Beschämung

29 08 2013

Eigentlich rede ich nicht gerne über das Thema Beschämung. Für mich klingt das so, als würde ich anderen die Verantwortung für meine Gefühle geben und ich wäre der letzte, der das wollte, da ich nicht gerne Macht darüber abgebe. Gleichzeitig halte ich uns für soziale Wesen, die in gegenseitiger Abhängigkeit zueinander stehen. Was andere mir sagen hat Wirkung bei mir und so wünsche ich es mir, sonst könnte mir ja auch niemand mehr etwas Gutes tun 🙂

Ich hab gelernt, dass ich doch sehr empfindlich auf die Äußerungen anderer reagieren kann, vor allem wenn es um die Frage geht, ob ich in irgendetwas, was mir wichtig ist „gut genug“ bin. Und dass man diese Empfindlichkeit nutzen kann, um mich zu beeinflussen. Mir ist das sehr unangenehm, ja ich mag es überhaupt nicht und werde zuweilen fuchsteufelswild darüber und gleichzeitig ganz verzweifelt. Kürzlich hab ich einen Weg gefunden, wie ich mich auf befriedigende Weise dagegen wehren kann, also so, dass die Beziehung wirklich besser wird, ohne dass ich mich dabei vergesse. Davon will ich gerne erzählen.

Mit Beschämung meine ich konkret, verbal zu implizieren, dass etwas mit jemandem nicht stimmt.  In „Du bringst es nicht.“ „Du bist so im Kopf!“ „Du solltest mal richtig arbeiten, sonst bist du kein Mann.“ oder ähnliche Aussagen sehe ich den Hintergrund eines Standards, wie jemand zu sein (oder zu handeln) hat, bevor er (vom Sprecher) akzeptiert werden kann. Das spielt auf das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Akzeptanz an, das wir alle haben. Und je nachdem, wie wichtig uns die Person ist, die solche Sätze sagt, desto schwerer wiegt die Angst um die Akzeptanz und die daraus resultierende Scham.

Diese Scham ist für mich ein großes Thema. Wenn sie mich trifft und mich z.B. meine Freundin auf eine Weise sieht, die ich selbst für total verachtenswert halte, fürchte ich um meine Daseinsberechtigung und meine, wenn sie mich jetzt nicht verlässt verstehe ich die Welt nicht mehr. Ich wüsste nicht, wie ich mich gegen ihre Entscheidung zu gehen wehren könnte und komme mir absolut schutzlos vor. Das finde ich sehr bedrohlich und ich finde mindestens zwei Abwehrmechanismen bei mir, mit denen ich in der Regel zu tun bekomme, bevor ich im Stande bin, die Scham anzunehmen und mitzuteilen.

Der eine Abwehrmechanismus ist Erstarren. Da sag ich gar nichts mehr, will nur noch weg, weiß aber nicht wohin, weil ich ja eigentlich Verbindung und Akzeptanz von der Person will, die die Scham ausgelöst hat. Aus mir ist dann auch nur noch schwer was rauszukriegen, weil ich Angst hab, dass alles was ich sage gegen mich verwendet werden könnte. Ein Kompromiss ist, dass ich mit der Aufmerksamkeit total von meinen Gefühlen weggehe hin zu Ideen darüber, wie jetzt jemand reden würde, der die Scham nicht hat. Eine Art Simulation. Innerlich fühlt es sich kalt und angespannt an, nach außen wahre ich Contenance. Die Hoffnung ist, dass ich mich unbemerkt in mein Schneckenhaus zurück ziehen kann, mich in Ruhe um mich selbst kümmern und dann wiederkommen, wenn ich mich wieder beisammen habe. Damit ziehe ich mich allerdings auch aus der Beziehung zurück, zeige nicht mehr wie es mir geht und wehre mich auch nicht.

Das mache ich zum Glück immer seltener. Viel häufiger sind inzwischen Wutausbrüche geworden. Ich werte das als Fortschritt, denn zumindest höre ich damit auf, mich selbst fertig zu machen sondern wehre mich und zeige Grenzen auf. Das geht nicht immer gut. Zwar bin ich in der Rebellion mehr mit meinem Selbstwert verbunden als bei der Unterwerfung, aber die Verbindung leidet immer noch darunter.

Eine dritte Möglichkeit fange ich gerade erst an auszuprobieren. Sie kostet den Mut und das Vertrauen, mich verletzlich zu zeigen und gerade dann zu öffnen, wenn das Draufhauen am schmerzhaftesten wäre. Ich will mal an einem Beispiel aus meinem Leben demonstrieren, wie der Umgang mit Scham und Wut aussehen kann.

Seit ich meine Freundin kenne hatten wir immer wieder mal kleine Konflikte zum Thema Auto fahren. Sie fährt gerne, ich fahre gerne, ich bin entspannt wenn sie fährt, sie ist (oft aber immer seltener) nervös. Ich habe den Anspruch (oder das Männer-Ideal), dass ich meine Freundin (und inzwischen auch unseren Sohn) sicher von A nach B bringen können sollte. Ich glaub, das hat was mit dem Bedürfnis nach Sinn zu tun… aber auch Akzeptanz. Ich halte mich für einen sicheren Fahrer, meine Freundin hingegen hatte da immer wieder Zweifel und wurde nicht müde, das zum Ausdruck zu bringen. Sie konnte auch konkret sagen, was ihr nicht passte; z.B. wenn ich in eine Kurve reinfuhr, ohne so stark bremsen, wie sie es gerne hätte, oder wenn ich abgebogen bin, ohne mich vollständig umgeschaut zu haben. Mitunter hat mich das total genervt. Ich bin sauer geworden und hab gesagt, ich fahre wunderbar und sie hätte mir nicht zu sagen, wie das ginge. Ich wollte meine Autonomie verteidigen, das wäre ja wohl noch erlaubt. Dann sagte sie, was ich denn für ein Problem hätte, sie wolle mir schließlich meine Autonomie nicht nehmen. Außerdem verwies sie auf ihre Fahrerfahrung, von der sie zumindest in den Bergen mehr hat als ich und welche ihr das Recht verliehe, mir zu sagen, wie ich führe. Daraufhin wurde ich noch wütender… so wütend, dass ich manchmal aus dem fahrenden Auto springen wollte, nur um zu zeigen, wie verletzt ich war.

Das fühlt sich ja erstmal kräftig an. Ein wütendes „NEiN! Von dir lass ich mich nicht beschämen! Ich fahre wie ich es für richtig halte und wenn wir alle dabei drauf gehen!“ Und es fühlt sich wesentlich besser an als die Zweifel mir selbst gegenüber. Bloß zur Erfüllung der eigentlichen Bedürfnisse komme ich nicht damit. Davon hatte ich in dem Moment zwei verschiedene. Zum einen wollte ich meinen Selbstrespekt und die Akzeptanz für mich wiederherstellen. Das hab ich weiter oben Autonomie genannt, wobei es mir da vor allem darum ging, dass ich nicht den Wünschen meiner Freundin entsprechen wollte nur um die Beschämung zu vermeiden. Dann hätte ich nachgegeben, gekuscht, nicht mehr aus meiner Mitte heraus gehandelt und Respekt vor mir selber verloren. Wenn das das einzige Bedürfnis gewesen wäre, hätte ich vielleicht rebelliert und einfach nicht getan, was meine Freundin wollte. Ich wollte aber auch noch was anderes, nämlich Verbindung und wirklich beitragen zu ihrem Wohlergehen, indem ich sie sicher von A nach B bringe. Mit Rebellion wär daraus nichts mehr geworden.

Nachdem mir das klar war (und das braucht in der Regel eine Weile) kam ich also nicht umhin, ihr von meiner Scham zu erzählen. Und wie verzweifelt ich bin, wenn ich fürchte, sie akzeptiert mich nicht mehr, bzw. wie wütend, wenn ich meine, sie setzt die Scham ein, damit ich mich ihren Wünschen unterordne. Das war nicht einfach. Wenn sie gewollt hätte, hätte sie ja genau diese Informationen einsetzen können um mich weiter zu beschämen. Das macht die Sache ja so vertrackt: wenn ich schäme, schäme ich mich auch meist dafür, dass ich mich schäme.

Ich kann mich jedenfalls sehr glücklich schätzen, dass meine Freundin in dem Moment, in dem sie von der Scham erfuhr, sehr viel weicher wurde und bereit war, auf mich einzugehen. Sie meinte, zu wissen, dass ich mich schäme, wäre ein Indiz dafür, dass mir ihre Bedürfnisse nicht egal sind, sondern dass mich die Situation wirklich etwas angeht und berührt. Und das sei eine Erleichterung, da sie in ihrer Wut (in der sie Sachen sagt, die bei mir Scham auslösen) auch einfach verzweifelt sei, ob sie noch zähle.

Seit wir uns ausführlich über Beschämungen unterhalten haben, finde ich es wesentlich leichter, sie darauf anzusprechen, wenn etwas, was sie sagt, erst Scham und dann Wut bei mir auslöst. Ich hab Vertrauen gewonnen, dass ich mich mit der Scham bei ihr zeigen kann, ohne dass sie das gegen mich verwendet. Und ich finde es ganz wunderbar, wenn ich merke, wie mit der Akzeptanz und dem Selbstrespekt meine natürliche Freude am Geben zurückkehrt und ich mich von ganzem Herzen dafür entscheiden kann, so zu fahren, dass meine Freundin sich sicher fühlt 🙂

Schlussendlich ist mir wichtig, mich gegen Beschämung wehren zu können. Die Bedürfnisse dahinter sind unschuldig (z.B. wissen zu wollen ob man wichtig ist, zählt), die Strategie jedoch vergiftet die Beziehung und jeder, dem die Beziehung wichtig ist, zahlt dafür. Ich persönlich habe mir angewöhnt, grundsätzlich mehr Aufmerksamkeit auf die Unschuld der Bedürfnisse zu legen, was mich in Konflikten manchmal hilflos macht, wenn ich eigentlich Kraft brauche, um mich gegen die Strategie zu wehren. Mein Mitgefühl soll nicht auf Kosten meiner Wehrhaftigkeit gehen, sondern sie unterstützen und in Bahnen lenken, wo die Wehrhaftigkeit stärkt was mir heilig ist.





Bedürfnisse und Bedürftigkeit

10 09 2012

In meiner Arbeit mit der Gewaltfreien Kommunikation und im therapeutischen Kontext hab ich immer wieder mit dem Begriff der Bedürftigkeit zu tun. Bei mir ziehen sich dabei aufgrund der schambesetzten Konnotationen regelmäßig Magen und Kehle zusammen, denn ich möchte gerne, dass die Schönheit, die ich in Bedürfnissen sehe, zum Ausdruck kommt. Und das fällt mir beim Wort „bedürftig“ irgendwie schwer. Ich verbinde damit vor allem „unsexy,“ „eine Last,“ „schwer,“ „abhängig,“ und „schwach“. Schon seit längerem hab ich mir also dazu Gedanken gemacht, wo sich die Schönheit hinter „Bedürftigkeit“ versteckt.

Zunächst mal find ich’s hilfreich, mir bewusst zu machen, dass „bedürftig“ eine Zuschreibung ist, die ich vor allem von anderen Leuten bekomme, und erst aus zweiter Hand von mir selbst. Das heißt, was immer daran abwertend klingt, ist Ausdruck von unerfüllten Bedürfnissen bei anderen Leuten, die sich z.B. selbst mehr Beachtung und Einfühlung für sich wünschen, statt sich jetzt um mich und meine Bedürfnisse zu kümmern. In klarer Sprache: „Wenn Du mir zeigst, was Du willst und brauchst, spanne ich mich an, weil ich auch Platz für mich und meine Anliegen brauche. Und ich weiß noch nicht, wie beides gleichzeitig da sein kann.“ Mir das so vorzustellen, hilft mir schon mal dabei, nicht nach einem Fehler bei mir zu suchen. Aber wie komme ich von dieser Zuschreibung zu einem kräftigeren Selbstkontakt?

Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich ein spannendes Gespräch mit einer Frau, die ich auf einem Camp getroffen hab. Nennen wir sie mal Katharina. Sie vertraute mir an, dass sie auf dem Camp gerne einen Mann treffen würde, mit dem sie ein erotisches Abenteuer haben könnte. Das Dumme sei, sie wisse nicht, wie sie das angehen soll, denn wenn sie das offen zeige, fürchte sie, als bedürftig zu gelten und damit unattraktiv zu sein. Und wer kennt das nicht: gerade wenn es um Intimität und Nähe geht, kommt ganz viel Scham auf, die Bedürfnisse und Wünsche zu äußern, deren Mitteilung uns ihrer Erfüllung einen ganzen Schritt näher bringen könnten. Und dann halten wir lieber den Mund, als… ja, was denn eigentlich?

Typischerweise höre ich an dieser Stelle „Ich halte lieber den Mund, weil ich nicht verletzt/zurückgewiesen/missverstanden werden will.“ Das hat Katharina auch gesagt, eine Schutzreaktion also. Nach dem Motto „Frag nicht, wovor ich mich schütze, frag lieber WAS ich schütze!“ hab ich die Frage gestellt „Wenn Du nicht zurückgewiesen werden willst, was wünschst Du Dir dann stattdessen?“ Wie den meisten fiel Katharina da ein, „Natürlich wünsche ich mir ein Ja.“

Jetzt ist ein „Ja“ ja kein Bedürfnis, sondern eine Strategie (konkrete Handlung). Also hab ich bei Katharina nach Bedürfnissen geforscht. Wir kamen relativ schnell darauf, dass es dabei gar nicht primär darum ging, dass sie nun ihre Bedürfnisse nach Intimität, Sexualität, Nähe erfüllt bekommt, sondern eher darum… dass sie eine Bestätigung bekommt, dass diese Bedürfnisse zählen. Dass sie schön sind, Lebensenergie und Beitrag auch im Leben anderer sein können. Die Art von Lebensenergie und Beitrag, die ich z.B. fühle, wenn meine Freundin mir mit strahlenden Augen sagt, dass sie gerade riesige Lust auf asiatisch Essen hat. Nicht dass ich das an sich so überwältigend finde, aber der Ausdruck, mit dem sie sagt, dass sie das möchte oder ihr das wichtig ist, eröffnet mir seine Schönheit. Und ich glaube, dass wir uns alle danach sehnen: dass in dem, was wir uns wünschen und was uns wichtig ist, eine inhärente Schönheit und Unschuld sichtbar wird, nach außen strahlt und andere inspiriert.

Mir hilft diese Erkenntnis und Unterscheidung enorm, denn wenn ich mich für bedürftig halte, weiß ich jetzt, was ich damit machen möchte. Ich wünsch mir an der Stelle nicht primär die Erfüllung meiner Wünsche, sondern Mitgefühl und Einfühlung für meine Bedürfnisse. Ja, es ist sogar so, dass ich manchmal gar nichts davon habe, wenn meine Wünsche erfüllt werden, weil ich eigentlich eine andere Beziehung zu den Bedürfnissen dahinter suche. Und dafür ist ein einfaches „Ja“ oft zu oberflächlich. Ich mag zwar Bestätigung darin finden, dass ich bekomme, was ich will, aber das hält auch nur so lange an, wie es eben anhält. Danach bin ich wieder auf mich und meine Beziehung zu meinen Bedürfnissen gestellt. Und wenn es daran hapert, kann es sein, dass ich mich in ganz unangenehme Forderungsspielchen verstricke, um nur nicht wieder auf mich zurückzufallen.

Eine Art und Weise, der Schönheit und Unschuld von Bedürfnissen auf die Spur zu kommen ist nach Erinnerungen zu fragen, bei denen diese Bedürfnisse erfüllt waren. Wie fühlt sich der Zustand an? Was ist passiert? Wie ging es mir und den Menschen um mich herum damit? Eine andere Art wäre der „Beauty of Needs“-Übung von Robert Gonzales, die darin besteht, sich ein Bedürfnis auszusuchen, sagen wir Nähe, und sich von einem Freund oder Vertrauten fragen zu lassen „Wie lebt Nähe gerade in Dir?“ und einfach zu erzählen, für mindestens 15 Minuten. Ich find erstaunlich, was dabei passieren kann!

Genau diese Fragen hab ich auch Katharina gestellt und sie erzählen lassen, was sie sich wünscht und wie sie das schon mal erlebt hat. Sie fand für sich den Ausdruck „Ich möchte einfach mal so lange Sex haben, bis ich wirklich satt bin!“ Und sie strahlte, als sie das sagte. Dieser Gesichtsausdruck überzeugte mich davon, dass sie wirklich spüren konnte, was an ihrem Wunsch schön und unschuldig ist, dass dafür Platz ist, dass er auch anderen Menschen Freude bereiten kann, wenn es passt. Und damit war jeder Hauch von „Bedürftigkeit“ verschwunden.

Natürlich freut es mich sehr, dass Katharina schon am nächsten Tag zu mir kam und berichtete, genau das, was sie sich wünschte, sei eingetreten. Sie sah sehr vergnügt aus und dankbar für die Einfühlung. Das wird natürlich längst nicht immer so sein, denn da gehören auch andere Faktoren zu. Aber Kontakt zur Schönheit der eigenen Bedürfnisse zu haben hat eine Menge Macht, Dinge in Bewegung zu bringen, weil es einfach Spaß macht, darauf einzugehen. Und ich hoffe, ich konnte euch einige der Vorbedingungen für diesen Selbstkontakt aufzeigen.