Hin und wieder gerate ich in folgende Lage: Ich treffe jemanden, der mich mit viel Freundlichkeit und Wärme behandelt, aber irgendwie finde ich kein Vertrauen und keine Entspannung in mir. Irgendetwas nagt am Vertrauen und ich weiß vielleicht nicht einmal genau, was es ist. Wie spreche ich das jetzt an? Es scheint zwei Möglichkeiten zu geben, und irgendwie sind beide unmöglich: Entweder ich bin offen und sage was los ist, gehe damit aber das hohe Risiko ein, dass die andere Person irritiert und hilflos ist, die Angst und Unentspanntheit vielleicht persönlich nimmt und sich entfernt, oder ich halte meine Klappe und tu so als ginge es mir gut, während ich innerlich einfriere.
Jetzt hab ich noch eine dritte Möglichkeit. Ich nutze meinen Blog, um Leute zu informieren, was dahinter steckt und wie sie damit umgehen können, wenn sie jemanden wie mich treffen
Zunächst: Ich hab entdeckt, dass ich häufiger Angst oder Stress fühle als viele Leute. Das zu entdecken ist nicht so einfach, wenn man von seiner eigenen Perspektive ausgeht und denkt „So (stressig und bedrohlich) ist eben die Welt.“ Dann aber stellt man fest, dass es doch Unterschiede in der Wahrnehmung gibt und bestimmte Aufmerksamkeits- und Denkstile zu mehr Angst führen als andere. Dass die Angst so groß ist, weiß man auch erst, wenn sie weg ist, da man sonst keinen Kontrast hat.
Wie muss man sich das also vorstellen. Ein Aspekt meiner Wirklichkeit ist ständige Wachsamkeit, als müsste man immer den Rücken decken. Nehmen wir mal an, du sitzt in einem Haus mit einem Buch auf dem Schoß. In dem Haus lebt jemand, der ist stärker als du. Sein Verhalten ist nicht vorhersehbar. Du hast schon öfter die Erfahrung gemacht, dass er dich schlagen, oder dir einreden könnte, was für ein schlechter und unwürdiger Mensch du bist. Und in jedem Moment könnte wieder so etwas kommen. Jetzt mach das Buch auf und versuch zu lesen. Du wirst merken, dass deine Aufmerksamkeit geteilt ist. Mit der einen Hälfte versuchst du der Geschichte zu folgen, mit der anderen versuchst du Anzeichen für Gefahr zu erkennen. Das sorgt für eine ständige Unruhe, die sich nicht beruhigen lässt, weil du keinen Raum hast, in dem du dich beruhigen oder dich entspannen könntest, weil du absolut sicher vor derlei Gewalteinwirkungen bist.
So in etwa habe ich mich einen Großteil meines Lebens gefühlt. Ein ständiger Stress, eine ständige Wachsamkeit und dabei immer die Frage, wie andere Leute so locker wirken können. Erst seit den letzten drei/vier Jahren hab ich längere Perioden von Entspannung erlebt, so dass mir überhaupt erst klar wurde, wie viel Stress ich in meinem Leben hatte.
Eine andere Übung wäre, dich mit einem Freund oder einer Freundin zusammen zu setzen. Schau den Freund an und stell dir vor, dass er dir etwas verschweigt, was relevant für die Freundschaft wäre. Stell es dir so vor, dass du ganz sicher bist, dass da etwas ist. Vielleicht machst du’s konkret, wie z.B. dass er doch sauer war, als du letztes Mal vorzeitig gegangen bist, es aber nur nicht gesagt hat (und es bestimmt irgendwann hochkommt, wenn du’s gar nicht gebrauchen kannst). Jetzt fang irgendein alltägliches Thema an. Während du mit ihm darüber redest, versuche Hinweise in dem zu finden, was er sagt, die bestätigen, was du vermutest. Auch hier wieder wirst du merken, wie deine Aufmerksamkeit geteilt ist und du ständig wachsam bist.
Ich habe wenige Leute, bei denen ich keinen Moment daran denke, da sei immer etwas, was im Hintergrund eine Rolle spielt, was aber nicht gesagt wird. Je wichtiger mir eine Person wird, desto eher kommt mir auch der Gedanke „Du weißt gar nicht, warum du mich magst. Da werden unbewusste Motive hinterstecken, die dir irgendwann klar werden. Und dann wirst du gefährlich für mich, enttäuschst mich, entscheidest dich so, dass ich einstecken muss, bist auf einmal weg, machst mir Vorwürfe, dich missbraucht zu haben und dergleichen. Bevor du mir nicht ganz klar sagen kannst, was deine Motive sind und worauf deine Zuneigung beruht, finde ich kein Vertrauen in mir.“ Glaubt mir, das ist nicht angenehm. Und das unangenehmste ist, wenn ich das alles projiziere, es mir ausdenke und der andere nichts direkt tun kann, um mich zu beruhigen. Also er kann nicht das Gegenteil beteuern oder so. Das ist dann genau die verzwickte Situation, mit der ich diesen Eintrag angefangen habe: Entweder ich bin ehrlich, sage, wie viel Angst und Misstrauen in mir ist und gehe das Risiko ein, dass gerade das die andere Person gegen mich aufbringt (weil auch sie hilflos ist und gerne möchte, dass ihr vertraut wird). Oder ich halte damit hinterm Berg, fühle mich aber nie richtig wohl.
Ein Weg da heraus zu kommen ist, wenn ich mich an das erinnere, was ich will und das sage. Und das kann in jedem Moment etwas anderes sein. Ich kann mir das nicht zurecht legen, sondern brauche eine Offenheit, die erlaubt das zu erkennen, was sich spontan bemerkbar macht. Wenn ich damit in Kongruenz bin, hab ich keine Angst mehr. Zum Beispiel könnte es sein, dass ich mehr darüber wissen möchte, was die andere Person gerne mit mir machen will. Oder wie sie sich fühlt, woran sie denkt. Das funktioniert aber lange nicht so gut, wie wenn ich erstmal ehrlich sage, dass ich nervös bin und mir dann zugehört wird, ohne dass mich jemand da heraus reden will.
Kongruenz ist auch wichtig in Bezug darauf, wie ich auf andere reagiere. Ich bin sehr sensibel dafür, dass das was andere sagen und was sie tun oder irgendwie sonst zeigen, nicht übereinstimmt. Dann entsteht eine Dissonanz zwischen diesen beiden Wahrnehmungen in mir. Und darauf kann ich Leute ansprechen und sie fragen, ob mein Eindruck stimmt. Ein klärendes Gespräche löst die Dissonanz. Wenn die andere Person aber nicht weiß, was sie sagen soll und ich keine Idee habe, was dahinter stecken könnte, ziehe ich mich lieber zurück und schaue, was mir meine Intuition sagt. Das kann einige Zeit dauern. Und dann spreche ich das Thema nicht an, bis mir das klar ist.
Diese Intuition ist aber auch eine wunderbare Gabe. Ich bin besonders gut darin, vorherzusagen, wie Leute miteinander umgehen. Welche Art Beziehung sie zueinander haben. Und das kann ich schon mit wenigen Informationen. Außerdem erkenne ich schnell ein Muster und seine Beziehung zu verdeckten Motiven, von denen die beteiligten nicht immer wissen. Es passt oft sehr genau. Das einzige, worauf ich achten muss, ist Projektion, also meine eigene Perspektive auf alle anderen übertragen – der Hauptfaktor, der Intuition stören kann.
Ich bekomme auch hin und wieder zu hören, dass ich zu sehr im Kopf sei, mehr denke als handele. Das kommt oft dann, wenn ich eine Situation von allen Seiten her erkläre und vielleicht der Eindruck entsteht, ich hätte sehr sehr lange darüber nachgedacht. Der Hintergrund dafür ist aber der, dass ich sehr vorsichtig bin, wenn ich mich sichtbar mache und in Dialog mit Leuten trete, die auch nur irgendwo den Status Autorität haben. Meine eingebrannte Assoziation mit Autorität ist, dass ich hart bestraft werde, wenn ich etwas tue, was in ihren Augen falsch ist, wer auch immer auf einem gewissen Gebiet als Autorität gesehen wird. Dieser befürchteten „Bestrafung“ kann ich am ehesten entgehen, wenn ich sowohl meinen Standpunkt als auch den der Autorität verstehe und in Worte fassen kann. Damit schaffe ich eine Position von der aus ich beides umfassen und darüber hinausgehen kann. Und erst da fühle ich mich sicher und wohl.
Ich hab in dem Buch „Das Enneagramm“ von Helen Palmer gelesen, wie andere Leute mit demselben Muster regelrecht Erfolg scheuen und immer abhauen, kurz bevor sie ins Rampenlicht treten. Ich kann das nachvollziehen. Ich würde auch erst öffentlich sprechen wollen, wenn ich ein Gebiet voll verstanden habe. Das dumme ist, meistens interessiert es mich dann nicht mehr so sehr…
Von der Perspektive aus wird ersichtlich, warum sich nachdenken für mich sehr produktiv anfühlt. Ich taste die verschiedenen Positionen auf Schwachstellen und Begrenzungen ab. Schließlich kenne ich alle bekannten Standpunkte zu einem Thema und kann selbst anhand klarer Kriterien entscheiden, welche meinen Vorzug genießt. Und das mache ich dann. Wenn mich dann jemand kritisiert, kann ich ruhig bleiben und mir anhören, was er oder sie zu sagen hat. Den Standpunkt kann ich anerkennen und gleichzeitig erklären, weshalb anhand der übergeordneten Kriterien auch mein Standpunkt Wert hat. Diese Kriterien muss ich also kennen und benennen können. Fehlt das und jemand kritisiert mich, muss man sich das Gefühl ungefähr so vorstellen, wie die Unausweichlichkeit eines riesigen Hammers, der mich fortschleudert, ohne dass ich mich irgendwo festhalten kann. Ich sag mir dann sowas wie „Was mach ich hier eigentlich – ich hab gar kein Recht hier zu sein und irgendwas dazu zu sagen. Ich hab keine Ahnung, kann nichts beitragen.“ Fühlt sich irgendwie sehr brutal an.
Das wird allerdings anders, sobald ich die Erfahrung mache, dass jemand ebenfalls mit Neugierde auf abweichende Standpunkte reagiert und meine Perspektive kennenlernen will. Das erzeugt Vertrauen bei mir. Dann bin ich sehr offen und teile alles, was mir dazu einfällt, bzw. bin neugierig darüber, was ich dazu lernen kann.
Noch ein paar Punkte, die Vertrauen erzeugen: Jemand zeigt wiederholt, dass er weiß was er sagt und auch tut was er sagt, weil es ihm wirklich, aus sich heraus, wichtig ist. Also ohne daraus z.B. ein moralisches Beispiel zu machen und zu erwarten, dass ich mich ebenfalls an mein Wort binde, selbst wenn ich nicht weiß, ob ich etwas wirklich will. Wenn jemand mein Misstrauen nicht persönlich nimmt, also sich in seinem Selbstvertrauen nicht erschüttern lässt, sondern mein Misstrauen im Kontext meiner Geschichte sieht und versteht, weckt das Vertrauen. Wenn mir jemand helfen kann, meine Zweifel und Ängste konkret und klar auszudrücken und mir damit die Angst davor nimmt. Wenn die Situation nämlich einmal offen ist, weiß ich was zu tun ist – es ist die Unklarheit und Vagheit der Bedrohung, mit der ich Mühe habe und bei der ich nicht still stehe oder mich entspanne, bis ich klar vor Augen habe, was Sache ist. Wer mit Neugierde und Offenheit reagiert, wenn ich ihn auf Dissonanzen und Widersprüche aufmerksam mache, gewinnt mein Vertrauen. Wer deutlich zeigt, wo er steht. Und wer ganz einfach aufrichtig fragt „Wie fühlt es sich an, du zu sein in dieser Lage?“ Interesse für meine Perspektive und meine Realität erlebe ich als sehr liebevoll und Nähe schaffend und man kann mir kaum ein schöneres Gefühl geben als damit. Allerdings funktioniert das nur, wenn es einfach Neugierde ist dafür, was gerade da ist, was mich am meisten interessiert und beschäftigt – nicht wenn ich merke, oder denke zu merken, dass jemand bestimmte Sachen erwartet. Das alles zusammen genommen ist phänomenal, aber ich glaub schon einer dieser Faktoren allein ist ein wunderbarer Beitrag.
Ich will noch hinzufügen, dass ich mich nicht als meine Persönlichkeit, das heißt meine gewohnten Muster, sehe. Jeden Moment ändert sich wie ich mich fühle und woran ich denke. Und gerade, wenn ich nicht an einer bestimmten Vorstellung von mir selbst festhalte, passieren spannende Dinge. Die Persönlichkeit zu kennen ist ein Weg, über sie hinaus zu gehen. Ich hoffe was ich hier schreibe hilft anderen, das auch in sich zu erkennen. Für mehr Vertrauen, Nähe und Liebe in dieser Welt.