Bilder der Welt

9 12 2008

Seit ich Alan Watts‘ Werk kenne, bin ich immer wieder erstaunt darüber, wie unser Common Sense auf Ideen und Analogien basiert, die wir für so selbstverständlich halten und oft genug wörtlich nehmen, dass sie uns blockieren und den Blick zur direkten Wirklichkeit versperren. Ich möchte von den drei großen Bildern der Welt sprechen. Das Bild des Konstruktes aus der judeo-christlichen Tradition, das Bild des Dramas aus dem Hinduismus und das Bild des Organismus aus dem chinesischen Taoismus. Fange ich mit dem judeo-christlichen an.

Die Analogie des Konstrukteurs ist eine sehr alte, da sie jedem gleich einleuchtet, der Produktionsprozesse kennt. In der Bibel ist davon die Rede, wie Adam aus Erde geformt wird und ihm der göttliche Atem eingehaucht wird, der ihn zum Leben erweckt, wie ein Töpfer eine Tonfigur formt und ihr dann mit Magie Leben einhaucht. Pinocchio quasi. Der Schöpfer ist dann derjenige, der seine Schöpfung in und auswendig kennen muss, da er sie ja zusammen gesetzt hat. Er legt auch die Regeln fest. Und er hat auch die Macht, seine Schöpfung wieder zu zerstören, wenn er nicht zufrieden mit ihr ist. Wenn wir uns so sehen, sorgt das für eine Beziehung zu uns selbst und zu was immer all das hier ist, bei der wir uns abgetrennt von allem anderen sehen (vor allem vom Schöpfer, der Urkraft des Lebens und die Energiequelle) und ständig darum kämpfen müssen, dazu zu gehören und des Lebens würdig zu sein. Es ist nicht selbstverständlich oder aus sich selbst heraus klar, sondern geht immer mit der Erfüllung von Bedingungen einher. Soweit das Bild.

Im Westen wurde das Bild mit der Aufklärung ersetzt, da man eine andere Art entdeckt hatte, Prophezeiungen zu machen nämlich das Experiment. Um mit Hilfe von Experimenten herauszufinden, was unter bestimmten Umständen passieren würde, musste man nicht mehr von einem Schöpfer ausgehen, der alles lenkt, da die Gott-Hypothese für die Vorhersage keinen Unterschied macht. Was immer passiert, passiert durch Gottes Hand, also kann man ihn sozusagen aus der Gleichung kürzen, ohne dass das Ergebnis sich verändert. Zuvor war es sehr wohl wichtig, da man sich für Vorhersagen auf Propheten verlassen hat, die mehr über Gott zu sagen hatten als andere.

Abgesehen davon war man froh Gott dafür nicht mehr zu brauchen, da doch einige Leute es satt waren, sich jederzeit vorzustellen, auf Bewährung auf der Erde zu sein. Jeder Schritt wird beurteilt und das Leben wird von Schuld begleitet. Und so sehr man vielleicht fürchtete, dass an den alten Mythen was dran war, so sehr wollte man auch endlich Ruhe und Frieden haben. Die Konsequenz war, dass man dem Universum Gott abgesprochen hatte und damit leider auch jegliche Intelligenz. Was übrig blieb ist das Modell des Automaten. Alles funktioniert nach mechanistischen Prinzipien, nach Gesetzen (ein Überbleibsel aus dem Modell des Konstrukteurs) und wenn man die herausfinden kann, weiß man wie das ganze funktioniert. Wie das Universum entstanden ist? Keine Ahnung, aber es muss Zufall gewesen sein, denn wir haben ja dem Universum jegliche Intelligenz abgesprochen. An dieses Modell glauben heute sehr viele Menschen, viel mehr, denke ich, als an die Idee eines Schöpfers.

Kausalität ist Teil dieses Modells. Hinter Kausalität steht die Annahme, dass Ereignisse durch vergangene Ereignisse erklärt werden. Es ist wie wenn man einen Eimer Murmeln umkippt und dann beobachtet, wie die Murmeln einander anstoßen. Und wenn man das dann zurückverfolgt, erklärt man sich daraus, wie die Murmel sich bewegt und bewegen wird.
Meine Frage wäre hier allerdings, wie weit man in die Vergangenheit zurück gehen muss, um bei der wirklichen Ursache anzukommen. So z.B. bei einem neurotischen Kind, das für verdorben und verwöhnt befunden wird. Eine bestimmte Haltung sagt, dass man das Kind dafür strafen soll. Dann kommen andere hinzu und sagen „Das ist nicht fair, schließlich sind die Eltern neurotisch und haben das Kind so gemacht.“ Soll man also die Eltern schlagen, weil sie Schuld daran sind? Die aber werden dasselbe sagen und es auf ihre Eltern schieben. Und so geht das ganze bis zurück zu Adam und Eva, wo Adam Eva beschuldigte, ihn zum Biss in den Apfel verführt zu haben. Eva beschuldigte die Schlange, die… nichts sagte. Denn die Schlange, die ein Engel ist, war weise genug zu wissen, wo die Kette beginnt. Nämlich jetzt. Die Vergangenheit erklärt nichts. Wir verschieben die Erklärung lediglich immer weiter nach hinten und das erklärt gar nichts. Es ist wie das Kielwasser eines Schiffs. Das Schiff, die Gegenwart, erzeugt das Kielwasser, die Vergangenheit. Das Schiff wird schließlich nicht durch sein Kielwasser angetrieben.
Was durchaus erklärt was passiert ist die Gegenwart. Allerdings ist die interessante Frage überhaupt nicht, warum etwas passiert, sondern was passiert. Nicht die Frage, warum ich in diesem Forum schreibe, sondern was ich dabei empfinde und was es mir bringt. In welchem Kontext es stattfindet. Das passiert jetzt. Und es ist nicht erklärbar durch das, was vorher passiert ist.

Um die indische Idee von der Welt zu verstehen, muss man sich folgendes vorstellen: Einmal angenommen, ich könnte träumen was ich will. Ich lege mich schlafen und kann innerhalb einer Nacht mehrere Leben erträumen, in denen ich selbst alles tun und erleben könnte, was ich nur will. Die tollsten Abenteuer, die sinnlichsten Stunden, die aufregendsten Unternehmungen. Ich werde das für mehrere Nächte tun, um das ganze Spektrum der Möglichkeiten auszukosten. Nachdem ich das gehabt habe, werde ich langsam satt und überlege mir, wie man die Sache wieder interessanter machen kann. Und ich komme zu dem Schluss, dass es nur interessanter werden kann, wenn ich einen Teil meiner Kontrolle aufgebe. Es sollen Überraschungen passieren. Ich möchte mitten in der Geschichte erleben, wie es ganz anders kommt, als ich dachte. Ich möchte, dass es sogar gefährlich wird, damit ich mich darüber freuen kann, wenn die Gefahr wieder vorüber ist. Der Kontrast macht es aufregend. Nach einiger Zeit bekommt auch das Spuren der Langeweile, da ich immer noch sehr genau weiß, dass ich träume und am nächsten Morgen alles wieder in Ordnung ist. Und irgendwann gehe ich soweit, dass ich träume und dabei auch die Macht aufgebe, zu wissen, dass ich träume. Ich verliere mich in der Geschichte. Ich erlebe alles als vollkommen echt und weiß nicht, dass ich es mir ausgedacht habe, um mich zu unterhalten. Und genau das ist, aus der indischen Perspektive, was hier und jetzt mit jedem von uns passiert. Es ist ein Drama und das Selbst ist der Schauspieller, der alle Rollen spielt. Du und ich, wir sind derselbe Spieler, der sich von einer anderen Perspektive aus betrachtet und sich nicht mehr erkennt – zum Spaß an der Freud.
Beachtet, dass dies genauso eine Analogie ist, wie die des Konstrukteurs, abgeleitet aus einem alltäglichen Prozess, den wir alle erleben. Aber sie hat sehr andere Konsequenzen in unserer Beziehung untereinander, zu uns selbst und zum Universum.

Das Bild des Universums aus China, und ich beziehe mich hier auf den Taoismus,  ist hingegen einem Organismus nachempfunden, der aus sich selbst heraus wächst, wie ein Baum oder eine Blume. Ein Organismus ist etwas sehr anderes als ein Konstrukt, da er nicht aus einzelnen Teilen zusammen gesetzt wurde, sondern alle Aspekte des Organismus wachsen gleichzeitig und miteinander. Sie sind nicht voneinander trennbar, bzw. wenn man sie trennen würde, stirbt der Organismus, während ein Konstrukt so lange nicht mehr funktioniert, bis man ein Ersatzteil gefunden hat. Man kann auch nicht fragen „Was ist dein Liebblingsorgan?“ einfach weil man sie, um gesund zu sein, alle braucht. Und genauso hat es wenig Sinn zu fragen, wer der Boss im Körper ist. Sicher, viele würden sagen, dass das Gehirn alles kontrolliert. Aber anders betrachtet könnte man durchaus auch glauben, dass der Magen das Gehirn entwickelt hat, damit man besser an gutes Essen kommt. Letztlich hängt alles von allem ab und eine Sache zu isolieren sorgt nur dafür, das alles stirbt. Im Chinesischen Weltbild des Taoismus gibt es also keinen Boss. Alles ist in Beziehung zu allem anderen auch und nur als ganzes kann es funktionieren.
Das chinesische Wort für Natur ist tzu-jan, was so viel heißt wie „aus sich selbst heraus so“. Es besagt, dass natürlich ist, was spontan so ist, wie es ist, ohne vorher zu überlegen oder es zu konstruieren. Es sagt viel aus, glaube ich, dass wir davon sprechen, dass wir wir selbst sein können, wenn wir keine Angst davor haben in Gegenwart einer anderen Person auszudrücken, was wir spotan fühlen. Implizit darin steckt, dass wir nicht wirklich sind, wer wir denken, dass wir sind, sondern etwas viel größeres und etwas, was sich nicht in Worte fassen lässt.
Die erste Zeile im Tao Te Ching spricht davon, dass man das Tao, also die Kraft, die allem unterliegt und in ihm liegt, nicht in Worten ausdrücken kann. „Selbst der Gott des Frühlings weiß nicht, wie die Blumen wachsen.“ Damit ist gemeint, dass er nicht in Worten sagen kann, wie sie es tun. Genauso wenig können wir in Worten sagen, wie wir uns Nägel und Haare wachsen lassen, wie wir unser Blut zirkulieren, wie wir unsere Temperatur regeln, unsere Knochen und Nerven wachsen lassen. Aber wir tun es. Es passiert. Und vom chinesischen Standpunkt aus, ergibt es von daher am meisten Sinn, vom Universum als etwas zu denken, was spontan, aus sich selbst heraus so ist.

Die beiden Bilder ergeben für mich genug Kontrast, um zu bemerken, dass das, was ich zuvor für Common Sense und klar gehalten habe, eine ziemlich willkührliche Metapher ist. Sie hat eine gewisse Anschaulichkeit und so weit, wie sie hilft klarer zu sehen und im Leben zu stehen, ist sie auch willkommen. Aber sie kann sehr blockieren, wenn man sie zu wörtlich nimmt. Und dann ist es an der Zeit, jede Vorstellung, jedes Wort über die Wahrheit und jedes Bild zu vergessen und wieder zu bemerken, dass die Welt nicht beschreib- sondern nur erlebbar ist.