Emotionale Sicherheit

29 06 2010
In der Szene der Leute, die die Gewaltfreie Kommunikation lernen hab ich schon öfter gehört, wie verschiedene Bedürfnisse diskutiert werden. Also diskutiert wird, ob ein bestimmter Begriff auch wirklich auf ein Bedürfnis verweist, oder vielleicht auch auf eine Strategie. Da geht es dann um Bedürfnisse wie z.B. Sex, Kontrolle, Macht und (emotionale) Sicherheit. Da diese Unterscheidung zwischen Bedürfnis und Strategie oft ziemlichen Einfluss darauf hat, ob und wie leicht sich Konflikte lösen lassen, kann ich gut verstehen, dass das interessant ist. Ich glaub aber, dass es letztlich nicht so wichtig ist, weil das, was jemand mit den Worten meint, von Situation zu Situation so unterschiedlich sein kann, dass die allgemeinen Definitionen (an die sich sowieso keiner hält) nur begrenzten Nutzen haben.
Ich mag trotzdem über den Begriff der emotionalen Sicherheit etwas schreiben. Bis vor einiger Zeit hat mir das gar nicht viel gesagt. Ich dachte, emotionale Sicherheit… das heißt doch, dass andere Leute sich nett und freundlich mir gegenüber verhalten sollen. Und in meiner desillusionierten Weltsicht, hab ich nicht damit gerechnet, dass jemand das vielleicht wirklich von Herzen will. Von daher kam es mir sehr abhängig vor, emotionale Sicherheit zu wollen. Z.B. von meiner Partnerin. Konkret heißt das da ja oft, dass sie keine anderen Männer toll finden soll. Oder dass sie mich nicht kritisieren soll. Oder dass sie immer bereit sein soll, mit mir ins Bett zu gehen. Passiert das nicht, bin ich sauer, oder enttäuscht, traurig, bis hin zu verletzt. Das gefällt mir nicht. Ich hab keine Lust darauf, also brauch ich Sicherheit davor. Das ist dann emotionale Sicherheit. Klingt großartig… aber die Frau, die das mitmacht und gleichzeitig vor Lebendigkeit sprüht hab ich noch nicht gefunden. Ist emotionale Sicherheit also ein Bedürfnis? Nein, dachte ich. So blöd kann die Natur (oder was auch immer sonst) das doch nicht eingerichtet haben.
Aber emotionale Sicherheit drückt ja eigentlich noch nicht viel mehr aus als eine gefühlte Qualität. Ich fühl mich emotional sicher, wenn ich innerlich ruhig bin, in Frieden und stabil, mich nichts so leicht aus der Bahn werfen kann. Und wenn doch, dann find ich das Gleichgewicht schnell wieder. Die Verhaltensweisen (und Personen, die sie ausführen), die dazu führen, dass ich mich so fühle, können aber ganz schön verschieden sein. Was ich gerade beschrieben hab, ist also eine Strategie. Genau gesagt heißt die: mir ’ne Frau suchen, die immer so ist, dass ich ohne eigenes Zutun stabil und bestätigt bleibe. Oder auch nur mit Leuten verkehren, die mich nicht herausfordern, sondern entweder zustimmen oder schweigen (ohne dass ich es merke). Wenn mir diese Strategien nicht gefallen, muss das ja noch lange nicht heißen, dass es kein Bedürfnis nach emotionaler Sicherheit gibt… oder dass mir das nicht gefallen würde… so als Lebensqualität.
Was kann man also sonst tun? Ich bekam kürzlich über den ngfk-Yahoo-Verteiler eine Mail, in der Gabriele aus Gerlinde Fritschs Buch „Praktische Hilfe zur Selbst-Empathie“ zitierte. Dieses Zitat geb ich euch jetzt mit freundlichen Dank an Gabriele weiter.
Bedürfnisse erfüllen:
Emotionale Sicherheit
Aus: Praktische Selbst-Empathie von Gerlinde Fritsch (gekürzt)

° In guter Verbindung stehen zu meinen Gefühlen und Bedürfnissen- in jedem Moment
° Loyalität gegenüber Abwesenden zeigen
° Auf meine innere Stimme (Intuition), das „komische“ leise Gefühl achten und ernst nehmen
° mich mitteilen, wenn ich traurig oder besorgt bin
° mich nicht darauf verlassen(= Sicherheit deligieren), dass andere mich gut behandeln, sondern mich selber gut behandeln, indem ich auf meine Bedürfnisse achte
° weil andere keine Gedanken lesen können: meine Bedürfnisse und Bitten mitteilen
° anderen konkret mitteilen, was sie tun können zur Erfüllung meiner Sicherheit
° selber eine Atmosphäre emotionaler Sicherheit kreieren: mitfühlend reagieren
° langsam, Schritt für Schritt auf andere zugehen
° die Anfangsphase einer neuen Beziehung langsam gestalten
° Abwägen, welche Bedürfnisse durch den Kontakt gestillt werden
° die Konsequenzen meines Handelns abwägen, statt spontan zu reagieren
° mich an meine Werte halten, unabhängig davon, was andere von mir wollen
° auf ein Gleichgewicht von Geben und Nehmen achten
° nur soviel geben, wie für mich stimmig ist
° soviel nehmen, wie für mich stimmig ist
° andere nur mit Erlaubnis berühren und mich nur mit meiner Einverständnis berühren lassen
° NEIN sagen zu Nahrung, Geschenken, Berührungen, Sex, wenn mir nicht danach ist
° auf meine Körpersignale achten: Was sagt mein Körper, wenn ich mit jemandem  zusammen bin? Bin ich entspannt und ruhig? Oder zieht sich etwas in mir zusammen?
° mich mit Menschen umgeben, die mir wohl tun und von denen ich mich nicht bedroht fühle
° anderen Menschen jegliche Macht entziehen, mich demütigen, anklagen oder herabsetzen zu können, indem ich alles was sie sagen, höre als:„ Ich empfinde Schmerz, eines meiner wichtigen Bedürfnisse ist nicht erfüllt. Was brauche ich?“

Die Liste ist sicher erweiterbar… aber ich hab schon mit dem genannten genug zu kämpfen 😉 Schreibt ruhig dazu, wenn euch was einfällt.