Warum offene Beziehungen?

25 02 2010

Ich habe ja schon ein paar Mal etwas zur Möglichkeit einer offene Beziehung geschrieben. Ich will gerne noch ein paar Differenzierungen aufschreiben, die mir in letzter Zeit klarer geworden sind und die mir sehr wichtig erscheinen, damit sowas funktionieren kann.

Was bedeutet Beziehung?

Zunächst mal will ich eigentlich gar nicht das Wort Beziehung benutzen, da es ziemlich die Kommunikation erschweren kann – also ich sag’s und ihr stellt euch was ganz anderes, oder sehr eigenes darunter vor, was aber andere Implikationen hat, als das, was ich meine. Ich hab kürzlich eine schöne Unterhaltung darüber gehabt und dabei die Inspiration bekommen, nicht von einer Beziehung zu sprechen, sondern einer Entwicklung und dem momentanen Wunsch, zusammen zu SEIN. Also, es geht um sehr konkrete Dinge, die man gerne miteinander tun bzw. sein will. Das kann heißen, sich über die tiefsten Herzenswünsche auszutauschen, zusammen zu kochen, einen Spaziergang zu machen, sich zu küssen, gemeinsam die Wohnung zu putzen, eine Fernsehserie zu verfolgen, miteinander zu schlafen, von schönen und weniger schönen Erinnerungen zu erzählen, gemeinsam eine NGO zu gründen, den anderen für’s Bei-Sich-Ankommen alleine zu lassen, zusammen nach Bhutan zu reisen, gemeinsam zu lachen, zu weinen und still zu sein… ist das Leben nicht voller schöner Möglichkeiten?

Ich war mal in der Situation, wo ich sagte, dass ich eine Beziehung mit einer Frau wollte und sie sich dagegen heftigst gewehrt hat. Damals war mir noch nicht klar, was Beziehung bedeuten kann und welche Assoziationen daran festhängen. Aber ich hab mich relativ schnell gefragt:

“Was meine ich konkret damit? Was will ich? Und vielleicht ist das, was ich will, gar nicht so anders, als was sie will, bloß nennt sie’s anders? Und selbst wenn das nicht so ist, vielleicht ist das, was wir wollen, auf konkreter Ebene verhandelbar?”

Ich hab nicht mehr viel Zeit mit dieser Frau verbraucht, aber ich merke in jedem Fall, dass ich gerne sehr genau weiß, was ich im Zusammensein mit einem anderen Menschen tun will, denn sonst gerate ich schnell in die Falle, dass ich und die andere Person in einer Beziehung eine Rolle bekommem, der wir gerecht werden “sollten”. Und das ist meist keine Rolle, die wir freiwillig wählen würden, womit wir üblicherweise Angst um unsere Autonomie bekommen. Und unter diesen Umständen fällt es schwer, das Geben und Empfangen von Herzen zu leben, was ich mir wünsche.

Von daher scheint mir das also als erstes wichtig zu sein: den Begriff “Beziehung” in konkrete Vorstellungen zu übersetzen, die eine konkrete Realität haben, beobachtbar und machbar sind. Darüber können wir uns verständigen. Alles andere ist nicht machbar, also auch nicht verhandelbar. Ich glaub, da verrennen sich unzählige Menschen… und werden sehr unglücklich dabei, weil sie letztlich nicht bekommen, was sie wollen, weil sie’s nicht sagen können…

Offene Beziehungen

Wenn ich also weiß, was ich mit einer Beziehung, bzw. Zusammensein mit einer Person meine, kann ich mich fragen, was hier “offene Beziehung” bedeutet. Und da merke ich, braucht es nicht nur Klarheit darüber, was ich da konkret tue und will, sondern auch, was meine Motive sind.

Konkret stell ich mir darunter zunächst mal vor, dass ich Intimität mit mehr als einer Frau leben kann (also mit ihr kuscheln, sie küssen, mit ihr schlafen, je nachdem), ohne dass das das Zusammensein mit den anderen Frauen, die mir nahe sind, grundsätzlich in Frage stellt. Das sind meistens die heißen Themen. Es kann natürlich auch um Zusammenwohnen, Kinder kriegen und dergleichen gehen, aber das klammer ich erstmal aus.

Die Rolle der Liebe

Warum sollte man sowas wie eine offene Beziehung wollen? In “Der Mythos der anderen Hälfte” hab ich beschrieben, wie für viele Menschen Liebe zu bedeuten scheint, endlich vollständig zu sein. Und dass es eine Verwirrung darüber gibt, woher diese Vollständigkeit kommt. Für gewöhnlich wird das wunderbare Gefühl des Sich-Öffnens und freimütig Zeigens bestimmten Eigenschaften des geliebten Menschens zugeschrieben. Also, ich bin vollständig, weil ich dich hab und du so und so bist. Ich hab dem entgegen gesetzt, dass es mehr darum geht, dass ich mich in Gegenwart eines anderen Menschen voll erlebe und ohne Scham oder Angst, mich ganz zu zeigen. Statt der Scham fühl ich dann meine eigene Schönheit und die des anderen. Und dann bin ich gern mit der Person zusammen, um das erleben und gemeinsam genießen zu können. Der Unterschied liegt darin, dass ich im letzteren Fall mehr Kontrolle und Verantwortung dafür erkenne, dass ich mich so öffne.

Wahrscheinlich haben wir das alle mal mehr oder weniger erlebt. Vielleicht nicht in der Tiefe, vielleicht auch nur ganz kurz, vielleicht wurde auch nur mal die Sehnsucht danach wach, die Möglichkeit erschien am Horizont, ohne dass sie sich erfüllt. Vielleicht aber ist euer Leben auch voll von solchen Begegnungen. Ich wünsche es euch zumindest. Aber je nachdem, was ihr damit erlebt habt, werdet ihr wahrscheinlich unterschiedliche Haltungen gegenüber Intimität und Nähe gegenüber anderen Menschen haben. Und mir scheint, dass zwei sehr unterschiedliche Haltungen sich beide mit einer offenen Beziehung vertragen.

Offenheit als Flucht

Die eine Haltung, die ich präkonventionell nennen will (relativ zur Konvention der Monogamie), entsteht aus dem Erlebnis, einem Menschen sehr nah gekommen zu sein, die Sehnsucht nach Liebe in voller Wucht gefühlt zu haben und dann… alleine gelassen worden zu sein. Wenn ich diese Sehnsucht komplett diesem Menschen zuschreibe, der sie ausgelöst hat (und selten sieht jemand einen anderen Weg, denn schließlich lernen wir Liebe ja durch die Begegnung mit bestimmten Menschen kennen), dann ist es wahrscheinlich, dass wir aus diesem Erlebnis Schlussfolgerungen ziehen. Diese bestimmen dann unsere Haltung zu unserer eigenen Sehnsucht, unserem Bedürfnis nach Liebe, zu anderen Menschen und der Welt als ganzem. Und ein Satz, der besonders förderlich wäre für den Wunsch nach offenen Beziehungen im präkonventionellem Sinn, ist: “Wenn ich meine Sehnsucht voll zeige, verliere ich denjenigen, der mir da gegenüber steht.” Um dem aus dem Weg zu gehen, lasse ich mich dann auf niemanden mehr wirklich ein. Also keine Frau kann mir so nahe kommen, dass sie meine Sehnsucht berührt, denn “sie hielte das ja gar nicht aus und ich wäre wieder alleine – was nur bestätigen würde, dass mich niemand lieben kann.” Mit mehreren Menschen körperliche Intimität zu teilen, wäre dann ein Weg, diese potentiell bedrohliche Situation zu meiden und zumindest immer einen Ausweg zu einer anderen Frau zu haben, falls es mit der einen heikel wird. (Ich schreibe das aus männlicher Perspektive, für Frauen gilt das natürlich genauso.)

Ich nenne das präkonventionell, weil mir, abgesehen von ehemals politischen und noch immer brandaktuellen Kindererziehungs-Gründen, die Monogamie als Konvention den Sinn zu haben scheint, eine gewisse Tiefe im Kontakt zu erlauben. Das heißt, wenn die Kontinuität des Zusammenseins einigermaßen gewährleistet ist, ist es sicher genug, mehr von mir zu zeigen und ein Vertrauen darin zu entwickeln, dass der andere wirklich gern empfängt, was ich von mir zeige. Gerade, wenn ich das gar nicht gewohnt bin, kann die Kontinuität sehr wichtig sein, bevor ich bereit bin, mich zu öffnen. Wir nennen das für gewöhnlich Treue. In einer offenen Beziehung präkonventioneller Art gibt es aber keinen Rahmen dafür, sondern der Sinn ist gerade, diesen tieferen Kontakt zu vermeiden. Kinder hätten in dieser Umgebung wohl auch wenig zu suchen, bzw. wäre es sehr schwer einen stabilen Rahmen für sie zu bekommen.

Offenheit als Überfluss

Mir ist wichtig, diesen sicheren Rahmen zu schaffen und auch, ihn für mich zu haben. Diesen Teil der Konvention möchte ich mitnehmen, wenn ich mich frage, wie Zusammensein für mich aussehen soll. Denn ich möchte sehr gern diesen tiefen Kontakt erleben, bei dem sich mein Herz ganz weit öffnet und ich den Mut habe, all meine Sehnsüchte preis zu geben. Ich merke nur, dass, wenn sich dieser Kontakt tatsächlich herstellt, ich ihn nicht nur mit einer Person teilen will. Nicht, weil mir das nicht genug wäre und ich nach mehr giere, sondern, weil ich so reich beschenkt bin, dass ich vor Offenheit und Liebe überfließe. Es ist eine enorme Inspiration, bei jemandem ganz anzukommen. In dieser Inspiration und diesem Reichtum, werde ich sehr großzügig, verliere die Angst hinter meiner Eifersucht und werde neugierig auf Menschen, die ich vielleicht sonst nicht so leicht an mich ranließe. Ich hab noch nie Ecstasy genommen, aber den Beschreibungen nach ist das genau so, bloß ohne die Nebeneffekte…

Das nenne ich also den postkonventionellen Grund dafür, eine offene Beziehung führen zu wollen. Er beruht gerade auf der tiefen Begegnung mit einer bestimmten Person und der Kontinuität, dem gemeinsamen Wachstum und der Entwicklung und einem Umgang miteinander, der darauf ausgerichtet ist, diese Tiefe und Offenheit zu pflegen. Als postkonventioneller Grund schließt er außerdem das Vertrauen mit ein, was in der Monogamie gesucht wird, definiert aber das Wort Treue um in Treue zu sich selbst und Transparenz mit dem anderen. Das fordert natürlich wesentlich mehr von einem Menschen, als die präkonventionellen oder konventionellen Formen des Zusammenseins, aber es erlaubt auch mehr Fülle und Möglichkeiten. Die üblichen Regeln und Absprachen gelten nicht mehr, aber es ist dennoch wichtig, voneinander zu wissen, was einem gut tut und was nicht. Von daher fordert so ein Zusammensein vor allem Klarheit und Verantwortung für die eigenen Gefühle und Bedürfnisse, so dass die vermittelt werden können, ohne vorschnelle Annahmen zu machen oder zu erwarten, dass der ander besser weiß, was ich brauche, als ich selber (und ihn dann dafür zu kritisieren, nicht auf mich achtgegeben zu haben).

Ich empfinde das als große Herausforderung, im postiven, wie im negativen Sinne. Das heißt, ich merke, wie ich an dieser Stelle wirklich sehr klar sein und Position beziehen muss, damit der Kontakt schön ist, womit ich mich selbst auch besser kennenlerne. Zuweilen fühl ich mich auch überfordert, habe Angst mich zu zeigen und mein Gegenüber zu verlieren. Ich glaub aber, dass es eine Kunst gibt, diesen Kontakt in seiner Tiefe immer wieder zu finden und gleichzeitig ihn mit Leichtigkeit mit vielen Menschen zu leben. Das möchte ich gerne.





Der Mythos der anderen Hälfte

20 06 2009

Ich lese zur Zeit das Buch “The Ethical Slut” von Dossie Easton und Janet Hardy. Das Buch ist gedacht als Wegweiser für Polyamorie, offene Beziehungen und andere Abenteur (so auch der Untertitel). Es ist also ein heißes Thema, bei dem die meisten Leute, die ich kenne, skeptisch bis abgeneigt reagieren. Mehrere Menschen lieben, auch intim mit ihnen sein? Wär ja schön, aber ohne dass dabei jemand auf der Strecke bleibt… wie soll das gehen?

Eine Beispiel-Erfahrung

Ich hatte vor etwa einem Jahr eine Erfahrung, die mir diese Frage zumindest im Ansatz beantwortet hat. Ich war auf einem Workshop für Gewaltfreie Kommunikation und eine Frau, die mit dem Trainer intimeren Kontakt hat, war an mir interessiert. Mich hat das sicher gefreut, aber auch ganz schön nervös gemacht. Nicht nur, weil ich selbst nicht so recht wusste, woran ich merken würde, dass es sicher für mich wäre, mich darauf einzulassen. Sondern auch, weil ich den Trainer nicht einzuschätzen wusste und hoffte, dass daraus keine bedrohliche Situation für mich würde. An einem Abend jedoch bat er darum, dass wir darüber reden. Er fragte sie, mit wem sie den Abend verbringen wollte und sie sagte, gerne mit mir. Ich hielt still, dachte, wenn ich nicht freudig herumspringe kann man mir auch keine Vorwurf machen, ihm in die Quere gekommen zu sein, oder dergleichen. Dann wollte sie von ihm wissen, wie er sich damit fühlt. Er sagte, er sei ein wenig ängstlich, weil er die Verbindung zu ihr sehr schätzt und hofft, dass sie weiterhin Bestand hat. Ich war verblüfft. Implizit in dieser Antwort hörte ich nämlich, dass Platz für mich ist und dass das, was mir gefallen würde, auch gefragt war. Damit hatte ich irgendwie nicht gerechnet. Und ich merkte auch, dass die Tatsache, dass er das sagen konnte und es verstanden und angenommen wurde, ebenfalls Platz für ihn machte, selbst wenn sie Zeit mit mir verbrächte. Damit war das Bedrohliche der Situation ziemlich besänftigt.

Ich hab mir über diesen Abend schon oft Gedanken gemacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass mehrere zu lieben, ohne dass jemand auf der Strecke bleibt, dann möglich sein müsste, wenn man so darüber reden kann. Denn die übliche Exklusivität scheint den Sinn zu haben, die Interessen der Beteiligten zu schützen. Und das besonders dann, wenn sie nicht wissen, wie sie diese Interessen auf eine Weise artikulieren können, die die Herzen öffnet und zu Kooperation inspiriert – also im Sinne dessen, wozu die Gewaltfreie Kommunikation auch gedacht ist. Wenn dieser Schutz allerdings auf andere Weise gewährleistet, oder nicht mehr nötig ist, weil die Beteiligten selbst schon sehr klar wissen, was sie wollen und was ihre Bedürfnisse sind, wird auch mehr möglich. Das ist zumindest ein Ansatz, auf den man sich hinentwickeln könnte.

Glaubenssätze

In “The ethical slut” beschreiben die Autorinnen verschiedene Mythen und kulturell verankerte Glaubenssätze, die allein schon die Vorstellung, mit mehreren Menschen intim zu sein und offene Beziehungen haben zu können, sehr schwierig machen. Einer dieser Mythen ist der, dass man eine andere Person braucht (bei den meisten vom anderen Geschlecht) die einen vervollständigt. Die Anwesenheit und Zuwendung dieser Person ist dann so immens wichtig für die eigene Integrität und Ganzheit, dass es sehr bedrohlich wäre, diese Beziehung zu öffnen und zuzustimmen, dass meine Partnerin auch intimen Kontakt zu anderen Leuten haben darf. Im besten Falle geht es ihr in Bezug auf mich genauso, weswegen sie gar nicht auf die Idee käme, etwas anderes zu wollen. Im schlimmsten Falle sorgt diese Dynamik für enormen Druck und Angst vor Vorwürfen, die dann wahre Intimität sehr schwierig machen.

Jetzt hab ich mich aber gefragt, wie dieser Glaubenssatz zustande kommt. Denn ehrlich gesagt führt es nicht sehr weit zu sagen “Wär’s nicht toll, wenn wir uns alle lieben würden? Dieser Mythos hindert uns daran, also weg damit!” Ich hab das schon bei einigen Themen versucht und musste dann immer wieder merken, dass ich nicht ganz überzeugt bin. Und dann mach ich’s auch nicht. Ich komme da also nur raus, indem ich mir genau ansehe, warum der Gedanke, einen Menschen zu brauchen, der mich vervollständigt und dann bitte auch nur für mich da ist, so plausibel wirkt.

Ganzheit mit einem anderen Menschen

Das letzte Mal, dass ich das erlebt habe, war mit meiner damaligen Freundin, in die ich lange verliebt war, bevor ich mit ihr zusammenkam. Als es dann endlich so weit war, kam mir das ziemlich bekloppt vor, also irgendwie unglaublich. Wie? Ich bekomme, was ich mir wünsche? Nicht zu fassen… und dann war ich einfach nur noch glücklich. Wow, endlich ganz, endlich zufrieden mit mir. Endlich ist die Welt nicht mehr ein Ort, in dem ich mir zusammen suchen muss, was ich brauche, um endlich vollständig zu sein, um vollständig Ich zu sein, mit allem, was ich fühle, denke, mir wünsche. Das war also eine große Erleichterung.

Aber ich weiß sehr gut, dass es einen Unterschied zwischen Auslöser und Ursache gibt. Und die äußere Situation, dass ich mit dieser Frau zusammen gekommen bin und ihr endlich nah sein durfte, stufe ich als Auslöser für dieses Gefühl der Ganzheit ein, nicht als Ursache. Und damit bleibt die Frage, was dann die Ursache ist, der Faktor, auf den es eigentlich ankommt. Und ich glaube, dass ich ihn gefunden hab.

Ganzheit in mir

Friedrich Nietzsche hat mal gesagt: “Was ist das Siegel der erreichten Freiheit? – Sich nicht mehr vor sich selbst zu schämen.” Das trifft den Kern sehr gut, glaub ich. Denn die Freiheit, um die es hier geht, ist die Freiheit, man selbst sein zu können und frei von Scham oder Schuld diesbezüglich zu sein. Was meine ich mit “ich selbst sein”? Ein klares Ja zu meinen Gefühlen und Bedürfnissen, zu meiner Erfahrung in diesem Moment. Kein Gedanke, dass das, was in mir lebt, inhärent schlecht oder belastend für andere sein könnte. Wenn ich vollständig verstehe, dass alles was in mir lebt, seinen Platz hat und zum Glück und Wohlergehen anderer beitragen kann (selbst, wenn es das nicht immer tut, abhängig von der Situation der anderen), kann ich auch alles, was in mir ist, vollständig annehmen. Und das wäre dasselbe, wie zu sagen, dass ich ganz bin.

Als ich mit meiner damaligen Freundin zusammenkam, schien es, als sei das zum ersten Mal der Fall. Gerade Bedürfnisse, die mit Intimität, Nähe und Sexualität zu tun haben, haben hier einen Platz gefunden, der allen beteiligten Freude macht. Und ich hatte keine Angst mehr davor, sie auszudrücken und eine gute innere Beziehung dazu zu haben. Mit dieser Integrität hatte ich auch viel mehr Lust, andere Sachen anzugehen, die mit Schule, anderen Freunden und dem Leben insgesamt zu tun haben. Der innere Streit und die Angst vor mir selbst war weg.

Ich glaube, dass es das ist, was wir alle suchen. Und viele finden das in der Verliebtheitsphase mit einem neuen Partner, ohne aber so recht zu wissen, wo es her kommt, was Ursache, was Auslöser ist und wie viel Bewusstsein, und damit Kontrolle, sie selbst über diesen Prozess haben können. Logischerweise wird damit der Mythos der anderen Hälfte plausibel, denn die bisherige Erfahrung zeigte ja, dass ich nur vollständig sein konnte, wenn ich eine Partnerin hattte, bei der ich so sein konnte. Bisher.

Ganzheit in mir und in der Partnerschaft

Natürlich hört die Verliebtheitsphase genau dann auf, wenn meine ausgedrückten Gefühle und Bedürfnisse nicht mehr zu 100% auf Zustimmung und Übereinstimmung beim anderen stoßen. Irgendwas ist anders. Und wenn man davon ausgeht, dass es der andere ist, der einen vervollständigt, ist es natürlich der andere, der sich verändert hat. Mist. Alles vorbei. Wieder neu auf Suche gehen? Oder sich mit einem Kompromiss zufrieden geben?

Wenn allerdings klar wird, dass es die Scham vor einem selbst ist, die die Ganzheit und Integrität verhindert, verlagert sich der Fokus. Die Versuche, den anderen zu manipulieren und in das Bild hineinzuzwängen, was man von ihm hat, werden weniger. Und zwar nicht, weil man eine so viel moralischere Person wird, sondern, weil es einfach nicht effektiv ist. Es ändert nichts an meiner inneren Spaltung. Und es macht die Beziehung nicht schöner, sondern erhöht den Druck. Und unter diesen Voraussetzungen fängt das Interesse daran an, wie man sich, seine Wünsche und Bedürfnisse auf eine Weise ausdrücken kann, die für den anderen leicht zu hören ist. Die keine Forderungen beinhaltet, keine Diagnosen und Vorwürfe dessen, was der andere falsch macht, wenn er dem Wunsch nicht Folge leistet.

Und nicht nur der Ausdruck ist wichtig, für die innere Ganzheit, sondern auch das Verständnis dessen, was der andere erlebt. Denn wenn ich sag was ich will und bekomme ein :-( zur Antwort, fällt es mir sehr schwer, immer noch davon auszugehen, dass was ich will auch gut für die andere Person und damit die Beziehung sein könnte. Da kann ich mich selbst noch so gut verstehen, das ändert sich erst, wenn ich eine empathische Vorstellung dessen hab, was die Situation des anderen gerade ist. Und meine Erfahrung ist, dass ich mich erst so richtig auf die Perspektive der anderen Person einlasse, wenn ich aufgegeben hab, sie in mein Ideal-Bild zwängen zu wollen. Was ich wiederum erst tue, wenn mir wirklich klar ist, dass ich damit nicht gewinne, weil das Problem nie in der Persönlichkeit des anderen liegt, sondern darin, dass ich wissen will, wie ich zu meinen Gefühlen, Bedürfnissen und Bitten stehen kann, unabhängig von den Umständen.

Das scheint also Teil der Gegebenheiten zu sein, die nötig sind, um den Mythos der anderen Hälfte aufzugeben und mehr Offenheit zu erlauben. Ich bin gespannt auf Kommentare…








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