Du kannst zwar machen was Du willst, aber nicht wollen was Du willst

27 01 2009

Ich hab mich ja schon ein paar Mal über Willensfreiheit ausgelassen. Das Thema hat so viele Aspekte, dass ich es mühsam finde, eine für mich kohärente Perspektive darauf zu finden. Von daher nehme ich nochmal einen anderen Anlauf.

Während in der Hirnforschung das Konzept der Freiheit dadurch in Frage gestellt zu sein scheint, dass man schon zehn Sekunden im Voraus das Aktivitätsmuster im Gehirn erkennen kann, welches zu einer Entscheidung führt (in dem Fall ob man den linken oder rechten Finger bewegt), will ich mich der Sache von der phänomenologischen und strukturalistischen Seite her nähern – eine Innenansicht also. Es wird von daher auch um Moral, Entscheidungen und Bewusstsein gehen. Zum Schluss komme ich nochmal auf die Hirnforschung zurück.

Frei wozu?

Wenn ich mich frage, ob ich frei bin, merke ich, dass diese Frage nur in Bezug auf ein Ziel Sinn hat. Ich bin frei etwas zu tun oder zu sein (wobei letzteres wahrscheinlich nur in Form von Handlungen definierbar ist). Auch wenn es um die Frage geht, ob ich frei VON etwas bin… was mache ich damit? Diese Freiheit scheint mir nur dann spürbar zu sein, wenn sie mir etwas erlaubt, was ich ohne sie nicht könnte oder hätte. Also ist meine Frage, was will ich tun?

Schon im Philosophie-Unterricht in der 11 machte meine Lehrerin Cornelia Hartenfels mich darauf aufmerksam, dass man nichts tun kann, was man nicht für „gut“ befindet. Das hat mich verblüfft. Aber tatsächlich fällt mir nichts ein, was ich tun wollte, was ich nicht irgendwo für „gut“ befände. Sicher, ich bin nicht mit allem gleichermaßen zufrieden. Und manche Dinge kommen mir vor allem im Nachhinein sehr destruktiv vor. Aber in dem Moment, in dem ich sie tue… sind sie das beste, was mir einfällt. In einem Lied schreibt Marshall Rosenberg „I’ve done some things that I wouldn’t have done, if I knew then what I since have learned.“ Das passt sehr gut.

Was ist mit Zerstörung?

Ein Mitschüler in der Klasse fragte damals, was man denn dann von Selbstmord halten sollte. Und ich antwortete ihm, der Logik zufolge, dass demjenigen, der Selbstmord begeht, wahrscheinlich keine bessere Alternative einfällt, um seinem Leiden ein Ende zu setzen und sich Erleichterung zu verschaffen. Wüsste er, dass etwas anderes wirklich funktioniert, würde er sich vermutlich umentscheiden.

Ich habe bis heute kein Beispiel vorzuweisen, bei dem das nicht zutrifft. Ist das nicht eine merkwürdige Art, menschliche Freiheit einzuschränken? Dass man wirklich nur gut wählen kann, nicht böse? Nun ja, vielleicht ist es noch merkwürdiger, Handlungen in gut und böse zu unterteilen – ohne das käme das Problem ja gar nicht auf. Denn ich weiß nur zu gut, dass was wir für gut und was für böse befinden davon abhängt, welche Informationen wir über eine Situation haben. Ich nehme mal ein gewagtes Beispiel um das zu illustrieren (und hoffe auf euer Verständnis, bin nämlich etwas nervös dabei).

Wenn ein Mann auf der Straße einen kleinen Jungen anspricht, ihn einlädt zu ihm nach Hause zu kommen, ihn zunächst mit Süßigkeiten verwöhnt, einen Film mit ihm schaut und den Jungen nachher auszieht und Sex mit ihm hat… – niemand, der sieht, was für eine Angst der Junge danach hat, wie weh es tut, wenn man sich nicht mehr sicher fühlen kann und kein Vertrauen ins Leben findet, wird davor gefeit sein, diese Handlung unter „böse“ einzuordnen. Gleichzeitig wird niemand davor gefeit sein, die Tragik darin zu erkennen, wenn er erfährt, dass dieser Mann generell sehr einsam ist, sich sehr über die Gesellschaft und darüber gefreut hat, den Jungen verwöhnen zu können, und beim Sex im Schmerz, der in den Augen des Jungen zu sehen war, sich selbst wiedergespiegelt gesehen hat, wie er sich damals gefühlt hat, als ihm dasselbe widerfahren war. Was ist das für eine Tragik, wenn jemand Gemeinschaft und Verständnis sucht und keinen anderen Weg dahin findet als etwas, was so einen Schmerz in das Leben des Jungen bringt!

Ich nutze dieses polarisierende Beispiel, weil ich zeigen will, dass abhängig von den Informationen, die wir über die Lage haben, irgendwann immer der Punkt kommt, an dem ersichtlich wird, dass jemand sich für etwas entschieden hat, was er für „gut“ befindet – so relativ „schlecht“ es im Gesamtkontext auch sein mag. Diese Entscheidung wird oft genug von einer Perspektive aus getroffen, die den Gesamtkontext nicht miteinbezieht, so dass was gut gemeint ist zu einer Katastrophe führen kann. Ihr Sinn bleibt trotzdem derselbe: „Gutes“ tun, zur Schönheit des Lebens beitragen.

Bezüglich der Willensfreiheit heißt das also „Du kannst zwar machen was Du willst, aber nicht wollen was Du willst.“ Denn was Du willst wird immer in irgendeiner Weise damit verbunden sein, dass Du das Leben bereichern möchtest. Marshall Rosenberg, der die Gewaltfreie Kommunikation entwickelt hat, macht das explizit, indem er sagt „Behind every inhuman deed is a human need.“ Bedürfnisse wie Verständnis, Gemeinschaft, Sinn, Autonomie, Intimität, Spaß und Sicherheit drücken Qualitäten aus, die wir wohl alle gerne in unserem Leben haben und für die wir uns entscheiden, wenn wir handeln. Die Entscheidungen könnten dramatische Konsequenzen haben und zu etwas führen, was wir nicht gewollt haben. Aber wie gesagt, der Impuls bleibt der, etwas zu tun, was wir für „gut“ befinden.

Wenn das so ist, kann man sich fragen, wie kommt es dann, dass unterschiedliche Menschen so verschieden handeln und so verschiedene Entscheidungen treffen. Oder auch, wie kommt es, dass wir zuweilen Dinge tun, die wir uns selbst nicht erklären können. Dinge, die so offensichtlich destruktiv scheinen, dass niemand, der aufrichtig daran interessiert wäre, Gutes zu tun, sich je dafür entscheiden könnte.

Bewusstseinsentwicklung

Meine bisher beste Antwort darauf ist Bewusstseinsentwicklung. Mit Bewusstsein meine ich, meine Kapazität zu merken, was los ist. Und das kann sich auf meine innerpsychischen Prozesse beziehen, auf das was ich mir wünsche, sowohl offen, wie auch verdeckt, aber auch auf die Dynamik der ganzen Welt um mich herum. Von mir selbst zur Familie, zu Freunden, zu Kollegen, zur Gesellschaft, in der ich lebe, zur ganzen Welt. Das Bewusstsein dafür ist in einer ständigen Entwicklung (wenn auch unterschiedlich schnell), einfach weil ich jeden Tag mit mir und der Welt zu tun habe und unterschiedlichen Umständen ausgesetzt bin, die mich auf verschiedene Dinge aufmerksam machen. Je mehr und je bewusster ich das erlebe, also je mehr ich lerne, das, was ich erlebe, auch benennen zu können, desto größer wird mein Bewusstsein, desto mehr relevante Faktoren fließen in meine Entscheidungen mit ein. Und desto wahrscheinlicher, dass meine Entscheidungen wirklich in Harmonie mit dem sind, was ich in die Welt bringen will.

Es gibt eine ganze Reihe von Psychologen, die diese Entwicklung untersuchten haben, unter anderem Robert Kegan, Lawrence Kohlberg, Jean Piaget, Susanne Cook-Greuter, Carol Gilligan, James Fowler, Clare Graves und Don Beck. Davon erfahren habe ich vor allem durch die Literatur von Ken Wilber.

Ein Beispiel für eine relativ simple Entwicklungsbeschreibung ist die der moralischen Entwicklung, untersucht durch Lawrence Kohlberg. Er hat sehr viele Leute gefragt, was sie zu einem moralischen Dilemma sagen und wie sie sich entscheiden würden. Das Dilemma ist, dass Dein Lebenspartner todkrank im Bett liegt und Du kein Geld hast, die notwendige Medizin zu kaufen. Du könntest sie aber stehlen. Wäre das okay, hättest Du ein Recht darauf?

Grundsätzlich gab es drei Antworten: Ja, Nein und Ja. 1. „Ja, weil ich bestimme, dass es okay ist und ich das will.“ 2. „Nein, das Gesetz verbietet es, ich kann das nicht tun.“ 3. „Ja, denn es gibt Situationen, in denen es wichtiger ist, das Leben zu schützen, als das Gesetz zu befolgen. Schließlich hat das Gesetz letztendlich auch den Sinn, das Leben zu schützen.“ Jede der Antworten zeigt ein anderes Maß an Bewusstsein, einfach weil die Begründungen so verschieden sind.

Wurde diese Frage nach einiger Zeit noch einmal gestellt und hatte jemand 2 geantwortet, so gab es bei Veränderung immer nur eine Verschiebung von 2 zu 3 und nie zu 1. Das heißt, wir haben es mit einer Sequenz zu tun, Menschen entwickeln sich durch diese Stufen hindurch und die Reihenfolge ist unumkehrbar. Hat man einmal gelernt, auf mehr zu achten, kann man auch nicht mehr anders, außer es zu berücksichtigen. Wenn man das nicht tut, z.B. durch Verdrängung, bekommt man wahrscheinlich ganz schöne Bauchschmerzen.

Egozentrik, Ethnozentrik, Weltzentrik

Eine Art diese Stufen zu benennen wäre egozentrisch, ethnozentrisch und weltzentrisch. Das bedeutet, am Anfang der Entwicklung werden nur die Bedürfnisse berücksichtigt, die direkt am eigenen Körper spürbar erfüllbar sind. Dann kommen die Bedürfnisse der eigenen Gruppe, Nation, Glaubensgemeinde hinzu, deren Berücksichtigung auch wichtig ist, für das eigene Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Und schließlich bekommen auch die Bedürfnisse aller Menschen auf der Welt einen Platz im Bewusstsein. Das bedeutet nicht, dass ich alle Bedürfnisse in jedem Moment in meine Handlungen mit einbeziehe, sondern dass das Wohlergehen aller Menschen mich beeinflusst, wenn ich davon erfahre. Ich bekomme, mit, wenn es anderen nicht gut geht und werde motiviert, etwas dafür zu tun, wenn ich denn weiß wie.

Sowohl ethnozentrisch als auch weltzentrisch schließen egozentrisch mit ein. Das heißt die höheren Stufen negieren die niedrigeren nicht, sondern bauen auf ihnen auf. Deswegen muss man sich zunächst bis ethnozentrisch entwickeln, um zu weltzentrisch vorzustoßen. Ich nenne diese sich entwickelnden Kapazitäten auch Bewusstseinsstrukturen, da jede Stufe mit Glaubenssätzen über sich und die Welt einhergeht, so wie ausgedrückt in den Begründungen bei Kohlbergs Studie, und diese Glaubenssätze eine Struktur haben.

Es hängt also von der Bewusstseinsstufe und -struktur ab, was konkret ich meine, wenn ich sage, dass ich etwas für „gut“ befinde. So lange ich mich vom Bewusstsein her auf egozentrisch befinde, wird mir gar nicht auffallen, dass meine Handlungen sehr unangenehme Konsequenzen für andere haben können und ich werde mein Verhalten von daher nicht daraufhin anpassen. Der Mann, der den Jungen vergewaltigt, handelt definitiv von dieser Stufe aus. Von den Erzählungen her, in denen Marshall Rosenberg mit Gefängnis-Insassen gearbeitet hat, die wegen Vergewaltigung verurteilt wurden, weiß ich, dass in dem Moment, in dem dem Täter klar wird, was für ein Leid aus seiner Tat resultiert ist, er sehr unglücklich wird und Wege sucht, zu verhindern, dass das je wieder passiert. Aber bevor er zu dieser Perspektive kommen kann, braucht er Hilfe dabei, die Bedürfnisse anzunehmen und zu integrieren, die er aus der egozentrischen Perspektive heraus hat erfüllen wollen. Wie gesagt, egozentrisch ist ein Bestandteil von ethnozentrisch, ist ein Bestandteil von weltzentrisch. Erst wenn ich gut für mich sorge, weiß ich wie ich für andere sorgen kann. Erst dann weiß ich, wie gut es sich anfühlt, gut versorgt zu sein und werde so motiviert sein, dasselbe Glück auch in anderen zu erschaffen. Glück ist erst erfüllend, wenn es geteilt wird. Und erst wenn ich das weiß, werde ich für alle sorgen wollen.

Das Thema Bewusstseinsentwicklung ist mit Sicherheit weitaus komplexer und es kann gut sein, dass ich in späteren Artikeln nochmal darauf eingehe zu erzählen, welche Erkenntnisse die Leute hervorgebracht haben, die ich eben alle genannt habe. Ich habe großen Spaß daran und lerne die Welt auf eine andere, liebendere und freiere Art zu sehen. Für den Moment soll dieses simple Modell aber reichen. Das Prinzip ist klar, hoffe ich.

Zusammenfassung

Um es zusammenzufassen: Ich kann zwar machen was ich will, aber nicht wollen was ich will, denn was ich will wird immer sein, das Leben zu bereichern. Was ich als das Leben erkenne und welche Bedürfnisse mir als wichtig erscheinen hängt davon ab, wie entwickelt mein Bewusstsein ist. Das wiederum wird bestimmt dadurch, wieviel Gelegenheit ich in meinem bisherigen Leben hatte, meine eigenen Bedürfnisse zu erkennen und zu integrieren, so dass ich zu den Bedürfnissen anderer aufwachen, sie bemerken kann. Diese Gelegenheiten sind abhängig vom sozialen Kontext. Und um dieses „Bemerken“ herum entwickeln sich dann Bewusstseinsstrukturen, die aus Regeln, Glaubenssätzen, Ideen, Überzeugungen und Haltungen bestehen. Immer, wenn ich mehr Bedürfnisse erkenne und integriere, ändern sich diese Bewusstseinsstrukturen, werden weiter, umfassender, kohärenter.

Dann wäre da noch die spannende Frage, ob man in der Hirnforschung Wege finden könnte, Korrelate für diese Bewusstseinsstrukturen zu finden. Wahrscheinlich würden die vor allem offensichtlich, wenn es Änderungen gibt. Eine 40 Minuten Empathie-Session, bei der jemand einen klaren und liebevollen Kontakt zu seinen Bedürfnissen findet, kann unter Umständen mehr Integration und Transformation bewirken als 6 Jahre Psychoanalyse, also wäre es sicher spannend zu sehen, ob sich das messen ließe.

Zuletzt noch ein paar Sätze zur Willensfreiheit: Ich glaube, sobald klar ist, dass wir nichts tun können, was wir nicht für gut befinden, wird das kein philosophisches Problem mehr sein. Es ist ungemein beruhigend, zu wissen, dass ich meiner Absicht vertrauen kann – selbst wenn das Bewusstsein nicht immer mitmacht. Und dass das so ist, wird klar, wenn ich jede meiner Handlungen aus der Perspektive heraus sehen kann, aus der heraus ich mich für sie entschieden habe. Wenn ich den Kontext und die Bedürfnisse sehe, die ich erfüllen wollte. Nur so ist es möglich dazu zu lernen, ohne den Respekt vor sich selbst zu verlieren. Und darauf kommt es doch an.

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Willensfreiheit die Zweite

17 11 2008

Bei meinem Artikel über Willensfreiheit hab ich offenbar ein paar Punkte in meinem Gedankengang nicht explizit erwähnt und bin darauf hingewiesen worden. Also will ich versuchen, noch mehr darüber zu sagen.

Refuse hat geschrieben: „Das Libet-Experiment hat dich nicht besonders verwundert, aber gehen deine Gedanken weit genug? Ich denke wenn man sich die Frage stellt, ob es einen freien Willen gibt, so muss man sich zuerst der Frage stellen, ob man an eine Auftrennung in Körper und Geist glaubt.
Woraus bestehen denn Gedanken, Entscheidungen und körperliche Befehle, wenn es keinen Geist gibt?“

Ich kann es dir nicht sagen. Geist ist ja auch ein abstraktes Konzept für etwas, was wir nicht erklären, sondern nur benennen können. Angesichts dessen, was wir aber darüber (nicht) wissen, halte ich eine andere Sichtweise für sinnvoller. Für mich gibt es keine Auftrennung in Körper und Geist, sondern es gibt zwei verschiedene Perspektiven auf dasselbe Phänomen. Diese Perspektiven zeigen uns sehr verschieden aussehende Dinge, die aber implizit immer miteinander zu tun haben. Jeder Gedanke, den du denkst, wird ein körperliches Äquivalent haben. Jede Gefühlsregung, jede Wahrnehmung, die du von „innen“ her beschrieben kannst, steht im Zusammenhang mit etwas, was man von „außen“, in der dritten Person, sehen und beschreiben kann. Der Unterschied liegt nicht in der Substanz dessen was passiert, sondern nur in der Perspektive und der Art, wie es beschrieben wird, also welche Sprache benutzt wird. Während wir für Gedanken, Gefühle, Sehnsüchte, Vorstellungen etc. eine „Ich“-Sprache benutzen, gebrauchen wir eine „es“-Sprache für körperliche Vorgänge. So betrachtet wird es absurd zu fragen, ob Körper und Geist getrennt sind oder miteinander interagieren, der eine durch den anderen verursacht wird oder umgekehrt. Wir haben es hier mit Perspektiven zu tun und damit, wie ein Phänomen aussieht, aus einer dieser Perspektiven betrachtet. Eine dieser Perspektiven auf die andere zu reduzieren bewirkt nichts außer einen Verlust an Perspektive und damit an Information.

Was man aber tun kann ist zu fragen, inwiefern Ereignisse, die wir in einer „Ich“-Sprache beschreiben, Ereignissen entsprechen, die wir in einer „es“-Sprache beschreiben. Also z.B. zu schauen, welche Hirnaktivität mit dem Gedanken einhergeht: „Ich freu mich das Obama die Wahl gewonnen habe, hoffe aber auch, dass er keinem Attentat zum Opfer fällt.“ Wie genau und wie gut man das kann, hängt theoretisch von den Messinstrumenten ab. Die momentan mächtigsten für das Gehirn sind wohl EEG und fMRI. EEG erlaubt eine ziemlich hohe zeitliche Auflösung einer Aktivität (auf Millisekunden genau), ohne aber viel über ihren genauen Ort auszusagen, während fMRI verhältnismäßig ziemlich genau bei der Ortsbestimmung ist, aber immer nur mit Verzögerung misst. Die Aussicht, ganz genau messen zu können, was jemand denkt, ist wohl sehr gering. Ich hab allerdings vor kurzem von einem fMRI-Experiment gehört, bei dem man den Versuchspersonen sagte, sie sollen sich abwechselnd ein Tennis-Spiel oder etwas anderes (weiß nicht mehr genau) wie etwa einen Fernsehabend vorstellen. Und es wurden sehr bestimmte und von einander gut unterscheidbare Muster deutlich. Das könnte man z.B. nutzen, indem man Koma-Patienten beibringt bei einem „Ja“ an ein Tennis-Spiel zu denken und bei einem „Nein“ an einen Fernsehabend. Und so kann man schauen, ob sie einen verstehen, wenn man diese Muster wieder entdeckt. Den Satz mit Obama wieder zu erkennen, wäre dann also vielleicht auch möglich, wenn man einmal eine Ahnung hat, wie das Muster der Hirnaktivität aussieht. Aber da gibt es so viele Variablen und mögliche Variationen, dass man das induktiv, also ohne vorher zu wissen, was derjenige denkt, wohl nie herausfinden wird. Ist vielleicht auch nicht so nötig.

Vor diesem Hintergrund jedenfalls fällt für mich die Frage weg, ob wir von unserem Gehirn gesteuert werden. Denn diese Vorstellung unterstellt, dass das, was wir in der „es“-Sprache beschreiben grundsätzlich anders ist, als das was wir in der „Ich“-Sprache beschreiben, also ersteres letzteres kontrollieren kann. Aber das ist genauso sinnvoll wie zu sagen, dass die Vorderseite eines Gegenstandes ihre Rückseite hinter sich herzieht. Vor- und Rückseite können sehr verschieden sein, aber sie sind Vor- und Rückseite EIN und DERSELBEN Sache! Wenn sich die Vorderseite bewegt, muss sich auch die Rückseite bewegen und umgekehrt. Dementsprechend kann man nicht davon sprechen, dass das eine die Ursache für das andere ist. Sie kommen und gehen zusammen. Und so sehe ich es auch mit unserem Willen und dem Gehirn. Was ich möchte, was mir lieb und teuer ist, was ich plane und durchführe geht einher mit allerlei Aktivitäten im Gehirn. Das eine ist nicht ohne das andere möglich. Und weder ist das Gehirn Sklave des Willens, noch ist der Wille Sklave des Gehirns. Sie sind eins.

„Dies vorrausgesetzt gibt es also Entitäten in unserem Gehirn die für uns Entscheidungen fällen und sie anschließend unserem Bewusstsein mitteilen. Aber heißt das sofort, dass man keinen Einfluss hat auf seine Entscheidungen?“

Die Frage ist doch, was du mit Einfluss meinst. Woran würdest du merken, dass du welchen hast und woran würdest du merken, dass du keinen hast? Diese Frage hängt eng zusammen mit dem, was du dir wünschst, worauf du hinaus willst. Denn angenommen du tust etwas ohne ein Bewusstsein dafür, was du da tust und wie du’s tust (du kannst es nicht in Worten ausdrücken), dann ist das doch nur dann ein Problem, wenn du dir zuvor ein Ziel gesetzt hast und dieses unbewusst-automatische Verhalten damit in Konflikt steht. Wäre da kein Konflikt, würdest du dich vermutlich über die unglaublich weise und hilfreiche intuitive Intelligenz in deinem Körper oder Geist (wem auch immer du es zuschiebst) freuen.

Meiner Erfahrung nach hat alles was ich tue, egal ob bewusst oder unbewusst, einen Sinn. Das heißt, es ist immer der Versuch, das Leben zu bereichern, angenehmer, schöner zu machen. Ich habe also einen großen Spaß daran herauszufinden, welchen versteckten und geheimen Sinn ein unbewusstes Verhalten haben könnte. Wie im Artikel zur Enneagram-Sechs beschrieben, hab ich die Angewohnheit, direkt vom Schlimmsten auszugehen. Wenn ich jetzt behaupte, dass das an einem Ungleichgewicht in meinem Gehirn liegt, schaffe ich mir damit nur Probleme. Ich spalte mein Verhalten von mir ab, schaffe eine innere Trennung, die den Stress vergrößert. Außerdem nehme ich mir die Macht, mein Verhalten auf einer intimen Ebene zu verstehen. Es führt viel weiter, wenn ich mich frage unter welchen Umständen dieses Verhalten Sinn hätte. Und dann überprüfe ich, ob ich nicht vielleicht implizit von solchen Umständen ausgehe. Und es ist sehr klar, wenn ich einen Treffer gelandet habe, denn etwas löst sich dann, ich fühle eine Harmonie in mir und mehr Kraft wird frei durch das Verstehen und Bewusstwerden. Dieses Verstehen wäre es, was ich Einfluss nennen würde. Und diesen Einfluss haben wir immer. Er erlaubt mir auch, zu bestimmen ob meine Ziele, die zuvor unbewusst waren, in der Umgebung, in der ich mich finde, noch Sinn haben und das dann anzupassen. Und dann kommt es mir nicht mehr so vor, als würde mich irgendetwas in mir kontrollieren, was ich nicht kenne, sondern alles ist sehr klar und deutlich.

„Dazu ein paar Gedanken: Wenn man als Kind auf die Welt kommt, verhält man sich erst einmal impulsiv. Das reflektive Verhalten muss erst noch erlernt werden. Freud nennt diese Impulskontrolle bekanntlich das “Super-Ich” welches das “Ego” im Zaum halten muss.
Ist also das Erwachsenwerden das Aufgeben der Freiheit?“

Damit hast du schon die implizite Annahme gemacht, dass Freiheit bedeutet, seinen Impulsen ohne Bewusstsein dessen, was sie einem bedeuten und ohne Erwägung von Konsequenzen, folgen zu können. Und das sehe ich nicht so. Die Situation, die Freud umschreibt ist eine auf „halbem Wege“, wenn man so will. Denn natürlich wird man als Kind erleben, dass das Ausleben der Impulse Konsequenzen hat. Egal ob die einem gefallen oder nicht, es gibt Konsequenzen. Und wenn diese sehr unangenehm sind für das Kind, oder aber auch für andere in der Umgebung (aus welchem Grund auch immer), baut sich ein Erfahrungssystem auf, welches sagt „So geht’s gut, so lieber nicht.“ Das ist noch auf einer ziemlich oberflächlichen Verständnisebene, die in richtig und falsch einteilt. Oberflächlich, weil es nur eine mögliche Perspektive einräumt, statt der zahlreichen, die es auf jede Situation gibt. Dieses Erfahrungssystem hat Freud das Über-Ich genannt. Ich sage, dass das auf „halbem Wege“ ist, weil die Weiternentwicklung erfordert, die Erfahrungen des Über-Ich mit den Sehnsüchten und Wünschen des Ich zu integrieren. Und erst da gibt es wahre Freiheit: nämlich die Fähigkeit überblicken zu können, welche möglichen Konsequenzen eine Handlung oder Sichtweise haben kann und dann daraus zu wählen, abhängig davon, was man möchte. Frei sein von Konsequenzen geht nicht und ist auch nicht erstrebenswert. Schließlich würde das bedeuten, auch die angenehmen Konsequenzen los zu werden. Und wer will das schon. Aber in dem Maße, wie man die Konsequenzen einschätzen kann und versteht, kann man aus ihnen wählen.

Ich hoffe, dass das Thema Willensfreiheit und meine Sichtweise darauf so noch etwas klarer werden. Ich merke selbst, dass ich noch eine bessere Zusammenfassung davon machen und es kompakter sein könnte. Dieses Thema berührt so viele Teilbereiche, dass ich Mühe habe, das wesentliche herauszustellen. Vorschläge und Anmerkungen sind willkommen.





Willensfreiheit

4 11 2008

Mal wieder gibt es einen neuen Ansatz zur Vereinigung von Philosophie und Hirnforschung beim Thema Willensfreiheit:

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,582505-2,00.html

Und mal wieder finde ich, dass die Autoren am Knackpunkt der Frage vorbeireden. Ich denke das schon etwas länger. Grundsätzlich geht es bei dem Thema Willensfreiheit, so wie es bisher diskutiert wurde, immer wieder darum, zu definieren was Freiheit ist und ob dies für eine Person in einer bestimmten Situation gegeben ist. Dann wird Freiheit von Determinismus abgegrenzt und davon gesprochen, dass man von ersterem nur sprechen kann, wenn es Handlungsalternativen gibt. Schließlich ist die Rede von Wünschen und Charaktermerkmalen, die bestimmen, was man überhaupt sucht, wenn man Freiheit will. Letztere ließen sich vielleicht auch in neuronalen Strukturen finden und so von der Biologie-Seite aus untersuchen…

Ich merk, wie ich hierbei ungeduldig werde. Denn für mich ist das alles auf sehr wackeligem Eis gebaut – ehrlich gesagt ist mir nicht ganz klar, wie jemand damit zufrieden sein kann. Das Experiment, was überhaupt die Zweifel an der Willensfreiheit von neurobiologischer Seite erregt hat, hat Benjamin Libet 1979 durchgeführt. Dabei wurden Hirnströme mit einem EEG gemesse, während Leute aufgefordert waren, in einer bestimmten Zeit selbst zu entscheiden einen Knopf zu drücken. Wenn sie dies entschieden, sagten sie „Jetzt“. Und was nun für Aufsehen sorgte war die Tatsache, dass etwa 1500 Millisekunden vor dem „Jetzt“ schon ein Ausschlagen auf dem EEG zu messen war. Kurz, die Entscheidung scheint gefällt, bevor sie bewusst, das heißt verbal formuliert, zum Ausdruck gebracht wurde. Ich sage dazu: welch eine Überraschung! Darüber kann sich nur wundern, wer sich und seine Entscheidungsprozesse nicht besonders gut kennt, denke ich mir.

Denn ist es nicht immer unergründlich, wie wir etwas entscheiden? Ich meine, ich kann es jedes Mal rekonstruieren. Ich kann eine Skizze meiner Situation machen und erklären „So, siehst du? Das ist das sinnvollste und logischste was ich tun konnte.“ Und das ist dann auch logisch und einleuchtend. Aber ich spreche von dem Moment selbst, in dem ich zu einer Entscheidung gelange. Von der Sekunde, in welcher ein „Da geht’s lang“ auftaucht, ohne dass ich das hätte vorhersehen können. Und es fühlt sich wirklich an, wie ein spontanes Auftauchen aus dem Nichts. In etwa so, wie die Kurve auf einem Seismographen oder EEG aus dem Nichts auftaucht. Nun, was sagt mir das über Willensfreiheit?

Ich behaupte, die ganze Diskussion geht jedes Mal am Thema vorbei. Die Frage, was Freiheit ist, ist vollkommen uninteressant, so lange nicht geklärt ist, wer der ist, der sie hat. Was ist dieser Wille, dem wir so viel Freiheit zusprechen wollen? Das heißt, was meinen wir damit? Wovon sprechen wir da? Bin ich mein Wille? Ist mein Wille eine abgesonderte Entität, eine Kontrollfunktion? Und wenn ja, wer kontrolliert die? Wer bestimmt, was mein Wille zu tun hat und was nicht? Meine Wünsche und Bedürfnisse? Aber wo kommen die her? In der Debatte um die Interpretation des Libet-Experimentes ist die Rede von einem Kausal-Ursprung im Gehirn. Aber wieviel soll das denn bitte erklären? Inwiefern bin ich unterschiedlich von meinem Gehirn?

Unweigerlich führt das nicht nur zu der Frage „Wer oder was bin ich?“ sondern auch „Für wen halte ich mich?“ Und erst abhängig davon, für wen ich mich halte, kann ich entscheiden ob ich frei bin oder nicht.

Ich sage, dass die Frage nach dem Determinismus sich überhaupt erst stellt, wenn ich mich als isoliertes Individuum definiere, welches von allen möglichen Seiten angesprochen und gefordert wird, gewisse Bedingungen zu erfüllen. Derlei Forderungen kommen dann von meinen Mitmenschen, von meiner Physiologie und von den physikalischen Gegebenheiten meiner Umwelt. Aber auch von plötzlichen Gefühlswallungen, die ich mir nicht erklären kann, deren Ursprung und Sinn mir nicht bewusst sind. Wenn ich das alles als „Nicht-Ich“ wahrnehme, dann komme ich sehr leicht auf den Gedanken, dass diese Bedingungen bestimmen, wie ich mich verhalte. Und dass diese Bestimmung eine Fremdbestimmung ist. Und das ist eine direkte Folge davon, wo ich die Grenze zwischen „Ich“ und „alles andere“ ziehe. Wenn ich also denke, dass mein Gehirn ein Organ ist, was meine inneren Prozesse steuert, dann betrachte ich das Gehirn als „Nicht-Ich“ und von daher etwas, worüber ich keine Macht habe, dem ich unterliege. Wenn ich denke, dass meine Umwelt getrennt von mir ist, dann muss ich versuchen sie zu kontrollieren, sonst überrennt sie mich. Wenn ich andere Menschen getrennt von mir sehe, nehme ich sie als etwas war, was grundsätzlich „anders“ ist als ich, was also auch grundsätzlich andere Ziele hat und dementsprechen gefährlich werden kann. Wenn ich meine Gefühle nicht verstehe, gehen sie mir ins Gehege dessen, was ich in mir sehr wohl verstehe. Und damit sind auch sie etwas, was nicht Ich ist.

Ich glaube, der kritische Punkt ist, dass ich das, was ich nicht verstehe, zu dem ich keinen Bezug habe und in das ich mich nicht einfühlen kann, immer als etwas betrachten werde, was getrennt von mir ist. Und alles was getrennt von mir ist, kann mit mir zusammenstoßen, kann mich zwingen, kann mich zerstören. Und erst unter diesen Umständen wird es wichtig, einen Willen zu haben, der dagegenhält, der das, was ich verstehe, vom Rest abtrennt und es schützt. Diesen Schutz kann er nicht leisten, wenn es zu viele Forderungen von außen gibt. Und von daher die Idee der Willensfreiheit, als dem Zustand, in welchem man frei genug ist von Forderungen.

Aber ich finde, dass ich, so lange ich Angst vor irgendetwas habe, was es in der Welt gibt, nicht frei sein kann. Das heißt, so lange ich der Welt nicht mit Neugierde sondern Abwehr begegne. Für mich ist Freiheit das Bewusstsein, dass ich jederzeit wählen kann, wohin ich meine Aufmerksamkeit lenke. Und das ist etwas, was IMMER der Fall ist. Dementsprechend ist meine Freiheit nicht abhängig von äußeren Umständen (wie viel an Freiheit wäre das denn auch), sondern von meinem Bewusstsein darüber, dass ich schon frei bin. Wenn ich nun mit Urteilen und Befürchtungen durch die Welt gehe, wird meine Haltung eine der Abwehr sein. Und diese Abwehr wird die Notwendigkeit mit sich bringen, meine Aufmerksamkeit auf diesen Gefahren zu haben. Das hat den Effekt, dass ich die meiste Zeit gestresst bin. Will ich das? Lieber nicht. Entspannung und Offenheit gefallen mir besser. Und wenn es das ist, was ich will, worauf muss ich dann meine Aufmerksamkeit lenken? Oder wie überhaupt damit umgehen?

Ich sehe den Weg aus dieser „Gefangenschaft der Aufmerksamkeit“ darin, die Beziehung zwischen mir und allem anderen zu entdecken und zu verstehen. Nicht nur intellektuell, sondern auch „von innen heraus“. Zum Beispiel mit der Frage „Wie fühlt es sich an, du zu sein? Wie ändert deine Perspektive mein Gefühl davon in der Welt zu sein?“ Es geht darum, meine Isoliertheit als eine Bezogenheit zu entlarven. Denn wenn von diesem Standpunkt aus ich und du die Pole und Endpunkte EINER Beziehung sind, dann sind wir zwar explizit verschieden, aber implizit dieselben. Und das was dasselbe ist, kann nicht miteinander kollidieren. Je mehr ich das verstehe, und ich mach täglich Fortschritte, desto mehr Offenheit und spontane Annahme wird mir möglich und desto weniger denke ich überhaupt daran, ob ich frei bin und wer oder was etwas von mir fordert. Es wird einfach irrelevant. Das was du für dich willst, wirst du wollen, weil es dir gut tut. Ich will auch, dass es dir gut geht. Du bist ich, insofern, als ich mit dir in Beziehung stehe und dieser Prozess der Bezogenheit ich ist. Wenn ich gut für dich sorge, sorge ich gut für mich. Wenn ich gut für mich sorge, sorge ich gut für dich. Es ist nicht voneinander trennbar. Und in so einer Welt, in der ich mich nicht mehr für eine isolierte Entität halte, wird die Frage nach Determinismus oder Willensfreiheit überflüssig.