Abraham Maslow und seine Pyramide

19 03 2012

Wenn ich Leute frage, ob sie schon mal etwas von Bedürfnissen als psycho-theoretisches Konzept gehört haben, antworten die meisten mit der Bedürfnispyramide von Abraham Maslow. Maslow ist der Begründer der humanistischen Psychologie und hat schon in den 40er Jahren über die Bedingungen geschrieben, die Menschen brauchen, um ihr volles Potenzial zu entwickeln. Marshall Rosenberg, der Begründer der Gewaltfreien Kommunikation (GfK), baut u.a. auf Maslows Überlegungen auf, geht allerdings mit Bedürfnissen anders um, als Maslow, da er sie nicht in eine Hierarchie einordnet, sondern eher als gleichwertig nebeneinander stellt.

Mir kam das am Anfang meines GfK-Studiums sehr entgegen, denn auch ich fand den Gedanken befremdlich, Bedürfnisse hierarchisch anordnen zu wollen. Ich vermute mal, ich hatte keine Lust MICH hierarchisch einzuordnen, z.B. indem ich denke, dass ich gerade am Anfang der Evolution bin, wenn ich Hunger habe oder Schutz suche – und dass das irgendwie bedeutet, ich sei nicht gut oder weit genug, um zum durchlauchten Kreis der Erleuchteten zu gehören. Irgendwann kam mir aber die Idee, dass es hier um Entwicklung geht, also die Entwicklung von Strategien zur Erfüllung von Bedürfnissen – eine Art Reihenfolge, in der Menschen in der Regel lernen, sich um diese Bedürfnisse zu kümmern. Und damit kann ich mich sehr gut anfreunden.

Ken Wilber hat mir in dieser Sache sehr geholfen, indem er Dominanz-Hierarchien von Wachstums-Hierarchien unterschieden hat. Während erstere die soziale Hackordnung beschreiben, die zwar ihren Sinn haben kann, aber oft zu Schmerz und Zerstörung führt, beschreibt letztere eher eine Sequenz von Bedingungen. Also bevor jenes da sein kann, muss erst dieses entstanden sein. Das hat nichts mit Unterdrückung zu tun, denn wer würde behaupten, dass Eichel und Eiche im gleichen Wachstumsstadium sind und von daher die gleichen Bedingungen bräuchten?

Illustration der Bedürfnispyramide

Im Folgenden will ich die Wachstumsschritte aus Maslows Pyramide beschreiben, so wie ich sie lebendig nachvollziehen kann. Ich bin ein Fan von Post-apokalyptischen Szenarien, das heißt Situationen, in denen auf irgendeine Weise das System unserer Zivilisation zerstört wurde (Zombie-Infektion, Nuklearer Holocaust, Meteoriten-Einschlag etc.) und die Überlebenden sich neu organisieren müssen. Natürlich will ich das nicht erleben und wünsche es auch niemandem, aber ich lese gern davon, schaue Filme oder spiele PC-Spiele dazu, weil ich es spannend finde, wie Menschen unter diesen rohen Bedingungen leben und in Eigenverantwortung eine neue Gesellschaft aufbauen. Für diesen Artikel ist das ideal, denn gerade die Entwicklung von Strategien in den unteren Etagen der Bedürfnis-Pyramide lassen sich daran gut illustrieren.

Basis: Lebensnotwendiges

In einem post-apokalyptischen Szenario sind die Prioritäten ganz klar: Falls es nicht gegeben ist, muss ich sicherstellen, dass ich Luft, Wasser und Nahrung habe. Das heißt, ich muss LERNEN, wie ich das bekommen. Ich werde das immer wieder brauchen, klar, aber wenn ich gelernt habe, wie das unter den aktuellen Bedingungen nachhaltig geht (Jagen, etwas Anbauen, Feuer machen, Luftzufuhr schaffen, der ganze Survival-Kram halt), kann ich diese Bedürfnisse stillen und zum nächsten gehen. Natürlich bedeutet das auch, dass ich umlernen muss, wenn sich die Bedingungen ändern (z.B. wenn bestimmte Beutetiere nicht mehr verfügbar sind) und diese Stufe der Pyramide wieder meine Aufmerksamkeit erfordert, egal wo auf der Pyramide ich mich bis eben noch herumgetrieben habe.

Das nächste wäre dann, laut Maslow, Schutz und körperliche Sicherheit. Dazu gehört eine Behausung, die warm hält (oder kühlt, je nachdem) und vor Witterung oder evtl. Strahlung schützt. Oft gibt es Wildtiere oder feindliche Gruppen/Stämme (oder eben Zombies) in diesen Szenarien, also ist’s z.B. gut eine Mauer um die Behausung zu haben und Waffen, um sie zu verteidigen. Zur Sicherheit beitragen kann vielleicht noch, mich im Terrain rundherum auszukennen, zu wissen, wo’s gefährlich ist und wo sicher und eine Art Frühwarnsystem zu haben, bevor ich mich entspannen kann.

Zugehörigkeit und Beachtung

Ist das geregelt, wandert die Aufmerksamkeit zum Thema Zugehörigkeit und Beachtung – jedenfalls, wenn ich in einer Gruppe bin. Als Erwachsener mit Erinnerungen an Menschen, zu denen ich mich zugehörig fühle, werde ich eine Weile überleben können, ohne dass ich hier und jetzt Menschen (oder Tiere) brauche. Ich schätze mal, dass ich auf die Weise aber irgendwann auch zu der Frage komme, wozu ich jetzt noch weiterleben soll, wenn ich ja doch alleine bin. Und je größer die Frage wird, desto weniger Überlebenswille würde mir bleiben, so dass ich irgendwann daran sterbe – z.B. weil ich aus Depression versäumt hab, mich um’s Essen zu kümmern, oder unvorsichtig durch die Wildnis gelaufen und überfallen worden bin.

Bin ich jedoch Teil einer Gruppe von Überlebenden, käme mir spätestens ab jetzt die Frage, ob ich einen Platz in der Gruppe habe. Wie sehen mich die anderen? Da ich ohne die Gruppe nicht (lange) überleben kann, ist Zugehörigkeit und Beachtung ein unheimlich wichtiges Thema. Sie definiert sich unter solchen Bedingungen erstmal darüber, was ich zur Gruppe beitragen kann, ob ich das, was die Gruppe für mich aufbringen muss, mit meinem Beitrag ausgleichen kann – auf ganz unterschiedliche Weise. Vielleicht kann ich gut jagen und kämpfen, habe viel Erfahrung mit Acker- oder Gartenanbau. Oder ich kenne viele Geschichten und Witze, mit denen ich die Stimmung aufhellen kann. Es könnte auch gut sein, dass ich gut organisieren und delegieren kann, so dass ich zum Anführer werde. Vielleicht war ich vor der Apokalypse als GfK-Trainer tätig und bin gut darin, Konflikte so zu begleiten, dass alle Beteiligten ihre Bedürfnisse erfüllt bekommen 😉 In jedem Fall geht es bei diesem Schritt darum, eine Fertigkeit zu entwickeln (wenn ich sie nicht schon habe), die mir die Zugehörigkeit sichert. Und dann dafür zu sorgen, dass das möglichst auch alle wichtigen Leute wissen und beachten, die darüber entscheiden, ob ich dabei bin, oder nicht.

Kontakt, Liebe und Gemeinschaft

Ist die Zugehörigkeit keine Frage mehr, wird meine Aufmerksamkeit zu den Menschen in der Gruppe wandern, mit denen ich am leichtesten Kontakt herstellen kann, die mich am meisten interessieren und mit denen ich auch am meisten gemeinsam habe. Ab hier geht es um Freundschaft, Kontakt, Verbindung und Liebe. Mir scheint, dass das noch etwas anderes ist als die basale Zugehörigkeit, die es zum Überleben braucht, da ich für letztere auch Zweckallianzen eingehen kann, die eher durch den äußeren Druck zusammengehalten werden als durch inneres Interesse. Den Unterschied merkt man, wenn der äußere Druck wegfällt, wie z.B. wenn eine Gruppe Überlebender, die über Monate hinweg eng zusammengehalten hat, auf eine große Siedlung trifft, die Zugehörigkeit, Sicherheit und einen Überfluss an Ressourcen bietet, und dann merkt, dass ihr Interesse zu anderen Menschen wandert, als die in der Gruppe der Überlebenden. Diese anderen Menschen teilen in der Regel ähnliche Werte, bestärken und inspirieren einen und erfüllen so das Bedürfnis nach Gemeinschaft. Ich persönlich kann nicht sagen, dass ich mit diesem Schritt fertig bin, oder der erledigt ist, denn Freundschaften und Beziehungen (weiter-) zu entwickeln interessiert mich jeden Tag 🙂

Soziale Geltung, Sinn und Selbstverwirklichung

Wenn ich mich richtig voll und satt mit Beziehungen und Gemeinschaft fühle, bekomme ich in der Regel Lust zum nächsten überzugehen und so etwas wie soziale Geltung und Sinn zu erarbeiten. Im Prinzip ist das der Schritt, an dem ich heute am meisten zu tun habe, deswegen hat das post-apokalyptische Szenario eigentlich ausgedient, denn die Vorbedingungen dafür sind dieselben, die ich heute auch brauche. Aber der Kontinuität wegen: Stellen wir uns vor, ich lebe in einer richtig großen Siedlung, die gut geschützt und mit allem Nötigen versorgt ist. Ich habe meinen Platz, ich habe Familie, Freunde, Menschen, die meine Werte teilen. Jetzt fang ich an, zu schauen, wie ich das, was ich kann und weiß, meine Expertise, zum Wohle des Ganzen einsetzen kann – das heißt zu meinem eigenen Wohle, zu dem meiner Liebsten (und sei es nur durch Einkommen) und der gesamten Kolonie. Maslow spricht hier von Status, Ruf, Anerkennung, wobei ich glaube, dass das Vehikel sind, Kanäle, Strategien, um Wirkung (oder aber auch Zugehörigkeit, s.o.) zu haben und etwas bewegen zu können – keine eigenen Bedürfnisse. Es tut gut, wenn ich weiß, dass das, was ich denke und tue, einen Unterschied macht. Aber dafür ist wichtig, dass ich weiß, WOZU ich etwas tue, und wie es wirkt. Ich brauche Feedback, um zu wissen, dass das, was ich tue so wirkt, wie ich es mir wünsche – sei es, dass ich Menschen eine neue Perspektive gezeigt habe, dass mein Produkt ihnen neue Möglichkeiten in ihrem Leben geschaffen hat, dass sie sich sicherer, wohler, zufriedener, entspannter, inspierter oder dergleichen fühlen, als wenn ich nichts gemacht hätte. Wenn ich keine Rückmeldung bekomme, weiß ich auch nicht, ob ich meinem Sinn gefolgt bin und ich kann meine Erfolge nicht feiern.

Letztlich geht Maslow darauf ein, indem er an die Spitze der Pyramide die Selbstverwirklichung setzt, das heißt, das Umsetzen des lebendigen Potenzials, das in mir als Mensch mit all meinen Anlagen, Fähigkeiten und Erfahrungen verankert ist. Da ich in jedem Moment neue Erfahrungen mache, meine Fähigkeiten sich weiter entwickeln und sich meine Perspektiven dadurch ändern, werde ich mit der Entwicklung von Strategien zur Selbstverwirklichung wohl kaum jemals fertig sein. Aber das stört keinen großen Geist 😉

Karte und Gebiet

Die Pyramide bedeutet nicht, dass Bedürfnisse auf hierarchische Weise erfüllt oder nicht erfüllt sind. Ich kann einen wunderschönen Abend mit einer Frau verbringen, deren Anwesenheit für Kontakt, Intimität und Liebe sorgt. Im nächsten Moment gehe ich aus dem Haus und über die Straße, bemerke zwei dunkle Gestalten zwanzig Meter hinter mir und ich denke nur noch an Sicherheit und körperliche Unversertheit. Die Pyramide erlaubt das dynamische Hin und Her, bei dem ich, so gut ich kann, auf die aktuelle Situation reagiere, statt das sie als statisches Stufenmodell voraussagt, dass immer nur ein Bedürfnis nach dem anderen im Fokus liegt. Die allgemeine Aussage ist eher, dass die Frage „Was muss ich lernen, um gut im Leben zurecht zu kommen?“ in der Reihenfolge der Pyramide beantwortet wird.

In diesem Sinne ist mir wichtig, dass Maslows Pyramide ein Modell ist, das tatsächlich vorhandene Dynamiken klären und transparenter machen soll – sie ist keine Roadmap, an der ich mich von Moment zu Moment orienteren würde, das tut mein Körper schon für mich. Aber ich glaube, sie kann helfen, nachzuvollziehen, wie wir unter bestimmten Umständen unsere Prioritäten setzen. Warum wir (laut Rosenberg) zwar alle dieselben Bedürfnisse haben, jedoch in der gleichen Situation unterschiedlich schwer gewichten können. Und sie schärft den Blick für Entwicklungsunterschiede, die in unserer heutigen Zeit der gemischten Kulturen besonders wichtig sind, da sie meiner Einschätzung nach für den Großteil der gesellschaftlichen Konflikte verantwortlich sind (siehe Es geht nicht um Religion…).

Eine noch genauere Karte bietet meiner Einschätzung nach Clare GravesSpiral Dynamics. Aber darauf gehe ich ein anderes Mal ein.





Du kannst zwar machen was Du willst, aber nicht wollen was Du willst

27 01 2009

Ich hab mich ja schon ein paar Mal über Willensfreiheit ausgelassen. Das Thema hat so viele Aspekte, dass ich es mühsam finde, eine für mich kohärente Perspektive darauf zu finden. Von daher nehme ich nochmal einen anderen Anlauf.

Während in der Hirnforschung das Konzept der Freiheit dadurch in Frage gestellt zu sein scheint, dass man schon zehn Sekunden im Voraus das Aktivitätsmuster im Gehirn erkennen kann, welches zu einer Entscheidung führt (in dem Fall ob man den linken oder rechten Finger bewegt), will ich mich der Sache von der phänomenologischen und strukturalistischen Seite her nähern – eine Innenansicht also. Es wird von daher auch um Moral, Entscheidungen und Bewusstsein gehen. Zum Schluss komme ich nochmal auf die Hirnforschung zurück.

Frei wozu?

Wenn ich mich frage, ob ich frei bin, merke ich, dass diese Frage nur in Bezug auf ein Ziel Sinn hat. Ich bin frei etwas zu tun oder zu sein (wobei letzteres wahrscheinlich nur in Form von Handlungen definierbar ist). Auch wenn es um die Frage geht, ob ich frei VON etwas bin… was mache ich damit? Diese Freiheit scheint mir nur dann spürbar zu sein, wenn sie mir etwas erlaubt, was ich ohne sie nicht könnte oder hätte. Also ist meine Frage, was will ich tun?

Schon im Philosophie-Unterricht in der 11 machte meine Lehrerin Cornelia Hartenfels mich darauf aufmerksam, dass man nichts tun kann, was man nicht für „gut“ befindet. Das hat mich verblüfft. Aber tatsächlich fällt mir nichts ein, was ich tun wollte, was ich nicht irgendwo für „gut“ befände. Sicher, ich bin nicht mit allem gleichermaßen zufrieden. Und manche Dinge kommen mir vor allem im Nachhinein sehr destruktiv vor. Aber in dem Moment, in dem ich sie tue… sind sie das beste, was mir einfällt. In einem Lied schreibt Marshall Rosenberg „I’ve done some things that I wouldn’t have done, if I knew then what I since have learned.“ Das passt sehr gut.

Was ist mit Zerstörung?

Ein Mitschüler in der Klasse fragte damals, was man denn dann von Selbstmord halten sollte. Und ich antwortete ihm, der Logik zufolge, dass demjenigen, der Selbstmord begeht, wahrscheinlich keine bessere Alternative einfällt, um seinem Leiden ein Ende zu setzen und sich Erleichterung zu verschaffen. Wüsste er, dass etwas anderes wirklich funktioniert, würde er sich vermutlich umentscheiden.

Ich habe bis heute kein Beispiel vorzuweisen, bei dem das nicht zutrifft. Ist das nicht eine merkwürdige Art, menschliche Freiheit einzuschränken? Dass man wirklich nur gut wählen kann, nicht böse? Nun ja, vielleicht ist es noch merkwürdiger, Handlungen in gut und böse zu unterteilen – ohne das käme das Problem ja gar nicht auf. Denn ich weiß nur zu gut, dass was wir für gut und was für böse befinden davon abhängt, welche Informationen wir über eine Situation haben. Ich nehme mal ein gewagtes Beispiel um das zu illustrieren (und hoffe auf euer Verständnis, bin nämlich etwas nervös dabei).

Wenn ein Mann auf der Straße einen kleinen Jungen anspricht, ihn einlädt zu ihm nach Hause zu kommen, ihn zunächst mit Süßigkeiten verwöhnt, einen Film mit ihm schaut und den Jungen nachher auszieht und Sex mit ihm hat… – niemand, der sieht, was für eine Angst der Junge danach hat, wie weh es tut, wenn man sich nicht mehr sicher fühlen kann und kein Vertrauen ins Leben findet, wird davor gefeit sein, diese Handlung unter „böse“ einzuordnen. Gleichzeitig wird niemand davor gefeit sein, die Tragik darin zu erkennen, wenn er erfährt, dass dieser Mann generell sehr einsam ist, sich sehr über die Gesellschaft und darüber gefreut hat, den Jungen verwöhnen zu können, und beim Sex im Schmerz, der in den Augen des Jungen zu sehen war, sich selbst wiedergespiegelt gesehen hat, wie er sich damals gefühlt hat, als ihm dasselbe widerfahren war. Was ist das für eine Tragik, wenn jemand Gemeinschaft und Verständnis sucht und keinen anderen Weg dahin findet als etwas, was so einen Schmerz in das Leben des Jungen bringt!

Ich nutze dieses polarisierende Beispiel, weil ich zeigen will, dass abhängig von den Informationen, die wir über die Lage haben, irgendwann immer der Punkt kommt, an dem ersichtlich wird, dass jemand sich für etwas entschieden hat, was er für „gut“ befindet – so relativ „schlecht“ es im Gesamtkontext auch sein mag. Diese Entscheidung wird oft genug von einer Perspektive aus getroffen, die den Gesamtkontext nicht miteinbezieht, so dass was gut gemeint ist zu einer Katastrophe führen kann. Ihr Sinn bleibt trotzdem derselbe: „Gutes“ tun, zur Schönheit des Lebens beitragen.

Bezüglich der Willensfreiheit heißt das also „Du kannst zwar machen was Du willst, aber nicht wollen was Du willst.“ Denn was Du willst wird immer in irgendeiner Weise damit verbunden sein, dass Du das Leben bereichern möchtest. Marshall Rosenberg, der die Gewaltfreie Kommunikation entwickelt hat, macht das explizit, indem er sagt „Behind every inhuman deed is a human need.“ Bedürfnisse wie Verständnis, Gemeinschaft, Sinn, Autonomie, Intimität, Spaß und Sicherheit drücken Qualitäten aus, die wir wohl alle gerne in unserem Leben haben und für die wir uns entscheiden, wenn wir handeln. Die Entscheidungen könnten dramatische Konsequenzen haben und zu etwas führen, was wir nicht gewollt haben. Aber wie gesagt, der Impuls bleibt der, etwas zu tun, was wir für „gut“ befinden.

Wenn das so ist, kann man sich fragen, wie kommt es dann, dass unterschiedliche Menschen so verschieden handeln und so verschiedene Entscheidungen treffen. Oder auch, wie kommt es, dass wir zuweilen Dinge tun, die wir uns selbst nicht erklären können. Dinge, die so offensichtlich destruktiv scheinen, dass niemand, der aufrichtig daran interessiert wäre, Gutes zu tun, sich je dafür entscheiden könnte.

Bewusstseinsentwicklung

Meine bisher beste Antwort darauf ist Bewusstseinsentwicklung. Mit Bewusstsein meine ich, meine Kapazität zu merken, was los ist. Und das kann sich auf meine innerpsychischen Prozesse beziehen, auf das was ich mir wünsche, sowohl offen, wie auch verdeckt, aber auch auf die Dynamik der ganzen Welt um mich herum. Von mir selbst zur Familie, zu Freunden, zu Kollegen, zur Gesellschaft, in der ich lebe, zur ganzen Welt. Das Bewusstsein dafür ist in einer ständigen Entwicklung (wenn auch unterschiedlich schnell), einfach weil ich jeden Tag mit mir und der Welt zu tun habe und unterschiedlichen Umständen ausgesetzt bin, die mich auf verschiedene Dinge aufmerksam machen. Je mehr und je bewusster ich das erlebe, also je mehr ich lerne, das, was ich erlebe, auch benennen zu können, desto größer wird mein Bewusstsein, desto mehr relevante Faktoren fließen in meine Entscheidungen mit ein. Und desto wahrscheinlicher, dass meine Entscheidungen wirklich in Harmonie mit dem sind, was ich in die Welt bringen will.

Es gibt eine ganze Reihe von Psychologen, die diese Entwicklung untersuchten haben, unter anderem Robert Kegan, Lawrence Kohlberg, Jean Piaget, Susanne Cook-Greuter, Carol Gilligan, James Fowler, Clare Graves und Don Beck. Davon erfahren habe ich vor allem durch die Literatur von Ken Wilber.

Ein Beispiel für eine relativ simple Entwicklungsbeschreibung ist die der moralischen Entwicklung, untersucht durch Lawrence Kohlberg. Er hat sehr viele Leute gefragt, was sie zu einem moralischen Dilemma sagen und wie sie sich entscheiden würden. Das Dilemma ist, dass Dein Lebenspartner todkrank im Bett liegt und Du kein Geld hast, die notwendige Medizin zu kaufen. Du könntest sie aber stehlen. Wäre das okay, hättest Du ein Recht darauf?

Grundsätzlich gab es drei Antworten: Ja, Nein und Ja. 1. „Ja, weil ich bestimme, dass es okay ist und ich das will.“ 2. „Nein, das Gesetz verbietet es, ich kann das nicht tun.“ 3. „Ja, denn es gibt Situationen, in denen es wichtiger ist, das Leben zu schützen, als das Gesetz zu befolgen. Schließlich hat das Gesetz letztendlich auch den Sinn, das Leben zu schützen.“ Jede der Antworten zeigt ein anderes Maß an Bewusstsein, einfach weil die Begründungen so verschieden sind.

Wurde diese Frage nach einiger Zeit noch einmal gestellt und hatte jemand 2 geantwortet, so gab es bei Veränderung immer nur eine Verschiebung von 2 zu 3 und nie zu 1. Das heißt, wir haben es mit einer Sequenz zu tun, Menschen entwickeln sich durch diese Stufen hindurch und die Reihenfolge ist unumkehrbar. Hat man einmal gelernt, auf mehr zu achten, kann man auch nicht mehr anders, außer es zu berücksichtigen. Wenn man das nicht tut, z.B. durch Verdrängung, bekommt man wahrscheinlich ganz schöne Bauchschmerzen.

Egozentrik, Ethnozentrik, Weltzentrik

Eine Art diese Stufen zu benennen wäre egozentrisch, ethnozentrisch und weltzentrisch. Das bedeutet, am Anfang der Entwicklung werden nur die Bedürfnisse berücksichtigt, die direkt am eigenen Körper spürbar erfüllbar sind. Dann kommen die Bedürfnisse der eigenen Gruppe, Nation, Glaubensgemeinde hinzu, deren Berücksichtigung auch wichtig ist, für das eigene Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Und schließlich bekommen auch die Bedürfnisse aller Menschen auf der Welt einen Platz im Bewusstsein. Das bedeutet nicht, dass ich alle Bedürfnisse in jedem Moment in meine Handlungen mit einbeziehe, sondern dass das Wohlergehen aller Menschen mich beeinflusst, wenn ich davon erfahre. Ich bekomme, mit, wenn es anderen nicht gut geht und werde motiviert, etwas dafür zu tun, wenn ich denn weiß wie.

Sowohl ethnozentrisch als auch weltzentrisch schließen egozentrisch mit ein. Das heißt die höheren Stufen negieren die niedrigeren nicht, sondern bauen auf ihnen auf. Deswegen muss man sich zunächst bis ethnozentrisch entwickeln, um zu weltzentrisch vorzustoßen. Ich nenne diese sich entwickelnden Kapazitäten auch Bewusstseinsstrukturen, da jede Stufe mit Glaubenssätzen über sich und die Welt einhergeht, so wie ausgedrückt in den Begründungen bei Kohlbergs Studie, und diese Glaubenssätze eine Struktur haben.

Es hängt also von der Bewusstseinsstufe und -struktur ab, was konkret ich meine, wenn ich sage, dass ich etwas für „gut“ befinde. So lange ich mich vom Bewusstsein her auf egozentrisch befinde, wird mir gar nicht auffallen, dass meine Handlungen sehr unangenehme Konsequenzen für andere haben können und ich werde mein Verhalten von daher nicht daraufhin anpassen. Der Mann, der den Jungen vergewaltigt, handelt definitiv von dieser Stufe aus. Von den Erzählungen her, in denen Marshall Rosenberg mit Gefängnis-Insassen gearbeitet hat, die wegen Vergewaltigung verurteilt wurden, weiß ich, dass in dem Moment, in dem dem Täter klar wird, was für ein Leid aus seiner Tat resultiert ist, er sehr unglücklich wird und Wege sucht, zu verhindern, dass das je wieder passiert. Aber bevor er zu dieser Perspektive kommen kann, braucht er Hilfe dabei, die Bedürfnisse anzunehmen und zu integrieren, die er aus der egozentrischen Perspektive heraus hat erfüllen wollen. Wie gesagt, egozentrisch ist ein Bestandteil von ethnozentrisch, ist ein Bestandteil von weltzentrisch. Erst wenn ich gut für mich sorge, weiß ich wie ich für andere sorgen kann. Erst dann weiß ich, wie gut es sich anfühlt, gut versorgt zu sein und werde so motiviert sein, dasselbe Glück auch in anderen zu erschaffen. Glück ist erst erfüllend, wenn es geteilt wird. Und erst wenn ich das weiß, werde ich für alle sorgen wollen.

Das Thema Bewusstseinsentwicklung ist mit Sicherheit weitaus komplexer und es kann gut sein, dass ich in späteren Artikeln nochmal darauf eingehe zu erzählen, welche Erkenntnisse die Leute hervorgebracht haben, die ich eben alle genannt habe. Ich habe großen Spaß daran und lerne die Welt auf eine andere, liebendere und freiere Art zu sehen. Für den Moment soll dieses simple Modell aber reichen. Das Prinzip ist klar, hoffe ich.

Zusammenfassung

Um es zusammenzufassen: Ich kann zwar machen was ich will, aber nicht wollen was ich will, denn was ich will wird immer sein, das Leben zu bereichern. Was ich als das Leben erkenne und welche Bedürfnisse mir als wichtig erscheinen hängt davon ab, wie entwickelt mein Bewusstsein ist. Das wiederum wird bestimmt dadurch, wieviel Gelegenheit ich in meinem bisherigen Leben hatte, meine eigenen Bedürfnisse zu erkennen und zu integrieren, so dass ich zu den Bedürfnissen anderer aufwachen, sie bemerken kann. Diese Gelegenheiten sind abhängig vom sozialen Kontext. Und um dieses „Bemerken“ herum entwickeln sich dann Bewusstseinsstrukturen, die aus Regeln, Glaubenssätzen, Ideen, Überzeugungen und Haltungen bestehen. Immer, wenn ich mehr Bedürfnisse erkenne und integriere, ändern sich diese Bewusstseinsstrukturen, werden weiter, umfassender, kohärenter.

Dann wäre da noch die spannende Frage, ob man in der Hirnforschung Wege finden könnte, Korrelate für diese Bewusstseinsstrukturen zu finden. Wahrscheinlich würden die vor allem offensichtlich, wenn es Änderungen gibt. Eine 40 Minuten Empathie-Session, bei der jemand einen klaren und liebevollen Kontakt zu seinen Bedürfnissen findet, kann unter Umständen mehr Integration und Transformation bewirken als 6 Jahre Psychoanalyse, also wäre es sicher spannend zu sehen, ob sich das messen ließe.

Zuletzt noch ein paar Sätze zur Willensfreiheit: Ich glaube, sobald klar ist, dass wir nichts tun können, was wir nicht für gut befinden, wird das kein philosophisches Problem mehr sein. Es ist ungemein beruhigend, zu wissen, dass ich meiner Absicht vertrauen kann – selbst wenn das Bewusstsein nicht immer mitmacht. Und dass das so ist, wird klar, wenn ich jede meiner Handlungen aus der Perspektive heraus sehen kann, aus der heraus ich mich für sie entschieden habe. Wenn ich den Kontext und die Bedürfnisse sehe, die ich erfüllen wollte. Nur so ist es möglich dazu zu lernen, ohne den Respekt vor sich selbst zu verlieren. Und darauf kommt es doch an.