten in dieser Umgebung wohl auch wenig zu suchen, bzw. wäre es sehr schwer einen stabilen Rahmen für sie zu bekommen.

Offenheit als Überfluss

Mir ist wichtig, diesen sicheren Rahmen zu schaffen und auch, ihn für mich zu haben. Diesen Teil der Konvention möchte ich mitnehmen, wenn ich mich frage, wie Zusammensein für mich aussehen soll. Denn ich möchte sehr gern diesen tiefen Kontakt erleben, bei dem sich mein Herz ganz weit öffnet und ich den Mut habe, all meine Sehnsüchte preis zu geben. Ich merke nur, dass, wenn sich dieser Kontakt tatsächlich herstellt, ich ihn nicht nur mit einer Person teilen will. Nicht, weil mir das nicht genug wäre und ich nach mehr giere, sondern, weil ich so reich beschenkt bin, dass ich vor Offenheit und Liebe überfließe. Es ist eine enorme Inspiration, bei jemandem ganz anzukommen. In dieser Inspiration und diesem Reichtum, werde ich sehr großzügig, verliere die Angst hinter meiner Eifersucht und werde neugierig auf Menschen, die ich vielleicht sonst nicht so leicht an mich ranließe. Ich hab noch nie Ecstasy genommen, aber den Beschreibungen nach ist das genau so, bloß ohne die Nebeneffekte…

Das nenne ich also den postkonventionellen Grund dafür, eine offene Beziehung führen zu wollen. Er beruht gerade auf der tiefen Begegnung mit einer bestimmten Person und der Kontinuität, dem gemeinsamen Wachstum und der Entwicklung und einem Umgang miteinander, der darauf ausgerichtet ist, diese Tiefe und Offenheit zu pflegen. Als postkonventioneller Grund schließt er außerdem das Vertrauen mit ein, was in der Monogamie gesucht wird, definiert aber das Wort Treue um in Treue zu sich selbst und Transparenz mit dem anderen. Das fordert natürlich wesentlich mehr von einem Menschen, als die präkonventionellen oder konventionellen Formen des Zusammenseins, aber es erlaubt auch mehr Fülle und Möglichkeiten. Die üblichen Regeln und Absprachen gelten nicht mehr, aber es ist dennoch wichtig, voneinander zu wissen, was einem gut tut und was nicht. Von daher fordert so ein Zusammensein vor allem Klarheit und Verantwortung für die eigenen Gefühle und Bedürfnisse, so dass die vermittelt werden können, ohne vorschnelle Annahmen zu machen oder zu erwarten, dass der ander besser weiß, was ich brauche, als ich selber (und ihn dann dafür zu kritisieren, nicht auf mich achtgegeben zu haben).

Ich empfinde das als große Herausforderung, im postiven, wie im negativen Sinne. Das heißt, ich merke, wie ich an dieser Stelle wirklich sehr klar sein und Position beziehen muss, damit der Kontakt schön ist, womit ich mich selbst auch besser kennenlerne. Zuweilen fühl ich mich auch überfordert, habe Angst mich zu zeigen und mein Gegenüber zu verlieren. Ich glaub aber, dass es eine Kunst gibt, diesen Kontakt in seiner Tiefe immer wieder zu finden und gleichzeitig ihn mit Leichtigkeit mit vielen Menschen zu leben. Das möchte ich gerne.





Post-IIT-Reflektionen

19 06 2008

Ich sitze auf einem Sofa in einem Haus oestlich von Albuquerque. Das Haus gehoert Anthony, einem Freund von Jason und L’aura, zwei neuen Freunden vom IIT. Mir geht es gut. Das IIT ist am Dienstag zuende gewesen, es gab viele Abschiede, viele Umarmungen und bewegende Worte. Gleichzeitig bin ich froh um meine Ruhe. Es ist schoen aber auch anstrengend neun Tage lang mit den eigenen Emotionen so wie auch denen der anderen so stark in Beruehrung zu kommen. Und insgesamt brauche ich Balance und etwas Ruhe.

Was ich aus dem IIT mitnehme sind Freunde, Kontakte, Unterstuetzung. Die koerperliche Erfahrung von Vertrauen, Einfuehlung, dem reinen Genuss vom menschlichen Kontakt ohne extrinsischem Motiv. Letzteres finde ich ganz besonders wertvoll. Es ist die Klarheit und Ruhe, mit der man einfach neugierig sein kann, wie es dem anderen gerade geht. Es geht nicht darum, etwas daraus zu gewinnen, fuer die Zukunft zu sorgen oder zu ueberzeugen, sondern um den reinen Kontakt. Und mir ist klar, dass es das ist, was ich an der Gewaltfreien Kommunikation, nein, an Marshall Rosenberg so schaetze: nicht die Technik, die Erfahrung, die Begriffe und Ideen. Es ist die Entscheidung, diesen menschlichen Kontakt zur obersten Prioritaet zu machen. Nichts geht darueber. Und das ist wirklich eine Entscheidung, die ich immer wieder treffen muss. Niemand kann mir die abnehmen. Sie erfordert Bewusstheit und Mut. Aber es lohnt sich, sich immer wieder zu fragen: “Wie will ich wirklich leben?”

Diese Frage half mir, mich daran zu erinnern, dass ich mich schon vor Rosenberg mit der Frage der Einigung der Menschen beschaeftigt habe. Und so bedankte ich mich bei Marshall in der Closing Session dafuer, dass er mich in meiner Mission, meinem Sinn unterstuetzt und genaehrt hat. Das gab mir ein ganz anderes Gefuehl, staerker und mit mehr Vertrauen. Marshall hat seinen Teil getan, es ist mein Weg, den ich hier gehe. Er war jedenfalls sehr froh, mir darin geholfen zu haben. Valentina sagt, dass wir uns wohl bald wiedersehen, sich darueber freuend, dass ich so “hartnaeckig” bin.

Am Sonntag gab Marshall eine Praesentation ueber “Giraffes around the world”. Er zeigte Fotos von Workshops mit Leuten, die ihm Zugang zu Laendern wie Israel Palaestina, Ruanda und andere ermoeglicht haben. Auf einem Foto sieht Marshall sehr besorgt aus. Er schaut auf Kinder, deren Eltern im Genozid in Ruanda umkamen. Das Bild half mir sehr, eine Verbindung zu Marshall zu finden. Ich konnte mich selbst an seiner Stelle sehen.

Auch half mir eine Unterhaltung mit ihm, in welcher ich ihn danach fragte, wie er mit all den Gratis-Diagnosen umgegangen ist, die er bekommen haben muss, als er anfing alles mal ein wenig anders zu machen als die anderen, z.B. nachfragen, wie Leute sich fuehlen und was sie brauchen. Und er sagte mir, dass er natuerlich Reaktionen bekommen hat, die ihn aengstigten und Beziehungen komplizierter machten. Aber fuer jede dieser Reaktionen bekam er zehn andere von Leuten, die froh und gluecklich darueber waren, dass er nachbohrte, mehr Verbindung suchte und was Neues ausprobierte. Ich sagte, dass ich dann lieber anfange zu sammeln.

So sehr ich schaetze, dass ich auf dem IIT mit den anderen den GfK-Jargon benutzen konnte, etwas in mir straeubt sich mehr und mehr dagegen. Ich will meine eigene Sprache haben und universell ausdruecken koennen, worum es dort geht. Und ich glaube eines der Prinzipien hinter Beduerfnissen ist, dass man damit sagt, was man will und nicht, was man nicht will. Das ist sehr viel maechtiger und befreiender als jedes “ich will nicht”. Hinzu kommt, dass man von Lebensqualitaeten spricht und sie erst in der Bitte konkretisiert. Das gibt viel Spielraum und Freiheit fuer Kreativitaet. So lange ich nur weiss, was ich nicht will, weiss ich nicht, was ich will. Das heisst, der eigentliche Schatz liegt noch vergraben.

Ein Beispiel was ich hier besonders tricky finde ist dieses: “Ich will keine intime Beziehung mit dir.” Wie kann man das positiv ausdruecken? “Wir koennen ja Freunde bleiben.” zaehlt nicht, weil es zum einen noch immer impliziert, dass man NICHT mehr will und zum anderen schliessen sich intime Beziehung und Freundschaft ja nicht aus. Man koennte sagen “Ich fuehle mich nicht hingezogen zu dir.” Ist immer noch negativ gesagt, aber da steckt schon drin, dass man sich gerne zu jemandem hingezogen fuehlen moechte. Wir haben im IIT ein bisschen untersucht was das eigentlich heisst und ich fand zwei Prinzipien darin ganz treffend. Das eine waere ein Sinn fuer Schoenheit (ich druecke es vage aus, weil das sehr verschiedene Entsprechungen haben kann) und das andere so etwas wie Resonanz, eine Spannung, Neugierde, ausgeloest durch gemeinsame Interessen, Ansichten, aber auch unterschiedliche Ressourcen und Hintergruende. Ich finde es sehr convenient “Seeing you meets my need for beauty.” sagen zu koennen. Ich wuenschte, ich faende eine Formulierung, die dasselbe sagt, ohne das Beduerfnis nennen zu muessen (ich rechne einfach nicht damit, dass das rueberbringen wuerde, was ich meine). Denn ich will nicht sagen “Du BIST schoen.” Das ist einfach nie wahr, sonder hat nur Wert in Bezug auf mich, der dich sieht. Und manchmal aendert sich dieser Eindruck auch ueber die Zeit. Ich bin nicht derjenige, der dich definiert. Ich will nur ausdruecken, wie es mir geht. Und wenn ich nun mal jemanden oder etwas um mich herum habe, was ich schoen finde, dann passt es am besten zu sagen “Dich zu sehen erfuellt mein Beduerfnis nach Schoenheit.” Ehrlicher kann es nicht sein.

Wenn ich also sage “Ich will keine intime Beziehung mit dir” und moechte mehr Schoenheit in meinem Leben haben, dann will ich das positiv und ehrlich ausdruecken koennen, ohne zu implizieren, dass du nicht schoen bist. Denn du bist weder schoen noch haesslich, sondern einfach du. Aber mir ist klar, dass das wohl mehr davon abhaengt, wie du ueber dich denkst, als wie ich darueber denke. Wenn du es nicht besser weisst, hoerst du eine Zurueckweisung, egal wie ich’s sage…

Trotzdem. Mir selbst bewusst zu sein, dass ich nach Schoenheit und Resonanz suche, hilft mir, eine Richtung zu finden und Entscheidungen zu faellen. Das finde ich wertvoll.

Ich habe waehrend des IITs eine Unterhaltung mit Josh gehabt und wir haben die Frage untersucht, wie man um Zuneigung, Beruehrung, Kuscheln fragen kann, ohne die Gefahr, sich selbst zu verlieren. Und uns fiel auf, dass das sehr schwer ist, so lange man den Wert der eigenen Beduerfnisse daran misst, wie bereit andere sind, auf unsere Bitten einzugehen. Und wenn ich dann eine Bitte habe, deren Erfuellung fuer mich einen Ausdruck von Liebe bedeuten wuerde, ist es besonders schmerzhaft, ein “Nein” zu hoeren. Wir einigten uns also darauf, eine Unterscheidung zwischen Beduerfnisse wertschaetzen und Beduerfnisse erfuellen zu beachten. Eine Bitte zu aeussern wird gleich viel weniger beaengstigend, wenn das klar ist.

Ein Lied was mich zum Weinen brachte:

When I come gently to you I’d like you to see

It’s not to get myself from you, it’s just to give you me.

And I know that you can not give me me, no matter what you do.

All I ever want from you is you.

I know your fear of fences, your pain from prisons past.

I’m not the first to sense it and I’m plainly not the last.

The hawk within your heart’s not bound to earth by fence of mine,

Unless you aren’t aware that you can fly.

When I come gently to you I’d like you to know

I come not to trespass your space, I want to touch and grow.

When your space and my space meet, each is not less but more.

We make our space that wasn’t space before.

When I come gently to you I’d like you to see

It’s not to get myself from you, it’s just to give you me.

And I know that you can not give me me, no matter what you do.

All I ever want from you is you.

Marshall spielte es zum Thema “Celebrations” und ich brach so in Traenen aus. Alaetsea sass neben mir, kraulte mir den Nacken und nahm mich sanft in den Arm. Rachid nahm meine Hand. Marshall fragte, was los sei. Diejenigen von euch, die mich gut kennen, koennen sich vielleicht vorstellen, welche Erinnerungen dieses Lied in mir weckt. Es tut weh, diese Verbindung zu wollen und dann so wahrgenommen zu werden, als wollte ich dir etwas wegnehmen. Als naehme ich dir deine Freiheit, die dir niemand geben kann, ausser du selbst. Ich will beruehren und wachsen, nicht deine Grenzen ueberschreiten. Ich will mich geben und nichts von dir ausser dich.

Umgangssprachlich nennt Marshall “celebrations” “unsneaky bragging”, also so viel wie “nicht-heimliches Angeben”. Es bedeutet, sich klar zu machen, wie man das Leben bereichern konnte. Wenn ich daran denke, das ich heute mit Anthony und Tom eine Wanderung gemacht habe und uns das erlaubt hat, uns kennenzulernen, Gedanken auszutauschen, Interessen zu teilen, bin ich ganz relaxt, beruehrt und froh. Anthony bot mir an, immer wieder kommen zu koennen. Ich hab ein Zuhause hier, sagte er. Ist das nicht wunderbar und zum feiern?

Jeden Morgen waehrend der neun Tage gab es eine Morgen-Session mit dem Zweck, uns an den Sinn und unsere tiefste Sehnsucht zu erinnern, nach der wir leben wollen. Eines Morgens spielte ich dieses Lied, singend mit Gitarre:

Do you dream the same dreams I dream

I wonder if we value the same things

I love the joy, I love the tenderness,

Honesty and empathy bring.

Do you dream of a world where each person

Is always an end and not a cog?

Where mistakes don’t require

Damnation or hellfire

Just a little loving dialogue.

Do you dream of a world where your feelings

Bring life whatever they might be?

Where you can freely express them

Dive in and not regret them

Bring union to the world of you and me

Do you dream of a world where touching

Enriches, nurtures and soothes?

Where the people are willing

To say no to killing

And Arabs dance in peace with the Jews.

Do you dream of a world where the people

Are conscious of our shared humanity?

Where love without conditions

Shines through all of our actions

And living flows with joyful energy.

Do you dream the same dreams I dream

I wonder if we value the same things

I love the joy, I love the tenderness

Honesty and empathy bring.

Ich habe wunderbares Feedback darauf bekommen und weiss nun, dass ich nicht der einzige bin, der davon traeumt. Der Song ist von Marshall und ich habe zwei Strophen hinzugedichtet. Norman hat das Mikro gehalten und sagte nachher, es sei schwer gewesen, da ihm so die Traenen kamen, dass er am liebsten die Augen geschlossen haette, was aber bedeutet haette, dass er mir wahrscheinlich das Mikro in den Mund gestopft haette. Er meinte, ihm kaemen auch die Traenen wenn Marshall singt, aber dann ist es aus einem anderen Grund ;-) Marshall hat wunderbar grumpy geguckt als er das hoerte :-D

Ich freue mich darauf einige Leute im Laufe der Zeit zu besuchen. Heather und Neil wohnen in Vancouver, das heisst, noerdlich davon, wo man nur mit dem Boot hinkommt. Jason und L’aura wohnen in Auroville, an der Suedspitze von Indien. Bob wohnt in Washington, David Goliath in Denver zusammen mit David. Jan, Owen und Devi kommen aus Hawaii. Rachid kommt aus Malmoe. Anne, Minerva und Sophie kommen aus Montreal. Heather-Ann ist aus Minneapolis. Gosia ist aus Polen, Karin-Regina aus Oesterreich. Aleatsae und Oz kommen aus San Fransisco. Bei ihnen und vermutlich allen anderen auch, habe ich nun eine Couch ;-)

Ich werde wahrscheinlich im Laufe der Zeit noch mehr Anekdoten erzaehlen.

Morgen Nacht nehme ich den Bus nach San Diego. Dort werde ich Akasha wiedersehen, die mit beim IIT war. Mit ihr fahre ich am Sonntag nach Santa Cruz. Vom 22. bis 27. Juni findet dort ein NVC FunFest statt, ein weiterer NVC-Retreat. Ich habe Platz dort und freue mich auf eine Menge weiterer Leute. Danach besuche ich Aleatsae in Oakland und am 30. Juni geht es wieder an die Ostkueste. Ich bin nicht das letzte Mal hier, sicher nicht.





Schnee

19 03 2008

Mehr als die Hälfte des März ist vergangen und es liegt noch immer Schnee in Montréal. Viele klagen darüber, manche ärgern sich richtig, andere nutzen den Schnee. Ich erkläre kurz wozu.

Heute war ich sehr gut gelaunt und hab auf dem Nachhauseweg vor der Haustür die Nachbarn gesehen, die dabei waren, ihr Auto von Schnee zu befreien. Das ist mitunter nicht einfach, unter den Rädern liegt Eis und man kommt nicht raus, weil die Räder durchdrehen. Ich ging erst ins Haus und dachte dann, dass ich die Gelegenheit, meine Energie zu teilen nicht verstreichen lassen kann. Also bin ich rausgegangen und habe spontan meine Hilfe angeboten. Sie sagten, es sei “super-gentil” und ich könne beim Schieben helfen. Es hat etwas gedauert, die beiden, ein Paar, haben sich ein bisschen gestresst (Er: Tu n’écoutes pas! Sie: Je fais ce que je peux!) und schließlich hat noch jemand geholfen. Letztendlich hat’s geklappt, sie haben sich gefreut und sie stellten sich mir vor. Mathilde sagte, sie sei Friseuse und hat mir einen gratis Haarschnitt angeboten, “because you’re the champ of the day!” Sehr cool fand ich das, habe mich total gefreut. Genau was ich brauchte, meine Haare werden immer länger und so erledigt sich das.

Ohne Schnee hätt’s die Gelegenheit nicht gegeben…

Es gibt mehr zu erzählen, aber das wird warten müssen. Auf bald.





Interim-Behausung und Lob für’s Hirn

16 01 2008

Ich sitze gerade in einem gut geheizten Zimmer in Mile-End, trinke O-Saft und ruhe mich ein wenig aus. Neben mir liegt offen die Zeitschrift mit dem Titel “Sciences et avenir”. Mein Laptop steht auf einem imposanten Computertisch zusammen mit Geräten, deren Dioden wild flackern. An der Wand des Zimmers hängen chinesische Kalligraphien und ein chinesisches Landschaftsbild, welches ich sehr schön finde. Auf dem Nachttisch liegt ein Buch. “Unconditional Love” steht darauf. Außerdem gibt’s ein großes Bett, Fernseher, Schrank und, was ja wohl in jeden ordentlichen Haushalt gehört, ein Fernrohr.

Das hier wird nicht mein Zimmer für die nächsten Monate, dafür aber für die nächsten paar Tage. Ich bin raus aus der Jugendherberge, um es etwas gemütlicher und billiger zu haben. Amin, dem das Zimmer gehört, hat für ein paar Monate einen Job in New York City und vermietet das Zimmer unter. Ishlam (oder Islam?), sein marokkanischer Zimmergenosse, hat mir gestern Abend nach einem angenehmen, lockeren Gespräch den Schlüssel gegeben, so dass ich heute morgen hier rein konnte, während er schon bei der Arbeit war. Ishlam meinte, am Wochenende kommen Freunde vorbei, Franzosen vor allem. Ich bin gespannt darauf. Wenn’s mir nicht gefällt, kann ich mich noch immer zurückziehen.

Irgendwie mag ich mit der Zimmersuche nicht aufhören. Es ist doch zu spannend. Es ist ein guter Grund, wildfremde Leute anzurufen und sie zu fragen, ob man vorbei kommen könnte. Dann trifft man sich, unterhält sich. Weniger, wenn man nicht viel zu sagen hat, und mehr, wenn es lustig ist und einem Ideen und Impulse gibt. In jedem Fall hat es sich gelohnt. Ich frage mich ja, wann ich mir erlaube das auch zu tun, ohne einen Grund dazu zu brauchen, der über den Wunsch nach Kontakt hinausgeht.

Ist euch das schon mal aufgefallen? Dass man dazu immer einen Rahmen sucht, in welchem es akzeptabel ist, sich Leute zu suchen, mit denen man gerne zu tun hätte. Ich habe nichts dagegen, ich mache das auch so. Aber es sagt etwas darüber, wie wir kulturell zu dem Wunsch nach Verbindung stehen. Er hat offenbar nicht Priorität. Sicherheit hat Priorität. Wenn ich was mache, was zum Hauptziel hat, sicher zu sein in der Versorgung meiner Grundbedürfnisse, dann ist es prima, wenn ich dabei Leute kennen lernen, so nebenbei. Es ist vernünftig und “goed meegenomen” wie die Niederländer sagen. Aber es ist nicht so leicht zu sagen “Ich such jetzt mal Leute”, hinaus zu gehen, an einer Tür zu klingeln und zu gucken was kommt. Auch wenn das, wenn man die kulturellen Regeln mal beiseite lässt, doch irgendwie das Naheliegendste wäre…

Soziale Netzwerke wie facebook machen das sehr viel einfacher. Man hat eine grobe Idee, was die andere Person interessiert und kann darauf eingehen. Gemeinsam einem Thema Aufmerksamkeit zu schenken ist eben einer der Pfeiler für funktionierende Beziehungen. Wenn das fehlt, wird es schon schwierig. Aber es ist nicht genug. Dazu kommt Gefühlsresonanz (z.B. nicht laut PAAAARTYYY schreien, während der andere offensichtlich müde ist ;-) ) und das Verstehen der Motive des anderen. Da waren noch zwei andere Faktoren, aber die habe gerade vergessen. Egal. Die drei finde ich schon gut zu wissen.

Mein Gehirn hat sich tatsächlich um’s Französisch gekümmert. Ich habe die drei Vorlesungen, die ich diese Woche hatte, schon wesentlich besser verstanden als letzte Woche. Ich spreche auch leichter und verstehe auch Leute besser, die auf der Straße an mir vorbeigehen und sich unterhalten. Das ist erleichternd und macht Spaß. Ich bin überrascht und fasziniert von dieser recht schnellen Entwicklung. Und ich darf darauf hoffen, dass das so weitergeht.

So manch einer von euch wird auch den Mythos mit sich herum tragen, dass man einfach sprechen, sprechen, sprechen muss, um eine Sprache richtig gut zu lernen. Ich nenne das einen Mythos, weil ich nach meiner Erfahrung nicht glaube, dass das der Punkt ist. Es ist sicher eine notwendige Bedingung, aber keine hinreichende. Viel wichtiger ist in meinen Augen das Vertrauen, dass die Sprachfertigkeit einem Verbindung und bereichernde Beziehungen erlauben wird. Es geht so viel schneller, wenn man im entsprechenden Land ist, weil dort die Wahrscheinlichkeit auf Verbindung eben so viel höher ist, wenn man die Sprache kann. Und dann ist es auch nicht schwer, die Energie zu mobilisieren, die nötig ist, um das zu lernen.

Das ist für mich persönlich DAS Motivationskriterium schlechthin! Und es wird immer wieder übersehen! Ohne Beziehungen läuft nichts! Man wird müde, alles wird sinnlos und öde und dann kriecht von hinten der Stress herauf, dazu Schuld oder Scham, weil man ja meint, es müsste einfach so gehen, wenn man sich nur anstrengt. Pustekuchen! Dafür sind wir nicht gemacht!

Nach wie vor ist Verbindung das wichtigste für mich bei der Zimmersuche. Die letzten paar Tage war ich etwas deprimiert, weil ich mir Vorwürfe machte, mich fragte, warum ich noch nichts hätte, das Geld meiner Eltern in der Jugendherberge ausgebe, ob ich zu wählerisch sei und dergleichen. Dabei will ich mich ehrlich gesagt einfach nur wohl fühlen und gut auf mich aufpassen. Es ist wirklich nicht einfach Unterstützung dafür zu bekommen. Fast alle Leute, mit denen ich darüber geredet habe, haben zunächst versucht mir gute Ratschläge zu geben, die ich mir selbst hätte geben können, da sie mir nicht neu sind. Und wenn sie merkten, dass ich damit nicht viel anfangen konnte, klang es so, als müsste ich dann eben darauf verzichten mich wohl zu fühlen. Ich fühl mich ziemlich einsam, wenn ich das höre. Ich bedauere sehr, dass der Unterschied zwischen Bedürfnis hören und Bedürfnis erfüllen so wenig bekannt ist. Einfach nur hören und verstehen kann schon so heilsam sein.

Trotzdem hab ich gestern dann den Rat angenommen, selbst eine Annonce zu starten, nachdem der Typ, der mir den Rat gab sagte “You know, it won’t hurt and… it might help!”. Das leuchtete mir ein. Ich hab in der Annonce ein bisschen von mir erzählt, was mich interessiert, was ich gerne hätte. Mir ist aufgefallen, dass dabei der Eindruck entstehen kann, dass ich alles unglaublich ernst nehme, denn schließlich ist ja die Welt in Gefahr und muss bekanntermaßen (von mir) in Ordnung gebracht werden. Das ist überhaupt die Gefahr, wenn man anfängt nachzudenken, es zu schwer zu nehmen, sich selbst mehr Verantwortung zu geben als man hat. Dann wiederum, wer versteht, dass es um den jetzigen Moment geht, der sieht auch, dass dafür Leichtigkeit und Humor sehr wichtig sind. Ich habe mein Hut-Bild hinzugefügt und prompt zwei Mails von Schwulen bekommen ;-) Außerdem schrieb einer, dass er bedaure kein Zimmer zu haben, aber ob ich nicht vielleicht anderweitig Lust hätte, was zu machen. Es sind auch ein paar interessante dabei in puncto Zimmersuche. Ich bin mal gespannt.

Am Sonntag habe ich per Zufall Johanne getroffen. Ich hab mich sehr gefreut sie zu sehen, es war eine schöne Überraschung in dieser großen Stadt.

Jetzt gleich werde ich mit Niki und Cathrine zu einer Info-Verantstaltung gehen für Reisen mit anderen Studenten. Ich melde mich bald wieder. Ich hoffe es hat Spaß gemacht bis hierhin zu lesen. Auf bald!





Bekloppt aber gut

3 01 2008

Ist schon merkwürdig. Jetzt sitze ich hier in einer Wohnung im Plateau Montréal und schreibe auf einer französischen azerty-Tastatur während ich meine Füsse wärme. Der Besitzer des Laptops ist Johan, ein Student von Sciences Po Paris, der gerade Austausch in Montréal macht und hier zur Uni McGill geht. Das beste ist, dass ihm Johannes Name in der Liste seines Jahrgangs aufgefallen ist, da er ja gleich ausgesprochen wird. Bekloppt wie das zusammen kommt.

Wie ihr seht bin ich offenbar gut angekommen. Auch wenn es nicht unproblematisch verlief. Der Zug nach Frankfurt hatte Verspätung – das Flugzeug nach Montréal auch. Das wussten meine Mutter (die mich netterweise noch nach Frankfurt begleitet hat) und ich aber nicht, bis wir abgehetzt, mehrere nicht funktionierende Rolltreppen hinter uns, am Check-in ankamen. Dort gabs noch ein Computerproblem mit meinen zu langen Vornamen (das wird sich mein Vater damals so nicht vorgestellt haben, als er sie mir gab). Beim Boarding habe ich noch Nora und Martin getroffen, die beide mit mir im Sprachkurs waren. Das war ganz gut – nicht ganz alleine. Im Flugzeug neben mir sass ein Senegalese (heisst das so?), der ein Semester Jura an der Université de Montréal studieren will. Wir haben uns auf französisch unterhalten. Beruhigend, dass auch er noch kein Zimmer hat.

Aus irgendeinem Grunde wurde ich vom Zoll kontrolliert. Nahe liegend ist, dass es was damit zu tun haben könnte, dass ich den lettre d’admission zwar in meinem Rucksack, das aber vergessen hatte. Ich konnte also nicht beweisen, dass ich hier studieren würde. Mir war mulmig zu Mute. Ging aber gut. Keine Anthrax-Überreste gefunden und von Maul- und Klauenseuche auch keine Spur. Schön, dass sie hier keine Fotos oder Fingerabdrücke machen wollen.

Vom Flughafen bin ich mit dem Taxi zur Jugendhergerbe gefahren. Das war einfach, gut so. Der Taxifahrer meinte, nachdem ich gesagt hatte was ich studiere, dass ich wohl immer zu tun haben werde – die ganze Welt sei schliesslich krank. Irgendwo hat er Recht, irgendwoanders auch überhaupt nicht. Ich lachte und beliess es dabei.

In der Jugendherberge hab ich eingecheckt, mein Zeug abgestellt und bin losgegangen, eigentlich um eine SIM-Card zu kaufen. Dazu kam es bisher noch nicht. Ich bin ziemlich viel gelaufen. Schön ist es hier. Ich mag die schnuckeligen Häuser und dass man gleichzeitig Montréal als Stadt ernst nehmen kann wenn man downtown herum läuft. Aber kalt ist’s. Ziemlich sogar. Ich bin zwar gut eingepackt, aber die Thermo-Hose hält die Beine vom frieren nur rudimentär ab. Der Schnee knirscht und bringt zum rutschen. Ich bin immer wieder in Geschäfte gegangen, um mich aufzuwärmen.

In einem davon hab ich Charlie angerufen, von der ich hoffte, dass sie ein Zimmer für mich hat. Dem ist nicht mehr so. Ihr tat es leid, mir auch, aber sie lud mich ein trotzdem vorbei zu kommen. Das war gut, besserte meine Laune erheblich. Weniger einsam ist das. Danach hab ich von den vor allem wärmenden Kopfhörern gebrauch gemacht und die Red Hot Chili Peppers brachten Swing in meinen Gang.

Nach einem langen Rundgang, einem Besuch beim Gebäude meiner Fakultät, dem erstmaligen Gebrauch der Metro und einem vergeblichen Versuch Charlie nochmal zu erreichen, bin ich einfach zu der Adresse gegangen, die sie mir gegeben hat. Da hat Johan geöffnet, der ganz überrascht war, dass ich seinen Namen kannte und noch ein paar andere Dinge wusste. Er hat mich herzlich eingeladen, ich durfte es mir gemütlich machen und diesen Eintrag schreiben.

Das Zimmer auf das ich hier gehofft hatte ist vergeben, aber es scheint genug Leute hier in der Nachbarschaft zu geben, die noch jemanden suchen. Johan meinte hier gleich nebenan. How convenient. Alistair Watts hat das Zimmer bekommen. Er kommt aus Australien und beendigt hoffentlich bald sein Architektur-Studium. Ist nicht so einfach dabei zu bleiben sagt er. Wir hatten gerade eine sehr schöne Unterhaltung und bin wirklich froh um den Kontakt, den ich hier jetzt heute hinzu gewonnen habe.

Jetzt werde ich mich mal aufmachen um zu schlafen. Ich hoffe die Metro fährt. Es ist 5 Uhr bei den meisten von euch. Also definitiv Zeit sich auszuruhen.








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