Bedürfnisse und Bedürftigkeit

10 09 2012

In meiner Arbeit mit der Gewaltfreien Kommunikation und im therapeutischen Kontext hab ich immer wieder mit dem Begriff der Bedürftigkeit zu tun. Bei mir ziehen sich dabei aufgrund der schambesetzten Konnotationen regelmäßig Magen und Kehle zusammen, denn ich möchte gerne, dass die Schönheit, die ich in Bedürfnissen sehe, zum Ausdruck kommt. Und das fällt mir beim Wort „bedürftig“ irgendwie schwer. Ich verbinde damit vor allem „unsexy,“ „eine Last,“ „schwer,“ „abhängig,“ und „schwach“. Schon seit längerem hab ich mir also dazu Gedanken gemacht, wo sich die Schönheit hinter „Bedürftigkeit“ versteckt.

Zunächst mal find ich’s hilfreich, mir bewusst zu machen, dass „bedürftig“ eine Zuschreibung ist, die ich vor allem von anderen Leuten bekomme, und erst aus zweiter Hand von mir selbst. Das heißt, was immer daran abwertend klingt, ist Ausdruck von unerfüllten Bedürfnissen bei anderen Leuten, die sich z.B. selbst mehr Beachtung und Einfühlung für sich wünschen, statt sich jetzt um mich und meine Bedürfnisse zu kümmern. In klarer Sprache: „Wenn Du mir zeigst, was Du willst und brauchst, spanne ich mich an, weil ich auch Platz für mich und meine Anliegen brauche. Und ich weiß noch nicht, wie beides gleichzeitig da sein kann.“ Mir das so vorzustellen, hilft mir schon mal dabei, nicht nach einem Fehler bei mir zu suchen. Aber wie komme ich von dieser Zuschreibung zu einem kräftigeren Selbstkontakt?

Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich ein spannendes Gespräch mit einer Frau, die ich auf einem Camp getroffen hab. Nennen wir sie mal Katharina. Sie vertraute mir an, dass sie auf dem Camp gerne einen Mann treffen würde, mit dem sie ein erotisches Abenteuer haben könnte. Das Dumme sei, sie wisse nicht, wie sie das angehen soll, denn wenn sie das offen zeige, fürchte sie, als bedürftig zu gelten und damit unattraktiv zu sein. Und wer kennt das nicht: gerade wenn es um Intimität und Nähe geht, kommt ganz viel Scham auf, die Bedürfnisse und Wünsche zu äußern, deren Mitteilung uns ihrer Erfüllung einen ganzen Schritt näher bringen könnten. Und dann halten wir lieber den Mund, als… ja, was denn eigentlich?

Typischerweise höre ich an dieser Stelle „Ich halte lieber den Mund, weil ich nicht verletzt/zurückgewiesen/missverstanden werden will.“ Das hat Katharina auch gesagt, eine Schutzreaktion also. Nach dem Motto „Frag nicht, wovor ich mich schütze, frag lieber WAS ich schütze!“ hab ich die Frage gestellt „Wenn Du nicht zurückgewiesen werden willst, was wünschst Du Dir dann stattdessen?“ Wie den meisten fiel Katharina da ein, „Natürlich wünsche ich mir ein Ja.“

Jetzt ist ein „Ja“ ja kein Bedürfnis, sondern eine Strategie (konkrete Handlung). Also hab ich bei Katharina nach Bedürfnissen geforscht. Wir kamen relativ schnell darauf, dass es dabei gar nicht primär darum ging, dass sie nun ihre Bedürfnisse nach Intimität, Sexualität, Nähe erfüllt bekommt, sondern eher darum… dass sie eine Bestätigung bekommt, dass diese Bedürfnisse zählen. Dass sie schön sind, Lebensenergie und Beitrag auch im Leben anderer sein können. Die Art von Lebensenergie und Beitrag, die ich z.B. fühle, wenn meine Freundin mir mit strahlenden Augen sagt, dass sie gerade riesige Lust auf asiatisch Essen hat. Nicht dass ich das an sich so überwältigend finde, aber der Ausdruck, mit dem sie sagt, dass sie das möchte oder ihr das wichtig ist, eröffnet mir seine Schönheit. Und ich glaube, dass wir uns alle danach sehnen: dass in dem, was wir uns wünschen und was uns wichtig ist, eine inhärente Schönheit und Unschuld sichtbar wird, nach außen strahlt und andere inspiriert.

Mir hilft diese Erkenntnis und Unterscheidung enorm, denn wenn ich mich für bedürftig halte, weiß ich jetzt, was ich damit machen möchte. Ich wünsch mir an der Stelle nicht primär die Erfüllung meiner Wünsche, sondern Mitgefühl und Einfühlung für meine Bedürfnisse. Ja, es ist sogar so, dass ich manchmal gar nichts davon habe, wenn meine Wünsche erfüllt werden, weil ich eigentlich eine andere Beziehung zu den Bedürfnissen dahinter suche. Und dafür ist ein einfaches „Ja“ oft zu oberflächlich. Ich mag zwar Bestätigung darin finden, dass ich bekomme, was ich will, aber das hält auch nur so lange an, wie es eben anhält. Danach bin ich wieder auf mich und meine Beziehung zu meinen Bedürfnissen gestellt. Und wenn es daran hapert, kann es sein, dass ich mich in ganz unangenehme Forderungsspielchen verstricke, um nur nicht wieder auf mich zurückzufallen.

Eine Art und Weise, der Schönheit und Unschuld von Bedürfnissen auf die Spur zu kommen ist nach Erinnerungen zu fragen, bei denen diese Bedürfnisse erfüllt waren. Wie fühlt sich der Zustand an? Was ist passiert? Wie ging es mir und den Menschen um mich herum damit? Eine andere Art wäre der „Beauty of Needs“-Übung von Robert Gonzales, die darin besteht, sich ein Bedürfnis auszusuchen, sagen wir Nähe, und sich von einem Freund oder Vertrauten fragen zu lassen „Wie lebt Nähe gerade in Dir?“ und einfach zu erzählen, für mindestens 15 Minuten. Ich find erstaunlich, was dabei passieren kann!

Genau diese Fragen hab ich auch Katharina gestellt und sie erzählen lassen, was sie sich wünscht und wie sie das schon mal erlebt hat. Sie fand für sich den Ausdruck „Ich möchte einfach mal so lange Sex haben, bis ich wirklich satt bin!“ Und sie strahlte, als sie das sagte. Dieser Gesichtsausdruck überzeugte mich davon, dass sie wirklich spüren konnte, was an ihrem Wunsch schön und unschuldig ist, dass dafür Platz ist, dass er auch anderen Menschen Freude bereiten kann, wenn es passt. Und damit war jeder Hauch von „Bedürftigkeit“ verschwunden.

Natürlich freut es mich sehr, dass Katharina schon am nächsten Tag zu mir kam und berichtete, genau das, was sie sich wünschte, sei eingetreten. Sie sah sehr vergnügt aus und dankbar für die Einfühlung. Das wird natürlich längst nicht immer so sein, denn da gehören auch andere Faktoren zu. Aber Kontakt zur Schönheit der eigenen Bedürfnisse zu haben hat eine Menge Macht, Dinge in Bewegung zu bringen, weil es einfach Spaß macht, darauf einzugehen. Und ich hoffe, ich konnte euch einige der Vorbedingungen für diesen Selbstkontakt aufzeigen.

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2 responses

3 07 2013
moookie

Schon vor ’ner Weile bin ich auf diesen Blog gestoßen und habe mich eben, als das Thema in mir lebendig geworden ist, an ihn erinnert.
Als ich den Artikel erneut zu lesen begann, hab ich gemerkt, wie mir plötzlich das Herz aufging und ich das erste Mal so bewusst im Körper spüren konnte, wie schön es ist Bedürfnisse zu haben.
Lieber Niklas, ich danke dir für’s Teilen deiner Selbsterfahrung, das ist mir gerade ein riesen Geschenk!!
Moookie

10 07 2013
Christopher

Bedürftigkeit und Kind…..
Ich hab mir vor einiger Zeit auch Gedanken um Bedürftigkeit gemacht – und gemerkt, dass ich Bedürftigkeit sehr schnell oder sogar ausschliesslich mit Kind sein verbinde.
Kinder sind bedürftig und dürfen das auch sein – Erwachsene nicht.
In esoterischen Kreisen wird man – vor allem in Beziehungen – umgehend damit konfrontiert, dass die Bedürftigkeit mit dem inneren Kind zu tun habe, um das man sich gefälligst selbst zu kümmern hat……
Und es sind ja meist auch Wünsche, die wir schon als Kind haben:
Angenommen sein, gesehen werden, verstanden werden, in den Arm genommen werden, beschützt werden und Weitere.
Es scheint einen allgemeinen Konsens zu geben, dass ich nicht erwachsen bin, wenn ich bedürftig bin. Entsprechend hat sich daraus eine Kultur des bedürfnislosen Erwachsenen entwickelt, der immer neue Beweise braucht und erbringen muss, dass er über den Bedürfnissen steht und wenn schon, diese mehr als gut selbst erfüllen kann.
Gerade Männer sind da richtig dran.
Bedürftiger Mann??? Auweia…….
Ich bin darauf gekommen, dass ich es mir erlauben kann, als erwachsener Mann zu meinen Bedürfnissen zu stehen. Das es wirklich erwachsen und männlich ist, verantwortungsvoll mit ihnen umzugehen.
Das muss neu gelernt werden und ist nicht unbedingt leicht. Und natürlich ist es in einer Beziehung keine gute Idee, den Partner für seine Bedürfnisse zuständig zu machen! Und natürlich auch sonst niemanden.
Aber wir sind Menschen und haben Bedürfnisse und das ist völlig ok.
Wie schön und befreiend, wenn wir uns trauen, uns damit zu zeigen und uns trauen, jemandem sein Bedürfnis auch mal zu erfüllen. Da kann echte Heilung stattfinden und die Bedürfnisse laufen weniger Amok.
Trauen wir uns !?
Christopher

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