Ein paar Monate in ein paar Tagen

11 02 2008

Es wird wieder Zeit was zu schreiben. Gestern war ein reicher Tag. Ich bin mit Mario, Linda und Emily, welche zuvor mein Zimmer bewohnt hat, zum Mont Gabriel gefahren, einem Ski-Berg eine Stunde nördlich von Montréal. Und ich bin den ganzen Tag Ski gefahren. Das erste Mal in meinem Leben Downhill. Wunderbar. Gesponsort wurde der Tag von der Firma, bei der Linda arbeitet, so dass ich nur 50$ für den Tag und 22$ für das Mieten der Skier bezahlen musste. Es gab zwei große Mahlzeiten, am Mittag und am Abend. Alles in allem wirklich erfüllend.

Es fing an mit einer Ski-Stunde am Morgen. Ich war ziemlich ruhig und es hat nicht lange gedauert, bis ich wusste, wie es geht. Bremsen, Gewicht verlagern, drehen usw. Der Trainer meinte scherzhaft ich hätte gut versteckt, dass ich nicht das erste Mal auf Skiern stünde. Danach auf die Piste. Erst die leichten, dann etwas schwierigere, engere, steilere. Ich bin nicht selten gefallen, habe mir aber größtenteils nicht weh getan. Es war schon witzig, in dem Moment in dem mir klar wurde, dass ich fallen würde, hab ich einfach losgelassen und gewartet, bis es vorbei war. Dann hab ich aufgeschaut und gedacht „Oh, interessant!“ Ich glaub, dass auch das dafür verantwortlich ist, dass ich mich nicht verletzt habe.

Ich hab durch’s Ski fahren eine Menge gelernt. Vor allem im Umgang mit Angst natürlich. Dass ich so schnell gelernt habe, rechne ich meiner Haltung des „Ich weiß noch nicht wie“ zu, statt zu glauben „Ich kann das nicht.“ Das ändert eine Menge, schließlich bewahrt man so das Vertrauen, dass es lernbar und entwickelbar ist. Und dieses Vertrauen ist die Voraussetzung dafür, dass man überhaupt etwas angeht. Das Risiko übel verletzt zu werden lässt sich ja nicht ausschließen, also habe ich da herausgefunden, dass zur Beruhigung vor allem eine Anerkennung der Gefahr und des Bedürfnisses nach Sicherheit sehr hilfreich sind. Macht man das nicht, kann man sich nicht konzentrieren, weil der Teil in einem, der Sicherheit will, auch während der Fahrt noch nach Aufmerksamkeit schreit. Das lenkt ganz schön ab, vor allem wenn es sehr schnell wird. Es lohnt sich also sehr, sich vorher darum zu kümmern und dem ein wenig Empathie zu geben. Hat man die, wirkt es nicht mehr wie Wahnsinn, den man nicht kontrollieren kann, sondern wie Wahnsinn, auf den man sich mit Freuden einlässt.
Ein bisschen unintuitiv ist, dass man beim Ski-Fahren immer dann die Kontrolle verliert, wenn man sich zu sehr nach hinten lehnt. Selten reagiert man auf Angst so, dass man sich noch mehr nach vorne bewegt. Aber das ist beim Ski-Fahren sehr wichtig, da einem sonst die Skier unterm Körper wegfahren. Als ich das raushatte wurden die Stürze viel seltener und ich konnte besser lenken. Dabei geholfen hat außerdem, nicht an die einzelnen Beine zu denken, sondern nur daran, das Gewicht zu verlagern. Dann reagieren die Beine synchron, ohne dass man daran denken müsste und die Skier kreuzen sich nicht mehr.

Also ihr seht, eine Menge geht dabei im Kopf und im Herzen ab. Wenn das im Gleichgewicht ist, geht der Rest schon von alleine. Allerdings tut mir jetzt mein ganzer Körper weh. Es sind keine äußeren Verletzungen, aber Verspannung, Muskelkater etc. Das werde ich wohl überleben und es mindert nicht die Freude über den gestrigen Tag.

Piste

Mario, ich, Emily und Linda

Ich nehme jetzt Französisch-Unterricht bei Mathieu. Niki und Cathrine haben Mathieu über einen Bekannten kennengelernt und wir sind letzte Woche Donnerstag zusammen zu einem Buddhistischen Zentrum gegangen. Es gab einen Einführungskurs mit einem Mönch, der etwas von Karma, den drei Juwelen und der Zuflucht erzählt hat. Er sprach ein Englisch, was sich fast wie tibetisch anhörte, was dann aber noch auf Französisch übersetzt wurde. Schön war vor allem die Diskussion danach. Mathieu fragte in die Runde, wie er Zugang zu den Menschen bekommen kann, die alle so zufrieden wirken, aber mit einer Zufriedenheit, der er nicht traut. Er hat eine Menge Energie und Mitgefühl und würde gerne mehr geben, weiß aber nicht wo. Tom, der Übersetzer, meinte, dass der Grund dafür, dass er nicht sieht, dass die anderen auch leiden (also auch Bedürfnisse haben, zu deren Erfüllung man beitragen kann) vermutlich der ist, dass er das Leiden in sich selbst nicht ganz erkennt oder annimmt. Sieht man das nämlich, wird es auch leichter, mit dem Leid in anderen in Kontakt zu kommen.

Ich fand das sehr schön. Ich habe mich erleichtert gefühlt, denn es kommt mir so oft so vor, als ob das Leid einfach nicht sein darf! Als ob es eine Gefahr darstellt, dass Leben bitter macht und nicht mehr lebenswert. „Es gibt Leiden“ ist die erste der vier edlen Wahrheiten im Buddhismus und so wie ich das verstehe, ist das nicht so gemeint, dass das Leben an sich nur leidvoll sein kann, sondern es ist eine Gegenposition zu „Das Leben sollte nur Glück beinhalten.“ Buddhismus wird ja auch der Mittel-Weg genannt und das hier ist ein Beispiel, denn jede intellektuelle Position, die man beziehen kann, wird ein Extrem beinhalten. Das was normalerweise als die Lehre des Buddhismus vermittelt wird, ist demnach nicht die Lehre des Buddhismus, sondern die Ausgangsposition in einem Dialog. Wo kommen wir hin, wenn wir „Es gibt Leiden“ und „Das Leben sollte glücklich sein“ gegenüber stellen? Offensichtlich dahin, dass beides sein kann und beides sein darf. Und das gibt Erleichterung.

In der Diskussion ging es außerdem darum, wie man Mitgefühl für jemanden entwickeln kann, der einem weh tut. Tom sagte ganz ehrlich „Wenn mir jemand was gutes tut, dann liebe ich ihn. Wenn jemand mir weh tut, dann hasse ich ihn. Ganz ehrlich, ich wüsste nicht, wie das sonst sein sollte.“ Jemand anderes meinte dazu, dass Liebe und Mitgefühl ja nicht dasselbe seien. Ich meldete mich dazu und sagte, dass jemand, der mir weh tut, vermutlich gerade selbst leidet. Denn wenn ich selbst glücklich und zufrieden bin, habe normalerweise keinen Wunsch, irgendwas zu tun, was jemand anderem schaden würde. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass irgendwer das hätte. Wenn ich mich also um meinen eigenen Schmerz auf liebevolle Weise kümmere, das Leiden anerkenne, dann kann ich vielleicht sehen, dass der andere ebenso leidet. Und daraus entsteht natürlicherweise Mitgefühl. Das fand allgemeine Zustimmung.

Als wir nachher auf dem Heimweg wahren, sagte Mathieu, dass er jetzt schon bedauere, dass ich nur für begrenzte Zeit in Montréal sein werde. Ihn habe der Kommentar sehr beeindruckt und er wolle gerne mehr mit mir darüber reden. Außerdem möchte er auch mir anbieten, den Französisch-Kurs mitzumachen, den er den Mädels schon angeboten hat. Und das, ohne dass er um Geld bittet, sondern, weil er gerne geben möchte. Ich habe das freudig angenommen. Er spricht übrigens wirklich verständliches Französisch, war auch einige Zeit in Frankreich, was sehr ermutigend ist. Es ist so blöd, ein Gespräch über mir wichtige Dinge anzufangen und dann frustriert festzustellen, dass ich gar nicht in der Lage bin zu antworten, weil immer nur die Hälfte davon rüberkommt, was der andere sagt.

Wir hatten am Donnerstag das erste Mal Unterricht und er hat ein paar Übungen mit uns gemacht. Außerdem lesen wir Fight Club auf Französisch, ein Buch was ihn sehr begeistert. Nachdem die Mädels weg waren, haben wir noch weiter gequatscht und am nächsten Morgen hat er mir geschrieben, dass er ab heute nur noch in Bedürfnissen und Strategien funktioniert. Ich habe gelacht und mich gefreut.

Am Montag habe ich Mario zu seinem Jazz-Chor begleitet. Jetzt bin ich der zweite Tenor im Chor von 14 Leuten. Der Auftritt ist am 10. Mai. Ich bin dabei.

Am Dienstag bin ich zu einer Soirée de Clôture für einen Kurs in emotionaler Intelligenz gewesen. Die Trainerin, Madeleine, ist diejenige, welche Mario und Linda seit vier Jahren begleitet, und der sie eine Menge zu verdanken haben. Also wollten sie, dass ich das auch kennenlerne. Der Abend bestand daraus, dass die Leute, die am letzten Wochenende einen Kurs gehabt hatten, von ihren Erlebnissen erzählten. Ich war sehr skeptisch. Von dem her, was ich von Mario und Linda mitbekommen hatte, fehlte mir vor allem der Aspekt der Empathie. Aber ich hab davon im Laufe des Abends mehr mitbekommen.

Die Idee ist, dass alte Geschichten uns daran hindern, unser wahres Potenzial zu entfalten. Mit Geschichten sind Assoziationen, Vorstellungen, Interpretationen gemeint. So lange ich z.B. glaube, dass wahre Liebe immer mit Einsamkeit, oder Enge einhergeht, kann ich nicht alles tun, um wahre Liebe zu finden. Ich werde immer Angst vor Einsamkeit oder Enge haben und das hält mich zurück. So wie wenn ich mit der linken Hand nach meinem Stift greife, und die rechte Hand die linke zurückhält. Ein ständiger Eiertanz, der mich nirgendwohin bringt. Eine intuitive Annahme ist, dass diese Assoziation entstehen, während man sehr jung ist und keinen Zugriff auf alternative Erklärungen hat. Vor allem die Eltern spielen da eine riesen Rolle. So kann es sein, dass ich als kleines Kind um etwas gebeten habe und mein Vater in einem ungeduldigen Ton „Nein“ gesagt hat. Mario meinte, dass ihm das einmal passiert ist und er danach seinen Vater nie wieder um etwas gefragt hat, aus Angst davor, er könnte es nicht dürfen. Der Workshop bringt einen sicheren Raum, diese Geschichten herauszuholen und sie zu durchleben. Ihnen einmal wirklich Platz zu machen. Denn nicht selten tut man das so gut wie gar nicht. Man hat eher Angst, die Eltern zu verletzen, oder selbst alleine zu bleiben, wenn man mal wirklich ehrlich ist. Dieser Raum dafür gibt, so wie ich es verstehe, demjenigen, der seinen Schmerz endlich mal ausdrückt, Empathie. Und jeder, der dabei war, spürt das, spürt die Energie, die Heilung, die darin stattfindet. Madeleine hat mich angesprochen und mich gefragt, ob ich beim nächsten Kurs dabei sein wollte. Ich war hin und her gerissen. Sie fragte, was mich abhielte. Und sie hörte zu. Sie ließ mir Raum und ich sagte, was mich bedrückte, bei dem Gedanken. Sie nahm alles respektvoll an und das gab mir so viel Vertrauen, dass ich schließlich wirklich mitmachen wollte. Ich hab mich eingeschrieben. Mario war sehr glücklich und ich bin neugierig, wie das wird. Im April findet der Workshop statt.

Mein Einsatz in der Uni deprimiert mich etwas. Ich weiß nicht ganz was los ist. Ich finde keine Energie dafür und das macht mir etwas Angst. Nächste Woche sind Zwischen-Examen und für einige Kurse gilt es eine Hausarbeit zu machen. Ich hoffe, ich finde einen Weg, meine Motivation dafür frei zu legen.

Uni Montréal

Mario und Linda sind weiterhin Gold wert. Wir haben vorgestern zusammen ein paar Spiele gespielt und Mario fragte, wie lange ich eigentlich schon hier wohne. Es sind knapp drei Wochen. Es fühlt sich an wie Monate. Wir haben eine Menge geteilt und haben immer wieder schöne Unterhaltungen über die wichtigen Themen des Lebens. Ich habe mit ihnen auch die Gewaltfreie Kommunikation geteilt und kenne keinen, mit dem es so leicht in die alltäglichen Unterhaltungen integrierbar wäre, wie mit den beiden. Das ist einfach traumhaft.

Mario und Linda

Ich werde mir immer bewusster, dass mein eigentlicher Traum, mein Berufswunsch nicht erfüllt wäre, wenn ich nicht Mediator werde, bzw. mit Konflikten zu tun habe. Mario und Linda haben sich einmal gestritten und Mario meinte nachher, wie offensichtlich es war, dass ich plötzlich dazu kam, als ich gehört hatte, was los war. So nach dem Motto „Konflikt?!? WO!“ Und es ist wirklich so. Ich habe keine Angst vor Konflikten, sondern schaue sie mir genau an und liebe es, wenn plötzlich das Heilungs- und Wachstumspotenzial darin zum Vorschein kommt. Am liebsten würde ich das tun, wo es sich am meisten lohnt, weil es die meisten Leute betrifft: in der internationalen Politik. Jetzt weiß ich außer der UN nichts, wo ich mehr darüber lernen könnte. Ich bin mir aber sicher, dass es mehr Organisationen und Institute gibt, die mir da helfen würden. Hat jemand von euch eine Idee wo ich weitersuchen kann?

Ich habe auf hier einen sehr interessanten Artikel über etwas gefunden, was sehr dem ähnelt was ich gerne machen würde: http://www.beyondintractability.org/case_studies/interfaith_dialogue.jsp?nid=5302

Die Autorin ist noch ziemlich jung, ich vermute nur ein paar Jahre älter als ich, hat Psychologie in Beirut studiert und ist dann Programm-Koordinator im Center for Conflict Resolution and Peacebuilding in Beirut gewesen. Ich weiß nicht was sie gerade macht, habe aber versucht, sie zu kontaktieren, um mehr Infos zu bekommen. Was mich besonders begeistert hat, war natürlich, dass sie dem Artikel zu folge auch die Gewaltfreie Kommunikation kennt und damit arbeitet. Das hat mich daran erinnert, dass ich damit auch weiter machen will und ich habe mir überlegt im Juni ein 9-Tage Intensiv-Training mit Marshall Rosenberg in New Mexico mit zu machen. Das würde sich sicher lohnen. Es wird Zeit, dass ich mich darum kümmere.

Zuletzt noch ein schönes Zitat von John Welwood: „Not knowing that we can be loved for who we truly are prevents us from trusting in love itself, and this in turn causes us to turn away from life and doubt its benevolence.“ Als ich gestern mit Emily am Dinner-Table saß und wir die Kinder auf der Tanzfläche zur Musik tanzen sahen, sagte ich zu ihr „Der Verlust der Fähigkeit, das zu tun, was die Kinder da tun, ist das einzige, was uns im Leben so viele Probleme bereitet.“ Sie hatte nichts hinzuzufügen.

Ich bedaure, so lange nicht geschrieben zu haben. Ich hätte gerne, dass das hier kontinuierlich weitergeht. Ich hoffe ihr freut euch über Neuigkeiten und lasst reichlich Kommentare da. Hier sind noch ein paar Bilder von Montréal:

Downtown in der Nacht

Sonnenuntergang auf dem Mont RoyalMontréal Tag