Rang und Hierarchie

30 05 2017

Ich habe mal jemand sagen hören, im Zusammenleben seien keine Themen so heiß wie Sex, Macht und Geld. Selbst wenn in einer Gruppe alles andere gut liefe, sobald man sich einander damit offenbare, entzündeten sich Konflikte daran, die für die meisten eine große Herausforderung darstellten. Diesen drei Themen ist gemeinsam, dass es dabei oft um Neid, Eifersucht und Selbstwert geht, der sich gerne an äußerlich wahrgenommenen Rängen und Hierarchien misst. Mit Rang meine ich Unterschiede, die wir alle mehr oder weniger unbewusst wahrnehmen, wenn wir andere Menschen sehen oder uns in Gruppen positionieren. Diese Unterschiede können die Attraktivität, den sozioökonomischen Status (ablesbar an Kleidung und Gesundheit), die Herkunft und soziale Klasse oder auch bestimmte Kompetenzen wie z.B. Fremdsprachen oder musikalische Fertigkeiten betreffen. Rang wird von außen zugeschrieben und entspricht der Wertschätzung einer Fähigkeit oder Eigenschaft durch andere. Rang ist also nicht gleichzusetzen mit Entwicklungsstufen oder Kompetenzen, sondern benennt deren Rolle in einem sozialen Kontext.

Ich persönlich habe das Thema Rang bis zu einem bestimmten Punkt gerne gemieden. Ich hätte auch nicht genau sagen können, wieso, aber ich hatte Angst davor. Das hatte wohl auch damit zu tun, dass ich als Jugendlicher oft eine Außenseiterposition hatte und mir auf der Beliebtheitsskala im Vergleich mit den anderen in der Klasse eher weit unten vorkam. Um den Schmerz darüber nicht so zu spüren, hab ich Ränge grundsätzlich als etwas Unterdrückendes abgelehnt, das es zu überwinden gilt. Damit lag ich sehr im Trend der Denker der Postmoderne, die Hierarchien vor allem als Rechtfertigung von Herrschaftsansprüchen verstehen und deswegen versuchen, die Gleichheit der Menschen in den Vordergrund zu stellen. Das Dumme ist, durch Leugnung verschwinden Ränge nicht. Mehr noch, man begeht einen so genannten performativen Widerspruch, wenn man sagt, dass Ränge doof sind. Dadurch entsteht nämlich eine Rangfolge im Sinne von „Nicht-Ränge sind besser als Ränge“. Irgendwas kann daran nicht stimmen.

Im Laufe meiner Ausbildung an der ZIST Akademie für Psychotherapie bin ich Dr. Reini Hauser begegnet, der in Zürich lebt und in seiner Arbeit viel mit Gruppendynamik zu tun hat. Sein Ansatz geht auf einen Schüler C.G. Jungs zurück, Arnold Mindell, der die sogenannte Prozessorientierte Psychotherapie entwickelt hat. Angewandt auf Gruppen nennt sich der Ansatz Worldwork. Ich konnte mit Reini live erleben, wie er dieses heiße Eisen mit Leichtigkeit in die Hand nahm und Konflikte innerhalb meiner Lerngruppe benannte, vor deren Größe ich erheblichen Respekt hatte. Sie betrafen eben gerade Rangunterschiede, die zu benennen ich mich erst nach 3 Jahren traute und dann auch nur im vertrauten Kreis. Ich warf mir innerlich vor, arrogant und überheblich zu sein, wenn ich meinte, dass ich etwas besser konnte oder irgendwie besser dran war als andere. Unbewusst fühlte ich mich noch immer wie als Jugendlicher und wusste, wie weh es tun kann, sozial außen vor zu sein. Das wollte ich niemandem antun. Und doch waren diese Unterschiede da und sie wirkten. Wie bespricht man sowas, ohne reihenweise Leute zu kränken oder sich selbst unter den Scheffel zu stellen?

Ranglinien und Kontext

Der erste Trick ist, von vielen verschiedenen Ranglinien auszugehen. Das heißt, es gibt nicht nur eine Hierarchie wie etwa die der Attraktivität, sondern ganz verschiedene, wie z.B. oben aufgelistet. Hinzu kommen u.a. Gesundheit, Selbsterfahrung, innere Balance, Geld auf dem Konto, Schönheit des Wohnortes, soziale Rolle (ein Kind einen anderen Rang als ein Erwachsener), institutionelle Position oder einfach Alter. Welche Ranglinie gerade relevant ist hängt hierbei nur vom Kontext ab. Ob ich gut Klavier spielen kann ist relativ egal, wenn ich nach einem Flugzeugabsturz das Leben meiner Mit-Passagiere retten will. Dass ich 5 Jahre älter bin als mein Bruder spielt keine Rolle, wenn es darum geht über mittelhochdeutsche Texte zu philosophieren. Sexiest Man Alive zu sein ist egal, wenn ich an meiner Steuererklärung scheitere. Und mehr Geld auf dem Konto zu haben, als ich je ausgeben könnte, hilft mir auch nicht, wenn ich an einer unheilbaren Krankheit leide und geradewegs auf den Tod zusteuere. Das heißt, ob ein Rang im Vergleich zu anderen wichtig ist, kommt auf die Situation an, die sich aus vielen Gesichtspunkten zusammensetzt. Darunter sind Struktur der Gruppe, Zeitgeist, Modeerscheinungen (z.B. was das körperliche Ideal angeht) und aktuelle Aufgaben oder Anforderungen.

Berücksichtige ich diese Faktoren, verliert das Rangthema schon einmal seine Absolutheit. Wir mögen unterschiedlich gut sein auf verschiedenen Gebieten und gewisse Eigenschaften haben, für die wir gar nichts können (wie eben Alter oder Herkunft), die uns in bestimmten Kontexten einen hohen Rang verleihen, aber es gibt wahrscheinlich bei jedem Menschen etwas, das in einer bestimmten Situation wirklich wertvoll ist. Mich lehrt diese Perspektive Demut, da ich selbst mit meiner Expertise oder gewissen Vorteilen in manchen Bereichen in anderen Bereichen anderen Menschen einfach unterlegen bin. Und das ist völlig in Ordnung.

Nutzung des Ranges

Der zweite Trick ist, Rang und Nutzung des Ranges zu unterscheiden. Bei Spider-Man heißt es „Mit großer Macht kommt große Verantwortung.“ Von meiner Position als Underdog aus habe ich viele Menschen erlebt, die ihren Rang vor allem zum Selbstschutz oder zur eigenen Bereicherung genutzt haben. Denke ich beispielsweise an den heißesten Typ in der Klasse, der sich von Mädchen nur so umschwärmen ließ, könnt ich mich nicht erinnern, dass der seinen Status mal genutzt hätte, um mich mit einem Mädchen bekannt zu machen. Nicht, dass das seine Aufgabe wäre, aber es wäre doch nett gewesen.

Es gibt unzählige Beispiele dafür, wie Rang zum Nutzen anderer oder sich selbst eingesetzt werden kann. Seien es Milliardäre, die ihr Vermögen für gute Zwecke spenden, Gurus, die mit ihren Schülerinnen schlafen, Chefs, die mit ihrer persönlichen Offenheit das Betriebsklima vertrauensvoller gestalten oder Eltern, die sich anhand der Begabungen ihrer Kinder auf deren Kosten aufwerten. Ein Rang sagt nichts darüber aus, wie jemand damit umgeht. Das bedeutet auch, dass Rang, entgegen der Annahme der Postmoderne, nicht mit Unterdrückung anderer oder Herrschaftsanspruch gleich zu setzen ist, denn Unterdrückung wäre schon eine Umgangsweise, nicht der Rang an sich.

Man kann natürlich fragen, wovon denn diese Umgangsweise abhängig wäre, müsste dafür allerdings einen Blick auf innere Faktoren wie moralische oder emotionale Entwicklung werfen, die in verschiedenen Kontexten verschiedene Ränge verleihen, aber selbst keine Ränge sind. Hat jemand in seiner persönlichen oder moralischen Entwicklung eine relativ hohe Stufe erreicht und durch Reflektion persönlicher Erfahrung einen Überblick gewonnen, bedeutet das in der Regel mehr Bewusstheit, die Fähigkeit verschiedene (auch gewohnheitsfremde) Perspektiven einzunehmen und einen großen Fürsorgekreis zu haben, der weit über sich selbst, und die eigene Gruppe (Familie, Ethnie, Nationaliät) hinausgeht. Das heißt, Menschen, die in bestimmten Bereichen weit entwickelt sind, tendieren dazu, Ränge nicht zu missbrauchen, wenn sie sie verliehen bekommen. Ken Wilber, der Begründer der Integralen Theorie, spricht in diesem Kontext von Wachstumshierarchien vs. Unterdrückungshierarchien. Wilber unterscheidet allerdings nicht Entwicklungsstufe von Rängen, was für Menschen, die Angst vor Herrschaftsansprüchen haben, heikel ist, da man dann auch einfach sagen könnte „Ich bin am weitesten entwickelt, ich kann alles am Besten, aller Rang zu mir!“

Folgt man dieser Behauptung, kann es natürlich sein, dass jemand trotz niedriger Entwicklungsstufe in einem bestimmten Bereich einen hohen Rang erhält. Das kann sehr gefährlich werden, wie die Geschichte und genug aktuelle Beispiele zeigen. Dann ist jemand mit viel Macht ausgestattet, der diese leicht dazu missbrauchen kann, sich selber zu schützen und zu regulieren, während andere dafür einen hohen Preis zahlen. Das ist aber nicht eine Konsequenz des institutionellen Ranges, sondern der individuellen Entwicklungslage und Entscheidung des Einzelnen.

Wenn mir bewusst ist, dass ich meinen Rang verschieden einsetzen kann, höre ich auf, mich dafür für arrogant zu halten, sobald ich meinen Rang vor anderen benenne oder sogar feiere. Ich kann mich in meiner Größe genießen. Ich erinnere mich, wie ich einmal zu einer Gruppe hinzukam, in der gerade Weihnachtslieder gesungen wurden, die ich kenne und gerne singe. Ich bin mit eingestiegen und hatte plötzlich die Gitarre in der Hand und die Führung übernommen. Nicht weil ich das unbedingt wollte, sondern weil ich mich von allen offenbar am wohlsten damit fühlte, also relativ zu den anderen mehr Rang darin hatte. So ganz wohl war mir bei der Sache nicht – wer weiß, vielleicht fand das ja irgendwer furchtbar arrogant oder störend und rächt sich später dafür – aber wenn ich mir die Gesichter ansah, schienen sich alle daran zu freuen und ich konnte es auch.

Hoher Rang ist meist unbewusst

Ein weiterer Aspekt ist noch, dass Rangunterschiede vor allem für diejenigen sicht- und fühlbar sind, die wenig Rang haben. Wer viel Rang hat, egal in welchem Kontext, erlebt das Leben in der Regel einfach als leicht, ihm werden Türen geöffnet, Menschen kommen ihm entgegen, ohne dass er bewusst viel dafür tun muss. Der Schwarm aller Mädchen in meiner Klasse wird sich sicher gefragt haben, warum solche wie ich nicht einfach das gleiche machen wie er, es wäre doch so einfach. Menschen, die in reiche Familien geboren werden, lassen oft das gleiche über arme Menschen verlauten. Ohne den Rang wird einem schnell schmerzlich offenbar, wie viele Unterschiede es doch gibt und wie viel von dem, was einem selbst verwehrt ist, andere spielend leicht erreichen. Wer es z.B. leicht hat vor anderen zu sprechen und seinen Standpunkt in einer Gruppe zu vertreten, bekommt nicht mit, mit wie viel Angst andere es zu tun haben, die genauso gerne etwas sagen würden. Ist er sich dieses Ranges bewusst, kann er das einsetzen, um anderen Platz zu verschaffen, die es schwerer haben.

Darum ging es auch in meiner Lerngruppe an der Akademie. Es gab einige, die es aufgrund ihrer bisherigen Erfahrungen in Gruppenkontexten leichter hatten vor allen zu sprechen und von daher mehr Zeit und Aufmerksamkeit für sich in Anspruch nehmen konnten. Von der anderen Untergruppe, die sich damit schwerer tat, bekamen sie dafür das Etikett „dominant“ verpasst. Das fanden diese aber ungerecht und schossen entsprechend zurück: „Wenn ihr was sagen wollt, stellt euch halt nicht so an und sagt es einfach.“ Beide kamen sich ungerecht behandelt vor und die Vorwürfe flogen hin und her, meistens verdeckt, im Workshop zum ersten Mal offen. Mit Reinis Hilfe wurde uns klar, dass es eine Doppelbotschaft ist zu sagen „Sagt doch auch was!“ während man gleichzeitig den ganzen Raum für sich einnimmt. Und denjenigen mit dem hohen Rang wurde überhaupt erst bewusst, dass sie diesen Rang hatten. Mit dieser Perspektive war es wesentlich leichter, einander ohne Vorwurf zu begegnen und offener zu sprechen, wie sich die begrenzten Ressourcen von Zeit und Aufmerksamkeit gerechter verteilen ließen. Die Atmosphäre entspannte sich merklich.

Souverän feiern

Seit mir diese Punkte klar sind, fällt es mir wesentlich leichter meine Stärken zu feiern und mit meinen Schwächen souverän umzugehen. Die meiste Zeit kann ich den Rang anderer Menschen gelten lassen, selbst wenn ich mir auf dem Gebiet sehr unbedarft vorkomme. Und ich kann feiern, dass ich bestimmte Dinge einfach richtig gut kann und riesige Freude daran habe, sie zu tun, ohne zu meinen, dafür andere abwerten zu müssen. Für die Selbstwertregulation ist das sehr wertvoll und wichtig. Dazu gehört auch, regelmäßig die Kontexte aufzusuchen oder zu gestalten, in denen die eigenen Stärken hohen Rang haben. Bin ich ein begnadeter Programmierer, lebe aber seit 5 Jahren im Dschungel, vergess ich wahrscheinlich, dass ich etwas richtig gut kann. Ein Pinguin gehört ins Wasser, ein Programmierer an einen Rechner. Und ein Psychotherapeut in eine Praxis.

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