Empathie bei Paarkonflikten

4 01 2014

Eine Herausforderung der Gewaltfreien Kommunikation im Alltag, vor der viele stehen, ist die Frage, wie man Empathie gut in Konflikte unterbringen kann, an denen man selbst betroffen ist und in denen man sein Gegenüber schon gut kennt. Beim Wechsel aus dem Streit-Modus in den Empathie-Modus passiert nämlich etwas, das ich für sehr wichtig halte: wir verlassen die Ebene von Gleichen und bekommen neue Rollen, mitunter mit Hierarchie-Gefälle. Und unverhofft bin ich neulich auf eine Möglichkeit gestoßen, damit umzugehen.

Lange hab ich mir nicht erklären können, warum mich so ein enormes Unbehagen beschleicht, wenn ich versuche einfühlsam auf mein Gegenüber einzugehen während ich selbst involviert bin. Ich habe außerdem die Erfahrung gemacht, dass meine Hoffnung auf dankende Anerkennung und erleichtertes „Ja, das ist es, so fühl ich mich gesehen!“ in der Regel enttäuscht wird. Üblicherweise bekomme ich ein „Na klar, was dachtest du denn, du Idiot!“ wenn ich im Streit eine Vermutung darüber anbiete, wie es dem anderen wohl gehen könnte. Ich glaube, dass führt in vielen Fällen dazu, dass der Versuch, die GfK in den Alltag zu integrieren entmutigt wird, trotz bester Absichten.

Also bin ich dem mal nachgegangen. Meine eigenen Erfahrungen und Fragen bei Freunden und meiner Partnerin haben zum einen ergeben, dass diese Vermutungen im Streit so wirken können, als bereite der eine Konfliktpartner eine Manipulation vor. Nach dem Motto: erst lullt er sein Gegenüber in Vertrauen und Mitgefühl ein, dann kommt der Hammer und das Gegenüber steht schutzlos da. Man kann diese Möglichkeit nicht ganz ausschließen, denn der innere Druck kann im Streit groß sein. Und wer sich in sein Gegenüber einfühlt und selber Not hat, wünscht sich auch, dass er ebenfalls Raum bekommt. Es könnte also die unbewusste Erwartung eines Handels geben, die erst bewusst wird, wenn das Gegenüber den Handel nicht erfüllt.

Zum anderen hab ich festgestellt, dass es beim Einfühlen in solchen Situationen Probleme mit der Glaubwürdigkeit geben kann. Sagen wir z.B. ich habe einen Streit mit meiner Freundin, nachdem ich später als verabredet zum Treffpunkt gekommen bin. Sie ist wütend und sagt mir, sie verabrede sich einfach nicht mehr mit mir, da es ja doch noch nie geklappt hätte. Ich reagiere erst ängstlich, weil ich Verbindung will und mich auf die Verabredung gefreut hatte, dann wütend, weil ich Zuversicht möchte, dass wir uns wieder verabreden können und es unfair finde, wenn ich keine Chance mehr bekomme. Dann versuch ich sie mit einer empathischen Vermutung zu beschwichtigen und frage sie, ob sie sich ärgert weil ihr Verlässlichkeit wichtig wäre. Im nächsten Moment fliegt mir alles mögliche um die Ohren à la „Natürlich will ich Verlässlichkeit! Tu jetzt bloß nicht so, als würde dich das was kümmern! Wenn das so wäre, hättest du auch pünktlich kommen können.“ Ich hab mit meiner Vermutung zwar einen Treffer gelandet (war nicht so schwer), aber entspannter sind wir noch nicht. Um meiner Freundin so viel Raum zu geben, dass sie sich entspannen kann, müsste ich dran bleiben. Dieser Satz trifft aber wieder in dem Maße meine Angst, keine Chance mehr zu bekommen, dass ich mich verteidige, statt dabei zu bleiben.

Laut der Gewaltfreien Kommunikation nach Rosenberg wäre hier der nächste Schritt, eine Pause zu machen und jemand anderen um Empathie zu fragen, so dass der eine Partner sich entspannen kann und seinen inneren Raum wieder fühlt. Mit diesem Raum kann er dann wieder neu mit seinem Gegenüber in Kontakt treten, ohne so von dessen Ärger aus der Bahn geworfen zu werden. Praktisch habe ich erlebt, dass zwei Punkte dem im Weg sein können. Zum einen kann die Erinnerung an den inneren Raum seine Halbwertszeit beim nächsten Gespräch mit dem Gegenüber schon überschritten haben. Dann ist man zwar entspannter, aber sobald das Thema wieder aufkommt, werden die gleichen Knöpfe gedrückt und alles fühlt sich wieder eng an. Zum anderen kann es sein, dass der Konflikt die Privatsphäre des einen Partners berührt und niemand da ist, dem dieser genug vertraut, als dass er einverstanden wäre, wenn der andere Partner von dort Empathie bekommt. Hm, und dann?

Eines Tages hatte die Schwester meiner Freundin eine super Idee. Sie meinte zu meiner Partnerin „Der Niklas ist doch Therapeut, warum nutzt ihr das nicht? Frag doch mal den um Empathie.“ Das hat meine Freundin dann folgendermaßen umgesetzt. Sie kam zu mir und sagte, sie wolle mit dem Therapeuten in mir eine Session haben. Dort wollte sie über ihren Partner Niklas sprechen, in der dritten Person. Und sie bat mich als Therapeut einfach nur da zu sein und sie mit Fragen und Vermutungen zu unterstützen. Das haben wir gemacht und siehe da, ich war in der Lage sie ruhig und einfühlsam so lange zu begleiten, wie sie brauchte.

Zunächst mal hat daran gut getan, den designierten Auftrag zu bekommen, nur zuzuhören und nichts von sich dazu zu sagen. Das entlastet, denn dann kann man diese Rolle einnehmen, ohne dass es als Machtstrategie missverstanden wird. Dann hat mich entlastet, dass meine Freundin von mir (Niklas) in der dritten Person gesprochen hat. Das half dabei Abstand dazu zu gewinnen und ihr tatsächlich so zuhören, als wäre ich nicht betroffen. Dabei fällt eine Menge Verteidigungs- und Rechtfertigungsgrund weg. Ich konnte als Therapeut außerdem auch Forschungsfragen stellen, die über das reine Zuhören hinausgehen, wie z.B. was sie glaubt, warum Niklas dieses oder jenes tut. Und schließlich beruhigte mich, dass meine Rolle zeitlich begrenzt war. Das heißt, ich konnte sicher sein, dass ich auch irgendwann dran war. War meine Freundin satt, hatte sie selbst Raum genug, um auch ihre innere Therapeutin zur Verfügung zu stellen und mich in der dritten Person über sie sprechen zu lassen. Auch das funktionierte bisher jedes Mal wunderbar.

Als Psychotherapeut würde ich im Nachhinein sagen, wir haben uns einen Supervisor hinzugeholt, allerdings in Form eines Anteils in uns. Im psychotherapeutischen Berufsleben gibt es eine strenge Rollentrennung zwischen Klient, Psychotherapeut und Supervisor, damit es keine Vermischung von Motiven gibt und alle wissen, wo sie sich befinden. Und ich glaube genau diese Vermischung von Motiven ist die Ursache für das Misstrauen gegenüber Empathie-Vorschlägen im Streit: wenn einer streitet und es stresst ihn, hat er in erster Linie das Interesse, sich selbst wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Er will Raum, Ruhe, Schutz, Akzeptanz, Mitgefühl. Alles was er dann tut, hat das als oberstes Motiv. Es kann sein, dass man seine Bedürfnisse für einen Moment hintenan stellen kann. Vielleicht gibts es auch einen Freund oder Supervisor, den man um Empathie fragen kann und man ist deswegen etwas entspannter. Aber je nachdem, wie wichtig diese Bezugsperson ist, mit der man im Konflikt ist und wie angespannt man ist, gelingt das nicht lange. Wenn das Gegenüber das spürt, kommen statt Empathie-Vorschlägen versteckte Versuche an, sich selbst in eine komfortablere Machtposition zu bringen und das Gegenüber glatt zu bügeln, so dass man sich beruhigen kann. Und wer will die schon?

Einschränkend wäre vielleicht zu sagen, dass die Anteilssupervision das Einverständnis beider Partner braucht. Will einer nicht, ist der andere auf sich selbst (und die Unterstützung, die er für sich hat) zurückgeworfen. Aber wenn beide Erfahrung damit machen und die Anteilssupervision als bereichernd erleben, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie auch im Konfliktfall wieder darauf zurückgreifen.





Die Crux mit den Erwartungen

2 08 2013

Eine beliebte Überzeugung, bei der sich mir inzwischen die Zehennägel kräuseln ist die, dass „man keine Erwartungen haben sollte.“ Mir begegnet diese Überzeugung hauptsächlich wenn’s um Liebesbeziehungen geht. Wenn z.B. meine Partnerin sich nicht so verhält, wie ich das will und ich zu der Einsicht gekommen bin, dass meine Anstrengungen sie ändern zu wollen voraussichtlich wenig Früchte tragen, sind’s halt meine Erwartungen, an denen mein Glück scheitert. So zu denken ist in gewisser Weise verlockend, denn auf meine Erwartungen habe ich mehr Einfluss, als auf das Verhalten meiner Partnerin. Und unter Umständen ist es besser, nicht so viel zu wollen, als dem Mangel hilflos ausgeliefert zu sein. Und überhaupt, ist es nicht ein Zeichen von Erleuchtung, von nichts abhängig zu sein?

Ich habe mal eine Weile lang damit experimentiert, wie es sich lebt, wenn ich keine Erwartungen mehr an meine Mitmenschen habe. Ich ließ z.B. offen, ob sie etwas für sich behalten, was ich ihnen erzähle. Ich ließ offen, ob sie pünktlich oder überhaupt zu einer Verabredung erscheinen. Ich ließ offen, ob sie mir sagen, was wirklich los ist. Ich erwartete auch nicht, dass sie mich mögen oder unterstützen, selbst wenn ich das gerade sehr gut brauchen konnte. Und ich ließ offen, ob meine Bedürfnisse und Anliegen irgendetwas zählen. Ich hab das eine Weile lang gemacht und genossen, dass ich nicht enttäuscht werden konnte. Egal was passierte, ich war fein raus, da ich mich sowieso auf nichts verlassen hatte.

Irgendwann dämmerte mir allerdings, was der Preis dafür war: Ich hab mich nämlich auch auf nichts und niemanden mehr gefreut. Nicht nur das, ich konnte auch nicht genießen und annehmen, was mir entgegen gebracht wurde – ganz ohne, dass ich es erwartet hätte. Das fand ich ganz schön bestürzend und fühlte sich sehr einsam an… was hab ich denn davon, wenn ich nichts mehr annehmen kann?

Dann ist mir aufgefallen, dass der Begriff „Erwartung“ verschiedene Bedeutungen haben kann. Zum einen kann ich damit Vorstellungen davon meinen, was in Zukunft passieren könnte. Also, ich erwarte z.B. dass die Tür knallt, wenn ich sie mit einem bestimmten Schwung schließe. Oder ich erwarte, dass ich nass werde, wenn ich mich unter die laufende Dusche stelle. Da geht es darum, wie ich aus meiner bisherigen Erfahrung Prognosen darüber mache, wie es mir unter bestimmten Bedingungen gehen könnte, so dass ich damit umgehen und Entscheidungen treffen kann. So kann ich auch erwarten, dass ich genährt und bereichert werde, wenn ich mich mit einem lieben Freund treffe…

Und da deutet sich auch schon die zweite Bedeutung an. Je nachdem, wie ich die letzte Erwartung lese, kann ich sie auch als Forderung verstehen. Dann geht es nicht mehr nur um eine Vorstellung, sondern darum, dass ich mit Sanktionen wie z.B. Verurteilungen drohe, wenn die Vorstellung davon, was ich gut finde, sich nicht erfüllt. Und das ist ein ganz anderes Paar Schuhe!

Ich glaube, im allgemeinen Sprachgebrauch ist oft von Forderungen die Rede wenn das Wort „Erwartungen“ fällt. Und Forderungen beinhalten, dass ich die Gemeinsamkeit zwischen meinem Gegenüber und mir aufgebe und stattdessen meine Macht über den anderen einsetze um durchzusetzen was ich will. Das geht immer und überall auf Kosten der Beziehung, denn je weniger ich die Bereitschaft erlebe, einen gemeinsamen Weg zu finden, desto schwerer fällt es, das Vertrauen zu halten, dass es einen gibt. Und wenn das Vertrauen schwindet, fällt es schwer, offen und überhaupt in Beziehung zu bleiben. Insofern ist die Überzeugung „man sollte keine Erwartungen haben“ nachvollziehbar, wenn auch nicht besonders hilfreich, da ein passender Hinweis darauf fehlt, was stattdessen hilfreicher wäre.

Erwartungen jedoch, also Vorstellungen davon was passieren könnte, halte ich für unheimlich wichtig, um gut im Kontakt mit mir selbst und meinen Bedürfnissen bleiben zu können. Eine Definition dieses Kontaktes ist für mich, mir die Möglichkeit der Erfüllung vorzustellen, also, wie’s einfach richtig schön wäre! Dafür muss ich mir vorstellen, was passieren müsste und könnte, damit’s mir gut geht. Und diese Vision kann dann inspirierend und handlungsführend sein, mir Mut und Kraft geben, überhaupt etwas in Gang zu setzen und sei es „nur“ eine Verabredung. Ohne diese Vision gäb es keinen guten Grund mehr, irgendetwas zu tun und Depression oder Resignation wären die Folge.

Von daher möchte ich meine Erwartungen kennen und pflegen, damit ich weiß, wie ich und andere gut für mich sorgen können 🙂





Bedürfnisse und Bedürftigkeit

10 09 2012

In meiner Arbeit mit der Gewaltfreien Kommunikation und im therapeutischen Kontext hab ich immer wieder mit dem Begriff der Bedürftigkeit zu tun. Bei mir ziehen sich dabei aufgrund der schambesetzten Konnotationen regelmäßig Magen und Kehle zusammen, denn ich möchte gerne, dass die Schönheit, die ich in Bedürfnissen sehe, zum Ausdruck kommt. Und das fällt mir beim Wort „bedürftig“ irgendwie schwer. Ich verbinde damit vor allem „unsexy,“ „eine Last,“ „schwer,“ „abhängig,“ und „schwach“. Schon seit längerem hab ich mir also dazu Gedanken gemacht, wo sich die Schönheit hinter „Bedürftigkeit“ versteckt.

Zunächst mal find ich’s hilfreich, mir bewusst zu machen, dass „bedürftig“ eine Zuschreibung ist, die ich vor allem von anderen Leuten bekomme, und erst aus zweiter Hand von mir selbst. Das heißt, was immer daran abwertend klingt, ist Ausdruck von unerfüllten Bedürfnissen bei anderen Leuten, die sich z.B. selbst mehr Beachtung und Einfühlung für sich wünschen, statt sich jetzt um mich und meine Bedürfnisse zu kümmern. In klarer Sprache: „Wenn Du mir zeigst, was Du willst und brauchst, spanne ich mich an, weil ich auch Platz für mich und meine Anliegen brauche. Und ich weiß noch nicht, wie beides gleichzeitig da sein kann.“ Mir das so vorzustellen, hilft mir schon mal dabei, nicht nach einem Fehler bei mir zu suchen. Aber wie komme ich von dieser Zuschreibung zu einem kräftigeren Selbstkontakt?

Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich ein spannendes Gespräch mit einer Frau, die ich auf einem Camp getroffen hab. Nennen wir sie mal Katharina. Sie vertraute mir an, dass sie auf dem Camp gerne einen Mann treffen würde, mit dem sie ein erotisches Abenteuer haben könnte. Das Dumme sei, sie wisse nicht, wie sie das angehen soll, denn wenn sie das offen zeige, fürchte sie, als bedürftig zu gelten und damit unattraktiv zu sein. Und wer kennt das nicht: gerade wenn es um Intimität und Nähe geht, kommt ganz viel Scham auf, die Bedürfnisse und Wünsche zu äußern, deren Mitteilung uns ihrer Erfüllung einen ganzen Schritt näher bringen könnten. Und dann halten wir lieber den Mund, als… ja, was denn eigentlich?

Typischerweise höre ich an dieser Stelle „Ich halte lieber den Mund, weil ich nicht verletzt/zurückgewiesen/missverstanden werden will.“ Das hat Katharina auch gesagt, eine Schutzreaktion also. Nach dem Motto „Frag nicht, wovor ich mich schütze, frag lieber WAS ich schütze!“ hab ich die Frage gestellt „Wenn Du nicht zurückgewiesen werden willst, was wünschst Du Dir dann stattdessen?“ Wie den meisten fiel Katharina da ein, „Natürlich wünsche ich mir ein Ja.“

Jetzt ist ein „Ja“ ja kein Bedürfnis, sondern eine Strategie (konkrete Handlung). Also hab ich bei Katharina nach Bedürfnissen geforscht. Wir kamen relativ schnell darauf, dass es dabei gar nicht primär darum ging, dass sie nun ihre Bedürfnisse nach Intimität, Sexualität, Nähe erfüllt bekommt, sondern eher darum… dass sie eine Bestätigung bekommt, dass diese Bedürfnisse zählen. Dass sie schön sind, Lebensenergie und Beitrag auch im Leben anderer sein können. Die Art von Lebensenergie und Beitrag, die ich z.B. fühle, wenn meine Freundin mir mit strahlenden Augen sagt, dass sie gerade riesige Lust auf asiatisch Essen hat. Nicht dass ich das an sich so überwältigend finde, aber der Ausdruck, mit dem sie sagt, dass sie das möchte oder ihr das wichtig ist, eröffnet mir seine Schönheit. Und ich glaube, dass wir uns alle danach sehnen: dass in dem, was wir uns wünschen und was uns wichtig ist, eine inhärente Schönheit und Unschuld sichtbar wird, nach außen strahlt und andere inspiriert.

Mir hilft diese Erkenntnis und Unterscheidung enorm, denn wenn ich mich für bedürftig halte, weiß ich jetzt, was ich damit machen möchte. Ich wünsch mir an der Stelle nicht primär die Erfüllung meiner Wünsche, sondern Mitgefühl und Einfühlung für meine Bedürfnisse. Ja, es ist sogar so, dass ich manchmal gar nichts davon habe, wenn meine Wünsche erfüllt werden, weil ich eigentlich eine andere Beziehung zu den Bedürfnissen dahinter suche. Und dafür ist ein einfaches „Ja“ oft zu oberflächlich. Ich mag zwar Bestätigung darin finden, dass ich bekomme, was ich will, aber das hält auch nur so lange an, wie es eben anhält. Danach bin ich wieder auf mich und meine Beziehung zu meinen Bedürfnissen gestellt. Und wenn es daran hapert, kann es sein, dass ich mich in ganz unangenehme Forderungsspielchen verstricke, um nur nicht wieder auf mich zurückzufallen.

Eine Art und Weise, der Schönheit und Unschuld von Bedürfnissen auf die Spur zu kommen ist nach Erinnerungen zu fragen, bei denen diese Bedürfnisse erfüllt waren. Wie fühlt sich der Zustand an? Was ist passiert? Wie ging es mir und den Menschen um mich herum damit? Eine andere Art wäre der „Beauty of Needs“-Übung von Robert Gonzales, die darin besteht, sich ein Bedürfnis auszusuchen, sagen wir Nähe, und sich von einem Freund oder Vertrauten fragen zu lassen „Wie lebt Nähe gerade in Dir?“ und einfach zu erzählen, für mindestens 15 Minuten. Ich find erstaunlich, was dabei passieren kann!

Genau diese Fragen hab ich auch Katharina gestellt und sie erzählen lassen, was sie sich wünscht und wie sie das schon mal erlebt hat. Sie fand für sich den Ausdruck „Ich möchte einfach mal so lange Sex haben, bis ich wirklich satt bin!“ Und sie strahlte, als sie das sagte. Dieser Gesichtsausdruck überzeugte mich davon, dass sie wirklich spüren konnte, was an ihrem Wunsch schön und unschuldig ist, dass dafür Platz ist, dass er auch anderen Menschen Freude bereiten kann, wenn es passt. Und damit war jeder Hauch von „Bedürftigkeit“ verschwunden.

Natürlich freut es mich sehr, dass Katharina schon am nächsten Tag zu mir kam und berichtete, genau das, was sie sich wünschte, sei eingetreten. Sie sah sehr vergnügt aus und dankbar für die Einfühlung. Das wird natürlich längst nicht immer so sein, denn da gehören auch andere Faktoren zu. Aber Kontakt zur Schönheit der eigenen Bedürfnisse zu haben hat eine Menge Macht, Dinge in Bewegung zu bringen, weil es einfach Spaß macht, darauf einzugehen. Und ich hoffe, ich konnte euch einige der Vorbedingungen für diesen Selbstkontakt aufzeigen.





Geschützt: Verlassen und vereinnahmt werden

26 04 2012

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Abraham Maslow und seine Pyramide

19 03 2012

Wenn ich Leute frage, ob sie schon mal etwas von Bedürfnissen als psycho-theoretisches Konzept gehört haben, antworten die meisten mit der Bedürfnispyramide von Abraham Maslow. Maslow ist der Begründer der humanistischen Psychologie und hat schon in den 40er Jahren über die Bedingungen geschrieben, die Menschen brauchen, um ihr volles Potenzial zu entwickeln. Marshall Rosenberg, der Begründer der Gewaltfreien Kommunikation (GfK), baut u.a. auf Maslows Überlegungen auf, geht allerdings mit Bedürfnissen anders um, als Maslow, da er sie nicht in eine Hierarchie einordnet, sondern eher als gleichwertig nebeneinander stellt.

Mir kam das am Anfang meines GfK-Studiums sehr entgegen, denn auch ich fand den Gedanken befremdlich, Bedürfnisse hierarchisch anordnen zu wollen. Ich vermute mal, ich hatte keine Lust MICH hierarchisch einzuordnen, z.B. indem ich denke, dass ich gerade am Anfang der Evolution bin, wenn ich Hunger habe oder Schutz suche – und dass das irgendwie bedeutet, ich sei nicht gut oder weit genug, um zum durchlauchten Kreis der Erleuchteten zu gehören. Irgendwann kam mir aber die Idee, dass es hier um Entwicklung geht, also die Entwicklung von Strategien zur Erfüllung von Bedürfnissen – eine Art Reihenfolge, in der Menschen in der Regel lernen, sich um diese Bedürfnisse zu kümmern. Und damit kann ich mich sehr gut anfreunden.

Ken Wilber hat mir in dieser Sache sehr geholfen, indem er Dominanz-Hierarchien von Wachstums-Hierarchien unterschieden hat. Während erstere die soziale Hackordnung beschreiben, die zwar ihren Sinn haben kann, aber oft zu Schmerz und Zerstörung führt, beschreibt letztere eher eine Sequenz von Bedingungen. Also bevor jenes da sein kann, muss erst dieses entstanden sein. Das hat nichts mit Unterdrückung zu tun, denn wer würde behaupten, dass Eichel und Eiche im gleichen Wachstumsstadium sind und von daher die gleichen Bedingungen bräuchten?

Illustration der Bedürfnispyramide

Im Folgenden will ich die Wachstumsschritte aus Maslows Pyramide beschreiben, so wie ich sie lebendig nachvollziehen kann. Ich bin ein Fan von Post-apokalyptischen Szenarien, das heißt Situationen, in denen auf irgendeine Weise das System unserer Zivilisation zerstört wurde (Zombie-Infektion, Nuklearer Holocaust, Meteoriten-Einschlag etc.) und die Überlebenden sich neu organisieren müssen. Natürlich will ich das nicht erleben und wünsche es auch niemandem, aber ich lese gern davon, schaue Filme oder spiele PC-Spiele dazu, weil ich es spannend finde, wie Menschen unter diesen rohen Bedingungen leben und in Eigenverantwortung eine neue Gesellschaft aufbauen. Für diesen Artikel ist das ideal, denn gerade die Entwicklung von Strategien in den unteren Etagen der Bedürfnis-Pyramide lassen sich daran gut illustrieren.

Basis: Lebensnotwendiges

In einem post-apokalyptischen Szenario sind die Prioritäten ganz klar: Falls es nicht gegeben ist, muss ich sicherstellen, dass ich Luft, Wasser und Nahrung habe. Das heißt, ich muss LERNEN, wie ich das bekommen. Ich werde das immer wieder brauchen, klar, aber wenn ich gelernt habe, wie das unter den aktuellen Bedingungen nachhaltig geht (Jagen, etwas Anbauen, Feuer machen, Luftzufuhr schaffen, der ganze Survival-Kram halt), kann ich diese Bedürfnisse stillen und zum nächsten gehen. Natürlich bedeutet das auch, dass ich umlernen muss, wenn sich die Bedingungen ändern (z.B. wenn bestimmte Beutetiere nicht mehr verfügbar sind) und diese Stufe der Pyramide wieder meine Aufmerksamkeit erfordert, egal wo auf der Pyramide ich mich bis eben noch herumgetrieben habe.

Das nächste wäre dann, laut Maslow, Schutz und körperliche Sicherheit. Dazu gehört eine Behausung, die warm hält (oder kühlt, je nachdem) und vor Witterung oder evtl. Strahlung schützt. Oft gibt es Wildtiere oder feindliche Gruppen/Stämme (oder eben Zombies) in diesen Szenarien, also ist’s z.B. gut eine Mauer um die Behausung zu haben und Waffen, um sie zu verteidigen. Zur Sicherheit beitragen kann vielleicht noch, mich im Terrain rundherum auszukennen, zu wissen, wo’s gefährlich ist und wo sicher und eine Art Frühwarnsystem zu haben, bevor ich mich entspannen kann.

Zugehörigkeit und Beachtung

Ist das geregelt, wandert die Aufmerksamkeit zum Thema Zugehörigkeit und Beachtung – jedenfalls, wenn ich in einer Gruppe bin. Als Erwachsener mit Erinnerungen an Menschen, zu denen ich mich zugehörig fühle, werde ich eine Weile überleben können, ohne dass ich hier und jetzt Menschen (oder Tiere) brauche. Ich schätze mal, dass ich auf die Weise aber irgendwann auch zu der Frage komme, wozu ich jetzt noch weiterleben soll, wenn ich ja doch alleine bin. Und je größer die Frage wird, desto weniger Überlebenswille würde mir bleiben, so dass ich irgendwann daran sterbe – z.B. weil ich aus Depression versäumt hab, mich um’s Essen zu kümmern, oder unvorsichtig durch die Wildnis gelaufen und überfallen worden bin.

Bin ich jedoch Teil einer Gruppe von Überlebenden, käme mir spätestens ab jetzt die Frage, ob ich einen Platz in der Gruppe habe. Wie sehen mich die anderen? Da ich ohne die Gruppe nicht (lange) überleben kann, ist Zugehörigkeit und Beachtung ein unheimlich wichtiges Thema. Sie definiert sich unter solchen Bedingungen erstmal darüber, was ich zur Gruppe beitragen kann, ob ich das, was die Gruppe für mich aufbringen muss, mit meinem Beitrag ausgleichen kann – auf ganz unterschiedliche Weise. Vielleicht kann ich gut jagen und kämpfen, habe viel Erfahrung mit Acker- oder Gartenanbau. Oder ich kenne viele Geschichten und Witze, mit denen ich die Stimmung aufhellen kann. Es könnte auch gut sein, dass ich gut organisieren und delegieren kann, so dass ich zum Anführer werde. Vielleicht war ich vor der Apokalypse als GfK-Trainer tätig und bin gut darin, Konflikte so zu begleiten, dass alle Beteiligten ihre Bedürfnisse erfüllt bekommen 😉 In jedem Fall geht es bei diesem Schritt darum, eine Fertigkeit zu entwickeln (wenn ich sie nicht schon habe), die mir die Zugehörigkeit sichert. Und dann dafür zu sorgen, dass das möglichst auch alle wichtigen Leute wissen und beachten, die darüber entscheiden, ob ich dabei bin, oder nicht.

Kontakt, Liebe und Gemeinschaft

Ist die Zugehörigkeit keine Frage mehr, wird meine Aufmerksamkeit zu den Menschen in der Gruppe wandern, mit denen ich am leichtesten Kontakt herstellen kann, die mich am meisten interessieren und mit denen ich auch am meisten gemeinsam habe. Ab hier geht es um Freundschaft, Kontakt, Verbindung und Liebe. Mir scheint, dass das noch etwas anderes ist als die basale Zugehörigkeit, die es zum Überleben braucht, da ich für letztere auch Zweckallianzen eingehen kann, die eher durch den äußeren Druck zusammengehalten werden als durch inneres Interesse. Den Unterschied merkt man, wenn der äußere Druck wegfällt, wie z.B. wenn eine Gruppe Überlebender, die über Monate hinweg eng zusammengehalten hat, auf eine große Siedlung trifft, die Zugehörigkeit, Sicherheit und einen Überfluss an Ressourcen bietet, und dann merkt, dass ihr Interesse zu anderen Menschen wandert, als die in der Gruppe der Überlebenden. Diese anderen Menschen teilen in der Regel ähnliche Werte, bestärken und inspirieren einen und erfüllen so das Bedürfnis nach Gemeinschaft. Ich persönlich kann nicht sagen, dass ich mit diesem Schritt fertig bin, oder der erledigt ist, denn Freundschaften und Beziehungen (weiter-) zu entwickeln interessiert mich jeden Tag 🙂

Soziale Geltung, Sinn und Selbstverwirklichung

Wenn ich mich richtig voll und satt mit Beziehungen und Gemeinschaft fühle, bekomme ich in der Regel Lust zum nächsten überzugehen und so etwas wie soziale Geltung und Sinn zu erarbeiten. Im Prinzip ist das der Schritt, an dem ich heute am meisten zu tun habe, deswegen hat das post-apokalyptische Szenario eigentlich ausgedient, denn die Vorbedingungen dafür sind dieselben, die ich heute auch brauche. Aber der Kontinuität wegen: Stellen wir uns vor, ich lebe in einer richtig großen Siedlung, die gut geschützt und mit allem Nötigen versorgt ist. Ich habe meinen Platz, ich habe Familie, Freunde, Menschen, die meine Werte teilen. Jetzt fang ich an, zu schauen, wie ich das, was ich kann und weiß, meine Expertise, zum Wohle des Ganzen einsetzen kann – das heißt zu meinem eigenen Wohle, zu dem meiner Liebsten (und sei es nur durch Einkommen) und der gesamten Kolonie. Maslow spricht hier von Status, Ruf, Anerkennung, wobei ich glaube, dass das Vehikel sind, Kanäle, Strategien, um Wirkung (oder aber auch Zugehörigkeit, s.o.) zu haben und etwas bewegen zu können – keine eigenen Bedürfnisse. Es tut gut, wenn ich weiß, dass das, was ich denke und tue, einen Unterschied macht. Aber dafür ist wichtig, dass ich weiß, WOZU ich etwas tue, und wie es wirkt. Ich brauche Feedback, um zu wissen, dass das, was ich tue so wirkt, wie ich es mir wünsche – sei es, dass ich Menschen eine neue Perspektive gezeigt habe, dass mein Produkt ihnen neue Möglichkeiten in ihrem Leben geschaffen hat, dass sie sich sicherer, wohler, zufriedener, entspannter, inspierter oder dergleichen fühlen, als wenn ich nichts gemacht hätte. Wenn ich keine Rückmeldung bekomme, weiß ich auch nicht, ob ich meinem Sinn gefolgt bin und ich kann meine Erfolge nicht feiern.

Letztlich geht Maslow darauf ein, indem er an die Spitze der Pyramide die Selbstverwirklichung setzt, das heißt, das Umsetzen des lebendigen Potenzials, das in mir als Mensch mit all meinen Anlagen, Fähigkeiten und Erfahrungen verankert ist. Da ich in jedem Moment neue Erfahrungen mache, meine Fähigkeiten sich weiter entwickeln und sich meine Perspektiven dadurch ändern, werde ich mit der Entwicklung von Strategien zur Selbstverwirklichung wohl kaum jemals fertig sein. Aber das stört keinen großen Geist 😉

Karte und Gebiet

Die Pyramide bedeutet nicht, dass Bedürfnisse auf hierarchische Weise erfüllt oder nicht erfüllt sind. Ich kann einen wunderschönen Abend mit einer Frau verbringen, deren Anwesenheit für Kontakt, Intimität und Liebe sorgt. Im nächsten Moment gehe ich aus dem Haus und über die Straße, bemerke zwei dunkle Gestalten zwanzig Meter hinter mir und ich denke nur noch an Sicherheit und körperliche Unversertheit. Die Pyramide erlaubt das dynamische Hin und Her, bei dem ich, so gut ich kann, auf die aktuelle Situation reagiere, statt das sie als statisches Stufenmodell voraussagt, dass immer nur ein Bedürfnis nach dem anderen im Fokus liegt. Die allgemeine Aussage ist eher, dass die Frage „Was muss ich lernen, um gut im Leben zurecht zu kommen?“ in der Reihenfolge der Pyramide beantwortet wird.

In diesem Sinne ist mir wichtig, dass Maslows Pyramide ein Modell ist, das tatsächlich vorhandene Dynamiken klären und transparenter machen soll – sie ist keine Roadmap, an der ich mich von Moment zu Moment orienteren würde, das tut mein Körper schon für mich. Aber ich glaube, sie kann helfen, nachzuvollziehen, wie wir unter bestimmten Umständen unsere Prioritäten setzen. Warum wir (laut Rosenberg) zwar alle dieselben Bedürfnisse haben, jedoch in der gleichen Situation unterschiedlich schwer gewichten können. Und sie schärft den Blick für Entwicklungsunterschiede, die in unserer heutigen Zeit der gemischten Kulturen besonders wichtig sind, da sie meiner Einschätzung nach für den Großteil der gesellschaftlichen Konflikte verantwortlich sind (siehe Es geht nicht um Religion…).

Eine noch genauere Karte bietet meiner Einschätzung nach Clare GravesSpiral Dynamics. Aber darauf gehe ich ein anderes Mal ein.





Empathie „geben“

22 02 2012

Vor kurzem erst hab ich angefangen, meine Formulierung im Umgang mit Empathie zu ändern. Mir ist nämlich aufgefallen, dass ich immer dann, wenn ich sage, ich GEBE jemandem Empathie oder habe Empathie FÜR jemanden, davon ausgehe, dass es ein Geschenk für den anderen ist. Das impliziert, dass jemand anderem Empathie zu geben mir im Prinzip nur dann etwas bringt, wenn ich gerade beitragen will. Und ich hab gemerkt, dass es mir in allen Momenten, wo ich mich gerade angespannt fühle, Angst hab, fürchte, zu wenig auf mich Acht zu geben oder keine klaren Grenzen zu haben, die Kehle zudrückt daran zu denken, auch noch jemandem Empathie zu geben. Dann kommen Gedanken wie „Ich hab doch schon so wenig, jetzt kann ich doch nicht noch Empathie abgeben.“ Oder, „jetzt hab ich Dir so viel Empathie gegeben, jetzt will ich Ausgleich!“ Manchmal mag es ja sein, dass ich gerade einfach nur Raum brauche, um mich selbst wieder zu spüren, aber ich fürchte, die Formulierung verschleiert einige Möglichkeiten, wie Empathie mir dient, wenn ich sie auf andere anwende.

Ich erinnere mich an eine spannende Unterhaltung bei einer Mitfahrgelegenheit zum Thema Strafrecht, bei der eine Mitfahrerin fragte, ob es nicht manchmal Täter gebe, die kein Verständnis verdient hätten. Ein anderer Mitfahrer antwortete darauf, dass diese Frage keinen Sinn hätte, wenn man eigentlich an der Wahrheit interessiert ist, also der Perspektive des Täters als Teil der Gesamtwahrheit einer Situation. Die Frage nach dem Verdienen impliziert, dass Verständnis/Empathie etwas ist, was wir jemandem zur Belohnung geben oder um das wir handeln oder feilschen könnten – also etwas, was wir verdienen können, bzw. auf das wir ein Recht hätten oder unser Recht verlieren können. Aber wenn ich eigentlich wissen will, was wirklich los ist, was tatsächlich passiert ist und wie ich mir eine Handlung als menschlich erklären kann, so dass ich auch menschlich mit ihr umgehen kann, dann tu ich gut daran, sie zu verstehen. Das heißt, Empathie dient dann der Wahrheitsfindung, trägt zu meiner Klarheit bei, die mir dann wiederum erlaubt in Integrität mit meinen Werten zu handeln. Hätte ich in dem Moment die Frage, ob jemand, den ich verstehen will, das Verständnis auch verdient hätte, würde ich auf die Weise meiner eigenen Klarheit und Integrität im Wege stehen.

Ich kenne außerdem Momente, wo ich Angst vor jemandem habe und mich deswegen nicht traue, in Kontakt zu gehen oder um etwas zu bitten. Wenn ich mich dann in den anderen einfühle, merke ich in der Regel, dass ich vor einer Karikatur des anderen Angst habe. Die könnte z.B. so aussehen, dass ich denke „Wenn ich sie/ihn damit konfrontiere, tickt er/sie aus. Er/sie ist einfach nicht so belastbar.“ Mich in den Menschen einzufühlen, ändert mein Bild, z.B. in „Ich vermute, dass er/sie Beachtung für seine/ihre Bedürfnisse möchte, bevor er/sie bereit ist, auch meine Bedürfnisse mit ein zu beziehen.“ Und auf die Weise gewinne ich Mut, es doch zu versuchen.

Oder ich erinnere mich an einen Nachmittag in einem Café in der Stadt, an dem ich rund eine Stunde damit verbracht habe, die Fremden, die in diesem Café um mich herum saßen zu betrachten und mich in sie einzufühlen. Nach einer kurzen Weile, öffnete sich mein Herz und ich bekam Tränen in den Augen von all der Schönheit. Mich einzufühlen hat an dem Punkt meine Bedürfnisse nach Gemeinschaft und Verbindung erfüllt, ohne dass ich auch nur für einen Moment den Eindruck hatte, ich würde etwas geben, wofür ich etwas zurück bekommen will. Wenn ich also wirklich an Wahrheit und Kontakt interessiert bin, blockiert mich diese Waren-Vorstellung von Empathie auf tragische Weise.

Abgesehen davon, dass sie meine Freiheit beschränkt, in jedem Moment das zu tun, was mir gut tut, gibt diese Vorstellung auch nicht wieder, was genau bei Einfühlung passiert, wenn sie tatsächlich als Beitrag gedacht ist. In meiner Geschichte mit der Gewaltfreien Kommunikation gab es einen Punkt, an dem ich gemerkt habe, dass ich angespannt wurde, nachdem mir gerade eine Menge einfühlsame Aufmerksamkeit entgegen gebracht wurde. Ich hatte die Befürchtung, dass ich, um stabil in diesem Zustand von Freude, Gerührtheit und innerem Frieden bleiben zu können, von nun an ständige Aufmerksamkeit von anderen bräuchte – und das würde ja nun wirklich niemandem mehr Spaß machen. Es hat eine Weile gebraucht, bis ich das so umdeuten konnte, dass meine eigene Verantwortung und damit auch Macht über meinen Zustand sichtbar wurde. Heute nutze ich einfühlsame Aufmerksamkeit als Hilfe und Unterstützung dafür, selbst in einen einfühlsamen Kontakt mit mir zu kommen. Für mein eigenes Bedürfnis nach Einfühlung und Kontakt zu mir selbst ist es unerheblich, wie einfühlsam andere mit mir sind, wenn ich die Einfühlung nicht für mich nutzen und auf mich anwenden kann. Von daher nenne ich heute das, was andere da für mich tun können, Unterstützung für Selbsteinfühlung. Mir geht es wesentlich besser damit, weil auf die Weise die Verantwortung klar bleibt.

Aus diesen Überlegungen heraus wähle ich inzwischen andere Formulierungen. Ich vermeide die Vorstellung, Einfühlung oder Empathie zu „geben“ oder für jemanden zu haben und spreche stattdessen davon, mich IN jemanden einzufühlen. So sag ich im Prinzip nur etwas über den Fokus meiner Aufmerksamkeit aus und nichts darüber, welches Ziel ich damit habe. Das befreit mich, Einfühlung auch für die oben genannten Bedürfnisse einzusetzen. Wenn ich das Ziel habe zum Wohlergehen und Wachstum meines Gegenüber beizutragen, unterstütze ich seine/ihre Selbsteinfühlung, indem ich meine Aufmerksamkeit auf Gefühle und Bedürfnisse richte und berichte, was ich dort vermute.





Die größte Angst

23 07 2009

Was ist eure größte Angst? Ich kann euch erzählen, was meine ist. Es klingt vielleicht nicht besonders vernünftig, das in einem öffentlichen Blog zu tun. Aber ich glaub, es ist eine Angst, für deren Umgang ich nicht so sehr auf andere angewiesen bin. Oder besser, ich hab glücklicherweise Freunde gefunden, die mir dabei helfen. Außerdem motiviert mich die Vorstellung, ihr könntet sie auch in euch vorfinden, allerdings noch nicht so klar ausgedrückt. Und dann gäbe meine Offenheit einen schönen Anhaltspunkt für mehr Orientierung und innere Sicherheit.

Ich hab gemerkt, dass die einzige Angst, die ich immer wieder habe, die ist, mir nicht zu verzeihen, wenn ich was gemacht hab, was im Nachhinein nicht so toll war, wie ich zum Zeitpunkt der Entscheidung dachte. Gibt es überhaupt irgendeine andere Angst? Nun ja, natürlich kann ich in einen Banküberfall verwickelt werden, bei dem mir jemand eine Pistole an den Kopf hält. Das fänd ich wahrscheinlich nicht so prickelnd. Oder ich bin in einer Region, wo Krieg herrscht und gekämpft wird. Aber ehrlich gesagt, wenn ich das wirklich durchdenke, wovor hab ich da Angst? Vor Schmerz? Vor Tod? Vor Verlust? Sind das nicht Dinge, mit denen ich leben kann? Gut, bei Tod wird das schwierig. Aber dann wiederum… muss ich annehmen dass tot sein eine Erfahrung ist? Wenn ja, könnte das spannend werden. Wenn nein, gibt es nichts zu fürchten.

Sich nicht verzeihen können

Nein, ich glaube wirklich, dass es sich bei genauer Betrachtung auf diese eine Angst herunterbrechen lässt: Sich etwas nicht verzeihen zu können. Wenn ich in so einer gefährlichen Situation bin, kann eine kleine Handlung sehr viel ausmachen und weitreichende Konsequenzen haben. Wenn die Konsequenzen mir nicht gefallen und ich meine Handlung dafür verantwortlich mache, kann das höllisch weh tun und es regnet Scham und Schuldgefühle. Sagen wir, wenn ich beim Banküberfall mit ansehen musste, wie einer Geisel eine Kugel durch den Kopf gejagt wurde, kurz bevor ich die Situation unter Kontrolle bringen konnte. Hätte ich doch nur… Oder auf einem anderen Gebiet, wenn ich eine Frau, die mir sehr gefällt, anspreche und ich denke, dass ihr „Nein“ verhindert hätte werden können, wäre ich anders an die Sache heran gegangen. Oder noch besser, ich bin in einer Beziehung mit einer Frau, die mir viel bedeutet und ich schlafe mit einer anderen. Das kommt raus und meine Partnerin will gehen. Vielleicht bin ich auch Politiker und setze ein Gesetz durch, das sechs Monate später für Todesfälle und schwere Proteste sorgt. Oder ich bin Chirurg und ein Patient, den ich operiert habe, stirbt, nachdem ich meinen Pieper in seiner Bauchhöhle vergessen hatte. Toll wäre es momentan bestimmt auch, im Vorstand der AIG zu sitzen und zu sehen, wie mein Finanz-Plan einen Verlust von mehr als 200 Mrd. Dollar und den beinahe Zusammenbruch der Weltwirtschaft nach sich zieht. Massen von Menschen sitzen auf der Straße, verlieren ihre Arbeit und versinken im Elend. Nur weil ich versagt habe!

Wer hier nicht weiter weiß, ist psychologisch wahrscheinlich am Ende. Ohne Selbstvergebung bleibt einem da nicht viel. Das Vertrauen in das Gute in mir könnte verschwinden, oder in meine Fähigkeit, dieses Gute zum Ausdruck zu bringen. Vielleicht fange ich an zu denken, dass ich es nicht mehr verdient habe, glücklich zu sein. Oder ich werde sehr einsam, nachdem alle um mich herum entschieden haben, dass sie nicht mehr mit mir leben wollen. Wenn ich dann noch denke, dass sie Recht haben, kann ich mir auch die Kugel geben. Die Hoffnungslosigkeit ist komplett. Also, wovor könnte man überhaupt noch Angst haben, wenn nicht davor? Mir fällt nichts ein.

Damit stellt sich natürlich die Frage: Wie verzeiht man sich?

Selbstvergebung

Ich glaub für viele sieht Vergebung so aus, dass man sich nochmal eine Chance gibt. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, wie das gehen soll, denn wenn ich mir und meine Urteil nicht mehr vertraue, wie soll das dann helfen? Genau so, wie wenn ich jemand anderem vergeben soll. Wenn ich ihm nicht traue, was soll das dann heißen? Schwamm drüber und wir fangen von vorne an? Wenn meine Partnerin mit jemand anderem schläft, ich bin entsetzt und brauche mehr Vertrauen… wie sähe Vergebung da aus?

Mein simpler Grundsatz für Vergebung lautet: Wenn ich verstehe, gibt es nichts mehr zu vergeben. So simpel das klingt, so schwer kann einem das fallen. Der Knackpunkt ist folgender: wenn ich etwas gemacht habe, was schreckliche Konsequenzen hatte, und ich bringe Verständnis auf, heißt das, dass ich es gut finde? Wenn ich meine Partnerin verstehe und nachvollziehen kann, dass sie sich dafür entschieden hat, mit ihrem besten Freund zu schlafen, bedeutet das dann, dass ich ihr das erlaube oder sie sogar noch dazu ermutigen will? Wohl kaum (jedenfalls nicht zu diesem Zeitpunkt). Gerade weil Verständnis so oft zu Vergebung führt, haben wahrscheinlich viele Angst davor. Denn sie wollen nicht vergessen, aus den Konsequenzen zu lernen. Also, wie kann ich mir vergeben UND aus den Konsequenzen lernen?

Entscheider und Erzieher

Es hilft von zwei Funktionen in mir auszugehen: einem Entscheider und einem Erzieher. Beide Funktionen haben den Job, das Leben schöner, aufregender, angenehmer und insgesamt wunderbar zu machen. Der Entscheider hat in jedem Moment die Aufgabe, aus den bekannten Optionen und in der gegebenen Situation, das beste und schönste zu wählen. Das ist manchmal ziemlich schwierig, vor allem wenn die bekannten Wahlmöglichkeiten eingeschränkt sind. Der Erzieher schaut sich an, welche Konsequenzen die Entscheidung hatte und kommentiert das. Je nachdem, welche Umgangsform der Erzieher von meinen (externen) Erziehern gelernt hat, fällt ihm wahrscheinlich sofort auf, wenn etwas nicht den Standards entspricht. Das kann sich in einer Intuition, einem Gefühl, einem Gedanken bemerkbar machen.

Das heißt, wenn etwas schief geht, hab ich es mit zwei Perspektiven zu tun, von denen die meisten Menschen die eine vergessen. Die Erzieher-Perspektive ist die, in der die Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen, die nicht von der Handlung erfüllt wurden. Also sagen wir, ich bin an einer Frau interessiert, ich frage sie, ob sie Lust hat, mit mir was trinken zu gehen und sie sagt, dass sie nicht will… dann könnte mein Erzieher mich mit Vorwürfen bombadieren wie „Was für eine blöde Idee, sie überhaupt zu fragen! Jetzt hast du sie noch belästigt! Wer bist du überhaupt, was von ihr zu wollen? Hättest du das nicht erahnen können? Außerdem, wenn du ständig auf Ablehnung stößt, muss doch was mit dir nicht stimmen…“ Das ist wahrscheinlich erstmal nicht so leicht zu verdauen. Ich glaub, viele drücken das einfach beiseite, überwältigt von der schieren Menge an Selbst-Vorwürfen. Aber der Kern der Sache ist, dass der Erzieher im Interesse meiner Bedürfnisse spricht. Und er will, dass ich diesen Bedürfnissen Aufmerksamkeit schenke, so dass die Wahrscheinlichkeit steigt, dass sie in Zukunft erfüllt werden können. Es wäre toll, wenn er mir das direkt sagen könnte, aber üblicherweise hat er das nicht gelernt. Also braucht es etwas Arbeit und Aufmerksamkeit, da heran zu kommen.

Ich könnte mir vorstellen, dass mein Erzieher mich darauf aufmerksam machen will, wie sehr es mein Leben verschönern würde, wenn ich die Nähe und Zuwendung einer Frau hätte. Und wie wichtig es da wäre, zu wissen, wie ich sie bekommen könnte. Dass ich herausfinde, wie ich das Interesse an mir wecken kann. Vielleicht auch, dass ich mir eine bessere Vorstellung davon mache, was eine Frau gerne hätte, wenn sie bei mir wäre. Also alles, was mit Intimität, Verbindung, Geborgenheit zu tun hat. Dafür steht der Erzieher ein. Dass es das im Kern ist, weiß ich dann, wenn die Gedanken und Vorwürfe aufhören. Kommen weitere, hab ich noch nicht alle Bedürfnisse verstanden. Ist es aber so weit, fühle ich mich nicht mehr schuldig, sondern vielleicht traurig oder betrübt. Aber das ist ein süßer Schmerz, weil er Hoffnung auf Besserung erlaubt. Durch das Verständnis und das Erkennen der Bedürfnisse werde ich wieder handlungsfähig. Und das kann eine große Erleichterung sein.

Soweit der Erzieher.

Wenn ich verstanden hab, was mich an den Konsequenzen meiner Handlung so beunruhigt, kommt natürlicherweise die Frage auf, wie ich denn so handeln konnte. Also, wie kam mein Entscheider auf die Idee, dass es von Vorteil wäre, es so zu machen? Das ist ja der eigentlich Schritt zur Selbst-Vergebung. Dafür ist nötig zu verstehen, welche Bedürfnisse der Entscheider im Sinn hatte und aus welcher Perspektive heraus die gewählte Handlung wirklich als die beste erschien. Hinterher ist man ja immer schlauer, also ist das nicht immer so einfach. Mein Erzieher fragt also, ob meinem Entscheider denn nicht klar war, dass ich diese Bedürfnisse nach Intimität und Verbindung habe.

Und der antwortet, dass er ja gerade dafür etwas tun wollte. Und wie gerne hätte er mehr darüber gewusst, wie das zu tun wäre. Aber in dieser Situation hatte er nur begrenzte Informationen. Ich erinnere mich z.B. an ein Mal, wo ich überlegt hab, ob ich eine Frau frage, ob sie mit mir was trinken gehen will und ich hab mir gemerkt, wie meine Perspektive aussah. Wir hatten uns in einem Sprachkurs kennengelernt und die Signale waren gemeinsames Lachen, Witze zusammen und eine Liebe für die Sprache, die wir da lernten. Könnte das Interesse bedeuten? Kann ich nicht sicher wissen, aber ich kann entscheiden, dass es genug ist, um es auszuprobieren. Also hab ich das getan. Sie sagte ja, also brauchte ich an diesem Beispiel keine Selbst-Vergebung zu üben. Aber nichtsdestotrotz hat es gut getan, ganz bewusst die Entscheidung zu fällen. Und zu wissen, wenn es nicht gut läuft, ist das auch okay.

Gute Neuigkeiten

Zusammengefasst heißt das, dass ich zum einem verstehe, was mein Erzieher beanstandet und dann zum anderen verstehe, was mein Entscheider wollte und aus welcher Perspektive heraus seine Entscheidung als die bestmögliche erschien. Wenn ich das verstanden habe, gibt es nichts mehr zu vergeben.

Das ist natürlich immer wieder ein neuer Prozess, mit jeder neuen Situation. Allerdings lernen sowohl Erzieher als auch Entscheider mit der Zeit immer besser, sich klar auszudrücken und so fällt das Verstehen immer leichter. Die Gefahr, sich für etwas nicht vergeben zu können verringert sich dementsprechend. Und damit werden Angst und Hoffnungslosigkeit zunehmend zur Seltenheit… das sind doch gute Neuigkeiten, oder nicht?