Wahrscheinlich ist kaum ein Beziehungsthema so verbreitet und herausfordernd wie das der Nähe und Distanz. Diese Dynamik, die bei den meisten mit Verlassenheits- und/oder Vereinnahmungsangst einhergeht, beinhaltet, dass der eine Partner mehr Nähe will als der andere und dass sich das Verlangen des einen mit der Abwehr und dem Rückzug des anderen verstärkt und umgekehrt. Im Prinzip sind beide unglücklich und wissen nicht, wie sie zu einem entspannten Gleichgewicht kommen können. Die Hilflosigkeit, die damit einhergeht, diesen Konflikt nicht auflösen zu können, begleitet mich schon ziemlich lange. Meine Rolle in dieser Dynamik ist in der Regel, dass ich mehr Nähe will als mein Gegenüber. Das liegt wohl weniger daran, dass ich grundsätzlich mehr Nähe als andere Menschen brauche, sondern daran, dass ich mich von Frauen, die mehr Nähe zu mir suchen könnten als ich zu ihnen, schon von Vornherein eher fernhalte. Frauen, bei denen ich merke, dass ich bereit bin, sie ganz nah an mich heranzulassen, ziehen mich dann deswegen mehr an, weil ich wähne, auf diese Weise den anstrengenden Job des Grenzensetzens abgeben zu können. Das entspannt zunächst, hat aber auch seine Tücken, denn so gerate ich in die oft genauso anstrengende Rolle desjenigen, der vermeintlich mehr Kontakt und Nähe sucht als der andere.
Selten habe ich in meiner Klarheit mit dem Thema so einen großen Sprung gemacht, wie vor ein paar Tagen. Davon mag ich euch berichten, auf dass auch ihr davon profitieren möget.
Aus der Not heraus
Vor ein paar Tagen saß während eines Vortrages eine attraktive Frau neben mir (nennen wir sie Sophie), die ich nun schon ein kleine Weile kenne. Meine Gedanken wanderten immer wieder zu ihr hin, ich schaute zu ihr rüber und fühlte mich die meiste Zeit unruhig, beinahe verzweifelt. Ich wollte Nähe und war mit der Befürchtung beschäftigt, dass ich mit diesem Wunsch total alleine sein könnte – dass er nur als Last oder Bedrängnis wahrgenommen würde und dass ich selbst nichts tun könnte, um meine Lage zu verbessern. Meine inneren Stimmen sagten dabei so was wie: „Wenn Du’s hier nicht packst, Niklas, kannst Du das Thema Sex und Nähe gleich ganz vergessen!“ „Was brauchst Du denn noch?!? Es ist doch alles da!“ „ Sei kein Schlappschwanz und nimm Dir, was Dir zusteht!“ … und dergleichen mehr. Ich kenne diesen Zustand schon ziemlich gut und habe noch nie erlebt, dass ich darin weise Entscheidungen getroffen hätte. Von daher bin ich stolz, dass ich in besagter Situation aufgestanden bin und mich zurückgezogen hab, um Unterstützung zur Selbstklärung zu bekommen.
Klärung
Am nächsten Tag bekam ich die kostbare Gelegenheit mit Sophie über die Situation zu sprechen und zu überprüfen, wie es ihr erging und was es für Kontakt gebraucht hätte. Sie erklärte mir, dass sie am Vorabend schon sehr stark gespürt hätte, wie meine Aufmerksamkeit bei ihr war und wie sie dahinter ein starkes Wollen vermutete. Mich überraschte das nicht wirklich, denn so war es mir ja tatsächlich ergangen. Das starke Wollen hat Abwehr in ihr ausgelöst und sie fand schade, dass sie so eine Abneigung hatte, denn sie hätte sich eigentlich gerne an mich gekuschelt und hatte auch zuvor schon ausgedrückt, dass sie Nähe zu mir fühlt.
Dann sagte sie folgendes „Das heißt, ich wollte trotz meines Wunsches keine Nähe zu Dir, weil DU sie so stark wolltest.“ In meiner Erfahrung ist der Satz typisch für Menschen, die sich gerade vor Vereinnahmung fürchten und er gehört unbedingt zur Dynamik zwischen Vereinnahmungsangst und Verlassenheitsangst dazu. Er impliziert, dass Sophies Wunsch nach Nähe von meinem abhängt und zwar anti-proportional: Je mehr ich will, desto weniger will sie. Wenn das wahr wäre, gäbe es keine Hoffnung auf ein Zusammenkommen, so lange ich es will – eine tragische Interpretation die mich unweigerlich zum Verzweifeln bringt, so lange ich sie wortwörtlich glaube.
Ich schlug Sophie vor, den Satz umzuformulieren und zu elaborieren, was sie gerne annahm. Mein Vorschlag war: „Ich will gerade Distanz zu Dir, weil ich meinen eigenen Raum wahren und spüren will, was mir wirklich gut tut. Wenn ich Deine Energie so spüre, gerate ich schnell durcheinander und verliere Kontakt zu mir selbst. Ich will vertrauen können, dass es auch wirklich MEIN Wunsch nach Nähe zu Dir ist und nicht nur Deiner, bevor ich ihm nachgehe. Außerdem bekomme ich Angst, weil ich mich frage, was Du noch von mir willst, nachdem ich Dir doch schon gesagt hab, dass ich Nähe mit Dir schön finde. Was kann ich denn sonst noch tun?.“
Mit diesen Sätzen übernahm Sophie Verantwortung für ihre Grenzen und ihre Autonomie und eröffnete damit die Möglichkeit, dass ihr Selbstkontakt von meinem Wollen unabhängig ist, also auch beides gleichzeitig existieren kann. Total erleichternd! Das entspricht dem Prinzip aus der Gewaltfreien Kommunikation, dass zwar Strategien, aber nie Bedürfnisse im Konflikt miteinander stehen können. Strategien sind konkret, haben Bezug auf Personen, Handlungen, Objekte, einen Ort und einen Zeitpunkt – Bedürfnisse sind frei davon. In dieser Situation wären mein Wunsch, sie zu berühren bzw. berührt zu werden meine Strategie, und ihr Wunsch nach Distanz wäre die ihre. Meine Bedürfnisse sind die nach Nähe und Verständnis, ihre die nach Autonomie und Selbst-Kontakt. Das sind so allgemeine Begriffe, dass sie als Kriterien dafür dienen können, welche neue Strategie für uns gemeinsam passen würde, so dass alle Bedürfnisse berücksichtigt werden. Diese Perspektive beruhigt mich ungemein und nimmt ein ganzes Stück von der Dringlichkeit und Verzweiflung weg, da zumindest ein potentieller Weg sichtbar wird, der funktionieren könnte.
Abgesehen davon gab mir diese Formulierung die Gelegenheit zu erklären, dass ich das Vertrauen in ihren Wunsch nach Nähe zu mir schon wieder verloren hatte, aufgrund meiner Vorerfahrung mit dem Thema – eine Möglichkeit, auf die sie nicht gekommen war und die ein Stück mehr Verbindung schaffte.
Revolution
Nachdem Sophie sich sicher war, dass ich sie verstanden hatte, meinte sie, dass es toll wäre, wenn ich ganz bei mir sein könnte und sie als Frau entscheiden könnte, ob sie kommen oder gehen will. Den Wunsch hörte ich nicht zum ersten Mal und oft genug hab ich ihm zugesagt, ohne so richtig zu wissen, wie ich das machen soll und was es mir bringt, außer, dass sie dann zumindest ein bisschen wahrscheinlicher Zeit mit mir verbringen will. Geantwortet hab ich „Ja, ich versteh, dass das super für Dich wäre, aber ich bleib dabei auf der Strecke. Was ist denn, wenn ich die Nähe will und damit nicht ganz bei mir bleiben will? So, wie Du Dir das vorstellst, hab ich keine Möglichkeit etwas für die Nähe zu tun, wenn ich den Wunsch in mir spüre.“ Und genau mit der Verzweiflung laufe ich schon sehr lange herum. Ich sagte Sophie, dass mich das irre hilflos macht, dass ich fürchte, meinen Wunsch zu äußern, könne nur zu Ablehnung führen, weil er immer „zu viel“ oder irgendwie sonst belastend wäre. Um das zu verhindern, tu ich dann so, als wollte ich keine Nähe und sei wunderbar autark, bekomme sie so aber auch nicht, selbst wenn man mir das abnimmt (was selten genug der Fall ist). Eine lose-lose-lose-lose-lose-Situation!
Und plötzlich, wie ich so meiner Verzweiflung Ausdruck verlieh, nahm Sophie meinen Arm, hakte sich bei mir unter und sagte „Mmh, das ist wahrhaftig gerade, das mag ich.“ Ich war freudig überrascht und verwirrt. Jahrelang lauf ich nun mit diesem Thema herum, sage allen Betreffenden genau das, was ich hier wiedergegeben hab und bekomme zum ersten Mal Kontakt dadurch. Oder?
Ich schätze mal, dass das doch eine Premiere der Ehrlichkeit und Selbstverantwortung war, denn in dem Moment war mir die Wahrheit wichtiger als die Frage, ob Sophie mich danach noch mag. Ich hab ihr gesagt, wie’s für mich ist, ohne zu hoffen, dass sie mich daraufhin attraktiv findet oder auch bereit ist, auf mich zuzukommen. Mir war einfach nur wichtig, meine Position möglichst klar und unverblümt in den Kontakt zu bringen – und ich hatte das Vertrauen, dass Sophie an der Stelle ebenso gerne forschen wollte, wie ich.
Perspektivenklärung
Am selben Abend hab ich dieses Thema mit dem Pfingstritter Marcus von Schmude weiter vertieft. Durch ein Rollenspiel per Chat, bei dem wir jeweils Verlassenheitsangst und Vereinnahmungsangst vertraten, kamen wir noch auf folgende Erkenntnisse:
Ich, in der Rolle der Verlassenheitsangst, fürchte, der einzige zu sein, der in der Beziehung etwas will und dass ich damit dem Wohlwollen meines Gegenübers ausgeliefert bin. Das war neu für Marcus, also geh ich davon aus, dass es für die Gegenseite nicht offensichtlich ist.
Am Beispiel erklärt: wenn Sophie sich zurückzieht, fürchte ich, dass das heißt, dass nur noch ich für die Nähe und den Kontakt verantwortlich bin und dass (in der begrenzten gemeinsamen Zeit) nichts mehr passiert, wenn ich nichts dafür tue – auch kein Klärungs- oder irgendwie gearteter Annäherungsversuch. Unter Umständen bekomme ich Panik und fordere die Nähe um so heftiger ein; genau wie ich es getan hätte, wäre ich am besagten Vortragsabend meinem Impuls nachgegangen. Ohne Verständnis für meine Perspektive muss das für Sophie so wirken, als wollte ich sie kontrollieren, statt für Kontakt zu sorgen. Und damit nimmt das Drama seinen Lauf.
Marcus sucht in der anderen Rolle ebenfalls Kontakt, aber einen, wo er mit seinen eigenen Bedürfnissen und Wünschen wahrgenommen wird. Aus seiner Perspektive wirkte meine Rolle so, als wollte ich Sophie benutzen, um einen Mangel in mir auszugleichen. Und das auf unabsehbare Zeit. Das würde heißen, dass es dabei immer nur um mich ginge, nie aber um sie. Das löst u.U. ebenfalls Panik aus und so flüchtet sie, statt diese Vermutung zu überprüfen, um in Kontakt mit ihren eigenen Bedürfnissen zu bleiben – mehr oder weniger erfolgreich, und auf Kosten des Kontaktes, nachdem auch sie sich sehnt. Das wiederum war mir neu. Ich halte auch das für eine tragische Interpretation, da dieser “Mangel” sehr undefiniert und in Wirklichkeit wahrscheinlich leichter zu adressieren ist, als angenommen. Da geht also noch was!
Die gemeinsame Verstrickung
Schließlich merkten Marcus und ich, an welcher Stelle beide Positionen dasselbe Grundproblem haben: Egal ob Vereinnahmung oder Verlassenheit der Fokus ist, in beiden Fällen hängt die Beachtung und Achtung für die eigenen Bedürfnisse von der Aufmerksamkeit des anderen ab. Der, der die Nähe sucht, wünscht sich vom Gegenüber Bestätigung dafür, dass er Nähe haben darf. Und der, der die Distanz und Autonomie sucht, wünscht sich vom Gegenüber Bestätigung dafür, frei sein zu dürfen, was immer das im Konkreten heißen mag. So ketten sich beide aneinander und können vermutlich erst aus der Dynamik ausbrechen, wenn einer anfängt, seine Eigenverantwortung wahrzunehmen und sich der Wahrheit mehr verpflichtet, als der Gemeinsamkeit. Auf die Weise werden freie Verhandlungen darüber, was gemeinsam passt und die Bedürfnisse beider erfüllt, überhaupt erst möglich. Und genau da will ich hin!
Vielen Dank an Sophie (ich schätze, Du erkennst Dich, wenn Du das liest) und an Marcus für euren Beitrag zu dieser Möglichkeit!