Abraham Maslow und seine Pyramide

19 03 2012

Wenn ich Leute frage, ob sie schon mal etwas von Bedürfnissen als psycho-theoretisches Konzept gehört haben, antworten die meisten mit der Bedürfnispyramide von Abraham Maslow. Maslow ist der Begründer der humanistischen Psychologie und hat schon in den 40er Jahren über die Bedingungen geschrieben, die Menschen brauchen, um ihr volles Potenzial zu entwickeln. Marshall Rosenberg, der Begründer der Gewaltfreien Kommunikation (GfK), baut u.a. auf Maslows Überlegungen auf, geht allerdings mit Bedürfnissen anders um, als Maslow, da er sie nicht in eine Hierarchie einordnet, sondern eher als gleichwertig nebeneinander stellt.

Mir kam das am Anfang meines GfK-Studiums sehr entgegen, denn auch ich fand den Gedanken befremdlich, Bedürfnisse hierarchisch anordnen zu wollen. Ich vermute mal, ich hatte keine Lust MICH hierarchisch einzuordnen, z.B. indem ich denke, dass ich gerade am Anfang der Evolution bin, wenn ich Hunger habe oder Schutz suche – und dass das irgendwie bedeutet, ich sei nicht gut oder weit genug, um zum durchlauchten Kreis der Erleuchteten zu gehören. Irgendwann kam mir aber die Idee, dass es hier um Entwicklung geht, also die Entwicklung von Strategien zur Erfüllung von Bedürfnissen – eine Art Reihenfolge, in der Menschen in der Regel lernen, sich um diese Bedürfnisse zu kümmern. Und damit kann ich mich sehr gut anfreunden.

Ken Wilber hat mir in dieser Sache sehr geholfen, indem er Dominanz-Hierarchien von Wachstums-Hierarchien unterschieden hat. Während erstere die soziale Hackordnung beschreiben, die zwar ihren Sinn haben kann, aber oft zu Schmerz und Zerstörung führt, beschreibt letztere eher eine Sequenz von Bedingungen. Also bevor jenes da sein kann, muss erst dieses entstanden sein. Das hat nichts mit Unterdrückung zu tun, denn wer würde behaupten, dass Eichel und Eiche im gleichen Wachstumsstadium sind und von daher die gleichen Bedingungen bräuchten?

Illustration der Bedürfnispyramide

Im Folgenden will ich die Wachstumsschritte aus Maslows Pyramide beschreiben, so wie ich sie lebendig nachvollziehen kann. Ich bin ein Fan von Post-apokalyptischen Szenarien, das heißt Situationen, in denen auf irgendeine Weise das System unserer Zivilisation zerstört wurde (Zombie-Infektion, Nuklearer Holocaust, Meteoriten-Einschlag etc.) und die Überlebenden sich neu organisieren müssen. Natürlich will ich das nicht erleben und wünsche es auch niemandem, aber ich lese gern davon, schaue Filme oder spiele PC-Spiele dazu, weil ich es spannend finde, wie Menschen unter diesen rohen Bedingungen leben und in Eigenverantwortung eine neue Gesellschaft aufbauen. Für diesen Artikel ist das ideal, denn gerade die Entwicklung von Strategien in den unteren Etagen der Bedürfnis-Pyramide lassen sich daran gut illustrieren.

Basis: Lebensnotwendiges

In einem post-apokalyptischen Szenario sind die Prioritäten ganz klar: Falls es nicht gegeben ist, muss ich sicherstellen, dass ich Luft, Wasser und Nahrung habe. Das heißt, ich muss LERNEN, wie ich das bekommen. Ich werde das immer wieder brauchen, klar, aber wenn ich gelernt habe, wie das unter den aktuellen Bedingungen nachhaltig geht (Jagen, etwas Anbauen, Feuer machen, Luftzufuhr schaffen, der ganze Survival-Kram halt), kann ich diese Bedürfnisse stillen und zum nächsten gehen. Natürlich bedeutet das auch, dass ich umlernen muss, wenn sich die Bedingungen ändern (z.B. wenn bestimmte Beutetiere nicht mehr verfügbar sind) und diese Stufe der Pyramide wieder meine Aufmerksamkeit erfordert, egal wo auf der Pyramide ich mich bis eben noch herumgetrieben habe.

Das nächste wäre dann, laut Maslow, Schutz und körperliche Sicherheit. Dazu gehört eine Behausung, die warm hält (oder kühlt, je nachdem) und vor Witterung oder evtl. Strahlung schützt. Oft gibt es Wildtiere oder feindliche Gruppen/Stämme (oder eben Zombies) in diesen Szenarien, also ist’s z.B. gut eine Mauer um die Behausung zu haben und Waffen, um sie zu verteidigen. Zur Sicherheit beitragen kann vielleicht noch, mich im Terrain rundherum auszukennen, zu wissen, wo’s gefährlich ist und wo sicher und eine Art Frühwarnsystem zu haben, bevor ich mich entspannen kann.

Zugehörigkeit und Beachtung

Ist das geregelt, wandert die Aufmerksamkeit zum Thema Zugehörigkeit und Beachtung – jedenfalls, wenn ich in einer Gruppe bin. Als Erwachsener mit Erinnerungen an Menschen, zu denen ich mich zugehörig fühle, werde ich eine Weile überleben können, ohne dass ich hier und jetzt Menschen (oder Tiere) brauche. Ich schätze mal, dass ich auf die Weise aber irgendwann auch zu der Frage komme, wozu ich jetzt noch weiterleben soll, wenn ich ja doch alleine bin. Und je größer die Frage wird, desto weniger Überlebenswille würde mir bleiben, so dass ich irgendwann daran sterbe – z.B. weil ich aus Depression versäumt hab, mich um’s Essen zu kümmern, oder unvorsichtig durch die Wildnis gelaufen und überfallen worden bin.

Bin ich jedoch Teil einer Gruppe von Überlebenden, käme mir spätestens ab jetzt die Frage, ob ich einen Platz in der Gruppe habe. Wie sehen mich die anderen? Da ich ohne die Gruppe nicht (lange) überleben kann, ist Zugehörigkeit und Beachtung ein unheimlich wichtiges Thema. Sie definiert sich unter solchen Bedingungen erstmal darüber, was ich zur Gruppe beitragen kann, ob ich das, was die Gruppe für mich aufbringen muss, mit meinem Beitrag ausgleichen kann – auf ganz unterschiedliche Weise. Vielleicht kann ich gut jagen und kämpfen, habe viel Erfahrung mit Acker- oder Gartenanbau. Oder ich kenne viele Geschichten und Witze, mit denen ich die Stimmung aufhellen kann. Es könnte auch gut sein, dass ich gut organisieren und delegieren kann, so dass ich zum Anführer werde. Vielleicht war ich vor der Apokalypse als GfK-Trainer tätig und bin gut darin, Konflikte so zu begleiten, dass alle Beteiligten ihre Bedürfnisse erfüllt bekommen 😉 In jedem Fall geht es bei diesem Schritt darum, eine Fertigkeit zu entwickeln (wenn ich sie nicht schon habe), die mir die Zugehörigkeit sichert. Und dann dafür zu sorgen, dass das möglichst auch alle wichtigen Leute wissen und beachten, die darüber entscheiden, ob ich dabei bin, oder nicht.

Kontakt, Liebe und Gemeinschaft

Ist die Zugehörigkeit keine Frage mehr, wird meine Aufmerksamkeit zu den Menschen in der Gruppe wandern, mit denen ich am leichtesten Kontakt herstellen kann, die mich am meisten interessieren und mit denen ich auch am meisten gemeinsam habe. Ab hier geht es um Freundschaft, Kontakt, Verbindung und Liebe. Mir scheint, dass das noch etwas anderes ist als die basale Zugehörigkeit, die es zum Überleben braucht, da ich für letztere auch Zweckallianzen eingehen kann, die eher durch den äußeren Druck zusammengehalten werden als durch inneres Interesse. Den Unterschied merkt man, wenn der äußere Druck wegfällt, wie z.B. wenn eine Gruppe Überlebender, die über Monate hinweg eng zusammengehalten hat, auf eine große Siedlung trifft, die Zugehörigkeit, Sicherheit und einen Überfluss an Ressourcen bietet, und dann merkt, dass ihr Interesse zu anderen Menschen wandert, als die in der Gruppe der Überlebenden. Diese anderen Menschen teilen in der Regel ähnliche Werte, bestärken und inspirieren einen und erfüllen so das Bedürfnis nach Gemeinschaft. Ich persönlich kann nicht sagen, dass ich mit diesem Schritt fertig bin, oder der erledigt ist, denn Freundschaften und Beziehungen (weiter-) zu entwickeln interessiert mich jeden Tag 🙂

Soziale Geltung, Sinn und Selbstverwirklichung

Wenn ich mich richtig voll und satt mit Beziehungen und Gemeinschaft fühle, bekomme ich in der Regel Lust zum nächsten überzugehen und so etwas wie soziale Geltung und Sinn zu erarbeiten. Im Prinzip ist das der Schritt, an dem ich heute am meisten zu tun habe, deswegen hat das post-apokalyptische Szenario eigentlich ausgedient, denn die Vorbedingungen dafür sind dieselben, die ich heute auch brauche. Aber der Kontinuität wegen: Stellen wir uns vor, ich lebe in einer richtig großen Siedlung, die gut geschützt und mit allem Nötigen versorgt ist. Ich habe meinen Platz, ich habe Familie, Freunde, Menschen, die meine Werte teilen. Jetzt fang ich an, zu schauen, wie ich das, was ich kann und weiß, meine Expertise, zum Wohle des Ganzen einsetzen kann – das heißt zu meinem eigenen Wohle, zu dem meiner Liebsten (und sei es nur durch Einkommen) und der gesamten Kolonie. Maslow spricht hier von Status, Ruf, Anerkennung, wobei ich glaube, dass das Vehikel sind, Kanäle, Strategien, um Wirkung (oder aber auch Zugehörigkeit, s.o.) zu haben und etwas bewegen zu können – keine eigenen Bedürfnisse. Es tut gut, wenn ich weiß, dass das, was ich denke und tue, einen Unterschied macht. Aber dafür ist wichtig, dass ich weiß, WOZU ich etwas tue, und wie es wirkt. Ich brauche Feedback, um zu wissen, dass das, was ich tue so wirkt, wie ich es mir wünsche – sei es, dass ich Menschen eine neue Perspektive gezeigt habe, dass mein Produkt ihnen neue Möglichkeiten in ihrem Leben geschaffen hat, dass sie sich sicherer, wohler, zufriedener, entspannter, inspierter oder dergleichen fühlen, als wenn ich nichts gemacht hätte. Wenn ich keine Rückmeldung bekomme, weiß ich auch nicht, ob ich meinem Sinn gefolgt bin und ich kann meine Erfolge nicht feiern.

Letztlich geht Maslow darauf ein, indem er an die Spitze der Pyramide die Selbstverwirklichung setzt, das heißt, das Umsetzen des lebendigen Potenzials, das in mir als Mensch mit all meinen Anlagen, Fähigkeiten und Erfahrungen verankert ist. Da ich in jedem Moment neue Erfahrungen mache, meine Fähigkeiten sich weiter entwickeln und sich meine Perspektiven dadurch ändern, werde ich mit der Entwicklung von Strategien zur Selbstverwirklichung wohl kaum jemals fertig sein. Aber das stört keinen großen Geist 😉

Karte und Gebiet

Die Pyramide bedeutet nicht, dass Bedürfnisse auf hierarchische Weise erfüllt oder nicht erfüllt sind. Ich kann einen wunderschönen Abend mit einer Frau verbringen, deren Anwesenheit für Kontakt, Intimität und Liebe sorgt. Im nächsten Moment gehe ich aus dem Haus und über die Straße, bemerke zwei dunkle Gestalten zwanzig Meter hinter mir und ich denke nur noch an Sicherheit und körperliche Unversertheit. Die Pyramide erlaubt das dynamische Hin und Her, bei dem ich, so gut ich kann, auf die aktuelle Situation reagiere, statt das sie als statisches Stufenmodell voraussagt, dass immer nur ein Bedürfnis nach dem anderen im Fokus liegt. Die allgemeine Aussage ist eher, dass die Frage „Was muss ich lernen, um gut im Leben zurecht zu kommen?“ in der Reihenfolge der Pyramide beantwortet wird.

In diesem Sinne ist mir wichtig, dass Maslows Pyramide ein Modell ist, das tatsächlich vorhandene Dynamiken klären und transparenter machen soll – sie ist keine Roadmap, an der ich mich von Moment zu Moment orienteren würde, das tut mein Körper schon für mich. Aber ich glaube, sie kann helfen, nachzuvollziehen, wie wir unter bestimmten Umständen unsere Prioritäten setzen. Warum wir (laut Rosenberg) zwar alle dieselben Bedürfnisse haben, jedoch in der gleichen Situation unterschiedlich schwer gewichten können. Und sie schärft den Blick für Entwicklungsunterschiede, die in unserer heutigen Zeit der gemischten Kulturen besonders wichtig sind, da sie meiner Einschätzung nach für den Großteil der gesellschaftlichen Konflikte verantwortlich sind (siehe Es geht nicht um Religion…).

Eine noch genauere Karte bietet meiner Einschätzung nach Clare GravesSpiral Dynamics. Aber darauf gehe ich ein anderes Mal ein.





Es geht nicht um Religion…

2 03 2009

Vor kurzem las ich einen Beitrag im StudiVZ-Forum „Fragen und Antworten zum Islam“ zum Thema Steinigung. Die Autorin des Beitrags war entsetzt zu lesen, wie eine 13-jährige aus Somalia, die von drei Männern vergewaltigt worden war, anschließend für Ehebruch gesteinigt wurde. Rechtfertigungshintergrund ist die Scharia.

Ich teile ihre Empörung und möchte so gut ich kann dazu beitragen, dass niemand auf der Welt so behandelt wird, wie die Scharia es vorsieht, wenn gegen ihre Gesetze verstoßen wird. Um vor dem Elend nicht ganz machtlos da zu stehen, will ich aber auch nachvollziehen können, was da los ist. Erst so finde ich den Punkt, an dem es überhaupt eine Hebelwirkung zur Veränderung gibt. Einfach zu sagen, dass niemand ein Recht dazu hat, so zu handeln, scheint ja leider nicht zu wirken.

Zunächst mal glaub ich, dass es nicht um Religion geht. Es geht darum, welchen Lebensbedingungen Menschen ausgesetzt sind und was innerhalb dieser Bedingungen dazu beiträgt zu überleben und seine Bedürfnisse, so gut es geht, zu erfüllen.

Diese Bedingungen bestehen aus dem historischen Kontext, geographischen Faktoren, menschlichen Problemen und sozialen Umständen. All diese Aspekte sind wichtig.

Ob Nahrung und Unterschlupf mein größtes Problem sind oder ich nach einer Partnerin in einer schon etablierten sozialen Ordnung suche, erfordert zwei sehr verschiedene Herangehensweisen, zwei verschiedene „mind-sets“. Ob ich unter einem Häuptling lebe, oder in einer Demokratie erfordert ebenso sehr verschiedene mind-sets. Wüste und Großstadt sind sehr verschieden. Hier in Deutschland habe ich einen ganz anderen Kontext, als wenn ich in einem Stamm in der arabischen Wüste leben würde und mein Verhalten hat sehr andere Konsequenzen.

Wenn ich mir die Geschichte der Menschheit von der Seite anschaue, dann bemerke ich, dass diese Lebensbedingungen eine zunehmende Komplexität haben – und die mind-sets ebenfalls in der Lage sein müssen, komplexere Zusammenhänge zu verstehen. Schon allein die Technologie, die den Menschen zur Verfügung steht, ist ein unglaublich starker Faktor dafür. Landwirtschaft erlaubt einfach eine viel größere Nahrungsmittelproduktion als Gartenbau und sorgt deshalb für ganz andere Bedingungen. Menschen können die Arbeit besser aufteilen und sich spezialisieren, was zu mehr Entwicklung beiträgt. In dieser Reihenfolge haben wir das Jäger und Sammler-, Gartenbau-, Landwirtschafts-, Industrie- und Informationszeitalter. Und jede Stufe bringt andere Möglichkeiten und Schwierigkeiten mit sich. Je nachdem, wie entwickelt wir darin sind, uns zu versorgen, werden wir andere Prioritäten und Probleme haben. Jede Lösung schafft ihre eigenen Probleme. Und diese neuen Probleme haben die Tendenz ein Stückchen komplexer zu sein, als die, die gerade eben gelöst wurden.

Nun ist es aber nicht so, dass alle Menschen auf der Welt gleich weit entwickelt sind. Das dürfte kein Geheimnis sein, schon allein Bildung ist vollkommen unterschiedlich verteilt über den Planeten und die Komplexität von Problemen, mit der eine Person umgehen kann, kann für eine andere einfach mehr sein, als sie auf der Ebene, wo sie gerade ist, leisten kann. Damit meine ich nicht, dass die einen moralisch besser sind als die anderen, sie denken lediglich komplexer und sind in der Lage, mehr Perspektiven zu berücksichtigen, was in vielen Umständen weiterhilft. Und das ist etwas, wovon wir alle profitieren.

So wie ich es verstehe, ist die Scharia ein Teil der Stammeskultur in vielen Stämmen von Afrika und der arabischen Halbinsel (wenn jemand mehr weiß, korrigiere er mich). Stämme verlassen sich auf ihre Selbstversorgung und alle Menschen im Stamm sind auf einander angewiesen. Wenn da etwas schief geht und niemand in der Lage ist, die Konflikt-Parteien beide zu verstehen und miteinander zu versöhnen, droht der Stamm auseinander zu brechen. Damit ist das nackte Überleben aller Stammesmitglieder in Gefahr. Mit entsprechender Härte wird versucht, derlei Konflikte gar nicht erst entstehen zu lassen.

Gerade Sexualität ist hier sehr heikel. Die hohe Intensität der Gefühle, die hiermit einher geht, führt schnell zu Gewalt, wenn jemand enttäuscht ist. Ich vermute, dass all die strengen Regeln zu dem Thema daher rühren. Abgesehen davon muss man in einem Stamm auch aufpassen, nicht mehr Nachkommen zu haben, als der Stamm oder die Familie ernähren kann. Kinder von einem anderen Mann kann sich keiner leisten.

Das sind alles Regeln, die nichts speziell mit dem Islam zu tun haben, bzw. sie sind lange nicht beschränkt auf den Islam. Überall, wo es Stämme gibt und diese Bedingungen herrschen, haben sich dieselben Strukturen entwickelt. Sie heißen dann anders, sind angepasst an ihre jeweils eigenen Bedingungen, aber sie sind qualitativ sehr ähnlich.

Die Ebene, die sich historisch gesehen nach den Stämmen entwickelt hat ist die der Reiche, Imperien und Nationen. Das war eine notwendige Konsequenz daraus, dass die verschiedenen Stämme sich immer wieder in die Haare kriegten und Frieden wollten, geeint unter einem Fürsten, König, Herrscher. Auch hier gab es strenge Gesetze, um den Frieden, der aus der erzwungenen Einigkeit hervorging, zu wahren. Die techno-ökonomische Struktur ist die der Landwirtschaft.

Erst mit der Aufklärung tauchte in Europa das Denken auf, welches Demokratie und Menschenrechte möglich macht. Es ist das erste Mal, dass Menschen nicht nach Rasse, Glauben oder Geschlecht beurteilt werden, sondern, jedenfalls theoretisch, alle Menschen vor dem Gesetz als gleich behandelt werden. Es ist nicht mehr begrenzt auf die eigene Gruppe, sondern wird allen Menschen zugestanden.

Die Entwicklung geht noch weiter ins Industrie- und Informationszeitalter und von heute her betrachtet, wo wir so viele mehr Möglichkeiten haben, mit Konflikten und dem Problem des Überlebens um zu gehen, schmerzt es bitterlich zu sehen, wie andere Menschen auf der Welt sich dieser Optionen nicht bewusst sind und sich gegenseitig so ein Leid zu fügen.

Ich halte den Islam, und auch jede andere Religion, deswegen hier raus, weil ich glaube, dass es einen Islam auf der Ebene der Stammeskultur gibt, einen Islam auf der Ebene der Reiche und Nationen, einen demokratisch-rationalen und einen pluralistischen Islam. Abhängig davon, wie viele Perspektiven eine Muslim berücksichtigen kann, wie viele Unterschiede zwischen Menschen er verstehen und integrieren kann, wird er einen anderen Ausdruck des Islam suchen.

Was können wir also tun, vor diesem Hintergrund? Ich glaube, wenn wir verhindern wollen, dass Grausamkeiten wie Steinigungen weiter stattfinden, müssen wir Lösungen finden für die Probleme, die in diesen Lebensbedingungen vorkommen. Lösungen, die zum Wertesystem dieser Menschen passen. Es geht um’s Überleben des Stammes, stimmt’s? Es geht darum „die Ehre“ zu bewahren und das bedeutet, dass man eine Bereicherung für den Stamm, die Familie ist. Wie könnte das heute aussehen? Wie könnte man eine Bereicherung sein unter heutigen Bedingungen? Und bitte ohne dass jemand dafür gesteinigt oder umgebracht werden muss!

Ich bin gespannt auf Fragen und Kommentare.





Du kannst zwar machen was Du willst, aber nicht wollen was Du willst

27 01 2009

Ich hab mich ja schon ein paar Mal über Willensfreiheit ausgelassen. Das Thema hat so viele Aspekte, dass ich es mühsam finde, eine für mich kohärente Perspektive darauf zu finden. Von daher nehme ich nochmal einen anderen Anlauf.

Während in der Hirnforschung das Konzept der Freiheit dadurch in Frage gestellt zu sein scheint, dass man schon zehn Sekunden im Voraus das Aktivitätsmuster im Gehirn erkennen kann, welches zu einer Entscheidung führt (in dem Fall ob man den linken oder rechten Finger bewegt), will ich mich der Sache von der phänomenologischen und strukturalistischen Seite her nähern – eine Innenansicht also. Es wird von daher auch um Moral, Entscheidungen und Bewusstsein gehen. Zum Schluss komme ich nochmal auf die Hirnforschung zurück.

Frei wozu?

Wenn ich mich frage, ob ich frei bin, merke ich, dass diese Frage nur in Bezug auf ein Ziel Sinn hat. Ich bin frei etwas zu tun oder zu sein (wobei letzteres wahrscheinlich nur in Form von Handlungen definierbar ist). Auch wenn es um die Frage geht, ob ich frei VON etwas bin… was mache ich damit? Diese Freiheit scheint mir nur dann spürbar zu sein, wenn sie mir etwas erlaubt, was ich ohne sie nicht könnte oder hätte. Also ist meine Frage, was will ich tun?

Schon im Philosophie-Unterricht in der 11 machte meine Lehrerin Cornelia Hartenfels mich darauf aufmerksam, dass man nichts tun kann, was man nicht für „gut“ befindet. Das hat mich verblüfft. Aber tatsächlich fällt mir nichts ein, was ich tun wollte, was ich nicht irgendwo für „gut“ befände. Sicher, ich bin nicht mit allem gleichermaßen zufrieden. Und manche Dinge kommen mir vor allem im Nachhinein sehr destruktiv vor. Aber in dem Moment, in dem ich sie tue… sind sie das beste, was mir einfällt. In einem Lied schreibt Marshall Rosenberg „I’ve done some things that I wouldn’t have done, if I knew then what I since have learned.“ Das passt sehr gut.

Was ist mit Zerstörung?

Ein Mitschüler in der Klasse fragte damals, was man denn dann von Selbstmord halten sollte. Und ich antwortete ihm, der Logik zufolge, dass demjenigen, der Selbstmord begeht, wahrscheinlich keine bessere Alternative einfällt, um seinem Leiden ein Ende zu setzen und sich Erleichterung zu verschaffen. Wüsste er, dass etwas anderes wirklich funktioniert, würde er sich vermutlich umentscheiden.

Ich habe bis heute kein Beispiel vorzuweisen, bei dem das nicht zutrifft. Ist das nicht eine merkwürdige Art, menschliche Freiheit einzuschränken? Dass man wirklich nur gut wählen kann, nicht böse? Nun ja, vielleicht ist es noch merkwürdiger, Handlungen in gut und böse zu unterteilen – ohne das käme das Problem ja gar nicht auf. Denn ich weiß nur zu gut, dass was wir für gut und was für böse befinden davon abhängt, welche Informationen wir über eine Situation haben. Ich nehme mal ein gewagtes Beispiel um das zu illustrieren (und hoffe auf euer Verständnis, bin nämlich etwas nervös dabei).

Wenn ein Mann auf der Straße einen kleinen Jungen anspricht, ihn einlädt zu ihm nach Hause zu kommen, ihn zunächst mit Süßigkeiten verwöhnt, einen Film mit ihm schaut und den Jungen nachher auszieht und Sex mit ihm hat… – niemand, der sieht, was für eine Angst der Junge danach hat, wie weh es tut, wenn man sich nicht mehr sicher fühlen kann und kein Vertrauen ins Leben findet, wird davor gefeit sein, diese Handlung unter „böse“ einzuordnen. Gleichzeitig wird niemand davor gefeit sein, die Tragik darin zu erkennen, wenn er erfährt, dass dieser Mann generell sehr einsam ist, sich sehr über die Gesellschaft und darüber gefreut hat, den Jungen verwöhnen zu können, und beim Sex im Schmerz, der in den Augen des Jungen zu sehen war, sich selbst wiedergespiegelt gesehen hat, wie er sich damals gefühlt hat, als ihm dasselbe widerfahren war. Was ist das für eine Tragik, wenn jemand Gemeinschaft und Verständnis sucht und keinen anderen Weg dahin findet als etwas, was so einen Schmerz in das Leben des Jungen bringt!

Ich nutze dieses polarisierende Beispiel, weil ich zeigen will, dass abhängig von den Informationen, die wir über die Lage haben, irgendwann immer der Punkt kommt, an dem ersichtlich wird, dass jemand sich für etwas entschieden hat, was er für „gut“ befindet – so relativ „schlecht“ es im Gesamtkontext auch sein mag. Diese Entscheidung wird oft genug von einer Perspektive aus getroffen, die den Gesamtkontext nicht miteinbezieht, so dass was gut gemeint ist zu einer Katastrophe führen kann. Ihr Sinn bleibt trotzdem derselbe: „Gutes“ tun, zur Schönheit des Lebens beitragen.

Bezüglich der Willensfreiheit heißt das also „Du kannst zwar machen was Du willst, aber nicht wollen was Du willst.“ Denn was Du willst wird immer in irgendeiner Weise damit verbunden sein, dass Du das Leben bereichern möchtest. Marshall Rosenberg, der die Gewaltfreie Kommunikation entwickelt hat, macht das explizit, indem er sagt „Behind every inhuman deed is a human need.“ Bedürfnisse wie Verständnis, Gemeinschaft, Sinn, Autonomie, Intimität, Spaß und Sicherheit drücken Qualitäten aus, die wir wohl alle gerne in unserem Leben haben und für die wir uns entscheiden, wenn wir handeln. Die Entscheidungen könnten dramatische Konsequenzen haben und zu etwas führen, was wir nicht gewollt haben. Aber wie gesagt, der Impuls bleibt der, etwas zu tun, was wir für „gut“ befinden.

Wenn das so ist, kann man sich fragen, wie kommt es dann, dass unterschiedliche Menschen so verschieden handeln und so verschiedene Entscheidungen treffen. Oder auch, wie kommt es, dass wir zuweilen Dinge tun, die wir uns selbst nicht erklären können. Dinge, die so offensichtlich destruktiv scheinen, dass niemand, der aufrichtig daran interessiert wäre, Gutes zu tun, sich je dafür entscheiden könnte.

Bewusstseinsentwicklung

Meine bisher beste Antwort darauf ist Bewusstseinsentwicklung. Mit Bewusstsein meine ich, meine Kapazität zu merken, was los ist. Und das kann sich auf meine innerpsychischen Prozesse beziehen, auf das was ich mir wünsche, sowohl offen, wie auch verdeckt, aber auch auf die Dynamik der ganzen Welt um mich herum. Von mir selbst zur Familie, zu Freunden, zu Kollegen, zur Gesellschaft, in der ich lebe, zur ganzen Welt. Das Bewusstsein dafür ist in einer ständigen Entwicklung (wenn auch unterschiedlich schnell), einfach weil ich jeden Tag mit mir und der Welt zu tun habe und unterschiedlichen Umständen ausgesetzt bin, die mich auf verschiedene Dinge aufmerksam machen. Je mehr und je bewusster ich das erlebe, also je mehr ich lerne, das, was ich erlebe, auch benennen zu können, desto größer wird mein Bewusstsein, desto mehr relevante Faktoren fließen in meine Entscheidungen mit ein. Und desto wahrscheinlicher, dass meine Entscheidungen wirklich in Harmonie mit dem sind, was ich in die Welt bringen will.

Es gibt eine ganze Reihe von Psychologen, die diese Entwicklung untersuchten haben, unter anderem Robert Kegan, Lawrence Kohlberg, Jean Piaget, Susanne Cook-Greuter, Carol Gilligan, James Fowler, Clare Graves und Don Beck. Davon erfahren habe ich vor allem durch die Literatur von Ken Wilber.

Ein Beispiel für eine relativ simple Entwicklungsbeschreibung ist die der moralischen Entwicklung, untersucht durch Lawrence Kohlberg. Er hat sehr viele Leute gefragt, was sie zu einem moralischen Dilemma sagen und wie sie sich entscheiden würden. Das Dilemma ist, dass Dein Lebenspartner todkrank im Bett liegt und Du kein Geld hast, die notwendige Medizin zu kaufen. Du könntest sie aber stehlen. Wäre das okay, hättest Du ein Recht darauf?

Grundsätzlich gab es drei Antworten: Ja, Nein und Ja. 1. „Ja, weil ich bestimme, dass es okay ist und ich das will.“ 2. „Nein, das Gesetz verbietet es, ich kann das nicht tun.“ 3. „Ja, denn es gibt Situationen, in denen es wichtiger ist, das Leben zu schützen, als das Gesetz zu befolgen. Schließlich hat das Gesetz letztendlich auch den Sinn, das Leben zu schützen.“ Jede der Antworten zeigt ein anderes Maß an Bewusstsein, einfach weil die Begründungen so verschieden sind.

Wurde diese Frage nach einiger Zeit noch einmal gestellt und hatte jemand 2 geantwortet, so gab es bei Veränderung immer nur eine Verschiebung von 2 zu 3 und nie zu 1. Das heißt, wir haben es mit einer Sequenz zu tun, Menschen entwickeln sich durch diese Stufen hindurch und die Reihenfolge ist unumkehrbar. Hat man einmal gelernt, auf mehr zu achten, kann man auch nicht mehr anders, außer es zu berücksichtigen. Wenn man das nicht tut, z.B. durch Verdrängung, bekommt man wahrscheinlich ganz schöne Bauchschmerzen.

Egozentrik, Ethnozentrik, Weltzentrik

Eine Art diese Stufen zu benennen wäre egozentrisch, ethnozentrisch und weltzentrisch. Das bedeutet, am Anfang der Entwicklung werden nur die Bedürfnisse berücksichtigt, die direkt am eigenen Körper spürbar erfüllbar sind. Dann kommen die Bedürfnisse der eigenen Gruppe, Nation, Glaubensgemeinde hinzu, deren Berücksichtigung auch wichtig ist, für das eigene Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Und schließlich bekommen auch die Bedürfnisse aller Menschen auf der Welt einen Platz im Bewusstsein. Das bedeutet nicht, dass ich alle Bedürfnisse in jedem Moment in meine Handlungen mit einbeziehe, sondern dass das Wohlergehen aller Menschen mich beeinflusst, wenn ich davon erfahre. Ich bekomme, mit, wenn es anderen nicht gut geht und werde motiviert, etwas dafür zu tun, wenn ich denn weiß wie.

Sowohl ethnozentrisch als auch weltzentrisch schließen egozentrisch mit ein. Das heißt die höheren Stufen negieren die niedrigeren nicht, sondern bauen auf ihnen auf. Deswegen muss man sich zunächst bis ethnozentrisch entwickeln, um zu weltzentrisch vorzustoßen. Ich nenne diese sich entwickelnden Kapazitäten auch Bewusstseinsstrukturen, da jede Stufe mit Glaubenssätzen über sich und die Welt einhergeht, so wie ausgedrückt in den Begründungen bei Kohlbergs Studie, und diese Glaubenssätze eine Struktur haben.

Es hängt also von der Bewusstseinsstufe und -struktur ab, was konkret ich meine, wenn ich sage, dass ich etwas für „gut“ befinde. So lange ich mich vom Bewusstsein her auf egozentrisch befinde, wird mir gar nicht auffallen, dass meine Handlungen sehr unangenehme Konsequenzen für andere haben können und ich werde mein Verhalten von daher nicht daraufhin anpassen. Der Mann, der den Jungen vergewaltigt, handelt definitiv von dieser Stufe aus. Von den Erzählungen her, in denen Marshall Rosenberg mit Gefängnis-Insassen gearbeitet hat, die wegen Vergewaltigung verurteilt wurden, weiß ich, dass in dem Moment, in dem dem Täter klar wird, was für ein Leid aus seiner Tat resultiert ist, er sehr unglücklich wird und Wege sucht, zu verhindern, dass das je wieder passiert. Aber bevor er zu dieser Perspektive kommen kann, braucht er Hilfe dabei, die Bedürfnisse anzunehmen und zu integrieren, die er aus der egozentrischen Perspektive heraus hat erfüllen wollen. Wie gesagt, egozentrisch ist ein Bestandteil von ethnozentrisch, ist ein Bestandteil von weltzentrisch. Erst wenn ich gut für mich sorge, weiß ich wie ich für andere sorgen kann. Erst dann weiß ich, wie gut es sich anfühlt, gut versorgt zu sein und werde so motiviert sein, dasselbe Glück auch in anderen zu erschaffen. Glück ist erst erfüllend, wenn es geteilt wird. Und erst wenn ich das weiß, werde ich für alle sorgen wollen.

Das Thema Bewusstseinsentwicklung ist mit Sicherheit weitaus komplexer und es kann gut sein, dass ich in späteren Artikeln nochmal darauf eingehe zu erzählen, welche Erkenntnisse die Leute hervorgebracht haben, die ich eben alle genannt habe. Ich habe großen Spaß daran und lerne die Welt auf eine andere, liebendere und freiere Art zu sehen. Für den Moment soll dieses simple Modell aber reichen. Das Prinzip ist klar, hoffe ich.

Zusammenfassung

Um es zusammenzufassen: Ich kann zwar machen was ich will, aber nicht wollen was ich will, denn was ich will wird immer sein, das Leben zu bereichern. Was ich als das Leben erkenne und welche Bedürfnisse mir als wichtig erscheinen hängt davon ab, wie entwickelt mein Bewusstsein ist. Das wiederum wird bestimmt dadurch, wieviel Gelegenheit ich in meinem bisherigen Leben hatte, meine eigenen Bedürfnisse zu erkennen und zu integrieren, so dass ich zu den Bedürfnissen anderer aufwachen, sie bemerken kann. Diese Gelegenheiten sind abhängig vom sozialen Kontext. Und um dieses „Bemerken“ herum entwickeln sich dann Bewusstseinsstrukturen, die aus Regeln, Glaubenssätzen, Ideen, Überzeugungen und Haltungen bestehen. Immer, wenn ich mehr Bedürfnisse erkenne und integriere, ändern sich diese Bewusstseinsstrukturen, werden weiter, umfassender, kohärenter.

Dann wäre da noch die spannende Frage, ob man in der Hirnforschung Wege finden könnte, Korrelate für diese Bewusstseinsstrukturen zu finden. Wahrscheinlich würden die vor allem offensichtlich, wenn es Änderungen gibt. Eine 40 Minuten Empathie-Session, bei der jemand einen klaren und liebevollen Kontakt zu seinen Bedürfnissen findet, kann unter Umständen mehr Integration und Transformation bewirken als 6 Jahre Psychoanalyse, also wäre es sicher spannend zu sehen, ob sich das messen ließe.

Zuletzt noch ein paar Sätze zur Willensfreiheit: Ich glaube, sobald klar ist, dass wir nichts tun können, was wir nicht für gut befinden, wird das kein philosophisches Problem mehr sein. Es ist ungemein beruhigend, zu wissen, dass ich meiner Absicht vertrauen kann – selbst wenn das Bewusstsein nicht immer mitmacht. Und dass das so ist, wird klar, wenn ich jede meiner Handlungen aus der Perspektive heraus sehen kann, aus der heraus ich mich für sie entschieden habe. Wenn ich den Kontext und die Bedürfnisse sehe, die ich erfüllen wollte. Nur so ist es möglich dazu zu lernen, ohne den Respekt vor sich selbst zu verlieren. Und darauf kommt es doch an.





Der Mann, das entbehrliche Geschlecht, oder: Ein Deal, bei dem niemand gewinnt

12 01 2009

Wow! Ich bin sooo begeistert! Ich habe mir gerade ein Gespräch zwischen Ken Wilber und Warren Farrell angehört zum Thema „Does feminism discriminate against men?“ Und JA! JA! JA! Da ist definitiv etwas dran. Ich hab das schon oft gespürt und mich in Zwickmühlen gefunden, einfach weil die feministische Position zwar Teilwahrheiten enthält, hinter denen ich stehe, aber auch einiges auslässt.

Beim Feminismus geht es mir vor allem um den Vorwurf, die Geschichtsschreibung sei ein Dokument männlicher Unterdrückung der Frauen gewesen, das Patriachat, welches sich so organisierte, dass Männer die Macht bekommen und Frauen nicht. Dementsprechend wäre die Macht das Mannes Schuld an der Misere der Frau, dass sie nicht wählen kann, welchen Platz und welche Rolle sie in der Gesellschaft spielen und wie sie leben will. Dieser Vorwurf ist so eine Verdrehung der Tatsachen, dass er zumindest in meinem Fall zu enormer Irritation und Ärger führt. Ich will erklären was ich meine.

Zunächst, die Macht die Männer von der Gesellschaft her haben ist keine wirkliche Macht. Ich definiere Macht so, dass man die Kontrolle über sein eigenes Leben hat, bestimmen kann, was man machen will und so die Gelegenheit hat, seinem Herzen zu folgen. Das was Männer an Machtpositionen heute einnehmen ist das genaue Gegenteil davon. Nicht nur wird man nur an seinem Erfolg gemessen, man hat keinen besonders großen Spielraum, selbst zu definieren, wie man diese Position ausfüllt. Letztlich wird man als Manager oder Präsident rausgeschmissen, wenn man sich nicht an die Regeln hält oder neue Ideen einbringen will. Es ist genauso eine Rollenvorschreibung wie die, dass die Frau vor den Herd gehört. Und ich persönlich HASSE diese Rollenvorschreibung, ich will sie nicht, ich will Freiheit, Offenheit, Verbindung mit anderen Menschen. Und ich will damit spielen, statt irgendetwas zu müssen, von dem ich nicht sehe, wie es zum Wohlergehen meiner selbst oder anderer beiträgt.

Als zweites: Frauen haben genauso Macht in diesem alten System, bloß ist diese nicht so sichtbar. Es ist sexuelle Macht. Das heißt, die Frau bestimmt, wer bei den Männern sexuell attraktiv ist. Und wenn Männer nicht den Kriterien entsprechen, bekommen sie keinen Zugang zu Liebe. Das ist mal ein heftiger Anteil der Macht. Und wenn das nicht gesehen wird… dann werden Männer beschuldigt Macht zu haben, die eigentlich nur Camouflage für ihre Machtlosigkeit ist. So kommt niemand weiter.

Der Hintergrund ist weder Männern noch Frauen in die Schuhe zu schieben, sondern dem Umstand, dass bis vor kurzem (historisch gesehen) Überleben wirklich die Hauptbeschäftigung jeder Gesellschaft war. Und je nachdem, was der Haupt-Modus der Produktion ist, gibt es unterschiedliche Arbeitsaufteilungen zwischen den Geschlechtern, schon allein vom Unterschied der körperlichen Kraft her. Die Arbeitsaufteilung die am üblichsten ist, ist die, dass der Mann die Beschützer- und Brotverdiener-Rolle einnimmt, während die Frau die Kinder aufzieht. Diese Arbeitsteilung hat verschiedene Konsequenzen. Eine, die ich weniger stark gewichte ist die, dass Abweichler wie Homosexuelle nicht geduldet werden, weil sie nicht in die Rollen passen. Die Konsequenz, die mir aber am wichtigsten ist, ist die, dass Männer und Frauen diejenigen Vertreter des anderen Geschlechts für am attraktivsten halten, die am besten in die Rollenvorstellungen passen. Männer müssen demnach stark, dominierend und wettbewerbsorientiert sein um einen guten Beschützer abzugeben. Und Frauen müssen jung, hübsch, gut gebaut sein und ihre Aufgabe als wärmende Mutter und Unterstützerin der Karriere des Mannes erfüllen. Und sowohl Männer als auch Frauen verstärken dieses Muster, indem sie Partner suchen, die diesen Kriterien entsprechen, so dass es sich in der Hinsicht lohnt, genauso zu sein. Aber das hat nichts mit Macht und alles mit Ohnmacht zu tun – in dem von mir definierten Sinne.

Die Umstände, aus denen der Feminismus überhaupt erwachsen konnte sind gerade die, in denen Männer die ökonomische Situation von Frauen soweit abgesichert hatten, dass diese sich darüber Gedanken machen konnten, wie sie gerne leben möchten. Und da fiel ihnen auf, dass es nicht erfüllend ist, einer Rolle nachzuleben. Ihnen fiel auf, dass es keine Freude macht mit Männern zu leben, die einer Rolle nachleben. Sie wollten Selbsterfüllung, echten Kontakt, echte Intimität, was mit einem Mann, der gelernt hat seine Gefühle nicht zu beachten, da sie im Kampf und im Wettbewerb im Wege stehen, einfach nicht zu haben ist. Und die Enttäuschung und Wut darüber, das im besagten Rollenkorsett nicht bekommen zu können drückte sich in dem Vorwurf darüber aus, dass die Männer aufgrund ihres Strebens nach Macht alles kaputt machten und die Frauen in ihrem natürlichem Potenzial und ihren Bedürfnissen unterdrückten.

Die andere Seite der Geschichte ist aber, dass Männer Macht nicht suchen, weil sie an Macht interessiert sind, sondern weil sie Zuneigung und Liebe suchen und gelernt haben, dass der liebende Familienvater, wenn er der Liebe würdig sein will, nicht zu Hause sondern auf der Arbeit seine meiste Zeit verbringen muss. Er muss kämpfen, hart und stark sein, dann ist er okay. Man könnte gewissermaßen das Argument der Unterdrückung vollkommen herumdrehen und behaupten, die Frau unterdrücke den Mann, indem sie ihn nur mit Liebe belohne, wenn er sich um den Broterwerb kümmere. Aber das wäre genauso kurzsichtig wie die andere Geschichte. Nein, wir brauchen was integraleres, was die Macht und Verantwortung beider Geschlechter klärt.

Bevor ich aber auf die integrale Perspektive der Geschichte eingehe, will ich loswerden, wie weh es tut mit Botschaften bombadiert zu werden, die implizieren, dass der Mann das entbehrliche Geschlecht sei. Dass ein Mann dann Mann sei, wenn er bereit sei sich zu opfern, im Kampf zu sterben, damit die anderen überleben können. Dass ein Mann nur dann wertvoll sei, wenn sein Wert darin besteht, dass er ersetzbar ist. Es ist zum Kotzen. Und am schlimmsten fühlt es sich an, wenn ich von Frauen höre, insbesondere, wenn ich an ihnen interessiert bin, dass sie genau diesen entbehrlichen Mann zu wollen scheinen. Den Beschützer, der sich aufopfert, den Gewinner. Es ist nicht verwunderlich angesichts der Sozialisierung und wie gesagt, unter Umständen, wo es um’s Überleben geht, ist es wohl kaum zu vermeiden – ökonomische Absicherung beruhigt auch mein Gemüt ungemein. Und gleichzeitig wird dabei der Wert als Mensch, als Person mit reichem Innenleben, dem Wunsch etwas zu erschaffen, zu lieben, da zu sein, mit dem Leben zu tanzen, überhaupt nicht beachtet.

Das sorgt glaube ich auch für all die Enttäuschungen die Frauen mit Männern haben. Immer wieder suchen sie nach dem Mann, mit dem sie glücklich sein können, der sich ihnen öffnet, seine Gefühle teilt, der MIT ihnen da ist, MIT ihnen lebt, statt an ihnen vorbei. Und gleichzeitig wollen sie den starken Versorger, der’s drauf hat, der sie ökonomisch absichert, der im Wettbewerb besteht. Und die zwei Dinge gehen einfach nicht zusammen! Man kann nicht gleichzeitig kämpfen und fühlen! Es geht einfach nicht. In dem Moment, in dem ich mit meinen Gefühlen statt mit meinen Feindbildern in Kontakt bin, WILL ich nicht mehr kämpfen. Ich will stattdessen nach Wegen suchen, die für alle beteiligten funktionieren, statt die andere Seite zu besiegen. Ich halte persönlich das für genau die Stärke, die auch langfristig für Schutz sorgt. Nur wird das, ausgehend von einem Überlebenskontext, in allzu vielen Fällen als Schwäche und Aufgeben interpretiert, so dass Männer, die sich darum bemühen, an Attraktivität einbüßen. Und ich zähle mich dazu.

Eine weitere verwirrende Ebene ist der Umgang mit Sexualität. Wenn wir uns vorstellen, ein Junge sitzt im Wohnzimmer und schaut einen Western oder Star Wars, oder wo auch immer Gewalt die Hauptstrategie zur Lösung des Konflikts ist, werden die Eltern vermutlich nichts sagen und das Kind gucken lassen. Die gleiche Szene mit einem nackten Paar auf dem Bildschirm die gerade dabei sind Sex zu haben wird vermutlich sehr anders aussehen. Und die Eltern werden kaum nach dem Kontext fragen, indem der Sex passiert, ob es z.B. liebevoll ist, sondern schon allein die Tatsache, dass es Sex ist wird als gefährlich eingestuft und der Junge vom Fernseher weggeholt. Es wird schwer für ihn sein, dass anders zu interpretieren als so, dass mit Sex irgendwas nicht stimmt? Dass es dreckig, gefährlich oder sonst was ist; ein Tabu, dessen Bruch den Ausschluss aus der Gesellschaft bedeutet.

Dann wächst er heran und bemerkt in der Pubertät, dass er sehr leicht erregbar ist, wenn er nur an Sex denkt, die Mädels um sich herum heranwachsen sieht, reifer werdend, sexy und attraktiv. Und er bemerkt auch, dass er offenbar mehr Interesse an Sex hat als die Mädels, was natürlich so ist, weil ihnen beigebracht wird, dass ein gutes Mädchen sich bedeckt hält. Aber das weiß er ja nicht und so stellt sich auch hier wieder die Frage, welche Bedeutung das hat.

Angesichts des Hintergrundes bleibt da nur wenig außer, dass mit ihm irgendwas nicht stimmt, dafür, dass er an so einer schmutzigen Sache interessiert ist. Und die Mädels stehen moralisch irgendwie besser da, da sie das offenbar nicht sind, jedenfalls nicht in dem Maße. Das wird noch extrem verstärkt durch Gesetze, die besagen, dass eine Frau im Nachhinein sagen kann, sie habe den Sex nicht gewollt, was es zur Vergewaltigung macht, und der Mann das nicht kann. Er könnte ja ebenso betrunken gewesen sein, aber hat nicht die Möglichkeit zu sagen, dass er nicht verantwortlich dafür sei, während die Frau das darf. Ein weiterer Punkt der eigenen Sexualität gegenüber misstrauisch zu sein – der Mann hat einfach vielmehr zu verlieren, wenn was schief geht, weil Väter eben Täter sind.

Jetzt vermischt sich diese Bedrohung des Selbstvertrauens auch noch mit der Erwartung, dass der Mann als Beschützer die Initiative übernehmen sollte, wenn es dazu kommt, dass man sich für einander interessiert – schließlich wäre das ein Zeichen dafür, dass er die Beschützer-Rolle souverän richtig ausfüllt. Also soll der Mann das Risiko der Zurückweisung übernehmen und die Frau fragen, ob sie mit ihm ausgehen möchte. Das allein wäre ja schon nicht so einfach, aber wie soll er das vor sich selbst rechtfertigen, wenn sein eigentliches Ziel Sex ist, bzw. die Liebe, die er sich davon verspricht, während er doch vorher gelernt hat, dass Sex nicht okay ist? Wenn man nun noch Sex als eine Art Unterzeichnung eines ökonomischen Vertrags versteht, was Sex eine lange Zeit auch war in Verbindung mit der Ehe, dann wird in dem Kontext ersichtlich, warum Männer immer so schnell Sex wollen: Um die Zeitspanne, in der sie zurückgewiesen werden können, so klein wie möglich zu machen.

Es geht also nicht darum, dass der Mann Sex will und zwar so schnell wie möglich, sondern dass er den ZUGANG zu Liebe und Sexualität so schnell wie möglich zu sichern versucht, unter Bedingungen, die solche Leute favorisieren, die sich rücksichtslos um Wettbewerb behaupten können. Das muss schnell gehen, sonst ist die Chance wieder weg. Und wenn er dann in einer monogamen Beziehung ist, wundert er sich, dass seine Qualitäten nicht weiter geschätzt werden, da seine mehr oder weniger aufgeklärte Freundin sich jetzt mehr Offenheit und emotionale Verbundenheit wünscht, echte Intimität eben.

Wer soll da noch schlau draus werden? Ehrlich, bei so vielen sich widersprechenden Forderungen, um das wichtigste auf der Welt zu bekommen, nämlich Liebe, wer soll da zurecht kommen? Ich zumindest habe enorme Mühe damit.

Zuletzt ist da noch der Punkt, dass das blame-game, der Vorwurf der Frauen an die Männer, die Frauen der eigenen Macht beraubt. In Macht sehe ich dasselbe wie Verantwortung. Wer in der Lage ist zu antworten, hat Macht. Wer die Verantwortung abgibt, hat keine mehr. Man bleibt in der Position des Rebellen stecken und es bewegt sich nichts, weil das erst möglich wird, sobald man nicht mehr gegen etwas Altes, sondern für etwas Neues ist.

Eine integralere Perspektive könnte helfen zu zeigen, was dieses Neue ist. Letztendlich haben wir es hier mit einer gesellschaftlichen Entwicklung zu tun, die auch jeder einzelne durchlaufen muss. Wir können dazu die Skala von Maslows Bedürfnispyramide nehmen, die hierarchische Entwicklung von Strategien zur Erfüllung von Bedürfnissen beschreibt. Die Bedürfnisse umfassen physische Bedürfnisse, Sicherheit, Zugehörigkeit und Liebe,Wertschätzung und Selbstverwirklichung. Das traditionelle Modell der Beziehung zwischen den Geschlechtern entspricht der Stufe Sicherheit auf der Pyramide. Es geht um das Überleben. Und als die Männer den Rahmen dafür geschaffen hatten, dass Frauen sich darum keine Sorgen mehr machen mussten, konnten sie sich der „höheren“ Bedürfnisse bewusst werden. Der Wunsch nach einem erfüllteren Leben wird wach. Viele Männer sind (noch) nicht in dieser Position. Die Sorge um die Sicherheit hält sie in der Rolle fest, wo sie sich befinden. Und niemand, wirklich niemand kann gewinnen, wenn man sie dafür verurteilt!

Wir brauchen den Raum, in dem Männer und Frauen sich sicher genug fühlen können, sie selbst zu sein. Damit meine ich sowohl physischen Raum, als auch soziokulturellen Raum. Einen Ort, an dem die alten Rollenvorstellungen und Urteile von und über sowohl Männern als auch Frauen nicht verstärkt werden, sondern ein Bewusstsein dafür wachsen kann, was uns wirklich am Herzen liegt, was uns frei macht und was uns wirkliche Macht gibt: die Möglichkeit über unser Leben zu entscheiden.

Bisher hat man da vor allem auf die Frauen geachtet, sie gestärkt und ihr mehr Freiheit eingeräumt. Ich schätze das sehr und habe große Freude daran. Aber niemand kann ernsthaft erwarten, dass uns das grundsätzlich irgendwohin bringt, wenn das gleiche nicht auch für die Männer geschieht.

Für mehr, hier ein Interview mit Warren Farrell: