Detachment und Non-Attachment

29 11 2008

Kürzlich noch hatte ich mit Buddhisten eine Diskussion über Wut. Es ging darum, wie man merkt, dass man über Wut hinweg ist, wo man sie doch genauso gut verdrängt oder unterdrückt haben könnte. In beiden Fällen würde man sie nicht spüren. Das Thema interessiert und beschäftigt mich sehr, weil ich selbst dabei bin zu entdecken, dass Wut, von der ich dachte, ich hätte sie einfach nicht, vor allem keinen Platz in mir fand, weil ich zu große Angst vor ihr hatte und fürchtete, sie würde Dinge kaputt machen, sobald ich sie nur fühle. Das ändert sich gerade und ich finde sehr heilsam, was für eine Energie darin steckt, die Wut erstmal überhaupt fühlen zu können, ohne sie auszuagieren. Das will ich weiter vermitteln.

Außerdem hat ein Freund mich neulich auf das Thema Scham angesprochen. Und dazu ist zu sagen, dass Scham immer mit Glaubenssätzen einhergeht, die alle „Ich sollte so nicht sein“ und „Irgendwas stimmt mit mir nicht, so wie ich bin“ zur Kernaussage haben. Mir ist dazu etwas wichtiges eingefallen, das ich mit den Begriffen Detachment und Non-Attachment erklären will.

Ich würde dazu von einer Drei-Stufen-Entwicklung sprechen, wenn es darum geht, mit Bedürfnissen und Wünschen in Verbindung zu sein: Detachment, Attachment, Non-Attachment. Detachment ist der Zustand, in dem du einen Wunsch oder ein Verlangen in dir gar nicht zulässt, weil du nur Schmerz damit erlebt hast. Du hast gelernt Wunsch+Welt=unerträgliches Leid. Das ist dann in einem Glaubenssatz zusammengefasst. Und wenn du dann doch mit dem Wunsch in Kontakt kommst, in einer Umgebung, die das nicht unterstützt, kommt die Befürchtung des unerträglichen Leides wieder hoch. Im Grunde genommen ist das wie ein ganz kleines Kind, welches neu in der Welt ist und erst lernen muss zu vertrauen, dass es willkommen ist und einen Platz hat.

Nächster Schritt ist Attachment. Dabei gewinnst du Vertrauen zu mindestens EINER Quelle zur Erfüllung deiner Wünsche und Bedürfnisse. Im Idealfall passiert genau das im sechsten Monat nach der Geburt. Vorher ist das Vertrauen, jedenfalls einiger Psychologen zufolge, noch nicht möglich, weil erst dann auftaucht, was man Objekt-Permanenz nennt: Das Kind hat eine Repräsentation von der Mutter, selbst wenn diese nicht da ist. Und darauf basiert dann das Vertrauen. Wenn das klappt und das Kind diese Bindung zur Mutter, dem Vater oder anderen Menschen findet, spricht man davon, dass das Kind eine sichere Bindung hat. Es ist „securely attached“. Das ist abhängig von der Sensibilität und Zugänglichkeit der Bezugsperson. Kann die Mutter sich einfühlen, reagiert sie auf die Wünsche des Kindes, gewinnt dieses Vertrauen, dass es angenommen wird.

Die letzte Phase ist Non-Attachment. Sie mag von außen wie Detachment aussehen, ist aber ganz anders. Non-Attachment basiert auf dem Vertrauen, bei Bedarf genau das zu bekommen, was man braucht und viele Quellen dafür zu haben. Und vor dem Hintergrund dieses Vertrauens braucht man an nichts festzuhalten. Man kann seine Gefühle voll empfinden, ohne Angst davor und dann loslassen. Detachment hingegen basiert auf dem Zwang, seine Bedürfnisse aufgeben zu müssen. Man fühlt keine Macht, sie irgendwie erfüllen zu können und ist deswegen hilflos. Um davor geschützt zu sein, spaltet man das Bedürfnis ab.

Diese Entwicklungslinie ist ein Paradebeispiel für die Prä-/Trans-Verwechslung von der Ken Wilber oft spricht. Detachment und Non-Attachment sehen gleich aus, weil sie beide nicht Attachment sind. Aber ich glaube unglaublich viele Leute sind detached und nennen das non-attached. Dadurch entsteht so viel Verwirrung und Scham in der Gemeinschaft von Leuten, die sich auf diesen Weg machen. Denn jedes Mal, wenn jemand Vertrauen sucht, sich öffnet, seine Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche zeigt, wird er von denen, die detached sind (und damit in ihren Glaubenssätzen über die Welt stecken, die dafür keinen Platz lassen) zurecht gewiesen, nach dem Motto „Was glaubst du wer du bist! Du bekommst nicht mehr als wir. Kümmer dich um deine spirituelle Entwicklung und dann wirst du das so wenig brauchen wie wir!“ Und dann denkst du „Oh, verdammt. Ich sollte das gar nicht brauchen. Ich bin einfach noch nicht entwickelt genug.“ Und das hat noch nie funktioniert!

Ich möchte eine Gemeinschaft, die sich dieser Unterschiede bewusst ist. Die nicht vor ihrem eigenen abgespaltenen Schatten davon rennt, sondern ihn beleuchtet und liebevoll annimmt. Scham kann man nicht wegmeditieren, sondern sie braucht empathische Resonanz, so dass das Vertrauen gewonnen werden kann, dass man irgendwo wirklich einen Platz hat. Und erst von dieser sicheren Basis aus, kann man mit Freude hinaus in die Welt gehen und all die Möglichkeiten kennenlernen, ohne den Kontakt zu dem Ort des Vertrauens aufzugeben.

Idealerweise ist der Ort des Vertrauens die Familie und die Bezugspersonen sind die Eltern. Da aber die Eltern meisten ebenfalls keine sichere Basis erlebt haben, ist ihre Sensibilität und Fähigkeit empathisch mit den Wünschen des Kindes zu sein oft eingeschränkt, so dass Bedingungen daran geknüpft werden. Und so machen sich viele viel später auf den Weg, nach diesem Ort der bedingungslosen Liebe, nach dem sie ein Leben damit verbracht haben, bedingungslose Liebe dadurch zu bekommen, dass sie alle gestellten Bedingungen zu erfüllen versuchen, nur um dann zu merken, dass sie auf die Weise wieder nur bedingte Liebe bekommen.

Ich wünsche mir, dass unsere tiefen Herzenswünsche mehr Raum finden, mehr Orte zur Annahme und Präsenz damit. Dass sie eine Stimme bekommen und ihnen Macht verliehen wird. Erst so können wir wirklich frei und erfüllt genug sein, dass wir nicht anhaften, auf niemanden mehr Zwang ausüben und in einer Welt voller göttlichem Lachen und süßer Tränen leben.

Advertisements




Willensfreiheit die Dritte

29 11 2008

Das Thema entwickelt sich langsam.

Mir ist bei einer Vorlesung im Studium Generale zum Thema aufgefallen, was genau für mich eigentlich nicht stimmt und worauf ich eigentlich hinweisen will.

Die Sache ist die, dass die Idee der Willensfreiheit in der heutigen Debatte noch immer dieselbe ist wie die aus dem 19. Jahrhundert und auf der Aufteilung zwischen Körper und Geist basiert. Nur wenn man diese Trennung vornimmt, kann man überhaupt von einem isolierten und von jeglichen Bedingungen unabhängigen Geist ausgehen, bzw. einem freien Willen mit diesen Eigenschaften.

In meinem letzten Beitrag zu dem Thema hab ich schon erklärt, dass diese Trennung zwischen Körper und Geist nicht die sinnvollste Weise ist, auf das Problem zu schauen, sondern man eher von einer internen und externen Perspektive sprechen sollte. Perspektiven haben untereinander keine kausalen Zusammenhänge, man braucht dann also auch nicht mehr zu fragen, ob der Geist den Körper herumschubst, oder der Körper den Geist. Die Frage ist dann viel mehr, was in der Beschreibung des Körpers den Erfahrungen entspricht, die man im Geist macht und umgekehrt. Es geht also nicht um zwei verschiedene Prozesse, sonder darum, wie ein und derselbe Prozess von zwei Seiten aus gesehen wird.

In der Vorlesung wurde ein Experiment genannt, welches kürzlich erst veröffentlich wurde und in welchem mit Hilfe von fMRI festgestellt wurde, dass schon 10 Sekunden vor dem Bewusstwerden einer Handlung Muster im Gehirn sichtbar waren, die dieser Handlung entsprachen. Natürlich bringt einen das ins Grübeln… aber eigentlich nur, wenn man sich, seinen Motiven und Instinkten nicht traut. Denn wenn wir uns frei entscheiden, dann entscheiden wir uns doch für das, was wir wollen. Was wir wollen merken wir daran, was uns am besten gefällt, von den Optionen, die uns bewusst sind. Und was spricht dagegen, dass schon 10 Sekunden bevor uns bewusst ist, was wir wollen, schon verhältnismäßig klar wäre, was wir wollen, wenn wir uns dessen nur bewusster wären? Der fMRI-Scanner scheint das zu zeigen.

Mein Eindruck ist, die meisten Neurowissenschaftler wissen nicht besonders viel darüber, was sie wollen, bzw. wer sie sind. Und so lange man nicht weiß, wer man ist, macht man das Urteil darüber, ob man frei ist, davon abhängig, ob das was man tut, mit dem übereinstimmt, was man von sich glaubt. Typisches Beispiel: mit dem Rauchen aufhören. Viele Leute sagen und glauben sie wollen es, tun es aber nicht. Das sieht sehr unfrei aus. Was sie aber übersehen ist, dass ein Teil von ihnen möglicherweise doch nicht aufhören will. Er hat etwas davon zu rauchen. Und das ist wichtig. Es ist verdammt wichtig. Ich selbst rauche nicht, aber ich habe mir von vielen erzählen lassen, dass es sie beruhigt, wenn sie nervös sind. Zumindest für eine kurze Zeit. Diese Nervosität taucht immer dann auf, wenn man etwas möchte, aber befürchtet, dass nichts in der Welt es einem geben kann. Das ist meist unbewusst, weil der Wunsch so mit der Welt in Konflikt zu sein scheint, dass man nur auf Leid stieße, wenn man sich darauf einlässt. Also braucht es Ablenkung von dieser Nervosität. Und die braucht es immer wieder, bis man in Kontakt mit dem Wunsch gekommen ist und Möglichkeiten zu dessen Erfüllung gefunden hat. Das heißt die Zigarette ist dann ein oberflächlicher Schutz davor, diesen überwältigenden Schmerz ohne Lösungsaussicht wieder zu erleben. Und vor dem Hintergrund wird logisch, dass Leute nicht aufhören, selbst wenn sie aufgrund der gesundheitlichen Konsequenzen sagen, dass sie wollen. Und ich bin überzeugt, wann immer wir denken, wir seien unfrei, steckt so etwas dahinter. Ich hab noch kein Gegenbeispiel erlebt.

Wenn man das also herausfindet, dann löst sich die Frage nach freiem Willen oder Determinismus in Luft auf, weil diese Dichotomie darauf basiert, dass es Dinge gibt, die isoliert voneinander sind und sich dann gegenseitig herumschubsen. Und dann wollen wir wissen, was was herumschubst. Der Wille ist aber nicht isoliert. Er hat einen Bezug auf das was wir WOLLEN. Ohne etwas zu haben was wir wollen, bringt es nichts, einen Willen zu haben. Also ist der Wille insofern frei, als dass er umsetzen kann, was er will. Aber er ist abhängig von dem, was er will. Dieser Bezug ist immer da. Nur wenn wir von Isolation sprechen fragen wir danach ob das Individuum von der Umgebung bestimmt wird oder die Umgebung von dem Individuum. Ohne das müssen wir den Organismus als Aspekt des gleichen Systems sehen, von dem die Umgebung der andere Aspekt ist. Es sind zwei Pole, die explizit sehr verschieden, aber implizit eins sind. Und in der Erkenntnis dessen liegt die Freiheit.





Willensfreiheit die Zweite

17 11 2008

Bei meinem Artikel über Willensfreiheit hab ich offenbar ein paar Punkte in meinem Gedankengang nicht explizit erwähnt und bin darauf hingewiesen worden. Also will ich versuchen, noch mehr darüber zu sagen.

Refuse hat geschrieben: „Das Libet-Experiment hat dich nicht besonders verwundert, aber gehen deine Gedanken weit genug? Ich denke wenn man sich die Frage stellt, ob es einen freien Willen gibt, so muss man sich zuerst der Frage stellen, ob man an eine Auftrennung in Körper und Geist glaubt.
Woraus bestehen denn Gedanken, Entscheidungen und körperliche Befehle, wenn es keinen Geist gibt?“

Ich kann es dir nicht sagen. Geist ist ja auch ein abstraktes Konzept für etwas, was wir nicht erklären, sondern nur benennen können. Angesichts dessen, was wir aber darüber (nicht) wissen, halte ich eine andere Sichtweise für sinnvoller. Für mich gibt es keine Auftrennung in Körper und Geist, sondern es gibt zwei verschiedene Perspektiven auf dasselbe Phänomen. Diese Perspektiven zeigen uns sehr verschieden aussehende Dinge, die aber implizit immer miteinander zu tun haben. Jeder Gedanke, den du denkst, wird ein körperliches Äquivalent haben. Jede Gefühlsregung, jede Wahrnehmung, die du von „innen“ her beschrieben kannst, steht im Zusammenhang mit etwas, was man von „außen“, in der dritten Person, sehen und beschreiben kann. Der Unterschied liegt nicht in der Substanz dessen was passiert, sondern nur in der Perspektive und der Art, wie es beschrieben wird, also welche Sprache benutzt wird. Während wir für Gedanken, Gefühle, Sehnsüchte, Vorstellungen etc. eine „Ich“-Sprache benutzen, gebrauchen wir eine „es“-Sprache für körperliche Vorgänge. So betrachtet wird es absurd zu fragen, ob Körper und Geist getrennt sind oder miteinander interagieren, der eine durch den anderen verursacht wird oder umgekehrt. Wir haben es hier mit Perspektiven zu tun und damit, wie ein Phänomen aussieht, aus einer dieser Perspektiven betrachtet. Eine dieser Perspektiven auf die andere zu reduzieren bewirkt nichts außer einen Verlust an Perspektive und damit an Information.

Was man aber tun kann ist zu fragen, inwiefern Ereignisse, die wir in einer „Ich“-Sprache beschreiben, Ereignissen entsprechen, die wir in einer „es“-Sprache beschreiben. Also z.B. zu schauen, welche Hirnaktivität mit dem Gedanken einhergeht: „Ich freu mich das Obama die Wahl gewonnen habe, hoffe aber auch, dass er keinem Attentat zum Opfer fällt.“ Wie genau und wie gut man das kann, hängt theoretisch von den Messinstrumenten ab. Die momentan mächtigsten für das Gehirn sind wohl EEG und fMRI. EEG erlaubt eine ziemlich hohe zeitliche Auflösung einer Aktivität (auf Millisekunden genau), ohne aber viel über ihren genauen Ort auszusagen, während fMRI verhältnismäßig ziemlich genau bei der Ortsbestimmung ist, aber immer nur mit Verzögerung misst. Die Aussicht, ganz genau messen zu können, was jemand denkt, ist wohl sehr gering. Ich hab allerdings vor kurzem von einem fMRI-Experiment gehört, bei dem man den Versuchspersonen sagte, sie sollen sich abwechselnd ein Tennis-Spiel oder etwas anderes (weiß nicht mehr genau) wie etwa einen Fernsehabend vorstellen. Und es wurden sehr bestimmte und von einander gut unterscheidbare Muster deutlich. Das könnte man z.B. nutzen, indem man Koma-Patienten beibringt bei einem „Ja“ an ein Tennis-Spiel zu denken und bei einem „Nein“ an einen Fernsehabend. Und so kann man schauen, ob sie einen verstehen, wenn man diese Muster wieder entdeckt. Den Satz mit Obama wieder zu erkennen, wäre dann also vielleicht auch möglich, wenn man einmal eine Ahnung hat, wie das Muster der Hirnaktivität aussieht. Aber da gibt es so viele Variablen und mögliche Variationen, dass man das induktiv, also ohne vorher zu wissen, was derjenige denkt, wohl nie herausfinden wird. Ist vielleicht auch nicht so nötig.

Vor diesem Hintergrund jedenfalls fällt für mich die Frage weg, ob wir von unserem Gehirn gesteuert werden. Denn diese Vorstellung unterstellt, dass das, was wir in der „es“-Sprache beschreiben grundsätzlich anders ist, als das was wir in der „Ich“-Sprache beschreiben, also ersteres letzteres kontrollieren kann. Aber das ist genauso sinnvoll wie zu sagen, dass die Vorderseite eines Gegenstandes ihre Rückseite hinter sich herzieht. Vor- und Rückseite können sehr verschieden sein, aber sie sind Vor- und Rückseite EIN und DERSELBEN Sache! Wenn sich die Vorderseite bewegt, muss sich auch die Rückseite bewegen und umgekehrt. Dementsprechend kann man nicht davon sprechen, dass das eine die Ursache für das andere ist. Sie kommen und gehen zusammen. Und so sehe ich es auch mit unserem Willen und dem Gehirn. Was ich möchte, was mir lieb und teuer ist, was ich plane und durchführe geht einher mit allerlei Aktivitäten im Gehirn. Das eine ist nicht ohne das andere möglich. Und weder ist das Gehirn Sklave des Willens, noch ist der Wille Sklave des Gehirns. Sie sind eins.

„Dies vorrausgesetzt gibt es also Entitäten in unserem Gehirn die für uns Entscheidungen fällen und sie anschließend unserem Bewusstsein mitteilen. Aber heißt das sofort, dass man keinen Einfluss hat auf seine Entscheidungen?“

Die Frage ist doch, was du mit Einfluss meinst. Woran würdest du merken, dass du welchen hast und woran würdest du merken, dass du keinen hast? Diese Frage hängt eng zusammen mit dem, was du dir wünschst, worauf du hinaus willst. Denn angenommen du tust etwas ohne ein Bewusstsein dafür, was du da tust und wie du’s tust (du kannst es nicht in Worten ausdrücken), dann ist das doch nur dann ein Problem, wenn du dir zuvor ein Ziel gesetzt hast und dieses unbewusst-automatische Verhalten damit in Konflikt steht. Wäre da kein Konflikt, würdest du dich vermutlich über die unglaublich weise und hilfreiche intuitive Intelligenz in deinem Körper oder Geist (wem auch immer du es zuschiebst) freuen.

Meiner Erfahrung nach hat alles was ich tue, egal ob bewusst oder unbewusst, einen Sinn. Das heißt, es ist immer der Versuch, das Leben zu bereichern, angenehmer, schöner zu machen. Ich habe also einen großen Spaß daran herauszufinden, welchen versteckten und geheimen Sinn ein unbewusstes Verhalten haben könnte. Wie im Artikel zur Enneagram-Sechs beschrieben, hab ich die Angewohnheit, direkt vom Schlimmsten auszugehen. Wenn ich jetzt behaupte, dass das an einem Ungleichgewicht in meinem Gehirn liegt, schaffe ich mir damit nur Probleme. Ich spalte mein Verhalten von mir ab, schaffe eine innere Trennung, die den Stress vergrößert. Außerdem nehme ich mir die Macht, mein Verhalten auf einer intimen Ebene zu verstehen. Es führt viel weiter, wenn ich mich frage unter welchen Umständen dieses Verhalten Sinn hätte. Und dann überprüfe ich, ob ich nicht vielleicht implizit von solchen Umständen ausgehe. Und es ist sehr klar, wenn ich einen Treffer gelandet habe, denn etwas löst sich dann, ich fühle eine Harmonie in mir und mehr Kraft wird frei durch das Verstehen und Bewusstwerden. Dieses Verstehen wäre es, was ich Einfluss nennen würde. Und diesen Einfluss haben wir immer. Er erlaubt mir auch, zu bestimmen ob meine Ziele, die zuvor unbewusst waren, in der Umgebung, in der ich mich finde, noch Sinn haben und das dann anzupassen. Und dann kommt es mir nicht mehr so vor, als würde mich irgendetwas in mir kontrollieren, was ich nicht kenne, sondern alles ist sehr klar und deutlich.

„Dazu ein paar Gedanken: Wenn man als Kind auf die Welt kommt, verhält man sich erst einmal impulsiv. Das reflektive Verhalten muss erst noch erlernt werden. Freud nennt diese Impulskontrolle bekanntlich das “Super-Ich” welches das “Ego” im Zaum halten muss.
Ist also das Erwachsenwerden das Aufgeben der Freiheit?“

Damit hast du schon die implizite Annahme gemacht, dass Freiheit bedeutet, seinen Impulsen ohne Bewusstsein dessen, was sie einem bedeuten und ohne Erwägung von Konsequenzen, folgen zu können. Und das sehe ich nicht so. Die Situation, die Freud umschreibt ist eine auf „halbem Wege“, wenn man so will. Denn natürlich wird man als Kind erleben, dass das Ausleben der Impulse Konsequenzen hat. Egal ob die einem gefallen oder nicht, es gibt Konsequenzen. Und wenn diese sehr unangenehm sind für das Kind, oder aber auch für andere in der Umgebung (aus welchem Grund auch immer), baut sich ein Erfahrungssystem auf, welches sagt „So geht’s gut, so lieber nicht.“ Das ist noch auf einer ziemlich oberflächlichen Verständnisebene, die in richtig und falsch einteilt. Oberflächlich, weil es nur eine mögliche Perspektive einräumt, statt der zahlreichen, die es auf jede Situation gibt. Dieses Erfahrungssystem hat Freud das Über-Ich genannt. Ich sage, dass das auf „halbem Wege“ ist, weil die Weiternentwicklung erfordert, die Erfahrungen des Über-Ich mit den Sehnsüchten und Wünschen des Ich zu integrieren. Und erst da gibt es wahre Freiheit: nämlich die Fähigkeit überblicken zu können, welche möglichen Konsequenzen eine Handlung oder Sichtweise haben kann und dann daraus zu wählen, abhängig davon, was man möchte. Frei sein von Konsequenzen geht nicht und ist auch nicht erstrebenswert. Schließlich würde das bedeuten, auch die angenehmen Konsequenzen los zu werden. Und wer will das schon. Aber in dem Maße, wie man die Konsequenzen einschätzen kann und versteht, kann man aus ihnen wählen.

Ich hoffe, dass das Thema Willensfreiheit und meine Sichtweise darauf so noch etwas klarer werden. Ich merke selbst, dass ich noch eine bessere Zusammenfassung davon machen und es kompakter sein könnte. Dieses Thema berührt so viele Teilbereiche, dass ich Mühe habe, das wesentliche herauszustellen. Vorschläge und Anmerkungen sind willkommen.





Willensfreiheit

4 11 2008

Mal wieder gibt es einen neuen Ansatz zur Vereinigung von Philosophie und Hirnforschung beim Thema Willensfreiheit:

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,582505-2,00.html

Und mal wieder finde ich, dass die Autoren am Knackpunkt der Frage vorbeireden. Ich denke das schon etwas länger. Grundsätzlich geht es bei dem Thema Willensfreiheit, so wie es bisher diskutiert wurde, immer wieder darum, zu definieren was Freiheit ist und ob dies für eine Person in einer bestimmten Situation gegeben ist. Dann wird Freiheit von Determinismus abgegrenzt und davon gesprochen, dass man von ersterem nur sprechen kann, wenn es Handlungsalternativen gibt. Schließlich ist die Rede von Wünschen und Charaktermerkmalen, die bestimmen, was man überhaupt sucht, wenn man Freiheit will. Letztere ließen sich vielleicht auch in neuronalen Strukturen finden und so von der Biologie-Seite aus untersuchen…

Ich merk, wie ich hierbei ungeduldig werde. Denn für mich ist das alles auf sehr wackeligem Eis gebaut – ehrlich gesagt ist mir nicht ganz klar, wie jemand damit zufrieden sein kann. Das Experiment, was überhaupt die Zweifel an der Willensfreiheit von neurobiologischer Seite erregt hat, hat Benjamin Libet 1979 durchgeführt. Dabei wurden Hirnströme mit einem EEG gemesse, während Leute aufgefordert waren, in einer bestimmten Zeit selbst zu entscheiden einen Knopf zu drücken. Wenn sie dies entschieden, sagten sie „Jetzt“. Und was nun für Aufsehen sorgte war die Tatsache, dass etwa 1500 Millisekunden vor dem „Jetzt“ schon ein Ausschlagen auf dem EEG zu messen war. Kurz, die Entscheidung scheint gefällt, bevor sie bewusst, das heißt verbal formuliert, zum Ausdruck gebracht wurde. Ich sage dazu: welch eine Überraschung! Darüber kann sich nur wundern, wer sich und seine Entscheidungsprozesse nicht besonders gut kennt, denke ich mir.

Denn ist es nicht immer unergründlich, wie wir etwas entscheiden? Ich meine, ich kann es jedes Mal rekonstruieren. Ich kann eine Skizze meiner Situation machen und erklären „So, siehst du? Das ist das sinnvollste und logischste was ich tun konnte.“ Und das ist dann auch logisch und einleuchtend. Aber ich spreche von dem Moment selbst, in dem ich zu einer Entscheidung gelange. Von der Sekunde, in welcher ein „Da geht’s lang“ auftaucht, ohne dass ich das hätte vorhersehen können. Und es fühlt sich wirklich an, wie ein spontanes Auftauchen aus dem Nichts. In etwa so, wie die Kurve auf einem Seismographen oder EEG aus dem Nichts auftaucht. Nun, was sagt mir das über Willensfreiheit?

Ich behaupte, die ganze Diskussion geht jedes Mal am Thema vorbei. Die Frage, was Freiheit ist, ist vollkommen uninteressant, so lange nicht geklärt ist, wer der ist, der sie hat. Was ist dieser Wille, dem wir so viel Freiheit zusprechen wollen? Das heißt, was meinen wir damit? Wovon sprechen wir da? Bin ich mein Wille? Ist mein Wille eine abgesonderte Entität, eine Kontrollfunktion? Und wenn ja, wer kontrolliert die? Wer bestimmt, was mein Wille zu tun hat und was nicht? Meine Wünsche und Bedürfnisse? Aber wo kommen die her? In der Debatte um die Interpretation des Libet-Experimentes ist die Rede von einem Kausal-Ursprung im Gehirn. Aber wieviel soll das denn bitte erklären? Inwiefern bin ich unterschiedlich von meinem Gehirn?

Unweigerlich führt das nicht nur zu der Frage „Wer oder was bin ich?“ sondern auch „Für wen halte ich mich?“ Und erst abhängig davon, für wen ich mich halte, kann ich entscheiden ob ich frei bin oder nicht.

Ich sage, dass die Frage nach dem Determinismus sich überhaupt erst stellt, wenn ich mich als isoliertes Individuum definiere, welches von allen möglichen Seiten angesprochen und gefordert wird, gewisse Bedingungen zu erfüllen. Derlei Forderungen kommen dann von meinen Mitmenschen, von meiner Physiologie und von den physikalischen Gegebenheiten meiner Umwelt. Aber auch von plötzlichen Gefühlswallungen, die ich mir nicht erklären kann, deren Ursprung und Sinn mir nicht bewusst sind. Wenn ich das alles als „Nicht-Ich“ wahrnehme, dann komme ich sehr leicht auf den Gedanken, dass diese Bedingungen bestimmen, wie ich mich verhalte. Und dass diese Bestimmung eine Fremdbestimmung ist. Und das ist eine direkte Folge davon, wo ich die Grenze zwischen „Ich“ und „alles andere“ ziehe. Wenn ich also denke, dass mein Gehirn ein Organ ist, was meine inneren Prozesse steuert, dann betrachte ich das Gehirn als „Nicht-Ich“ und von daher etwas, worüber ich keine Macht habe, dem ich unterliege. Wenn ich denke, dass meine Umwelt getrennt von mir ist, dann muss ich versuchen sie zu kontrollieren, sonst überrennt sie mich. Wenn ich andere Menschen getrennt von mir sehe, nehme ich sie als etwas war, was grundsätzlich „anders“ ist als ich, was also auch grundsätzlich andere Ziele hat und dementsprechen gefährlich werden kann. Wenn ich meine Gefühle nicht verstehe, gehen sie mir ins Gehege dessen, was ich in mir sehr wohl verstehe. Und damit sind auch sie etwas, was nicht Ich ist.

Ich glaube, der kritische Punkt ist, dass ich das, was ich nicht verstehe, zu dem ich keinen Bezug habe und in das ich mich nicht einfühlen kann, immer als etwas betrachten werde, was getrennt von mir ist. Und alles was getrennt von mir ist, kann mit mir zusammenstoßen, kann mich zwingen, kann mich zerstören. Und erst unter diesen Umständen wird es wichtig, einen Willen zu haben, der dagegenhält, der das, was ich verstehe, vom Rest abtrennt und es schützt. Diesen Schutz kann er nicht leisten, wenn es zu viele Forderungen von außen gibt. Und von daher die Idee der Willensfreiheit, als dem Zustand, in welchem man frei genug ist von Forderungen.

Aber ich finde, dass ich, so lange ich Angst vor irgendetwas habe, was es in der Welt gibt, nicht frei sein kann. Das heißt, so lange ich der Welt nicht mit Neugierde sondern Abwehr begegne. Für mich ist Freiheit das Bewusstsein, dass ich jederzeit wählen kann, wohin ich meine Aufmerksamkeit lenke. Und das ist etwas, was IMMER der Fall ist. Dementsprechend ist meine Freiheit nicht abhängig von äußeren Umständen (wie viel an Freiheit wäre das denn auch), sondern von meinem Bewusstsein darüber, dass ich schon frei bin. Wenn ich nun mit Urteilen und Befürchtungen durch die Welt gehe, wird meine Haltung eine der Abwehr sein. Und diese Abwehr wird die Notwendigkeit mit sich bringen, meine Aufmerksamkeit auf diesen Gefahren zu haben. Das hat den Effekt, dass ich die meiste Zeit gestresst bin. Will ich das? Lieber nicht. Entspannung und Offenheit gefallen mir besser. Und wenn es das ist, was ich will, worauf muss ich dann meine Aufmerksamkeit lenken? Oder wie überhaupt damit umgehen?

Ich sehe den Weg aus dieser „Gefangenschaft der Aufmerksamkeit“ darin, die Beziehung zwischen mir und allem anderen zu entdecken und zu verstehen. Nicht nur intellektuell, sondern auch „von innen heraus“. Zum Beispiel mit der Frage „Wie fühlt es sich an, du zu sein? Wie ändert deine Perspektive mein Gefühl davon in der Welt zu sein?“ Es geht darum, meine Isoliertheit als eine Bezogenheit zu entlarven. Denn wenn von diesem Standpunkt aus ich und du die Pole und Endpunkte EINER Beziehung sind, dann sind wir zwar explizit verschieden, aber implizit dieselben. Und das was dasselbe ist, kann nicht miteinander kollidieren. Je mehr ich das verstehe, und ich mach täglich Fortschritte, desto mehr Offenheit und spontane Annahme wird mir möglich und desto weniger denke ich überhaupt daran, ob ich frei bin und wer oder was etwas von mir fordert. Es wird einfach irrelevant. Das was du für dich willst, wirst du wollen, weil es dir gut tut. Ich will auch, dass es dir gut geht. Du bist ich, insofern, als ich mit dir in Beziehung stehe und dieser Prozess der Bezogenheit ich ist. Wenn ich gut für dich sorge, sorge ich gut für mich. Wenn ich gut für mich sorge, sorge ich gut für dich. Es ist nicht voneinander trennbar. Und in so einer Welt, in der ich mich nicht mehr für eine isolierte Entität halte, wird die Frage nach Determinismus oder Willensfreiheit überflüssig.