Die größte Angst

23 07 2009

Was ist eure größte Angst? Ich kann euch erzählen, was meine ist. Es klingt vielleicht nicht besonders vernünftig, das in einem öffentlichen Blog zu tun. Aber ich glaub, es ist eine Angst, für deren Umgang ich nicht so sehr auf andere angewiesen bin. Oder besser, ich hab glücklicherweise Freunde gefunden, die mir dabei helfen. Außerdem motiviert mich die Vorstellung, ihr könntet sie auch in euch vorfinden, allerdings noch nicht so klar ausgedrückt. Und dann gäbe meine Offenheit einen schönen Anhaltspunkt für mehr Orientierung und innere Sicherheit.

Ich hab gemerkt, dass die einzige Angst, die ich immer wieder habe, die ist, mir nicht zu verzeihen, wenn ich was gemacht hab, was im Nachhinein nicht so toll war, wie ich zum Zeitpunkt der Entscheidung dachte. Gibt es überhaupt irgendeine andere Angst? Nun ja, natürlich kann ich in einen Banküberfall verwickelt werden, bei dem mir jemand eine Pistole an den Kopf hält. Das fänd ich wahrscheinlich nicht so prickelnd. Oder ich bin in einer Region, wo Krieg herrscht und gekämpft wird. Aber ehrlich gesagt, wenn ich das wirklich durchdenke, wovor hab ich da Angst? Vor Schmerz? Vor Tod? Vor Verlust? Sind das nicht Dinge, mit denen ich leben kann? Gut, bei Tod wird das schwierig. Aber dann wiederum… muss ich annehmen dass tot sein eine Erfahrung ist? Wenn ja, könnte das spannend werden. Wenn nein, gibt es nichts zu fürchten.

Sich nicht verzeihen können

Nein, ich glaube wirklich, dass es sich bei genauer Betrachtung auf diese eine Angst herunterbrechen lässt: Sich etwas nicht verzeihen zu können. Wenn ich in so einer gefährlichen Situation bin, kann eine kleine Handlung sehr viel ausmachen und weitreichende Konsequenzen haben. Wenn die Konsequenzen mir nicht gefallen und ich meine Handlung dafür verantwortlich mache, kann das höllisch weh tun und es regnet Scham und Schuldgefühle. Sagen wir, wenn ich beim Banküberfall mit ansehen musste, wie einer Geisel eine Kugel durch den Kopf gejagt wurde, kurz bevor ich die Situation unter Kontrolle bringen konnte. Hätte ich doch nur… Oder auf einem anderen Gebiet, wenn ich eine Frau, die mir sehr gefällt, anspreche und ich denke, dass ihr „Nein“ verhindert hätte werden können, wäre ich anders an die Sache heran gegangen. Oder noch besser, ich bin in einer Beziehung mit einer Frau, die mir viel bedeutet und ich schlafe mit einer anderen. Das kommt raus und meine Partnerin will gehen. Vielleicht bin ich auch Politiker und setze ein Gesetz durch, das sechs Monate später für Todesfälle und schwere Proteste sorgt. Oder ich bin Chirurg und ein Patient, den ich operiert habe, stirbt, nachdem ich meinen Pieper in seiner Bauchhöhle vergessen hatte. Toll wäre es momentan bestimmt auch, im Vorstand der AIG zu sitzen und zu sehen, wie mein Finanz-Plan einen Verlust von mehr als 200 Mrd. Dollar und den beinahe Zusammenbruch der Weltwirtschaft nach sich zieht. Massen von Menschen sitzen auf der Straße, verlieren ihre Arbeit und versinken im Elend. Nur weil ich versagt habe!

Wer hier nicht weiter weiß, ist psychologisch wahrscheinlich am Ende. Ohne Selbstvergebung bleibt einem da nicht viel. Das Vertrauen in das Gute in mir könnte verschwinden, oder in meine Fähigkeit, dieses Gute zum Ausdruck zu bringen. Vielleicht fange ich an zu denken, dass ich es nicht mehr verdient habe, glücklich zu sein. Oder ich werde sehr einsam, nachdem alle um mich herum entschieden haben, dass sie nicht mehr mit mir leben wollen. Wenn ich dann noch denke, dass sie Recht haben, kann ich mir auch die Kugel geben. Die Hoffnungslosigkeit ist komplett. Also, wovor könnte man überhaupt noch Angst haben, wenn nicht davor? Mir fällt nichts ein.

Damit stellt sich natürlich die Frage: Wie verzeiht man sich?

Selbstvergebung

Ich glaub für viele sieht Vergebung so aus, dass man sich nochmal eine Chance gibt. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, wie das gehen soll, denn wenn ich mir und meine Urteil nicht mehr vertraue, wie soll das dann helfen? Genau so, wie wenn ich jemand anderem vergeben soll. Wenn ich ihm nicht traue, was soll das dann heißen? Schwamm drüber und wir fangen von vorne an? Wenn meine Partnerin mit jemand anderem schläft, ich bin entsetzt und brauche mehr Vertrauen… wie sähe Vergebung da aus?

Mein simpler Grundsatz für Vergebung lautet: Wenn ich verstehe, gibt es nichts mehr zu vergeben. So simpel das klingt, so schwer kann einem das fallen. Der Knackpunkt ist folgender: wenn ich etwas gemacht habe, was schreckliche Konsequenzen hatte, und ich bringe Verständnis auf, heißt das, dass ich es gut finde? Wenn ich meine Partnerin verstehe und nachvollziehen kann, dass sie sich dafür entschieden hat, mit ihrem besten Freund zu schlafen, bedeutet das dann, dass ich ihr das erlaube oder sie sogar noch dazu ermutigen will? Wohl kaum (jedenfalls nicht zu diesem Zeitpunkt). Gerade weil Verständnis so oft zu Vergebung führt, haben wahrscheinlich viele Angst davor. Denn sie wollen nicht vergessen, aus den Konsequenzen zu lernen. Also, wie kann ich mir vergeben UND aus den Konsequenzen lernen?

Entscheider und Erzieher

Es hilft von zwei Funktionen in mir auszugehen: einem Entscheider und einem Erzieher. Beide Funktionen haben den Job, das Leben schöner, aufregender, angenehmer und insgesamt wunderbar zu machen. Der Entscheider hat in jedem Moment die Aufgabe, aus den bekannten Optionen und in der gegebenen Situation, das beste und schönste zu wählen. Das ist manchmal ziemlich schwierig, vor allem wenn die bekannten Wahlmöglichkeiten eingeschränkt sind. Der Erzieher schaut sich an, welche Konsequenzen die Entscheidung hatte und kommentiert das. Je nachdem, welche Umgangsform der Erzieher von meinen (externen) Erziehern gelernt hat, fällt ihm wahrscheinlich sofort auf, wenn etwas nicht den Standards entspricht. Das kann sich in einer Intuition, einem Gefühl, einem Gedanken bemerkbar machen.

Das heißt, wenn etwas schief geht, hab ich es mit zwei Perspektiven zu tun, von denen die meisten Menschen die eine vergessen. Die Erzieher-Perspektive ist die, in der die Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen, die nicht von der Handlung erfüllt wurden. Also sagen wir, ich bin an einer Frau interessiert, ich frage sie, ob sie Lust hat, mit mir was trinken zu gehen und sie sagt, dass sie nicht will… dann könnte mein Erzieher mich mit Vorwürfen bombadieren wie „Was für eine blöde Idee, sie überhaupt zu fragen! Jetzt hast du sie noch belästigt! Wer bist du überhaupt, was von ihr zu wollen? Hättest du das nicht erahnen können? Außerdem, wenn du ständig auf Ablehnung stößt, muss doch was mit dir nicht stimmen…“ Das ist wahrscheinlich erstmal nicht so leicht zu verdauen. Ich glaub, viele drücken das einfach beiseite, überwältigt von der schieren Menge an Selbst-Vorwürfen. Aber der Kern der Sache ist, dass der Erzieher im Interesse meiner Bedürfnisse spricht. Und er will, dass ich diesen Bedürfnissen Aufmerksamkeit schenke, so dass die Wahrscheinlichkeit steigt, dass sie in Zukunft erfüllt werden können. Es wäre toll, wenn er mir das direkt sagen könnte, aber üblicherweise hat er das nicht gelernt. Also braucht es etwas Arbeit und Aufmerksamkeit, da heran zu kommen.

Ich könnte mir vorstellen, dass mein Erzieher mich darauf aufmerksam machen will, wie sehr es mein Leben verschönern würde, wenn ich die Nähe und Zuwendung einer Frau hätte. Und wie wichtig es da wäre, zu wissen, wie ich sie bekommen könnte. Dass ich herausfinde, wie ich das Interesse an mir wecken kann. Vielleicht auch, dass ich mir eine bessere Vorstellung davon mache, was eine Frau gerne hätte, wenn sie bei mir wäre. Also alles, was mit Intimität, Verbindung, Geborgenheit zu tun hat. Dafür steht der Erzieher ein. Dass es das im Kern ist, weiß ich dann, wenn die Gedanken und Vorwürfe aufhören. Kommen weitere, hab ich noch nicht alle Bedürfnisse verstanden. Ist es aber so weit, fühle ich mich nicht mehr schuldig, sondern vielleicht traurig oder betrübt. Aber das ist ein süßer Schmerz, weil er Hoffnung auf Besserung erlaubt. Durch das Verständnis und das Erkennen der Bedürfnisse werde ich wieder handlungsfähig. Und das kann eine große Erleichterung sein.

Soweit der Erzieher.

Wenn ich verstanden hab, was mich an den Konsequenzen meiner Handlung so beunruhigt, kommt natürlicherweise die Frage auf, wie ich denn so handeln konnte. Also, wie kam mein Entscheider auf die Idee, dass es von Vorteil wäre, es so zu machen? Das ist ja der eigentlich Schritt zur Selbst-Vergebung. Dafür ist nötig zu verstehen, welche Bedürfnisse der Entscheider im Sinn hatte und aus welcher Perspektive heraus die gewählte Handlung wirklich als die beste erschien. Hinterher ist man ja immer schlauer, also ist das nicht immer so einfach. Mein Erzieher fragt also, ob meinem Entscheider denn nicht klar war, dass ich diese Bedürfnisse nach Intimität und Verbindung habe.

Und der antwortet, dass er ja gerade dafür etwas tun wollte. Und wie gerne hätte er mehr darüber gewusst, wie das zu tun wäre. Aber in dieser Situation hatte er nur begrenzte Informationen. Ich erinnere mich z.B. an ein Mal, wo ich überlegt hab, ob ich eine Frau frage, ob sie mit mir was trinken gehen will und ich hab mir gemerkt, wie meine Perspektive aussah. Wir hatten uns in einem Sprachkurs kennengelernt und die Signale waren gemeinsames Lachen, Witze zusammen und eine Liebe für die Sprache, die wir da lernten. Könnte das Interesse bedeuten? Kann ich nicht sicher wissen, aber ich kann entscheiden, dass es genug ist, um es auszuprobieren. Also hab ich das getan. Sie sagte ja, also brauchte ich an diesem Beispiel keine Selbst-Vergebung zu üben. Aber nichtsdestotrotz hat es gut getan, ganz bewusst die Entscheidung zu fällen. Und zu wissen, wenn es nicht gut läuft, ist das auch okay.

Gute Neuigkeiten

Zusammengefasst heißt das, dass ich zum einem verstehe, was mein Erzieher beanstandet und dann zum anderen verstehe, was mein Entscheider wollte und aus welcher Perspektive heraus seine Entscheidung als die bestmögliche erschien. Wenn ich das verstanden habe, gibt es nichts mehr zu vergeben.

Das ist natürlich immer wieder ein neuer Prozess, mit jeder neuen Situation. Allerdings lernen sowohl Erzieher als auch Entscheider mit der Zeit immer besser, sich klar auszudrücken und so fällt das Verstehen immer leichter. Die Gefahr, sich für etwas nicht vergeben zu können verringert sich dementsprechend. Und damit werden Angst und Hoffnungslosigkeit zunehmend zur Seltenheit… das sind doch gute Neuigkeiten, oder nicht?