Empathie „geben“

22 02 2012

Vor kurzem erst hab ich angefangen, meine Formulierung im Umgang mit Empathie zu ändern. Mir ist nämlich aufgefallen, dass ich immer dann, wenn ich sage, ich GEBE jemandem Empathie oder habe Empathie FÜR jemanden, davon ausgehe, dass es ein Geschenk für den anderen ist. Das impliziert, dass jemand anderem Empathie zu geben mir im Prinzip nur dann etwas bringt, wenn ich gerade beitragen will. Und ich hab gemerkt, dass es mir in allen Momenten, wo ich mich gerade angespannt fühle, Angst hab, fürchte, zu wenig auf mich Acht zu geben oder keine klaren Grenzen zu haben, die Kehle zudrückt daran zu denken, auch noch jemandem Empathie zu geben. Dann kommen Gedanken wie „Ich hab doch schon so wenig, jetzt kann ich doch nicht noch Empathie abgeben.“ Oder, „jetzt hab ich Dir so viel Empathie gegeben, jetzt will ich Ausgleich!“ Manchmal mag es ja sein, dass ich gerade einfach nur Raum brauche, um mich selbst wieder zu spüren, aber ich fürchte, die Formulierung verschleiert einige Möglichkeiten, wie Empathie mir dient, wenn ich sie auf andere anwende.

Ich erinnere mich an eine spannende Unterhaltung bei einer Mitfahrgelegenheit zum Thema Strafrecht, bei der eine Mitfahrerin fragte, ob es nicht manchmal Täter gebe, die kein Verständnis verdient hätten. Ein anderer Mitfahrer antwortete darauf, dass diese Frage keinen Sinn hätte, wenn man eigentlich an der Wahrheit interessiert ist, also der Perspektive des Täters als Teil der Gesamtwahrheit einer Situation. Die Frage nach dem Verdienen impliziert, dass Verständnis/Empathie etwas ist, was wir jemandem zur Belohnung geben oder um das wir handeln oder feilschen könnten – also etwas, was wir verdienen können, bzw. auf das wir ein Recht hätten oder unser Recht verlieren können. Aber wenn ich eigentlich wissen will, was wirklich los ist, was tatsächlich passiert ist und wie ich mir eine Handlung als menschlich erklären kann, so dass ich auch menschlich mit ihr umgehen kann, dann tu ich gut daran, sie zu verstehen. Das heißt, Empathie dient dann der Wahrheitsfindung, trägt zu meiner Klarheit bei, die mir dann wiederum erlaubt in Integrität mit meinen Werten zu handeln. Hätte ich in dem Moment die Frage, ob jemand, den ich verstehen will, das Verständnis auch verdient hätte, würde ich auf die Weise meiner eigenen Klarheit und Integrität im Wege stehen.

Ich kenne außerdem Momente, wo ich Angst vor jemandem habe und mich deswegen nicht traue, in Kontakt zu gehen oder um etwas zu bitten. Wenn ich mich dann in den anderen einfühle, merke ich in der Regel, dass ich vor einer Karikatur des anderen Angst habe. Die könnte z.B. so aussehen, dass ich denke „Wenn ich sie/ihn damit konfrontiere, tickt er/sie aus. Er/sie ist einfach nicht so belastbar.“ Mich in den Menschen einzufühlen, ändert mein Bild, z.B. in „Ich vermute, dass er/sie Beachtung für seine/ihre Bedürfnisse möchte, bevor er/sie bereit ist, auch meine Bedürfnisse mit ein zu beziehen.“ Und auf die Weise gewinne ich Mut, es doch zu versuchen.

Oder ich erinnere mich an einen Nachmittag in einem Café in der Stadt, an dem ich rund eine Stunde damit verbracht habe, die Fremden, die in diesem Café um mich herum saßen zu betrachten und mich in sie einzufühlen. Nach einer kurzen Weile, öffnete sich mein Herz und ich bekam Tränen in den Augen von all der Schönheit. Mich einzufühlen hat an dem Punkt meine Bedürfnisse nach Gemeinschaft und Verbindung erfüllt, ohne dass ich auch nur für einen Moment den Eindruck hatte, ich würde etwas geben, wofür ich etwas zurück bekommen will. Wenn ich also wirklich an Wahrheit und Kontakt interessiert bin, blockiert mich diese Waren-Vorstellung von Empathie auf tragische Weise.

Abgesehen davon, dass sie meine Freiheit beschränkt, in jedem Moment das zu tun, was mir gut tut, gibt diese Vorstellung auch nicht wieder, was genau bei Einfühlung passiert, wenn sie tatsächlich als Beitrag gedacht ist. In meiner Geschichte mit der Gewaltfreien Kommunikation gab es einen Punkt, an dem ich gemerkt habe, dass ich angespannt wurde, nachdem mir gerade eine Menge einfühlsame Aufmerksamkeit entgegen gebracht wurde. Ich hatte die Befürchtung, dass ich, um stabil in diesem Zustand von Freude, Gerührtheit und innerem Frieden bleiben zu können, von nun an ständige Aufmerksamkeit von anderen bräuchte – und das würde ja nun wirklich niemandem mehr Spaß machen. Es hat eine Weile gebraucht, bis ich das so umdeuten konnte, dass meine eigene Verantwortung und damit auch Macht über meinen Zustand sichtbar wurde. Heute nutze ich einfühlsame Aufmerksamkeit als Hilfe und Unterstützung dafür, selbst in einen einfühlsamen Kontakt mit mir zu kommen. Für mein eigenes Bedürfnis nach Einfühlung und Kontakt zu mir selbst ist es unerheblich, wie einfühlsam andere mit mir sind, wenn ich die Einfühlung nicht für mich nutzen und auf mich anwenden kann. Von daher nenne ich heute das, was andere da für mich tun können, Unterstützung für Selbsteinfühlung. Mir geht es wesentlich besser damit, weil auf die Weise die Verantwortung klar bleibt.

Aus diesen Überlegungen heraus wähle ich inzwischen andere Formulierungen. Ich vermeide die Vorstellung, Einfühlung oder Empathie zu „geben“ oder für jemanden zu haben und spreche stattdessen davon, mich IN jemanden einzufühlen. So sag ich im Prinzip nur etwas über den Fokus meiner Aufmerksamkeit aus und nichts darüber, welches Ziel ich damit habe. Das befreit mich, Einfühlung auch für die oben genannten Bedürfnisse einzusetzen. Wenn ich das Ziel habe zum Wohlergehen und Wachstum meines Gegenüber beizutragen, unterstütze ich seine/ihre Selbsteinfühlung, indem ich meine Aufmerksamkeit auf Gefühle und Bedürfnisse richte und berichte, was ich dort vermute.

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Gegenwärtigkeit

28 11 2011

Einer der praktischen Impulse, die ich aus meiner (im letzten Artikel erwähnten) ersten Woche der Therapieausbildung im ZIST mitgenommen habe, ist das „Hier-und-jetzt“-Spiel. Ich habe es seitdem auch außerhalb mit Freunden ausprobiert und habe dabei wertvolle Erkenntnisse gesammelt, die mir immer wieder Freude machen.

Das Spiel ist im Prinzip eine Übung in Gegenwärtigkeit und Präsenz. Die Regeln sind folgende: Jeder Satz beginnt mit „Hier und jetzt“. Also „Hier und jetzt sitze ich an meinem Schreibtisch und verfolge, wie meine Hände diesen Satz tippen.“ Nicht erlaubt sind Hilfsverben wie sein, haben, müssen, sollen und versuchen. Außerdem ist vernichtende Sprache nicht erlaubt, das heißt, immer wenn ich drauf und dran bin zu sagen, was nicht ist, stoppe ich mich und sage was stattdessen ist. Ich sag also nicht „Hier und jetzt fühl ich mich nicht wohl.“ sondern „Hier und jetzt fühl ich mich angespannt.“ Vergangenheit drücke ich mit „Hier und jetzt erinnere ich mich daran, dass…“ aus und Zukunft mit „Hier und jetzt stelle ich mir vor, dass…“ Auf die Weise mach ich klar, dass alles im hier und jetzt stattfindet und auch, dass ich wähle, mich zu erinnern oder mir vorzustellen – ich bin damit kein Opfer von Vergangenheit oder Zukunft, sondern verantwortlich für die Gegenwart.

Was dann zwischen zwei Menschen passiert, die das miteinander machen… nun ja, bei mir war es bisher sehr unterschiedlich. Mit ziemlicher Garantie kann ich sagen: Es passiert etwas Neues, etwas, das in der Routine der Kontaktgewohnheiten nicht vorkommt. Eine Sache, die ich auf die Weise sehr schnell merke ist, wie oft ich im Gespräch damit beschäftigt bin, bestätigende und ermutigende Reaktionen wie das typisch therapeutische „hm“ und „ja“ zu geben – auch wenn mich das vom anderen angesprochene Thema vielleicht gar nicht so anspricht. Oder positiv formuliert: Auch wenn ich mich angespannt fühle und meine Aufmerksamkeit ganz bei einem anderen Thema ist. Im Rahmen dieses Spiels hab ich’s jetzt so erlebt, dass ich das dann sagen konnte. Das ist erstmal komisch, weil der Gesprächsfluss fehlt und es wirkt, als würden die zwei Leute nicht miteinander reden. Aber in den Fällen, wo das so war, gab es früher oder später dann doch Interesse und Neugierde als Reaktion und ein Aufeinander-Einschwingen. Ein Freund bemerkte, dass man mit diesen Regeln weniger versucht ist, Geschichten zu erzählen, deren aktuelle Relevanz nicht klar ist, einfach weil es darauf weniger oder kaum Interesse gibt. Erst mit dem Bewusstsein, was es Hier und Jetzt bedeutet, mich an eine Geschichte zu erinnern, bekommt sie Lebendigkeit im Kontakt.

Ich freu mich sehr über den Rahmen, indem ich ehrlicher damit bin, was mich interessiert und was nicht. Und auch die erhöhte Wahrscheinlichkeit, diese Ehrlichkeit von meinem Gegenüber zu bekommen, freut mich und find ich aufregend. In zwei Fällen lief es sogar so, dass das Spiel mich und mein Gegenüber so in die Gegenwart gebracht hat, dass ich die Form nach einer Weile hinderlich fand und einfach jeder Satz nur so fließen konnte.

Ich erinnere mich an zwei Male, die mit mehr Anspannung verknüpft waren. Bei beiden lief es nicht so richtig, das heißt, ich hab was von mir mitgeteilt und als Antwort kamen Fragen. Im Gespräch darüber kam heraus, dass mein Gegenüber Bestätigung von mir wollte und überprüft hat, was sicher wäre , zu sagen oder worüber er/sie lieber den Mund halten will. Ich erinnere mich, wie bei mir alles eng wurde und ich am liebsten weg wollte. Daraus schließe ich, dass die ehrliche Reaktion eine Energieform ist, oder jedenfalls merke ich, dass ich sehr schnell müde und erschöpft werde, wenn ich im Kontakt keine Impulse beim anderen wahrnehme oder wahrnehmen darf. Das ist wie allein im Regen stehen und Wärme-Energie abzugeben, aber keine zurück zu bekommen: es wird nach einer Weile sehr kalt.

Außerdem hab ich erlebt, wie sich Leute gegen die Form und die Regeln gewehrt haben. Das bedauer ich, weil ich finde, dass die Form einen Rahmen für etwas bietet, was ich sonst nicht so häufig erlebe. Und dafür lohnt sich der Aufwand, meiner Einschätzung nach.

Ich mag euch alle auffordern, das mal mit einem guten Freund, einer guten Freundin auszuprobieren und mir dann zu schreiben wie es war!





Beachtung

28 11 2011

Seit Anfang November bin ich endlich weiter auf meinem Weg und lasse mich am ZIST bei Wolf Büntig zum psychologischen Psychotherapeuten ausbilden. Ich freu mich sehr darüber, weil ich zuversichtlich bin, dort mehr von dem zu lernen, was ich schon jetzt am besten kann. Und weil ich so auch unter Leute komme, die meinen Weg teilen. Theorie (mit viel Selbsterfahrung) bekomme ich in Wochenblöcken vermittelt, 30 über insgesamt 5 Jahre, also 6 im Jahr. Aus dem ersten Block, der jetzt gut drei Wochen her ist, gehen mir mehrere Dinge in Herz und Kopf herum, deren Wert ich heute und in den letzten Tagen erneut gespürt habe und von denen ich erzählen möchte.

Eines von diesen Dingen ist das Thema Beachtung. Damit meine ich das Bedürfnis, gesehen zu werden, zu zählen, wahrgenommen zu werden. Ein Bedürfnis, dessen Erfüllung wohl ebenso lebenswichtig ist, wie die Erfüllung von Nahrung, Luft, Schlaf und Unterkunft. Das heißt, wird es nicht erfüllt, wird der oder die Betreffende krank und stirbt. Das klingt drastisch, aber ich glaub, dass eine Menge des Schmerzes, den Menschen miteinander haben, von diesem Bedürfnis abhängig ist. Und wenn das gänzlich fehlt, hören Leute z.B. auf zu essen (und zu wachsen, im Fall von Kindern), ziehen sich zurück, verlieren den Mut, etwas für sich zu tun und gehen dann daran zugrunde. Wolf Büntig hat hier einige der Phänomene, die mit Beachtung zu tun haben, beschrieben.

Aktuell freut mich das Thema, weil ich bei Wolfs morgendlicher Inspiration zum stillen Sitzen zum ersten Mal Beachtung mit dem Bemerken meines Atems und der Erde unter meinen Füßen, Beinen, Hintern in Zusammenhang gebracht habe. Stilles Sitzen (Meditation) praktiziere ich schon eine Weile, aber wenn ich ehrlich bin, hatte ich bei der Instruktion, mich auf den Atem zu konzentrieren immer auch die Frage „Und was soll das bringen?“ Ich hab’s gemacht, aber auch eher mit der angespannten Erwartung, jetzt müsste doch auch was passieren. Wenn ich mich dann meinen Gefühlen und Bedürfnissen zugewandt habe, die ich hinter meinen Vorbeiziehenden Gedanken vermute, dachte ich immer, tu ich eigentlich was anderes, als was erwartet wird – und damit fühl ich mich in der Regel angespannt, weil ich ja mitbekommen will, worauf es eigentlich ankommt.

Ich hab in den Wochen seit dem ersten Block viel geübt und merke, wie gut es mir tut, durch den Atem zu bemerken, dass ich da bin. Einfach nur, dass ich da bin – ohne Frage ob das geht, oder mir das jemand erlaubt oder ob ich das verdient hätte. Darüber freue ich mich total! Und ich freu mich auch, wenn ich mich daran erinnere, wie dieses Bewusstsein bestimmte Gespräche erleichtert hat, in denen ich Beachtung vom anderen wollte, um mich sicher genug zu fühlen, etwas von mir preis zu geben. Statt das heimlich und manipulativ zu versuchen, hab ich zunächst mal nur auf den Atem gehört und gemerkt, dass ich da bin. Und damit kamen  Entspannung und Mut, mich zu zeigen.

Außerdem bin ich heute mal ohne Musik laufen gegangen und hab mir einfach Beachtung geschenkt, dem Atem zugehört, die Muskeln gespürt und meine Freude am blauen Himmel und der Sonne, die sich in dieser Jahreszeit kaum noch zeigt (vor allem tendenziellen Nachtmenschen wie mir nicht). Und das hat so gut getan! Ich erinnere mich, wie ich mich einfach nur gefreut habe und damit das Laufen und die körperliche Beanspruchung auch echt angenehm wurden.

Ein anderer Punkt aus den Morgenmeditationen, den Wolf auch erläutert hat und die mich heut noch freut, ist das Verbeugen vor und nach dem Sitzen. Ich erinnere mich, wie Wolf sagte, dass das Verbeugen gut täte, weil es eine Geste der Anerkennung von etwas größerem Ganzen sei, das uns halten und Geborgenheit spenden könne. Ich hatte das nie so gesehen, wahrscheinlich vor dem Hintergrund, dass vieles im Leben, das zunächst hält, nach einiger Zeit zu eng und zur Last wird. Und dieser Kampf, mich daraus zu befreien war zuweilen sehr anstrengend und leidvoll. Aber dass das so ist bedeutet, nicht, dass ich aufhöre Halt zu brauchen und Geborgenheit zu wollen. Die Frage bleibt nur, wo das in Freiheit geht. Und ich fühl mich dankbar für die Inspiration, weil ich hier Zuversicht fühle, dass der Himmel, der Geist, das Bewusstsein, Gott, Buddha, der Weg (Tao) wahrscheinlich groß genug für mich sind 😉

Schließlich erinnere ich mich noch daran, dass laut Wolf die Verbeugung auch eine Geste der Anerkennung vor dem großen Vorhaben ist, im hier und jetzt zu verweilen. Dazu mehr im nächsten Artikel.





Das Wunder der Empathie

20 08 2011

Immer wieder freue ich mich und staune ich über das Wunder der Empathie. Wenn ich den Begriff erklären soll, bin ich regelmäßig überwältigt von der Fülle an Bedeutungen und Definitionen, die ich von anderen gehört habe, von daher lasse ich das jetzt mal beiseite. Stattdessen möchte ich mich der Bedeutung widmen, die Empathie bisher in meinem Leben bekommen hat.

Für mich bedeutet Empathie ein Licht in der Dunkelheit, ein Weg, der mich zum Göttlichen in mir und anderen führt, wenn ich es (wieder einmal) vergessen oder übersehen habe. Ich habe ein paar richtig, richtig tiefe Erlebnisse mit Menschen in meinem Leben gehabt, in denen Empathie so einen enormen Unterschied bewirkt hat, dass ich gar nicht wüsste, wo ich heute stünde, hätte ich dieses Glück nicht gehabt. Mein erstes Erlebnis z.B. hat mich aus der heftigsten Panik nach dem Ende einer vierjährigen Partnerschaft in einen Zustand ziemlicher Ruhe und ziemlichen Friedens gebracht. Ich rief damals einen Bekannten (und heutigen Freund) aus der Szene der Gewaltfreien Kommunikation an, der mir für etwa eine Stunde zuhörte, Ich erzählte ihm, was geschehen war und wie furchtbar weh das tat. Und er hörte nicht nur zu, sondern das Besondere lag in der Qualität seiner Aufmerksamkeit. Er achtete darauf, dass ich Raum bekomme, vollständig zu fühlen, was an Gefühlen gerade durch mich durch stürmte. Wie ein Wind, der dem Segelschiff meiner inneren Erforschung Schub und Kraft verleiht, ohne selbst den Kurs zu bestimmen oder gewaltsam das Ruder herumzureißen. Auf diese Weise konnte ich meine Angst entspannen, mit den Gefühlen und der Hilflosigkeit alleine zu sein, sollte ich sie ganz an mich heranlassen. Das alleine ist mir schon unbeschreiblich viel wert, weiß ich doch nicht, wie menschliche Verbindung intensiver sein kann, als wenn ich voll bei meinen Gefühlen bin, während ich mich damit jemand anderem gegenüber öffne.

Im Rahmen dieser Verbindung verknüpfte er meine Gefühle mit meinen Absichten, Sehnsüchten, Bedürfnissen und Herzenswünschen. Das heißt, er hat den Gefühlen einen Boden gegeben, eine Richtung und einen Sinn – wie z.B. als es um meine Panik ging und er fragte, ob ich Angst habe, weil ich mir Geborgenheit, Liebe und Anbindung an andere Menschen in meinem Leben wünsche. Auf die Weise konnte ich spüren, welchen Sinn meine Angst hatte, welche Schönheit sie zu schützen versuchte. Es ziemlich schwierig, Panik zu haben UND in Kontakt mit der Schönheit von Dingen wie Geborgenheit, Liebe und Anbindung zu sein. Stattdessen stellte sich zunächst ein süßer, fließender Schmerz ein, ein Trauern und Bedauern um die vergehende Gelegenheit, die Erfüllung der Sehnsucht greifbar und jetzt zu erleben. Und im Kontakt mit der darunter liegenden Sehnsucht keimte gleichzeitig Hoffnung auf neue Möglichkeiten auf. Nach einer kurzen Weile gab es Frieden.

Ich glaube am heilendsten aber war, wie er meine Sehnsucht, Kontakt zu meiner damaligen schon-fast-Ex-Freundin herzustellen, die gerade Raum für sich brauchte, verstanden und gehalten hat. Er sagte mir nicht, dass sie jetzt Recht auf Ruhe hätte, oder dass es die Sache nur schlimmer machen würde, wenn ich ihren Wunsch nach Ruhe nicht respektierte. Nein, er fragte mich, ob ich gerade so verzweifelt sei, weil ich sie aus ganzem Herzen liebte und mir so wünschte, ich könnte diese Liebe auf eine Weise ausdrücken, die sie annehmen und verstehen könnte. Eine Weise, die sie nicht bedrohen würde, sondern nähren könnte. Diese Möglichkeit war über all den Streit, den Frust, die Verletzungen und die Enttäuschungen so verschüttet worden, dass ich den Glauben an meine aufrichtige Liebe verloren hatte. Und hier saß ich nun und bekam diese Frage gestellt… eine Frage, die die Welt bedeutet, wenn man keine Ahnung mehr hat, wo in all diesem Schlamassel die Liebe geblieben ist. Und eine Frage, die Hoffnung, Erleichterung und Mut gab, weil sie mir das Vertrauen in mein Herz zurückgab.

Der Zustand des Friedens hielt nach diesem Gespräch ein paar Tage an und wurde dann erneut herausgefordert. Und das seitdem viele Male. Auch habe ich schon Schwierigkeiten gehabt, Empathie anzunehmen, weil ich in meiner Orientierungslosigkeit manchmal ganz schön abhängig davon werden kann, dass jemand anderes errät, wie es mir geht. Und es gefällt mir gar nicht, wenn ich das nicht selbst auch hinbekomme. (Das Problem habe ich auch einigermaßen aufgelöst, gehe aber lieber an anderer Stelle darauf ein.) Jedoch die Möglichkeit, Empathie zu bekommen, wenn ich mal wieder im Nebel der Unklarheit umherwandere, hat mein Leben ein ordentliches Stück reicher, intensiver und klarer gemacht. Ich weiß z.B., wenn ich keine Ahnung habe, was mir gerade gut täte, dass es eine ordentliche Prise Empathie meist ganz gut trifft.

Aus der Dankbarkeit für die wiederholten Erfahrungen, die ich seitdem in meinem Leben mit Empathie gemacht habe, habe ich eine Menge Freude daran, denselben Raum auch anderen zu bieten. Ich liebe es, wenn aus dem Wust von Unklarheit und vielen verschiedenen Aspekten einer Situation langsam eine klare Herzensrichtung, eine tief gefühlte Sehnsucht, ein kostbares Bedürfnis zum Vorschein kommt. Meist erlebe ich durch den anderen dabei dieselbe Klärung wie derjenige, der durch den Prozess geht. Und es entsteht eine Art heiliger Raum, in dem nur die Frage gilt, was gerade für denjenigen wahr ist, auf den die empathische Aufmerksamkeit gerichtet ist. Aus diesem Raum heraus können dann klare und kraftvolle Entscheidungen getroffen, Verluste losgelassen und neue Möglichkeiten entdeckt werden.

Ich hoffe die Bedeutung, die Empathie für mich hat, ist hiermit deutlich geworden. Da ich auch gern aktiv etwas dafür tun möchte, dass es mehr Empathie in der Welt gibt, werden an der rechten Seite oben meine Kontaktdaten angezeigt. Wer neugierig ist oder schon eine Vorstellung vom Genuss der Empathie hat, kann sich gerne bei mir melden. Ich freue mich darauf und bin gespannt! 🙂





Ein Wort zur Theorie

2 08 2011

Es gab eine Zeit, da ich von einigen Menschen gespiegelt bekommen habe, ich sei „sehr im Kopf“, wenn ich rede. Das zu hören hat mich für gewöhnlich furchtbar aufgeregt, weil ich so gar nichts damit anfangen konnte und dieses „Du bist ZU sehr… was auch immer“ ja irgendwie impliziert, dass mit mir etwas nicht stimmt. „Ja, was soll ich denn sonst sein?!?“ war üblicherweise meine erste Reaktion. Ich bin auch heute noch ärgerlich darüber, dass ich selbst herausfinden musste, was dieser Satz bedeuten könnte, aber was sich als relativ klar herausgestellt hat ist folgende Übersetzung: „Wenn ich Dich über diese Theorie/diesen Gedanken reden höre werde ich unruhig und ein wenig ungeduldig. Ich bin sicher, dass Du mir damit irgendetwas persönlich Relevantes mitteilen willst, aber ich krieg’s nicht zu fassen. Ich würde gerne hören, was Du willst, was Du Dir wünschst, wie man Dir entgegen kommen kann, so dass ich Dich als Mensch erspüren kann.“

Seitdem ich das weiß, achte ich sehr genau darauf, ob, und wenn ja welche, persönliche Relevanz meine Gedanken haben und ob sie zur Verbindung mit anderen Menschen beitragen. Ich werde z.B. sehr unruhig, wenn ich von einer Theorie erzähle, die mich irgendwie fasziniert, ich aber nicht so recht sagen kann, warum das jetzt gerade für den Kontakt mit meinem Gegenüber wichtig ist. Genauso unruhig werde ich, wenn jemand anderes das tut und ich ihn nicht zu fassen bekomme. Ich werde unruhig, weil ich ja selber möchte, dass das Gespräch auf effiziente Weise zur Verbindung beiträgt. Und wenn ich ehrlich bin, sind Theorien, von denen ich erzähle, meist Stellvertreter, für eine Erfahrung, die mit dieser Theorie eine Legitimation bekommen hat. Ein witziges Beispiel ist, wie ich mit einer Frau unterwegs war, die ich sexuell attraktiv fand und mit der ich, statt von meinen Wünschen zu sprechen, eine theoretische Unterhaltung über Sex angefangen habe. Alles in der Hoffnung, sie möge doch von selbst auf diese Bedeutung kommen und mir die Unsicherheit ersparen, die volle Verantwortung für meinen Wunsch zu übernehmen und dann nicht zu bekommen, was ich will.

Vor dem Hintergrund verstehe ich die Aussage „Du bist mir zu sehr im Kopf.“ auch als „Du brauchst keine Legitimation um mir zu sagen, was Du willst und brauchst. Ich würde es gerne einfach von Dir direkt erfahren.“ Ich habe eine Weile gebraucht, bevor ich dem trauen konnte, aber jetzt bin ich sehr froh, dass ich schon seit einigen Jahren niemanden mehr habe sagen hören, ich sei ihm zu sehr im Kopf.

Ein Erlebnis, was mir diesen Zusammenhang zwischen Gedanken und Verbindung sehr deutlich gemacht hat, fand im Rahmen einer Mailingliste zur Gewaltfreien Kommunikation statt. Dort habe ich vor etwa 2 1/2 Jahren einen Beitrag zum Thema „Mann, das entbehrliche Geschlecht“ geschrieben, ein Thema was ich auch hier behandelt habe. Ich war so begeistert davon, dass ein gewisser Warren Farrell sich der unbewussten Rollendynamik von Männern angenommen und darüber Bücher geschrieben hat – eine Sache, die es für Frauen schon eine ganze Weile gibt, bei der die Männer aber unterrepräsentiert sind. Ich bin mit der Diskussion in der Mailingliste nicht weit gekommen, sondern wurde schnell gefragt, was denn meine eigenen Erfahrungen mit dem Thema seien. Da fiel mir eine schmerzhafte Unterhaltung mit meiner früheren Partnerin ein, in der wir einander überhaupt nicht verstanden haben, sondern ihre Wut darüber, nicht ihren Weg als Frau so gehen zu können, wie sie gerne würde, zu einem Vorwurf an mich als Mann wurde. Jedenfalls hab ich das so aufgefasst. Und dann von Warren Farrell zu lesen, der die Ohnmacht von Männern in einer Rolle, die nicht selbst gewählt ist, beschreibt und ihr eine Stimme gibt, erleichtert und freut mich enorm, da es mich ermächtigt der Wut der Frau als ganzer Mann entgegen zu treten, sie hören zu können, ohne mich dann selbst zu verraten. Meine persönliche Öffnung wurde in der Mailingliste sehr begrüßt und ich habe gemerkt, dass ich damit eigentlich das Wesentliche gesagt hatte. Eine weitere Debatte darüber, inwiefern das nun stimmt, was Farrell schreibt und ob’s auch Gegenargumente gibt, war einfach nicht mehr interessant.

In diesem Sinne fordere ich euch auch zu einer Kultur auf, in der ihr schaut, inwiefern eure Gedanken mit eurem direkten Erleben in Verbindung stehen. Für welche Werte und Bedürfnisse treten sie ein? Was wollen sie sichtbar machen? Meine Erfahrung ist es, dass sich Debatten, Gespräche und Austausch viel lebendiger anfühlen, wenn diese Fragen im Fokus sind. Stellt euch vor, Politiker, Professoren und andere Experten würden über wichtige Sachfragen in der Welt auf diese Weise debattieren! Also immer mit Bezug zu direkt Erlebtem, statt auf die Frage hin, wer nun Recht hat. Was wäre das für eine Erleichterung!





Emotionale Sicherheit

29 06 2010
In der Szene der Leute, die die Gewaltfreie Kommunikation lernen hab ich schon öfter gehört, wie verschiedene Bedürfnisse diskutiert werden. Also diskutiert wird, ob ein bestimmter Begriff auch wirklich auf ein Bedürfnis verweist, oder vielleicht auch auf eine Strategie. Da geht es dann um Bedürfnisse wie z.B. Sex, Kontrolle, Macht und (emotionale) Sicherheit. Da diese Unterscheidung zwischen Bedürfnis und Strategie oft ziemlichen Einfluss darauf hat, ob und wie leicht sich Konflikte lösen lassen, kann ich gut verstehen, dass das interessant ist. Ich glaub aber, dass es letztlich nicht so wichtig ist, weil das, was jemand mit den Worten meint, von Situation zu Situation so unterschiedlich sein kann, dass die allgemeinen Definitionen (an die sich sowieso keiner hält) nur begrenzten Nutzen haben.
Ich mag trotzdem über den Begriff der emotionalen Sicherheit etwas schreiben. Bis vor einiger Zeit hat mir das gar nicht viel gesagt. Ich dachte, emotionale Sicherheit… das heißt doch, dass andere Leute sich nett und freundlich mir gegenüber verhalten sollen. Und in meiner desillusionierten Weltsicht, hab ich nicht damit gerechnet, dass jemand das vielleicht wirklich von Herzen will. Von daher kam es mir sehr abhängig vor, emotionale Sicherheit zu wollen. Z.B. von meiner Partnerin. Konkret heißt das da ja oft, dass sie keine anderen Männer toll finden soll. Oder dass sie mich nicht kritisieren soll. Oder dass sie immer bereit sein soll, mit mir ins Bett zu gehen. Passiert das nicht, bin ich sauer, oder enttäuscht, traurig, bis hin zu verletzt. Das gefällt mir nicht. Ich hab keine Lust darauf, also brauch ich Sicherheit davor. Das ist dann emotionale Sicherheit. Klingt großartig… aber die Frau, die das mitmacht und gleichzeitig vor Lebendigkeit sprüht hab ich noch nicht gefunden. Ist emotionale Sicherheit also ein Bedürfnis? Nein, dachte ich. So blöd kann die Natur (oder was auch immer sonst) das doch nicht eingerichtet haben.
Aber emotionale Sicherheit drückt ja eigentlich noch nicht viel mehr aus als eine gefühlte Qualität. Ich fühl mich emotional sicher, wenn ich innerlich ruhig bin, in Frieden und stabil, mich nichts so leicht aus der Bahn werfen kann. Und wenn doch, dann find ich das Gleichgewicht schnell wieder. Die Verhaltensweisen (und Personen, die sie ausführen), die dazu führen, dass ich mich so fühle, können aber ganz schön verschieden sein. Was ich gerade beschrieben hab, ist also eine Strategie. Genau gesagt heißt die: mir ’ne Frau suchen, die immer so ist, dass ich ohne eigenes Zutun stabil und bestätigt bleibe. Oder auch nur mit Leuten verkehren, die mich nicht herausfordern, sondern entweder zustimmen oder schweigen (ohne dass ich es merke). Wenn mir diese Strategien nicht gefallen, muss das ja noch lange nicht heißen, dass es kein Bedürfnis nach emotionaler Sicherheit gibt… oder dass mir das nicht gefallen würde… so als Lebensqualität.
Was kann man also sonst tun? Ich bekam kürzlich über den ngfk-Yahoo-Verteiler eine Mail, in der Gabriele aus Gerlinde Fritschs Buch „Praktische Hilfe zur Selbst-Empathie“ zitierte. Dieses Zitat geb ich euch jetzt mit freundlichen Dank an Gabriele weiter.
Bedürfnisse erfüllen:
Emotionale Sicherheit
Aus: Praktische Selbst-Empathie von Gerlinde Fritsch (gekürzt)

° In guter Verbindung stehen zu meinen Gefühlen und Bedürfnissen- in jedem Moment
° Loyalität gegenüber Abwesenden zeigen
° Auf meine innere Stimme (Intuition), das „komische“ leise Gefühl achten und ernst nehmen
° mich mitteilen, wenn ich traurig oder besorgt bin
° mich nicht darauf verlassen(= Sicherheit deligieren), dass andere mich gut behandeln, sondern mich selber gut behandeln, indem ich auf meine Bedürfnisse achte
° weil andere keine Gedanken lesen können: meine Bedürfnisse und Bitten mitteilen
° anderen konkret mitteilen, was sie tun können zur Erfüllung meiner Sicherheit
° selber eine Atmosphäre emotionaler Sicherheit kreieren: mitfühlend reagieren
° langsam, Schritt für Schritt auf andere zugehen
° die Anfangsphase einer neuen Beziehung langsam gestalten
° Abwägen, welche Bedürfnisse durch den Kontakt gestillt werden
° die Konsequenzen meines Handelns abwägen, statt spontan zu reagieren
° mich an meine Werte halten, unabhängig davon, was andere von mir wollen
° auf ein Gleichgewicht von Geben und Nehmen achten
° nur soviel geben, wie für mich stimmig ist
° soviel nehmen, wie für mich stimmig ist
° andere nur mit Erlaubnis berühren und mich nur mit meiner Einverständnis berühren lassen
° NEIN sagen zu Nahrung, Geschenken, Berührungen, Sex, wenn mir nicht danach ist
° auf meine Körpersignale achten: Was sagt mein Körper, wenn ich mit jemandem  zusammen bin? Bin ich entspannt und ruhig? Oder zieht sich etwas in mir zusammen?
° mich mit Menschen umgeben, die mir wohl tun und von denen ich mich nicht bedroht fühle
° anderen Menschen jegliche Macht entziehen, mich demütigen, anklagen oder herabsetzen zu können, indem ich alles was sie sagen, höre als:„ Ich empfinde Schmerz, eines meiner wichtigen Bedürfnisse ist nicht erfüllt. Was brauche ich?“

Die Liste ist sicher erweiterbar… aber ich hab schon mit dem genannten genug zu kämpfen 😉 Schreibt ruhig dazu, wenn euch was einfällt.





Islam und moralischer Relativismus

20 04 2010

Diesen Text hab ich vor etwa einem Jahr geschrieben:

„Ich hab heute eine Reaktion bekommen, mit der ich halb gerechnet hab, die mich aber trotzdem erschreckt. In der StudiVZ-Gruppe „Fragen und Antworten zum Islam“ diskutiere ich mit einem anderen Gruppen-Mitglied zum Thema Aufklärung und ihre Folgen. Heute hab ich festgestellt, dass er meinen letzten Beitrag gelöscht hat. Mir war klar, dass mein Beitrag nicht mit dem Höchsten der Kommunikationskunst entsprach, da ich meinem Gegenüber letztlich sagte, er solle sich klarer ausdrücken und lernen, besser zusammen zu fassen was er meint. Er solle nicht das Opfer spielen.

Dass ich so nicht weiter komme hat etwas für sich, denn ich merke jetzt erst, wie viel Angst ich in der Diskussion habe. Ich hab versucht die Errungenschaften westlichen Gedankenguts (Aufklärung) bewusster zu machen, da sie heute vor dem Hintergrund von Kriegerischen Auseinandersetzungen, Gier und Finanzkrise gerne vergessen werden. Und ich bekomme als Antwort nur eine Erinnerung an Nationalismus, Rassismus, Imperialismus und Materialismus. Was mein Problem damit ist? Rein von der Debatte her zähle ich die Aufklärung immer noch zum Gegenpol dazu. Aber eine Ebene tiefer hab ich Angst die Diskussion zu „verlieren“. Ich hab Angst vor einem Verlust an Freiheit und Integrität. Und das immer, wenn ich mit Muslimen zu tun habe. Ich sehe nicht, wie ich integer und frei bleiben kann, sollten sich muslimische Regeln, wie sie gerne in all ihrer Strenge verstanden werden, durchsetzen. Und ich kann nicht mal genau sagen, welche Regeln. Man kann mir vorwerfen, den Islam nicht genau genug zu kennen. Das ist aber alles egal, denn meine Angst lindert es nicht. Es ist keine Angst vor dem Islam, es ist Angst um meine Integrität und Freiheit. Und die Angst, dass ich mit Muslimen nicht zusammenleben kann, während ich meine Position vertrete und meiner Perspektive auf die Welt eine Stimme geben. Dass die Konsequenz in so einer Gesellschaft der ähneln würde, die ich erlebe, wenn mein Beitrag gelöscht wird: Ohnmacht und Hilflosigkeit, die zunächst mal Wut schürt, hinter der sich wiederum Angst verbirgt.

Wie kann ich auch nur hoffen zu Frieden und Verständigung beizutragen, so lange ich nicht weiß, wie ich auch unter solchen Umständen meinen Sinn für meine Freiheit und Integrität bewahren kann? So lange es wie Verrat an meinen Werten wirkt, wenn ich mich auf die Position der anderen Seite zu bewege? Wie kann ich hoffen, dass andere, die diese Angst mit mir teilen, sich konstruktiv am Dialog der Kulturen beteiligen, wenn ihre Angst nicht gehört wird und ihre Werte der Integrität und Freiheit keinen Platz bekommen?

Barack Obama spricht von einem Empathie-Defizit, einen Mangel der Fähigkeit, eine Weile in jemandes anderen Schuhen zu gehen. Ich glaube, es ist zunächst ein Selbst-Empathie-Defizit. Denn ich kann mich nicht in jemanden hineinversetzen, wenn ich das so erlebe, als gäbe ich mich dabei auf! Als wäre das wie Selbstmord. Und ich sollte mich nicht wundern, wenn andere das auch nicht können. Dafür brauche ich Klarheit über meine Ressourcen, so dass ich großzügig mit meiner Aufmerksamkeit und meinem Verständnis sein kann, ohne dabei zu verlieren, sondern spüren kann, dass ich an Verbindung und Verbundenheit gewinne.“

Ich hab seit damals die Diskussion im StudiVZ-Forum nicht wieder aufgenommen. Ich hatte keine Lust, mich dem wieder auszusetzen. Aber wichtiger ist die Frage, was meine Position eigentlich ist. Henryk M. Broder, der SPIEGEL-Autor, hat sein Buch dazu „Hurra, wir kapitulieren!“ genannt. Damit meint er, dass die Angst, rassistisch zu sein, dazu führt, dass sich westliche Länder in Europa vom moralischen Absolutheitsanspruch des Islams überrollen lassen. Die Angst, als Rassist zu gelten, kenn ich, aber ist die Bedrohung so immanent?

Sam Harris hat in diesem TED-Auftritt dem moralischen Relativismus etwas Prägnantes entgegen gesetzt:

Sein Punkt ist, dass moralische Vorstellungen immer abhängig sind von Annahmen über die Welt, über Menschen und die Konsequenzen von Handlungen. Und dass die Erkenntnisse, die wir durch die wissenschaftliche Methode sammeln, diese Annahmen verändern. Beispielsweise kümmern wir uns nicht um einen Stein wie um eine Katze, da wir annehmen, dass eine Katze ein breiteres Spektrum an Freud und Leid erleben kann, als ein Stein. Basierend auf dieser Annahme, halten wir es für vertretbar, eine Katze zu versorgen und sie nicht gegen die Wand zu schmeißen oder dergleichen. Genau das gleiche gilt für unsere Umgangsregeln mit Menschen. Um das in Kriegsfällen zu umgehen, ist das erste was man braucht, damit Krieg überhaupt stattfinden kann, ein Feindbild, welches den Gegner zu einer leblosen Puppe reduziert. Ab da wird es tragbar, ihn oder sie umzubringen, vorher nicht.

Im Kontakt mit dem Islam seh ich bei mir das größte Problem darin, dass ich genau so einen Maßstab brauche, um meiner Position zu trauen. Also einen Maßstab, von dem ich sage, dass ich ihn universell anwende und das auch vertreten kann, ganz egal, was die kulturelle Zugehörigkeit ist. Diejenigen von euch, die mich kennen, wissen, dass ich durchaus so eine universelle Moral habe, aber es gibt Bereiche, wo ich sie nicht ganz integriert hab. Diese Sache mit dem Islam-Forum von vor einem Jahr, gehört dazu.

Besonders gefallen an Sam Harris‘ Auftritt hat mir der Satz, wer wir denn seien, zu behaupten, wir wüssten nicht genug über das, was Menschen hilft, sich zu entfalten und aufzublühen, dass wir es tolerieren, wenn Frauen (und Männer) in ihrer Ehe geschlagen werden und Väter vor Scham ihre Töchter töten, nachdem diese vergewaltigt wurden. Und ich will das nötige Selbstbewusstsein, um hier eine universelle Grenze zu ziehen, unterstützen.