Das Wunder der Empathie

Immer wieder freue ich mich und staune ich über das Wunder der Empathie. Wenn ich den Begriff erklären soll, bin ich regelmäßig überwältigt von der Fülle an Bedeutungen und Definitionen, die ich von anderen gehört habe, von daher lasse ich das jetzt mal beiseite. Stattdessen möchte ich mich der Bedeutung widmen, die Empathie bisher in meinem Leben bekommen hat.

Für mich bedeutet Empathie ein Licht in der Dunkelheit, ein Weg, der mich zum Göttlichen in mir und anderen führt, wenn ich es (wieder einmal) vergessen oder übersehen habe. Ich habe ein paar richtig, richtig tiefe Erlebnisse mit Menschen in meinem Leben gehabt, in denen Empathie so einen enormen Unterschied bewirkt hat, dass ich gar nicht wüsste, wo ich heute stünde, hätte ich dieses Glück nicht gehabt. Mein erstes Erlebnis z.B. hat mich aus der heftigsten Panik nach dem Ende einer vierjährigen Partnerschaft in einen Zustand ziemlicher Ruhe und ziemlichen Friedens gebracht. Ich rief damals einen Bekannten (und heutigen Freund) aus der Szene der Gewaltfreien Kommunikation an, der mir für etwa eine Stunde zuhörte, Ich erzählte ihm, was geschehen war und wie furchtbar weh das tat. Und er hörte nicht nur zu, sondern das Besondere lag in der Qualität seiner Aufmerksamkeit. Er achtete darauf, dass ich Raum bekomme, vollständig zu fühlen, was an Gefühlen gerade durch mich durch stürmte. Wie ein Wind, der dem Segelschiff meiner inneren Erforschung Schub und Kraft verleiht, ohne selbst den Kurs zu bestimmen oder gewaltsam das Ruder herumzureißen. Auf diese Weise konnte ich meine Angst entspannen, mit den Gefühlen und der Hilflosigkeit alleine zu sein, sollte ich sie ganz an mich heranlassen. Das alleine ist mir schon unbeschreiblich viel wert, weiß ich doch nicht, wie menschliche Verbindung intensiver sein kann, als wenn ich voll bei meinen Gefühlen bin, während ich mich damit jemand anderem gegenüber öffne.

Im Rahmen dieser Verbindung verknüpfte er meine Gefühle mit meinen Absichten, Sehnsüchten, Bedürfnissen und Herzenswünschen. Das heißt, er hat den Gefühlen einen Boden gegeben, eine Richtung und einen Sinn – wie z.B. als es um meine Panik ging und er fragte, ob ich Angst habe, weil ich mir Geborgenheit, Liebe und Anbindung an andere Menschen in meinem Leben wünsche. Auf die Weise konnte ich spüren, welchen Sinn meine Angst hatte, welche Schönheit sie zu schützen versuchte. Es ziemlich schwierig, Panik zu haben UND in Kontakt mit der Schönheit von Dingen wie Geborgenheit, Liebe und Anbindung zu sein. Stattdessen stellte sich zunächst ein süßer, fließender Schmerz ein, ein Trauern und Bedauern um die vergehende Gelegenheit, die Erfüllung der Sehnsucht greifbar und jetzt zu erleben. Und im Kontakt mit der darunter liegenden Sehnsucht keimte gleichzeitig Hoffnung auf neue Möglichkeiten auf. Nach einer kurzen Weile gab es Frieden.

Ich glaube am heilendsten aber war, wie er meine Sehnsucht, Kontakt zu meiner damaligen schon-fast-Ex-Freundin herzustellen, die gerade Raum für sich brauchte, verstanden und gehalten hat. Er sagte mir nicht, dass sie jetzt Recht auf Ruhe hätte, oder dass es die Sache nur schlimmer machen würde, wenn ich ihren Wunsch nach Ruhe nicht respektierte. Nein, er fragte mich, ob ich gerade so verzweifelt sei, weil ich sie aus ganzem Herzen liebte und mir so wünschte, ich könnte diese Liebe auf eine Weise ausdrücken, die sie annehmen und verstehen könnte. Eine Weise, die sie nicht bedrohen würde, sondern nähren könnte. Diese Möglichkeit war über all den Streit, den Frust, die Verletzungen und die Enttäuschungen so verschüttet worden, dass ich den Glauben an meine aufrichtige Liebe verloren hatte. Und hier saß ich nun und bekam diese Frage gestellt… eine Frage, die die Welt bedeutet, wenn man keine Ahnung mehr hat, wo in all diesem Schlamassel die Liebe geblieben ist. Und eine Frage, die Hoffnung, Erleichterung und Mut gab, weil sie mir das Vertrauen in mein Herz zurückgab.

Der Zustand des Friedens hielt nach diesem Gespräch ein paar Tage an und wurde dann erneut herausgefordert. Und das seitdem viele Male. Auch habe ich schon Schwierigkeiten gehabt, Empathie anzunehmen, weil ich in meiner Orientierungslosigkeit manchmal ganz schön abhängig davon werden kann, dass jemand anderes errät, wie es mir geht. Und es gefällt mir gar nicht, wenn ich das nicht selbst auch hinbekomme. (Das Problem habe ich auch einigermaßen aufgelöst, gehe aber lieber an anderer Stelle darauf ein.) Jedoch die Möglichkeit, Empathie zu bekommen, wenn ich mal wieder im Nebel der Unklarheit umherwandere, hat mein Leben ein ordentliches Stück reicher, intensiver und klarer gemacht. Ich weiß z.B., wenn ich keine Ahnung habe, was mir gerade gut täte, dass es eine ordentliche Prise Empathie meist ganz gut trifft.

Aus der Dankbarkeit für die wiederholten Erfahrungen, die ich seitdem in meinem Leben mit Empathie gemacht habe, habe ich eine Menge Freude daran, denselben Raum auch anderen zu bieten. Ich liebe es, wenn aus dem Wust von Unklarheit und vielen verschiedenen Aspekten einer Situation langsam eine klare Herzensrichtung, eine tief gefühlte Sehnsucht, ein kostbares Bedürfnis zum Vorschein kommt. Meist erlebe ich durch den anderen dabei dieselbe Klärung wie derjenige, der durch den Prozess geht. Und es entsteht eine Art heiliger Raum, in dem nur die Frage gilt, was gerade für denjenigen wahr ist, auf den die empathische Aufmerksamkeit gerichtet ist. Aus diesem Raum heraus können dann klare und kraftvolle Entscheidungen getroffen, Verluste losgelassen und neue Möglichkeiten entdeckt werden.

Ich hoffe die Bedeutung, die Empathie für mich hat, ist hiermit deutlich geworden. Da ich auch gern aktiv etwas dafür tun möchte, dass es mehr Empathie in der Welt gibt, werden an der rechten Seite oben meine Kontaktdaten angezeigt. Wer neugierig ist oder schon eine Vorstellung vom Genuss der Empathie hat, kann sich gerne bei mir melden. Ich freue mich darauf und bin gespannt! 🙂

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Ein Wort zur Theorie

Es gab eine Zeit, da ich von einigen Menschen gespiegelt bekommen habe, ich sei „sehr im Kopf“, wenn ich rede. Das zu hören hat mich für gewöhnlich furchtbar aufgeregt, weil ich so gar nichts damit anfangen konnte und dieses „Du bist ZU sehr… was auch immer“ ja irgendwie impliziert, dass mit mir etwas nicht stimmt. „Ja, was soll ich denn sonst sein?!?“ war üblicherweise meine erste Reaktion. Ich bin auch heute noch ärgerlich darüber, dass ich selbst herausfinden musste, was dieser Satz bedeuten könnte, aber was sich als relativ klar herausgestellt hat ist folgende Übersetzung: „Wenn ich Dich über diese Theorie/diesen Gedanken reden höre werde ich unruhig und ein wenig ungeduldig. Ich bin sicher, dass Du mir damit irgendetwas persönlich Relevantes mitteilen willst, aber ich krieg’s nicht zu fassen. Ich würde gerne hören, was Du willst, was Du Dir wünschst, wie man Dir entgegen kommen kann, so dass ich Dich als Mensch erspüren kann.“

Seitdem ich das weiß, achte ich sehr genau darauf, ob, und wenn ja welche, persönliche Relevanz meine Gedanken haben und ob sie zur Verbindung mit anderen Menschen beitragen. Ich werde z.B. sehr unruhig, wenn ich von einer Theorie erzähle, die mich irgendwie fasziniert, ich aber nicht so recht sagen kann, warum das jetzt gerade für den Kontakt mit meinem Gegenüber wichtig ist. Genauso unruhig werde ich, wenn jemand anderes das tut und ich ihn nicht zu fassen bekomme. Ich werde unruhig, weil ich ja selber möchte, dass das Gespräch auf effiziente Weise zur Verbindung beiträgt. Und wenn ich ehrlich bin, sind Theorien, von denen ich erzähle, meist Stellvertreter, für eine Erfahrung, die mit dieser Theorie eine Legitimation bekommen hat. Ein witziges Beispiel ist, wie ich mit einer Frau unterwegs war, die ich sexuell attraktiv fand und mit der ich, statt von meinen Wünschen zu sprechen, eine theoretische Unterhaltung über Sex angefangen habe. Alles in der Hoffnung, sie möge doch von selbst auf diese Bedeutung kommen und mir die Unsicherheit ersparen, die volle Verantwortung für meinen Wunsch zu übernehmen und dann nicht zu bekommen, was ich will.

Vor dem Hintergrund verstehe ich die Aussage „Du bist mir zu sehr im Kopf.“ auch als „Du brauchst keine Legitimation um mir zu sagen, was Du willst und brauchst. Ich würde es gerne einfach von Dir direkt erfahren.“ Ich habe eine Weile gebraucht, bevor ich dem trauen konnte, aber jetzt bin ich sehr froh, dass ich schon seit einigen Jahren niemanden mehr habe sagen hören, ich sei ihm zu sehr im Kopf.

Ein Erlebnis, was mir diesen Zusammenhang zwischen Gedanken und Verbindung sehr deutlich gemacht hat, fand im Rahmen einer Mailingliste zur Gewaltfreien Kommunikation statt. Dort habe ich vor etwa 2 1/2 Jahren einen Beitrag zum Thema „Mann, das entbehrliche Geschlecht“ geschrieben, ein Thema was ich auch hier behandelt habe. Ich war so begeistert davon, dass ein gewisser Warren Farrell sich der unbewussten Rollendynamik von Männern angenommen und darüber Bücher geschrieben hat – eine Sache, die es für Frauen schon eine ganze Weile gibt, bei der die Männer aber unterrepräsentiert sind. Ich bin mit der Diskussion in der Mailingliste nicht weit gekommen, sondern wurde schnell gefragt, was denn meine eigenen Erfahrungen mit dem Thema seien. Da fiel mir eine schmerzhafte Unterhaltung mit meiner früheren Partnerin ein, in der wir einander überhaupt nicht verstanden haben, sondern ihre Wut darüber, nicht ihren Weg als Frau so gehen zu können, wie sie gerne würde, zu einem Vorwurf an mich als Mann wurde. Jedenfalls hab ich das so aufgefasst. Und dann von Warren Farrell zu lesen, der die Ohnmacht von Männern in einer Rolle, die nicht selbst gewählt ist, beschreibt und ihr eine Stimme gibt, erleichtert und freut mich enorm, da es mich ermächtigt der Wut der Frau als ganzer Mann entgegen zu treten, sie hören zu können, ohne mich dann selbst zu verraten. Meine persönliche Öffnung wurde in der Mailingliste sehr begrüßt und ich habe gemerkt, dass ich damit eigentlich das Wesentliche gesagt hatte. Eine weitere Debatte darüber, inwiefern das nun stimmt, was Farrell schreibt und ob’s auch Gegenargumente gibt, war einfach nicht mehr interessant.

In diesem Sinne fordere ich euch auch zu einer Kultur auf, in der ihr schaut, inwiefern eure Gedanken mit eurem direkten Erleben in Verbindung stehen. Für welche Werte und Bedürfnisse treten sie ein? Was wollen sie sichtbar machen? Meine Erfahrung ist es, dass sich Debatten, Gespräche und Austausch viel lebendiger anfühlen, wenn diese Fragen im Fokus sind. Stellt euch vor, Politiker, Professoren und andere Experten würden über wichtige Sachfragen in der Welt auf diese Weise debattieren! Also immer mit Bezug zu direkt Erlebtem, statt auf die Frage hin, wer nun Recht hat. Was wäre das für eine Erleichterung!

Emotionale Sicherheit

In der Szene der Leute, die die Gewaltfreie Kommunikation lernen hab ich schon öfter gehört, wie verschiedene Bedürfnisse diskutiert werden. Also diskutiert wird, ob ein bestimmter Begriff auch wirklich auf ein Bedürfnis verweist, oder vielleicht auch auf eine Strategie. Da geht es dann um Bedürfnisse wie z.B. Sex, Kontrolle, Macht und (emotionale) Sicherheit. Da diese Unterscheidung zwischen Bedürfnis und Strategie oft ziemlichen Einfluss darauf hat, ob und wie leicht sich Konflikte lösen lassen, kann ich gut verstehen, dass das interessant ist. Ich glaub aber, dass es letztlich nicht so wichtig ist, weil das, was jemand mit den Worten meint, von Situation zu Situation so unterschiedlich sein kann, dass die allgemeinen Definitionen (an die sich sowieso keiner hält) nur begrenzten Nutzen haben.
Ich mag trotzdem über den Begriff der emotionalen Sicherheit etwas schreiben. Bis vor einiger Zeit hat mir das gar nicht viel gesagt. Ich dachte, emotionale Sicherheit… das heißt doch, dass andere Leute sich nett und freundlich mir gegenüber verhalten sollen. Und in meiner desillusionierten Weltsicht, hab ich nicht damit gerechnet, dass jemand das vielleicht wirklich von Herzen will. Von daher kam es mir sehr abhängig vor, emotionale Sicherheit zu wollen. Z.B. von meiner Partnerin. Konkret heißt das da ja oft, dass sie keine anderen Männer toll finden soll. Oder dass sie mich nicht kritisieren soll. Oder dass sie immer bereit sein soll, mit mir ins Bett zu gehen. Passiert das nicht, bin ich sauer, oder enttäuscht, traurig, bis hin zu verletzt. Das gefällt mir nicht. Ich hab keine Lust darauf, also brauch ich Sicherheit davor. Das ist dann emotionale Sicherheit. Klingt großartig… aber die Frau, die das mitmacht und gleichzeitig vor Lebendigkeit sprüht hab ich noch nicht gefunden. Ist emotionale Sicherheit also ein Bedürfnis? Nein, dachte ich. So blöd kann die Natur (oder was auch immer sonst) das doch nicht eingerichtet haben.
Aber emotionale Sicherheit drückt ja eigentlich noch nicht viel mehr aus als eine gefühlte Qualität. Ich fühl mich emotional sicher, wenn ich innerlich ruhig bin, in Frieden und stabil, mich nichts so leicht aus der Bahn werfen kann. Und wenn doch, dann find ich das Gleichgewicht schnell wieder. Die Verhaltensweisen (und Personen, die sie ausführen), die dazu führen, dass ich mich so fühle, können aber ganz schön verschieden sein. Was ich gerade beschrieben hab, ist also eine Strategie. Genau gesagt heißt die: mir ’ne Frau suchen, die immer so ist, dass ich ohne eigenes Zutun stabil und bestätigt bleibe. Oder auch nur mit Leuten verkehren, die mich nicht herausfordern, sondern entweder zustimmen oder schweigen (ohne dass ich es merke). Wenn mir diese Strategien nicht gefallen, muss das ja noch lange nicht heißen, dass es kein Bedürfnis nach emotionaler Sicherheit gibt… oder dass mir das nicht gefallen würde… so als Lebensqualität.
Was kann man also sonst tun? Ich bekam kürzlich über den ngfk-Yahoo-Verteiler eine Mail, in der Gabriele aus Gerlinde Fritschs Buch „Praktische Hilfe zur Selbst-Empathie“ zitierte. Dieses Zitat geb ich euch jetzt mit freundlichen Dank an Gabriele weiter.
Bedürfnisse erfüllen:
Emotionale Sicherheit
Aus: Praktische Selbst-Empathie von Gerlinde Fritsch (gekürzt)

° In guter Verbindung stehen zu meinen Gefühlen und Bedürfnissen- in jedem Moment
° Loyalität gegenüber Abwesenden zeigen
° Auf meine innere Stimme (Intuition), das „komische“ leise Gefühl achten und ernst nehmen
° mich mitteilen, wenn ich traurig oder besorgt bin
° mich nicht darauf verlassen(= Sicherheit deligieren), dass andere mich gut behandeln, sondern mich selber gut behandeln, indem ich auf meine Bedürfnisse achte
° weil andere keine Gedanken lesen können: meine Bedürfnisse und Bitten mitteilen
° anderen konkret mitteilen, was sie tun können zur Erfüllung meiner Sicherheit
° selber eine Atmosphäre emotionaler Sicherheit kreieren: mitfühlend reagieren
° langsam, Schritt für Schritt auf andere zugehen
° die Anfangsphase einer neuen Beziehung langsam gestalten
° Abwägen, welche Bedürfnisse durch den Kontakt gestillt werden
° die Konsequenzen meines Handelns abwägen, statt spontan zu reagieren
° mich an meine Werte halten, unabhängig davon, was andere von mir wollen
° auf ein Gleichgewicht von Geben und Nehmen achten
° nur soviel geben, wie für mich stimmig ist
° soviel nehmen, wie für mich stimmig ist
° andere nur mit Erlaubnis berühren und mich nur mit meiner Einverständnis berühren lassen
° NEIN sagen zu Nahrung, Geschenken, Berührungen, Sex, wenn mir nicht danach ist
° auf meine Körpersignale achten: Was sagt mein Körper, wenn ich mit jemandem  zusammen bin? Bin ich entspannt und ruhig? Oder zieht sich etwas in mir zusammen?
° mich mit Menschen umgeben, die mir wohl tun und von denen ich mich nicht bedroht fühle
° anderen Menschen jegliche Macht entziehen, mich demütigen, anklagen oder herabsetzen zu können, indem ich alles was sie sagen, höre als:„ Ich empfinde Schmerz, eines meiner wichtigen Bedürfnisse ist nicht erfüllt. Was brauche ich?“

Die Liste ist sicher erweiterbar… aber ich hab schon mit dem genannten genug zu kämpfen 😉 Schreibt ruhig dazu, wenn euch was einfällt.

Islam und moralischer Relativismus

Diesen Text hab ich vor etwa einem Jahr geschrieben:

„Ich hab heute eine Reaktion bekommen, mit der ich halb gerechnet hab, die mich aber trotzdem erschreckt. In der StudiVZ-Gruppe „Fragen und Antworten zum Islam“ diskutiere ich mit einem anderen Gruppen-Mitglied zum Thema Aufklärung und ihre Folgen. Heute hab ich festgestellt, dass er meinen letzten Beitrag gelöscht hat. Mir war klar, dass mein Beitrag nicht mit dem Höchsten der Kommunikationskunst entsprach, da ich meinem Gegenüber letztlich sagte, er solle sich klarer ausdrücken und lernen, besser zusammen zu fassen was er meint. Er solle nicht das Opfer spielen.

Dass ich so nicht weiter komme hat etwas für sich, denn ich merke jetzt erst, wie viel Angst ich in der Diskussion habe. Ich hab versucht die Errungenschaften westlichen Gedankenguts (Aufklärung) bewusster zu machen, da sie heute vor dem Hintergrund von Kriegerischen Auseinandersetzungen, Gier und Finanzkrise gerne vergessen werden. Und ich bekomme als Antwort nur eine Erinnerung an Nationalismus, Rassismus, Imperialismus und Materialismus. Was mein Problem damit ist? Rein von der Debatte her zähle ich die Aufklärung immer noch zum Gegenpol dazu. Aber eine Ebene tiefer hab ich Angst die Diskussion zu „verlieren“. Ich hab Angst vor einem Verlust an Freiheit und Integrität. Und das immer, wenn ich mit Muslimen zu tun habe. Ich sehe nicht, wie ich integer und frei bleiben kann, sollten sich muslimische Regeln, wie sie gerne in all ihrer Strenge verstanden werden, durchsetzen. Und ich kann nicht mal genau sagen, welche Regeln. Man kann mir vorwerfen, den Islam nicht genau genug zu kennen. Das ist aber alles egal, denn meine Angst lindert es nicht. Es ist keine Angst vor dem Islam, es ist Angst um meine Integrität und Freiheit. Und die Angst, dass ich mit Muslimen nicht zusammenleben kann, während ich meine Position vertrete und meiner Perspektive auf die Welt eine Stimme geben. Dass die Konsequenz in so einer Gesellschaft der ähneln würde, die ich erlebe, wenn mein Beitrag gelöscht wird: Ohnmacht und Hilflosigkeit, die zunächst mal Wut schürt, hinter der sich wiederum Angst verbirgt.

Wie kann ich auch nur hoffen zu Frieden und Verständigung beizutragen, so lange ich nicht weiß, wie ich auch unter solchen Umständen meinen Sinn für meine Freiheit und Integrität bewahren kann? So lange es wie Verrat an meinen Werten wirkt, wenn ich mich auf die Position der anderen Seite zu bewege? Wie kann ich hoffen, dass andere, die diese Angst mit mir teilen, sich konstruktiv am Dialog der Kulturen beteiligen, wenn ihre Angst nicht gehört wird und ihre Werte der Integrität und Freiheit keinen Platz bekommen?

Barack Obama spricht von einem Empathie-Defizit, einen Mangel der Fähigkeit, eine Weile in jemandes anderen Schuhen zu gehen. Ich glaube, es ist zunächst ein Selbst-Empathie-Defizit. Denn ich kann mich nicht in jemanden hineinversetzen, wenn ich das so erlebe, als gäbe ich mich dabei auf! Als wäre das wie Selbstmord. Und ich sollte mich nicht wundern, wenn andere das auch nicht können. Dafür brauche ich Klarheit über meine Ressourcen, so dass ich großzügig mit meiner Aufmerksamkeit und meinem Verständnis sein kann, ohne dabei zu verlieren, sondern spüren kann, dass ich an Verbindung und Verbundenheit gewinne.“

Ich hab seit damals die Diskussion im StudiVZ-Forum nicht wieder aufgenommen. Ich hatte keine Lust, mich dem wieder auszusetzen. Aber wichtiger ist die Frage, was meine Position eigentlich ist. Henryk M. Broder, der SPIEGEL-Autor, hat sein Buch dazu „Hurra, wir kapitulieren!“ genannt. Damit meint er, dass die Angst, rassistisch zu sein, dazu führt, dass sich westliche Länder in Europa vom moralischen Absolutheitsanspruch des Islams überrollen lassen. Die Angst, als Rassist zu gelten, kenn ich, aber ist die Bedrohung so immanent?

Sam Harris hat in diesem TED-Auftritt dem moralischen Relativismus etwas Prägnantes entgegen gesetzt:

Sein Punkt ist, dass moralische Vorstellungen immer abhängig sind von Annahmen über die Welt, über Menschen und die Konsequenzen von Handlungen. Und dass die Erkenntnisse, die wir durch die wissenschaftliche Methode sammeln, diese Annahmen verändern. Beispielsweise kümmern wir uns nicht um einen Stein wie um eine Katze, da wir annehmen, dass eine Katze ein breiteres Spektrum an Freud und Leid erleben kann, als ein Stein. Basierend auf dieser Annahme, halten wir es für vertretbar, eine Katze zu versorgen und sie nicht gegen die Wand zu schmeißen oder dergleichen. Genau das gleiche gilt für unsere Umgangsregeln mit Menschen. Um das in Kriegsfällen zu umgehen, ist das erste was man braucht, damit Krieg überhaupt stattfinden kann, ein Feindbild, welches den Gegner zu einer leblosen Puppe reduziert. Ab da wird es tragbar, ihn oder sie umzubringen, vorher nicht.

Im Kontakt mit dem Islam seh ich bei mir das größte Problem darin, dass ich genau so einen Maßstab brauche, um meiner Position zu trauen. Also einen Maßstab, von dem ich sage, dass ich ihn universell anwende und das auch vertreten kann, ganz egal, was die kulturelle Zugehörigkeit ist. Diejenigen von euch, die mich kennen, wissen, dass ich durchaus so eine universelle Moral habe, aber es gibt Bereiche, wo ich sie nicht ganz integriert hab. Diese Sache mit dem Islam-Forum von vor einem Jahr, gehört dazu.

Besonders gefallen an Sam Harris‘ Auftritt hat mir der Satz, wer wir denn seien, zu behaupten, wir wüssten nicht genug über das, was Menschen hilft, sich zu entfalten und aufzublühen, dass wir es tolerieren, wenn Frauen (und Männer) in ihrer Ehe geschlagen werden und Väter vor Scham ihre Töchter töten, nachdem diese vergewaltigt wurden. Und ich will das nötige Selbstbewusstsein, um hier eine universelle Grenze zu ziehen, unterstützen.

Die größte Angst

Was ist eure größte Angst? Ich kann euch erzählen, was meine ist. Es klingt vielleicht nicht besonders vernünftig, das in einem öffentlichen Blog zu tun. Aber ich glaub, es ist eine Angst, für deren Umgang ich nicht so sehr auf andere angewiesen bin. Oder besser, ich hab glücklicherweise Freunde gefunden, die mir dabei helfen. Außerdem motiviert mich die Vorstellung, ihr könntet sie auch in euch vorfinden, allerdings noch nicht so klar ausgedrückt. Und dann gäbe meine Offenheit einen schönen Anhaltspunkt für mehr Orientierung und innere Sicherheit.

Ich hab gemerkt, dass die einzige Angst, die ich immer wieder habe, die ist, mir nicht zu verzeihen, wenn ich was gemacht hab, was im Nachhinein nicht so toll war, wie ich zum Zeitpunkt der Entscheidung dachte. Gibt es überhaupt irgendeine andere Angst? Nun ja, natürlich kann ich in einen Banküberfall verwickelt werden, bei dem mir jemand eine Pistole an den Kopf hält. Das fänd ich wahrscheinlich nicht so prickelnd. Oder ich bin in einer Region, wo Krieg herrscht und gekämpft wird. Aber ehrlich gesagt, wenn ich das wirklich durchdenke, wovor hab ich da Angst? Vor Schmerz? Vor Tod? Vor Verlust? Sind das nicht Dinge, mit denen ich leben kann? Gut, bei Tod wird das schwierig. Aber dann wiederum… muss ich annehmen dass tot sein eine Erfahrung ist? Wenn ja, könnte das spannend werden. Wenn nein, gibt es nichts zu fürchten.

Sich nicht verzeihen können

Nein, ich glaube wirklich, dass es sich bei genauer Betrachtung auf diese eine Angst herunterbrechen lässt: Sich etwas nicht verzeihen zu können. Wenn ich in so einer gefährlichen Situation bin, kann eine kleine Handlung sehr viel ausmachen und weitreichende Konsequenzen haben. Wenn die Konsequenzen mir nicht gefallen und ich meine Handlung dafür verantwortlich mache, kann das höllisch weh tun und es regnet Scham und Schuldgefühle. Sagen wir, wenn ich beim Banküberfall mit ansehen musste, wie einer Geisel eine Kugel durch den Kopf gejagt wurde, kurz bevor ich die Situation unter Kontrolle bringen konnte. Hätte ich doch nur… Oder auf einem anderen Gebiet, wenn ich eine Frau, die mir sehr gefällt, anspreche und ich denke, dass ihr „Nein“ verhindert hätte werden können, wäre ich anders an die Sache heran gegangen. Oder noch besser, ich bin in einer Beziehung mit einer Frau, die mir viel bedeutet und ich schlafe mit einer anderen. Das kommt raus und meine Partnerin will gehen. Vielleicht bin ich auch Politiker und setze ein Gesetz durch, das sechs Monate später für Todesfälle und schwere Proteste sorgt. Oder ich bin Chirurg und ein Patient, den ich operiert habe, stirbt, nachdem ich meinen Pieper in seiner Bauchhöhle vergessen hatte. Toll wäre es momentan bestimmt auch, im Vorstand der AIG zu sitzen und zu sehen, wie mein Finanz-Plan einen Verlust von mehr als 200 Mrd. Dollar und den beinahe Zusammenbruch der Weltwirtschaft nach sich zieht. Massen von Menschen sitzen auf der Straße, verlieren ihre Arbeit und versinken im Elend. Nur weil ich versagt habe!

Wer hier nicht weiter weiß, ist psychologisch wahrscheinlich am Ende. Ohne Selbstvergebung bleibt einem da nicht viel. Das Vertrauen in das Gute in mir könnte verschwinden, oder in meine Fähigkeit, dieses Gute zum Ausdruck zu bringen. Vielleicht fange ich an zu denken, dass ich es nicht mehr verdient habe, glücklich zu sein. Oder ich werde sehr einsam, nachdem alle um mich herum entschieden haben, dass sie nicht mehr mit mir leben wollen. Wenn ich dann noch denke, dass sie Recht haben, kann ich mir auch die Kugel geben. Die Hoffnungslosigkeit ist komplett. Also, wovor könnte man überhaupt noch Angst haben, wenn nicht davor? Mir fällt nichts ein.

Damit stellt sich natürlich die Frage: Wie verzeiht man sich?

Selbstvergebung

Ich glaub für viele sieht Vergebung so aus, dass man sich nochmal eine Chance gibt. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, wie das gehen soll, denn wenn ich mir und meine Urteil nicht mehr vertraue, wie soll das dann helfen? Genau so, wie wenn ich jemand anderem vergeben soll. Wenn ich ihm nicht traue, was soll das dann heißen? Schwamm drüber und wir fangen von vorne an? Wenn meine Partnerin mit jemand anderem schläft, ich bin entsetzt und brauche mehr Vertrauen… wie sähe Vergebung da aus?

Mein simpler Grundsatz für Vergebung lautet: Wenn ich verstehe, gibt es nichts mehr zu vergeben. So simpel das klingt, so schwer kann einem das fallen. Der Knackpunkt ist folgender: wenn ich etwas gemacht habe, was schreckliche Konsequenzen hatte, und ich bringe Verständnis auf, heißt das, dass ich es gut finde? Wenn ich meine Partnerin verstehe und nachvollziehen kann, dass sie sich dafür entschieden hat, mit ihrem besten Freund zu schlafen, bedeutet das dann, dass ich ihr das erlaube oder sie sogar noch dazu ermutigen will? Wohl kaum (jedenfalls nicht zu diesem Zeitpunkt). Gerade weil Verständnis so oft zu Vergebung führt, haben wahrscheinlich viele Angst davor. Denn sie wollen nicht vergessen, aus den Konsequenzen zu lernen. Also, wie kann ich mir vergeben UND aus den Konsequenzen lernen?

Entscheider und Erzieher

Es hilft von zwei Funktionen in mir auszugehen: einem Entscheider und einem Erzieher. Beide Funktionen haben den Job, das Leben schöner, aufregender, angenehmer und insgesamt wunderbar zu machen. Der Entscheider hat in jedem Moment die Aufgabe, aus den bekannten Optionen und in der gegebenen Situation, das beste und schönste zu wählen. Das ist manchmal ziemlich schwierig, vor allem wenn die bekannten Wahlmöglichkeiten eingeschränkt sind. Der Erzieher schaut sich an, welche Konsequenzen die Entscheidung hatte und kommentiert das. Je nachdem, welche Umgangsform der Erzieher von meinen (externen) Erziehern gelernt hat, fällt ihm wahrscheinlich sofort auf, wenn etwas nicht den Standards entspricht. Das kann sich in einer Intuition, einem Gefühl, einem Gedanken bemerkbar machen.

Das heißt, wenn etwas schief geht, hab ich es mit zwei Perspektiven zu tun, von denen die meisten Menschen die eine vergessen. Die Erzieher-Perspektive ist die, in der die Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen, die nicht von der Handlung erfüllt wurden. Also sagen wir, ich bin an einer Frau interessiert, ich frage sie, ob sie Lust hat, mit mir was trinken zu gehen und sie sagt, dass sie nicht will… dann könnte mein Erzieher mich mit Vorwürfen bombadieren wie „Was für eine blöde Idee, sie überhaupt zu fragen! Jetzt hast du sie noch belästigt! Wer bist du überhaupt, was von ihr zu wollen? Hättest du das nicht erahnen können? Außerdem, wenn du ständig auf Ablehnung stößt, muss doch was mit dir nicht stimmen…“ Das ist wahrscheinlich erstmal nicht so leicht zu verdauen. Ich glaub, viele drücken das einfach beiseite, überwältigt von der schieren Menge an Selbst-Vorwürfen. Aber der Kern der Sache ist, dass der Erzieher im Interesse meiner Bedürfnisse spricht. Und er will, dass ich diesen Bedürfnissen Aufmerksamkeit schenke, so dass die Wahrscheinlichkeit steigt, dass sie in Zukunft erfüllt werden können. Es wäre toll, wenn er mir das direkt sagen könnte, aber üblicherweise hat er das nicht gelernt. Also braucht es etwas Arbeit und Aufmerksamkeit, da heran zu kommen.

Ich könnte mir vorstellen, dass mein Erzieher mich darauf aufmerksam machen will, wie sehr es mein Leben verschönern würde, wenn ich die Nähe und Zuwendung einer Frau hätte. Und wie wichtig es da wäre, zu wissen, wie ich sie bekommen könnte. Dass ich herausfinde, wie ich das Interesse an mir wecken kann. Vielleicht auch, dass ich mir eine bessere Vorstellung davon mache, was eine Frau gerne hätte, wenn sie bei mir wäre. Also alles, was mit Intimität, Verbindung, Geborgenheit zu tun hat. Dafür steht der Erzieher ein. Dass es das im Kern ist, weiß ich dann, wenn die Gedanken und Vorwürfe aufhören. Kommen weitere, hab ich noch nicht alle Bedürfnisse verstanden. Ist es aber so weit, fühle ich mich nicht mehr schuldig, sondern vielleicht traurig oder betrübt. Aber das ist ein süßer Schmerz, weil er Hoffnung auf Besserung erlaubt. Durch das Verständnis und das Erkennen der Bedürfnisse werde ich wieder handlungsfähig. Und das kann eine große Erleichterung sein.

Soweit der Erzieher.

Wenn ich verstanden hab, was mich an den Konsequenzen meiner Handlung so beunruhigt, kommt natürlicherweise die Frage auf, wie ich denn so handeln konnte. Also, wie kam mein Entscheider auf die Idee, dass es von Vorteil wäre, es so zu machen? Das ist ja der eigentlich Schritt zur Selbst-Vergebung. Dafür ist nötig zu verstehen, welche Bedürfnisse der Entscheider im Sinn hatte und aus welcher Perspektive heraus die gewählte Handlung wirklich als die beste erschien. Hinterher ist man ja immer schlauer, also ist das nicht immer so einfach. Mein Erzieher fragt also, ob meinem Entscheider denn nicht klar war, dass ich diese Bedürfnisse nach Intimität und Verbindung habe.

Und der antwortet, dass er ja gerade dafür etwas tun wollte. Und wie gerne hätte er mehr darüber gewusst, wie das zu tun wäre. Aber in dieser Situation hatte er nur begrenzte Informationen. Ich erinnere mich z.B. an ein Mal, wo ich überlegt hab, ob ich eine Frau frage, ob sie mit mir was trinken gehen will und ich hab mir gemerkt, wie meine Perspektive aussah. Wir hatten uns in einem Sprachkurs kennengelernt und die Signale waren gemeinsames Lachen, Witze zusammen und eine Liebe für die Sprache, die wir da lernten. Könnte das Interesse bedeuten? Kann ich nicht sicher wissen, aber ich kann entscheiden, dass es genug ist, um es auszuprobieren. Also hab ich das getan. Sie sagte ja, also brauchte ich an diesem Beispiel keine Selbst-Vergebung zu üben. Aber nichtsdestotrotz hat es gut getan, ganz bewusst die Entscheidung zu fällen. Und zu wissen, wenn es nicht gut läuft, ist das auch okay.

Gute Neuigkeiten

Zusammengefasst heißt das, dass ich zum einem verstehe, was mein Erzieher beanstandet und dann zum anderen verstehe, was mein Entscheider wollte und aus welcher Perspektive heraus seine Entscheidung als die bestmögliche erschien. Wenn ich das verstanden habe, gibt es nichts mehr zu vergeben.

Das ist natürlich immer wieder ein neuer Prozess, mit jeder neuen Situation. Allerdings lernen sowohl Erzieher als auch Entscheider mit der Zeit immer besser, sich klar auszudrücken und so fällt das Verstehen immer leichter. Die Gefahr, sich für etwas nicht vergeben zu können verringert sich dementsprechend. Und damit werden Angst und Hoffnungslosigkeit zunehmend zur Seltenheit… das sind doch gute Neuigkeiten, oder nicht?

Es geht nicht um Religion…

Vor kurzem las ich einen Beitrag im StudiVZ-Forum „Fragen und Antworten zum Islam“ zum Thema Steinigung. Die Autorin des Beitrags war entsetzt zu lesen, wie eine 13-jährige aus Somalia, die von drei Männern vergewaltigt worden war, anschließend für Ehebruch gesteinigt wurde. Rechtfertigungshintergrund ist die Scharia.

Ich teile ihre Empörung und möchte so gut ich kann dazu beitragen, dass niemand auf der Welt so behandelt wird, wie die Scharia es vorsieht, wenn gegen ihre Gesetze verstoßen wird. Um vor dem Elend nicht ganz machtlos da zu stehen, will ich aber auch nachvollziehen können, was da los ist. Erst so finde ich den Punkt, an dem es überhaupt eine Hebelwirkung zur Veränderung gibt. Einfach zu sagen, dass niemand ein Recht dazu hat, so zu handeln, scheint ja leider nicht zu wirken.

Zunächst mal glaub ich, dass es nicht um Religion geht. Es geht darum, welchen Lebensbedingungen Menschen ausgesetzt sind und was innerhalb dieser Bedingungen dazu beiträgt zu überleben und seine Bedürfnisse, so gut es geht, zu erfüllen.

Diese Bedingungen bestehen aus dem historischen Kontext, geographischen Faktoren, menschlichen Problemen und sozialen Umständen. All diese Aspekte sind wichtig.

Ob Nahrung und Unterschlupf mein größtes Problem sind oder ich nach einer Partnerin in einer schon etablierten sozialen Ordnung suche, erfordert zwei sehr verschiedene Herangehensweisen, zwei verschiedene „mind-sets“. Ob ich unter einem Häuptling lebe, oder in einer Demokratie erfordert ebenso sehr verschiedene mind-sets. Wüste und Großstadt sind sehr verschieden. Hier in Deutschland habe ich einen ganz anderen Kontext, als wenn ich in einem Stamm in der arabischen Wüste leben würde und mein Verhalten hat sehr andere Konsequenzen.

Wenn ich mir die Geschichte der Menschheit von der Seite anschaue, dann bemerke ich, dass diese Lebensbedingungen eine zunehmende Komplexität haben – und die mind-sets ebenfalls in der Lage sein müssen, komplexere Zusammenhänge zu verstehen. Schon allein die Technologie, die den Menschen zur Verfügung steht, ist ein unglaublich starker Faktor dafür. Landwirtschaft erlaubt einfach eine viel größere Nahrungsmittelproduktion als Gartenbau und sorgt deshalb für ganz andere Bedingungen. Menschen können die Arbeit besser aufteilen und sich spezialisieren, was zu mehr Entwicklung beiträgt. In dieser Reihenfolge haben wir das Jäger und Sammler-, Gartenbau-, Landwirtschafts-, Industrie- und Informationszeitalter. Und jede Stufe bringt andere Möglichkeiten und Schwierigkeiten mit sich. Je nachdem, wie entwickelt wir darin sind, uns zu versorgen, werden wir andere Prioritäten und Probleme haben. Jede Lösung schafft ihre eigenen Probleme. Und diese neuen Probleme haben die Tendenz ein Stückchen komplexer zu sein, als die, die gerade eben gelöst wurden.

Nun ist es aber nicht so, dass alle Menschen auf der Welt gleich weit entwickelt sind. Das dürfte kein Geheimnis sein, schon allein Bildung ist vollkommen unterschiedlich verteilt über den Planeten und die Komplexität von Problemen, mit der eine Person umgehen kann, kann für eine andere einfach mehr sein, als sie auf der Ebene, wo sie gerade ist, leisten kann. Damit meine ich nicht, dass die einen moralisch besser sind als die anderen, sie denken lediglich komplexer und sind in der Lage, mehr Perspektiven zu berücksichtigen, was in vielen Umständen weiterhilft. Und das ist etwas, wovon wir alle profitieren.

So wie ich es verstehe, ist die Scharia ein Teil der Stammeskultur in vielen Stämmen von Afrika und der arabischen Halbinsel (wenn jemand mehr weiß, korrigiere er mich). Stämme verlassen sich auf ihre Selbstversorgung und alle Menschen im Stamm sind auf einander angewiesen. Wenn da etwas schief geht und niemand in der Lage ist, die Konflikt-Parteien beide zu verstehen und miteinander zu versöhnen, droht der Stamm auseinander zu brechen. Damit ist das nackte Überleben aller Stammesmitglieder in Gefahr. Mit entsprechender Härte wird versucht, derlei Konflikte gar nicht erst entstehen zu lassen.

Gerade Sexualität ist hier sehr heikel. Die hohe Intensität der Gefühle, die hiermit einher geht, führt schnell zu Gewalt, wenn jemand enttäuscht ist. Ich vermute, dass all die strengen Regeln zu dem Thema daher rühren. Abgesehen davon muss man in einem Stamm auch aufpassen, nicht mehr Nachkommen zu haben, als der Stamm oder die Familie ernähren kann. Kinder von einem anderen Mann kann sich keiner leisten.

Das sind alles Regeln, die nichts speziell mit dem Islam zu tun haben, bzw. sie sind lange nicht beschränkt auf den Islam. Überall, wo es Stämme gibt und diese Bedingungen herrschen, haben sich dieselben Strukturen entwickelt. Sie heißen dann anders, sind angepasst an ihre jeweils eigenen Bedingungen, aber sie sind qualitativ sehr ähnlich.

Die Ebene, die sich historisch gesehen nach den Stämmen entwickelt hat ist die der Reiche, Imperien und Nationen. Das war eine notwendige Konsequenz daraus, dass die verschiedenen Stämme sich immer wieder in die Haare kriegten und Frieden wollten, geeint unter einem Fürsten, König, Herrscher. Auch hier gab es strenge Gesetze, um den Frieden, der aus der erzwungenen Einigkeit hervorging, zu wahren. Die techno-ökonomische Struktur ist die der Landwirtschaft.

Erst mit der Aufklärung tauchte in Europa das Denken auf, welches Demokratie und Menschenrechte möglich macht. Es ist das erste Mal, dass Menschen nicht nach Rasse, Glauben oder Geschlecht beurteilt werden, sondern, jedenfalls theoretisch, alle Menschen vor dem Gesetz als gleich behandelt werden. Es ist nicht mehr begrenzt auf die eigene Gruppe, sondern wird allen Menschen zugestanden.

Die Entwicklung geht noch weiter ins Industrie- und Informationszeitalter und von heute her betrachtet, wo wir so viele mehr Möglichkeiten haben, mit Konflikten und dem Problem des Überlebens um zu gehen, schmerzt es bitterlich zu sehen, wie andere Menschen auf der Welt sich dieser Optionen nicht bewusst sind und sich gegenseitig so ein Leid zu fügen.

Ich halte den Islam, und auch jede andere Religion, deswegen hier raus, weil ich glaube, dass es einen Islam auf der Ebene der Stammeskultur gibt, einen Islam auf der Ebene der Reiche und Nationen, einen demokratisch-rationalen und einen pluralistischen Islam. Abhängig davon, wie viele Perspektiven eine Muslim berücksichtigen kann, wie viele Unterschiede zwischen Menschen er verstehen und integrieren kann, wird er einen anderen Ausdruck des Islam suchen.

Was können wir also tun, vor diesem Hintergrund? Ich glaube, wenn wir verhindern wollen, dass Grausamkeiten wie Steinigungen weiter stattfinden, müssen wir Lösungen finden für die Probleme, die in diesen Lebensbedingungen vorkommen. Lösungen, die zum Wertesystem dieser Menschen passen. Es geht um’s Überleben des Stammes, stimmt’s? Es geht darum „die Ehre“ zu bewahren und das bedeutet, dass man eine Bereicherung für den Stamm, die Familie ist. Wie könnte das heute aussehen? Wie könnte man eine Bereicherung sein unter heutigen Bedingungen? Und bitte ohne dass jemand dafür gesteinigt oder umgebracht werden muss!

Ich bin gespannt auf Fragen und Kommentare.

Du kannst zwar machen was Du willst, aber nicht wollen was Du willst

Ich hab mich ja schon ein paar Mal über Willensfreiheit ausgelassen. Das Thema hat so viele Aspekte, dass ich es mühsam finde, eine für mich kohärente Perspektive darauf zu finden. Von daher nehme ich nochmal einen anderen Anlauf.

Während in der Hirnforschung das Konzept der Freiheit dadurch in Frage gestellt zu sein scheint, dass man schon zehn Sekunden im Voraus das Aktivitätsmuster im Gehirn erkennen kann, welches zu einer Entscheidung führt (in dem Fall ob man den linken oder rechten Finger bewegt), will ich mich der Sache von der phänomenologischen und strukturalistischen Seite her nähern – eine Innenansicht also. Es wird von daher auch um Moral, Entscheidungen und Bewusstsein gehen. Zum Schluss komme ich nochmal auf die Hirnforschung zurück.

Frei wozu?

Wenn ich mich frage, ob ich frei bin, merke ich, dass diese Frage nur in Bezug auf ein Ziel Sinn hat. Ich bin frei etwas zu tun oder zu sein (wobei letzteres wahrscheinlich nur in Form von Handlungen definierbar ist). Auch wenn es um die Frage geht, ob ich frei VON etwas bin… was mache ich damit? Diese Freiheit scheint mir nur dann spürbar zu sein, wenn sie mir etwas erlaubt, was ich ohne sie nicht könnte oder hätte. Also ist meine Frage, was will ich tun?

Schon im Philosophie-Unterricht in der 11 machte meine Lehrerin Cornelia Hartenfels mich darauf aufmerksam, dass man nichts tun kann, was man nicht für „gut“ befindet. Das hat mich verblüfft. Aber tatsächlich fällt mir nichts ein, was ich tun wollte, was ich nicht irgendwo für „gut“ befände. Sicher, ich bin nicht mit allem gleichermaßen zufrieden. Und manche Dinge kommen mir vor allem im Nachhinein sehr destruktiv vor. Aber in dem Moment, in dem ich sie tue… sind sie das beste, was mir einfällt. In einem Lied schreibt Marshall Rosenberg „I’ve done some things that I wouldn’t have done, if I knew then what I since have learned.“ Das passt sehr gut.

Was ist mit Zerstörung?

Ein Mitschüler in der Klasse fragte damals, was man denn dann von Selbstmord halten sollte. Und ich antwortete ihm, der Logik zufolge, dass demjenigen, der Selbstmord begeht, wahrscheinlich keine bessere Alternative einfällt, um seinem Leiden ein Ende zu setzen und sich Erleichterung zu verschaffen. Wüsste er, dass etwas anderes wirklich funktioniert, würde er sich vermutlich umentscheiden.

Ich habe bis heute kein Beispiel vorzuweisen, bei dem das nicht zutrifft. Ist das nicht eine merkwürdige Art, menschliche Freiheit einzuschränken? Dass man wirklich nur gut wählen kann, nicht böse? Nun ja, vielleicht ist es noch merkwürdiger, Handlungen in gut und böse zu unterteilen – ohne das käme das Problem ja gar nicht auf. Denn ich weiß nur zu gut, dass was wir für gut und was für böse befinden davon abhängt, welche Informationen wir über eine Situation haben. Ich nehme mal ein gewagtes Beispiel um das zu illustrieren (und hoffe auf euer Verständnis, bin nämlich etwas nervös dabei).

Wenn ein Mann auf der Straße einen kleinen Jungen anspricht, ihn einlädt zu ihm nach Hause zu kommen, ihn zunächst mit Süßigkeiten verwöhnt, einen Film mit ihm schaut und den Jungen nachher auszieht und Sex mit ihm hat… – niemand, der sieht, was für eine Angst der Junge danach hat, wie weh es tut, wenn man sich nicht mehr sicher fühlen kann und kein Vertrauen ins Leben findet, wird davor gefeit sein, diese Handlung unter „böse“ einzuordnen. Gleichzeitig wird niemand davor gefeit sein, die Tragik darin zu erkennen, wenn er erfährt, dass dieser Mann generell sehr einsam ist, sich sehr über die Gesellschaft und darüber gefreut hat, den Jungen verwöhnen zu können, und beim Sex im Schmerz, der in den Augen des Jungen zu sehen war, sich selbst wiedergespiegelt gesehen hat, wie er sich damals gefühlt hat, als ihm dasselbe widerfahren war. Was ist das für eine Tragik, wenn jemand Gemeinschaft und Verständnis sucht und keinen anderen Weg dahin findet als etwas, was so einen Schmerz in das Leben des Jungen bringt!

Ich nutze dieses polarisierende Beispiel, weil ich zeigen will, dass abhängig von den Informationen, die wir über die Lage haben, irgendwann immer der Punkt kommt, an dem ersichtlich wird, dass jemand sich für etwas entschieden hat, was er für „gut“ befindet – so relativ „schlecht“ es im Gesamtkontext auch sein mag. Diese Entscheidung wird oft genug von einer Perspektive aus getroffen, die den Gesamtkontext nicht miteinbezieht, so dass was gut gemeint ist zu einer Katastrophe führen kann. Ihr Sinn bleibt trotzdem derselbe: „Gutes“ tun, zur Schönheit des Lebens beitragen.

Bezüglich der Willensfreiheit heißt das also „Du kannst zwar machen was Du willst, aber nicht wollen was Du willst.“ Denn was Du willst wird immer in irgendeiner Weise damit verbunden sein, dass Du das Leben bereichern möchtest. Marshall Rosenberg, der die Gewaltfreie Kommunikation entwickelt hat, macht das explizit, indem er sagt „Behind every inhuman deed is a human need.“ Bedürfnisse wie Verständnis, Gemeinschaft, Sinn, Autonomie, Intimität, Spaß und Sicherheit drücken Qualitäten aus, die wir wohl alle gerne in unserem Leben haben und für die wir uns entscheiden, wenn wir handeln. Die Entscheidungen könnten dramatische Konsequenzen haben und zu etwas führen, was wir nicht gewollt haben. Aber wie gesagt, der Impuls bleibt der, etwas zu tun, was wir für „gut“ befinden.

Wenn das so ist, kann man sich fragen, wie kommt es dann, dass unterschiedliche Menschen so verschieden handeln und so verschiedene Entscheidungen treffen. Oder auch, wie kommt es, dass wir zuweilen Dinge tun, die wir uns selbst nicht erklären können. Dinge, die so offensichtlich destruktiv scheinen, dass niemand, der aufrichtig daran interessiert wäre, Gutes zu tun, sich je dafür entscheiden könnte.

Bewusstseinsentwicklung

Meine bisher beste Antwort darauf ist Bewusstseinsentwicklung. Mit Bewusstsein meine ich, meine Kapazität zu merken, was los ist. Und das kann sich auf meine innerpsychischen Prozesse beziehen, auf das was ich mir wünsche, sowohl offen, wie auch verdeckt, aber auch auf die Dynamik der ganzen Welt um mich herum. Von mir selbst zur Familie, zu Freunden, zu Kollegen, zur Gesellschaft, in der ich lebe, zur ganzen Welt. Das Bewusstsein dafür ist in einer ständigen Entwicklung (wenn auch unterschiedlich schnell), einfach weil ich jeden Tag mit mir und der Welt zu tun habe und unterschiedlichen Umständen ausgesetzt bin, die mich auf verschiedene Dinge aufmerksam machen. Je mehr und je bewusster ich das erlebe, also je mehr ich lerne, das, was ich erlebe, auch benennen zu können, desto größer wird mein Bewusstsein, desto mehr relevante Faktoren fließen in meine Entscheidungen mit ein. Und desto wahrscheinlicher, dass meine Entscheidungen wirklich in Harmonie mit dem sind, was ich in die Welt bringen will.

Es gibt eine ganze Reihe von Psychologen, die diese Entwicklung untersuchten haben, unter anderem Robert Kegan, Lawrence Kohlberg, Jean Piaget, Susanne Cook-Greuter, Carol Gilligan, James Fowler, Clare Graves und Don Beck. Davon erfahren habe ich vor allem durch die Literatur von Ken Wilber.

Ein Beispiel für eine relativ simple Entwicklungsbeschreibung ist die der moralischen Entwicklung, untersucht durch Lawrence Kohlberg. Er hat sehr viele Leute gefragt, was sie zu einem moralischen Dilemma sagen und wie sie sich entscheiden würden. Das Dilemma ist, dass Dein Lebenspartner todkrank im Bett liegt und Du kein Geld hast, die notwendige Medizin zu kaufen. Du könntest sie aber stehlen. Wäre das okay, hättest Du ein Recht darauf?

Grundsätzlich gab es drei Antworten: Ja, Nein und Ja. 1. „Ja, weil ich bestimme, dass es okay ist und ich das will.“ 2. „Nein, das Gesetz verbietet es, ich kann das nicht tun.“ 3. „Ja, denn es gibt Situationen, in denen es wichtiger ist, das Leben zu schützen, als das Gesetz zu befolgen. Schließlich hat das Gesetz letztendlich auch den Sinn, das Leben zu schützen.“ Jede der Antworten zeigt ein anderes Maß an Bewusstsein, einfach weil die Begründungen so verschieden sind.

Wurde diese Frage nach einiger Zeit noch einmal gestellt und hatte jemand 2 geantwortet, so gab es bei Veränderung immer nur eine Verschiebung von 2 zu 3 und nie zu 1. Das heißt, wir haben es mit einer Sequenz zu tun, Menschen entwickeln sich durch diese Stufen hindurch und die Reihenfolge ist unumkehrbar. Hat man einmal gelernt, auf mehr zu achten, kann man auch nicht mehr anders, außer es zu berücksichtigen. Wenn man das nicht tut, z.B. durch Verdrängung, bekommt man wahrscheinlich ganz schöne Bauchschmerzen.

Egozentrik, Ethnozentrik, Weltzentrik

Eine Art diese Stufen zu benennen wäre egozentrisch, ethnozentrisch und weltzentrisch. Das bedeutet, am Anfang der Entwicklung werden nur die Bedürfnisse berücksichtigt, die direkt am eigenen Körper spürbar erfüllbar sind. Dann kommen die Bedürfnisse der eigenen Gruppe, Nation, Glaubensgemeinde hinzu, deren Berücksichtigung auch wichtig ist, für das eigene Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Und schließlich bekommen auch die Bedürfnisse aller Menschen auf der Welt einen Platz im Bewusstsein. Das bedeutet nicht, dass ich alle Bedürfnisse in jedem Moment in meine Handlungen mit einbeziehe, sondern dass das Wohlergehen aller Menschen mich beeinflusst, wenn ich davon erfahre. Ich bekomme, mit, wenn es anderen nicht gut geht und werde motiviert, etwas dafür zu tun, wenn ich denn weiß wie.

Sowohl ethnozentrisch als auch weltzentrisch schließen egozentrisch mit ein. Das heißt die höheren Stufen negieren die niedrigeren nicht, sondern bauen auf ihnen auf. Deswegen muss man sich zunächst bis ethnozentrisch entwickeln, um zu weltzentrisch vorzustoßen. Ich nenne diese sich entwickelnden Kapazitäten auch Bewusstseinsstrukturen, da jede Stufe mit Glaubenssätzen über sich und die Welt einhergeht, so wie ausgedrückt in den Begründungen bei Kohlbergs Studie, und diese Glaubenssätze eine Struktur haben.

Es hängt also von der Bewusstseinsstufe und -struktur ab, was konkret ich meine, wenn ich sage, dass ich etwas für „gut“ befinde. So lange ich mich vom Bewusstsein her auf egozentrisch befinde, wird mir gar nicht auffallen, dass meine Handlungen sehr unangenehme Konsequenzen für andere haben können und ich werde mein Verhalten von daher nicht daraufhin anpassen. Der Mann, der den Jungen vergewaltigt, handelt definitiv von dieser Stufe aus. Von den Erzählungen her, in denen Marshall Rosenberg mit Gefängnis-Insassen gearbeitet hat, die wegen Vergewaltigung verurteilt wurden, weiß ich, dass in dem Moment, in dem dem Täter klar wird, was für ein Leid aus seiner Tat resultiert ist, er sehr unglücklich wird und Wege sucht, zu verhindern, dass das je wieder passiert. Aber bevor er zu dieser Perspektive kommen kann, braucht er Hilfe dabei, die Bedürfnisse anzunehmen und zu integrieren, die er aus der egozentrischen Perspektive heraus hat erfüllen wollen. Wie gesagt, egozentrisch ist ein Bestandteil von ethnozentrisch, ist ein Bestandteil von weltzentrisch. Erst wenn ich gut für mich sorge, weiß ich wie ich für andere sorgen kann. Erst dann weiß ich, wie gut es sich anfühlt, gut versorgt zu sein und werde so motiviert sein, dasselbe Glück auch in anderen zu erschaffen. Glück ist erst erfüllend, wenn es geteilt wird. Und erst wenn ich das weiß, werde ich für alle sorgen wollen.

Das Thema Bewusstseinsentwicklung ist mit Sicherheit weitaus komplexer und es kann gut sein, dass ich in späteren Artikeln nochmal darauf eingehe zu erzählen, welche Erkenntnisse die Leute hervorgebracht haben, die ich eben alle genannt habe. Ich habe großen Spaß daran und lerne die Welt auf eine andere, liebendere und freiere Art zu sehen. Für den Moment soll dieses simple Modell aber reichen. Das Prinzip ist klar, hoffe ich.

Zusammenfassung

Um es zusammenzufassen: Ich kann zwar machen was ich will, aber nicht wollen was ich will, denn was ich will wird immer sein, das Leben zu bereichern. Was ich als das Leben erkenne und welche Bedürfnisse mir als wichtig erscheinen hängt davon ab, wie entwickelt mein Bewusstsein ist. Das wiederum wird bestimmt dadurch, wieviel Gelegenheit ich in meinem bisherigen Leben hatte, meine eigenen Bedürfnisse zu erkennen und zu integrieren, so dass ich zu den Bedürfnissen anderer aufwachen, sie bemerken kann. Diese Gelegenheiten sind abhängig vom sozialen Kontext. Und um dieses „Bemerken“ herum entwickeln sich dann Bewusstseinsstrukturen, die aus Regeln, Glaubenssätzen, Ideen, Überzeugungen und Haltungen bestehen. Immer, wenn ich mehr Bedürfnisse erkenne und integriere, ändern sich diese Bewusstseinsstrukturen, werden weiter, umfassender, kohärenter.

Dann wäre da noch die spannende Frage, ob man in der Hirnforschung Wege finden könnte, Korrelate für diese Bewusstseinsstrukturen zu finden. Wahrscheinlich würden die vor allem offensichtlich, wenn es Änderungen gibt. Eine 40 Minuten Empathie-Session, bei der jemand einen klaren und liebevollen Kontakt zu seinen Bedürfnissen findet, kann unter Umständen mehr Integration und Transformation bewirken als 6 Jahre Psychoanalyse, also wäre es sicher spannend zu sehen, ob sich das messen ließe.

Zuletzt noch ein paar Sätze zur Willensfreiheit: Ich glaube, sobald klar ist, dass wir nichts tun können, was wir nicht für gut befinden, wird das kein philosophisches Problem mehr sein. Es ist ungemein beruhigend, zu wissen, dass ich meiner Absicht vertrauen kann – selbst wenn das Bewusstsein nicht immer mitmacht. Und dass das so ist, wird klar, wenn ich jede meiner Handlungen aus der Perspektive heraus sehen kann, aus der heraus ich mich für sie entschieden habe. Wenn ich den Kontext und die Bedürfnisse sehe, die ich erfüllen wollte. Nur so ist es möglich dazu zu lernen, ohne den Respekt vor sich selbst zu verlieren. Und darauf kommt es doch an.

Der Mann, das entbehrliche Geschlecht, oder: Ein Deal, bei dem niemand gewinnt

Wow! Ich bin sooo begeistert! Ich habe mir gerade ein Gespräch zwischen Ken Wilber und Warren Farrell angehört zum Thema „Does feminism discriminate against men?“ Und JA! JA! JA! Da ist definitiv etwas dran. Ich hab das schon oft gespürt und mich in Zwickmühlen gefunden, einfach weil die feministische Position zwar Teilwahrheiten enthält, hinter denen ich stehe, aber auch einiges auslässt.

Beim Feminismus geht es mir vor allem um den Vorwurf, die Geschichtsschreibung sei ein Dokument männlicher Unterdrückung der Frauen gewesen, das Patriachat, welches sich so organisierte, dass Männer die Macht bekommen und Frauen nicht. Dementsprechend wäre die Macht das Mannes Schuld an der Misere der Frau, dass sie nicht wählen kann, welchen Platz und welche Rolle sie in der Gesellschaft spielen und wie sie leben will. Dieser Vorwurf ist so eine Verdrehung der Tatsachen, dass er zumindest in meinem Fall zu enormer Irritation und Ärger führt. Ich will erklären was ich meine.

Zunächst, die Macht die Männer von der Gesellschaft her haben ist keine wirkliche Macht. Ich definiere Macht so, dass man die Kontrolle über sein eigenes Leben hat, bestimmen kann, was man machen will und so die Gelegenheit hat, seinem Herzen zu folgen. Das was Männer an Machtpositionen heute einnehmen ist das genaue Gegenteil davon. Nicht nur wird man nur an seinem Erfolg gemessen, man hat keinen besonders großen Spielraum, selbst zu definieren, wie man diese Position ausfüllt. Letztlich wird man als Manager oder Präsident rausgeschmissen, wenn man sich nicht an die Regeln hält oder neue Ideen einbringen will. Es ist genauso eine Rollenvorschreibung wie die, dass die Frau vor den Herd gehört. Und ich persönlich HASSE diese Rollenvorschreibung, ich will sie nicht, ich will Freiheit, Offenheit, Verbindung mit anderen Menschen. Und ich will damit spielen, statt irgendetwas zu müssen, von dem ich nicht sehe, wie es zum Wohlergehen meiner selbst oder anderer beiträgt.

Als zweites: Frauen haben genauso Macht in diesem alten System, bloß ist diese nicht so sichtbar. Es ist sexuelle Macht. Das heißt, die Frau bestimmt, wer bei den Männern sexuell attraktiv ist. Und wenn Männer nicht den Kriterien entsprechen, bekommen sie keinen Zugang zu Liebe. Das ist mal ein heftiger Anteil der Macht. Und wenn das nicht gesehen wird… dann werden Männer beschuldigt Macht zu haben, die eigentlich nur Camouflage für ihre Machtlosigkeit ist. So kommt niemand weiter.

Der Hintergrund ist weder Männern noch Frauen in die Schuhe zu schieben, sondern dem Umstand, dass bis vor kurzem (historisch gesehen) Überleben wirklich die Hauptbeschäftigung jeder Gesellschaft war. Und je nachdem, was der Haupt-Modus der Produktion ist, gibt es unterschiedliche Arbeitsaufteilungen zwischen den Geschlechtern, schon allein vom Unterschied der körperlichen Kraft her. Die Arbeitsaufteilung die am üblichsten ist, ist die, dass der Mann die Beschützer- und Brotverdiener-Rolle einnimmt, während die Frau die Kinder aufzieht. Diese Arbeitsteilung hat verschiedene Konsequenzen. Eine, die ich weniger stark gewichte ist die, dass Abweichler wie Homosexuelle nicht geduldet werden, weil sie nicht in die Rollen passen. Die Konsequenz, die mir aber am wichtigsten ist, ist die, dass Männer und Frauen diejenigen Vertreter des anderen Geschlechts für am attraktivsten halten, die am besten in die Rollenvorstellungen passen. Männer müssen demnach stark, dominierend und wettbewerbsorientiert sein um einen guten Beschützer abzugeben. Und Frauen müssen jung, hübsch, gut gebaut sein und ihre Aufgabe als wärmende Mutter und Unterstützerin der Karriere des Mannes erfüllen. Und sowohl Männer als auch Frauen verstärken dieses Muster, indem sie Partner suchen, die diesen Kriterien entsprechen, so dass es sich in der Hinsicht lohnt, genauso zu sein. Aber das hat nichts mit Macht und alles mit Ohnmacht zu tun – in dem von mir definierten Sinne.

Die Umstände, aus denen der Feminismus überhaupt erwachsen konnte sind gerade die, in denen Männer die ökonomische Situation von Frauen soweit abgesichert hatten, dass diese sich darüber Gedanken machen konnten, wie sie gerne leben möchten. Und da fiel ihnen auf, dass es nicht erfüllend ist, einer Rolle nachzuleben. Ihnen fiel auf, dass es keine Freude macht mit Männern zu leben, die einer Rolle nachleben. Sie wollten Selbsterfüllung, echten Kontakt, echte Intimität, was mit einem Mann, der gelernt hat seine Gefühle nicht zu beachten, da sie im Kampf und im Wettbewerb im Wege stehen, einfach nicht zu haben ist. Und die Enttäuschung und Wut darüber, das im besagten Rollenkorsett nicht bekommen zu können drückte sich in dem Vorwurf darüber aus, dass die Männer aufgrund ihres Strebens nach Macht alles kaputt machten und die Frauen in ihrem natürlichem Potenzial und ihren Bedürfnissen unterdrückten.

Die andere Seite der Geschichte ist aber, dass Männer Macht nicht suchen, weil sie an Macht interessiert sind, sondern weil sie Zuneigung und Liebe suchen und gelernt haben, dass der liebende Familienvater, wenn er der Liebe würdig sein will, nicht zu Hause sondern auf der Arbeit seine meiste Zeit verbringen muss. Er muss kämpfen, hart und stark sein, dann ist er okay. Man könnte gewissermaßen das Argument der Unterdrückung vollkommen herumdrehen und behaupten, die Frau unterdrücke den Mann, indem sie ihn nur mit Liebe belohne, wenn er sich um den Broterwerb kümmere. Aber das wäre genauso kurzsichtig wie die andere Geschichte. Nein, wir brauchen was integraleres, was die Macht und Verantwortung beider Geschlechter klärt.

Bevor ich aber auf die integrale Perspektive der Geschichte eingehe, will ich loswerden, wie weh es tut mit Botschaften bombadiert zu werden, die implizieren, dass der Mann das entbehrliche Geschlecht sei. Dass ein Mann dann Mann sei, wenn er bereit sei sich zu opfern, im Kampf zu sterben, damit die anderen überleben können. Dass ein Mann nur dann wertvoll sei, wenn sein Wert darin besteht, dass er ersetzbar ist. Es ist zum Kotzen. Und am schlimmsten fühlt es sich an, wenn ich von Frauen höre, insbesondere, wenn ich an ihnen interessiert bin, dass sie genau diesen entbehrlichen Mann zu wollen scheinen. Den Beschützer, der sich aufopfert, den Gewinner. Es ist nicht verwunderlich angesichts der Sozialisierung und wie gesagt, unter Umständen, wo es um’s Überleben geht, ist es wohl kaum zu vermeiden – ökonomische Absicherung beruhigt auch mein Gemüt ungemein. Und gleichzeitig wird dabei der Wert als Mensch, als Person mit reichem Innenleben, dem Wunsch etwas zu erschaffen, zu lieben, da zu sein, mit dem Leben zu tanzen, überhaupt nicht beachtet.

Das sorgt glaube ich auch für all die Enttäuschungen die Frauen mit Männern haben. Immer wieder suchen sie nach dem Mann, mit dem sie glücklich sein können, der sich ihnen öffnet, seine Gefühle teilt, der MIT ihnen da ist, MIT ihnen lebt, statt an ihnen vorbei. Und gleichzeitig wollen sie den starken Versorger, der’s drauf hat, der sie ökonomisch absichert, der im Wettbewerb besteht. Und die zwei Dinge gehen einfach nicht zusammen! Man kann nicht gleichzeitig kämpfen und fühlen! Es geht einfach nicht. In dem Moment, in dem ich mit meinen Gefühlen statt mit meinen Feindbildern in Kontakt bin, WILL ich nicht mehr kämpfen. Ich will stattdessen nach Wegen suchen, die für alle beteiligten funktionieren, statt die andere Seite zu besiegen. Ich halte persönlich das für genau die Stärke, die auch langfristig für Schutz sorgt. Nur wird das, ausgehend von einem Überlebenskontext, in allzu vielen Fällen als Schwäche und Aufgeben interpretiert, so dass Männer, die sich darum bemühen, an Attraktivität einbüßen. Und ich zähle mich dazu.

Eine weitere verwirrende Ebene ist der Umgang mit Sexualität. Wenn wir uns vorstellen, ein Junge sitzt im Wohnzimmer und schaut einen Western oder Star Wars, oder wo auch immer Gewalt die Hauptstrategie zur Lösung des Konflikts ist, werden die Eltern vermutlich nichts sagen und das Kind gucken lassen. Die gleiche Szene mit einem nackten Paar auf dem Bildschirm die gerade dabei sind Sex zu haben wird vermutlich sehr anders aussehen. Und die Eltern werden kaum nach dem Kontext fragen, indem der Sex passiert, ob es z.B. liebevoll ist, sondern schon allein die Tatsache, dass es Sex ist wird als gefährlich eingestuft und der Junge vom Fernseher weggeholt. Es wird schwer für ihn sein, dass anders zu interpretieren als so, dass mit Sex irgendwas nicht stimmt? Dass es dreckig, gefährlich oder sonst was ist; ein Tabu, dessen Bruch den Ausschluss aus der Gesellschaft bedeutet.

Dann wächst er heran und bemerkt in der Pubertät, dass er sehr leicht erregbar ist, wenn er nur an Sex denkt, die Mädels um sich herum heranwachsen sieht, reifer werdend, sexy und attraktiv. Und er bemerkt auch, dass er offenbar mehr Interesse an Sex hat als die Mädels, was natürlich so ist, weil ihnen beigebracht wird, dass ein gutes Mädchen sich bedeckt hält. Aber das weiß er ja nicht und so stellt sich auch hier wieder die Frage, welche Bedeutung das hat.

Angesichts des Hintergrundes bleibt da nur wenig außer, dass mit ihm irgendwas nicht stimmt, dafür, dass er an so einer schmutzigen Sache interessiert ist. Und die Mädels stehen moralisch irgendwie besser da, da sie das offenbar nicht sind, jedenfalls nicht in dem Maße. Das wird noch extrem verstärkt durch Gesetze, die besagen, dass eine Frau im Nachhinein sagen kann, sie habe den Sex nicht gewollt, was es zur Vergewaltigung macht, und der Mann das nicht kann. Er könnte ja ebenso betrunken gewesen sein, aber hat nicht die Möglichkeit zu sagen, dass er nicht verantwortlich dafür sei, während die Frau das darf. Ein weiterer Punkt der eigenen Sexualität gegenüber misstrauisch zu sein – der Mann hat einfach vielmehr zu verlieren, wenn was schief geht, weil Väter eben Täter sind.

Jetzt vermischt sich diese Bedrohung des Selbstvertrauens auch noch mit der Erwartung, dass der Mann als Beschützer die Initiative übernehmen sollte, wenn es dazu kommt, dass man sich für einander interessiert – schließlich wäre das ein Zeichen dafür, dass er die Beschützer-Rolle souverän richtig ausfüllt. Also soll der Mann das Risiko der Zurückweisung übernehmen und die Frau fragen, ob sie mit ihm ausgehen möchte. Das allein wäre ja schon nicht so einfach, aber wie soll er das vor sich selbst rechtfertigen, wenn sein eigentliches Ziel Sex ist, bzw. die Liebe, die er sich davon verspricht, während er doch vorher gelernt hat, dass Sex nicht okay ist? Wenn man nun noch Sex als eine Art Unterzeichnung eines ökonomischen Vertrags versteht, was Sex eine lange Zeit auch war in Verbindung mit der Ehe, dann wird in dem Kontext ersichtlich, warum Männer immer so schnell Sex wollen: Um die Zeitspanne, in der sie zurückgewiesen werden können, so klein wie möglich zu machen.

Es geht also nicht darum, dass der Mann Sex will und zwar so schnell wie möglich, sondern dass er den ZUGANG zu Liebe und Sexualität so schnell wie möglich zu sichern versucht, unter Bedingungen, die solche Leute favorisieren, die sich rücksichtslos um Wettbewerb behaupten können. Das muss schnell gehen, sonst ist die Chance wieder weg. Und wenn er dann in einer monogamen Beziehung ist, wundert er sich, dass seine Qualitäten nicht weiter geschätzt werden, da seine mehr oder weniger aufgeklärte Freundin sich jetzt mehr Offenheit und emotionale Verbundenheit wünscht, echte Intimität eben.

Wer soll da noch schlau draus werden? Ehrlich, bei so vielen sich widersprechenden Forderungen, um das wichtigste auf der Welt zu bekommen, nämlich Liebe, wer soll da zurecht kommen? Ich zumindest habe enorme Mühe damit.

Zuletzt ist da noch der Punkt, dass das blame-game, der Vorwurf der Frauen an die Männer, die Frauen der eigenen Macht beraubt. In Macht sehe ich dasselbe wie Verantwortung. Wer in der Lage ist zu antworten, hat Macht. Wer die Verantwortung abgibt, hat keine mehr. Man bleibt in der Position des Rebellen stecken und es bewegt sich nichts, weil das erst möglich wird, sobald man nicht mehr gegen etwas Altes, sondern für etwas Neues ist.

Eine integralere Perspektive könnte helfen zu zeigen, was dieses Neue ist. Letztendlich haben wir es hier mit einer gesellschaftlichen Entwicklung zu tun, die auch jeder einzelne durchlaufen muss. Wir können dazu die Skala von Maslows Bedürfnispyramide nehmen, die hierarchische Entwicklung von Strategien zur Erfüllung von Bedürfnissen beschreibt. Die Bedürfnisse umfassen physische Bedürfnisse, Sicherheit, Zugehörigkeit und Liebe,Wertschätzung und Selbstverwirklichung. Das traditionelle Modell der Beziehung zwischen den Geschlechtern entspricht der Stufe Sicherheit auf der Pyramide. Es geht um das Überleben. Und als die Männer den Rahmen dafür geschaffen hatten, dass Frauen sich darum keine Sorgen mehr machen mussten, konnten sie sich der „höheren“ Bedürfnisse bewusst werden. Der Wunsch nach einem erfüllteren Leben wird wach. Viele Männer sind (noch) nicht in dieser Position. Die Sorge um die Sicherheit hält sie in der Rolle fest, wo sie sich befinden. Und niemand, wirklich niemand kann gewinnen, wenn man sie dafür verurteilt!

Wir brauchen den Raum, in dem Männer und Frauen sich sicher genug fühlen können, sie selbst zu sein. Damit meine ich sowohl physischen Raum, als auch soziokulturellen Raum. Einen Ort, an dem die alten Rollenvorstellungen und Urteile von und über sowohl Männern als auch Frauen nicht verstärkt werden, sondern ein Bewusstsein dafür wachsen kann, was uns wirklich am Herzen liegt, was uns frei macht und was uns wirkliche Macht gibt: die Möglichkeit über unser Leben zu entscheiden.

Bisher hat man da vor allem auf die Frauen geachtet, sie gestärkt und ihr mehr Freiheit eingeräumt. Ich schätze das sehr und habe große Freude daran. Aber niemand kann ernsthaft erwarten, dass uns das grundsätzlich irgendwohin bringt, wenn das gleiche nicht auch für die Männer geschieht.

Für mehr, hier ein Interview mit Warren Farrell:

Bilder der Welt

Seit ich Alan Watts‘ Werk kenne, bin ich immer wieder erstaunt darüber, wie unser Common Sense auf Ideen und Analogien basiert, die wir für so selbstverständlich halten und oft genug wörtlich nehmen, dass sie uns blockieren und den Blick zur direkten Wirklichkeit versperren. Ich möchte von den drei großen Bildern der Welt sprechen. Das Bild des Konstruktes aus der judeo-christlichen Tradition, das Bild des Dramas aus dem Hinduismus und das Bild des Organismus aus dem chinesischen Taoismus. Fange ich mit dem judeo-christlichen an.

Die Analogie des Konstrukteurs ist eine sehr alte, da sie jedem gleich einleuchtet, der Produktionsprozesse kennt. In der Bibel ist davon die Rede, wie Adam aus Erde geformt wird und ihm der göttliche Atem eingehaucht wird, der ihn zum Leben erweckt, wie ein Töpfer eine Tonfigur formt und ihr dann mit Magie Leben einhaucht. Pinocchio quasi. Der Schöpfer ist dann derjenige, der seine Schöpfung in und auswendig kennen muss, da er sie ja zusammen gesetzt hat. Er legt auch die Regeln fest. Und er hat auch die Macht, seine Schöpfung wieder zu zerstören, wenn er nicht zufrieden mit ihr ist. Wenn wir uns so sehen, sorgt das für eine Beziehung zu uns selbst und zu was immer all das hier ist, bei der wir uns abgetrennt von allem anderen sehen (vor allem vom Schöpfer, der Urkraft des Lebens und die Energiequelle) und ständig darum kämpfen müssen, dazu zu gehören und des Lebens würdig zu sein. Es ist nicht selbstverständlich oder aus sich selbst heraus klar, sondern geht immer mit der Erfüllung von Bedingungen einher. Soweit das Bild.

Im Westen wurde das Bild mit der Aufklärung ersetzt, da man eine andere Art entdeckt hatte, Prophezeiungen zu machen nämlich das Experiment. Um mit Hilfe von Experimenten herauszufinden, was unter bestimmten Umständen passieren würde, musste man nicht mehr von einem Schöpfer ausgehen, der alles lenkt, da die Gott-Hypothese für die Vorhersage keinen Unterschied macht. Was immer passiert, passiert durch Gottes Hand, also kann man ihn sozusagen aus der Gleichung kürzen, ohne dass das Ergebnis sich verändert. Zuvor war es sehr wohl wichtig, da man sich für Vorhersagen auf Propheten verlassen hat, die mehr über Gott zu sagen hatten als andere.

Abgesehen davon war man froh Gott dafür nicht mehr zu brauchen, da doch einige Leute es satt waren, sich jederzeit vorzustellen, auf Bewährung auf der Erde zu sein. Jeder Schritt wird beurteilt und das Leben wird von Schuld begleitet. Und so sehr man vielleicht fürchtete, dass an den alten Mythen was dran war, so sehr wollte man auch endlich Ruhe und Frieden haben. Die Konsequenz war, dass man dem Universum Gott abgesprochen hatte und damit leider auch jegliche Intelligenz. Was übrig blieb ist das Modell des Automaten. Alles funktioniert nach mechanistischen Prinzipien, nach Gesetzen (ein Überbleibsel aus dem Modell des Konstrukteurs) und wenn man die herausfinden kann, weiß man wie das ganze funktioniert. Wie das Universum entstanden ist? Keine Ahnung, aber es muss Zufall gewesen sein, denn wir haben ja dem Universum jegliche Intelligenz abgesprochen. An dieses Modell glauben heute sehr viele Menschen, viel mehr, denke ich, als an die Idee eines Schöpfers.

Kausalität ist Teil dieses Modells. Hinter Kausalität steht die Annahme, dass Ereignisse durch vergangene Ereignisse erklärt werden. Es ist wie wenn man einen Eimer Murmeln umkippt und dann beobachtet, wie die Murmeln einander anstoßen. Und wenn man das dann zurückverfolgt, erklärt man sich daraus, wie die Murmel sich bewegt und bewegen wird.
Meine Frage wäre hier allerdings, wie weit man in die Vergangenheit zurück gehen muss, um bei der wirklichen Ursache anzukommen. So z.B. bei einem neurotischen Kind, das für verdorben und verwöhnt befunden wird. Eine bestimmte Haltung sagt, dass man das Kind dafür strafen soll. Dann kommen andere hinzu und sagen „Das ist nicht fair, schließlich sind die Eltern neurotisch und haben das Kind so gemacht.“ Soll man also die Eltern schlagen, weil sie Schuld daran sind? Die aber werden dasselbe sagen und es auf ihre Eltern schieben. Und so geht das ganze bis zurück zu Adam und Eva, wo Adam Eva beschuldigte, ihn zum Biss in den Apfel verführt zu haben. Eva beschuldigte die Schlange, die… nichts sagte. Denn die Schlange, die ein Engel ist, war weise genug zu wissen, wo die Kette beginnt. Nämlich jetzt. Die Vergangenheit erklärt nichts. Wir verschieben die Erklärung lediglich immer weiter nach hinten und das erklärt gar nichts. Es ist wie das Kielwasser eines Schiffs. Das Schiff, die Gegenwart, erzeugt das Kielwasser, die Vergangenheit. Das Schiff wird schließlich nicht durch sein Kielwasser angetrieben.
Was durchaus erklärt was passiert ist die Gegenwart. Allerdings ist die interessante Frage überhaupt nicht, warum etwas passiert, sondern was passiert. Nicht die Frage, warum ich in diesem Forum schreibe, sondern was ich dabei empfinde und was es mir bringt. In welchem Kontext es stattfindet. Das passiert jetzt. Und es ist nicht erklärbar durch das, was vorher passiert ist.

Um die indische Idee von der Welt zu verstehen, muss man sich folgendes vorstellen: Einmal angenommen, ich könnte träumen was ich will. Ich lege mich schlafen und kann innerhalb einer Nacht mehrere Leben erträumen, in denen ich selbst alles tun und erleben könnte, was ich nur will. Die tollsten Abenteuer, die sinnlichsten Stunden, die aufregendsten Unternehmungen. Ich werde das für mehrere Nächte tun, um das ganze Spektrum der Möglichkeiten auszukosten. Nachdem ich das gehabt habe, werde ich langsam satt und überlege mir, wie man die Sache wieder interessanter machen kann. Und ich komme zu dem Schluss, dass es nur interessanter werden kann, wenn ich einen Teil meiner Kontrolle aufgebe. Es sollen Überraschungen passieren. Ich möchte mitten in der Geschichte erleben, wie es ganz anders kommt, als ich dachte. Ich möchte, dass es sogar gefährlich wird, damit ich mich darüber freuen kann, wenn die Gefahr wieder vorüber ist. Der Kontrast macht es aufregend. Nach einiger Zeit bekommt auch das Spuren der Langeweile, da ich immer noch sehr genau weiß, dass ich träume und am nächsten Morgen alles wieder in Ordnung ist. Und irgendwann gehe ich soweit, dass ich träume und dabei auch die Macht aufgebe, zu wissen, dass ich träume. Ich verliere mich in der Geschichte. Ich erlebe alles als vollkommen echt und weiß nicht, dass ich es mir ausgedacht habe, um mich zu unterhalten. Und genau das ist, aus der indischen Perspektive, was hier und jetzt mit jedem von uns passiert. Es ist ein Drama und das Selbst ist der Schauspieller, der alle Rollen spielt. Du und ich, wir sind derselbe Spieler, der sich von einer anderen Perspektive aus betrachtet und sich nicht mehr erkennt – zum Spaß an der Freud.
Beachtet, dass dies genauso eine Analogie ist, wie die des Konstrukteurs, abgeleitet aus einem alltäglichen Prozess, den wir alle erleben. Aber sie hat sehr andere Konsequenzen in unserer Beziehung untereinander, zu uns selbst und zum Universum.

Das Bild des Universums aus China, und ich beziehe mich hier auf den Taoismus,  ist hingegen einem Organismus nachempfunden, der aus sich selbst heraus wächst, wie ein Baum oder eine Blume. Ein Organismus ist etwas sehr anderes als ein Konstrukt, da er nicht aus einzelnen Teilen zusammen gesetzt wurde, sondern alle Aspekte des Organismus wachsen gleichzeitig und miteinander. Sie sind nicht voneinander trennbar, bzw. wenn man sie trennen würde, stirbt der Organismus, während ein Konstrukt so lange nicht mehr funktioniert, bis man ein Ersatzteil gefunden hat. Man kann auch nicht fragen „Was ist dein Liebblingsorgan?“ einfach weil man sie, um gesund zu sein, alle braucht. Und genauso hat es wenig Sinn zu fragen, wer der Boss im Körper ist. Sicher, viele würden sagen, dass das Gehirn alles kontrolliert. Aber anders betrachtet könnte man durchaus auch glauben, dass der Magen das Gehirn entwickelt hat, damit man besser an gutes Essen kommt. Letztlich hängt alles von allem ab und eine Sache zu isolieren sorgt nur dafür, das alles stirbt. Im Chinesischen Weltbild des Taoismus gibt es also keinen Boss. Alles ist in Beziehung zu allem anderen auch und nur als ganzes kann es funktionieren.
Das chinesische Wort für Natur ist tzu-jan, was so viel heißt wie „aus sich selbst heraus so“. Es besagt, dass natürlich ist, was spontan so ist, wie es ist, ohne vorher zu überlegen oder es zu konstruieren. Es sagt viel aus, glaube ich, dass wir davon sprechen, dass wir wir selbst sein können, wenn wir keine Angst davor haben in Gegenwart einer anderen Person auszudrücken, was wir spotan fühlen. Implizit darin steckt, dass wir nicht wirklich sind, wer wir denken, dass wir sind, sondern etwas viel größeres und etwas, was sich nicht in Worte fassen lässt.
Die erste Zeile im Tao Te Ching spricht davon, dass man das Tao, also die Kraft, die allem unterliegt und in ihm liegt, nicht in Worten ausdrücken kann. „Selbst der Gott des Frühlings weiß nicht, wie die Blumen wachsen.“ Damit ist gemeint, dass er nicht in Worten sagen kann, wie sie es tun. Genauso wenig können wir in Worten sagen, wie wir uns Nägel und Haare wachsen lassen, wie wir unser Blut zirkulieren, wie wir unsere Temperatur regeln, unsere Knochen und Nerven wachsen lassen. Aber wir tun es. Es passiert. Und vom chinesischen Standpunkt aus, ergibt es von daher am meisten Sinn, vom Universum als etwas zu denken, was spontan, aus sich selbst heraus so ist.

Die beiden Bilder ergeben für mich genug Kontrast, um zu bemerken, dass das, was ich zuvor für Common Sense und klar gehalten habe, eine ziemlich willkührliche Metapher ist. Sie hat eine gewisse Anschaulichkeit und so weit, wie sie hilft klarer zu sehen und im Leben zu stehen, ist sie auch willkommen. Aber sie kann sehr blockieren, wenn man sie zu wörtlich nimmt. Und dann ist es an der Zeit, jede Vorstellung, jedes Wort über die Wahrheit und jedes Bild zu vergessen und wieder zu bemerken, dass die Welt nicht beschreib- sondern nur erlebbar ist.

Detachment und Non-Attachment

Kürzlich noch hatte ich mit Buddhisten eine Diskussion über Wut. Es ging darum, wie man merkt, dass man über Wut hinweg ist, wo man sie doch genauso gut verdrängt oder unterdrückt haben könnte. In beiden Fällen würde man sie nicht spüren. Das Thema interessiert und beschäftigt mich sehr, weil ich selbst dabei bin zu entdecken, dass Wut, von der ich dachte, ich hätte sie einfach nicht, vor allem keinen Platz in mir fand, weil ich zu große Angst vor ihr hatte und fürchtete, sie würde Dinge kaputt machen, sobald ich sie nur fühle. Das ändert sich gerade und ich finde sehr heilsam, was für eine Energie darin steckt, die Wut erstmal überhaupt fühlen zu können, ohne sie auszuagieren. Das will ich weiter vermitteln.

Außerdem hat ein Freund mich neulich auf das Thema Scham angesprochen. Und dazu ist zu sagen, dass Scham immer mit Glaubenssätzen einhergeht, die alle „Ich sollte so nicht sein“ und „Irgendwas stimmt mit mir nicht, so wie ich bin“ zur Kernaussage haben. Mir ist dazu etwas wichtiges eingefallen, das ich mit den Begriffen Detachment und Non-Attachment erklären will.

Ich würde dazu von einer Drei-Stufen-Entwicklung sprechen, wenn es darum geht, mit Bedürfnissen und Wünschen in Verbindung zu sein: Detachment, Attachment, Non-Attachment. Detachment ist der Zustand, in dem du einen Wunsch oder ein Verlangen in dir gar nicht zulässt, weil du nur Schmerz damit erlebt hast. Du hast gelernt Wunsch+Welt=unerträgliches Leid. Das ist dann in einem Glaubenssatz zusammengefasst. Und wenn du dann doch mit dem Wunsch in Kontakt kommst, in einer Umgebung, die das nicht unterstützt, kommt die Befürchtung des unerträglichen Leides wieder hoch. Im Grunde genommen ist das wie ein ganz kleines Kind, welches neu in der Welt ist und erst lernen muss zu vertrauen, dass es willkommen ist und einen Platz hat.

Nächster Schritt ist Attachment. Dabei gewinnst du Vertrauen zu mindestens EINER Quelle zur Erfüllung deiner Wünsche und Bedürfnisse. Im Idealfall passiert genau das im sechsten Monat nach der Geburt. Vorher ist das Vertrauen, jedenfalls einiger Psychologen zufolge, noch nicht möglich, weil erst dann auftaucht, was man Objekt-Permanenz nennt: Das Kind hat eine Repräsentation von der Mutter, selbst wenn diese nicht da ist. Und darauf basiert dann das Vertrauen. Wenn das klappt und das Kind diese Bindung zur Mutter, dem Vater oder anderen Menschen findet, spricht man davon, dass das Kind eine sichere Bindung hat. Es ist „securely attached“. Das ist abhängig von der Sensibilität und Zugänglichkeit der Bezugsperson. Kann die Mutter sich einfühlen, reagiert sie auf die Wünsche des Kindes, gewinnt dieses Vertrauen, dass es angenommen wird.

Die letzte Phase ist Non-Attachment. Sie mag von außen wie Detachment aussehen, ist aber ganz anders. Non-Attachment basiert auf dem Vertrauen, bei Bedarf genau das zu bekommen, was man braucht und viele Quellen dafür zu haben. Und vor dem Hintergrund dieses Vertrauens braucht man an nichts festzuhalten. Man kann seine Gefühle voll empfinden, ohne Angst davor und dann loslassen. Detachment hingegen basiert auf dem Zwang, seine Bedürfnisse aufgeben zu müssen. Man fühlt keine Macht, sie irgendwie erfüllen zu können und ist deswegen hilflos. Um davor geschützt zu sein, spaltet man das Bedürfnis ab.

Diese Entwicklungslinie ist ein Paradebeispiel für die Prä-/Trans-Verwechslung von der Ken Wilber oft spricht. Detachment und Non-Attachment sehen gleich aus, weil sie beide nicht Attachment sind. Aber ich glaube unglaublich viele Leute sind detached und nennen das non-attached. Dadurch entsteht so viel Verwirrung und Scham in der Gemeinschaft von Leuten, die sich auf diesen Weg machen. Denn jedes Mal, wenn jemand Vertrauen sucht, sich öffnet, seine Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche zeigt, wird er von denen, die detached sind (und damit in ihren Glaubenssätzen über die Welt stecken, die dafür keinen Platz lassen) zurecht gewiesen, nach dem Motto „Was glaubst du wer du bist! Du bekommst nicht mehr als wir. Kümmer dich um deine spirituelle Entwicklung und dann wirst du das so wenig brauchen wie wir!“ Und dann denkst du „Oh, verdammt. Ich sollte das gar nicht brauchen. Ich bin einfach noch nicht entwickelt genug.“ Und das hat noch nie funktioniert!

Ich möchte eine Gemeinschaft, die sich dieser Unterschiede bewusst ist. Die nicht vor ihrem eigenen abgespaltenen Schatten davon rennt, sondern ihn beleuchtet und liebevoll annimmt. Scham kann man nicht wegmeditieren, sondern sie braucht empathische Resonanz, so dass das Vertrauen gewonnen werden kann, dass man irgendwo wirklich einen Platz hat. Und erst von dieser sicheren Basis aus, kann man mit Freude hinaus in die Welt gehen und all die Möglichkeiten kennenlernen, ohne den Kontakt zu dem Ort des Vertrauens aufzugeben.

Idealerweise ist der Ort des Vertrauens die Familie und die Bezugspersonen sind die Eltern. Da aber die Eltern meisten ebenfalls keine sichere Basis erlebt haben, ist ihre Sensibilität und Fähigkeit empathisch mit den Wünschen des Kindes zu sein oft eingeschränkt, so dass Bedingungen daran geknüpft werden. Und so machen sich viele viel später auf den Weg, nach diesem Ort der bedingungslosen Liebe, nach dem sie ein Leben damit verbracht haben, bedingungslose Liebe dadurch zu bekommen, dass sie alle gestellten Bedingungen zu erfüllen versuchen, nur um dann zu merken, dass sie auf die Weise wieder nur bedingte Liebe bekommen.

Ich wünsche mir, dass unsere tiefen Herzenswünsche mehr Raum finden, mehr Orte zur Annahme und Präsenz damit. Dass sie eine Stimme bekommen und ihnen Macht verliehen wird. Erst so können wir wirklich frei und erfüllt genug sein, dass wir nicht anhaften, auf niemanden mehr Zwang ausüben und in einer Welt voller göttlichem Lachen und süßer Tränen leben.