Willensfreiheit die Zweite

17 11 2008

Bei meinem Artikel über Willensfreiheit hab ich offenbar ein paar Punkte in meinem Gedankengang nicht explizit erwähnt und bin darauf hingewiesen worden. Also will ich versuchen, noch mehr darüber zu sagen.

Refuse hat geschrieben: „Das Libet-Experiment hat dich nicht besonders verwundert, aber gehen deine Gedanken weit genug? Ich denke wenn man sich die Frage stellt, ob es einen freien Willen gibt, so muss man sich zuerst der Frage stellen, ob man an eine Auftrennung in Körper und Geist glaubt.
Woraus bestehen denn Gedanken, Entscheidungen und körperliche Befehle, wenn es keinen Geist gibt?“

Ich kann es dir nicht sagen. Geist ist ja auch ein abstraktes Konzept für etwas, was wir nicht erklären, sondern nur benennen können. Angesichts dessen, was wir aber darüber (nicht) wissen, halte ich eine andere Sichtweise für sinnvoller. Für mich gibt es keine Auftrennung in Körper und Geist, sondern es gibt zwei verschiedene Perspektiven auf dasselbe Phänomen. Diese Perspektiven zeigen uns sehr verschieden aussehende Dinge, die aber implizit immer miteinander zu tun haben. Jeder Gedanke, den du denkst, wird ein körperliches Äquivalent haben. Jede Gefühlsregung, jede Wahrnehmung, die du von „innen“ her beschrieben kannst, steht im Zusammenhang mit etwas, was man von „außen“, in der dritten Person, sehen und beschreiben kann. Der Unterschied liegt nicht in der Substanz dessen was passiert, sondern nur in der Perspektive und der Art, wie es beschrieben wird, also welche Sprache benutzt wird. Während wir für Gedanken, Gefühle, Sehnsüchte, Vorstellungen etc. eine „Ich“-Sprache benutzen, gebrauchen wir eine „es“-Sprache für körperliche Vorgänge. So betrachtet wird es absurd zu fragen, ob Körper und Geist getrennt sind oder miteinander interagieren, der eine durch den anderen verursacht wird oder umgekehrt. Wir haben es hier mit Perspektiven zu tun und damit, wie ein Phänomen aussieht, aus einer dieser Perspektiven betrachtet. Eine dieser Perspektiven auf die andere zu reduzieren bewirkt nichts außer einen Verlust an Perspektive und damit an Information.

Was man aber tun kann ist zu fragen, inwiefern Ereignisse, die wir in einer „Ich“-Sprache beschreiben, Ereignissen entsprechen, die wir in einer „es“-Sprache beschreiben. Also z.B. zu schauen, welche Hirnaktivität mit dem Gedanken einhergeht: „Ich freu mich das Obama die Wahl gewonnen habe, hoffe aber auch, dass er keinem Attentat zum Opfer fällt.“ Wie genau und wie gut man das kann, hängt theoretisch von den Messinstrumenten ab. Die momentan mächtigsten für das Gehirn sind wohl EEG und fMRI. EEG erlaubt eine ziemlich hohe zeitliche Auflösung einer Aktivität (auf Millisekunden genau), ohne aber viel über ihren genauen Ort auszusagen, während fMRI verhältnismäßig ziemlich genau bei der Ortsbestimmung ist, aber immer nur mit Verzögerung misst. Die Aussicht, ganz genau messen zu können, was jemand denkt, ist wohl sehr gering. Ich hab allerdings vor kurzem von einem fMRI-Experiment gehört, bei dem man den Versuchspersonen sagte, sie sollen sich abwechselnd ein Tennis-Spiel oder etwas anderes (weiß nicht mehr genau) wie etwa einen Fernsehabend vorstellen. Und es wurden sehr bestimmte und von einander gut unterscheidbare Muster deutlich. Das könnte man z.B. nutzen, indem man Koma-Patienten beibringt bei einem „Ja“ an ein Tennis-Spiel zu denken und bei einem „Nein“ an einen Fernsehabend. Und so kann man schauen, ob sie einen verstehen, wenn man diese Muster wieder entdeckt. Den Satz mit Obama wieder zu erkennen, wäre dann also vielleicht auch möglich, wenn man einmal eine Ahnung hat, wie das Muster der Hirnaktivität aussieht. Aber da gibt es so viele Variablen und mögliche Variationen, dass man das induktiv, also ohne vorher zu wissen, was derjenige denkt, wohl nie herausfinden wird. Ist vielleicht auch nicht so nötig.

Vor diesem Hintergrund jedenfalls fällt für mich die Frage weg, ob wir von unserem Gehirn gesteuert werden. Denn diese Vorstellung unterstellt, dass das, was wir in der „es“-Sprache beschreiben grundsätzlich anders ist, als das was wir in der „Ich“-Sprache beschreiben, also ersteres letzteres kontrollieren kann. Aber das ist genauso sinnvoll wie zu sagen, dass die Vorderseite eines Gegenstandes ihre Rückseite hinter sich herzieht. Vor- und Rückseite können sehr verschieden sein, aber sie sind Vor- und Rückseite EIN und DERSELBEN Sache! Wenn sich die Vorderseite bewegt, muss sich auch die Rückseite bewegen und umgekehrt. Dementsprechend kann man nicht davon sprechen, dass das eine die Ursache für das andere ist. Sie kommen und gehen zusammen. Und so sehe ich es auch mit unserem Willen und dem Gehirn. Was ich möchte, was mir lieb und teuer ist, was ich plane und durchführe geht einher mit allerlei Aktivitäten im Gehirn. Das eine ist nicht ohne das andere möglich. Und weder ist das Gehirn Sklave des Willens, noch ist der Wille Sklave des Gehirns. Sie sind eins.

„Dies vorrausgesetzt gibt es also Entitäten in unserem Gehirn die für uns Entscheidungen fällen und sie anschließend unserem Bewusstsein mitteilen. Aber heißt das sofort, dass man keinen Einfluss hat auf seine Entscheidungen?“

Die Frage ist doch, was du mit Einfluss meinst. Woran würdest du merken, dass du welchen hast und woran würdest du merken, dass du keinen hast? Diese Frage hängt eng zusammen mit dem, was du dir wünschst, worauf du hinaus willst. Denn angenommen du tust etwas ohne ein Bewusstsein dafür, was du da tust und wie du’s tust (du kannst es nicht in Worten ausdrücken), dann ist das doch nur dann ein Problem, wenn du dir zuvor ein Ziel gesetzt hast und dieses unbewusst-automatische Verhalten damit in Konflikt steht. Wäre da kein Konflikt, würdest du dich vermutlich über die unglaublich weise und hilfreiche intuitive Intelligenz in deinem Körper oder Geist (wem auch immer du es zuschiebst) freuen.

Meiner Erfahrung nach hat alles was ich tue, egal ob bewusst oder unbewusst, einen Sinn. Das heißt, es ist immer der Versuch, das Leben zu bereichern, angenehmer, schöner zu machen. Ich habe also einen großen Spaß daran herauszufinden, welchen versteckten und geheimen Sinn ein unbewusstes Verhalten haben könnte. Wie im Artikel zur Enneagram-Sechs beschrieben, hab ich die Angewohnheit, direkt vom Schlimmsten auszugehen. Wenn ich jetzt behaupte, dass das an einem Ungleichgewicht in meinem Gehirn liegt, schaffe ich mir damit nur Probleme. Ich spalte mein Verhalten von mir ab, schaffe eine innere Trennung, die den Stress vergrößert. Außerdem nehme ich mir die Macht, mein Verhalten auf einer intimen Ebene zu verstehen. Es führt viel weiter, wenn ich mich frage unter welchen Umständen dieses Verhalten Sinn hätte. Und dann überprüfe ich, ob ich nicht vielleicht implizit von solchen Umständen ausgehe. Und es ist sehr klar, wenn ich einen Treffer gelandet habe, denn etwas löst sich dann, ich fühle eine Harmonie in mir und mehr Kraft wird frei durch das Verstehen und Bewusstwerden. Dieses Verstehen wäre es, was ich Einfluss nennen würde. Und diesen Einfluss haben wir immer. Er erlaubt mir auch, zu bestimmen ob meine Ziele, die zuvor unbewusst waren, in der Umgebung, in der ich mich finde, noch Sinn haben und das dann anzupassen. Und dann kommt es mir nicht mehr so vor, als würde mich irgendetwas in mir kontrollieren, was ich nicht kenne, sondern alles ist sehr klar und deutlich.

„Dazu ein paar Gedanken: Wenn man als Kind auf die Welt kommt, verhält man sich erst einmal impulsiv. Das reflektive Verhalten muss erst noch erlernt werden. Freud nennt diese Impulskontrolle bekanntlich das “Super-Ich” welches das “Ego” im Zaum halten muss.
Ist also das Erwachsenwerden das Aufgeben der Freiheit?“

Damit hast du schon die implizite Annahme gemacht, dass Freiheit bedeutet, seinen Impulsen ohne Bewusstsein dessen, was sie einem bedeuten und ohne Erwägung von Konsequenzen, folgen zu können. Und das sehe ich nicht so. Die Situation, die Freud umschreibt ist eine auf „halbem Wege“, wenn man so will. Denn natürlich wird man als Kind erleben, dass das Ausleben der Impulse Konsequenzen hat. Egal ob die einem gefallen oder nicht, es gibt Konsequenzen. Und wenn diese sehr unangenehm sind für das Kind, oder aber auch für andere in der Umgebung (aus welchem Grund auch immer), baut sich ein Erfahrungssystem auf, welches sagt „So geht’s gut, so lieber nicht.“ Das ist noch auf einer ziemlich oberflächlichen Verständnisebene, die in richtig und falsch einteilt. Oberflächlich, weil es nur eine mögliche Perspektive einräumt, statt der zahlreichen, die es auf jede Situation gibt. Dieses Erfahrungssystem hat Freud das Über-Ich genannt. Ich sage, dass das auf „halbem Wege“ ist, weil die Weiternentwicklung erfordert, die Erfahrungen des Über-Ich mit den Sehnsüchten und Wünschen des Ich zu integrieren. Und erst da gibt es wahre Freiheit: nämlich die Fähigkeit überblicken zu können, welche möglichen Konsequenzen eine Handlung oder Sichtweise haben kann und dann daraus zu wählen, abhängig davon, was man möchte. Frei sein von Konsequenzen geht nicht und ist auch nicht erstrebenswert. Schließlich würde das bedeuten, auch die angenehmen Konsequenzen los zu werden. Und wer will das schon. Aber in dem Maße, wie man die Konsequenzen einschätzen kann und versteht, kann man aus ihnen wählen.

Ich hoffe, dass das Thema Willensfreiheit und meine Sichtweise darauf so noch etwas klarer werden. Ich merke selbst, dass ich noch eine bessere Zusammenfassung davon machen und es kompakter sein könnte. Dieses Thema berührt so viele Teilbereiche, dass ich Mühe habe, das wesentliche herauszustellen. Vorschläge und Anmerkungen sind willkommen.

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