Spiel

Ich hatte heute wieder Französisch bei Mathieu, zusammen mit Niki und Cathrine und wir haben einen französischen Film mit dem Titel „La belle verte“ gesehen. Er erzählt von einer Art Utopie auf einem anderen Planeten, auf welchem Menschen auf sehr einfache Weise leben. Sie haben keine Häuser, sondern schlafen im Gras-Nestern, sie essen Früchte, Gemüse, Körner, alles roh, sie sind sehr herzlich miteinander, mit viel Berührung und Offenheit für einander. Und sie spielen eine Menge, z.B. am Trapez und trainieren dabei ihre Körper. Das normale Alter, in welchem jemand stirbt ist etwa 250 Jahre. Es wirkt paradisiesch. Die Geschichte wird so dargestellt, dass diese Menschen vor langer Zeit ebenso organisiert waren wie wir, das aber alles abgeschafft haben, nachdem es zu viel wurde. Sie benutzen kaum noch Technologie, Feuer in seltensten Fällen, für das Schmieden von Messern, und sind dafür telepathisch begabt. Die Handlung des Films beinhaltet, wie eine dieser Bewohner zur Erde (Paris) reist und alles sehr merkwürdig findet. Sie trifft auf verschiedene Leute, die sie telepathisch von ihrer „Programmierung trennen“ kann und die plötzlich viel liebevoller und freundlicher sind.

Was in der Geschichte selbst passiert, ist nicht so wichtig für das was ich hier sagen will. Ich habe mich nämlich nachher mit Cathrine darüber unterhalten und wir haben uns beide gefragt, ob das wirklich so ideal wäre. Ich meine, wären wir zufrieden, so zu leben? Selbst wenn es wirklich bewusst, gesund und zwanglos ist, ist es das, was wir wollen?

Ich war zunächst misstrauisch, weil ich gern gewusst hätte, wie dort mit Leid umgegangen wird. Welche Rolle spielen Tod, Krankheit, Missverständnisse und deren Konsequenzen? Oder kommt das einfach nicht vor? Ich kann mir nicht vorstellen, dass das nicht vorkommt. Und irgendwo gehört es dazu, gehört zur Rafinesse und zur Würze der Welt. Cathrine fragte dann, warum mir denn wichtig sei, dass Leid da vorkommt. Ich sagte, wenn ich in dieser Gesellschaft leben würde und ich litt unter etwas, dann würde ich gerne verständnisvoll behandelt werden. Dann meinte sie, dass das ja von der Annahme ausging, dass ich da überhaupt leiden würde. Aber das wäre ja gerade nicht gegeben, wenn wir von dieser Utopie ausgingen. Das war ein Punkt für sie.

Dann aber meinte ich, dass die interessante Frage doch sei, was wir mit unserer Zeit anfangen, wenn wir nichts mehr tun müssen! Was wollen wir wirklich tun? Ich meine, so vieles von dem, was ich Menschen tun sehe, scheint eine sehr indirekte Art zu sein, zum Ziel zu kommen. „Zunächst muss ich das tun, damit ich jenes haben kann, welches mir wiederum erlauben wird, die Voraussetzungen dafür zu erfüllen, dass ich tun kann, was ich wirklich will.“ Und was ist das? Haben wir uns das wirklich mal gut überlegt?

Ich persönlich glaube, dass wir in dem Moment, in dem sich nichts „Notwendiges“ mehr anbietet, anfangen zu spielen. Das heißt, wir tun so, als ob es etwas Notwendiges gäbe, was es unbedingt zu tun gilt. Wir stellen zum Spaß Regeln auf, bei denen wir so tun, als ob wir uns an sie halten „müssten“ und dann gucken wir, wie gut wir darin werden, diese Regeln zu befolgen. Spiele funktionieren immer mit einer guten Mischung aus Zufall und Fertigkeit (randomness and skill). Das heißt wir brauchen gute Regeln, die einerseits Fertigkeiten erfordern, damit es nicht langweilig wird, aber auch Raum für Zufall lassen, so dass es nicht zu schwierig und analytisch wird. Irgendwann geht uns das Spiel dann auf die Nerven und wir entwerfen wieder ein anderes. Und dann entwickeln wir uns darin weiter. „Wie gut kann man in Montréal unter eiskalten Bedingungen auf Kirchen klettern? Ist St. Viateur einfacher oder St. Joseph?“ Nur um mal ein Beispiel zu nennen.

Jetzt ist der Knackpunkt, dass man irgendwann so absorbiert in seinem Spiel wird, dass man vergisst, dass es ein Spiel ist. Genau genommen ist das wieder ein Spiel für sich mit der Hauptregel „Die erste Regel dieses Spiels ist, dass es kein Spiel ist.“ Und könnte es nicht sein, dass wir genau das machen? Dass der Ernst des Lebens dieses Spiel ist, in welchem wir so tun, als wär’s keines?

Leid scheint mir genau das herausfordernde Element dieses Spiels zu sein. Die Regel, welche Skill erfordert, Entwicklung. Denn wir wollen besser darin werden, mit Leid umzugehen, es zu lindern und zu erleichtern. Aber wir wollen ganz sicher nicht, dass es verschwindet! Leid ist das Yin im Yin und Yang. Und fällt das Yin weg, fällt auch das Yang weg. Leid und Glück hängen zusammen, gehen zusammen und sind untrennbar, da wir das eine bloß erkennen können, wenn wir es mit dem anderen vergleichen und in den Kontrast dazu stellen. Ihr kennt bestimmt dieses Bild: http://web.mit.edu/persci/people/adelson/checkershadow_illusion.html

Ob etwas Hell oder Dunkel ist, wird hier nur durch den Kontext klar. Und je nachdem kann die gleiche Sache komplett unterschiedlich bewertet werden. Das ist eine wunderbare visuelle Analogie für die Untrennbarkeit von Leid und Glück. Und wir spielen ständig das Spiel „Glück muss gewinnen!“ bzw. „Leid darf nicht gewinnen.“ Als ob sie das jemals könnten! Denn selbst wenn Leid gewinnt, das wäre nur temporär, um zu zeigen was Glück ist, genauso wie der Sieg vom Glück temporär wäre, so dass uns das Leid wieder an die Bedeutung des Glücks erinnern kann. Der Kontrast ist das Spannende und das Lebendige. Und ich glaube, das ist es schließlich was wir wollen: In eine Situation geraten, in welcher dieser Kontrast spürbar wird, egal ob von der schmerzhaften oder von der freudvollen Seite, denn beides trägt dazu bei, dass wir uns selbst spüren. Alan Watts nannte das „the inevitable ecstasy.“ Dafür spielen wird.

Das heißt übrigens nicht, dass jemand für den Kontrast sorgen müsste. Ich würde nicht hingehen und sagen, wir brauchen unbedingt neuen Hitler, um die Sache wieder saftig zu machen. Der Kontrast passiert von alleine und er wird verstärkt sobald wir Regeln aufstellen und uns wirklich auf das Spiel einlassen. Sobald wir wirklich spielen! Spielen wir nicht wirklich, sondern verschieben das Spielen immer nach hinten, weil wir zunächst unsere „Pflichten“ erfüllen müssen, öffnen wir uns nicht der Wellenbewegung von Licht und Schatten, dann fühlt sich das ganze nicht wirklich spielerisch an. Es zieht nach unten und macht alles schwer. Aber das ist nicht so, weil die Welt so wäre, sondern, weil für ein gutes Spiel nur die Annahme funktioniert, dass es sich lohnt zu spielen. Ohne das kann man gleich aufhören und Selbstmord begehen, da man so nicht wirklich spielen wird.

Wenn das also so ist, dann befinden wir uns schon jetzt da, wo wir immer sein wollten! Das Leben wie es jetzt gerade ist, bietet jede Möglichkeit alles zu setzen, sich den spannendsten Herausforderungen zu stellen und wirklich etwas in Bewegung zu bringen – was immer man darunter verstehen mag. Man könnte sich mit den Janjaweed in Dafur an einen Tisch setzen und versuchen ihnen Giraffenohren aus Plüsch (made in china) zu verkaufen. Man könnte sich während der Vorlesung in der Uni ans Mikro stellen und Fragen ins Publikum werfen wie „Was wollt ihr wirklich?“Man könnte sich ein paar Streiche überlegen, die dem Fight Club alle Ehre gemacht hätten. Man könnte Greenpeace in ihren extremsten Aktionen unterstützen, wie z.B. die Walfänger Japans auf hoher See besuchen. Man könnte alles daran setzen ein hohes politisches Amt zu bekleiden. Man könnte ein Programm für eine Comedy-Show schreiben, welches über Mann/Frau-Unterschiede und Probleme mit dem Einparken hinausgeht. Und es dann auch an den Mann bringen. Man könnte sich selbst lieben.

Ich habe meine Zweifel, ob unser Glück wirklich davon abhängt, der Technologie Gute Nacht zu sagen und so zu leben wie im Film beschrieben. Es geht darum, diese Technologie mit einem Bewusstsein davon zu nutzen, dass wir genau da sind, wo wir immer sein wollten. Denn das heißt, dass wir uns nicht in die Luft sprengen werden und auf uns aufpassen werden. Spielerisch natürlich 😉

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2 responses

5 03 2008
YC

Hey Niklas,

das sind echt wichtige und wertvolle Gedanken und Erkenntnisse. Ich stimme allem voll und ganz zu!

Vor allem dem:

Da bewerten wir nämlich, dass Glück auf jeden Fall positiv ist und Leid auf alle Fälle negativ. Das kenne ich nur zu gut von mir. Nur jetzt, als ich krank war, habe ich hautnah mitbekommen, wie fatal das wirken kann. Denn jeden Tag habe ich um den Sinn dieser Krankheit gekämpft, bis mir klar war, dass sie mich in einen Zustand gebracht hat, in dem ich mir erlaubt habe, (alte) Wut zu spüren und vor allem auch auszudrücken! Ja, ist das jetzt negativ – wegen des Leids, des Mich-Unwohl-Fühlens in meiner Haut, wegen des Kampfes? Oder ist das positiv, weil sie mich auf einer tieferen Ebene geheilt hat?
Ich jedenfalls kann und will das nicht bewerten, sondern bin einfach nur froh und bereichert über diese Erfahrung mit mir. Ich habe mich an einer Stelle kennen gelernt, von der ich noch gar nichts wusste und komme jetzt mit Wut und deren Auslösern besser klar als vorher.

Dir alles Gute bei Arbeit, Sport und Spiel 😉

YC

5 03 2008
YC

Hoppla, nach meinem ersten Doppelpunkt fehlt ja das Zitat:

wir spielen ständig das Spiel “Glück muss gewinnen!” bzw. “Leid darf nicht gewinnen.”

Ist hiermit nachgereicht!

YC

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