Heldentum im 21. Jahrhundert

In einer Unterhaltung mit einem lieben Freund tauchte neulich das Thema Heldentum auf. Ich verbinde damit ganz unterschiedliche Dinge, darunter den Stolz und Sinn, den eine Heldengeschichte vermittelt, in der jemand Großes wagt und Risiken eingeht, um etwas Wertvolles zu schützen oder zu schaffen. Sie weckt den Wunsch in mir, selbst etwas Sinnvolles zu tun und das Leben besser oder schöner zu machen. Aber sie kann auch Überforderung und Selbstentfremdung mit sich bringen, wenn ich fürchte, an einer Aufgabe zu scheitern und mich zu schämen.

Das Interesse an Heldengeschichten geht bis an den Beginn der aufgezeichneten Menschheitsgeschichte zurück und scheint auch in der modernen und postmodernen Kultur unserer Zeit nicht abzureißen, trotz Aufklärung und rationaler Weltanschauung. Allein die Menge und Popularität der Superheldenfilme, die mit den zunehmenden technischen Möglichkeiten immer beeindruckender darstellen können, was sonst nur in Fantasie und in Form von Tusche darstellbar war, reichen als Hinweis darauf. Und auch ich liebe diese archetypischen Geschichten, bei denen die Ordnung am Anfang einer Geschichte durch ein chaotisches Element von außen bedroht wird und die Heldin oder der Held ihren/seinen Weg findet, die eigene Kraft zu finden und mit Mut das Chaos zu bezwingen. In den Superheldenfilmen sind das dann meistens irgendwelche Superschurken, Aliens, Monster, Gottheiten, die z.B. einen finsteren Racheplan hegen und alles vernichten wollen, wie etwa Sauron im Herrn der Ringe oder Thanos in „Avengers: Infinity War“, der mit Hilfe der Unendlichkeitssteine die Bevölkerung der Galaxis halbieren will, damit eine abstrakte Balance wiederhergestellt wird. Ein Grund, warum diese Geschichten mir so reizvoll erscheinen liegt darin, dass die Struktur so simpel wie tiefgängig ist: Es ist klar, was die Aufgabe ist, was es zu beschützen gilt, wer der Böse ist und wo es lang geht. Und in der Frage, wie der Held es schafft, ist immer noch genug Spannung, um dabei zu bleiben. Aber wie sieht das in unserem Leben aus? Was können wir in der komplexen Welt der Postmoderne noch als heldenhaft verstehen, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen? Was darf als Bedrohung gelten, ohne dass wir selbst zur Bedrohung werden? Wie lösen wir Probleme, ohne auf dem Weg selbst zum Problem zu werden? Auch das sind gewissermaßen archetypische Fragen, die so alt sind wie die Menschheit, deren Antworten jedoch in jeder Situation wieder neu gefunden und definiert werden wollen.

Chaos und Ordnung

Ich habe Professor Jordan B. Peterson den Hinweis auf die mir sehr nützlich erscheinende Perspektive zu verdanken, unsere Realität als ein Zusammenspiel von Chaos und Ordnung zu verstehen. Damit ist gemeint, dass wir Zeit unseres Lebens Bereiche haben, die uns bekannt sind, für die wir innere Landkarten haben, in denen wir uns bewegen und zurechtfinden können und Bereiche, die neu, unstrukturiert, möglicherweise auch überwältigend und verwirrend oder gefährlich, aber auch aufregend und lebendig sein können. Das Yin/Yang-Symbol bildet diese Konzeptualisierung wunderbar ab. Leben können wir hierbei vor allem auf dem schmalen Streifen in der Mitte, bei dem wir einen Fuß in der Ordnung haben und einen im Chaos. Dieser Ort fühlt sich sicher und stabil genug an, um nicht vor Angst zu vergehen und herausfordernd und lebendig genug, um nicht in Langeweile zu ersticken.

Wo dieser Punkt im konkreten Leben eines Menschen oder einer Gesellschaft ist, ist nicht festgelegt, denn es hängt vor allem vom inneren Wachstum und der inneren Ordnung und Orientierung ab, wie viel Chaos jemand braucht, um sich lebendig zu fühlen, ohne dabei überwältigt zu werden. Menschen, die wissen, wo sie stehen, die einen stabilen Rahmen haben und im Grunde genommen versorgt sind, werden einen Drang spüren, sich selbst neuen Herausforderungen auszusetzen, zu lernen, Aufgaben zu übernehmen und Verantwortung zu tragen, um zu spüren, dass ihr Leben sinn- und bedeutungsvoll ist. Carl Rogers nannte das die „Selbstaktualisierungstendenz“, die in meinen Augen fundamental darin besteht, dass wir Freude daran haben, die eigenen Fähigkeiten und Talente zu nutzen um Ordnung in’s Chaos zu bringen. Ich wage die Behauptung, dass alle Spiele, wie z.B. Solitär oder Schach, dieses Grundprinzip haben, in einer Situation der Spannung und Unordnung eine (Rang-) Ordnung zu finden. Und es ist dieser Prozess, in den wir uns dafür begeben, der sich nach Flow und Lebendigkeit anfühlt, wenn wir entsprechend gefordert sind.

Das Empfinden von Lebendigkeit hält sich allerdings nur so lange, wie uns das Chaos nicht überwältigt und wir den Boden nicht unter den Füßen verlieren. Passiert uns das durch Verlust, Trennung, Verrat, Übergriff oder Krankheit hört unsere Landkarte auf, wir kennen uns nicht mehr aus, wissen nicht, wie wir uns zurechtfinden sollen und landen bildlich gesprochen in der „Unterwelt“. Alles oder einiges was zuvor funktioniert hat, geht nicht mehr, wir brauchen neue Lösungen zur Erfüllung unserer Bedürfnisse und haben doch keine Ahnung, wie es gehen soll, keine Vorstellung, dass irgendetwas Neues entstehen könnte, was uns den Zustand der Stabilität und inneren Ruhe zurückbringen könnte. Führt uns ein solches Ereignis in einen extremen Zustand der Angst, Panik und des Kontrollverlustes, sprechen wir von einem Trauma, das den Glauben an die Selbstwirksamkeit untergräbt und somit die Hoffnung auf innere Ordnung und Kohärenz aussichtslos erscheinen lässt. Durch langsames Sortieren, Spüren, achtsames Ordnen des Erlebten und viel menschliche Wärme und Zuwendung können wir in einer solchen Lage eine neue Ordnung finden, die uns den Zugang zu Kraft und Zuversicht wieder erlaubt. Das Ergebnis eines solchen Prozesses kann sein, dass wir innerlich besser gewappnet sind, uns der dunklen, chaotischen und brutalen Seite des Lebens zuzuwenden und das Erlernte auch anderen zur Verfügung zu stellen. Hierauf passt der Ausdruck „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.“

Der Heros in tausend Gestalten

In traditionellen Heldengeschichten finden wir oft das Motiv der ummauerten Stadt, die Ausgangsort und sicherer Hafen des Helden ist. Dort ist das Leben friedlich, geordnet, jeder hat seinen Platz und so lange man innerhalb der Stadtmauern bleibt, ist alles sicher. Bei Star Wars wäre das Tatooine, auf dem Luke Skywalker groß wird, beim Herrn der Ringe das Auenland, in welchem Frodo Beutlin unter Obhut seines Onkels Bilbo ein beschauliches Leben führt. Gautama Buddha verbringt sein Leben bis zum 29. Lebensjahr im Palast seines Vaters und wird von allen Formen des Leidens ferngehalten, damit er seine Liebe zum Leben nicht verliert und ein weltlicher Herrscher wird. Jedoch gelingt es nicht, diese Ordnung aufrecht zu erhalten, denn außerhalb der Stadtmauern gibt es ein Element des Chaos, eine Bedrohung und eine Herausforderung, die zu meistern notwendig ist, um die schon anwesende oder kommende Not zu wenden. Jemand oder etwas dringt von außen in die Stadt ein und stört die Ordnung, ist Vorbote für weitere Bedrohungen und fordert zum Handeln auf, trotz großer Zweifel und Ängste, die jeden erreichen, der vor einer Situation steht, die er noch nie hat meistern müssen.

Wie kann diese Situation in unserem heutigen Leben aussehen? Denn gerade in Deutschland und der westlichen Welt ist unser Leben sehr strukturiert, die „Stadtmauer“ umfassend. Haben wir unser eigenes Leben einigermaßen stabil auf der Reihe, brauchen wir uns weitestgehend keine Sorgen um Obdach, die körperliche Sicherheit, die Versorgung mit Nahrung oder den Schutz vor der Natur zu machen. Was sind die Elemente des Chaos in unserem heutigen Leben?

Das Universum in deinen Augen

Auf der Maslowschen Bedürfnispyramide folgen auf die Sicherheitsbedürfnisse, die ich als weitestgehend erfüllt/erfüllbar betrachte, die sozialen Bedürfnisse. Im Prinzip finde ich auf dieser Ebene schon wieder genug Chaos für ein ganzes Leben, denn schon ein anderer Mensch kann so kompliziert sein, dass eine wirklich authentische, ehrliche Begegnung mit jemandem mein Herz vor Aufregung schneller schlagen lässt. Ich schlage vor, sich jemanden Vertrautes zu schnappen und sich gegenseitig mindestens eine Minute lang in die Augen zu schauen, um zu spüren, was ich meine. Wir haben Regeln, Sitten, Bräuche und Gewohnheiten um uns gegenseitig genug Sicherheit und Vorhersehbarkeit zu geben, um es miteinander auszuhalten und nicht vor Angst davon zu laufen, wenn wir uns begegnen. Aber wenn wir genau hinschauen, merken wir, dass eine authentische Begegnung zu allem Möglichen führen kann, auf das wir Lust oder vor dem wir Angst haben können, je nach innerer Stabilität oder Grad der Verbundenheit mit der anderen Person. Und wenn ich in einer stabilen Beziehung oder Freundschaft ein konflikthaftes Thema ansprechen will, weil es mir Druck macht, merke ich, wie viel Mut ich brauche, um dem potenziellen Chaos in’s Auge zu blicken, das darauf folgen kann. Deswegen machen wir es vermutlich oft auch nur, wenn es wirklich nicht mehr anders zu gehen scheint.

Dienst an der Gemeinschaft

Diese Erfahrung kann ich von der individuellen Ebene auch auf die kollektive Ebene übertragen, denn wenn schon eine Person kompliziert ist, wie gehen wir dann mit einer ganzen Gruppe oder unüberschaubaren „Masse“ von Menschen um, zu denen wir nicht mal eine persönliche Beziehung haben? Eine Herausforderung unserer Zeit scheint mir die Prognose zu sein, dass sich das Klima drastisch erwärmen wird, wenn es uns nicht gelingt, die Treibhausemissionen zu reduzieren. Das verspricht ein Chaos zu werden, gegen welches unsere aktuelle „Stadtmauer“ nicht halten kann. Aber wie kann eine umfassende Aufgabe wie diese von der Position des Individuums aus angegangen werden? Und wie können wir uns dem zuwenden, ohne vor Verzweiflung gelähmt zu sein, wie es in vielen Fällen von Menschen, die sich mit dem Thema beschäftigen, der Fall ist?

Für einen Aspekt dabei halte ich, als Individuum öffentlich sichtbar zu werden und meine Gedanken und Ansichten zur Verfügung zu stellen, in der Hoffnung, sie mögen anderen bei ihrer Orientierung dienen, ganz im Bewusstsein, dass ich damit angreifbar werde. Neben der Angst vor Krankheit und Tod stellt nämlich auch die Angst vor dem Exil und der Beziehungslosigkeit ein unbedingtes Element des inneren Chaos dar. Wir sind soziale Wesen, deren Überleben und langfristiges Wohlergehen in fundamentalem Maß von Beziehungen und gegenseitiger Zuwendung abhängig ist. Dementsprechend braucht es Mut, sich emotional zu exponieren und potenzieller Kritik und Ablehnung auszusetzen. Diese Art von Verletzlichkeit ist vermutlich jedem bekannt, der je für eine ihm oder ihr wichtige Sache eingestanden ist. Ich bin dankbar für einige Menschen, die sich öffentlich äußern und offen über Themen nachdenken, die mich beschäftigen. Das kommt mir gar nicht so einfach vor, weil offen zu denken erfordert, dass ich meinen Standpunkt bereit bin anzupassen, wenn im Gespräch neue Perspektiven auftauchen, an die ich noch gar nicht gedacht habe. Mich als jemand zu zeigen, der fundamental daran interessiert ist, was ein nützlicher Weg ist, die Welt zu sehen und zu ordnen, bedeutet, dass ich meine Position bereit bin zu korrigieren und aufgebe, im Recht sein zu wollen. Gerade der letzte Punkt kann einen mit Scham in Kontakt bringen und der Angst, von anderen nicht mehr respektiert oder geschätzt zu werden, wenn sich meine Perspektive als unzulänglich erweist. Sich dennoch zu zeigen und das Wagnis eines öffentlichen und offenen Dialoges einzugehen, empfinde ich aus diesem Grund als heldenhaft.

Klarheit und Mut

Die Voraussetzungen, die ich für diese Art von Heldentum sehe, liegen zum einen in innerer Klarheit, damit ich weiß, wovon ich spreche, wofür ich kämpfe und warum es mir wichtig ist. Habe ich diese Klarheit nicht, kann ich gegenüber Angriffen und Kritik nicht bestehen, da ich zu schnell verunsichert werde, vergesse, warum mein Anliegen eigentlich wertvoll ist und mich von anderen in Ecken stellen lasse, in denen sie mich und meine Stimme ignorieren können, sollte meine Position zu lästig sein. Wirkliche Veränderung ist unter Umständen alles andere als willkommen, da sie eben dazu auffordert, haltgebende Ordnung aufzugeben und sich neu zu orientieren, mit allen Ängsten und Unsicherheiten, die das mit sich bringt.

Zum anderen braucht es Mut, denn die Angst vor Blamage und Scheitern gehört inhärent zur Konfrontation des Chaos dazu und ist ab einem gewissen Punkt nicht reduzierbar, egal wie gut ich mich vorbereite. Mut jedoch schöpfe ich aus der Einsicht, dass mein Bemühen Sinn hat, egal ob ich dabei scheitere. Dass es etwas Wichtigeres für mich gibt, als die Sicherheit, dass es gut ausgeht. In Notsituationen orientiere ich mich auch an dem Spruch „Wenn ich mit dem Rücken zur Wand stehe, stärkt mich die Wand.“ – ich weiß, dass jede Alternative mein Leid vergrößert, also gehe ich das Risiko ein und betrete unbekanntes Territorium.

Genau das ist der Schritt, den Helden machen, wenn sie einsehen, dass es letztlich nur zu mehr Leid führt, wenn sie innerhalb der Stadtmauer bleiben und sich nicht der Herausforderung stellen, die das Element des Chaos ihnen stellt.

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Rang und Hierarchie

Ich habe mal jemand sagen hören, im Zusammenleben seien keine Themen so heiß wie Sex, Macht und Geld. Selbst wenn in einer Gruppe alles andere gut liefe, sobald man sich einander damit offenbare, entzündeten sich Konflikte daran, die für die meisten eine große Herausforderung darstellten. Diesen drei Themen ist gemeinsam, dass es dabei oft um Neid, Eifersucht und Selbstwert geht, der sich gerne an äußerlich wahrgenommenen Rängen und Hierarchien misst. Mit Rang meine ich Unterschiede, die wir alle mehr oder weniger unbewusst wahrnehmen, wenn wir andere Menschen sehen oder uns in Gruppen positionieren. Diese Unterschiede können die Attraktivität, den sozioökonomischen Status (ablesbar an Kleidung und Gesundheit), die Herkunft und soziale Klasse oder auch bestimmte Kompetenzen wie z.B. Fremdsprachen oder musikalische Fertigkeiten betreffen. Rang wird von außen zugeschrieben und entspricht der Wertschätzung einer Fähigkeit oder Eigenschaft durch andere. Rang ist also nicht gleichzusetzen mit Entwicklungsstufen oder Kompetenzen, sondern benennt deren Rolle in einem sozialen Kontext.

Ich persönlich habe das Thema Rang bis zu einem bestimmten Punkt gerne gemieden. Ich hätte auch nicht genau sagen können, wieso, aber ich hatte Angst davor. Das hatte wohl auch damit zu tun, dass ich als Jugendlicher oft eine Außenseiterposition hatte und mir auf der Beliebtheitsskala im Vergleich mit den anderen in der Klasse eher weit unten vorkam. Um den Schmerz darüber nicht so zu spüren, hab ich Ränge grundsätzlich als etwas Unterdrückendes abgelehnt, das es zu überwinden gilt. Damit lag ich sehr im Trend der Denker der Postmoderne, die Hierarchien vor allem als Rechtfertigung von Herrschaftsansprüchen verstehen und deswegen versuchen, die Gleichheit der Menschen in den Vordergrund zu stellen. Das Dumme ist, durch Leugnung verschwinden Ränge nicht. Mehr noch, man begeht einen so genannten performativen Widerspruch, wenn man sagt, dass Ränge doof sind. Dadurch entsteht nämlich eine Rangfolge im Sinne von „Nicht-Ränge sind besser als Ränge“. Irgendwas kann daran nicht stimmen.

Im Laufe meiner Ausbildung an der ZIST Akademie für Psychotherapie bin ich Dr. Reini Hauser begegnet, der in Zürich lebt und in seiner Arbeit viel mit Gruppendynamik zu tun hat. Sein Ansatz geht auf einen Schüler C.G. Jungs zurück, Arnold Mindell, der die sogenannte Prozessorientierte Psychotherapie entwickelt hat. Angewandt auf Gruppen nennt sich der Ansatz Worldwork. Ich konnte mit Reini live erleben, wie er dieses heiße Eisen mit Leichtigkeit in die Hand nahm und Konflikte innerhalb meiner Lerngruppe benannte, vor deren Größe ich erheblichen Respekt hatte. Sie betrafen eben gerade Rangunterschiede, die zu benennen ich mich erst nach 3 Jahren traute und dann auch nur im vertrauten Kreis. Ich warf mir innerlich vor, arrogant und überheblich zu sein, wenn ich meinte, dass ich etwas besser konnte oder irgendwie besser dran war als andere. Unbewusst fühlte ich mich noch immer wie als Jugendlicher und wusste, wie weh es tun kann, sozial außen vor zu sein. Das wollte ich niemandem antun. Und doch waren diese Unterschiede da und sie wirkten. Wie bespricht man sowas, ohne reihenweise Leute zu kränken oder sich selbst unter den Scheffel zu stellen?

Ranglinien und Kontext

Der erste Trick ist, von vielen verschiedenen Ranglinien auszugehen. Das heißt, es gibt nicht nur eine Hierarchie wie etwa die der Attraktivität, sondern ganz verschiedene, wie z.B. oben aufgelistet. Hinzu kommen u.a. Gesundheit, Selbsterfahrung, innere Balance, Geld auf dem Konto, Schönheit des Wohnortes, soziale Rolle (ein Kind einen anderen Rang als ein Erwachsener), institutionelle Position oder einfach Alter. Welche Ranglinie gerade relevant ist hängt hierbei nur vom Kontext ab. Ob ich gut Klavier spielen kann ist relativ egal, wenn ich nach einem Flugzeugabsturz das Leben meiner Mit-Passagiere retten will. Dass ich 5 Jahre älter bin als mein Bruder spielt keine Rolle, wenn es darum geht über mittelhochdeutsche Texte zu philosophieren. Sexiest Man Alive zu sein ist egal, wenn ich an meiner Steuererklärung scheitere. Und mehr Geld auf dem Konto zu haben, als ich je ausgeben könnte, hilft mir auch nicht, wenn ich an einer unheilbaren Krankheit leide und geradewegs auf den Tod zusteuere. Das heißt, ob ein Rang im Vergleich zu anderen wichtig ist, kommt auf die Situation an, die sich aus vielen Gesichtspunkten zusammensetzt. Darunter sind Struktur der Gruppe, Zeitgeist, Modeerscheinungen (z.B. was das körperliche Ideal angeht) und aktuelle Aufgaben oder Anforderungen.

Berücksichtige ich diese Faktoren, verliert das Rangthema schon einmal seine Absolutheit. Wir mögen unterschiedlich gut sein auf verschiedenen Gebieten und gewisse Eigenschaften haben, für die wir gar nichts können (wie eben Alter oder Herkunft), die uns in bestimmten Kontexten einen hohen Rang verleihen, aber es gibt wahrscheinlich bei jedem Menschen etwas, das in einer bestimmten Situation wirklich wertvoll ist. Mich lehrt diese Perspektive Demut, da ich selbst mit meiner Expertise oder gewissen Vorteilen in manchen Bereichen in anderen Bereichen anderen Menschen einfach unterlegen bin. Und das ist völlig in Ordnung.

Nutzung des Ranges

Der zweite Trick ist, Rang und Nutzung des Ranges zu unterscheiden. Bei Spider-Man heißt es „Mit großer Macht kommt große Verantwortung.“ Von meiner Position als Underdog aus habe ich viele Menschen erlebt, die ihren Rang vor allem zum Selbstschutz oder zur eigenen Bereicherung genutzt haben. Denke ich beispielsweise an den heißesten Typ in der Klasse, der sich von Mädchen nur so umschwärmen ließ, könnt ich mich nicht erinnern, dass der seinen Status mal genutzt hätte, um mich mit einem Mädchen bekannt zu machen. Nicht, dass das seine Aufgabe wäre, aber es wäre doch nett gewesen.

Es gibt unzählige Beispiele dafür, wie Rang zum Nutzen anderer oder sich selbst eingesetzt werden kann. Seien es Milliardäre, die ihr Vermögen für gute Zwecke spenden, Gurus, die mit ihren Schülerinnen schlafen, Chefs, die mit ihrer persönlichen Offenheit das Betriebsklima vertrauensvoller gestalten oder Eltern, die sich anhand der Begabungen ihrer Kinder auf deren Kosten aufwerten. Ein Rang sagt nichts darüber aus, wie jemand damit umgeht. Das bedeutet auch, dass Rang, entgegen der Annahme der Postmoderne, nicht mit Unterdrückung anderer oder Herrschaftsanspruch gleich zu setzen ist, denn Unterdrückung wäre schon eine Umgangsweise, nicht der Rang an sich.

Man kann natürlich fragen, wovon denn diese Umgangsweise abhängig wäre, müsste dafür allerdings einen Blick auf innere Faktoren wie moralische oder emotionale Entwicklung werfen, die in verschiedenen Kontexten verschiedene Ränge verleihen, aber selbst keine Ränge sind. Hat jemand in seiner persönlichen oder moralischen Entwicklung eine relativ hohe Stufe erreicht und durch Reflektion persönlicher Erfahrung einen Überblick gewonnen, bedeutet das in der Regel mehr Bewusstheit, die Fähigkeit verschiedene (auch gewohnheitsfremde) Perspektiven einzunehmen und einen großen Fürsorgekreis zu haben, der weit über sich selbst, und die eigene Gruppe (Familie, Ethnie, Nationaliät) hinausgeht. Das heißt, Menschen, die in bestimmten Bereichen weit entwickelt sind, tendieren dazu, Ränge nicht zu missbrauchen, wenn sie sie verliehen bekommen. Ken Wilber, der Begründer der Integralen Theorie, spricht in diesem Kontext von Wachstumshierarchien vs. Unterdrückungshierarchien. Wilber unterscheidet allerdings nicht Entwicklungsstufe von Rängen, was für Menschen, die Angst vor Herrschaftsansprüchen haben, heikel ist, da man dann auch einfach sagen könnte „Ich bin am weitesten entwickelt, ich kann alles am Besten, aller Rang zu mir!“

Folgt man dieser Behauptung, kann es natürlich sein, dass jemand trotz niedriger Entwicklungsstufe in einem bestimmten Bereich einen hohen Rang erhält. Das kann sehr gefährlich werden, wie die Geschichte und genug aktuelle Beispiele zeigen. Dann ist jemand mit viel Macht ausgestattet, der diese leicht dazu missbrauchen kann, sich selber zu schützen und zu regulieren, während andere dafür einen hohen Preis zahlen. Das ist aber nicht eine Konsequenz des institutionellen Ranges, sondern der individuellen Entwicklungslage und Entscheidung des Einzelnen.

Wenn mir bewusst ist, dass ich meinen Rang verschieden einsetzen kann, höre ich auf, mich dafür für arrogant zu halten, sobald ich meinen Rang vor anderen benenne oder sogar feiere. Ich kann mich in meiner Größe genießen. Ich erinnere mich, wie ich einmal zu einer Gruppe hinzukam, in der gerade Weihnachtslieder gesungen wurden, die ich kenne und gerne singe. Ich bin mit eingestiegen und hatte plötzlich die Gitarre in der Hand und die Führung übernommen. Nicht weil ich das unbedingt wollte, sondern weil ich mich von allen offenbar am wohlsten damit fühlte, also relativ zu den anderen mehr Rang darin hatte. So ganz wohl war mir bei der Sache nicht – wer weiß, vielleicht fand das ja irgendwer furchtbar arrogant oder störend und rächt sich später dafür – aber wenn ich mir die Gesichter ansah, schienen sich alle daran zu freuen und ich konnte es auch.

Hoher Rang ist meist unbewusst

Ein weiterer Aspekt ist noch, dass Rangunterschiede vor allem für diejenigen sicht- und fühlbar sind, die wenig Rang haben. Wer viel Rang hat, egal in welchem Kontext, erlebt das Leben in der Regel einfach als leicht, ihm werden Türen geöffnet, Menschen kommen ihm entgegen, ohne dass er bewusst viel dafür tun muss. Der Schwarm aller Mädchen in meiner Klasse wird sich sicher gefragt haben, warum solche wie ich nicht einfach das gleiche machen wie er, es wäre doch so einfach. Menschen, die in reiche Familien geboren werden, lassen oft das gleiche über arme Menschen verlauten. Ohne den Rang wird einem schnell schmerzlich offenbar, wie viele Unterschiede es doch gibt und wie viel von dem, was einem selbst verwehrt ist, andere spielend leicht erreichen. Wer es z.B. leicht hat vor anderen zu sprechen und seinen Standpunkt in einer Gruppe zu vertreten, bekommt nicht mit, mit wie viel Angst andere es zu tun haben, die genauso gerne etwas sagen würden. Ist er sich dieses Ranges bewusst, kann er das einsetzen, um anderen Platz zu verschaffen, die es schwerer haben.

Darum ging es auch in meiner Lerngruppe an der Akademie. Es gab einige, die es aufgrund ihrer bisherigen Erfahrungen in Gruppenkontexten leichter hatten vor allen zu sprechen und von daher mehr Zeit und Aufmerksamkeit für sich in Anspruch nehmen konnten. Von der anderen Untergruppe, die sich damit schwerer tat, bekamen sie dafür das Etikett „dominant“ verpasst. Das fanden diese aber ungerecht und schossen entsprechend zurück: „Wenn ihr was sagen wollt, stellt euch halt nicht so an und sagt es einfach.“ Beide kamen sich ungerecht behandelt vor und die Vorwürfe flogen hin und her, meistens verdeckt, im Workshop zum ersten Mal offen. Mit Reinis Hilfe wurde uns klar, dass es eine Doppelbotschaft ist zu sagen „Sagt doch auch was!“ während man gleichzeitig den ganzen Raum für sich einnimmt. Und denjenigen mit dem hohen Rang wurde überhaupt erst bewusst, dass sie diesen Rang hatten. Mit dieser Perspektive war es wesentlich leichter, einander ohne Vorwurf zu begegnen und offener zu sprechen, wie sich die begrenzten Ressourcen von Zeit und Aufmerksamkeit gerechter verteilen ließen. Die Atmosphäre entspannte sich merklich.

Souverän feiern

Seit mir diese Punkte klar sind, fällt es mir wesentlich leichter meine Stärken zu feiern und mit meinen Schwächen souverän umzugehen. Die meiste Zeit kann ich den Rang anderer Menschen gelten lassen, selbst wenn ich mir auf dem Gebiet sehr unbedarft vorkomme. Und ich kann feiern, dass ich bestimmte Dinge einfach richtig gut kann und riesige Freude daran habe, sie zu tun, ohne zu meinen, dafür andere abwerten zu müssen. Für die Selbstwertregulation ist das sehr wertvoll und wichtig. Dazu gehört auch, regelmäßig die Kontexte aufzusuchen oder zu gestalten, in denen die eigenen Stärken hohen Rang haben. Bin ich ein begnadeter Programmierer, lebe aber seit 5 Jahren im Dschungel, vergess ich wahrscheinlich, dass ich etwas richtig gut kann. Ein Pinguin gehört ins Wasser, ein Programmierer an einen Rechner. Und ein Psychotherapeut in eine Praxis.

Empathie bei Paarkonflikten

Eine Herausforderung der Gewaltfreien Kommunikation im Alltag, vor der viele stehen, ist die Frage, wie man Empathie gut in Konflikte unterbringen kann, an denen man selbst betroffen ist und in denen man sein Gegenüber schon gut kennt. Beim Wechsel aus dem Streit-Modus in den Empathie-Modus passiert nämlich etwas, das ich für sehr wichtig halte: wir verlassen die Ebene von Gleichen und bekommen neue Rollen, mitunter mit Hierarchie-Gefälle. Und unverhofft bin ich neulich auf eine Möglichkeit gestoßen, damit umzugehen.

Lange hab ich mir nicht erklären können, warum mich so ein enormes Unbehagen beschleicht, wenn ich versuche einfühlsam auf mein Gegenüber einzugehen während ich selbst involviert bin. Ich habe außerdem die Erfahrung gemacht, dass meine Hoffnung auf dankende Anerkennung und erleichtertes „Ja, das ist es, so fühl ich mich gesehen!“ in der Regel enttäuscht wird. Üblicherweise bekomme ich ein „Na klar, was dachtest du denn, du Idiot!“ wenn ich im Streit eine Vermutung darüber anbiete, wie es dem anderen wohl gehen könnte. Ich glaube, dass führt in vielen Fällen dazu, dass der Versuch, die GfK in den Alltag zu integrieren entmutigt wird, trotz bester Absichten.

Also bin ich dem mal nachgegangen. Meine eigenen Erfahrungen und Fragen bei Freunden und meiner Partnerin haben zum einen ergeben, dass diese Vermutungen im Streit so wirken können, als bereite der eine Konfliktpartner eine Manipulation vor. Nach dem Motto: erst lullt er sein Gegenüber in Vertrauen und Mitgefühl ein, dann kommt der Hammer und das Gegenüber steht schutzlos da. Man kann diese Möglichkeit nicht ganz ausschließen, denn der innere Druck kann im Streit groß sein. Und wer sich in sein Gegenüber einfühlt und selber Not hat, wünscht sich auch, dass er ebenfalls Raum bekommt. Es könnte also die unbewusste Erwartung eines Handels geben, die erst bewusst wird, wenn das Gegenüber den Handel nicht erfüllt.

Zum anderen hab ich festgestellt, dass es beim Einfühlen in solchen Situationen Probleme mit der Glaubwürdigkeit geben kann. Sagen wir z.B. ich habe einen Streit mit meiner Freundin, nachdem ich später als verabredet zum Treffpunkt gekommen bin. Sie ist wütend und sagt mir, sie verabrede sich einfach nicht mehr mit mir, da es ja doch noch nie geklappt hätte. Ich reagiere erst ängstlich, weil ich Verbindung will und mich auf die Verabredung gefreut hatte, dann wütend, weil ich Zuversicht möchte, dass wir uns wieder verabreden können und es unfair finde, wenn ich keine Chance mehr bekomme. Dann versuch ich sie mit einer empathischen Vermutung zu beschwichtigen und frage sie, ob sie sich ärgert weil ihr Verlässlichkeit wichtig wäre. Im nächsten Moment fliegt mir alles mögliche um die Ohren à la „Natürlich will ich Verlässlichkeit! Tu jetzt bloß nicht so, als würde dich das was kümmern! Wenn das so wäre, hättest du auch pünktlich kommen können.“ Ich hab mit meiner Vermutung zwar einen Treffer gelandet (war nicht so schwer), aber entspannter sind wir noch nicht. Um meiner Freundin so viel Raum zu geben, dass sie sich entspannen kann, müsste ich dran bleiben. Dieser Satz trifft aber wieder in dem Maße meine Angst, keine Chance mehr zu bekommen, dass ich mich verteidige, statt dabei zu bleiben.

Laut der Gewaltfreien Kommunikation nach Rosenberg wäre hier der nächste Schritt, eine Pause zu machen und jemand anderen um Empathie zu fragen, so dass der eine Partner sich entspannen kann und seinen inneren Raum wieder fühlt. Mit diesem Raum kann er dann wieder neu mit seinem Gegenüber in Kontakt treten, ohne so von dessen Ärger aus der Bahn geworfen zu werden. Praktisch habe ich erlebt, dass zwei Punkte dem im Weg sein können. Zum einen kann die Erinnerung an den inneren Raum seine Halbwertszeit beim nächsten Gespräch mit dem Gegenüber schon überschritten haben. Dann ist man zwar entspannter, aber sobald das Thema wieder aufkommt, werden die gleichen Knöpfe gedrückt und alles fühlt sich wieder eng an. Zum anderen kann es sein, dass der Konflikt die Privatsphäre des einen Partners berührt und niemand da ist, dem dieser genug vertraut, als dass er einverstanden wäre, wenn der andere Partner von dort Empathie bekommt. Hm, und dann?

Eines Tages hatte die Schwester meiner Freundin eine super Idee. Sie meinte zu meiner Partnerin „Der Niklas ist doch Therapeut, warum nutzt ihr das nicht? Frag doch mal den um Empathie.“ Das hat meine Freundin dann folgendermaßen umgesetzt. Sie kam zu mir und sagte, sie wolle mit dem Therapeuten in mir eine Session haben. Dort wollte sie über ihren Partner Niklas sprechen, in der dritten Person. Und sie bat mich als Therapeut einfach nur da zu sein und sie mit Fragen und Vermutungen zu unterstützen. Das haben wir gemacht und siehe da, ich war in der Lage sie ruhig und einfühlsam so lange zu begleiten, wie sie brauchte.

Zunächst mal hat daran gut getan, den designierten Auftrag zu bekommen, nur zuzuhören und nichts von sich dazu zu sagen. Das entlastet, denn dann kann man diese Rolle einnehmen, ohne dass es als Machtstrategie missverstanden wird. Dann hat mich entlastet, dass meine Freundin von mir (Niklas) in der dritten Person gesprochen hat. Das half dabei Abstand dazu zu gewinnen und ihr tatsächlich so zuhören, als wäre ich nicht betroffen. Dabei fällt eine Menge Verteidigungs- und Rechtfertigungsgrund weg. Ich konnte als Therapeut außerdem auch Forschungsfragen stellen, die über das reine Zuhören hinausgehen, wie z.B. was sie glaubt, warum Niklas dieses oder jenes tut. Und schließlich beruhigte mich, dass meine Rolle zeitlich begrenzt war. Das heißt, ich konnte sicher sein, dass ich auch irgendwann dran war. War meine Freundin satt, hatte sie selbst Raum genug, um auch ihre innere Therapeutin zur Verfügung zu stellen und mich in der dritten Person über sie sprechen zu lassen. Auch das funktionierte bisher jedes Mal wunderbar.

Als Psychotherapeut würde ich im Nachhinein sagen, wir haben uns einen Supervisor hinzugeholt, allerdings in Form eines Anteils in uns. Im psychotherapeutischen Berufsleben gibt es eine strenge Rollentrennung zwischen Klient, Psychotherapeut und Supervisor, damit es keine Vermischung von Motiven gibt und alle wissen, wo sie sich befinden. Und ich glaube genau diese Vermischung von Motiven ist die Ursache für das Misstrauen gegenüber Empathie-Vorschlägen im Streit: wenn einer streitet und es stresst ihn, hat er in erster Linie das Interesse, sich selbst wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Er will Raum, Ruhe, Schutz, Akzeptanz, Mitgefühl. Alles was er dann tut, hat das als oberstes Motiv. Es kann sein, dass man seine Bedürfnisse für einen Moment hintenan stellen kann. Vielleicht gibts es auch einen Freund oder Supervisor, den man um Empathie fragen kann und man ist deswegen etwas entspannter. Aber je nachdem, wie wichtig diese Bezugsperson ist, mit der man im Konflikt ist und wie angespannt man ist, gelingt das nicht lange. Wenn das Gegenüber das spürt, kommen statt Empathie-Vorschlägen versteckte Versuche an, sich selbst in eine komfortablere Machtposition zu bringen und das Gegenüber glatt zu bügeln, so dass man sich beruhigen kann. Und wer will die schon?

Einschränkend wäre vielleicht zu sagen, dass die Anteilssupervision das Einverständnis beider Partner braucht. Will einer nicht, ist der andere auf sich selbst (und die Unterstützung, die er für sich hat) zurückgeworfen. Aber wenn beide Erfahrung damit machen und die Anteilssupervision als bereichernd erleben, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie auch im Konfliktfall wieder darauf zurückgreifen.

Beschämung

Eigentlich rede ich nicht gerne über das Thema Beschämung. Für mich klingt das so, als würde ich anderen die Verantwortung für meine Gefühle geben und ich wäre der letzte, der das wollte, da ich nicht gerne Macht darüber abgebe. Gleichzeitig halte ich uns für soziale Wesen, die in gegenseitiger Abhängigkeit zueinander stehen. Was andere mir sagen hat Wirkung bei mir und so wünsche ich es mir, sonst könnte mir ja auch niemand mehr etwas Gutes tun 🙂

Ich hab gelernt, dass ich doch sehr empfindlich auf die Äußerungen anderer reagieren kann, vor allem wenn es um die Frage geht, ob ich in irgendetwas, was mir wichtig ist „gut genug“ bin. Und dass man diese Empfindlichkeit nutzen kann, um mich zu beeinflussen. Mir ist das sehr unangenehm, ja ich mag es überhaupt nicht und werde zuweilen fuchsteufelswild darüber und gleichzeitig ganz verzweifelt. Kürzlich hab ich einen Weg gefunden, wie ich mich auf befriedigende Weise dagegen wehren kann, also so, dass die Beziehung wirklich besser wird, ohne dass ich mich dabei vergesse. Davon will ich gerne erzählen.

Mit Beschämung meine ich konkret, verbal zu implizieren, dass etwas mit jemandem nicht stimmt.  In „Du bringst es nicht.“ „Du bist so im Kopf!“ „Du solltest mal richtig arbeiten, sonst bist du kein Mann.“ oder ähnliche Aussagen sehe ich den Hintergrund eines Standards, wie jemand zu sein (oder zu handeln) hat, bevor er (vom Sprecher) akzeptiert werden kann. Das spielt auf das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Akzeptanz an, das wir alle haben. Und je nachdem, wie wichtig uns die Person ist, die solche Sätze sagt, desto schwerer wiegt die Angst um die Akzeptanz und die daraus resultierende Scham.

Diese Scham ist für mich ein großes Thema. Wenn sie mich trifft und mich z.B. meine Freundin auf eine Weise sieht, die ich selbst für total verachtenswert halte, fürchte ich um meine Daseinsberechtigung und meine, wenn sie mich jetzt nicht verlässt verstehe ich die Welt nicht mehr. Ich wüsste nicht, wie ich mich gegen ihre Entscheidung zu gehen wehren könnte und komme mir absolut schutzlos vor. Das finde ich sehr bedrohlich und ich finde mindestens zwei Abwehrmechanismen bei mir, mit denen ich in der Regel zu tun bekomme, bevor ich im Stande bin, die Scham anzunehmen und mitzuteilen.

Der eine Abwehrmechanismus ist Erstarren. Da sag ich gar nichts mehr, will nur noch weg, weiß aber nicht wohin, weil ich ja eigentlich Verbindung und Akzeptanz von der Person will, die die Scham ausgelöst hat. Aus mir ist dann auch nur noch schwer was rauszukriegen, weil ich Angst hab, dass alles was ich sage gegen mich verwendet werden könnte. Ein Kompromiss ist, dass ich mit der Aufmerksamkeit total von meinen Gefühlen weggehe hin zu Ideen darüber, wie jetzt jemand reden würde, der die Scham nicht hat. Eine Art Simulation. Innerlich fühlt es sich kalt und angespannt an, nach außen wahre ich Contenance. Die Hoffnung ist, dass ich mich unbemerkt in mein Schneckenhaus zurück ziehen kann, mich in Ruhe um mich selbst kümmern und dann wiederkommen, wenn ich mich wieder beisammen habe. Damit ziehe ich mich allerdings auch aus der Beziehung zurück, zeige nicht mehr wie es mir geht und wehre mich auch nicht.

Das mache ich zum Glück immer seltener. Viel häufiger sind inzwischen Wutausbrüche geworden. Ich werte das als Fortschritt, denn zumindest höre ich damit auf, mich selbst fertig zu machen sondern wehre mich und zeige Grenzen auf. Das geht nicht immer gut. Zwar bin ich in der Rebellion mehr mit meinem Selbstwert verbunden als bei der Unterwerfung, aber die Verbindung leidet immer noch darunter.

Eine dritte Möglichkeit fange ich gerade erst an auszuprobieren. Sie kostet den Mut und das Vertrauen, mich verletzlich zu zeigen und gerade dann zu öffnen, wenn das Draufhauen am schmerzhaftesten wäre. Ich will mal an einem Beispiel aus meinem Leben demonstrieren, wie der Umgang mit Scham und Wut aussehen kann.

Seit ich meine Freundin kenne hatten wir immer wieder mal kleine Konflikte zum Thema Auto fahren. Sie fährt gerne, ich fahre gerne, ich bin entspannt wenn sie fährt, sie ist (oft aber immer seltener) nervös. Ich habe den Anspruch (oder das Männer-Ideal), dass ich meine Freundin (und inzwischen auch unseren Sohn) sicher von A nach B bringen können sollte. Ich glaub, das hat was mit dem Bedürfnis nach Sinn zu tun… aber auch Akzeptanz. Ich halte mich für einen sicheren Fahrer, meine Freundin hingegen hatte da immer wieder Zweifel und wurde nicht müde, das zum Ausdruck zu bringen. Sie konnte auch konkret sagen, was ihr nicht passte; z.B. wenn ich in eine Kurve reinfuhr, ohne so stark bremsen, wie sie es gerne hätte, oder wenn ich abgebogen bin, ohne mich vollständig umgeschaut zu haben. Mitunter hat mich das total genervt. Ich bin sauer geworden und hab gesagt, ich fahre wunderbar und sie hätte mir nicht zu sagen, wie das ginge. Ich wollte meine Autonomie verteidigen, das wäre ja wohl noch erlaubt. Dann sagte sie, was ich denn für ein Problem hätte, sie wolle mir schließlich meine Autonomie nicht nehmen. Außerdem verwies sie auf ihre Fahrerfahrung, von der sie zumindest in den Bergen mehr hat als ich und welche ihr das Recht verliehe, mir zu sagen, wie ich führe. Daraufhin wurde ich noch wütender… so wütend, dass ich manchmal aus dem fahrenden Auto springen wollte, nur um zu zeigen, wie verletzt ich war.

Das fühlt sich ja erstmal kräftig an. Ein wütendes „NEiN! Von dir lass ich mich nicht beschämen! Ich fahre wie ich es für richtig halte und wenn wir alle dabei drauf gehen!“ Und es fühlt sich wesentlich besser an als die Zweifel mir selbst gegenüber. Bloß zur Erfüllung der eigentlichen Bedürfnisse komme ich nicht damit. Davon hatte ich in dem Moment zwei verschiedene. Zum einen wollte ich meinen Selbstrespekt und die Akzeptanz für mich wiederherstellen. Das hab ich weiter oben Autonomie genannt, wobei es mir da vor allem darum ging, dass ich nicht den Wünschen meiner Freundin entsprechen wollte nur um die Beschämung zu vermeiden. Dann hätte ich nachgegeben, gekuscht, nicht mehr aus meiner Mitte heraus gehandelt und Respekt vor mir selber verloren. Wenn das das einzige Bedürfnis gewesen wäre, hätte ich vielleicht rebelliert und einfach nicht getan, was meine Freundin wollte. Ich wollte aber auch noch was anderes, nämlich Verbindung und wirklich beitragen zu ihrem Wohlergehen, indem ich sie sicher von A nach B bringe. Mit Rebellion wär daraus nichts mehr geworden.

Nachdem mir das klar war (und das braucht in der Regel eine Weile) kam ich also nicht umhin, ihr von meiner Scham zu erzählen. Und wie verzweifelt ich bin, wenn ich fürchte, sie akzeptiert mich nicht mehr, bzw. wie wütend, wenn ich meine, sie setzt die Scham ein, damit ich mich ihren Wünschen unterordne. Das war nicht einfach. Wenn sie gewollt hätte, hätte sie ja genau diese Informationen einsetzen können um mich weiter zu beschämen. Das macht die Sache ja so vertrackt: wenn ich schäme, schäme ich mich auch meist dafür, dass ich mich schäme.

Ich kann mich jedenfalls sehr glücklich schätzen, dass meine Freundin in dem Moment, in dem sie von der Scham erfuhr, sehr viel weicher wurde und bereit war, auf mich einzugehen. Sie meinte, zu wissen, dass ich mich schäme, wäre ein Indiz dafür, dass mir ihre Bedürfnisse nicht egal sind, sondern dass mich die Situation wirklich etwas angeht und berührt. Und das sei eine Erleichterung, da sie in ihrer Wut (in der sie Sachen sagt, die bei mir Scham auslösen) auch einfach verzweifelt sei, ob sie noch zähle.

Seit wir uns ausführlich über Beschämungen unterhalten haben, finde ich es wesentlich leichter, sie darauf anzusprechen, wenn etwas, was sie sagt, erst Scham und dann Wut bei mir auslöst. Ich hab Vertrauen gewonnen, dass ich mich mit der Scham bei ihr zeigen kann, ohne dass sie das gegen mich verwendet. Und ich finde es ganz wunderbar, wenn ich merke, wie mit der Akzeptanz und dem Selbstrespekt meine natürliche Freude am Geben zurückkehrt und ich mich von ganzem Herzen dafür entscheiden kann, so zu fahren, dass meine Freundin sich sicher fühlt 🙂

Schlussendlich ist mir wichtig, mich gegen Beschämung wehren zu können. Die Bedürfnisse dahinter sind unschuldig (z.B. wissen zu wollen ob man wichtig ist, zählt), die Strategie jedoch vergiftet die Beziehung und jeder, dem die Beziehung wichtig ist, zahlt dafür. Ich persönlich habe mir angewöhnt, grundsätzlich mehr Aufmerksamkeit auf die Unschuld der Bedürfnisse zu legen, was mich in Konflikten manchmal hilflos macht, wenn ich eigentlich Kraft brauche, um mich gegen die Strategie zu wehren. Mein Mitgefühl soll nicht auf Kosten meiner Wehrhaftigkeit gehen, sondern sie unterstützen und in Bahnen lenken, wo die Wehrhaftigkeit stärkt was mir heilig ist.

Die Crux mit den Erwartungen

Eine beliebte Überzeugung, bei der sich mir inzwischen die Zehennägel kräuseln ist die, dass „man keine Erwartungen haben sollte.“ Mir begegnet diese Überzeugung hauptsächlich wenn’s um Liebesbeziehungen geht. Wenn z.B. meine Partnerin sich nicht so verhält, wie ich das will und ich zu der Einsicht gekommen bin, dass meine Anstrengungen sie ändern zu wollen voraussichtlich wenig Früchte tragen, sind’s halt meine Erwartungen, an denen mein Glück scheitert. So zu denken ist in gewisser Weise verlockend, denn auf meine Erwartungen habe ich mehr Einfluss, als auf das Verhalten meiner Partnerin. Und unter Umständen ist es besser, nicht so viel zu wollen, als dem Mangel hilflos ausgeliefert zu sein. Und überhaupt, ist es nicht ein Zeichen von Erleuchtung, von nichts abhängig zu sein?

Ich habe mal eine Weile lang damit experimentiert, wie es sich lebt, wenn ich keine Erwartungen mehr an meine Mitmenschen habe. Ich ließ z.B. offen, ob sie etwas für sich behalten, was ich ihnen erzähle. Ich ließ offen, ob sie pünktlich oder überhaupt zu einer Verabredung erscheinen. Ich ließ offen, ob sie mir sagen, was wirklich los ist. Ich erwartete auch nicht, dass sie mich mögen oder unterstützen, selbst wenn ich das gerade sehr gut brauchen konnte. Und ich ließ offen, ob meine Bedürfnisse und Anliegen irgendetwas zählen. Ich hab das eine Weile lang gemacht und genossen, dass ich nicht enttäuscht werden konnte. Egal was passierte, ich war fein raus, da ich mich sowieso auf nichts verlassen hatte.

Irgendwann dämmerte mir allerdings, was der Preis dafür war: Ich hab mich nämlich auch auf nichts und niemanden mehr gefreut. Nicht nur das, ich konnte auch nicht genießen und annehmen, was mir entgegen gebracht wurde – ganz ohne, dass ich es erwartet hätte. Das fand ich ganz schön bestürzend und fühlte sich sehr einsam an… was hab ich denn davon, wenn ich nichts mehr annehmen kann?

Dann ist mir aufgefallen, dass der Begriff „Erwartung“ verschiedene Bedeutungen haben kann. Zum einen kann ich damit Vorstellungen davon meinen, was in Zukunft passieren könnte. Also, ich erwarte z.B. dass die Tür knallt, wenn ich sie mit einem bestimmten Schwung schließe. Oder ich erwarte, dass ich nass werde, wenn ich mich unter die laufende Dusche stelle. Da geht es darum, wie ich aus meiner bisherigen Erfahrung Prognosen darüber mache, wie es mir unter bestimmten Bedingungen gehen könnte, so dass ich damit umgehen und Entscheidungen treffen kann. So kann ich auch erwarten, dass ich genährt und bereichert werde, wenn ich mich mit einem lieben Freund treffe…

Und da deutet sich auch schon die zweite Bedeutung an. Je nachdem, wie ich die letzte Erwartung lese, kann ich sie auch als Forderung verstehen. Dann geht es nicht mehr nur um eine Vorstellung, sondern darum, dass ich mit Sanktionen wie z.B. Verurteilungen drohe, wenn die Vorstellung davon, was ich gut finde, sich nicht erfüllt. Und das ist ein ganz anderes Paar Schuhe!

Ich glaube, im allgemeinen Sprachgebrauch ist oft von Forderungen die Rede wenn das Wort „Erwartungen“ fällt. Und Forderungen beinhalten, dass ich die Gemeinsamkeit zwischen meinem Gegenüber und mir aufgebe und stattdessen meine Macht über den anderen einsetze um durchzusetzen was ich will. Das geht immer und überall auf Kosten der Beziehung, denn je weniger ich die Bereitschaft erlebe, einen gemeinsamen Weg zu finden, desto schwerer fällt es, das Vertrauen zu halten, dass es einen gibt. Und wenn das Vertrauen schwindet, fällt es schwer, offen und überhaupt in Beziehung zu bleiben. Insofern ist die Überzeugung „man sollte keine Erwartungen haben“ nachvollziehbar, wenn auch nicht besonders hilfreich, da ein passender Hinweis darauf fehlt, was stattdessen hilfreicher wäre.

Erwartungen jedoch, also Vorstellungen davon was passieren könnte, halte ich für unheimlich wichtig, um gut im Kontakt mit mir selbst und meinen Bedürfnissen bleiben zu können. Eine Definition dieses Kontaktes ist für mich, mir die Möglichkeit der Erfüllung vorzustellen, also, wie’s einfach richtig schön wäre! Dafür muss ich mir vorstellen, was passieren müsste und könnte, damit’s mir gut geht. Und diese Vision kann dann inspirierend und handlungsführend sein, mir Mut und Kraft geben, überhaupt etwas in Gang zu setzen und sei es „nur“ eine Verabredung. Ohne diese Vision gäb es keinen guten Grund mehr, irgendetwas zu tun und Depression oder Resignation wären die Folge.

Von daher möchte ich meine Erwartungen kennen und pflegen, damit ich weiß, wie ich und andere gut für mich sorgen können 🙂

Bedürfnisse und Bedürftigkeit

In meiner Arbeit mit der Gewaltfreien Kommunikation und im therapeutischen Kontext hab ich immer wieder mit dem Begriff der Bedürftigkeit zu tun. Bei mir ziehen sich dabei aufgrund der schambesetzten Konnotationen regelmäßig Magen und Kehle zusammen, denn ich möchte gerne, dass die Schönheit, die ich in Bedürfnissen sehe, zum Ausdruck kommt. Und das fällt mir beim Wort „bedürftig“ irgendwie schwer. Ich verbinde damit vor allem „unsexy,“ „eine Last,“ „schwer,“ „abhängig,“ und „schwach“. Schon seit längerem hab ich mir also dazu Gedanken gemacht, wo sich die Schönheit hinter „Bedürftigkeit“ versteckt.

Zunächst mal find ich’s hilfreich, mir bewusst zu machen, dass „bedürftig“ eine Zuschreibung ist, die ich vor allem von anderen Leuten bekomme, und erst aus zweiter Hand von mir selbst. Das heißt, was immer daran abwertend klingt, ist Ausdruck von unerfüllten Bedürfnissen bei anderen Leuten, die sich z.B. selbst mehr Beachtung und Einfühlung für sich wünschen, statt sich jetzt um mich und meine Bedürfnisse zu kümmern. In klarer Sprache: „Wenn Du mir zeigst, was Du willst und brauchst, spanne ich mich an, weil ich auch Platz für mich und meine Anliegen brauche. Und ich weiß noch nicht, wie beides gleichzeitig da sein kann.“ Mir das so vorzustellen, hilft mir schon mal dabei, nicht nach einem Fehler bei mir zu suchen. Aber wie komme ich von dieser Zuschreibung zu einem kräftigeren Selbstkontakt?

Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich ein spannendes Gespräch mit einer Frau, die ich auf einem Camp getroffen hab. Nennen wir sie mal Katharina. Sie vertraute mir an, dass sie auf dem Camp gerne einen Mann treffen würde, mit dem sie ein erotisches Abenteuer haben könnte. Das Dumme sei, sie wisse nicht, wie sie das angehen soll, denn wenn sie das offen zeige, fürchte sie, als bedürftig zu gelten und damit unattraktiv zu sein. Und wer kennt das nicht: gerade wenn es um Intimität und Nähe geht, kommt ganz viel Scham auf, die Bedürfnisse und Wünsche zu äußern, deren Mitteilung uns ihrer Erfüllung einen ganzen Schritt näher bringen könnten. Und dann halten wir lieber den Mund, als… ja, was denn eigentlich?

Typischerweise höre ich an dieser Stelle „Ich halte lieber den Mund, weil ich nicht verletzt/zurückgewiesen/missverstanden werden will.“ Das hat Katharina auch gesagt, eine Schutzreaktion also. Nach dem Motto „Frag nicht, wovor ich mich schütze, frag lieber WAS ich schütze!“ hab ich die Frage gestellt „Wenn Du nicht zurückgewiesen werden willst, was wünschst Du Dir dann stattdessen?“ Wie den meisten fiel Katharina da ein, „Natürlich wünsche ich mir ein Ja.“

Jetzt ist ein „Ja“ ja kein Bedürfnis, sondern eine Strategie (konkrete Handlung). Also hab ich bei Katharina nach Bedürfnissen geforscht. Wir kamen relativ schnell darauf, dass es dabei gar nicht primär darum ging, dass sie nun ihre Bedürfnisse nach Intimität, Sexualität, Nähe erfüllt bekommt, sondern eher darum… dass sie eine Bestätigung bekommt, dass diese Bedürfnisse zählen. Dass sie schön sind, Lebensenergie und Beitrag auch im Leben anderer sein können. Die Art von Lebensenergie und Beitrag, die ich z.B. fühle, wenn meine Freundin mir mit strahlenden Augen sagt, dass sie gerade riesige Lust auf asiatisch Essen hat. Nicht dass ich das an sich so überwältigend finde, aber der Ausdruck, mit dem sie sagt, dass sie das möchte oder ihr das wichtig ist, eröffnet mir seine Schönheit. Und ich glaube, dass wir uns alle danach sehnen: dass in dem, was wir uns wünschen und was uns wichtig ist, eine inhärente Schönheit und Unschuld sichtbar wird, nach außen strahlt und andere inspiriert.

Mir hilft diese Erkenntnis und Unterscheidung enorm, denn wenn ich mich für bedürftig halte, weiß ich jetzt, was ich damit machen möchte. Ich wünsch mir an der Stelle nicht primär die Erfüllung meiner Wünsche, sondern Mitgefühl und Einfühlung für meine Bedürfnisse. Ja, es ist sogar so, dass ich manchmal gar nichts davon habe, wenn meine Wünsche erfüllt werden, weil ich eigentlich eine andere Beziehung zu den Bedürfnissen dahinter suche. Und dafür ist ein einfaches „Ja“ oft zu oberflächlich. Ich mag zwar Bestätigung darin finden, dass ich bekomme, was ich will, aber das hält auch nur so lange an, wie es eben anhält. Danach bin ich wieder auf mich und meine Beziehung zu meinen Bedürfnissen gestellt. Und wenn es daran hapert, kann es sein, dass ich mich in ganz unangenehme Forderungsspielchen verstricke, um nur nicht wieder auf mich zurückzufallen.

Eine Art und Weise, der Schönheit und Unschuld von Bedürfnissen auf die Spur zu kommen ist nach Erinnerungen zu fragen, bei denen diese Bedürfnisse erfüllt waren. Wie fühlt sich der Zustand an? Was ist passiert? Wie ging es mir und den Menschen um mich herum damit? Eine andere Art wäre der „Beauty of Needs“-Übung von Robert Gonzales, die darin besteht, sich ein Bedürfnis auszusuchen, sagen wir Nähe, und sich von einem Freund oder Vertrauten fragen zu lassen „Wie lebt Nähe gerade in Dir?“ und einfach zu erzählen, für mindestens 15 Minuten. Ich find erstaunlich, was dabei passieren kann!

Genau diese Fragen hab ich auch Katharina gestellt und sie erzählen lassen, was sie sich wünscht und wie sie das schon mal erlebt hat. Sie fand für sich den Ausdruck „Ich möchte einfach mal so lange Sex haben, bis ich wirklich satt bin!“ Und sie strahlte, als sie das sagte. Dieser Gesichtsausdruck überzeugte mich davon, dass sie wirklich spüren konnte, was an ihrem Wunsch schön und unschuldig ist, dass dafür Platz ist, dass er auch anderen Menschen Freude bereiten kann, wenn es passt. Und damit war jeder Hauch von „Bedürftigkeit“ verschwunden.

Natürlich freut es mich sehr, dass Katharina schon am nächsten Tag zu mir kam und berichtete, genau das, was sie sich wünschte, sei eingetreten. Sie sah sehr vergnügt aus und dankbar für die Einfühlung. Das wird natürlich längst nicht immer so sein, denn da gehören auch andere Faktoren zu. Aber Kontakt zur Schönheit der eigenen Bedürfnisse zu haben hat eine Menge Macht, Dinge in Bewegung zu bringen, weil es einfach Spaß macht, darauf einzugehen. Und ich hoffe, ich konnte euch einige der Vorbedingungen für diesen Selbstkontakt aufzeigen.

Abraham Maslow und seine Pyramide

Wenn ich Leute frage, ob sie schon mal etwas von Bedürfnissen als psycho-theoretisches Konzept gehört haben, antworten die meisten mit der Bedürfnispyramide von Abraham Maslow. Maslow ist der Begründer der humanistischen Psychologie und hat schon in den 40er Jahren über die Bedingungen geschrieben, die Menschen brauchen, um ihr volles Potenzial zu entwickeln. Marshall Rosenberg, der Begründer der Gewaltfreien Kommunikation (GfK), baut u.a. auf Maslows Überlegungen auf, geht allerdings mit Bedürfnissen anders um, als Maslow, da er sie nicht in eine Hierarchie einordnet, sondern eher als gleichwertig nebeneinander stellt.

Bedürfnispsyramide nach Maslow
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Mir kam das am Anfang meines GfK-Studiums sehr entgegen, denn auch ich fand den Gedanken befremdlich, Bedürfnisse hierarchisch anordnen zu wollen. Ich vermute mal, ich hatte keine Lust MICH hierarchisch einzuordnen, z.B. indem ich denke, dass ich gerade am Anfang der Evolution bin, wenn ich Hunger habe oder Schutz suche – und dass das irgendwie bedeutet, ich sei nicht gut oder weit genug, um zum durchlauchten Kreis der Erleuchteten zu gehören. Irgendwann kam mir aber die Idee, dass es hier um Entwicklung geht, also die Entwicklung von Strategien zur Erfüllung von Bedürfnissen – eine Art Reihenfolge, in der Menschen in der Regel lernen, sich um diese Bedürfnisse zu kümmern. Und damit kann ich mich sehr gut anfreunden.

Ken Wilber hat mir in dieser Sache sehr geholfen, indem er Dominanz-Hierarchien von Wachstums-Hierarchien unterschieden hat. Während erstere die soziale Hackordnung beschreiben, die zwar ihren Sinn haben kann, aber oft zu Schmerz und Zerstörung führt, beschreibt letztere eher eine Sequenz von Bedingungen. Also bevor jenes da sein kann, muss erst dieses entstanden sein. Das hat nichts mit Unterdrückung zu tun, denn wer würde behaupten, dass Eichel und Eiche im gleichen Wachstumsstadium sind und von daher die gleichen Bedingungen bräuchten?

Illustration der Bedürfnispyramide

Im Folgenden will ich die Wachstumsschritte aus Maslows Pyramide beschreiben, so wie ich sie lebendig nachvollziehen kann. Ich bin ein Fan von Post-apokalyptischen Szenarien, das heißt Situationen, in denen auf irgendeine Weise das System unserer Zivilisation zerstört wurde (Zombie-Infektion, Nuklearer Holocaust, Meteoriten-Einschlag etc.) und die Überlebenden sich neu organisieren müssen. Natürlich will ich das nicht erleben und wünsche es auch niemandem, aber ich lese gern davon, schaue Filme oder spiele PC-Spiele dazu, weil ich es spannend finde, wie Menschen unter diesen rohen Bedingungen leben und in Eigenverantwortung eine neue Gesellschaft aufbauen. Für diesen Artikel ist das ideal, denn gerade die Entwicklung von Strategien in den unteren Etagen der Bedürfnis-Pyramide lassen sich daran gut illustrieren.

Basis: Lebensnotwendiges

In einem post-apokalyptischen Szenario sind die Prioritäten ganz klar: Falls es nicht gegeben ist, muss ich sicherstellen, dass ich Luft, Wasser und Nahrung habe. Das heißt, ich muss LERNEN, wie ich das bekommen. Ich werde das immer wieder brauchen, klar, aber wenn ich gelernt habe, wie das unter den aktuellen Bedingungen nachhaltig geht (Jagen, etwas Anbauen, Feuer machen, Luftzufuhr schaffen, der ganze Survival-Kram halt), kann ich diese Bedürfnisse stillen und zum nächsten gehen. Natürlich bedeutet das auch, dass ich umlernen muss, wenn sich die Bedingungen ändern (z.B. wenn bestimmte Beutetiere nicht mehr verfügbar sind) und diese Stufe der Pyramide wieder meine Aufmerksamkeit erfordert, egal wo auf der Pyramide ich mich bis eben noch herumgetrieben habe.

Das nächste wäre dann, laut Maslow, Schutz und körperliche Sicherheit. Dazu gehört eine Behausung, die warm hält (oder kühlt, je nachdem) und vor Witterung oder evtl. Strahlung schützt. Oft gibt es Wildtiere oder feindliche Gruppen/Stämme (oder eben Zombies) in diesen Szenarien, also ist’s z.B. gut eine Mauer um die Behausung zu haben und Waffen, um sie zu verteidigen. Zur Sicherheit beitragen kann vielleicht noch, mich im Terrain rundherum auszukennen, zu wissen, wo’s gefährlich ist und wo sicher und eine Art Frühwarnsystem zu haben, bevor ich mich entspannen kann.

Zugehörigkeit und Beachtung

Ist das geregelt, wandert die Aufmerksamkeit zum Thema Zugehörigkeit und Beachtung – jedenfalls, wenn ich in einer Gruppe bin. Als Erwachsener mit Erinnerungen an Menschen, zu denen ich mich zugehörig fühle, werde ich eine Weile überleben können, ohne dass ich hier und jetzt Menschen (oder Tiere) brauche. Ich schätze mal, dass ich auf die Weise aber irgendwann auch zu der Frage komme, wozu ich jetzt noch weiterleben soll, wenn ich ja doch alleine bin. Und je größer die Frage wird, desto weniger Überlebenswille würde mir bleiben, so dass ich irgendwann daran sterbe – z.B. weil ich aus Depression versäumt hab, mich um’s Essen zu kümmern, oder unvorsichtig durch die Wildnis gelaufen und überfallen worden bin.

Bin ich jedoch Teil einer Gruppe von Überlebenden, käme mir spätestens ab jetzt die Frage, ob ich einen Platz in der Gruppe habe. Wie sehen mich die anderen? Da ich ohne die Gruppe nicht (lange) überleben kann, ist Zugehörigkeit und Beachtung ein unheimlich wichtiges Thema. Sie definiert sich unter solchen Bedingungen erstmal darüber, was ich zur Gruppe beitragen kann, ob ich das, was die Gruppe für mich aufbringen muss, mit meinem Beitrag ausgleichen kann – auf ganz unterschiedliche Weise. Vielleicht kann ich gut jagen und kämpfen, habe viel Erfahrung mit Acker- oder Gartenanbau. Oder ich kenne viele Geschichten und Witze, mit denen ich die Stimmung aufhellen kann. Es könnte auch gut sein, dass ich gut organisieren und delegieren kann, so dass ich zum Anführer werde. Vielleicht war ich vor der Apokalypse als GfK-Trainer tätig und bin gut darin, Konflikte so zu begleiten, dass alle Beteiligten ihre Bedürfnisse erfüllt bekommen 😉 In jedem Fall geht es bei diesem Schritt darum, eine Fertigkeit zu entwickeln (wenn ich sie nicht schon habe), die mir die Zugehörigkeit sichert. Und dann dafür zu sorgen, dass das möglichst auch alle wichtigen Leute wissen und beachten, die darüber entscheiden, ob ich dabei bin, oder nicht.

Kontakt, Liebe und Gemeinschaft

Ist die Zugehörigkeit keine Frage mehr, wird meine Aufmerksamkeit zu den Menschen in der Gruppe wandern, mit denen ich am leichtesten Kontakt herstellen kann, die mich am meisten interessieren und mit denen ich auch am meisten gemeinsam habe. Ab hier geht es um Freundschaft, Kontakt, Verbindung und Liebe. Mir scheint, dass das noch etwas anderes ist als die basale Zugehörigkeit, die es zum Überleben braucht, da ich für letztere auch Zweckallianzen eingehen kann, die eher durch den äußeren Druck zusammengehalten werden als durch inneres Interesse. Den Unterschied merkt man, wenn der äußere Druck wegfällt, wie z.B. wenn eine Gruppe Überlebender, die über Monate hinweg eng zusammengehalten hat, auf eine große Siedlung trifft, die Zugehörigkeit, Sicherheit und einen Überfluss an Ressourcen bietet, und dann merkt, dass ihr Interesse zu anderen Menschen wandert, als die in der Gruppe der Überlebenden. Diese anderen Menschen teilen in der Regel ähnliche Werte, bestärken und inspirieren einen und erfüllen so das Bedürfnis nach Gemeinschaft. Ich persönlich kann nicht sagen, dass ich mit diesem Schritt fertig bin, oder der erledigt ist, denn Freundschaften und Beziehungen (weiter-) zu entwickeln interessiert mich jeden Tag 🙂

Soziale Geltung, Sinn und Selbstverwirklichung

Wenn ich mich richtig voll und satt mit Beziehungen und Gemeinschaft fühle, bekomme ich in der Regel Lust zum nächsten überzugehen und so etwas wie soziale Geltung und Sinn zu erarbeiten. Im Prinzip ist das der Schritt, an dem ich heute am meisten zu tun habe, deswegen hat das post-apokalyptische Szenario eigentlich ausgedient, denn die Vorbedingungen dafür sind dieselben, die ich heute auch brauche. Aber der Kontinuität wegen: Stellen wir uns vor, ich lebe in einer richtig großen Siedlung, die gut geschützt und mit allem Nötigen versorgt ist. Ich habe meinen Platz, ich habe Familie, Freunde, Menschen, die meine Werte teilen. Jetzt fang ich an, zu schauen, wie ich das, was ich kann und weiß, meine Expertise, zum Wohle des Ganzen einsetzen kann – das heißt zu meinem eigenen Wohle, zu dem meiner Liebsten (und sei es nur durch Einkommen) und der gesamten Kolonie. Maslow spricht hier von Status, Ruf, Anerkennung, wobei ich glaube, dass das Vehikel sind, Kanäle, Strategien, um Wirkung (oder aber auch Zugehörigkeit, s.o.) zu haben und etwas bewegen zu können – keine eigenen Bedürfnisse. Es tut gut, wenn ich weiß, dass das, was ich denke und tue, einen Unterschied macht. Aber dafür ist wichtig, dass ich weiß, WOZU ich etwas tue, und wie es wirkt. Ich brauche Feedback, um zu wissen, dass das, was ich tue so wirkt, wie ich es mir wünsche – sei es, dass ich Menschen eine neue Perspektive gezeigt habe, dass mein Produkt ihnen neue Möglichkeiten in ihrem Leben geschaffen hat, dass sie sich sicherer, wohler, zufriedener, entspannter, inspierter oder dergleichen fühlen, als wenn ich nichts gemacht hätte. Wenn ich keine Rückmeldung bekomme, weiß ich auch nicht, ob ich meinem Sinn gefolgt bin und ich kann meine Erfolge nicht feiern.

Letztlich geht Maslow darauf ein, indem er an die Spitze der Pyramide die Selbstverwirklichung setzt, das heißt, das Umsetzen des lebendigen Potenzials, das in mir als Mensch mit all meinen Anlagen, Fähigkeiten und Erfahrungen verankert ist. Da ich in jedem Moment neue Erfahrungen mache, meine Fähigkeiten sich weiter entwickeln und sich meine Perspektiven dadurch ändern, werde ich mit der Entwicklung von Strategien zur Selbstverwirklichung wohl kaum jemals fertig sein. Aber das stört keinen großen Geist 😉

Karte und Gebiet

Die Pyramide bedeutet nicht, dass Bedürfnisse auf hierarchische Weise erfüllt oder nicht erfüllt sind. Ich kann einen wunderschönen Abend mit einer Frau verbringen, deren Anwesenheit für Kontakt, Intimität und Liebe sorgt. Im nächsten Moment gehe ich aus dem Haus und über die Straße, bemerke zwei dunkle Gestalten zwanzig Meter hinter mir und ich denke nur noch an Sicherheit und körperliche Unversertheit. Die Pyramide erlaubt das dynamische Hin und Her, bei dem ich, so gut ich kann, auf die aktuelle Situation reagiere, statt das sie als statisches Stufenmodell voraussagt, dass immer nur ein Bedürfnis nach dem anderen im Fokus liegt. Die allgemeine Aussage ist eher, dass die Frage „Was muss ich lernen, um gut im Leben zurecht zu kommen?“ in der Reihenfolge der Pyramide beantwortet wird.

In diesem Sinne ist mir wichtig, dass Maslows Pyramide ein Modell ist, das tatsächlich vorhandene Dynamiken klären und transparenter machen soll – sie ist keine Roadmap, an der ich mich von Moment zu Moment orienteren würde, das tut mein Körper schon für mich. Aber ich glaube, sie kann helfen, nachzuvollziehen, wie wir unter bestimmten Umständen unsere Prioritäten setzen. Warum wir (laut Rosenberg) zwar alle dieselben Bedürfnisse haben, jedoch in der gleichen Situation unterschiedlich schwer gewichten können. Und sie schärft den Blick für Entwicklungsunterschiede, die in unserer heutigen Zeit der gemischten Kulturen besonders wichtig sind, da sie meiner Einschätzung nach für den Großteil der gesellschaftlichen Konflikte verantwortlich sind (siehe Es geht nicht um Religion…).

Eine noch genauere Karte bietet meiner Einschätzung nach Clare GravesSpiral Dynamics. Aber darauf gehe ich ein anderes Mal ein.

Empathie „geben“

Vor kurzem erst hab ich angefangen, meine Formulierung im Umgang mit Empathie zu ändern. Mir ist nämlich aufgefallen, dass ich immer dann, wenn ich sage, ich GEBE jemandem Empathie oder habe Empathie FÜR jemanden, davon ausgehe, dass es ein Geschenk für den anderen ist. Das impliziert, dass jemand anderem Empathie zu geben mir im Prinzip nur dann etwas bringt, wenn ich gerade beitragen will. Und ich hab gemerkt, dass es mir in allen Momenten, wo ich mich gerade angespannt fühle, Angst hab, fürchte, zu wenig auf mich Acht zu geben oder keine klaren Grenzen zu haben, die Kehle zudrückt daran zu denken, auch noch jemandem Empathie zu geben. Dann kommen Gedanken wie „Ich hab doch schon so wenig, jetzt kann ich doch nicht noch Empathie abgeben.“ Oder, „jetzt hab ich Dir so viel Empathie gegeben, jetzt will ich Ausgleich!“ Manchmal mag es ja sein, dass ich gerade einfach nur Raum brauche, um mich selbst wieder zu spüren, aber ich fürchte, die Formulierung verschleiert einige Möglichkeiten, wie Empathie mir dient, wenn ich sie auf andere anwende.

Ich erinnere mich an eine spannende Unterhaltung bei einer Mitfahrgelegenheit zum Thema Strafrecht, bei der eine Mitfahrerin fragte, ob es nicht manchmal Täter gebe, die kein Verständnis verdient hätten. Ein anderer Mitfahrer antwortete darauf, dass diese Frage keinen Sinn hätte, wenn man eigentlich an der Wahrheit interessiert ist, also der Perspektive des Täters als Teil der Gesamtwahrheit einer Situation. Die Frage nach dem Verdienen impliziert, dass Verständnis/Empathie etwas ist, was wir jemandem zur Belohnung geben oder um das wir handeln oder feilschen könnten – also etwas, was wir verdienen können, bzw. auf das wir ein Recht hätten oder unser Recht verlieren können. Aber wenn ich eigentlich wissen will, was wirklich los ist, was tatsächlich passiert ist und wie ich mir eine Handlung als menschlich erklären kann, so dass ich auch menschlich mit ihr umgehen kann, dann tu ich gut daran, sie zu verstehen. Das heißt, Empathie dient dann der Wahrheitsfindung, trägt zu meiner Klarheit bei, die mir dann wiederum erlaubt in Integrität mit meinen Werten zu handeln. Hätte ich in dem Moment die Frage, ob jemand, den ich verstehen will, das Verständnis auch verdient hätte, würde ich auf die Weise meiner eigenen Klarheit und Integrität im Wege stehen.

Ich kenne außerdem Momente, wo ich Angst vor jemandem habe und mich deswegen nicht traue, in Kontakt zu gehen oder um etwas zu bitten. Wenn ich mich dann in den anderen einfühle, merke ich in der Regel, dass ich vor einer Karikatur des anderen Angst habe. Die könnte z.B. so aussehen, dass ich denke „Wenn ich sie/ihn damit konfrontiere, tickt er/sie aus. Er/sie ist einfach nicht so belastbar.“ Mich in den Menschen einzufühlen, ändert mein Bild, z.B. in „Ich vermute, dass er/sie Beachtung für seine/ihre Bedürfnisse möchte, bevor er/sie bereit ist, auch meine Bedürfnisse mit ein zu beziehen.“ Und auf die Weise gewinne ich Mut, es doch zu versuchen.

Oder ich erinnere mich an einen Nachmittag in einem Café in der Stadt, an dem ich rund eine Stunde damit verbracht habe, die Fremden, die in diesem Café um mich herum saßen zu betrachten und mich in sie einzufühlen. Nach einer kurzen Weile, öffnete sich mein Herz und ich bekam Tränen in den Augen von all der Schönheit. Mich einzufühlen hat an dem Punkt meine Bedürfnisse nach Gemeinschaft und Verbindung erfüllt, ohne dass ich auch nur für einen Moment den Eindruck hatte, ich würde etwas geben, wofür ich etwas zurück bekommen will. Wenn ich also wirklich an Wahrheit und Kontakt interessiert bin, blockiert mich diese Waren-Vorstellung von Empathie auf tragische Weise.

Abgesehen davon, dass sie meine Freiheit beschränkt, in jedem Moment das zu tun, was mir gut tut, gibt diese Vorstellung auch nicht wieder, was genau bei Einfühlung passiert, wenn sie tatsächlich als Beitrag gedacht ist. In meiner Geschichte mit der Gewaltfreien Kommunikation gab es einen Punkt, an dem ich gemerkt habe, dass ich angespannt wurde, nachdem mir gerade eine Menge einfühlsame Aufmerksamkeit entgegen gebracht wurde. Ich hatte die Befürchtung, dass ich, um stabil in diesem Zustand von Freude, Gerührtheit und innerem Frieden bleiben zu können, von nun an ständige Aufmerksamkeit von anderen bräuchte – und das würde ja nun wirklich niemandem mehr Spaß machen. Es hat eine Weile gebraucht, bis ich das so umdeuten konnte, dass meine eigene Verantwortung und damit auch Macht über meinen Zustand sichtbar wurde. Heute nutze ich einfühlsame Aufmerksamkeit als Hilfe und Unterstützung dafür, selbst in einen einfühlsamen Kontakt mit mir zu kommen. Für mein eigenes Bedürfnis nach Einfühlung und Kontakt zu mir selbst ist es unerheblich, wie einfühlsam andere mit mir sind, wenn ich die Einfühlung nicht für mich nutzen und auf mich anwenden kann. Von daher nenne ich heute das, was andere da für mich tun können, Unterstützung für Selbsteinfühlung. Mir geht es wesentlich besser damit, weil auf die Weise die Verantwortung klar bleibt.

Aus diesen Überlegungen heraus wähle ich inzwischen andere Formulierungen. Ich vermeide die Vorstellung, Einfühlung oder Empathie zu „geben“ oder für jemanden zu haben und spreche stattdessen davon, mich IN jemanden einzufühlen. So sag ich im Prinzip nur etwas über den Fokus meiner Aufmerksamkeit aus und nichts darüber, welches Ziel ich damit habe. Das befreit mich, Einfühlung auch für die oben genannten Bedürfnisse einzusetzen. Wenn ich das Ziel habe zum Wohlergehen und Wachstum meines Gegenüber beizutragen, unterstütze ich seine/ihre Selbsteinfühlung, indem ich meine Aufmerksamkeit auf Gefühle und Bedürfnisse richte und berichte, was ich dort vermute.

Gegenwärtigkeit

Einer der praktischen Impulse, die ich aus meiner (im letzten Artikel erwähnten) ersten Woche der Therapieausbildung im ZIST mitgenommen habe, ist das „Hier-und-jetzt“-Spiel. Ich habe es seitdem auch außerhalb mit Freunden ausprobiert und habe dabei wertvolle Erkenntnisse gesammelt, die mir immer wieder Freude machen.

Das Spiel ist im Prinzip eine Übung in Gegenwärtigkeit und Präsenz. Die Regeln sind folgende: Jeder Satz beginnt mit „Hier und jetzt“. Also „Hier und jetzt sitze ich an meinem Schreibtisch und verfolge, wie meine Hände diesen Satz tippen.“ Nicht erlaubt sind Hilfsverben wie sein, haben, müssen, sollen und versuchen. Außerdem ist vernichtende Sprache nicht erlaubt, das heißt, immer wenn ich drauf und dran bin zu sagen, was nicht ist, stoppe ich mich und sage was stattdessen ist. Ich sag also nicht „Hier und jetzt fühl ich mich nicht wohl.“ sondern „Hier und jetzt fühl ich mich angespannt.“ Vergangenheit drücke ich mit „Hier und jetzt erinnere ich mich daran, dass…“ aus und Zukunft mit „Hier und jetzt stelle ich mir vor, dass…“ Auf die Weise mach ich klar, dass alles im hier und jetzt stattfindet und auch, dass ich wähle, mich zu erinnern oder mir vorzustellen – ich bin damit kein Opfer von Vergangenheit oder Zukunft, sondern verantwortlich für die Gegenwart.

Was dann zwischen zwei Menschen passiert, die das miteinander machen… nun ja, bei mir war es bisher sehr unterschiedlich. Mit ziemlicher Garantie kann ich sagen: Es passiert etwas Neues, etwas, das in der Routine der Kontaktgewohnheiten nicht vorkommt. Eine Sache, die ich auf die Weise sehr schnell merke ist, wie oft ich im Gespräch damit beschäftigt bin, bestätigende und ermutigende Reaktionen wie das typisch therapeutische „hm“ und „ja“ zu geben – auch wenn mich das vom anderen angesprochene Thema vielleicht gar nicht so anspricht. Oder positiv formuliert: Auch wenn ich mich angespannt fühle und meine Aufmerksamkeit ganz bei einem anderen Thema ist. Im Rahmen dieses Spiels hab ich’s jetzt so erlebt, dass ich das dann sagen konnte. Das ist erstmal komisch, weil der Gesprächsfluss fehlt und es wirkt, als würden die zwei Leute nicht miteinander reden. Aber in den Fällen, wo das so war, gab es früher oder später dann doch Interesse und Neugierde als Reaktion und ein Aufeinander-Einschwingen. Ein Freund bemerkte, dass man mit diesen Regeln weniger versucht ist, Geschichten zu erzählen, deren aktuelle Relevanz nicht klar ist, einfach weil es darauf weniger oder kaum Interesse gibt. Erst mit dem Bewusstsein, was es Hier und Jetzt bedeutet, mich an eine Geschichte zu erinnern, bekommt sie Lebendigkeit im Kontakt.

Ich freu mich sehr über den Rahmen, indem ich ehrlicher damit bin, was mich interessiert und was nicht. Und auch die erhöhte Wahrscheinlichkeit, diese Ehrlichkeit von meinem Gegenüber zu bekommen, freut mich und find ich aufregend. In zwei Fällen lief es sogar so, dass das Spiel mich und mein Gegenüber so in die Gegenwart gebracht hat, dass ich die Form nach einer Weile hinderlich fand und einfach jeder Satz nur so fließen konnte.

Ich erinnere mich an zwei Male, die mit mehr Anspannung verknüpft waren. Bei beiden lief es nicht so richtig, das heißt, ich hab was von mir mitgeteilt und als Antwort kamen Fragen. Im Gespräch darüber kam heraus, dass mein Gegenüber Bestätigung von mir wollte und überprüft hat, was sicher wäre , zu sagen oder worüber er/sie lieber den Mund halten will. Ich erinnere mich, wie bei mir alles eng wurde und ich am liebsten weg wollte. Daraus schließe ich, dass die ehrliche Reaktion eine Energieform ist, oder jedenfalls merke ich, dass ich sehr schnell müde und erschöpft werde, wenn ich im Kontakt keine Impulse beim anderen wahrnehme oder wahrnehmen darf. Das ist wie allein im Regen stehen und Wärme-Energie abzugeben, aber keine zurück zu bekommen: es wird nach einer Weile sehr kalt.

Außerdem hab ich erlebt, wie sich Leute gegen die Form und die Regeln gewehrt haben. Das bedauer ich, weil ich finde, dass die Form einen Rahmen für etwas bietet, was ich sonst nicht so häufig erlebe. Und dafür lohnt sich der Aufwand, meiner Einschätzung nach.

Ich mag euch alle auffordern, das mal mit einem guten Freund, einer guten Freundin auszuprobieren und mir dann zu schreiben wie es war!